Robert Spaemann / Rolf Schönberger: Der letzte Gottesbeweis
In Zeiten fast blinden Wissenschaftsglaubens scheint der neue Versuch, einen Beweis für die Existenz Gottes zu führen, fast schon rührend. Dies in einer Welt, in der Neurowissenschaftler mit ihren Erkenntnissen gleich mehrere lästige Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen. Der grösste Brummer ist dabei die Leugnung des freien Willens. Den entdecken sie nämlich (genau wie die "Seele") auf ihren Kinderbildchen nicht mehr und glauben damit, etwas Neues oder Anderes zu erkennen. Die nur im Schafspelz getarnten Wölfe überbieten sich derzeit mit den abstrusen "Sensationen", die in Wirklichkeit nur effekthascherische Belanglosigkeiten sind, die ihre philosophische Impotenz nur verschleiern. Da ist von einer "Matrix-Existenz" die Rede oder es werden Luftbuchungen wie "phänomenale Selbstmodelle" in die Welt gesetzt – grosses Getöse in einem hohlen Körper. Der Dekonstruktionsfuror hat, ist er erst einmal aus seinem Bedeutung simulierenden Jargon herausgelöst, den Charme eines verwelkten Blumenstrausses. Noch eine Stufe hinter die Aufklärung zurück geht allerdings Robert Spaemann mit seinem Büchlein "Der letzte Gottesbeweis". Bereits im zweiten Satz des Vorwortes zieht er einerseits den hochtrabenden Anspruch, einen neuen Gottesbeweis liefern zu wollen, zurück und spricht lieber von einem Argument, das die Vernünftigkeit des Gottglaubens zeigen soll – andererseits sieht er sich jedoch durchaus in der Tradition von Pascal und Kant, was wohl als grandiose Selbstüberschätzung gesehen werden muss. Spaemanns (und später auch Schönbergers) Furor, Nietzsches Ausspruch "Gott ist tot" als Gottesleugnung zu interpretieren und den diagnostischen Charakter dieses Diktums entweder zu leugnen oder schlichtweg zu übersehen, ist fast peinlich.
Die vom Verlag gepriesene "kleine Sensation" ist ein alter Hut
Den jetzt als Buch vorgelegten Gottesbeweis hatte Spaemann bereits seit 2005 in diversen Vorträgen und Publikationen entwickelt (wesentliche Textstellen des Buches finden sich ein einem Artikel in der Welt und in dem Artikel "Rationalität und Gottesglaube"). Der eigentliche "Beweis" folgt auf Seite 31 und umfasst etwa eine Seite. Danach wechselt der Autor dann (auf dem Cover ist das nicht zu sehen; erst im Klappentext) und Rolf Schönberger referiert über die Gottesbeweise von Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin und tastet sich über Kant und Nietzsche auf den letzten rund 10 Seiten des Buches an eine Interpretation von Spaemanns Beweis.
Spaemanns "vernünftiges Argument" lautet:
Ich möchte das, was ich meine, dass nämlich Wahrheit Gott voraussetzt, an einem letzten Beispiel verdeutlichen, an einem Gottesbeweis, der sozusagen nietzsche-resistent ist, einem Gottesbeweis aus der Grammatik, genauer aus dem sogenannten Futurum exactum. Das Futurum exactum, das zweite Futur ist für uns denknotwendig mit dem Präsens verbunden. Von etwas sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. In diesem Sinne ist jede Wahrheit ewig. Dass am Abend des 12. Oktober 2006 zahlreiche Menschen in der Katholischen Akademie in München zu einem Vortrag über »Rationalität und Gottesglaube« versammelt waren, war nicht nur an jenem Abend wahr, das ist immer wahr. Wenn wir heute hier sind, werden wir morgen hier gewesen sein. Das Gegenwärtige bleibt als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen immer wirklich. Aber von welcher Art ist diese Wirklichkeit? Man könnte sagen: in den Spuren, die sie durch ihre kausale Einwirkung hinterlässt. Aber diese Spuren werden schwächer und schwächer. Und Spuren sind sie nur, solange das, was sie hinterlassen hat, als es selbst erinnert wird.
Solange Vergangenes erinnert wird, ist es nicht schwer, die Frage nach seiner Seinsart zu beantworten. Es hat seine Wirklichkeit eben im Erinnert werden. Aber die Erinnerung hört irgendwann auf. Und irgendwann wird es keine Menschen mehr auf der Erde geben. Schließlich wird die Erde selbst verschwinden. Da zur Vergangenheit immer eine Gegenwart gehört, deren Vergangenheit sie ist, müssten wir also sagen: Mit der bewussten Gegenwart — und Gegenwart ist immer nur als bewusste Gegenwart zu verstehen — verschwindet auch die Vergangenheit, und das Futurum exactum verliert seinen Sinn. Aber genau dies können wir nicht denken. Der Satz »In ferner Zukunft wird es nicht mehr wahr sein, dass wir heute Abend hier zusammen waren« ist Unsinn. Er lässt sich nicht denken. Wenn wir einmal nicht mehr hier gewesen sein werden, dann sind wir tatsachlich auch jetzt nicht wirklich hier, wie es der Buddhismus denn auch konsequenterweise behauptet. Wenn gegenwärtige Wirklichkeit einmal nicht mehr gewesen sein wird, dann ist sie gar nicht wirklich. Wer das Futurum exactum beseitigt, beseitigt das Präsens.
Aber noch einmal: Von welcher Art ist diese Wirklichkeit des Vergangenen, das ewige Wahrsein jeder Wahrheit? Die einzige Antwort kann lauten: Wir müssen ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschieht, aufgehoben ist, ein absolutes Bewusstsein. Kein Wort wird einmal ungesprochen sein, kein Schmerz unerlitten, keine Freude unerlebt. Geschehenes kann verziehen, es kann nicht ungeschehen gemacht werden. Wenn es Wirklichkeit gibt, dann ist das Futurum exactum unausweichlich und mit ihm das Postulat des wirklichen Gottes. »Ich fürchte«, so schrieb Nietzsche, »wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.« Aber wir können nicht umhin, an die Grammatik zu glauben. Auch Nietzsche konnte nur schreiben, was er schrieb, weil er das, was er sagen wollte, der Grammatik anvertraute.
Unbefriedigende Beweisführung
Die entscheidende Frage lautet: Warum "müssen" wir ein Bewusstsein denken, in dem alles aufgehoben ist? Wie ist das gemeint? Eine Art kollektives Erinnerungsdepot mit Gott als Oberbibliothekar? Oder ein kafkaesker Gesetzeshüter, der für das "jüngste Gericht" Beweismittel sammelt? Man ist gespannt auf Schönbergers Ausführungen. Aber in medias res kommt er erst 90 Seiten später (vier Seiten vor Ende des Buches):
Im Bewusstsein … ist die Vergangenheit nicht durch ihre Folgen, sondern durch das Erinnertwerden gegenwärtig. Auch hierdurch lässt sich keine Ewigkeit denken. Denn das Bewusstsein ist das von Menschen; es wird aber auch die Spezies Homo sapiens, aus welchen Gründen auch immer, untergehen. Dann gibt es keine menschliche Erinnerung mehr. Die Vergangenheit ist dann wie nicht gewesen. Aber genau das kann nicht sein, denn es widerspräche dem Ausgangssatz [Alle Tatsachenwahrheiten sind ewige Wahrheiten]…
Keine Tatsache wird jemals wieder falsch. Dies heißt aber, dass weder die Natur noch der menschliche Geist der Ort dieser Wahrheit sein können. Es kann also nur ein unendliches Bewusstsein sein. Ein solches absolutes Bewusstsein können wir nur Gott zuschreiben.
Wenn es also keine Menschen mehr auf der Erde geben wird, dann bliebe doch die Tatsache aus Spaemanns Beispiel, dass am Abend des 12. Oktober 2006 zahlreiche Menschen in der Katholischen Akademie in München zu einem Vortrag über »Rationalität und Gottesglaube« versammelt waren wahr. Nur: Wem ist dies dann noch gegenwärtig? Die Antwort wäre (gemäss Schönberger): Gott.
Aber was ist diese Tatsache dann "wert", wenn kein anderes Lebewesen mehr Rekurs hierauf nehmen kann? Schon in einhundert Jahren dürfte diese "Wahrheit" (1.) irrelevant und (2.) vergessen sein (im Gegensatz zu anderen "Wahrheiten", wie beispielsweise historischen Ereignissen). Sie existiert nur solange, so lange sie erinnert wird. Danach bleibt diese Tatsache zwar weiterhin wahr, ist aber nicht mehr präsent. Gott wäre also nur eine Art Präsenzverwalter für ewige Wahrheiten – so banal sie auch sein mögen. Aber was finge ein Gott mit solchen Tatsachen an? Was finge er mit allen Wahrheiten der Welt an, wenn sie nur ihm bekannt wären? Und: Wem nütze eine Bibliothek aller Wahrheiten, wenn er nur alleine auf der Welt wäre?
Das keine Tatsache jemals wieder falsch wird, ist zwar richtig (insofern sind Naturgesetze eben nur solange wahr, so lange sie nicht widerlegt sind). Dies setzt aber keinen Statthalter voraus, der diese in einem imaginären Bewusstseinsraum archiviert. Dieser Statthalter ist aber nicht automatisch dadurch schon inauguriert, dass es so etwas wie Wahrheiten gibt.
Zwar fragt Schönberger, ob denn für die Wahrheit einen Ort denken muss, an dem sie gedacht und gewusst wird, aber eine nachvollziehbare und befriedigende Beweisführung bleibt er schuldig. Genauso wie die Frage, wie man sich dieses absolute Bewusstsein nun zu denken hat. Flugs ist das Büchlein schon zu Ende, nicht ohne noch einmal herausgestellt zu haben, dass es sich nicht um einen Beweis im strengen Sinne handele.
"Bedingungslose Unterwerfung"
Obwohl Spaemann schreibt, dass die Abschaffung der Aufklärung zum Nihilismus führe, betreibt er selber ein voraufklärerisches Spiel. Sein Gott ist gut, gerecht, wahrhaftig und – vor allem – allmächtig! Spaemann kritisiert Teile der heutigen Priesterschaft, die Gott auf das "Gute" reduzieren wollen und seine Allmacht "vergessen". Das Theodizee-Problem, welches er mit keinem Wort erwähnt, wird durch dieses Postulat nicht eben kleiner. Da verwundert es allerdings nicht, wenn bedingungslose Unterwerfung Gott gegenüber für Spaemann ein absolutes Gebot ist. Für den heutigen Leser mutet dies arg archaisch an.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Spaemann im (durchaus berechtigten) Furor gegen die immer weiter fortschreitende, Verwissenschaftlichung der Welt, die nun ihrerseits religiöse Züge annimmt und immer mehr der Theologie und vor allem der Philosophie droht, den Rang abzulaufen, einen Kontrapunkt setzen wollte. Die Faszination, etwas empirisch beweisen zu können, was eigentlich jeder Empirie entzogen scheint und letztlich "nur" geglaubt werden kann, erscheint offensichtlich zu verlockend. Aber sein Beweis, den er selber schnell als Argument abwertet, hilft nur dort, wo es keiner Hilfe bedarf.
Ergänzende Links:
- Robert Spaemann im Gespräch mit Peter Voß: "Bühler Begegnungen – Wozu muss man Gott beweisen, Herr Spaemann". Videostream der Sendung hier ("Video im Player" empfohlen).
- Interview in der "Wirtschaftswoche" – Spaemann u. a. zu Kreationismus und Intelligent Design. Interessant auch seine Verschlüsselungsthese zu Johann Sebastian Bachs Violinsonate in g-moll, die, gemäss eines bestimmten Verschlüsselungsverfahrens einen Rosenkreuzertext hervorbringen soll. Spaemann hält es für unmöglich, dass dies ein "Zufall" sein kann und attestiert Bach göttliche Schöpferkraft. Von hier aus rekurriert er dann auf die Evolutionsthese. Diese Verschlüsselungsthese wird auch im behandelten Buch ausgebreitet, allerdings interessanterweise ohne Nennung der Musikwissenschaftlerin Helga Thoene.
Gregor Keuschnig - 2007-08-19 22:02
Der letzte Titel
Der Titel mit der Adjektivierung "letzte" reicht aus, um das gesamte Buch zu desavouieren.
Etwas so zu titulieren zeigt von der Art von Journalismus oder Geschreibse, der es nicht auf den Inhalt ankommt.
Es wäre aber zu hoffen, dass es "das letzte Buch" des Autors ist, genauso wie ich ihm wirtschaftlichen Misserfolg damit wünsche.
Ich könnte langatmig begründen, warum mich der Titel so aufregt, doch glaube ich, dass ich von den wesentlichen Lesern auch so verstanden werde.
Ja, der Titel...
Er ist 80 Jahre alt - vielleicht meint er deshalb, es sei "der letzte" - also sein letzter, sozusagen. Beziehungsweise: der letzte, den er noch gedenkt zu denken.
@steppenhund