Das Bloggen scheint mir ein bedeutendes Werkzeug der Individualisierung zu sein und zugleich Ausdruck derselben.
Früher habe ich eine leidenschaftlich-optimistische Sicht auf Individualisierung gehabt, die ich als einen notwendigen Unterbau oder besser gesagt den unverzichtbaren Gegenpol des sozialistischen Kollektivismus wahrgenommen habe.
Das Kollektiv könne nur echt werden, wenn das Individuum vorher keinen „Kollektivstein“ auf dem anderen gelassen hat. Danach käme es „nur“ (!) darauf an, so meine Vorstellung, daß die freien Individuen aus freier Entscheidung ihre Bindungen gestalten.
Bezüglich der Möglichkeiten, Fähigkeiten, Bereitschaft und Absicht der Individuen solches tatsächlich zu tun, habe ich mir immer Neugier und immer auch starke Zweifel erlaubt; wenn überhaupt, dann nur sehr eingeschränkten Optimismus (nach dem Untergang der DDR in einer kommuneartigen Szene dazu zahlreiche Erfahrungen gemacht).
Ob nun optimistische Perspektive von Individualisierung oder nicht – ihre Realität bezweifle ich nicht.
Bedeutendes Moment z.B. der Umgang des Individuums mit Informationen. Das Bloggen bedeutet enorme Aktivierung der dem Individuum verfügbaren Informationen einschließlich eines wachsenden Anteils selbst generierter Information. Ebenso gravierend (in Umfang wie in Struktur) beeinflußt es die Informationsaufnahme des Individuums. Der Blogger krempelt sein ganzes persönliches Informationsmanagement um, in gewissem Sinne schafft er es überhaupt erst. In Anbetracht der schnellen Entwicklung der Hardware- und Softwarebedingungen des Bloggens, ist dieser Prozeß noch lange nicht am Ende. Und dito in Anbetracht der im WWW sprunghaft zunehmenden Informationsmenge, einschließlich zu findender Qualität.
Gewiß der WWW-“Dünnpfiff“/Marktschrott nimmt ebenfalls sprunghaft zu. Das eigene, ständig durch die persönliche Erfahrung überprüfte Infomations- und Kommunikationskonzept bietet m.A. n. aber ausreichenden Schutz.
Information im Blog ist immer, zumindest potentiell, soziales Signal, enthält, wenn auch vielleicht nur höchst abstrakt, die Möglichkeit, daß Individuen aneinander „andocken“. Das einräumen, heißt keineswegs der Vorstellung einer eigenen Blogger-Gemeinschaft anzuhängen. Das liegt mir fern.
Ihr „sozialer Grund“ muß die Individuen zur Bindung drängen. Das ist, wenn es passiert, zunächst völlig unabhängig vom Bloggen. Wenn es aber passiert, dann könnte das Bloggen zum enorm produktiven Vehikel werden. Ein bisher unvorstellbares Maß „unmittelbarer Gesellschaftlichkeit“ der Individuen (von ihnen gewollt) könnte Wirklichkeit werden. Ich verstehe jeden, der heute praktisch Null Ansätze zu solchen sozialen Tendenzen sieht. Meine Erfahrung aber, wie unglaublich verschieden dieselbe „Masse Mensch“ im Verlauf weniger Jahrzehnte denkt, flößt mir größte Zweifel ein, das heute unbestritten und allgemein Selbstverständliche als endgültig zu betrachten.
Im Grunde genommen beschreibst Du aus persönlicher Sicht das, was en-passant mit "Atomisiserung" meint.
Natürlich ist Bloggen individualistisch; der polemische Titel meines Aufsatzes hier, der von "Narzissten" spricht, ist allerdings nicht umsonst gewählt. Die Gefahr in diesem Individualismus liegt natürlich in dem, was schon besprochen wurde (Eindimensionalität; Komplexitätsreduzierung, usw). Wenn jemand wie Peter Turi als Fazit von anderthalb Jahren Bloggen sagtBloggen macht süchtig, dick, aggressiv und kurzatmig, stiehlt Lebenszeit und bringt am Ende nix ein ist das m. E. mehr als eine hübsch gesetzte Pointe - sondern äusserst resignativ. (Mein Eindruck ist übrigens, dass man sich in diesen "Alphablogger"- oder "Betablogger"-Kreisen nur noch um sich selber und/oder seine Rankings dreht; bspw. hier - naja, was soll's.)
Was mich immer skeptisch macht, ist, wenn mit neuen medialen Möglichkeiten eine Art Paradies beschrieben wird. Ich habe noch in Erinnerung, als in Westdeutschland in den 80er Jahren Ideen über "freie" Radiostationen kursierten, die so etwas wie "Bürgerfunk" progagierten, der losgelöst vom Korsett der öffentlich-rechtlichen "Meinungsmafia" zur wahren und richtigen und authentischen und nützlichen Information führen sollte.
Nun, Lokalradiostationen heutzutage sind der Regel nur primitive Dudelfunksender, die vom Kommerz umnebelt (= am Leben erhalten) werden. Und was das Privatfernsehen angeht - das wissen wir ja alle, welche "Qualitätsschübe" da kommen.
Aufgrund dieser Erfahrungen (und natürlich auch der Resonanz auf meinen Blog hier) bin ich skeptisch. Der gekonnt geschriebene Partyplausch oder die witzige Alltagsschilderung wird immer ein Publikum bekommen. Hierin dürfte die Zukunft des Bloggens liegen. Aber ein Blog, der in irgendeiner Weise den traditionellen Medien "Konkurrenz" macht oder auf sie rekurriert, dürfte auf Dauer keine Chance haben. Es sei denn, er ist sich selbst genug.
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Früher habe ich eine leidenschaftlich-optimistische Sicht auf Individualisierung gehabt, die ich als einen notwendigen Unterbau oder besser gesagt den unverzichtbaren Gegenpol des sozialistischen Kollektivismus wahrgenommen habe.
Das Kollektiv könne nur echt werden, wenn das Individuum vorher keinen „Kollektivstein“ auf dem anderen gelassen hat. Danach käme es „nur“ (!) darauf an, so meine Vorstellung, daß die freien Individuen aus freier Entscheidung ihre Bindungen gestalten.
Bezüglich der Möglichkeiten, Fähigkeiten, Bereitschaft und Absicht der Individuen solches tatsächlich zu tun, habe ich mir immer Neugier und immer auch starke Zweifel erlaubt; wenn überhaupt, dann nur sehr eingeschränkten Optimismus (nach dem Untergang der DDR in einer kommuneartigen Szene dazu zahlreiche Erfahrungen gemacht).
Ob nun optimistische Perspektive von Individualisierung oder nicht – ihre Realität bezweifle ich nicht.
Bedeutendes Moment z.B. der Umgang des Individuums mit Informationen. Das Bloggen bedeutet enorme Aktivierung der dem Individuum verfügbaren Informationen einschließlich eines wachsenden Anteils selbst generierter Information. Ebenso gravierend (in Umfang wie in Struktur) beeinflußt es die Informationsaufnahme des Individuums. Der Blogger krempelt sein ganzes persönliches Informationsmanagement um, in gewissem Sinne schafft er es überhaupt erst. In Anbetracht der schnellen Entwicklung der Hardware- und Softwarebedingungen des Bloggens, ist dieser Prozeß noch lange nicht am Ende. Und dito in Anbetracht der im WWW sprunghaft zunehmenden Informationsmenge, einschließlich zu findender Qualität.
Gewiß der WWW-“Dünnpfiff“/Marktschrott nimmt ebenfalls sprunghaft zu. Das eigene, ständig durch die persönliche Erfahrung überprüfte Infomations- und Kommunikationskonzept bietet m.A. n. aber ausreichenden Schutz.
Information im Blog ist immer, zumindest potentiell, soziales Signal, enthält, wenn auch vielleicht nur höchst abstrakt, die Möglichkeit, daß Individuen aneinander „andocken“. Das einräumen, heißt keineswegs der Vorstellung einer eigenen Blogger-Gemeinschaft anzuhängen. Das liegt mir fern.
Ihr „sozialer Grund“ muß die Individuen zur Bindung drängen. Das ist, wenn es passiert, zunächst völlig unabhängig vom Bloggen. Wenn es aber passiert, dann könnte das Bloggen zum enorm produktiven Vehikel werden. Ein bisher unvorstellbares Maß „unmittelbarer Gesellschaftlichkeit“ der Individuen (von ihnen gewollt) könnte Wirklichkeit werden. Ich verstehe jeden, der heute praktisch Null Ansätze zu solchen sozialen Tendenzen sieht. Meine Erfahrung aber, wie unglaublich verschieden dieselbe „Masse Mensch“ im Verlauf weniger Jahrzehnte denkt, flößt mir größte Zweifel ein, das heute unbestritten und allgemein Selbstverständliche als endgültig zu betrachten.
Natürlich ist Bloggen individualistisch; der polemische Titel meines Aufsatzes hier, der von "Narzissten" spricht, ist allerdings nicht umsonst gewählt. Die Gefahr in diesem Individualismus liegt natürlich in dem, was schon besprochen wurde (Eindimensionalität; Komplexitätsreduzierung, usw). Wenn jemand wie Peter Turi als Fazit von anderthalb Jahren Bloggen sagt Bloggen macht süchtig, dick, aggressiv und kurzatmig, stiehlt Lebenszeit und bringt am Ende nix ein ist das m. E. mehr als eine hübsch gesetzte Pointe - sondern äusserst resignativ. (Mein Eindruck ist übrigens, dass man sich in diesen "Alphablogger"- oder "Betablogger"-Kreisen nur noch um sich selber und/oder seine Rankings dreht; bspw. hier - naja, was soll's.)
Was mich immer skeptisch macht, ist, wenn mit neuen medialen Möglichkeiten eine Art Paradies beschrieben wird. Ich habe noch in Erinnerung, als in Westdeutschland in den 80er Jahren Ideen über "freie" Radiostationen kursierten, die so etwas wie "Bürgerfunk" progagierten, der losgelöst vom Korsett der öffentlich-rechtlichen "Meinungsmafia" zur wahren und richtigen und authentischen und nützlichen Information führen sollte.
Nun, Lokalradiostationen heutzutage sind der Regel nur primitive Dudelfunksender, die vom Kommerz umnebelt (= am Leben erhalten) werden. Und was das Privatfernsehen angeht - das wissen wir ja alle, welche "Qualitätsschübe" da kommen.
Aufgrund dieser Erfahrungen (und natürlich auch der Resonanz auf meinen Blog hier) bin ich skeptisch. Der gekonnt geschriebene Partyplausch oder die witzige Alltagsschilderung wird immer ein Publikum bekommen. Hierin dürfte die Zukunft des Bloggens liegen. Aber ein Blog, der in irgendeiner Weise den traditionellen Medien "Konkurrenz" macht oder auf sie rekurriert, dürfte auf Dauer keine Chance haben. Es sei denn, er ist sich selbst genug.