Wider die Kirche als "Marke"
Christian Nürnbergers flammende Polemik im letzten "Süddeutsche Zeitung Magazin" "Korinther 9,99 Euro" ist auch (und gerade!) für Atheisten oder Agnostiker eine interessante und bewegende Lektüre. Denn hinter der Wut des Autors auf eine seelenlose Funktionärskirche verbirgt sich ja der innige (nicht zu denunzierende) Wunsch, es möge anders sein.
So wie die Kirche nach Nürnbergers Beobachtung voranschreitet, wird das aber nichts. Das Einzug gehaltene Denken von den Missionaren einer fremden Religion passt natürlich nicht zur christlichen Botschaft. So werden auch noch die letzten Getreuen mit dem ökonomisch-wichtigtuerischen Vokabular schicker Werbelümmel vertrieben. Man könnte, nein: man muss fragen, wie verzweifelt die Kirche sein muss, sich derart auszuverkaufen.
Nürnbergers Diagnose ist vernichtend:
Jesus lebt - das ist heute keine Gewissheit mehr, die das Dasein der Christen beflügelt. Der Satz dient nur als Geschäftsgrundlage einer Funktionärskirche, als gemeinsame Grundannahme, an die man besser nicht rührt, denn niemand könnte heute noch verbindlich sagen, was er eigentlich bedeutet.
Nürnberger geisselt in deutlicher Sprache die Mutation des Gottesdienstes zum Kundendienst und beschreibt einen deutlichen Gegensatz zu Ratzingers Diktum der altmodischen Frage nach der Wahrheit des Christentums. Es ginge, so die etwas verkniffen nach Originalität heischende Formulierung, nicht mehr um Erleuchtung, sondern allenfalls noch um die richtige Beleuchtung.
Insbesondere werden die exzessiven Kommerzialisierungsversuche der evangelischen Kirche aufgegriffen. Begriffe wie Marke evangelisch, die von führenden Repräsentanten wie EKD-Vorsitzender Huber nicht nur verwendet, sondern auch vertreten werden, sind natürlich Wasser auf Nürnbergers Mühlen. Aber auch Angebote zu Klosterurlauben werden als im Kern sinnentleertes und bloss effekthascherisches Treiben aufgespiesst.
Der Artikel erzeugte bei mir zweierlei: Zunächst grosse Zustimmung. Der Furor des Autors ist fast greifbar. Und dann? Die letzten Zeilen stimmen nachdenklich:
Der christliche Glaube war nie als individualistische Privatsache gedacht, sondern als öffentliche, stets auch politische Angelegenheit einer Gemeinschaft. Gott hatte sich sein Volk ursprünglich einmal erfunden, damit es die Not der Welt beseitige. Von einem Rückzug ins Private und einer Delegation dieser Aufgabe an den Staat war nie die Rede, auch nicht davon, dass die Kirche das Geld anderer Leute einsammle und damit die Not lindere.
Aber was will er wirklich? Eine Wiederbelebung bzw. Durchdringung religiöser Wertvorstellungen wie derzeit in den USA? Einen Rückzug hinter das Zweite Vatikanische Konzil? Wie soll diese Rückbesinnung auf die urchristliche Botschaft aussehen (polemisch gefragt: etwa wie jene fundamentalistische Lefebvre-Bewegung der 80er Jahre)?
Oder sucht Nürnberger eine (neue) soziale Integrationskraft der Gesellschaft über das Christentum bzw. dessen Wertvorstellungen zu konstituieren? Ähnlich dem, was u. a. Botho Strauß für den Islam konstatiert?
Bei aller Emphase wider die Kommerzialisierung der christlichen Botschaft – welche Alternativen bleiben in der heutigen "gottlosen" Zeit den Kirchen, sich Gehör zu verschaffen und dem drohenden Exitus (vor allem auch finanzieller Art) zu entziehen?
So wie die Kirche nach Nürnbergers Beobachtung voranschreitet, wird das aber nichts. Das Einzug gehaltene Denken von den Missionaren einer fremden Religion passt natürlich nicht zur christlichen Botschaft. So werden auch noch die letzten Getreuen mit dem ökonomisch-wichtigtuerischen Vokabular schicker Werbelümmel vertrieben. Man könnte, nein: man muss fragen, wie verzweifelt die Kirche sein muss, sich derart auszuverkaufen.
Nürnbergers Diagnose ist vernichtend:
Jesus lebt - das ist heute keine Gewissheit mehr, die das Dasein der Christen beflügelt. Der Satz dient nur als Geschäftsgrundlage einer Funktionärskirche, als gemeinsame Grundannahme, an die man besser nicht rührt, denn niemand könnte heute noch verbindlich sagen, was er eigentlich bedeutet.
Nürnberger geisselt in deutlicher Sprache die Mutation des Gottesdienstes zum Kundendienst und beschreibt einen deutlichen Gegensatz zu Ratzingers Diktum der altmodischen Frage nach der Wahrheit des Christentums. Es ginge, so die etwas verkniffen nach Originalität heischende Formulierung, nicht mehr um Erleuchtung, sondern allenfalls noch um die richtige Beleuchtung.
Insbesondere werden die exzessiven Kommerzialisierungsversuche der evangelischen Kirche aufgegriffen. Begriffe wie Marke evangelisch, die von führenden Repräsentanten wie EKD-Vorsitzender Huber nicht nur verwendet, sondern auch vertreten werden, sind natürlich Wasser auf Nürnbergers Mühlen. Aber auch Angebote zu Klosterurlauben werden als im Kern sinnentleertes und bloss effekthascherisches Treiben aufgespiesst.
Der Artikel erzeugte bei mir zweierlei: Zunächst grosse Zustimmung. Der Furor des Autors ist fast greifbar. Und dann? Die letzten Zeilen stimmen nachdenklich:
Der christliche Glaube war nie als individualistische Privatsache gedacht, sondern als öffentliche, stets auch politische Angelegenheit einer Gemeinschaft. Gott hatte sich sein Volk ursprünglich einmal erfunden, damit es die Not der Welt beseitige. Von einem Rückzug ins Private und einer Delegation dieser Aufgabe an den Staat war nie die Rede, auch nicht davon, dass die Kirche das Geld anderer Leute einsammle und damit die Not lindere.
Aber was will er wirklich? Eine Wiederbelebung bzw. Durchdringung religiöser Wertvorstellungen wie derzeit in den USA? Einen Rückzug hinter das Zweite Vatikanische Konzil? Wie soll diese Rückbesinnung auf die urchristliche Botschaft aussehen (polemisch gefragt: etwa wie jene fundamentalistische Lefebvre-Bewegung der 80er Jahre)?
Oder sucht Nürnberger eine (neue) soziale Integrationskraft der Gesellschaft über das Christentum bzw. dessen Wertvorstellungen zu konstituieren? Ähnlich dem, was u. a. Botho Strauß für den Islam konstatiert?
Bei aller Emphase wider die Kommerzialisierung der christlichen Botschaft – welche Alternativen bleiben in der heutigen "gottlosen" Zeit den Kirchen, sich Gehör zu verschaffen und dem drohenden Exitus (vor allem auch finanzieller Art) zu entziehen?
Gregor Keuschnig - 2007-04-04 10:29


Sehr schwierig
Mit dem Verweis auf die lediglich 1.8%, die die Kirche selbst zu Caritas und die Diakonie beisteuern, greift er allerdings daneben. Wenn die Kirche sich trotzdem "am Markt" behauptet, dann liegt es doch offensichtlich daran, dass andere "Anbieter" es nicht "preisgünstiger" (und ohne religiöses Unterfutter) hinbekommen. Vermutlich sind also entweder die Bezahlung oder die Arbeitsbedingungen schlechter als von "atheistischen Firmen" leistbar. Deshalb ist der Eigenanteil der Kirche (bzw. ihrer Anhänger) größer als die erwähnten 1.8%.
Der Gedanke,
Das Christentum hat seit der Reformation und unter dem Eindruck der Naturwissenschaften bei uns zwei Strömungen entwickelt: Die katholische Kirche hält die Bibel (insbesondere das NT der Geschichte von Jesus) für nicht interpretier- und hinterfragbar, d. h. das, was dort steht, ist wörtlich so zu nehmen. Die Schlagworte, die heute bei vielen Leuten nur noch ein Kopfschütteln hervorbringen, lauten dann: Jungfrauengeburt; Wunderglaube, usw.
Die evangelische Kirche in Deutschland gibt sich da seit vielen Jahrzehnten moderner. Eine wörtliche Exegese beansprucht man dort nicht; vieles sieht man im Kontext der Erzählung.
Die Kirchenaustrittswelle begann m. W. in den 70er Jahren - und zwar dort, wo man auf exegetische Dogmatik verzichtete, also in der evangelischen Kirche. Inzwischen haben die Katholiken bei den Austritten allerdings "aufgeholt". Hieraus könnte man den Schluss ableiten, dass auch eine "grosszügigere Auslegung" der für uns heute "fremden" Geschichte (bzw. deren Elemente) keine Bindungskraft mehr erzeugt.
Kirchenanteil
Ich weiss nicht, ob er danebengreift; die Zahl von 1,8% findet man in entsprechenden Kreisen häufiger. Vielleicht liegt der Anteil in Wirklichkeit etwas höher; es gibt Städte, die Zahlen bei Kindergärten und Schulen veröffentlichen - da schwankt der Kirchenanteil zwischen 5% und 8%; einmal habe ich auch 15% gelesen.
Die Trägerschaft der Kirchen bei Schulen, Kindergärten, Altenheimen, usw. hat ja nichts damit zu tun, woher das Geld kommt. Die Kirchensteuereinnahmen liegen aktuell bei ca. 9 Mrd. Euro im Jahr. Bei der unglaublichen Fülle der Trägerschaften der Kirchen muss alleine mathematisch der Anteil sehr gering sein.
In der Praxis (bspw. bei Altenheimen) sind Träger wie Diakonie oder Caritas nur "Durchlauferhitzer" von Geldern, die letztlich fast alle vom Staat (= Steuerzahler) zur Verfügung gestellt werden. Kirchliche Einrichtungen unterscheiden sich von "atheistischen" kaum bis gar nicht - ausser, dass die Angestellten in der Regel einer Konfession angehören müssen. Die Bezahlung erfolgt nach gängigen Tarifen und weder besser noch schlechter als in der Privatwirtschaft. Gewerkschaften sind nicht gestattet; Arbeitnehmerinteressen werden über sogenannte "Mitarbeitervertretungen" (MAV) geregelt.