Abschied von den Alten
Angeregt durch en-passant in diesem Kommentar hier wurde ich auf ein kurzes, aber interessantes Gespraech-in-der-FAZ (pdf, 28 KB) zwischen Hubert Spiegel und den beiden Schriftstellerinnen Sibylle Lewitscharoff und Felicitas Hoppe aufmerksam. Unter dem leicht philisterhaften Titel "Haben Sie Überväter, meine Damen?" entwickelt sich ein erstaunliches Selbstbewusstsein einer Schriftstellergeneration den "alten Garden" gegenüber.
Es geht gleich in medias res und es fallen kühne Sätze, wie hier von Felicitas Hoppe:
Ist doch interessant, dass man mit dem Alter so nachlässig werden kann, als säße man im Warmen und müßte das eigene Tun nicht mehr so richtig überprüfen. Und das kann man an einigen lebenden, alternden Schriftstellern sehr genau beobachten. Das ist ein Antimodell. Man schaut sich's an und sagt: so nicht.
Und weiter:
Ich könnte keine einzige Figur der sogenannten deutschen Nachkriegsliteratur benennen, weder männlich noch weiblich, die für mich von tiefergehender Bedeutung wäre. Da sind gute Bücher, natürlich, aber es ist nichts da, woran ich mich ernsthaft orientieren könnte.
Sibylle Lewitscharoff assistiert kühl:
...man bekommt ein Werk durch nichts so sehr satt, als dadurch, dass man immer den Autor davor sieht. Jeder, der zu lange in der Öffentlichkeit war, erzeugt irgendwann Überdruss beim Publikum. Das ist fast naturgegeben. Und noch wichtiger: In dem Maße, in dem Energie in die Selbstdarstellung fließt, wird etwas sehr Kostbares dem Werk entzogen. Das sind verlorene Energien, die von großer Bedeutung sind. [...] Wer zu Lebzeiten als Person das Rampenlicht beherrscht, läuft größte Gefahr, nach seinem Tod als Autor zu verschwinden. Ist der Sargdeckel erst zu, nimmt niemand je wieder ein Buch von ihm in die Hand.
Bis hierher könnte man sich so einige Autoren denken, bis dann Spiegel (natürlich!) auf Walser und Grass direkt zu sprechen kommt. Beide Autoren sind ja bei der FAZ in Ungnade gefallen – Walser seit 2002; Grass seit Herbst vergangenen Jahres. Da wird Sibylle Lewitscharoffs Diagnose natürlich gern gesehen:
Es ist wirklich der Schrecken dieses deutschen Großwetter-Kommentars, der von diesen beiden Figuren unablässig gefordert wurde. Man muss ja auch sagen, sie sind dazu verführt worden, und zwar permanent. Ich glaube, das hat ihnen wirklich das Kreuz gebrochen, auch wenn sie heute noch verehrt werden, aber das hat sie wirklich in die Falle gelockt, in die Werksfalle sowieso. Wenn man permanent in dieser Weise kommentieren muss, sich derart dem Zeitgeist aussetzt und ja auch an die Spitze des Zeitgeistes möchte, dann wird auch das eigene Werk infiltriert. Man ist ja jeder Form der Vulgarität ausgesetzt.
Das soll wohl nun der Todesstoss für das 68er-Diktum des "politisch engagierenden Schriftstellers" sein. Tatsächlich wirken die Attitüden dieses Denkens bis heute nach; Künstler im allgemeinen und Schriftsteller im besonderen werden immer noch gerne als Kronzeugen bestimmter Werte zitiert. Ich glaube jedoch, die beiden Schriftstellerinnen irren dahingehend, wenn sie glauben, ein Walser nach der Paulskirchenrede (die grässlich überzeichnet wahrgenommen wurde und in Wirklichkeit arg hausbacken war) oder ein Grass nach "Ein weites Feld" sei von der politischen Avantgarde noch als seriöser Kommentator aufgefasst worden. Allenfalls als "nützliche Idioten" dienten sie in der ein oder anderen "Aktion" (oder einem Skandälchen) als Gewürz. In dieser Tradition steht auch der mehr als überflüssige Streit um Walsers "Tod eines Kritikers", in dem sich Schirrmacher (äusserst rüde) von seinem Übervater abnabelte; demjenigen, dem er Jahre vorher noch tapfer die Laudatio gelesen hatte und im Friedensgespräch mit Ignatz Bubis die Wogen beim Rotwein glättete. (Seltsam, dass an beiden Demontagen die FAZ und Schirrmacher mehr als nur beteiligt waren; als sollten "Hitler's children" [Bohrer] endgültig der intellektuelle Garaus gemacht werden – fragt sich nur: für wen?)
Wir erfahren, dass sich Felicitas Hoppe als Schriftstellerin genug ist und Meinungsführerschaften für sich ablehnt. Sie beschreibt damit etwas, was jahrelang verpönt als "Rückzug ins Private" war. Mir kommt dabei Peter Handkes emphatischer Ausspruch "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" in den Sinn – und ergänzend könnte man für Hoppe sagen: 'ich bin es gerne' (Handke verstand das übrigens keinesfalls als soziologisch-elitären Abgrenzungsmodus).
Als es schon ein bisschen versöhnlich zu werden schien, und man fast Mitleid mit den "alten Kerlen" bekam, legt Frau Hoppe noch einmal nach:
...das ist doch schön und hilfreich, nämlich, dass es sich nicht lohnt, diesen Herren zu vertrauen. Man braucht ihnen, außer zu Forschungszwecken, eigentlich nicht zuzuhören. Da sind unglaublich aggressive Überlebensstrategien am Werk, und hinzu kommt eine ungeheuerliche Ambition.
Was mir gefällt, ist nicht der gelegentlich respektlos-arrogante Ton, den die beiden den "Alten" vorwerfen, aber selber gelegentlich an den Tag legen. Dies sei vom Leser verziehen. Problematisch ist es auch, fast imperativ zu fordern, vom einen Extrem (den Einmischern) ins andere (den Unbeeindruckten) zu verfallen. Das klingt ein bisschen nach Restauration. Als sei Literatur immer nur in einem abstrakten Umfeld möglich und losgelöst von politischen und sozialen Strömungen. Beeindruckend ist allerdings die Unbekümmertheit und Lakonie, mit der hier Denkmäler zurechtgerückt werden.
Dahinter steht aber dann wirklich ein wichtiger Impuls: Weg von der blossen Personalisierung von Literatur ("Der neue XY" ist da!" – "Na und?") – hin zum "reinen", "unschuldigen" Buch, ohne Vorverteilung im positiven (oder negativen) Sinne. Und ohne im Klappentext sofort alles über den Autor zu erfahren. Und ohne Medienrummel. Ich erkenne die Sehnsucht nach einem freien Blick auf das Geschriebene – nicht auf den Schreiber. Und auch weg von der Authentizitätsfalle, in der Autoren heute ganz schnell stecken (weil damit dann doch schnell Öffentlichkeit angesprochen wird). In dieser Hinsicht ist das Gespräch tatsächlich ein Abschied von den Alten. Und das ganz erfrischend.
Es geht gleich in medias res und es fallen kühne Sätze, wie hier von Felicitas Hoppe:
Ist doch interessant, dass man mit dem Alter so nachlässig werden kann, als säße man im Warmen und müßte das eigene Tun nicht mehr so richtig überprüfen. Und das kann man an einigen lebenden, alternden Schriftstellern sehr genau beobachten. Das ist ein Antimodell. Man schaut sich's an und sagt: so nicht.
Und weiter:
Ich könnte keine einzige Figur der sogenannten deutschen Nachkriegsliteratur benennen, weder männlich noch weiblich, die für mich von tiefergehender Bedeutung wäre. Da sind gute Bücher, natürlich, aber es ist nichts da, woran ich mich ernsthaft orientieren könnte.
Sibylle Lewitscharoff assistiert kühl:
...man bekommt ein Werk durch nichts so sehr satt, als dadurch, dass man immer den Autor davor sieht. Jeder, der zu lange in der Öffentlichkeit war, erzeugt irgendwann Überdruss beim Publikum. Das ist fast naturgegeben. Und noch wichtiger: In dem Maße, in dem Energie in die Selbstdarstellung fließt, wird etwas sehr Kostbares dem Werk entzogen. Das sind verlorene Energien, die von großer Bedeutung sind. [...] Wer zu Lebzeiten als Person das Rampenlicht beherrscht, läuft größte Gefahr, nach seinem Tod als Autor zu verschwinden. Ist der Sargdeckel erst zu, nimmt niemand je wieder ein Buch von ihm in die Hand.
Bis hierher könnte man sich so einige Autoren denken, bis dann Spiegel (natürlich!) auf Walser und Grass direkt zu sprechen kommt. Beide Autoren sind ja bei der FAZ in Ungnade gefallen – Walser seit 2002; Grass seit Herbst vergangenen Jahres. Da wird Sibylle Lewitscharoffs Diagnose natürlich gern gesehen:
Es ist wirklich der Schrecken dieses deutschen Großwetter-Kommentars, der von diesen beiden Figuren unablässig gefordert wurde. Man muss ja auch sagen, sie sind dazu verführt worden, und zwar permanent. Ich glaube, das hat ihnen wirklich das Kreuz gebrochen, auch wenn sie heute noch verehrt werden, aber das hat sie wirklich in die Falle gelockt, in die Werksfalle sowieso. Wenn man permanent in dieser Weise kommentieren muss, sich derart dem Zeitgeist aussetzt und ja auch an die Spitze des Zeitgeistes möchte, dann wird auch das eigene Werk infiltriert. Man ist ja jeder Form der Vulgarität ausgesetzt.
Das soll wohl nun der Todesstoss für das 68er-Diktum des "politisch engagierenden Schriftstellers" sein. Tatsächlich wirken die Attitüden dieses Denkens bis heute nach; Künstler im allgemeinen und Schriftsteller im besonderen werden immer noch gerne als Kronzeugen bestimmter Werte zitiert. Ich glaube jedoch, die beiden Schriftstellerinnen irren dahingehend, wenn sie glauben, ein Walser nach der Paulskirchenrede (die grässlich überzeichnet wahrgenommen wurde und in Wirklichkeit arg hausbacken war) oder ein Grass nach "Ein weites Feld" sei von der politischen Avantgarde noch als seriöser Kommentator aufgefasst worden. Allenfalls als "nützliche Idioten" dienten sie in der ein oder anderen "Aktion" (oder einem Skandälchen) als Gewürz. In dieser Tradition steht auch der mehr als überflüssige Streit um Walsers "Tod eines Kritikers", in dem sich Schirrmacher (äusserst rüde) von seinem Übervater abnabelte; demjenigen, dem er Jahre vorher noch tapfer die Laudatio gelesen hatte und im Friedensgespräch mit Ignatz Bubis die Wogen beim Rotwein glättete. (Seltsam, dass an beiden Demontagen die FAZ und Schirrmacher mehr als nur beteiligt waren; als sollten "Hitler's children" [Bohrer] endgültig der intellektuelle Garaus gemacht werden – fragt sich nur: für wen?)
Wir erfahren, dass sich Felicitas Hoppe als Schriftstellerin genug ist und Meinungsführerschaften für sich ablehnt. Sie beschreibt damit etwas, was jahrelang verpönt als "Rückzug ins Private" war. Mir kommt dabei Peter Handkes emphatischer Ausspruch "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" in den Sinn – und ergänzend könnte man für Hoppe sagen: 'ich bin es gerne' (Handke verstand das übrigens keinesfalls als soziologisch-elitären Abgrenzungsmodus).
Als es schon ein bisschen versöhnlich zu werden schien, und man fast Mitleid mit den "alten Kerlen" bekam, legt Frau Hoppe noch einmal nach:
...das ist doch schön und hilfreich, nämlich, dass es sich nicht lohnt, diesen Herren zu vertrauen. Man braucht ihnen, außer zu Forschungszwecken, eigentlich nicht zuzuhören. Da sind unglaublich aggressive Überlebensstrategien am Werk, und hinzu kommt eine ungeheuerliche Ambition.
Was mir gefällt, ist nicht der gelegentlich respektlos-arrogante Ton, den die beiden den "Alten" vorwerfen, aber selber gelegentlich an den Tag legen. Dies sei vom Leser verziehen. Problematisch ist es auch, fast imperativ zu fordern, vom einen Extrem (den Einmischern) ins andere (den Unbeeindruckten) zu verfallen. Das klingt ein bisschen nach Restauration. Als sei Literatur immer nur in einem abstrakten Umfeld möglich und losgelöst von politischen und sozialen Strömungen. Beeindruckend ist allerdings die Unbekümmertheit und Lakonie, mit der hier Denkmäler zurechtgerückt werden.
Dahinter steht aber dann wirklich ein wichtiger Impuls: Weg von der blossen Personalisierung von Literatur ("Der neue XY" ist da!" – "Na und?") – hin zum "reinen", "unschuldigen" Buch, ohne Vorverteilung im positiven (oder negativen) Sinne. Und ohne im Klappentext sofort alles über den Autor zu erfahren. Und ohne Medienrummel. Ich erkenne die Sehnsucht nach einem freien Blick auf das Geschriebene – nicht auf den Schreiber. Und auch weg von der Authentizitätsfalle, in der Autoren heute ganz schnell stecken (weil damit dann doch schnell Öffentlichkeit angesprochen wird). In dieser Hinsicht ist das Gespräch tatsächlich ein Abschied von den Alten. Und das ganz erfrischend.
Gregor Keuschnig - 2007-03-22 08:23


ich danke Ihnen für diesen Beitrag. Da ich im Augenblick wenig Zeit habe, um mich noch ausführlicher mit den Inhalt auseinander zu setzen, werde ich in den nächsten Tagen, wenn mir die Termine im Kalender wieder mehr Raum lassen, nochmals vorbeischauen.
Es tut mir gut, bei Ihnen zu lesen.