"Leitkultur Leviathan"?
Was den Bundesinnenminister genau bei seiner fast schon hysterischen Terrorangst umtreibt, bleibt – allen Deutungsversuchen zum Trotz – mehr oder weniger im Dunkeln. Da war die Erklärung von Christian Thomas in der Frankfurter Rundschau vom 1.9. schon ziemlich interessant. Thomas verortete Schäubles Präventionswahn im christlichen Menschenbild des Ministers.
Für das christliche Menschenbild ist der Sündenfall nicht allein die Tat einer hinter uns gebrachten Vergangenheit, sondern der Fluch eines weiterhin existierenden Ungehorsams, der in einen beharrlichen Eigensinn investiert. Das Urbild des christlichen Menschenbildes gründet nicht im Ursprung der Nächstenliebe, sondern in der Urangst des Sündenfalls.
Hieraus folgert für Thomas:
Schäubles christliches Menschenbild mag an die Herrlichkeit der geretteten Seele glauben - die eines Tages jedoch nicht hienieden aus einer Gesellschaft der Fehlbaren und Verdammten heraustreten und aufsteigen wird.
Schäubles Konservatismus, mit dem er als Innenminister die Debatte über die innere Sicherheit beherrscht, basiert auf einem rigoros christlichen Pessimismus.
Man war – wie gesagt – fast schon froh, diese zusätzliche Deutung als Angebot zur Verfügung zu haben. Dann sickerte aber die Meldung durch, Schäubles Ministerium wolle das Waffenrecht wieder liberalisieren, in dem er u. a. den Waffenbesitz von 21 auf 18 Jahre reduzieren möchte. Die zuerst genannte Begründung ist bemerkenswert: "Eine Überprüfung der Verschärfung habe ergeben, dass die Neuregelung keinen Sicherheitsgewinn gebracht habe." Wie wollte man auch diesen Sicherheitsgewinn quantifizieren? Wie kann man nachweisen, dass ohne diese Massnahme eventuell mehr Schusswaffendelikte stattgefunden hätten?
Bleibt das Argument der Angleichung an eine EU-Richtlinie. Eine billige Ausrede, wenn man berücksichtigt, welche EU-Richtlinien von Deutschland ausgesessen werden. Bemerkenswert auch, dass ausgerechnet Schäuble, der Ober-Karteianleger der Nation, von einem zentralen Waffenregister nichts wissen will.
Schon greift aber Thomas' These von der Leitkultur Leviathan nicht mehr: Angesichts der Sicherheitsinteressen des Staates muss das Freiheitsinteresse des Bürgers nicht nur zurückstehen. Es muss abgetreten werden. Denn der Preis der Selbstbehauptung des Staates ist die Freiheit des Individuums.
Es hätte gut gepasst. Aber der Mann bleibt unberechenbar.
Nachtrag: Schäuble stoppt den Liberalisierungsentwurf. "Sicherheit geht vor", sagt er. Also doch Leviathan.
Für das christliche Menschenbild ist der Sündenfall nicht allein die Tat einer hinter uns gebrachten Vergangenheit, sondern der Fluch eines weiterhin existierenden Ungehorsams, der in einen beharrlichen Eigensinn investiert. Das Urbild des christlichen Menschenbildes gründet nicht im Ursprung der Nächstenliebe, sondern in der Urangst des Sündenfalls.
Hieraus folgert für Thomas:
Schäubles christliches Menschenbild mag an die Herrlichkeit der geretteten Seele glauben - die eines Tages jedoch nicht hienieden aus einer Gesellschaft der Fehlbaren und Verdammten heraustreten und aufsteigen wird.
Schäubles Konservatismus, mit dem er als Innenminister die Debatte über die innere Sicherheit beherrscht, basiert auf einem rigoros christlichen Pessimismus.
Man war – wie gesagt – fast schon froh, diese zusätzliche Deutung als Angebot zur Verfügung zu haben. Dann sickerte aber die Meldung durch, Schäubles Ministerium wolle das Waffenrecht wieder liberalisieren, in dem er u. a. den Waffenbesitz von 21 auf 18 Jahre reduzieren möchte. Die zuerst genannte Begründung ist bemerkenswert: "Eine Überprüfung der Verschärfung habe ergeben, dass die Neuregelung keinen Sicherheitsgewinn gebracht habe." Wie wollte man auch diesen Sicherheitsgewinn quantifizieren? Wie kann man nachweisen, dass ohne diese Massnahme eventuell mehr Schusswaffendelikte stattgefunden hätten?
Bleibt das Argument der Angleichung an eine EU-Richtlinie. Eine billige Ausrede, wenn man berücksichtigt, welche EU-Richtlinien von Deutschland ausgesessen werden. Bemerkenswert auch, dass ausgerechnet Schäuble, der Ober-Karteianleger der Nation, von einem zentralen Waffenregister nichts wissen will.
Schon greift aber Thomas' These von der Leitkultur Leviathan nicht mehr: Angesichts der Sicherheitsinteressen des Staates muss das Freiheitsinteresse des Bürgers nicht nur zurückstehen. Es muss abgetreten werden. Denn der Preis der Selbstbehauptung des Staates ist die Freiheit des Individuums.
Es hätte gut gepasst. Aber der Mann bleibt unberechenbar.
Nachtrag: Schäuble stoppt den Liberalisierungsentwurf. "Sicherheit geht vor", sagt er. Also doch Leviathan.
Gregor Keuschnig - 2007-09-03 10:24