Ein globales Toledo
Unter dem Eindruck des damals heftig tobenden "Karikaturen-Streits" schrieb Botho Strauß Mitte Februar vergangenen Jahres einen auch heute noch höchst interessanten, eigentlich erstaunlich wenig diskutierten, kurzen Aufsatz im "Spiegel" mit dem lakonischen Titel "Der-Konflikt (pdf, 479 KB)" [<--PDF-Download].
Lässt man Strauß' gelegentlich unterschwellig anklingende, pessimistische Sicht hinsichtlich einer in nächster Zeit bevorstehenden "Mehrheitsverschiebung" einmal beiseite (freilich klarstellend, nicht die Köterspur des Rassismus bedienen zu wollen), so bleibt eine prägnante Diagnose:
Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt.
Strauß' These: Die Integrationsangebote unserer Gesellschaft (also die Assimilierungsbedingungen bzw. –forderungen) konkurrieren mit denen der innerislamischen Integration. Da aber der Islam traditionelle Werte wie Familie, Zusammenhalt, Nicht-Gleichgültigkeit und Zusammenhalt in Not in Bedrängnis unmittelbar "anbietet" und nicht an mehr oder weniger abstrakte und anonyme Konstrukte wie beispielsweise den Staat (oder auch entsprechende kommerzielle Hilfsorganisationen) delegiert, ist für Strauß klar, zu wessen Gunsten die Entscheidung fällt.
Neben der religiös konnotierten Motivation stellt Strauß vor allem also die soziale Kraft der "Umma" als einen wesentlichen (den wesentlichen?) Vorteil heraus. Er geht aber noch weiter und sein Urteil über die aktuelle Lage könnte kaum vernichtender sein:
Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft.
Wir haben – so Strauß - die Säkularität nicht fruchtbar ausgestaltet, sondern weitgehend Weltmärkte[n], technische[n] Innovationen und Sitten und Moden dagegen gehalten - kurzum also ökonomischen Zwängen geopfert, die unser Sozialverhalten radikal verändert haben. Strauß, der früher durchaus mit dem Kommunitarismus liebäugelte, sieht hierin den wirklichen Konflikt: Diese säkular-geistlose Gesellschaft (mit Sinn für das Vorübergehende) kann gar keine Gesprächsgrundlage für massgebende Teile der islamischen Gemeinschaft bilden, da ihr die Empathie für transzendentale (sakrale) Erlebniswelten fehlen.
Der Papst kann zwar – wir haben es vor einigen Monaten anlässlich seines Besuchs in der Türkei gesehen – mit islamischen Gelehrten in den "Diskurs" treten. Beide disputieren auf spiritueller Augenhöhe; ebenbürtig. Aber die Kirche hat ihre Wirkungsmacht längst verloren. Der von allem befreite, säkulare, dem rein ökonomischen verpflichte Wohlstandsvertreter fehlt allerdings im fast wörtlichen Sinn die Sprache hierzu. Der Disput zwischen den Schriftkulturen kann nicht stattfinden. Der Islam hat buchstäblich keinen adäquaten Diskurspartner. Dem spirituell (oft genug überfrachteten) heiligen Buch setzt der Westen in seiner (selbst auferlegten, anheimgefallenen) intellektuellen Eindimensionalität das Scheckbuch entgegen.
Die zyklischen Hinwendungen der säkular-kapitalistischen Gesellschaft, wie sie sich beispielsweise auf Kirchentagen zeigen, sind nur situativ und verpuffen schnell. In Wirklichkeit wird das Sakrale nur mehr in Extremsituationen "nachgefragt" – bei Kindtaufen, Hochzeiten, schweren Krankheitsfällen, Beerdigungen. Und selbst dann spielt es häufig nur eine schmückende Rolle.
Im Gegensatz zur Atomisierung der säkular-kapitalistischen Welt sieht Strauß die wirkungsmächtige Durchdringung islamischer Gemeinden, die bis in die persönlichsten Hilfestellungen der Gläubigen hinein Geborgenheit bietet.
Obwohl er durchaus für einen Imperativ für den Schutz der Sakralsphäre eintritt, wäre es vollkommen falsch, Strauß' Text als Anweisung zur Restauration zu einer religiösen Gesellschaftsordnung zu lesen. Der Aufsatz formuliert als Alternative eine Art Rückbesinnung auf die Sinnes- und Geistesgaben basierend auf Kunst, Reflexion und Sensibilität und Differenziervermögen - eine Beschwörung bester aufklärerischer Werte, die – wie Strauß treffend formuliert - in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind.
Ein gewagtes Unterfangen – und etwas Neues. Nicht das Lockangebot der Teilnahme an der ökonomischen Partizipation (das, was wir "Globalisierung" nennen) schlägt Strauß vor, sondern eine Besinnung auf unsere Sinnes- und Geistesgaben . Für jeden Politiker sind solche Formulierungen natürlich vollkommen exotisch. Aber (grosse) Teile der islamischen Welt (die jemand wie Enzensberger mit eurozentristischer Brille als "radikale Verlierer" pauschal denunziert) sind nicht "käuflich" (für unser Verständnis natürlich absolut unverständlich – kaufen wir uns inzwischen doch im modernen Ablasshandel selbst von der Belastung durch Kohlendioxid frei [als liesse sich Natur durch Geld korrumpieren]).
Im Text schwingt mit, dass der Islam auf Dauer unserer geist- und wertelosen Gesellschaftsform kulturell überlegen ist (zum entscheidenden Punkt der demografischen Entwicklung schweigt Strauß; das ist das Thema von Heinsohn, der die Angelegenheit allerdings im langfristigen Resultat als ziemlich ungefährlich einstuft). Wie sich diese kulturelle Überlegenheit auswirkt, bleibt offen. Der von ihm propagierte "Kultur-, Kunst- und Geistesstaat" soll in fruchtbarem Disput mit der islamischen Kultur stehen. Hierbei entstünden dann Synergien (hier wird Strauß enthusiastisch: ein globales Toledo), die sich auf die jeweiligen Kulturen auswirken und sie punktuell auch verändern würden. Strauß ist ausdrücklich kein Verfechter einer Einheitskultur und steht in Gegnerschaft zum aktuellen antagonistischen Denken. Das, was der "helfende Westen" in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak versucht, also das Oktroyieren "westlicher Werte" in einer Art neokolonialer Beglückungsstrategie, lehnt er ab. Sein "multikulturelles Bild" dürfte eher das einer multipolaren Welt sein, in der in gegenseitigem Respekt unterschiedliche Wertevorstellungen parallel existieren – ohne dass sie sich kriegerisch bekämpfen. Die Frage, inwieweit universalistische Werte dabei eine Rolle spielen (und wenn ja, welche), bleibt offen.
Lässt man Strauß' gelegentlich unterschwellig anklingende, pessimistische Sicht hinsichtlich einer in nächster Zeit bevorstehenden "Mehrheitsverschiebung" einmal beiseite (freilich klarstellend, nicht die Köterspur des Rassismus bedienen zu wollen), so bleibt eine prägnante Diagnose:
Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt.
Strauß' These: Die Integrationsangebote unserer Gesellschaft (also die Assimilierungsbedingungen bzw. –forderungen) konkurrieren mit denen der innerislamischen Integration. Da aber der Islam traditionelle Werte wie Familie, Zusammenhalt, Nicht-Gleichgültigkeit und Zusammenhalt in Not in Bedrängnis unmittelbar "anbietet" und nicht an mehr oder weniger abstrakte und anonyme Konstrukte wie beispielsweise den Staat (oder auch entsprechende kommerzielle Hilfsorganisationen) delegiert, ist für Strauß klar, zu wessen Gunsten die Entscheidung fällt.
Neben der religiös konnotierten Motivation stellt Strauß vor allem also die soziale Kraft der "Umma" als einen wesentlichen (den wesentlichen?) Vorteil heraus. Er geht aber noch weiter und sein Urteil über die aktuelle Lage könnte kaum vernichtender sein:
Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft.
Wir haben – so Strauß - die Säkularität nicht fruchtbar ausgestaltet, sondern weitgehend Weltmärkte[n], technische[n] Innovationen und Sitten und Moden dagegen gehalten - kurzum also ökonomischen Zwängen geopfert, die unser Sozialverhalten radikal verändert haben. Strauß, der früher durchaus mit dem Kommunitarismus liebäugelte, sieht hierin den wirklichen Konflikt: Diese säkular-geistlose Gesellschaft (mit Sinn für das Vorübergehende) kann gar keine Gesprächsgrundlage für massgebende Teile der islamischen Gemeinschaft bilden, da ihr die Empathie für transzendentale (sakrale) Erlebniswelten fehlen.
Der Papst kann zwar – wir haben es vor einigen Monaten anlässlich seines Besuchs in der Türkei gesehen – mit islamischen Gelehrten in den "Diskurs" treten. Beide disputieren auf spiritueller Augenhöhe; ebenbürtig. Aber die Kirche hat ihre Wirkungsmacht längst verloren. Der von allem befreite, säkulare, dem rein ökonomischen verpflichte Wohlstandsvertreter fehlt allerdings im fast wörtlichen Sinn die Sprache hierzu. Der Disput zwischen den Schriftkulturen kann nicht stattfinden. Der Islam hat buchstäblich keinen adäquaten Diskurspartner. Dem spirituell (oft genug überfrachteten) heiligen Buch setzt der Westen in seiner (selbst auferlegten, anheimgefallenen) intellektuellen Eindimensionalität das Scheckbuch entgegen.
Die zyklischen Hinwendungen der säkular-kapitalistischen Gesellschaft, wie sie sich beispielsweise auf Kirchentagen zeigen, sind nur situativ und verpuffen schnell. In Wirklichkeit wird das Sakrale nur mehr in Extremsituationen "nachgefragt" – bei Kindtaufen, Hochzeiten, schweren Krankheitsfällen, Beerdigungen. Und selbst dann spielt es häufig nur eine schmückende Rolle.
Im Gegensatz zur Atomisierung der säkular-kapitalistischen Welt sieht Strauß die wirkungsmächtige Durchdringung islamischer Gemeinden, die bis in die persönlichsten Hilfestellungen der Gläubigen hinein Geborgenheit bietet.
Obwohl er durchaus für einen Imperativ für den Schutz der Sakralsphäre eintritt, wäre es vollkommen falsch, Strauß' Text als Anweisung zur Restauration zu einer religiösen Gesellschaftsordnung zu lesen. Der Aufsatz formuliert als Alternative eine Art Rückbesinnung auf die Sinnes- und Geistesgaben basierend auf Kunst, Reflexion und Sensibilität und Differenziervermögen - eine Beschwörung bester aufklärerischer Werte, die – wie Strauß treffend formuliert - in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind.
Ein gewagtes Unterfangen – und etwas Neues. Nicht das Lockangebot der Teilnahme an der ökonomischen Partizipation (das, was wir "Globalisierung" nennen) schlägt Strauß vor, sondern eine Besinnung auf unsere Sinnes- und Geistesgaben . Für jeden Politiker sind solche Formulierungen natürlich vollkommen exotisch. Aber (grosse) Teile der islamischen Welt (die jemand wie Enzensberger mit eurozentristischer Brille als "radikale Verlierer" pauschal denunziert) sind nicht "käuflich" (für unser Verständnis natürlich absolut unverständlich – kaufen wir uns inzwischen doch im modernen Ablasshandel selbst von der Belastung durch Kohlendioxid frei [als liesse sich Natur durch Geld korrumpieren]).
Im Text schwingt mit, dass der Islam auf Dauer unserer geist- und wertelosen Gesellschaftsform kulturell überlegen ist (zum entscheidenden Punkt der demografischen Entwicklung schweigt Strauß; das ist das Thema von Heinsohn, der die Angelegenheit allerdings im langfristigen Resultat als ziemlich ungefährlich einstuft). Wie sich diese kulturelle Überlegenheit auswirkt, bleibt offen. Der von ihm propagierte "Kultur-, Kunst- und Geistesstaat" soll in fruchtbarem Disput mit der islamischen Kultur stehen. Hierbei entstünden dann Synergien (hier wird Strauß enthusiastisch: ein globales Toledo), die sich auf die jeweiligen Kulturen auswirken und sie punktuell auch verändern würden. Strauß ist ausdrücklich kein Verfechter einer Einheitskultur und steht in Gegnerschaft zum aktuellen antagonistischen Denken. Das, was der "helfende Westen" in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak versucht, also das Oktroyieren "westlicher Werte" in einer Art neokolonialer Beglückungsstrategie, lehnt er ab. Sein "multikulturelles Bild" dürfte eher das einer multipolaren Welt sein, in der in gegenseitigem Respekt unterschiedliche Wertevorstellungen parallel existieren – ohne dass sie sich kriegerisch bekämpfen. Die Frage, inwieweit universalistische Werte dabei eine Rolle spielen (und wenn ja, welche), bleibt offen.
Gregor Keuschnig - 2007-03-31 22:12

Vielen Dank