kranich05 - 2007-03-15 20:14

„Laut der neuesten, groben Schätzung von Blogherald gibt es heute weltweit rund 100 Millionen Blogs, und es ist nahezu unmöglich, eine allgemeine Einschätzung über ihre „Natur“ abzugeben oder sie in präzise Genres zu unterteilen. Doch ich werde eben dies versuchen. Es ist von strategischer Bedeutung, kritische Kategorien einer Theorie des Bloggens zu entwickeln,...“
Mir scheint, Überlegungen zu einer Theorie (oder auch „nur“ zur Praxis) des Bloggens, kranken oft daran, die all zu kurze Existenz- und Entwicklungszeit des Gegenstandes zu unterschätzen. Auch Geert Lovink wendet sich nach einer rhetorischen Einschränkung („ist nahezu unmöglich“) ziemlich unbekümmert seinem Thema zu.
Ich glaube, daß die „Blogosphäre“ weiterhin Potential zu ganz neuen und unerwarteten Erscheinungen hat. Und zwar deshalb, weil viele Blogs die Auseinandersetzung eines Individuums, des Bloggers, mit seiner umgebenden Realität spiegeln. Sie spiegeln diese Auseinandersetzung und sind selbst eine spezifische Form dieser Auseinandersetzung. Neue Momente der Realität und des Realitätsbezugs der Individuen werden, so meine Vermutung, zu gegebener Zeit neue, vielleicht erhebliche Auswirkungen auf's Bloggen haben.
Meine Blogger-„Startposition“ ist nicht zu trennen von meinem intensiven, vieljährigen Tagebuchschreiben. Eine Funktion dessen war immer Selbstverständigung. Diese Funktion bleibt im doch öffentlichen Bloggen (erstaunlicherweise) fast ohne Einschränkung erhalten. Dem liegt durchaus eine bestimmte Auffassung vom Menschen, von meinem „persönlichsten Ich“ in der Gesellschaft zu Grunde. Dazu gehört nicht zuletzt der Gedanke: Meine Selbstverständigung kann für Dritte einen Wert haben.
Zugleich hatte mein Tagebuch für mich immer die Funktion einer Materialsammlung und zugleich eines Lebensberichts „nach draußen“. Ich würde Zeugnis ablegen. Konkret hätte ich diese Absicht bei Fortexistenz der DDR und Nichtvorhandensein eines WWW in einer Form verwirklicht. Heute haben sich inhaltliche Ausrichtung und technische Form des beabsichtigten Bezeugens gravierend gewandelt aber der Grundimpuls, ziemlich tief in meiner Lebenskonzeption verankert, bleibt wirksam; kein flüchtiger Antrieb.
Zeugnis abzulegen kann eine einsame Veranstaltung sein: „Ecce homo!“ und kaum jemand schaut hin. Wie wichtig bin ich denn? Ohne alle Hilfsmittel würde ich mich vielleicht nur drei oder fünf Leuten mitteilen können. Deshalb sind für mich tägliche Besucherzahlen des Blogs von 100 phantastisch, übertreffen alle Erwartungen..
Wie wichtig sind mir Diskussionen, Kommentare? Mittelprächtig. Natürlich ist die Bestätigung schön, verstanden zu werden oder Anregungen zurück zu bekommen, doch im Grunde genügt mir das Wissen, daß die BesucherInnen (zu 35% Wiederholungstäter) sich ihrs 'rausgenommen haben. Der Zugewinn ergibt sich für mich nicht so sehr aus der direkten wechselseitigen Diskussionbeteiligung als vielmehr aus der Pflege meines „kleinen persönlichen Blogprozesses“, soll heißen: Aus der Führung meines eigenen Blogs, der einigermaßen systematischen Wahrnehmung von und mitunter aktiven Beteiligung an ca. 35 Adressen meiner Blogroll, sowie der sporadischen Sichtung weiterer Blogs und Websites.

Danke für das hiesige schöne Angebot zur Beteiligung.

Gregor Keuschnig - 2007-03-16 11:02

Existenz- und Entwicklungszeit

Danke für diese Schilderung.

Mir scheint, Überlegungen zu einer Theorie (oder auch „nur“ zur Praxis) des Bloggens, kranken oft daran, die all zu kurze Existenz- und Entwicklungszeit des Gegenstandes zu unterschätzen.
Das ist natürlich der "Knackpunkt". Sind wir zu ungeduldig? Oder suhle ich mich bereits im Abgesang auf die Bloggerszene (infiltriert von "Journal" hier)?

Deine optimistische Sicht finde ich interessant. Kannst Du noch ein bisschen mehr zu den Auswirkungen sagen, die sich für das Bloggen ergeben sollen?

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