Kaum Überraschungen: Die Nominierungen zu den "Grimme Online Awards"

Wenn man die Nominierungen für die "Grimme Online Awards" (wieso eigentlich dieser Anglizismus?) liest, so kann man sich den Eindrucks nicht erwehren, dass da manchmal der Institutshintergrund (u. a. Deutscher Volkshochschulverband) durchschimmert. So zum Beispiel bei der Nominierung des Weblogs "Nach 100 Jahren", der Texte der Schriftstellerin Annette Droste-Hülshoff interaktiv aufbereitet oder dem Erklärbär "USA Erklärt", der über Feiertage, die Müllentsorgung oder das Sheriffwesen in den USA informiert (und zwar "freundlich"; gut so).

Viele Nominierungen enthalten entgegen dem progressiv daherkommenden Statement der Kommission (mehr dazu weiter unten) aber kaum Überraschungen. Man fischt in den üblichen Gewässern. Steffan Niggemeiers Blog in der Sparte "Information" zu nominieren, ist Mainstream (ohne zu hinterfragen, welcher Qualität diese "Informationen" sind). Ich muss allerdings gestehen, dass ich, obwohl die Tagesschau-Seite meine Startseite ist, den Tagesschau-Blog noch nie angeklickt hatte. Das hängt offensichtlich mit meiner Naivität zusammen, dass ich bisher glaubte, Korrespondenten und Redakteure lieferten ihre Arbeit in der Sendung und/oder auf der Webseite ab. Aber tatsächlich bloggen viele Korrespondenten neben der Fertigstellung ihrer diversen Beiträge und Kommentare auch noch. Die Einträge simulieren dabei beispielsweise Eindrücke in die Redaktionsarbeit und –diskussion, ohne wirklich vertiefende Informationen zu vermitteln.

Was auffällt: In vielen Sparten wurden unterschiedliche Online-Angebote der ZEIT nominiert. Gelegentlich scheint es so, als sei die Jury den teilweise ausgefeilten technischen Tools erlegen, die Seiten wie "polylog.tv" anbieten. Da scheinen dann die Inhalte sekundär.

Bezeichnend ist das Statement der Nominierungskommission. Wir bedauern heisst es dort, dass viele Online-Angebote auf Experimente verzichten und stattdessen lieber auf Nummer sicher gehen. Das ist exakt das, was ich bei der Kommission auch bedauere. Aber weiter: Es wäre leicht, neue Tools und Darstellungsformen zu integrieren – kostengünstige und problemlos zu realisierende Lösungen, etwa für interaktive Karten oder Foto-Audio-Reportagen, sind in erschöpfender Vielfalt vorhanden. Das mag ja sein, aber welchem Zweck soll dies dienen? Denn weiter liest man: Als wenig zielführend erscheint es dagegen, aufwendige Animationen für pompös gehaltene Intros zu Online-Specials einzusetzen. Viel sinnvoller als solcher 'Eye Candy' sind Animationen immer dort, wo komplexe Sachverhalte verständlich visualisiert werden müssten. Wo müsste das denn der Fall sein? Ist es ein spezielles Kriterium für Online-Medien komplexe Sachverhalte zu visualisieren?

Weiter heisst es: Auffallend ist andererseits, wie viele Online-Angebote selbst elementare Regeln der Usability missachten und dadurch einen sonst durchaus positiven Gesamteindruck trüben. Typische Beispiele sind Websites, die Inhalte nicht durch die Augen der Nutzer strukturieren, Highlights verstecken, unleserliche Schriftgrößen verwenden und Web-Standards missachten. Das belegt m. E. das oben gesagte. Die Inhalte sind sekundär – primär gilt für die Kommission Gebrauchstauglichkeit. Das wird auch durch den Satz Es wäre ein großer Fehler, die Nutzbarkeit eines Online-Angebots als Kür, nicht als Pflichtprogramm zu sehen. unterstrichen. Die rein "konservative" Textverarbeitung scheint nicht mehr ausreichend für eine Nominierung. Das widerspricht jedoch dem Statut zu den "Online Awards": Der Grimme Online Award versteht sich als Qualitätspreis für Online-Publizistik.

Es mag ja ein legitimes und dem Medium entsprechendes Kriterium sein, dass technisch durch die Augen der Nutzer strukturierte Seiten in die Auswahl einer Grimme-Preis-Kommission kommen. Aber ich finde, dass bei etlichen dieser Angebote die inhaltsmässige "Begutachtung" nicht in gleichem Masse vorgenommen wurde. Hinzu kommt, dass sehr viele Nominierungen öffentlich-rechtliche Angebote sind (oder Produkte anderer, kommerzieller Medien). Gab es nichts auf dem "freien Markt"?

Die "Online Awards" scheinen sich (leider) der schleichenden Trivialisierung der "normalen" Grimme-Preise anzupassen. Wenn 2007 ein Film wie "Deutschland – Ein Sommermärchen" einen Grimme-Preis bekommt (pikanterweise wurde der Film nachnominiert!), so muss man um die Reputation dieser Institution ein bisschen besorgt sein. Einerseits. Andererseits braucht man nur ein bisschen in den Statuten blättern, um festzustellen, dass es durchaus Friktionen gibt, was die Verflechtung des Instituts mit öffentlich-rechtlichen Medien angeht.

Das ist übrigens unabhängig davon, dass öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehsender in grossen Teilen den (sogenannten) privaten Stationen immer (noch?) qualitativ meilenweit überlegen sind. Aber die Trivialisierung und Banalisierung des gebührenbezahlten Fernsehens und insbesondere die Degradierung grosser Teile des öffentlich-rechtlichen Radios zu reinen Dudelfunksendern ist unaufhaltsam und deutlich spürbar.

Ach ja: Bis 18. Juni kann man mit dem Medienpartner TV Spielfilm (aha!) aus den nominierten Websites Ihren Favoriten Ihren Favoriten für den Publikumspreis auswählen. Na, dann...
NACHTRAG 19.06.07

Endgültig zur Farce mutiert das Prozedere, als gestern bereits die Preisträger veröffentlicht wurden, obwohl nach den vorher bekanntgegebenen Regularien beim Publikumspreis noch die Möglichkeit hätte bestehen müssen, abzustimmen. Das ist etwa so, als beende man einen Marathonlauf nach 35 km.

Schade, dass das so renommierte Grimme-Institut mehr und mehr verlottert.

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sprechblasenblog - 2007-06-03 23:32

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