Der Schäuble-Terrorismus

Wöchentlich legt Bundesinnenminister Schäuble im "Kampf gegen den Terrorismus" mit immer neuen Vorschlägen nach. Jetzt soll es Internet- und Handyverbote geben, der Tatbestand des "Verschwörers" neu aufgenommen werden und der Todesschuss für den des Terrorismus verdächtigten wird von ihm befürwortet. Steter Tropfen scheint da den Stein zu höhlen; vergangene Woche überlegte die CDU, in ihrem neuen Grundsatzprogramm Bundeswehreinsätze verstärkt auch im Inneren zuzulassen (also nicht nur bei Naturkatastrophen, wie dies jetzt schon möglich ist); ein jahrelanger Wunsch Schäubles.

Einerseits wird die Bundesregierung nicht müde zu betonen, dass es keine besondere Bedrohungslage gibt – andererseits wird mit dieser hysterischen Regelungswut gerade das erzeugt, was Schäuble eigentlich bekämpfen will. Es ist ein wesentliches Merkmal der Terroristen genannten Mörder, eine Angst zu erzeugen, die den Lebensalltag wenn nicht bestimmt, so doch durchdringt. In dem man diese Angst jedoch ständig schürt, geschieht das, was eigentlich das Ziel des "Terrorismus" ist (Wikipedia-Zitate): Die Verbreitung von Angst und Schrecken, aber nicht durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, sondern durch die permanente Vergegenwärtigung, dass dieses Bedrohungspotential dauerhaft virulent ist. Der Schrecken des Terrors durch Schäuble liegt darin, zu suggerieren, dass nicht nur jederzeit und überall ein Anschlag drohen könnte - diese Erkenntnis ist richtig – und vollkommen banal. Der Schäuble-Terrorismus will, dass diese diffuse Gefahr als tägliche Bedrohung gesehen wird und ständig präsent ist.

Es geht dabei darum, Menschen gefügig zu machen und - die Wikipedia weiter zitierend - besonders zur Erreichung politischer sowie wirtschaftlicher Ziele. Das ist das, was man als Terrorismus bezeichnet.

Ein wesentlicher Bestandteil des Terrorismus ist, dass alleine die mögliche Bedrohung bereits derart angstbesetzt ist, dass ein tatsächlicher Anschlag eigentlich gar nicht notwendig ist. Terrorismus ist zunächst und primär "Kopfsache". Zwar sind die Ziele der potentiellen Selbstmordattentäter andere, aber auch Schäubles "Terrorkampf" führt letztlich zum gleichen Resultat: Eine diffuse, angedrohte Gewalt, deren Potential ständig frisch gehalten werden muss (daher die immer neuen Vorschläge), soll zu Massnahmen führen, die "nebenbei" auch auf anderen politischen Feldern Auswirkungen haben dürften. In Deutschland ist dies noch von der Gesetzgebung anlässlich des RAF-Terrors in Erinnerung; obwohl diese Gefährdungslage längst nicht mehr existiert, gibt es die hierfür geformten Gesetze immer noch. Schliesslich gibt es ja auch noch die Sektsteuer, die von Wilhelm II. zu Finanzierung der deutschen Kriegsflotte 1902 kreiert wurde.

Die Art und Weise der medialen Penetration einer Bedrohungslage hat natürlich etwas orwellhaftes. Das ständige "Aufrüsten" mit hanebüchenden Forderungen ist Programm. Irgendwann wird er auf das Unsinnigste "grosszügig" verzichten – und die Kernpunkte seiner Gesetzgebung dann durchgesetzt haben. Biometrische Daten in Ausweisen gelten bereits als Normalität (Otto Schily ist inzwischen bei einigen Firmen in dieser Sache engagiert).

Vielleicht ist der Schäuble-Terrorismus, der unter dem dünnen Deckmäntelchen des Schutzes für den Bürger daherkommt, mental genauso schlimm als der "reale" Terror von Selbstmordattentätern, die sich durch keine der Ideen Schäubles beeindrucken lassen dürften.
walhalladada - 2007-07-09 17:23

Dem ist kaum etwas Substantielles hinzuzufügen, außer vielleicht,
dass das 'vielleicht' im letzten Satz durch ein 'sicher' stimmig ersetzt werden kann!

Gregor Keuschnig - 2007-07-09 21:41

Ja, vielleicht.

Ich frage mich, wie wir in zehn Jahren auf diese Sache zurückblicken werden. Bis dahin hat sich sicherlich ein Anschlag in Deutschland ereignet; die Hysterie wird ziemlich gross gewesen sein. Ich fürchte, dass Schäubles Ideen weitgehend verwirklicht wurden - wenn nicht durch ihn, dann durch andere und vielleicht ein bisschen geschickter formuliert. Bereits jetzt signalisiert die SPD angeblich Bereitschaft, über Onlinedurchsuchungen zu reden und sie ggf. zu erlauben. Da dies ohne GG-Änderung nicht geht, dürften da irgendwann die Dämme brechen.
Köppnick - 2007-07-09 20:50

Gedankensplitter

Genau wie bei Bush und Bin Laden zu beobachten, werden sich Gegner im Verlauf der Zeit in gewissem Sinn immer ähnlicher. Bei Bush ist es in diesem Fall die Kreuzzugsrethorik und das immer stärkere Ignorieren demokratischer Grundregeln.

Bei Schäuble ist zu bemerken, wie der Versuch, gewaltsam von Staats wegen Sicherheit zu erzwingen, die Unsicherheit in der Bevölkerung vergrößert. Ihn als "Terroristen" zu bezeichnen, trifft es schon recht gut: Er arbeitet gewissermaßen als Dritte Kolonne der Terroristen, indem er den von ihnen bekämpften Rechtsstaat aus dem innersten Zirkel heraus aushöhlt.

Den Terrorismus wird man nicht mit Gewalt beseitigen können. Man kann es aber asymmetrisch versuchen, mit tatsächlicher Entwicklungshilfe für die terroristischen Regionen und mit Respekt für die dort lebenden Menschen. Wenn eine der Haupttriebkräfte für den Terrorismus der dort so empfundene kulturelle Imperialismus des Westens ist, muss man überlegen, ob da nicht was dran ist und ob man sein eigenes Verhalten vielleicht ändern muss.

Gregor Keuschnig - 2007-07-09 21:35

Schäuble als Dritte Kolonne der Terroristen - das ist eine wunderbare Formulierung.

Ich war lange im Zweifel, ob Schäubles Vorgehen vielleicht aus persönlichen Motiven erfolgt (das Attentat). Ich glaube, das spielt sicher eine Rolle, ist aber nicht entscheidend. Schäuble ist ein strategischer Denker - die "Vorschläge" folgen einem tieferen Sinn. Da muss man einer Figur wie Westerwelle dankbar sein, dass Schäuble nicht noch Bundespräsident geworden ist.
blackconti - 2007-07-10 21:47

Lieber Herr Keuschnig,

Mir kommt die tägliche Absonderung immer abstruserer Sichereits- und Überwachungsvorschläge des Reichsinnenministers so paranoid und geschmacklos vor, dass auch ich mir jetzt eine Geschmacklosigkeit erlaube.

Im Croc-Center von St Lucia hier in KwazuluNatal befindet sich an einer abschüssigen Stelle des Rundgangs dies höchst sicherheitsrelevante Warnschild:



Kann man es mir verübeln, dass ich mir bei der Betrachtung einen ganz speziellen Rollstuhlfahrer vorstelle und dem Krokodil einen guten Appetit wünsche?

Natürlich unterschreitet diese Boshaftigkeit das Niveau Ihres lesenswerten Beitrages in unzulässiger Weise, aber es gibt ja die Löschfunktion.

Gregor Keuschnig - 2007-07-11 07:47

Hier wird so schnell...

nichts gelöscht. Im Gegenteil: hübscher Schnappschuss.
eule70 (anonym) - 2007-07-11 00:40

"Erinnerung an die Zeit des RAF-Terrorismus": Ich denke sehr oft, dass der islamistische Terrorismus jetzt genau das erreicht hat, was die RAF wollte: "die Staatsmacht in ihrer Brutalität entlarven". Und von Schily bis Schäuble springen sie auf das hingehaltene Stöckchen.

Und Danke für den Hinweis auf Schilys Nebeneinkünfte. Das ist ja wirklich wie es im Buch steht! Die neue Auskunftspflicht ist wirklich ein Segen für uns Wahlbürger!

kranich05 - 2007-07-15 10:11

@ Gregor Keuschnig
"Ich fürchte, dass Schäubles Ideen weitgehend verwirklicht wurden -..."
Ja!
Bei aller Empörung über Schäubles "strategisch in die Zukunft" gerichteten Vorschläge, sollten wir nicht vergessen, daß unsere liebsten Verbündeten USA und Israel die Internierung Verdächtiger oder ihre gezielte Tötung ohne Gerichtsverfahren seit Jahr und Tag praktizieren.
Die Bundeskanzlerin dürfte ernsthaft der Meinung sein, daß Deutschland hier einen Rückstand (natürlich allmählich, "ohne Verwerfungen") überwinden muß.

@ blackconti
Realsatire ist doch die schönste.

Peter (anonym) - 2007-07-16 15:53

Als ich gestern das Schäuble-Interview in den Tagesthemen sah, erwartete ich jeden Moment Frank Elstner. Das tat körperlich weh, konnte nicht echt sein. War es aber. Ich bezweifel ernsthaft die gesunde geistigen Verfassung des Mannes.

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Trackbacks zu diesem Beitrag

sprechblasenblog - 2007-07-20 23:50

Wie explizit muss unser Recht sein? Schäubles “Denkanstoß” als Denkanstoß (Teil I)

Wer weiß schon, was Wolfgang Schäuble... [weiter]

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Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 21:08
Hatte mir gestern Abend...
Hatte mir gestern Abend die erste Lesung angesehen,...
en-passant (anonym) - 2008-07-04 18:16
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
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Metepsilonema - 2008-06-30 00:25
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Ja, das trifft es. Ich frage mich: Ist es nun eine...
Gregor Keuschnig - 2008-06-29 17:50

...anderswo

Sorry, aber ich teile
tinius' Feststellung. ich habe auch seit etwas mehr...
help - 2008-07-04 21:46
Das erinnert mich...
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begleitschreiben - 2008-07-04 21:08
Noch ein kurzer Nachklapp
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Der Artikel ist in einem...
Der Artikel ist in einem bestimmten Jargon geschrieben....
KwakuAnanse - 2008-07-03 08:55

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