In neokolonialem Stil
Während Botho Strauß den Konflikt zwischen der "geistlosen Gesellschaft" einerseits und einem selbstbewusst auftretenden islamischen Angebot in den westlichen Gesellschaften andererseits mit der Notwendigkeit einer neuen Multipolarität beantwortet, in der sich beide Gesellschaftsformen (nicht zuletzt spirituell) gegenseitig befruchten könnten ("Ein globales Toledo"), ist im aktuellen Essay der niederländischen Schriftstellerin Margriet de Moor (abgedruckt am 17.4.07 im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung") der unsägliche, kopftäschelnde Missionarston des westlichen (unreflektierten) Universalismus-Mainstream herauszuhören, der eine Reformation des Islam apodiktisch einfordert – ohne wesentliche Umstände überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen.
De Moors Essay mit dem (merkwürdigen) Titel "Alarmglocken, die am Herzen hängen" (PDF-Dokument zum Herunterladen hier-->: Alarmglocken (pdf, 30 KB)) will es zunächst einmal allen recht machen. Sie hebt die Vorzüge ihres kleinen Landes hervor, amüsiert sich über die unterhaltsamen Tumulte in ihrem Parlament, erkennt die opportunistische, an kommerziellen Interessen gebundene Toleranz der Holländer und beschäftigt sich ausführlich mit den "Fehlern" des Christentums. In einer putzig-naiven Sprache bekennt sie dann, dass Religion schön sei, schildert ihre Affinität zu den exotischen Phantasien speziell des Katholizismus und bewundert fast nebenbei eine Pietà einer Kirche, an der sie vorbeifährt.
Bald darauf wird es dann doch ein wenig rauher – auch wenn De Moor natürlich kein Islambashing betreibt, obwohl ihre Wortwahl gelegentlich decouvrierend ist. Da wird dann ein innerchristlicher Religionskrieg als Dschihad bezeichnet oder behauptet, im Islam (De Moor suggeriert ständig, dass der "Islam" etwas homogenes ist) gebe es einen obligatorischen Dschihad. Allah höchstpersönlich würde – so de Moor – die Unterdrückung der Frau durch den Mann empfehlen. Kein Wort von den unterschiedlichen Exegesen innerhalb des Islam. Ähnlich apodiktisch äussert sie sich zur Scharia-Strafgesetzgebung (sic!). Wie selbstverständlich geht sie davon aus, dass der Islam einer Reformation bedarf. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, in welche Richtung diese Reformation gehen soll. Aber woher die Rückbesinnung grosser Teile der muslimischen Bevölkerung in Westeuropa zum Islam denn kommt – diese Frage stellt sie nicht.
Am betörenden Wohlstand (die Neuankömmlinge starren sich stets blind) unserer kapitalistischen Ordnung, den Margriet de Moor (hier Enzensberger ähnlich) geradezu feiert, kann es wohl nicht liegen, denn ausgerechnet die Attentäter des 11. September (aber auch von Madrid und London) waren (wenigstens oberflächlich) in die Gesellschaft integriert. Und die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Islam und die politische Instrumentalisierung des Islam durch den orthodoxen Dschihadismus nimmt sie nicht zur Kenntnis.
Geradezu peinlich ist ihre Beschwörung von Ayyan Hirsin Ali, die sie so schrecklich vermisst, und die als weiblicher islamischer Luther, und dann auch noch pechschwarz apostrophiert wird. Diese Attributierung spricht de Moor ihr übrigens sofort wieder ab, da sie glaubt, herausgefunden zu haben, dass Ali ihrem Glauben abtrünnig geworden ist - und erklärt dann (nicht weniger unangenehm) die "schwarze Madonna" (Vanity Fair) zum schwarzen Voltaire. Soviel Unsinn war selten, aber wer in Anbetracht dieser merkwürdig skurillen und trivialen Vergleiche nicht mehr weiterliest, verpasst noch etwas.
De Moors Thesen, warum der Islam vom wohlhabenden Europa aus reformiert werden wird, sind mehr als dürftig: Zum einen glaubt sie, dass die Islamwissenschaft in Europa sehr viel "freier" agieren kann, als beispielsweise in orthodoxen Ländern. Dabei vergisst sie allerdings, dass die Massenbindung aus einem "Exil" heraus sehr viel schwerer zu erzielen ist. Zum anderen glaubt sie, dass die Lebensverhältnisse des Westens über kurz oder lang auf Muslime hier "abfärben" werden. Derzeit scheint jedoch eher das Gegenteil der Fall zu sein (s.o.).
Ihre gesamte Argumentationslinie ist nicht sehr von – sagen wir es freundlich – differenzierten Wahrnehmungen flankiert. Sie verallgemeinert in gröbstem und fast trivialem Stil. Etwa so, als würde ein Kritiker des Christentums die evangelikalen "Erweckungschristen" der USA als repräsentativ für das gesamte Christentum nehmen. Und oft genug vermisse ich etwas für einen Schriftsteller elementares: Empathie. Als säkulare Weltbürgerin sortiert sie Religion in den Bereich privaten Vergnügens und exotischer Phantasien. Auf den Gedanken, dass andere Menschen damit ganz andere Empfindungen verbinden und Bedürfnisse befriedigen, kommt sie überhaupt gar nicht.
Geradezu abenteuerlich mutet dann ihre These an, dass gerade die sexualisierte Werbung zur "Befreiung" der Frau beiträgt (sie benutzt diesen Ausdruck nicht, sondern spricht vom "wohlfühlen"). In den Auswüchsen unserer sexualisierten Gesellschaft und der Verhüllung muslimischer Frauen sieht de Moor die gleiche Obsession. In "hübschem" Umkehrschluss schreibt sie:
Wie übererregt [ist] eine Gesellschaft, in der von einem Mann erwartet wird dass er sich hemmungslos auf jede zufällig vorbeigehende Frau stürzt, es sei denn, ein mächtiges Signal, eine göttliche Kleidungsvorschrift, verbietet ihm das? Die eine Obsession, die unsere, mag zwar anders aussehen als die andere, aber sie können sich die Hand reichen.
Also gerade die Tatsache, dass muslimische Frauen beispielsweise mittels Kopftuch ihre Haare bedecken, ist Ausdruck einer Übererregung der islamischen Gesellschaft? Einen viel grösseren Unsinn habe ich in den letzten Monaten selten gelesen.
Margriet de Moors Text ist in gut gemeintem aber neokolonialem Impetus verfasst; ihre Versöhnungsgesten sind in dieser Hinsicht vergiftet: "Wir" wissen, was gut für "für Euch" ist. Dumm nur, dass die Werte, auf die sich de Moor beruft, für viele, die es angeht, nicht ihre primären Werte widerspiegeln. Statt Fragen zu stellen, weiss sie immer schon Antworten. Und merkwürdigerweise muss sich immer der andere ändern; man selber nie. Aber so wird das nichts. Man kann nicht dauernd mit dem Finger auf jemanden zeigen, und dabei ignorieren, dass drei Finger auf einen selbst zeigen.
De Moors Essay mit dem (merkwürdigen) Titel "Alarmglocken, die am Herzen hängen" (PDF-Dokument zum Herunterladen hier-->: Alarmglocken (pdf, 30 KB)) will es zunächst einmal allen recht machen. Sie hebt die Vorzüge ihres kleinen Landes hervor, amüsiert sich über die unterhaltsamen Tumulte in ihrem Parlament, erkennt die opportunistische, an kommerziellen Interessen gebundene Toleranz der Holländer und beschäftigt sich ausführlich mit den "Fehlern" des Christentums. In einer putzig-naiven Sprache bekennt sie dann, dass Religion schön sei, schildert ihre Affinität zu den exotischen Phantasien speziell des Katholizismus und bewundert fast nebenbei eine Pietà einer Kirche, an der sie vorbeifährt.
Bald darauf wird es dann doch ein wenig rauher – auch wenn De Moor natürlich kein Islambashing betreibt, obwohl ihre Wortwahl gelegentlich decouvrierend ist. Da wird dann ein innerchristlicher Religionskrieg als Dschihad bezeichnet oder behauptet, im Islam (De Moor suggeriert ständig, dass der "Islam" etwas homogenes ist) gebe es einen obligatorischen Dschihad. Allah höchstpersönlich würde – so de Moor – die Unterdrückung der Frau durch den Mann empfehlen. Kein Wort von den unterschiedlichen Exegesen innerhalb des Islam. Ähnlich apodiktisch äussert sie sich zur Scharia-Strafgesetzgebung (sic!). Wie selbstverständlich geht sie davon aus, dass der Islam einer Reformation bedarf. Sie lässt auch keinen Zweifel daran, in welche Richtung diese Reformation gehen soll. Aber woher die Rückbesinnung grosser Teile der muslimischen Bevölkerung in Westeuropa zum Islam denn kommt – diese Frage stellt sie nicht. Am betörenden Wohlstand (die Neuankömmlinge starren sich stets blind) unserer kapitalistischen Ordnung, den Margriet de Moor (hier Enzensberger ähnlich) geradezu feiert, kann es wohl nicht liegen, denn ausgerechnet die Attentäter des 11. September (aber auch von Madrid und London) waren (wenigstens oberflächlich) in die Gesellschaft integriert. Und die unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Islam und die politische Instrumentalisierung des Islam durch den orthodoxen Dschihadismus nimmt sie nicht zur Kenntnis.
Geradezu peinlich ist ihre Beschwörung von Ayyan Hirsin Ali, die sie so schrecklich vermisst, und die als weiblicher islamischer Luther, und dann auch noch pechschwarz apostrophiert wird. Diese Attributierung spricht de Moor ihr übrigens sofort wieder ab, da sie glaubt, herausgefunden zu haben, dass Ali ihrem Glauben abtrünnig geworden ist - und erklärt dann (nicht weniger unangenehm) die "schwarze Madonna" (Vanity Fair) zum schwarzen Voltaire. Soviel Unsinn war selten, aber wer in Anbetracht dieser merkwürdig skurillen und trivialen Vergleiche nicht mehr weiterliest, verpasst noch etwas.
De Moors Thesen, warum der Islam vom wohlhabenden Europa aus reformiert werden wird, sind mehr als dürftig: Zum einen glaubt sie, dass die Islamwissenschaft in Europa sehr viel "freier" agieren kann, als beispielsweise in orthodoxen Ländern. Dabei vergisst sie allerdings, dass die Massenbindung aus einem "Exil" heraus sehr viel schwerer zu erzielen ist. Zum anderen glaubt sie, dass die Lebensverhältnisse des Westens über kurz oder lang auf Muslime hier "abfärben" werden. Derzeit scheint jedoch eher das Gegenteil der Fall zu sein (s.o.).
Ihre gesamte Argumentationslinie ist nicht sehr von – sagen wir es freundlich – differenzierten Wahrnehmungen flankiert. Sie verallgemeinert in gröbstem und fast trivialem Stil. Etwa so, als würde ein Kritiker des Christentums die evangelikalen "Erweckungschristen" der USA als repräsentativ für das gesamte Christentum nehmen. Und oft genug vermisse ich etwas für einen Schriftsteller elementares: Empathie. Als säkulare Weltbürgerin sortiert sie Religion in den Bereich privaten Vergnügens und exotischer Phantasien. Auf den Gedanken, dass andere Menschen damit ganz andere Empfindungen verbinden und Bedürfnisse befriedigen, kommt sie überhaupt gar nicht.
Geradezu abenteuerlich mutet dann ihre These an, dass gerade die sexualisierte Werbung zur "Befreiung" der Frau beiträgt (sie benutzt diesen Ausdruck nicht, sondern spricht vom "wohlfühlen"). In den Auswüchsen unserer sexualisierten Gesellschaft und der Verhüllung muslimischer Frauen sieht de Moor die gleiche Obsession. In "hübschem" Umkehrschluss schreibt sie:
Wie übererregt [ist] eine Gesellschaft, in der von einem Mann erwartet wird dass er sich hemmungslos auf jede zufällig vorbeigehende Frau stürzt, es sei denn, ein mächtiges Signal, eine göttliche Kleidungsvorschrift, verbietet ihm das? Die eine Obsession, die unsere, mag zwar anders aussehen als die andere, aber sie können sich die Hand reichen.
Also gerade die Tatsache, dass muslimische Frauen beispielsweise mittels Kopftuch ihre Haare bedecken, ist Ausdruck einer Übererregung der islamischen Gesellschaft? Einen viel grösseren Unsinn habe ich in den letzten Monaten selten gelesen.
Margriet de Moors Text ist in gut gemeintem aber neokolonialem Impetus verfasst; ihre Versöhnungsgesten sind in dieser Hinsicht vergiftet: "Wir" wissen, was gut für "für Euch" ist. Dumm nur, dass die Werte, auf die sich de Moor beruft, für viele, die es angeht, nicht ihre primären Werte widerspiegeln. Statt Fragen zu stellen, weiss sie immer schon Antworten. Und merkwürdigerweise muss sich immer der andere ändern; man selber nie. Aber so wird das nichts. Man kann nicht dauernd mit dem Finger auf jemanden zeigen, und dabei ignorieren, dass drei Finger auf einen selbst zeigen.
Gregor Keuschnig - 2007-04-24 08:40