Der fatale Fehlschluss

In jeder Diskussion um Verbesserungen des Bildungssystems in Deutschland fällt nach wenigen Sätzen fast unausweichlich die Behauptung: In keinem anderen Land (der OECD) bestimmen die Herkunft und die finanziellen Mittel die Bildungschancen derart stark wie in Deutschland. Kinder aus Arbeiteraushalten oder anderen "prekären" Milieus haben – so die These – systembedingt schlechtere Chancen auf höhere Schulabschlüsse wie beispielsweise das Abitur oder gar ein Studium. Der Schluss hieraus lautet, dass Haushalte mit grösseren pekuniären Mitteln per se eine bessere Bildung für ihre Kinder erreichen. Dies bedeutet auch, so die gängige Meinung, dass "ärmere" Kinder bedingt durch ihre "Armut" schlechtere Bildungschancen hätten.

Neben den gängigen OECD-Studien wird auch die PISA-Studie hier immer wieder zitiert. Befragt wird diese These und vor allem ihre Erhebungsmethode gar nicht mehr; sie ist derart kanonisiert, dass es offensichtlich ein Faktum zu sein scheint.

Dabei müssten diese Thesen eigentlich verwundern, denn in Deutschland existieren weder Schulgeld noch Zugangsbeschränkungen, die an finanzielle Zuwendungen gebunden wären (lässt man jetzt einmal die wenigen privaten Internatsschulen beiseite). Wie wird eigentlich genau diese Aussage belegt? Und: Stimmt es tatsächlich in dieser Einfachheit, dass die ökonomische Ausrüstung des Elternhauses den Grad der Bildung bestimmt?

Das entsprechende Kapitel in der PISA-Studie (Jahrgang 2003) konstatiert zunächst einmal, dass in der entsprechenden Milieu-Studie ausschliesslich die mathematische Kompetenz überprüft wurde. Diese gilt als repräsentativ für andere Kompetenzfelder, die ansonsten in der Studie gross untersucht werden und durchaus divergierende Ergebnisse befördern. Nehmen wir diese Repräsentationsfähigkeit der mathematischen Kompetenz als gegeben an (was m. E. eigentlich zu einseitig ausgerichtet ist), so stellt sich als zweites die Frage, nach welchen Kriterien der soziale "Stand" definiert wird.

Im Kapitel 9 ist dies erläutert: Es zählt nämlich mitnichten die finanzielle Ausstattung der Familien alleine als Kriterium (dies hätte man ja sehr schnell an Einkommensgrenzen bzw. relative Einkommen in Form eines Wertes festmachen können). Die Angelegenheit ist wesentlich komplizierter: Man bildet aus ökonomischen, sozialen und kulturellen Indikatoren einen Index. Dieser nennt sich Index of Economic, Social and Cultural Status - ESCS.

In der Wikipedia ist nachzulesen, dass dieser ESC-Status sich aus der sozioökonomischen Stellung der Familie, dem erreichten Ausbildungsniveau der Eltern und dem häuslichen Besitz errechnet.

Weiter heisst es dort:

Als Indikatoren für das kulturelle Kapital der Familien werden die nationale Herkunft und die Dauer im Aufenthaltsland erfasst, sowie die Sprache, die im Familienalltag gesprochen wird. Ein anderer Indikator für das kulturelle Kapital der Familie ist das so genannte Humankapital der Eltern, d.h. deren Schulbildung und Berufsausbildung. Als weiterer Indikator ist die kulturelle Praxis der Familie zu nennen. Die kulturelle Praxis beinhaltet Theater- oder Museumsbesuche, den Besitz von Kulturgütern, das kulturelle Leben innerhalb der Familie und auch den Besitz von z.B. Taschenrechnern, Lexika oder sonstiger Bücher. Kinder und Jugendliche verfügen über soziales Kapital, wenn sie in einem Netzwerk sozialer Beziehungen aufwachsen/-wuchsen, welches sie dabei unterstützt sozial anerkannte Ziele, Werte und Einstellungen zu übernehmen. Dieses soziale Kapital wird hauptsächlich in der Familie, der Verwandtschaft, der Nachbarschaft, in religiösen und ethnischen Gruppen, Vereinen, Parteien und Betrieben gebildet. Soziales Kapital spielt eine bedeutsame Rolle bei der Bildung von Humankapital. Als Indikatoren für das soziale Kapital der Familie werden Struktur und Größe der Familie (d.h. Personenzahl, Anzahl der Geschwister, u.a.), der Erwerbstätigkeitsstatus der Eltern und verschiedene Aspekte der Eltern-Kind-Beziehung (unter anderem der Erziehungsstil oder die Unterstützung und Hilfe bei Problemen, Schulaufgaben u.a.) erfasst.

Die Auflistung in der PISA-Studie zeigt nun, dass – stark vereinfacht dargestellt – die Höhe des ESC-Status-Index mit der Art der weiterführenden Schule korreliert. D. h. ein Kind mit hohem "ESCS-Quartil" ist eher auf einem Gymnasium zu finden – Hauptschüler rekrutieren sich in hohem Masse aus Familien mit niedrigerem Quartil. Aus dieser Korrelation lässt sich aber mitnichten eine allgemein gültige Kausalität ableiten.

Der Wert selber spiegelt in keinem Fall ausschliesslich die Einkommensverhältnisse wider.

Er soll eben auch Erziehungshaltung widerspiegeln, die durch die Eltern vermittelt und im Elternhaus gelebt wird. Kinder, die sehr früh mit Büchern und dem Wert des Wissens aus dem Lesen konfrontiert werden, bekommen natürlich andere Wertvorstellungen vermittelt, als diejenigen, die in ihrer Familie nur "Fun" und "Action" erleben. Kinder, die im Umfeld von frühester Zeit ausschliesslich mit "Super-RTL" und/oder, später, der "BILD"-Zeitung aufwachsen, werden später vermutlich grosse Probleme mit dem Verständnis komplexerer Zusammenhänge bekommen. Deren Eltern gewichten aber damit auch die Bedeutung von Bildung anders – sie halten die Hauptschule oft genug als ausreichend.

Wenn das Umfeld jedoch Bildung per se nicht als wichtige und notwendige Tugend begreift, sondern die Schule als lästiges Übel empfindet, welches die Freizeitaktivitäten unnötig behindert, so ist natürlich auch wenig Interesse beim Nachwuchs zu wecken. Wenn Eltern die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Schule gar nicht entsprechend thematisieren – dann muss man sich nicht über das Ergebnis wundern.

Der Irrtum der Interpretatoren liegt darin, zu suggerieren, dass das "kulturelle Kapital" a priori und ausschliesslich an finanzielle Mittel gebunden sei. Dies ist nicht der Fall – es gibt bspw. Bibliotheken, Gebrauchtbücherhandel, Download-Möglichkeiten über das Internet für interessante Zeitungsartikel, usw. Mitentscheidend für den Bildungsweg ist also der vermittelte Wert von Bildung und dessen Stellung innerhalb des familiären Kontextes. Dieser ist aber nicht alleine von den Einkommensverhältnissen abhängig. Wenn im Elternhaus die Prioritäten andere sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Kind auf eine höhere Schule schickt, auch relativ gering.

Und wenn das Fernsehen als "Erziehungsinstrument" verwendet wird (beispielsweise um Kinder entsprechend "zu versorgen"), so hat dies auch Auswirkungen auf den späteren Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen. Studien belegen, wer früh sehr viel und vor allem unstrukturiert fernsieht, hat statistisch betrachtet später eine geringere Bildung.

Der Schluss der PISA-Studie Für Deutschland ist ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und mathematischer Kompetenz festzustellen, der vor allem auch über die Beteiligung und Beteiligungschancen an den unterschiedlichen Schulformen vermittelt wird. klingt anders, als die platte, landläufig suggerierte Formel, dass der "Geldbeutel" über die Bildungschancen entscheidet.

Vielleicht liegt eine der Ursachen auch in der viel zu früh ansetzenden Selektion für die weiterführenden Schulen. Ist es wirklich notwendig, Kinder nach vier Schuljahren, also im Alter von ca. 10 Jahren, eine später schwierig zu revidierende Entscheidung vornehmen zu lassen?

Und: Ist das föderale System der Bundesrepublik, welche durch die sogenannte Föderalismusreform gerade noch einmal die Kompetenzen der Bundesländer stärkte, wirklich so günstig? Ist es erforderlich, dass bei Umzügen in andere Bundesländer die Schüler oft derart unterschiedliche Niveaus antreffen? Wem, ausser der Arroganz einiger Länderregierungschefs, hilft es wirklich sogenannte "Wettbewerbsvorteile" im landesspezifischen Bildungssystem im Vergleich zu anderen Ländern zu generieren?

Nun sind – das scheint belegt zu sein – auch die Unterschiede zwischen den Schulformen (Hauptschule – Realschule – Gymnasium) grösser als dies wünschenswert ist (über die Tatsache, dass es Unterschiede zwischen den Schulformen zu geben hat, dürfte allerdings Konsens bestehen; von den gleichmacherischen Experimenten in den 70er Jahren, die zur allgemeinen Nivellierung des Bildungssystems führten, ist man wohl weitestgehend abgerückt). Insbesondere der drastische Abfall der Hauptschule gibt zu denken. Das anschliessende Kapitel 9.2 über die Migrationsintegration erklärt jedoch einiges; in der Zusammenfassung heisst es dann Die Leistungsdifferenzen zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland sehr stark ausgeprägt.... Auch dies ist primär kein Problem, welches dem Schulsystem angelastet werden kann, sondern liegt in den unverantwortlichen Versäumnissen der politischen Eliten aller Parteien, die auf Kosten von Lehrern und Schülern ausgetragen wird.

Der weitergehende Schluss Für Deutschland kann an dieser Stelle eine eher ungünstige Kombination von Chancengerechtigkeit und Kompetenzniveau festgestellt werden... ist schlichtweg falsch: Die "Gerechtigkeit" ist gar nicht untersucht worden – es werden zwei Feststellungen in ein fragwürdiges Verhältnis zueinander gesetzt.

Es bleibt die Frage, ob bei dieser Lesart nicht Ursache mit Wirkung verwechselt wird. Die soziale Herkunft bestimmt auch immer ein Stück weit die Prioritäten für den Bildungs- und Berufsweg der Kinder und Jugendlichen. Dies alleine dem Schulsystem anzulasten, ist falsch – auch wenn durch Tabellen suggeriert wird, die Erhebungen wären international vergleichbar. Inzwischen gibt es erste Kritik.

Die Frage ist, warum die wenig differenzierten Verallgemeinerungen ständig in den Medien fortgeschrieben werden und eine Stimmung erzeugen, die auch die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung in sich bergen. Vielleicht hängt dies mit der in Deutschland gängigen Meinung zusammen, alleine finanzielle Zuwendungen könnten die gewünschten Impulse erzeugen. Die gesamte Sozialpolitik der letzten dreissig Jahre funktioniert nach diesem Prinzip. Die Untersuchungen zeigen inzwischen, dass pekuniäre Zuwendungen jedoch sehr häufig nicht den Effekt dort erzielen, wo er gewünscht wird. Haushalte, in denen Bücher bestenfalls in Form eines Lexikon präsent sind, dürften Erhöhungen von Transferleistungen (bspw. Kindergeld) nicht als Anreiz nehmen, Kinder zum Lesen zu animieren; man wird dann das Geld vielleicht eher für Videospiele oder MP3-Player verwenden.

Nicht umsonst plädiert der Soziologe Paul Nolte von einem Abwenden der rein pekuniären Versorgung der "Unterschichten": Wir sind zu lange einem Konzept gefolgt, das man als "fürsorgliche Vernachlässigung" bezeichnen könnte. Einer vergleichsweise hohen materiellen Fürsorge der Unterschicht steht eine Vernachlässigung in sozialer und kultureller Hinsicht gegenüber. Das Ziel muss es wieder sein, Kulturen der Armut und der Abhängigkeit, des Bildungsmangels und der Unselbstständigkeit nicht sich selbst zu überlassen, sondern sich einzumischen, sie herauszufordern und aufzubrechen. Es geht um Integration in die Mehrheitsgesellschaft, aber auch - für viele ein heikleres Thema - um die Vermittlung kultureller Standards und Leitbilder.

Die von Nolte propagierten Einmischungskonzepte des Staates sind eben nicht mehr rein finanzieller Natur, sondern greifen unter Umständen direkt in die Erziehung von Eltern hinein. Aus historischen Gründen diese Art von "Fürsorge" des Staates mindestens ambivalent zu betrachten. Der Spagat zwischen allzu starkem staatlichen Einfluss auf die Erziehung einerseits (nebst der Gefahr ideologischer Indoktrination) und dem bisherigen "Laissez-faire" andererseits ist schwierig und eine der Herausforderungen weitsichtiger Sozial- und Bildungspolitik.

In der Politik werden langsam die Stimmen stärker, die für zweckgebundene Verwendungen von Geldern, beispielsweise in Form einer Schaffung entsprechender Infrastruktur eintreten, wie Kindergärten kostenlos anzubieten, Ganztagsschulen zu errichten, Schulbücher wieder kostenlos zu verteilen, mehr Lehrer an Schulen einzustellen, usw. Bundesfinanzminister Steinbrück ist einer der Vorreiter dieses Gedankens; er erwägt sogar, Teile des Kindergeldes für die Finanzierung dieser Massnahmen heranzuziehen.

Die aktuellen Diskussionen um Krippenplätze und die angeblich demografischen Probleme der bundesdeutschen Gesellschaft lassen jedoch die Befürchtung aufkommen, dass mit breit gestreuten finanziellen Zuwendungen der uralte Fehler der Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte unverändert fortgesetzt wird. Es ist ja auch wesentlich populärer, den jeweiligen Privathaushalten mehr Geld zukommen zu lassen, als dieses Geld in entsprechende Infrastruktur zu investieren, die vom Bürger unter Umständen (zunächst einmal) gar nicht wahrgenommen wird. 300 Euro mehr in der Kasse ist "spürbarer" als die Einstellung neuer Lehrer – insbesondere wenn es darum geht, in nächster Zeit als Politiker wiedergewählt zu werden.

Wenn jedoch "Experten" in voreilig gezogenen Schlüssen, die eigentlich einer differenzierteren Betrachtung und Bewertung unterzogen werden sollten, in den Chor der Populisten noch einstimmen, so tragen sie durch diese Art des trivialen Diskurses wesentlich dazu bei, dass die Zustände, die sie anprangern, zementiert werden. Und jeder Journalist, der dies unreflektiert und verkürzt nachplappert, handelt unverantwortlich.

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Kommentare hier...

Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 21:08
Hatte mir gestern Abend...
Hatte mir gestern Abend die erste Lesung angesehen,...
en-passant (anonym) - 2008-07-04 18:16
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 17:49
Es gab vor sehr langer...
Es gab vor sehr langer Zeit einmal ein Fernsehspiel,...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 17:38
Was dran ist...
Das Wort "Reform" an sich ist neutral, hat aber mittlerweile...
Metepsilonema - 2008-07-02 11:47
Was ist dran an "Demokratieverdrossenheit" ?
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hat die...
Gregor Keuschnig - 2008-06-30 19:56
"Toll" ist der richtige...
Ich weiß nicht was man sich dabei gedacht hat,...
Metepsilonema - 2008-06-30 09:06
Ich meinte folgendes
Demokratie funktioniert meines Erachtens nicht, wenn...
Metepsilonema - 2008-06-30 00:25
Es wurde alles gesagt,
etwas Neues kann ich eigentlich gar nicht hinzufügen....
La Tortuga - 2008-06-29 21:47
"immer weitere Entzauberung"
Ja, das trifft es. Ich frage mich: Ist es nun eine...
Gregor Keuschnig - 2008-06-29 17:50

...anderswo

Sorry, aber ich teile
tinius' Feststellung. ich habe auch seit etwas mehr...
help - 2008-07-04 21:46
Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
begleitschreiben - 2008-07-04 21:08
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
begleitschreiben - 2008-07-04 17:49
Es gab vor sehr langer...
Es gab vor sehr langer Zeit einmal ein Fernsehspiel,...
begleitschreiben - 2008-07-04 17:38
Der Artikel ist in einem...
Der Artikel ist in einem bestimmten Jargon geschrieben....
KwakuAnanse - 2008-07-03 08:55

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