ich hatte meine Notizen noch mal kurz überarbeiten wollen – sie waren mir viel zu lang geraten, zumindest für einen Kommentar zu lang -, und auf einmal merkte ich, dass dem Lovink’schen Ansatz von den Narzissten / Nihilisten vielleicht doch mehr abzugewinnen ist. Fazit: Mein Material wäre im Moment einfach zu umfangreich, und ich würde es selber gerne noch einmal strukturieren.
(Da ich sonst eher vom literarischen Schreiben komme, lege ich Wert eher auf einzelne versuchsweise Gedankenführung, nicht so sehr auf Strenge oder gar Systematiken; das Verwürfelte an Gedanken kann so oft anderswie zu Treffern führen. Ich merke aber außerdem, dass ich – mit teils anderen Akzentuierungen - teilweise zu ähnlichen Schlussfolgerungen, wie Sie komme, so dass ich es nicht nur spiegeln möchte.)
Um es einmal - kurz - von hinten anzugehen: ephemeres Verlangen. Ich vermute, damit treffen Sie etwas. Warum wollten / sollten sich selbstbewusste Beiträger im Spannungsfeld zwischen Konsensdruck und „anything goes - laissez faire“ (oder eben alle anderen, die es nicht einmal ernst meinen) einer Forumsdisziplin unterwerfen? Ist nicht gerade das Dasein als „Elementarteilchen“ der neue Horizont, wie sonst auch (gesellschaftliche Atomisierung, Bindungslosigkeit, Mobilität)? Ja, Applaus ist sicher langweilig. („Wer applaudiert, erklärt sich einverstanden... wie kann er gemeint sein?“) Ich denke, nur eine Minderheit sucht den tatsächlichen Austausch dezidierter Haltungen als einen Weg zum Weiterkommen, sei es im Streit. Spielregeln bedeuteten ja wieder Verbindlichkeit.
Kann es aber sein, dass da – neben Trägheit, Desinteresse usw. – auch ein Moment an Vergeblichkeit mitspielt? Man müsste seine Motive, d.h. letztlich seine Illusionen offenlegen. Ich selber sehe mich nicht als Pessimist, aber bezweifle nach meinen Erfahrungen vieles, ob es der Anstrengung (noch / noch einmal) wert wäre.
Ich sehe nur: Für mich ist das Bloggen etwas anderes, als für die meisten anderen. Das kann ich auch „ephemeres Verlangen“ nennen. Meine ernsthaften Anstrengungen gehen ganz anderswohin, bzw., ich entnehme dann dem nebei geführten „Versuchsraum Blog“ dann nachträglich für mich, was ich dort spielerisch gewinnen kann. Mir reicht das.
Mit dem „streng moderierten Forum“ haben Sie sicher recht. (So etwas gibt es aber doch in den USA, professionalisiert dann um Redaktionen... sowie um nur etwas anders definierte Regeln dann wieder im üblichen Medien-Raum.) Aber darin sehe ich nur EINE Möglichkeit von besseren Blogs. Relevanzen, auf die Minderheiten hoffen, kann auch anderswie entstehen. Die, auf die ich setzen würde (mit X Ressourcen für Informationen, mit denen ich mich gut bedient fühle) von mir aus auch im Narzissmus Einzelner für Einzelne. Ehrlich gesagt hätte ich für erschöpfende Beschäftigung damit gar keine Zeit.
Das Gefüjl der Vergeblichkeit aber rührt ja eben auch um die Schwierigkeit der Erklärbarkeit der Welt. (Etwa der von Ihnen aufgezählten Phänomene. Und jetzt kommt auch noch der vielleicht nicht einmal mehr aufzuhaltende Klimawandel. Immer öfter meine ich, die Leute schauten zwar mit weit offenen Augen, ja, auch staunend fast, was da passiert... aber dann widmen sie sich doch ihrem Eis inmitten des „schönen Wetters“. Die Antiquiertheit des Menschen. Baudrillard’sche Fatalität: Es ist nicht zu ändern.)
Was wäre denn IHR persönliches Verlangen? Wäre es nicht als eben Ihres ebenso „ephemer“? Erhoffen Sie für sich eine Bedeutung in diesem riesigen Chor der disparaten Stimmen? Was wollen Sie der Welt denn sagen? Was wäre Ihre Ambition? (Ich meine das nicht polemisch.)
Wenn Sie sich den Printmarkt ansehen – wer heute noch qualitative Analyse sucht, der liest dort -, so ist der ebenso atomisiert... kannibalisiert kann man schon sagen. Alles gibt es längst für alle Zielgruppen in x-fachen Variationen. Und was reüssiert? People-Quatsch wie „Vanity Fair“. Oder siehe überhaupt die Eventisierung des Journalismus auch in der marginalen Meldung, in der zunehmenden Verquickung mit PR und Sponsorentum. Da lobe ich mir meine - ja nur weltabgewandt scheinenden - Feuilletons. Womöglich sind Relevanzen längst nur mehr dort, wo bis zum Überdruss angediente Mehrheiten es gar nicht mehr hinschaffen?
Wohl gemerkt: Ich sehe mich dennoch nicht als Zyniker – und schon gar nicht als Nihilist (obwohl es im Lovink’schen Sinne nicht ganz von der Hand zu weisen wäre). Der Narzissmus erklärt es aber auch (hätte ich keinen einzigen Leser, machte ich trotzdem weiter). Ich denke, mit der Formel vom „ephemeren Verlangen“ liegen Sie insgesamt nicht so falsch.
P.S.
(Sie haben, glaube ich, einen pay-account bei twoday, oder? Wenn Sie das hier als Task weiterführen, werde ich demnächst punktuell immer mal wieder drauf eingehen, und vielleicht kommt man im Einzelnen der Aspekte etwas weiter?
[Ich hatte es mir in Stichworte zerlegt: Form, Hype, Marketing, Wahrheit, Sendungsbewusstsein, Diversität... etc. ]
Dieser Wunsch, etwas systematisch zu fassen, führt oft zum Wegfall von Disparatem, aber erklärt dessen Prominenz doch nicht.)
Vielen Dank für diesen Kommentar. Wir hatten ja ansatzweise schon hier die Diskussion begonnen. Ich möchte auf einige Punkte kurz eingehen (eher ungeordnete Gedanken).
Forum und Forumsdisziplin
Meine Erfahrungen mit Foren sind ambivalenter Natur – wie mit Weblogs auch. Ein sich selbst organisierendes Forum, in dem jeder das macht, was er will, und nur durch einen amorphen Gruppendruck "diszipliniert" wird, funktioniert nicht. Es bedarf "Spielregeln", um überhaupt in so etwas wie Diskussion eintreten zu können. Andernfalls artet es ziemlich schnell in wüste Beschimpfungen aus. Das ist auch der Grund, warum ich nicht (mehr) auf Blogs kommentiere, die signalisieren, dass sie keine abweichende Meinung gestatten. Das sind übrigens mitnichten nur die üblichen extremistischen Schwachköpfe; die lese ich erst gar nicht. Aber die Zeit, eine Meinung zu lesen und dann bei der Kommentierung unwillkommen zu sein, ist verschwendet. Ich könnte hier jetzt Namen nennen, lasse es aber.
Diese Haltung aber ist es, die zu einer Atomisierung beiträgt. Und hierin – in der Möglichkeit des zivilisierten Diskurses – liegt der (noch vorhandene) Vorteil bspw. des klassischen Feuilletons z. B. der "ZEIT", der "FAZ" oder der "SZ".
Die nicht (bzw. kaum) institutionell vertretene, "kritische Masse" ist in diesen Diskursen allerdings nicht oder kaum vertreten, da oft genug eine gewisse Betriebsblindheit im Feuilleton eingetreten ist. Der einzelne Blogger, der bspw. dezidiert Handkes Jugoslawien-Texte untersucht, ohne schon per se das fertige Urteil parat zu haben, hat da keine Chance. Daher die vage Idee einer Bündelung der Kräfte.
Ein Forum hat den Vorteil, dass sich im Idealfall Gruppen bilden, die sich gegenseitig "befruchten". Das ist bei Nensch ab und an eingetreten; zugegebenermassen selten. Die Cliquen- bzw. Grüppchenbildung ist m. E. nicht primär falsch bzw. einer Diskussion abträglich.
Meine These ist: Wer lange bloggt, also quasi die volle "Freiheit" geniesst, wird nur schwer einen zusätzlichen "Mehrwert" darin erkennen, diese Position aufzugeben. Sie bestätigen das mehr oder weniger direkt. Ich halte das im übrigen auch nicht für schlimm – ich konstatiere hier nur.
Über Foren in den USA habe ich zu wenig Ahnung. Ich kenne K5 und habe einige Informationen aus Möllers Buch.
Intention
Ihre Intention des Bloggens ist in der Tat eine andere als bspw. meine. Hier gibt es Informationen über Studien zum Bloggen; man kommt hier so recht nicht weiter.
Schön finde ich Ihre Analogie des Lutherischen Apfelbäumchens auf Ihr Bloggen. Diese Sicht ist mir ziemlich fremd, wobei wir bei Ihrer appellartigen Frage wären:
Was wäre denn IHR persönliches Verlangen? Wäre es nicht als eben Ihres ebenso „ephemer“? Erhoffen Sie für sich eine Bedeutung in diesem riesigen Chor der disparaten Stimmen? Was wollen Sie der Welt denn sagen? Was wäre Ihre Ambition? (Ich meine das nicht polemisch.)
Ich nehme es wirklich nicht polemisch und kann nur reichlich naiv antworten: Ich weiss es nicht genau. Die profane Antwort habe ich oben bereits gegeben: Wenn ich über etwas schreibe, bleibt die Beschäftigung mit dem Thema (bzw. dem Buch) länger haften und ist intensiver. Das kann aber nur ein Teil dieses "ephemeren Verlangens" sein. Ich glaube gelegentlich, es ist wie ein Berufswunsch, den man als Kind gehabt hat: Irgendwann weiss man nicht mehr, was man daran eigentlich so toll fand.
Und: Ja, vielleicht ist es tatsächlich ein Narzissmus, der sich aus der Anmassung speist, dass irgendjemanden das, was zu einem bestimmten Thema denkt, interessiert, ja: zu interessieren hat.
Ausblick
Ihre weiteren Kommentare sind natürlich willkommen. Den Account schliesse ich -noch- nicht, also keine Sorge.
en-passant (anonym) - 2007-03-15 14:13
Ein CERN für anderen Arten von Elemantarteilchen
Die Frage ist, ob Atomisierung per se schlecht ist... ob Blog oder Internet-Raum nicht eben primär Spielwiesen sind auch für „ephemere Verlangen“? Der Drang zur Gemeinschaftsbildung kann sich ja durchaus ergeben (bzw. es gibt ihn ja ausreichend: die Konsensformen, die „Gewalttätigkeiten ihrer Produktionsgewissheiten“ [Rainald Götz] sind ja Teil des Problems) – und sei es nur als Umkehrung über Sättigungseffekte oder die letztendlich um sich greifende Orientierungslosigkeit. Das Bedürfnis nach „Zusammensein“ (im Sloterdijk’schen Sinne: Blasen, Kontinuen, Sphären zu bilden mit deren Lesarten) wird ja anderswo im angeblich realen Leben genug gepflegt.
Geht es aber um – im weitesten Sinne – politische Anteil- oder Wirkungsnahme, müsste man dem neuen Medium wohl auch Zeit geben, etwas „erwachsener“ zu werden. Und ja, gegen die allseits eingerissenen Sitten helfen dann auch nur Einsicht und Selbstdisziplin. Wer aber fühlte sich bei all der Selbstverwirklichung und Ich-Götterei dazu berufen? Zu welchem höheren Zweck?
Will sagen: So, wie man sich daran gewöhnt hat, dass im Netz „alles umsonst“ ist – und quality content eben nur für Minderheiten -, so müsste man die nonchalanten Verhaltensweisen eben mitbedenken und daraus selber wieder Funken zu schlagen versuchen. Sie zumindest hinnehmen können.
Denn: Mir sind doch bei der Suche nach neuen Äußerungsformen auch immer wieder Momente aufgefallen, die man hätte verstärken können, im Sinne von Offenheit im Inhalt und in der Form. Nur war da nie jemand, der die unschuldigen Finder (Formulierer) hätte ermutigen oder erst einmal darauf aufmerksam machen können – zuvieles geht erstmal unter. Und das bringt mich wieder darauf, dass einerseits solche Dinge wohl benannt und gefördert gehören (Forum), andererseits so zu sagen evolutiv und co-evolutionär sich auch durchsetzen können müssen. Vielleicht absorbiert die Mehrheit um ihres Beharrens willen das Rohe, nicht gleich Einzugemeindende? Vielleicht stören aber manche sich auch an eben althergebrachten Formen, die sie um ihrer selbst willen eingehalten verstehen?
Mich fasziniert dieser Gedanke von der „Schwarm-Intelligenz“. Dass viele zusammen etwas wissen / schaffen können, das ihnen als einzelnen nicht gelänge. Wie bilden sich da aber die Überschüsse, die Übersprünge, die weiterführenden Effekte? Etwa nicht oft auch aus einem quasi Unbewussten der Menge? Etwas das ihr eben noch nicht vor-formuliert worden war?
(In biologischen Schwärmen gibt es kein einzelnes Tier das führt, sondern es sind anscheinend gewisse wesentliche Parameter, heraus deren Veränderungen es dann zu Potenzialen und Verstärkungseffekten und damit wieder zu Dynamiken kommt.)
Für mich müsste es in einer neuen Art Forum aber auch um eine Höhe dieser neuen Qualitäten gehen, denn das reine me-too Kommentieren bringt es weder bei (dem alles behandelnden) spiegel-online noch etwa in den (neue Themen) Heise-Foren, Telepolis. Letztlich stehen gute Beiträge dann auch mit dem, was an ihnen weiterführend wäre und wieder aufgenommen werden müsste, als tote Enden da.
Womöglich bin ICH aber auch das Problem, weil ich zuviele Dinge immer schon weiß (zu wissen meine)?
Vielleicht ist das Handke-Jugoslawien Thema ein gutes Beispiel.
Ich in Düsseldorf, an dem Heine-Preis-Vergabe-Ort, habe hier nicht eine Stimme vernommen, die mich damals hätte aufhorchen lassen (wie dann wieder Greiner, Hartwig, März... oder eben Botho Strauß überregional), obwohl es etwa in den lokalen opinio.de-Foren „Wellen“ schlug (von der „Rheinischen Post“ betrieben, ein meist als konservativ klassifiziertes Blatt). Aber mehr als das Hin- und Her der zu erwartenden, anderswo längst leergelaufenen Argumente ergab sich tatsächlich nicht.
(Das hat natürlich auch immer damit zu tun, dass ein selbstreflexiver Blick auf die eigenen Vorstellungen über solche Konsens-Korrektheiten gar nicht üblich ist: Die vermeintlichen [Schwarm-Parameter]-Gewissheiten sind zu stark. Allein die Frage, heraus welchen Vorstellungen man eigentlich von einem Schriftsteller nur die Doppelung von moralischen Korrektheiten statt neuer, anderer, bereichernderer Gedanken über die Welt oder einen ihrer Sachverhalte erwartet. Usw.)
Ich bin es seit langem gewohnt, eher auf einzelne Stimmen zu achten: Immer ist es eine einzelne, die etwas anders, mit anderen Betonungen oder Untertönen spricht. Diese einzelne Versuchsposition aber darzustellen, sie – eh entsprechend fragil - unter dem Druck etwa vieler Konsens-Kommentierungen, denen sie suspekt ist, nicht aufzugeben... das ist nicht vielleicht per se selten?
Aus meinem Blickwinkel wäre Atomisierung da eben die Stärke, nämlich in dem einzelnen Neutrino, dass seine anderswie leuchtende Ladung abgibt... auch wenn es dann doch unter dem Feuer der Massenmehrheit von vornherein mit dem Verschwinden bedroht ist. Würde ich es aber selber erkennen, wenn es an meinem Bewusstseinshorizont gerade etwas dunkel ist? Oder wenn seine irrationale Bewegung meiner Beharrungsträgheit zu wider läuft? Usw. Vielleicht müsste man mal ein Forum starten, in dem die unwahrscheinlichsten Meinungen co-evolutionär untersucht und gefördert würden?
(Peymann etwa, als einer der Wenigen, der anderswie auf Klar einging, wurde trotz seiner als „bizarr“ etikettierten Position doch einigermaßen weiterverbreitet... solche Effekte. Dagegen steht dann natürlich die bekannte Ökonomie der Aufmerksamkeit: Möglichst „schrill rüberkommen“ und sich um Sinn und Verstand dabei kaum mehr kümmern.)
Statt, dass ich das hier weiter spinne... wie hätten Sie sich die Behandlung des Themas denn vorgestellt?
Ich verstehe Ihre (in meinen Augen sehr idealistische) Idee des Vorteils einer Atomisierung, bin mir aber nicht sicher, ob sie auf Medien angewendet werden kann. Der Aussage, dass in "realen Leben" das Bedürfnis nach "Zusammensein" genug gepflegt ist, widerspreche ich sogar: Ich sehe gerade hierin einen wesentlichen Punkt, warum es Blogs gibt. Und ich sehe hierin auch wieder einen Grund für eine gewisse Ernüchterung, wenn sich die Erwartungen (das Finden von "Gleichgesinnten") nicht erfüllen.
Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass jeder "atomisierte" Weblog einen gewissen Anteil an dem hat, was Sie so treffend politische Anteil- oder WIrkungsnahme nennen. Es mag die entsprechenden Kommunikationstheorien geben, die dies bestätigen.
Was mir gefällt, ist der Gedanke einer Art evolutiver Durchsetzung von Äusserungen (ich hoffe, ich habe Sie da richtig verstanden). Voraussetzung dafür ist allerdings, dass diese Äusserungen im Meinungskontext des "Schwarms" multipliziert werden. Will sagen: Meine Einordnung über Handkes Jugoslawienbücher wird nur dann eine irgendwie geartete Gewichtung erlangen, wenn sie gelesen wird. Lesen ist hier natürlich wörtlich zu verstehen und nicht im digitalen Sinne als "Klicken".
Was Sie zu den "mee-too"-Kommentarforen sagen, ist natürlich uneingeschränkt richtig. Hierin liegt ein zusätzliches Frustrationspotential: Telepolis soll (wie man mir berichtet hat) furchtbar sein; selbst im "Tagesschau"-Forum ist man vor dem Pöbel nicht immer sicher. Kommentarmöglichkeiten auf Webseiten bspw. der "FAZ", der "SZ", der "ZEIT" o. ä. dienen den Betreibern ja letztlich nur dazu, unmittelbaren Reaktionen auf ihre Artikel zu erhalten. Da spielt hinein, dass die Gruppe der klassischen "Leserbriefschreiber" erweitert werden soll – die Mehrheit der 20-40jährigen greift heutzutage eher zur Mail oder nutzt eben die Kommentarfunktion. Eine pluralistische Diskussion kann (und soll wohl auch) hier nicht entstehen; alleine schon deswegen nicht, weil die Kommunikation von "oben nach unten" nicht aufgebrochen wird.
Bei Nensch wurden (werden) die Beiträge aus der "Community" selber geschrieben und von ihr auch kommentiert und diskutiert. Etwas ähnliches versucht man mit der "Readers Edition", wobei hier auch banale Alltagsmeldungen über Fussball oder Celebrity Eingang finden und das Konzept verwässern.
Gerade ein solches Thema wie Handke/Jugoslawien kann auf gängigen Meinungsforen nicht diskutiert werden. Ich wohne ja auch in Düsseldorf und war damals gar nicht auf die Idee gekommen, bei der "Rheinischen Post" irgend etwas hierzu nachzulesen.
Der Heine-Preis-Streit hat aber auch in der Blogosphäre fast nur ernüchterndes gebracht: Auf twoday war das Verhältnis ungefähr 4:1 "gegen Handke". Hierüber wäre noch nichts zu sagen. Alleine die "Begründungen" waren aufschlussreich: Fast alle derjenigen, die sich in wüsten Beschimpfungen ergossen hatten so gut wie keine entsprechenden Bücher von Handke gelesen, sondern rekurrierten nur auf Aussagen Dritter (u. a. solcher Idioten wie NRW-MP Rüttgers). Erschien in einem Medium ein abwägender Artikel, brodelte des Spiessbürgers Seele und drohte mit dem Abbestellen des Abos. Ein Blogger meinte, er werde jetzt einmal was von Handke lesen – und erntete Unverständnis.
Diese Tatsache, dass man sich heutzutage offensichtlich nicht mehr schämt, komplizierte Sachverhalte, über die man sich nicht aus erster Hand informiert hat bzw. informieren möchte, trotzdem apodiktisch zu kommentieren, ist bezeichnend. Letztlich nivellieren solche Komplexitätsreduzierer das ganze "Gewerbe" auf das Niveau eines Stammtischs. Es tröstet nur schwach, dass solches Verhalten nicht alleine auf die Blogosphäre beschränkt ist: Harry Rowohlt schrieb auch was in der "ZEIT" über den Heine-Preis und Handke und gestand darin, nach der "Publikumsbeschimpfung" nichts mehr von Handke gelesen zu haben.
Den von Ihnen angesprochenen Peymann/Klar-Punkt sehe ich anders. Peymann hat sich und sein jeweiliges Theater immer schon verstanden, effektvoll darzustellen. Keine noch so plakative Provokation war ihm da zu schade. Er hat unglaubliches für deutschsprachige Kultur geleistet und hierfür gebührt ihm grosser Dank. Aber nach dem Tod von Thomas Bernhard ist sein Theater bzw. seine Art des Theaters kaum noch aufgrund der künstlerischen Aspekte in den Fokus gerückt; die Intendanz am BE hat ihn noch mehr marginalisiert. Da kommt eine Stellungnahme zu Klar (und das Angebot, ihn zu beschäftigen) gerade recht, sich wieder in den Schlagzeilen zu finden. Dazu passen auch die Selbstbeweihräucherungen der Pressestelle des BE. Und denken Sie daran, dass sich Peymann schon früher für RAFler eingesetzt hat (man denke an die Sache mit Ensslins Zahnersatz). Und "nebenbei" wird dann Peymanns Meinung gleich mit geliefert. Exotismus – zumal, wenn er eloquent vorgetragen wird – zieht immer noch.
Auf weitere Aspekte von Ihnen bin ich sehr gespannt. (Vorstellungen irgendwelcher Art hatte ich keine.)
en-passant (anonym) - 2007-03-19 15:45
Nischenexistenz - Noch einmal zur Guerilla-Partizipation von Einzelstimmen
Komplexität als Weg in die Atomisierung? "Angesichts der schwierigen Weltlage hilft nur eines, den Schwierigkeitsgrad der Kunst zu erhöhen." (Alexander Kluge 1967 Artisten)
Immerhin: die Medien und ihre Zielgruppen, der Markt (wie die gesellschaftl. Gruppen auch) - sie zerfallen ja! Natürlich wird es immer auch Sammlungen und Nischen geben (das bringt ja auch Vorteile), aber alle Großen bündeln das Disparate der Spezialinteressen seit eh und je. Was schwindet, ist nur der Konsensdruck: Dass also jem., der sich für Sport interessiert, sich auch leidlich in Europapolitk auskennt, jem. der Kreuzworträtsel löst, weiß, dass es auch eine Börsenseite gibt. Usw. Diese Ausschließlichkeit löst auch die eigene Verbindlichkeiten, das eigene Beteiligtsein: Irgendjemand wird sich im Problemfall schon darum kümmern!
Warum wir eine zunehmende Single-Gesellschaft sind, trotz all des Unterhaltungs-Remmidemmis, der Sportklubs, die um Mitglieder plakatieren, der Bedienung noch des abwegigsten Spezialinteresses, überlasse ich mal der Soziologie. Mit all der "Selbstverwirklichung" des Einzelnen aber schwindet seine Anschlussfähigkeit, sein Kompatibilität. Dass alle irgendwie wollen, aber nicht mehr recht können, könnte an unzähligen Phänomenen aufgezählt werden.
Eigentlich müsste es weniger um Gleich- als um Andergesinnte gehen! Aber das machte natürlich erheblichere Mühe, und setzte wohl auch eine andere Bewusstseinlage voraus. Aber, um noch einmal Baudrillard zu bemühen: Es ist ja der Andere, der mir mein Sosein ermöglicht.
Tatsächlich, so lese ich Blogs: Selektiv, unsystematisch... aber immer nach der Spur Ausschau haltend, die als "radikalisiert" Einzelnes etwas an Intensität verspricht, in dem ich mich selber, in einem Teilchenaufblitzen so zu sagen, begreifen kann (oder zumindest auf eine andere Idee davon kommen).
Sicher taugten Blogs und -Foren grundsätzlich auch zur Verständigung über Sachverhalte, aber es ist doch gerade diese Aufrüstung (oder auch: The Empowerment) des Einzelnen, des Subjekts in seinem Sonderfall, das auch dessen Subjektivität dann herausstellt. Und gilt sie nicht geradezu als die Erweiterung, als die neue und wesentliche Differenzqualität zu den "alten Medien", wo die Objektivierungen ja schon seit geleistet werden (und trotzdem eben ihre Relevanz vor den Komplexitäten der Welt)?
Dass die allermeiste Subjektivität dann so wenig anschlussfähig ist - bzw. wenn alle Mehrheitsteilchen wild feuern das Exotenteilchen dann eben auch untergeht -, ist eien andere Sache.
Und die von Ihnen gesehene Komplexitätsreduzierung ist sowieso der Megatrend! Mehr als ein, zwei Kennzeichen einer Sache kann das Info- und Unterhaltungsgeflutete Durchschnittsbewusstsein gar nicht prozessieren?
Ich glaube manchmal, der unselige Kohl hat mit seiner Formel vom "kollektiven Freizeitpark Deutschland" damals etwas auf den Punkt gebracht, das immer noch gilt, und zwar bis in die neuerdings so genannte "digitale Bohème" (auch wenn ein zunehmend größerer Teil der Bevölkerung ausgeschlossen wird oder sich mehr anstrengen muss: Da frisst dann eben Lebenserwerb alle Bürgerstugenden von Anteilnahme oder sogar politischer Willensbildung.)
***
Was aber - bei immerhin ca. 80 Millionen in D, an die 300 Millionen in EU - wenn es auf die einzelne Stimme eben gar nicht ankommt (ankommen kann)?
Vielleicht sind ja Casting-Shows die neuen Formen von Partizipation? Andys 15 Minuten für jeden? Soziologen sprechen von einer neuen Art der sozialen Performanz, ein mutiges Hervortreten, dass risikobehaftet ist, aber - unter style-kritischen Augen den anderen - belohnt werden kann. Siehe etwa auch alle die "Künstler", die Moderatoren, die.... Auftretenden, die es eigentlich nicht können, sich aber trauen. Und die Erfolg damit haben, weil sie frech genug sind oder "gut aussehen".
Was, wenn diese Effekte eben auch bei Blogs zutage treten? Mehr jedenfalls als diese Empowerment-Utopisten von den "real existierenden" gesellschaftlichen Kräften, nämlich politischen Impotenzen, die über all den zu stillenden Unterhaltungsbedürfnissen zur Thematisierung anderer Fragen ihrer Existenz gar nicht mehr kommen?
Aber ich will gar nicht weiter polemisieren (obwohl das im Blog manchmal ein Ventil findet, ein durchaus Lustvolles: Den anderen mal die ewig überhörte Meinung sagen! Auch ein Motiv!).
Es ist ein bisschen schizophren:
Einerseits ist eine gewisse Ernsthaftigkeit wohl immer nur für Wenige. Andererseits soll aber auch gelten "Du bist Deutschland". Und das heißt doch dann wohl mit allem, was einer je beizutragen hat.
(Übrigens - ich erwähne es auch, da Sie das Wort "Pöbel" benutzen -, fiel mir auf, zweimal wurde der Elitebegriff in letzter Zeit prominent im Feuilleton befragt: Es ginge da wesentlich um so etwas wie die Selbstzurücknahme des Einzelnen, ich glaube, das Wort "Adel" fiel in der Überschrift. Die Wiederentdeckung der "Elite" sei aber in erster Linie ein Zeichen der Krise. Dass Elite aber auch etwas Attraktives ist... darin läge oft die verborgene Wurzel ihrer Ablehnung.)
***
Was man festhalten muss, ist wohl: Komplexe Sachverhalte brauchen Vermittlung. Von daher wird es mit Pluralismus immer weniger weit her sein. (Da kann man andere komplexe Dinge dann in Buzzwords abhandeln: PISA, Migrantentum, Verwahrlosung, Zweidrittel-Gesellschaft etc.)
Vielleicht muss man sogar, hat man weitergehende Ansprüche, mit den Blogs arbeiten, die es eben so gibt? Überflogene Meldung letztens: Die Dame von "Lyssas Lounge" übernimmt jetzt eine Redaktion bei der Welt-online? Na, also! Ich denke aber, ich werde mir weiter nach Themen bzw. Autoren die Texte aussuchen, die mich angehen.
PS noch zu Handke:
(Von Peymann weiß ich zu wenig, er fiel mir nur als eine der wenigen "dissidenten" Stimmen auf. Ist es nicht auch in solchen Zusammenhängen oft so, dass da jede einzelne zählt? Das ist ja mit das Elend der Einzelnen, dass sie sich noch vor ihren Allianzen hüten müssen. Und wenn alle auf Exotismus reagieren, wird er - zumal als Theatermann - wohl wissen, wie er ihn einzusetzen hat: "win/win" mit der PR immer auch ein bisschen für sich selber. Cosi fan tutte!)
Ich fand es seinerzeit gerade interessant einmal zu hören, was denn "die Leute" zu dem Thema so zu sagen hatten. Einerseits mit einem Seitenblick auf OB Erwin, dem ich soviel literarischen Verstand nicht zubillige, als dass er den einmal von dieser Jury nominierten und immerhin ja namhaften Autor sich nicht zur Selbstschmückung gewünscht hätte.
Andererseits überhaupt mit einem gewissen Interesse auf das rührige, aber ewig provinzielle Dorf an der Düssel. Denn siehe da: Kaum ein Politiker hatte etwas von Peter Handke gelesen - aber zuständig fühlten sie sich alle! Haha!
Und so, meine ich mich zu erinnern, war dann auch oft der Tenor von besonneren Stimmen in opinio: Ja, Künstler... Versponnene eben! Aber: Kunststadt D-dorf: Beuys! Wilp! Bringt doch Renommee! (So deren win/win). Und man solle doch den Ruf der Stadt damit / nicht / jetzt nicht noch mehr aufs Spiel setzen, so oder so.
(Ich rätsele dann immer, ob es einen etymologischen Zusammenhang gibt und wie er zu erklären wäre, wenn, dass in "Lokalpatriotismus" das englische "RIOT" steckt.)
PS zum PS
(und das jetzt mit einem Seitenblick auch auf den Beitrag von kranich: Er sagt es ja sehr gut auf seine Weise und führt einen sehr guten, vielleicht überhaupt weiterführenden Begriff ein: Wechselseitigkeit.
(Und zur Kurzfristigkeit: Ja, vielleicht sind die Potenziale längst da, arbeiten und wirken und wir sehen sie nicht, außer, wie immer, ihre Oberflächeneffekte?)
Ich möchte es aber wieder persönlicher wenden:
Keine Ahnung, was ich an Kommentaren zu Handke seinerzeit erwartet hatte. Aber ich war auf meine Weise "erschüttert". Und zugleich, das fällt mir jetzt auf: Hatte ich nicht, zu meiner eigenen Miesheit, meine Annahmen in eben diese Unbedarftheiten auch einmal wieder bestätigt sehen wollen?
Ich hatte damals einer Mailfreundin in Frankreich etwas dazu schreiben wollen, erinnere mich aber, dass ich es dann nach einigem Aufwand abgebrochen hatte - etwas, das bei mir selten vorkommt! Es war dann aber das Themenmiteinander zu komplex in dem aus meiner Perspektibe Anzusprechenden, zu kompliziert aber auch in den Berührungen von etwas in mir selber... versuchsweiser Stimmfindung in etwas bisher Ungesagtem, in der "anderen Wahrheit" von Literatur, im Gestus der Einspruchnahme, meinem eigenen Außenseitertum... und dann eben auch in dieser Stadt, in ihren Instituionen zur Gemeinschaftsfindung, in dieser Gesellschaft. Es war so zu sagen ein Moment selber an Politik! An selbsthafter Elementarteilchen-Politik, um es einmal so verquer zu sagen!
Ich erwähne das auch, um noch einmal auf das notwendig Vereinzelte so mancher Blog-Stimme hinzuweisen. (In der Quantenphysik übrigens gehen die allermeisten Exoten-Teilchen auch einfach unter, sie können ihre Potenziale nicht wirksam machen.)
Konkret: Es hat früher für mich verschiedentlich Möglichkeiten gegeben, in lokalen Institutionen etwa, meine Stimme als reale Anteilname einzubringen (ich kenne heute noch Leute dort, in so genannten Kulturgremien etwa). Es war dann mir aber letztlich nie möglich. Ohnmacht, und zwar solche, die elementar mit meinen persönlcihen Möglichkeiten zu tun hatte, die auf die objektiven, selber aber wiederum komplexen Verhältnisse treffen. Ich halte dies tatsächlich für eine weitverbreitet vorkommende, für eine gesellschaftliche Sutuation: Der Einzelne angesichts der (ihm nicht einmal a priori feindlich gesonnenen) Übermacht.
Zugleich stelle ich fest - etwa bei freien Künstlergruppen, seltsam unbestimmten Kunstläden und Aktivitäten hier und -, dass immer mehr "inkommensurable" Einzelne auftauchen, dass sie anderswie einmal da sind, hier Auftreten, dort etwas Plakatieren, wieder Untergehen... anderswie weiterwirken. Ich habe dafür keine Theorie. (Sie könnte vielleicht anschließen an die "Cool Killer"-Zeiten, urban-art-Bewegungen, auch soziale Stadtteilkommandos, Spontis etc.)
Ich denke aber, dass es auch da kritische Massen geben kann, Übersprünge hier und da, Unterwanderungen, die all die Schäubles der Welt nicht mal namhaft machen könnten, geschweige denn kontrollieren. Ich habe nicht die Illusion, dass diese Potenziale mal zu etwas wirklich Bewegendem reichen werden. (Allein dass seit dem Wechselbalg des "Neubeginns" eine solche veränderungsunwillige Partei wie die CDU derart Bestand hat, sagt mehr über die Bewohner dieses Landes und die Vielzahl der Einzelnen daran Verzweifelten.)
Für mich persönlich allerdings stellen sie in eben ihren Potenzialen (etwas, das permanent mit so etwas wie einem Möglichkeitshorizont verbunden bleibt) eher etwas Anschließbares dar, als die seit langem mit den üblichen Trägheitskräften durchsetzten Bewegungen. Ideen-Guerilla-Marketing der anderen Art, wo sie, Ideen und ihre Kräfte, wie Quantenteilchen "tunneln" und anderswie in Erscheinung treten mögen. Warum nicht hier und da in einem Blog, wenn sie - Entschuldigung, falls ich die Metaphorik bisher etwas überstrapazierte - einen solchen "Ereignishorizont" bieten?
en-passant (anonym) - 2007-03-19 16:05
...ach ja, das noch: Stichwort „Zeitgenossenschaft“, Interessante Meldung dazu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2007
Die Schriftstellerinnen Sybille Lewitscharoff und Felicitas Hoppe begraben im Interview mit Hubert Spiegel die Kollegen Martin Walser und Günter Grass, deren "permanente Zeitgenossenschaft" ihr Werk zerstöre. Lewitscharoff wird recht deutlich: "Ich glaube, das hat ihnen wirklich das Kreuz gebrochen, auch wenn sie heute noch verehrt werden, aber das hat sie wirklich in die Falle gelockt, in die Werksfalle sowieso. Wenn man permanent in dieser Weise kommentieren muss, sich derart dem Zeitgeist aussetzt und ja auch an die Spitze des Zeitgeistes möchte, dann wird auch das eigene Werk infiltriert. Man ist ja jeder Form der Vulgarität ausgesetzt ." (Hervorhebung von mir)
(Im vorherigen Beitrag habe ich versäumt den Tag für Fettdruck hinter „das notwendige Vereinzelte“ zu schließen.)
Kohls Ausspruch vom "kollektiven Freizeitpark" fand ich nie ganz untreffend – ich interpretiere es vermutlich aber ein bisschen anders als er. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker gab Kohl indirekt vor vielen Jahren recht, als er meinte, die deutsche Gesellschaft habe jahrzehntelang in einer Art "stillem Übereinkommen" (meine Worte) mit der Politik einen "Vertrag" geschlossen: Die Politiker sollen sich um den Wohlstand und dessen Vermehrung kümmern – im Gegenzug kümmern sich die Bürger nicht zu detailliert um die Politik (und die Politiker).
Die Folgen dieses "Kontraktes" erleben wir heute. Immer dort, wo dann – entgegen der ursprünglichen Intention – eine Stellungnahme geboten erscheint, kommt es dann zu der von Ihnen als Megatrend beschriebenen Komplexitätsreduzierung. Das kann man überall sehen – von Feuilleton-Themen wie Handkes Jugoslawienbücher bis zur alarmistischen "Klimawandel"-Diskussion, die seltsame Blüten treibt und schon längst die tatsächlichen Implikationen zu Gunsten griffiger aber leider sinnloser Imperative vergessen zu haben scheint. Sie ergibt sich aus der Crux, über nichts mehr Bescheid zu wissen, aber genötigt zu sein, zu allem etwas sagen zu müssen. Dem sind Politiker von Amts wegen vielleicht noch entschuldbar verfallen (nein, eigentlich nicht entschuldbar!). Aber Blogger? Warum nicht aus Respekt vor der eigenen Unwissenheit einmal schweigen?
Insofern ist übrigens ihr Bild des Moderators oder der unseligen Casting-Shows treffend – hier gewinnt nicht unbedingt derjenige, der "fachlich" der beste ist, sondern der beste Vermarkter (und: ja, um so etwas behaupten und sagen zu können, habe ich mir natürlich einige dieser "DSDS"-Sendungen angesehen).
Einerseits ist also ein gesellschaftlicher Druck vorhanden, sich zu allen möglichen komplexen Themen äussern zu können (und nicht nur auf dem Niveau eines smalltalks bei Partys) - andererseits erfolgt das natürlich meistens auf einem Niveau des Dilettanten (hier verwendet im ursprünglichen Sinn). Weblogs multiplizieren irgendwann diesen Dilettantismus, der durch die Syndikatsbildung (das Verlinken von/mit Gleichgesinnten) mühselig zugekleistert wird.
Das Problem ist dabei, dass auch die professionelle Journalistik immer mehr einem Dilettantismus fröhnt, der manchmal geradezu erbärmlich ist. Und noch einmal: Ich möchte Dilettant nicht als ausschliesslich negativ konnotiert verstehen!
Immer wenn bei Nensch argumentationsresistente Zeitgenossen auftauchten, war der gängigste Ratschlag: "Nicht antworten – Don't feed the troll". Ich empfand das immer als reichlich paradox - einerseits ist ja man gerade auf einem Forum tätig, um einen Diskurs zu pflegen, andererseits sind mit bestimmten Zeitgenossen ab einem gewissen Punkt offensichtlich keine vernünftigen Diskussionen mehr möglich. (Ich habe damals schweren Herzens versucht, mit an die DFTT-Regel zu halten; nicht immer erfolgreich, übrigens.) Ein Weblog ist da der ideale Ausweg – nach einer gewissen Zeit blendet sich die Klientel, die sich über die Inhalte des Bloggers aufregt oder sich gelangweilt fühlt, einfach aus – man ist unter sich. Der Blogger ist also der "selbstverwirklichte Einzelne" (um Ihr treffendes Wort ein wenig abzuändern) – dessen "Anschlussfähigkeit" aber schwindet. Von hier zum Solipsismus ist es also nicht mehr weit, oder?
Ihr emphatischer Ansatz ist nun, dies nicht als besonders schlimm zu erachten. Im Vertrauen (ich glaube nicht, dass noch jemand mitliest): Ich stimme dem ja dahingehend zu, weil ich ja selber einen Weblog habe und eben die oben beschriebenen Verfahrensmuster inzwischen selber (zu meinem Leidwesen – teilweise) praktiziere. Ein gelegentlicher Blick über den Tellerrand allerdings offenbart grausiges; es gibt Weblogs, die derart rassistisch sind, dass sich einem die Haare zu Berge stellen (sie zelebrieren dies als besonders tugendhafte und freiheitliche Meinungsäusserung; rhetorisch nicht ungeschickt [diese meinte ich mit "Pöbel"] und übrigens weit entfernt zum dumpfen Rassismus der üblichen Dummköpfe). Hierauf dann nicht zu antworten hat immer auch ein wenig mit stillschweigender Akzeptanz zu tun; ein Dilemma. Ich kenne einen Blogger, der gelegentlich in anderen Blogs (und auch Foren) derart beschimpft wird, dass im Nu eine virtuelle Lynchmobstimmung aufkommt, die ad hominem geht.
* * *
Es ist ja nicht so, wie uns vor 25-30 Jahren erzählt wurde: Man breche das öffentlich-rechtliche Monopol des Radios und Fernsehens zu Gunsten privater Anbieter – und die Meinungsvielfalt prasselt über uns herein. Ich erinnere mich an flammende Appelle für "Bürgerrundfunk" und von der schönen Zeit, wenn Fernsehgremien von den Knechtungen der Parteieninfiltration frei seien; das bisschen Werbung… Und was haben wir bekommen? Ich verkneife mir Aufzählungen. 1993 wurde dann (man war schon mit RTL und SAT1 zugekleistert) ein ambitionierter Informations- und Nachrichtensender gegründet: VOX. Ich glaube, es dauerte nicht einmal ein halbes Jahr, bis die ganzen wirklich informativen und anspruchsvollen Sendungen zu Gunsten der üblichen Einheitssosse verschwunden waren – es gab nicht genug Quote. Und wo gibt es Qualitätsfernsehen im Moment? Bei den öffentlich-rechtlichen – in Nischen von "3Sat" und "Arte". (Neulich, ein Verwandter in Bayern. Es wurded von der Mietergemeinschaft abgestimmt, welche Fernsehkanäle von der Sat-Anlage übernommen werden; es gehen aus technischen Gründen nur 12 oder 15. Irgendwann stand dann zur Diskussion: Entweder "Kabel 1" und "Super-RTL" oder "3Sat" und "Arte". Brauch ich das Ergebnis nennen?)
In diesem Sinne stimme ich Ihnen also auch zu: Wir müssen nur lange genug suchen, um in der Blogosphäre so etwas wie "3Sat" zu entdecken – die Frage ist aber, ob der Blogger, der dies ja in der Regel freizeitmässig betreibt, dies durchhält.
Was Sie zum "lokalen Einbringen" sagen, deckt sich mit dem, was ich von anderer Seite immer wieder gehört habe. Engagierte man sich bspw. politisch in Parteien auf lokaler Ebene, wurde man zunächst einmal zum Plakatkleben abgestellt; die Rahmenbedingungen waren längst ausgekungelt, bevor man seine Ideen und Gedanken hätte einbringen können. Ich halte es jedoch für fatal, zu glauben, durch eine Nischenöffentlichkeit wie das Bloggen wäre die Möglichkeit der Partizipation höher. Das hielte ich für eine Täuschung. Hier würde ich eher auf meinen Gedanken über ein Forum verweisen – welches durchaus pluralistisch ein könnte, aber eben grundverschieden vom Mainstream wäre.
* * *
Zum sehr interessanten Kommentar der "Zeitgenossenschaft" äussere ich mich später oder sogar in einem separaten Beitrag.
en-passant (anonym) - 2007-03-24 13:50
Der Einzelne und seine Ruhmeshallen
Zum „stillen Übereinkommen“ à la Freizeitpark-CDU-Staat. Mag denn wirklich jemand auf Dauer mit den uninspirierten Figuren bei solchen scharfen Sachen wie Gesundheitsreform und Krippenplätze belästigt werden? Oder anders herum: Wer wäre da noch fähig und wach genug für immer wieder mikropskopisches Nachdenken über derart öde, wenn auch ebenso längst notwendig komplexe Sachverhalte?
Allerdings ist so etwas wie „Schweigen“ wohl gar nicht mehr möglich: Alles braucht unentwegt Nachschub.
(Sogar ich mit meinem Tobak kriege Mails, warum ich keine Beiträge mehr einstelle!)
Aber so oder so: Bleibt nicht alles Verblendungszusammenhang?
Ein Lehrstück der Einspruch des ehemaligen Generalinspekteurs Naumann letztens zur „Ahnungslosigkeit unserer Politiker“ – immerhin sogar Steinmeier, der Minister des Äußeren! - zu „weltpolitschem“ Handeln, also der Sophistik wg. den neuen amerikanischen Raktenstationierungsplänen und dem „taktischen“ Auftritt Putins inm München. Es machte es schlagartig deutlich: Politik ist wesentlich auch ein Illusionstheater. Soll man es aber ergründen wollen, wenn einem die notwendige „Information“ aber per se vorenthalten wird resp. manipuliert scheint?
Lehrstücke auch, diese zähen „Aufklärungen“ um die CIA-Flugzeuge oder diese Sache mit Kurnaz, immerhin ein Bürger mit Verfassungsrechten! Was ist da gelaufen und was läuft da immer noch, während uns auf den Bildschirmen die zähen Rituale derer informationellen Aufklärung vorgeführt werden: Durch andere uninspirierte Figuren. Demokratie, Politik, Medien... unsere derart verhandelte und täglich „upgedatete“ Welt... Kann man sich noch dafür interessieren?
Die Fragen sind natürlich rhetorisch, aber sie zielen auf ein gefühltes Moment von Abgekoppeltsein von solcher Art Welt, und zwar auch durch ihre – hergestellte, nicht mehr zu unterlaufende – Komplexität. Also wendet man sich ab. Und behauptet sich anderswo. Journalismus wäre dann, solche Zusammenhänge nachhaltig aufzuklären (und immerhin gibt es das hier noch: In den USA, mit weitgehend unverstellten „Tendenz“-Nachrichten, haben deshalb Blogger tatsächlich ein anderes „standíng“).
Um auf das Bloggen hier zurückzukommen: Diese Art Unernst im Wissen über kaum einermaßen zu sichtende Themen herrscht ja auch da. Und ist das aber nicht ein gutes Zeichen? Können wir eine vernünftige Abschätzung treffen, wenn wir gar nicht wissen, dass etwa Putin von den Amerikanern über deren neuerlichen Raktenunsinn lange informiert war und diesen Vorsprung dann zu einem taktisch guten Zeitpunkt auf der Tagung in München zu einem moral-stragetischen „Vorsprung“ gegenüber dem Westen nutzen konnte? Usw. Wer wollte das alles durchblicken? Wen noch ernst nehmen?
(Aprospos Bahr, der sicher ein ernst zu nehmender Mensch ist, aber ist der auch nur den Informierteren durchschaubar? Ist er nicht der Prototyp des Geheimen Unterhändlers, Fädenziehers. Man kann dann auf die grundrechtliche Verfasstheit solcher Hintergrund-Politiker immer nur hoffen. Und dennoch gibt es dabei die still-elitäre Haltung: Wir müssen das tun, es ist zu Deutschlands Bestem, wir wissen schon, was zu irgendjemands Besten ist... obwohl es demokratischen Verfahrensprozessen zur Konsensfindung entgegen steht. Wer entscheidet das wann, wenn es den üblichen Verharensregularien entzogen ist?)
Ich will nur sagen, dass all die „Information“, weder die wohlfeile noch die potenziell-verfügbare, längst nicht mehr durchschaut werden kann, und dass jeder – ich hier gerade -, der versucht sie abzuwägen und sich dabei bewusst ist, wieviel er – Komplexitätsreduzierung – auszulassen hat, in dem Gefühl der dabei fälligen Ohnmacht nicht ganz falsch liegt. Warum es also ernst nehmen? Warum sich nicht die gleiche Freiheit nehmen? Warum nivcht Bloggen und unverANTWORTlich daherreden? Wenn man dann noch sieht, mit was und wie breit sich Zeitgenossen „im Fernsehen“ äußern dürfen? Man könnte annehmen: Eine Idiotenrepublik! Und müsste sich doch den Vorwurf der elitären Anmaßung anhören, weil es diesen Wunsch nach der Partizipation aller gibt!
(Da ist mir Botho Strauß dann immer so sympathisch: Ich denke, dass bei all den längst gängigen öffentlichen Affekten auch der des schlichten Ekels, der der offenen Verachtung seine Berechtigung hat. Die, die in dafür zeihen und sich selber in ihren basisdemokratischen Distinktionen adeln, kommen mir da durch ihre Geläufigkeiten nur anderswie blindgängerisch vor. )
Wäre es also nicht wirklich besser, und zwar für alle, einfach mal ab und zu den Mund zu halten? Aber Schweigen, glaube ich, ist eben längst etwas Unmögliches.
***
Das mit den „Privaten“ ist ganz übel. Aber da habe ich auch zu der ganzen Argumentiererei keine Lust mehr: Abschalten den Dreck, weil ihn nun wirklich niemand braucht. Aber bin ich da nicht auch in einer gewissen Nähe zum mir sonst fremden „Terrorismus“? Ich glaube, es ist aber auch ein gutes Beispiel für mein Nischen-Argument: Es GIBT einfach nicht genug Nachfrage nach Differenz. Und Zyniker sagen: Der gesellschaftliche Bodensatz, der sich Junk-Tivi ansieht, muss eben auch irgends gebündelt werden.
(Mir fällt da immer der Satz des grausligen RTL-Thoma ein: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken nicht dem Angler“. Ja, aber! Er als gesellschaftlich-relevante Kraft – heute noch agiler „Berater“ etw bei Bertelsmann – übernimmt natürlich doch keine Folgen für die Analphabetisierung, nur für den Profit. Der Fisch stinkt da aber tatsächlich - und anhaltend! - vom Kopf her.)
Es bleibt bei „arte“ – immerhin! Es bleibt bei der Nische – sonst gäbe es eben gar nichts! Und am besten ist es (für mich, der sich da abgekoppelt hat), sich darüber auch nicht mehr groß aufzuregen, weil man doch zu sehr zum Don Quichotte wird.
Der große Einzelne – die Linie Schmitt, Jünger, Benn.... oder heute Botho Strauß, Dávila etwa – ist ja für unsereins auch kein praktisches Vorbild. Die – als Abstraktum zu verteidigende - Masse ekelt uns aber doch an. Zwischenwesen also, sind die meisten, die sich noch - anteil-nehmend & individualistisch - äußern da nicht für ihre Nischen gemacht? Jeder (s)ein Sonderfall und zugleich Teilchen in etlichen Strömungen? Also ist so ein Blog immerhin eine Art distanzierte Teilnahme, sein kleinen Betrag in der riesigen Textmasse immerhin einzuspeisen... bevor man völlig (völlig verzweifelt? wie die Leute der RAF? gerade Ohnmacht ist ja oft Grund für radikale Gewalt), und als Meinungs-Gesamtheit im Mainstream dann eh untergeht.
Ich neige immer zu dem „ephemeren Verlangen“. Die Tussi, die sich in ihrem Tussitum dort spreizt, die Schüler in ihren pubertären Abenteuern, all die Themen-Spezialisten in ihrem Sonderwissen ebenso... es wirkt da auch immer ein Narzissmus. Ins Blog ausgelagert werden auch diese Momente von Entdeckung, von eigenen Besonder- d.h. Selbstheiten, von Gefunden- (Erwählt-, Erhört-, Errettet-, Erlöst-)sein. Das Blog ist, als Ort der „Stimme“, wie immer auch moduliert, auch ein „Ruf“ selbst, dort allein ebenso wie herausgestellt zu sein, mit sich berufen und zugleich unter alle anderen.
(Fällt mir gerade ein: Sloterdijk arbeitet diese Seiten sehr gut heraus in seinem Aufsatz über Bach und das „Sirenen-Stadium“. Siehe aber auch den „oralen Fundamentalismus“. Das alles in „Sphären I Blasen“. Vielleicht liegen jeweils in solchen Tiefe mehr Gründe, als das oberflächliche Medium denken lässt?)
Ja, auch Iris Radisch hat vergangenes Jahr einmal den Respekt vor der Schreibhemmung eingefordert; versteckt (wie sonst gar nicht bei ihr) der Hieb auf die Geschwätzigkeit der Medien. Auf einem Blog so etwas einzufordern, bedeutet jedoch vom Metzger die Umstellung auf ein vegetarisches Angebot anzuregen. Und, nein, mit aller Entschiedenheit GEGEN ein unverANTWORTliches daherreden – DAS bekomme ich doch überall schon geliefert. Um es klar zu sagen: Viele Blogs unterscheiden sich doch nur marginal von primitiven Stammtischen. Und man erschrickt, wenn man erfährt, wer denn dahintersteht: manchmal (oft genug) Studenten; Mittelstand – kurz: Leute, von denen man anderes erwarten dürfte. Will ich aber bei bierseligen Stammtischen dabeisein? Nein; wirklich nicht. (Nebenbei die Frage, ob die "akademischen Stammtische" besser sind.)
Und s/Sie bringen es auf den Punkt: Einerseits der Wunsch nach Rückzug aus dem Politischen – andererseits der Wunsch nach Partizipation. "Was denn nun?" frage ich denjenigen, der mir nach fünf Minuten von mehr Bürgerbeteiligung schwärmt, aber nie und nimmer Argumenten aufgeschlossen ist. Man kann sehr leicht gegen "die Gesundheitsreform" sein, wenn man sich das Ding nicht durchgelesen hat. Will ich das aber? Ehrlich gesagt, nein. Aber ich müsste es, wenn ich hierüber (mit) zu entscheiden hätte.
Wir können uns aber eben gerade nicht diesen uninspirierten Geistern ausliefern! Wir sind zum Mitdenken verurteilt; wenigstens zum Fragen (Handke!). Aber dann mein Ekel, wenn ich eine Sendung in Radio und Fernsehen anhöre, bei der dann irgendwelche Leute anrufen und Politiker (oder Journalisten) befragen. Diese Leute haben nämlich meistens keine Fragen mehr, weil sie nur ihre Antwort durchgehen lassen. Fünf Minuten ein Held sein und seinen Sermon ablassen! Einwegkommunikation mal anders; multimediales Schmierentheater. Mit Recht auf dem Rückzug. Nein, ich bin dezidiert gegen grossflächige Volksentscheide (Ausnahmen auf kommunaler Ebene und die ganz grossen Entscheide [EU-Verfassung oder so etwas ähnliches!]). Sonst hätten wir ganz schnell Todesstrafe für Kinderschänder; die D-Mark; den Austritt Deutschlands aus der EU. Der Bürger wird eigentlich durch seine Repräsentanten vor sich selbst geschützt. Aber was, wenn diese Repräsentanten nicht mehr integer sind?
Und: Ich vertraute einem Egon Bahr noch, dass er "das Beste" wollte und machte – und schliesslich mussten sich ja die Produkte seiner Diplomatie den Abstimmungen stellen. Aber traue ich heute noch jemandem wie Steinmeier? Wohl eher nicht.
Zu den Blogs: Ich sehe Ihr Argument der Nischenexistenz. Aber wenn sich ein Nischenblogger in die Nische begibt, dann verhungert er dort, oder? Wird vielleicht zum "Autisten"? Wie die Leute in der U-Bahn, die mit aufgepfropften Kopf- oder Ohrhörern den ganzen Wagen beschallen, nur um sich abzuschotten? Neulich schrieb mir jemand, dem ich andeutete, dass ich den Blog schliesse, ich sei doch so was wie "3sat" oder "SZ", also "unverzichtbar". Und Redakteure dort würden doch auch nicht auf Zahlen, Quoten, Leserbriefe schauen. Klang alles gut – aber es stimmt nicht. Natürlich schauen sie darauf und selbst ein öffentlich-rechtlicher Sender wie "3sat" steht unter Legitimationsdruck. Eine Sendung wie "Kulturzeit" kann so gut sein, wie sie will – ohne Quote würde sie nicht weiterbestehen (zur Sicherheit verpasst man sich gerade dort eine neue politisch-korrekte Linie). Und "arte" findet jeder toll, guckt aber keiner.
Abschalten, den Dreck der Privaten. Ja, einverstanden. Aber damit blenden Sie sofort rd. 30-40% (50%?) der Bevölkerung aus, die ihre Informationen fast ausschliesslich hier beziehen! Und diese Leute entscheiden ja die Wahlen! Und man überlege einmal: Die Parteien beklagen, dass sich "traditionelle Bindungen" an sie auflösen. Sie sollten es als Chance sehen – denn ein Wähler, der heute CDU gewählt hat, steht dort nicht mehr dreissig Jahre lang unverrückbar. Sie haben es aber lieber, wenn der "Wechselwähler" ins Lager der "Nichtwähler" wechselt – auch, wenn sie natürlich das Gegenteil sagen. 'Wenn ich seine Stimme schon nicht bekommen kann, dann der andere auch nicht.' Das ist eine Politik des "verbrannten Wählers" (statt verbrannte Erde), die dort seit Jahrzehnten betrieben wird.
Im Grunde genommen sind RTL und SAT1 "Riesennischen" für das sich so rasch und bereitwillig entpolitisierende Volk. Und dann vorgestern kurz im Fernsehen Michael Naumann mit einem Blumenstrauss, als er von 99% der Delegierten der Hamburger SPD zum Kandidaten für die Hamburger Bürgerschaft gewählt wurde. Man stelle sich Naumann vor, wie er mit RTL-Zuschauern diskutiert. (Kennen Sie noch den "heissen Stuhl"?) - Dilemma: Solche Leute müssen in die Politik – sind für die Masse der Wähler aber so exotisch wie ein blaues Kaninchen.
Wer ist in der Nische? "arte" oder "RTL"? Oder beide in jeweils anderen Ecken (so nennt man das beim Boxen wohl)? Sinnvoll muss es doch sein, einen Diskurs zwischen beiden zu suchen - und zwar ohne Anbiederung an die Masse. Ist es nicht eine Schande, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen (ARD / ZDF) mehr und mehr zur willfährigen Hure des Massengeschmacks verkommt? An einem Sonntag gab es von 8 Uhr bis 17 Uhr Sport auf der ARD. Bezahle ich für Biathlon, Langlauf, Skispringen und Bobfahren? Wohlgemerkt: Das waren keine Welt- oder Europameisterschaften, sondern meistenteils nur "normale" Weltcup-Spiele. Brot und Spiele – aber wo ist da der Anspruch? Und warum laufen denn Büchersendungen um 23.30 Uhr sonntags? Weil sie um 22.45 Uhr mal eine niedrige Einschaltquote hatten?
Und da sind Weblogs eben nichts anderes als ein Spiegelbild der medialen Gesellschaft. Daher teile ich den Optimismus nicht, obwohl ich das Potential durchaus sehe. Aber auch im Fernsehen steckt ein grosses Potential – es wird nur nicht genutzt.
Ephemeres Verlangen – Zeitvertreib. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Oder?
en-passant (anonym) - 2007-03-29 15:55
Brot & Spiele - und die blinden Flecke des eigenen Unvermögens
...ephemeres Verlangen unser allen Zeitvertreibs (also ob mit ohne ohne vorgeschobenen Überbau von kippenden Gründen).
Ja, das trifft was! Was ist aber dann mit der Demokratie, wenn man sie verwirklichte? Müsste man nicht also einmal die Unvernunft der Massen „zu sich selbst kommen lassen“? (Oder ist sie da schon immer?)
Sonst bleibt es ja beim status quo derjenigen, die sich möglichst nicht in ihren Gewissheiten erschüttern lassen wollen. (Letztens während des Wartens auf einem Zugbahnsteig gehört: „Die Ausländer nehmen den Deutschen ihre Arbeitsplätze weg,“ tatsächlich mit allem Ernst an Überzeugung. Ist so etwas überhaupt noch argumentierbar? Welcher Aufwand macht dazu Sinn? Sollte man solche Dinge nicht an sich selber zuzgrunde gehen lassen?) (Alle Fragen hier sind natürlich rhetorisch.)
Mir ist Bahr auch sympathischer als Steinmeier, aber ... gibt es überhaupt eine Wahl? Sind es nicht „gefühlte“ Argumente, die Zustimmung (Stimmen) bringen? Insofern war Schröder schon richtig, wie es jetzt auch Merkel ist: Irgendwie drückt sich der Zeitgeist auch in den Temperamenten und Mentalitäten der prominent im Namen anderer Agierenden aus. (Und Kohl hatte jenes unsympathische Deutschland vielleicht auch verdient?)
Mir kommt es manchmal so vor, als ob man die Schwächen des Systems, die Stumpfheit der Mehrheiten, die Idiotie der Medien, diese ganze träge Umwälzung namens Fortschritt, während der der Weltgeist angeblich zu sich findet... das man anscheinend das alles in Kauf zu nehmen hat, um „Freiheit“ – dann auch in seinen Elaborierungen, etwa der Wissenschaft, der Kunst - zumindest eben in ihren Nische relativ unbedrängt sich realisieren zu lassen.
Dieses „Verhungern“... wenn ich etwa ein ungeselliger Mensch bin, der sich eher für entlegene Kunst- als für die gängigen Gesellschaftsthemen interessiert, der in keinen Verein oder schon gar eine Partei eintreten mag, den Fußball nicht interessiert und auch sonst keine Massensachen... bin ich dann nicht per se abgehängt? Eine Nischen-Eixstenz? Eher wenig anschlussfähig an irgendeine Art Konsens? Ich frage mich das selber. Welche Art Partizipation ist mir noch möglich?
Und: Ist im Moment des Interesses des Persönlichen, wie es nur schwerer vergesellschaft werden kann – Obsesssionen, Leidenschaften, Manien, Agressionen... – nicht immer auch „autistisch“? Und wäre das nicht gut, angesichts einer alles bis ins Restlose vereinnahmen wollenden Idee namens „Politik“? (Der Widersprüche bin ich mir bewusst, aber es wären eben auch die Widersinne, die daran zu erwecken wären. Die Ir-ratio, die das Unvereinnehmbare des Eigensten vielleicht selber re-präsentiert.)
Ohne Ironie: Manchmal empfinde ich ja auch so etwas wie eine ans Anonyme gerichtete Dankbarkeit für die Möglichkeit meiner Randexistenz.
Kleine Zwischenbemerkung zum Fernsehen:
Ich schau fast nichts anderes als „arte“ – nicht, weil ich so differenzsüchtig bin oder mir selber auf die Schulter klopfen will: Ich würde mich gerne mal unter meinem Niveau gemein machen... aber mich auch nicht mehr dafür ekeln müssen (etwa bei dieser alles-verseuchenden Comedy). Es geht also kaum. Und siehe da: Die interessantesten, ungesehendsten Bilder kommen tatsächlich oft in diesen Experimentiersendungen nach Mitternacht! Ich beschwere mich also nicht, sondern bin froh, dass es überhaupt eine Ecke dafür gibt!!
„Kulturzeit“ allerdings ertrage ich kaum mehr: Eigentlich ist das auch nur mehr eine Ecken-Konsenssendung, die mir schon in der Anmoderation aufgibt, mit welcher Haltung und welchen Denkbausteinen ich das folgende Thema nun aufzunehmen habe: „Muss man das nicht auch im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus sehen?“ Ja, wie denn sonst? Brav!
Will sagen, dass bei diskurs-korrekter Über-Abdeckung von relevanten Themen ebenfalls Verflachungs- und Redundanz-Effekte einsetzen: Denkfaulheit! Alle Aufklärung nivelliert sich auf dme erreichten Niveau! Das ist weniger zynisch gemeint als ein Problem eben der Vermittlung: Weniger wäre mehr!
(Und auch dort längst jeder Magazin-konform Beitrag aufgepimpt mit überflüssiger Musik, mit immer mehr MTV-Ästhetik, alles vermeintlich nicht sofort Vertraute sofort auf einen mittleren Stand der anzunehmenden Informationspegels darüber gebracht! Sie lassen die Bilder, die Gesichter, die Besonderheiten nicht ausreden! Dazu kommt alles zusehends schmissig, konsumier-erwartbar, reproduktiv bis in die Formalien: Geht’s um Malerei etwa, klimpert immer ein Klavier - immer!. Bitte einmal keine Klavieruntermalung, wenn gemalte Bilder gezeigt werden, einmal nur, ja?! Danke!
Ich denke, diese Redaktion bräuchte dringend Erneuerung, eine Frischzellenkur! Und vorher etliche Erschütterungen ihrer Selbstgewissheiten. )
Das mit dem „Spocht“ hat wohl mit Geld zu tun: Die wissen, dass sich nur Minderheiten für solch exotische Disziplinen interessieren, aber es bindet gesellschaftliche Gruppen, erzeugt die Illusion der „Versorgung“ (ein wesentlicher Begriff für die Ö.R.!) und bringt billige Sendeformate.
Das, was einmal Vorteil war – viele Landesanstalten, Vielfalt – ist selber zur Erstarrung geworden. „Kultur“ ist nur ein bunter Fleck für Minderheiten im „audience flow“ für den Mainstream.
Genau darum ging es mir bei der Beschreibung der meisten der aktuellen Weblogs: Sie wollen sich nicht in ihren Gewissheiten erschüttern lassen. Ich lasse das Wörtchen "möglichst" sogar noch weg! Die Frage ist nun, ob das eine Tugend ist oder ein Elend.
Im beschriebenen Beispiel (am Bahnsteig) ist es natürlich ein Elend. Meine Zeit, als ich dem dann widersprach, mich (verbal) einmischte, ist längst vorbei (genauer gesagt: ich habe es nur 2-3 mal gemacht). Aber im Blog?
Nehmen wir das aktuelle Beispiel um die "Koran-Richterin" (so eine Titelzeile auf einem Weblog). Wer hat ernsthaft den Sachverhalt vom Affekt gelöst? Wenige. Wer die Nachricht zuerst möglichst deftig kommentierte, hatte das meiste Echo. Reagans Gesetz: Eine Lüge solange wiederholen, bis sie nur noch geglaubt werden kann; Widerspruch nicht in den Sinn kommt.
Ist das die "neue Freiheit"? Ja, Freiheit ist anstrengend - implizit das Aushalten des Anderen. Aber was ist, wenn ich das Andere schön ausblenden kann mit der "Blogwirklichkeit"? Wirft nicht dieses affektierte Verhalten genau das schlechte Licht auf die "Blogger", die sie verdienen? Ist ein Hartz typisch für alle Personalchefs? Natürlich nicht – aber jeder weiss nun, was möglich ist. Da ist ein Drang nach Vereinfachung – gerade weil die Welt so komplex ist. Das Vorurteil ist deswegen sehr bequem und es in abgeschlossenen Zirkeln zu kultivieren war noch nie so leicht wie heute (früher brauchte man hierfür "Logen").
Wie gelegen einigen Gesinnungsfreunden diese Entgleisung der Frankfurter Richterin kam! Endlich hatten sie (wieder) Futter für ihre These. Welche Wollust aus ihren Zeilen triefte, als sie drei, vier eilig hingeschmierte Zeitungsartikel verlinken konnten! Was unterscheidet diese Leute von der Person am Bahnsteig und ihrer These? Weblogs sind Möglichkeiten – aber vor allem auch Herausforderungen! Und da ist Ihre These natürlich sehr treffend: Man muss den Müll in Kauf nehmen, um unter ihm die Pretiosen zu finden. In der Tat habe ich manchmal das Gefühl, die Suche im Netz ist das moderne Goldsuchen und Blogs sind die Claims. Hierin liegt ja auch der Charme: Das eigene Blog kann zum anarchischen Raum werden; zur Spielfläche. Und wie beim Goldsuchen schaut man natürlich, was sich in den anderen Claims so tut - aber nur, wenn man will.
* * *
Und natürlich ist es ein Vergnügen (in manchen Dingen) eine "Randexistenz" zu sein – es sein zu dürfen (freilich mit den Konsequenzen, die es mit sich bringt). Und die Ambivalenz in der Sache: Randexistenzen können nur möglich sein, weil viele exakt das machen, was man dann selber für sich ablehnt bzw. so nicht machen würde. Dieses Paradoxon erlebe ich oft genug selber. Sie erwähnten es ja schon einmal. Die Masse, der man (freundlich ausgedrückt) eine gewisse Ambivalenz entgegenbringt, ermöglicht erst das, was "Sosein" nennen könnte. Besonders krass (hier trifft das verhunzte Wort) ist das bei "Aussteigern" zu sehen: Das Aussteigen ist nur möglich, weil es genug "Drinbleiber" gibt. Würden alle gleichzeitig "aussteigen", ginge es schon nicht mehr. [Als vor längerer Zeit einmal am Bahnhof ein heruntergekommener Mann morgens die Zugreisenden (meistens Pendler) mit den Worten beschimpfte: "Ihr Idioten! Ihr geht arbeiten! Ich brauch das nicht…" (die unflätigen Ausdrücke lasse ich weg) und dann gleichzeitig um Geld ersuchte – meine Antwort: Ich könne noch nichts geben, sondern müsste das Geld, was ich vielleicht ihm geben wollte, heute erst einmal verdienen!]
* * *
Manchmal frage ich mich, ob Nischendasein nicht als Euphemismus für voreilig selbst diagnostizierte Bedeutungslosigkeit steht. Früher habe ich Fernsehleute, die über ihren Quotenfetischismus gesprochen haben, für exaltiert gehalten. Deren Programm hatte doch mir gefallen – also was soll's. Wenn man einen Blog hat, also - im Kleinen - auf der "anderen Seite" steht, schaut man (= ich) plötzlich, wie viele Leute was lesen, wie viele Klicks aufgrund von Google generiert werden (also zunächst einmal keine Leser, sondern "Laufkundschaft"), usw. Wenn ich nun feststelle, dass es mir in mehr als einem Jahr nicht gelungen ist, signifikant Zugriffszahlen zu steigern, so kann ich mich natürlich auf die Nische stützen und behaupten, ich schreibe eben nur für eine gewisse Klientel oder ich kann Themenauswahl und Schreibstil befragen. Ersteres ist bequem – letzteres muss dann Konsequenzen haben. Das hat nichts damit zu tun, was stimmt (vermutlich immer beides ein bisschen).
Neulich schrieb mir jemand, dass ihm einige Rezensionen (ich sage lieber "Begleitschreiben") auf meinem Blog gefallen. Exakt diese haben jedoch eher übersichtliche Zugriffszahlen (vielleicht auch deswegen, weil sie wenig bis gar nicht kommentiert werden; Kommentare generieren ja immer Zugriffe). Seine (ernüchternde) Antwort war, dass es vielleicht mit der Länge der Beiträge zu tun habe. Vermutlich hat er damit sogar recht – aber was wäre ernsthaft die Konsequenz? Daumen rauf – Daumen runter? Es gibt einen anderen Blog auf twoday, der sich mit Büchern beschäftigt. Dort schreiben Leute – wie sie es nennen – "Rezensionen". Diese bestehen meistens aus einem Zitat aus dem Klappentext des Buches und einer mit "Meinung" überschriebenen "Rezension", die aus ca. 10-12 Zeilen besteht. Bei den Budddenbrooks stand da sinngemäss, dass der/die "RezensentIn" sich gefreut hatte, das dicke Buch zu "Ende gelesen zu haben; schliesslich sei es ja ein Klassiker. Die Sprache von Thomas Mann wurde dann noch irgendwie als antiquiert bezeichnet. Am Schluss gibt’s ein Tool, welches eine Bewertung anzeigt (ich glaube es sind maximal 5 Kästchen [ähnlich den "Sternen"] zu vergeben). Wäre das für mich die Alternative? Natürlich nicht.
* * *
Ein paar Worte zum "Spocht". Ich mag das; schaue auch Fussball (habe die WM allerdings ohne Fahne und andere sichtbare Zeichen verbracht). Ich halte Sport auch für absolut notwendig. Er bietet den Menschen eine Sehnsucht: Klare Regeln, die jeder versteht und auch anwenden kann (daher ist ein Spiel wie Fussball so populär – und andere Sportarten eher nicht) und – vor allem – ein sichtbares, verhältnismässig schnelles Resultat, welches eindeutig ist. Keine Deutung ist bei einem 2:1 Ergebnis möglich. Es müssen keine Entwicklungen (wie in der Politik) abgewartet werden; keine langwierigen Prozesse. Die Spannung wird im Nu aufgelöst; nach 2 Stunden weiss man, wer "der Bessere" ist. Ich glaube, dass ein Spiel wie Fussball auch identitätsstiftend ist. Das kann dann natürlich aus eskalieren – siehe Hooliganismus. Aber früher sind die Völker in die Schlachten gezogen, um sich "zu beweisen" – heute hat man seine "Stellvertreter" – hochbezahlte "Profis", die "für einen" in (einen überschaubaren) Krieg ziehen. Die eventuelle Niederlage ist dann auch keine Schmach mehr – flugs werden dann ein oder mehrere Spieler zur "Flasche" erklärt, usw. Die modernen Tragödien werden in den Sportarenen dieser Welt geschrieben; Krimis und Sport erlauben die Katharsis des 21. Jahrhunderts. Das sagt auch einiges aus.
* * *
Obwohl es nicht zum Thema gehört - einige Worte zu "Kulturzeit". Ihr Urteil teile ich im grossen und ganzen. Die Redaktion bedarf vermutlich wirklich neuer Impulse; mit Schrecken sehe ich immer der Woche entgegen, wenn Tina Mendelsohn die Moderation übernimmt (immer mit erhobenem Textmarker beim Interview; grässlich) – und schaue inzwischen dann auch nicht mehr. Viele Beiträge sind allerdings gar nicht redaktionell, sondern liefen vorher in anderen (vorwiegend ARD-)Sendungen ("ttt"; "Weltspiegel"). Der Sendung gut es nicht gut, dass sie derart politisiert worden ist – und doch arg das eurozentristische Weltbild vertritt.
en-passant (anonym) - 2007-04-01 16:33
Mein Beitrag zur Zukunft der Gesellschaft
Vielleicht berührt es ja teilweise ein Grundverständnis, ob man so weit von sich absehen kann, sich selber anderswo versuchsweise einmal anderswie zu begreifen? Es ist wohl wie mit den Deutschen auf Mallorca: Manche bestehen auf Bratkartoffeln wie zu Hause, andere wollen das „ursprüngliche“ Mallorca, das auch die euro-subventionierten Einwohner gar nicht mehr kennen können (und die haben es auch von den über Jahrtausend eingewanderten Piratenvölkern synkretistisch gewissermaßen entwickelt – Mallorca wäre so gesehen etwas ganz Unbekanntes... wenn man es nur einmal so begreifen könnte!).
Beides berührt aber in jedem Fall die Frage: Wer ist man – zuletzt: in egal welcher Betrachtungsweise -sich dabei selbst? Und sind die angeblichen Gewissheiten tatsächlich eigene oder nur solche, die man inmal ohne Nachdenken übernommen hat und also kaum je aus anderem Blickwinkel betrachtet? Und sind sie (als Selbststabilisierung) dann eine Freiheit oder eine Einengung? Usw.
Ich wollte wieder „die Nische“ anpeilen... Denk-Nischen, Lieblings-Glaubenssätze-Erker, Überzeugungs-Ohrensessel, Überbauten-Gehäuse... alles Merzbauten der Person, in der sie sich einrichtet. Alles in seiner Bedingtheit immer mit-bedenken ist ja aber auch mühsam. Und ist diese Franfurter Richtern, mit dem Versuch offenbar das Fremde in seinen Rechtsvorstellungen mit einzubeziehen nicht auch da schon in einer „Nische“, einer gut-deutschen eigentlich, eine die zeigen will, dass sie dazu gelernt hat? (Man denke hier aber auch einmal kurz an den „Tugend-Terror“, siehe Jessen, ZEIT.)
Was dann die Manipulationen angeht: Schaffen wir sie nicht wieder selber? (Und diese BILD-Betitlung „Koran-Richterin“: Wollen wir denn nicht, das etwas auf dem Punkt ist? Können wir alle die Korrektheiten in ihren Umständlichkeiten immer noch mitbedenken? Ist die Arbeit am „Richtigen“ nicht auch eine Art Verengtheit unserer „Konsens-Freiheit“, die wir gerne einmal loswürden? Befreiung durch Lachen à la „Borat“.)
Scheinfreiheiten. Letztens äußerte jemand den Gedanken, dass in all dem überbordenden Aussprechen, das alle in ihren Blogs leisten, sie damit den Kontrollinstanzen in die Hände spielen. (Nicht unbedingt gleich big-brother oder der Justiz, aber denen, die Interesse an aktuellen Geisteshaltungen haben, egal ob es die Geheimdienste des Staates oder die der ökonomischen Trend-Scouts sind, oder irgendwelcher Soziologen. Es gibt mittlerweile auch Text-Tools, die mit Datenbank-Techniken große Word-Scans nach catch-words durchführen können, um zu sematischen Auswertungen zu kommen. In Marbach wird angeblich auch überlegt, ob man nicht alles versuchsweise Geäußerte mal eben für Ewigkeiten zu speichern hätte. Oder „Myspace“: Für ein bisschen Fun und „falsche Freunde“ verraten alle gleich ungehemmt ihr Intimstes. Usw.)
Worauf ich hinauswill, ist, dass wir selber längst durchdrungen sind von allen möglichen Techniken und Kultur-Techniken aus disparaten Bereichen, die zu komplex sind, sie in ihren möglichen Auswirkungen immer erst einmal zu durchdenken... deren Gesamtheit uns aber sowieso in dieser Sphäre hält, uns in unserem Tun dort sogar „selbst“-ausweitet, aber eben auch immer genauer „formatiert“ (im Foucault’schen Sinne: Allen die Technik geben, und alle wären innerhalb dieser Techniken der Macht: Alle kriegen ein Mobiltelefon, aber alle Verbindungsdaten werden zentral gespeichert... Und unser eigenstes Herz ist tiefst-finster).
Wären also die Nische, die Kleinheit, die Anonymität... nicht selber (zumindest im Ansatz und einer gewissen Tendenz der Beweglichkeit, auch der Verweigerung) kleine Bedingungen, uns dem zu entziehen? Die implizite Verweigerung als die letzte „politische“? Das „Kleiner-Denken“, das Huschen über die „Tausend Plataues“ auch im Text, statt auf die Klickzahlen und die Schlagzeilen, also die Mini-Relevanz im Nachhall seiner Denke zu schielen? Die Nische, die Unbemerktheit als letzte Freiheit, die dann auch hier und da in Gedanken einmal tatsächlich die Formatiertheiten unteräuft?
(Und: Wenn man – ich tu das nach wie vor auf Telepolis – die hard facts der Kultur- und Medienwissenschaftler verfolgt, die die Auswirkung und Tatsächlichkeiten des Internets und seiner Techniken untersuchen, kommt man doch eh von all den schönen Utopie-Blasen - analog anscheinend den wirtschaftlichen aus der Gründer- und Boom-Zeit - ab. Blooms „Meme“ und das globale Gehirn, Teilhard de Chardin mit seiner Noosphäre – tolle Science Fiction! Anregend zu lesen, wenn man eine alte Schwäche fürs Utopische hat. Aber die Realien sind dann, dass solche Finstermänner wir Murdoch den ganzen Teenie-Spaß aufkaufen und sie ihrer Super-Vision unterziehen: Und die lautet: Profit!. Und was ist mit einem solchen Ansatz wie dem „Bundestrojaner“? Ist das Böse denn immer und überall gleich mit dabei? Wenn wir kommen: Anscheined ja! Ich brauche nur in mein Cookie-Verzeichnis zu schauen, mit wem ich es beim Surfen durchs Weltweite Wunderbare zu tun bekomme: Mind-Share ist immer dabei: Jemand erdreistet sich also ungefragt, mich, mein bisschen Geist im Auftrag anderer mit anderen wiederum zu teilen! Wer schöpft mich da aus / ab? Tatsächlich bin ich also mit all meinen wunderbaren Freiheiten immer im Netz einer Kontrolle – und immer auch schon der Click- und der Quotendepp: „Eine Freiheit, und ihr nicht entrinnen...“ (oder so ähnlich heißt es schon bei Schiller; der wusste vielleicht mehr über Schein-Freiheiten als wir!).
***
Dass meine eigene Randexistenz also ein Nischen-Dasein per se ist... und womöglich sogar auch noch eine Luxus-Falle: Das ist mir bewusst. Und um es auch zuzugeben: Ich selber habe, als ich mich auf diese Webarbeit eingelassen habe, früh alle diese naiven Träume geträumt, von der Schnelligkeit, dem unbegrenzten Austausch, der Radikal-Demokratiserung, der Befruchtung der Geister... und dann auch verstehen müssen, dass die Leute sich selbst gar nicht genug zurücklassen können, um in einen solchen Raum anderswie zu agieren. Sie bringen immer alles von sich mit!
Erinnert sich noch jemand an Sherry Turkle? Die intelligente Legitimation für eine erweiterte Web-Existenz! Aber anscheinend geht es gar nicht darum. Zumindest nicht, wenn sie Massen-weise vorkommen: Wie man überall vernehmen kann, ist es in „Second Life“ noch einfältiger als in der Realität, der sie dorthin für eine Spielexistenz entfliehen wollen! Um es wienerisch zu sagen: Wo der Geist hinkommt, wird es stupid... Statt Vielheit nur Mehrheit, und die überall. Da wird es schnell auch mal diktatorisch...
Vielleicht ist „Bedeutungslosigkeit“ ja der Preis, der für das bisschen mehr an Freiheit zu entrichten ist? (Zumindest der, sich nicht von der de facto Definitionsmacht der Mehrheit zu unterwerfen. Seltsamerweise wird „Bedeutung“ – eh oft erst im Nachhinein – häufig von einer Spannung zwischen der Masse und den Einzelnen erzeugt: Man kann seine eigene Bedeutung vor der Quantität letztlich immer auch leicht unterschätzen... siehe noch einmal das Elementarteilchen, das dann doch in einer bestimmten Kette von Reaktionen den Unterschied macht.)
***
Ich will mich nicht aufspielen mit meinem Medien-Desillusionismus, aber auch diese Erfahrung mit der Klick- und Leserzahl habe ich vor etwa 10 Jahren schon einmal gemacht. Es war die mit einigem Aufwand betriebene Site einer kleinen Künstlergruppe, seinerzeit mit sämtlich nur denkbarem aktuellen und ambitionierten „Content,“ den ich als Redakteur teilweise zusammenbrachte... an manchen Tagen gab es hundert Besucher! Als ich aber eines Tages eines meiner Objet Trouvés einstellte, ein Fundstück, dessen obszönen Text ich transkribierte, weil ich es für interessant hielt und auch für zeigenswert... stiegen die Klickzahlen rasch in die Tausend, und entsprechend der Traffic. Ich begriff damals, dass ich mir keine Mühe mehr geben brauchte, es sei denn, ich wäre dauerhaft mit den wenigen ernsthaften Interessenten zufrieden. Aber dafür all die Arbeit? Und die immense Kritik (für meinen „Subjektivismus“)? Es ist wohl doch eine Kosten-Nutzen-Relation. Heute fühle ich mich geradezu privilegiert! Ich bin, radikal unverbunden, freier so zusagen auch um meine „Bedeutung“. (In einem weitgehend „aufklärerischen“ Zusammenhang sehe ich mich dabei aber immer noch.)
***
Beim Sport gelingt es mir nicht mehr von den Phänomenen drumherum wegzuschauen, ob Manipulationen wie in Italien oder durch „Spitzenfunktionäre“ wie Sepp Blatter, ob bejubelter Faschistengruss in einem Riesenstadion wie in Rom oder dem kleinen miesen Schlägerspaß am Wochenende in der Provinzstadt, der für die eigene Frustabfuhr den Tod anderer in Kauf nimmt: von dem dreckigen Geld und dem Narionalismus-Hype mal ganz zu schweigen. Ehrlich gesagt, kann mir mein Urteil da gar nicht radikal genug sein. Ich denke sogar, dass sich an diesem Teilbereich der tatsächliche Zustand unserer Gesellschaft viel besser ablesen lässt, als an der reglementierten Politik: Es ist Krieg!
(Genazino sagt letztens irgendwo, dass unser Alltag längst „katastrophische Züge“ angenommen hat, und er bezog es auf Lärm, Gewalt, Massenüberfüllung... auf eine Szene in seinem neuen Buch, die zur Weltmeisterschaft spielt: Plötzlich leuchtete mir sein Einfall mit dem sich auflösenden Körper des Protagonisten auch ein – der verliert erst ein Ohr, dann einen Zeh: Es fällt aber niemandem weiter auf: Wir haben bei all der Komatrinkerei und der Vogelgrippe, bei Irak und Globalisierung den Pegel für so etwas wie einen normalen Blick auf uns verloren, bzw. diese „Norm“ hat tausende von Löchern. – Auch da empfinde ich meine Nische als Privileg.
Wieviel der „deutsche Wahnsinn“ eigentlich mit mir selber zu tun hat, weiß ich nicht. Manchmal denke ich: Mehr, als mich raushalten kann ich nicht tun. Aber das wäre mein bester Beitrag!)
Schönes (vorläufiges?) Résumé?! Die "naiven Träume" machen ja das Aufwachen so hart. Blogs begreife ich dann fast nur noch als einen Akt der Verzweiflung. Der Blogger ist der Unerhörte. Manchmal glaube ich auch, die Ermöglichung all dieser Äusserungen (wie das Bloggen) ist nur Ventil – zum Abreagieren. Ein Simulieren von Pluralität der Meinungsäusserung. Speaker's Corner. Das Schlimme dabei ist: Es ist gleichgültig geworden.
Diese Gleichgültigkeit gibt es in Diktaturen nicht (ich habe nie in einer gelebt). Dort hat das Wort noch einen Wert – mit oft fatalen Folgen. Manchmal - und jetzt bitte nicht falsch verstehen – wäre eine solche Gewichtung des Wortes fast wünschenswert. Endlich wieder lernen, "zwischen den Zeilen" zu schreiben und zu lesen (und nicht nur bei Schriftstellern)! Endlich wieder Worte suchen! Aber es geht ja nicht – es ist vollkommen hirnrissig, sich deswegen diktatorische Verhältnisse zu wünschen. Aber es ist Paradox: In der freien Meinungsäusserung liegt immanent das Moment des Nivellierenden; des Beliebigen und auch des Banalen. Das abgewogene, prüfende, tastende, suchende Wort lässt bei uns (fast) nur Gleichgültigkeit zurück.
Daher "Tabubrüche" – die wenigen, die noch bleiben (man denke an Eva Herman: Die blosse Abweichung von gesellschaftlich adaptierten Imperativen plus eine geschickte Marketingstrategie genügt). Und daher schlagen so viele Blogger auch diese schrillen, lauten Töne an: So werden sie gehört (wenigstens innerhalb der Szene). Krönung der Aufmerksamkeit: Sie werden (meist mit nichtigen Gründen) gemassregelt (einstweilige Verfügungen; Klagen). Hieraus saugen sie dann Nektar. Das schlimmste aber – im umgekehrten Fall: Niemand beachtet sie.
Und nur hierin haben wir vermutlich einen Dissens: Ich sehe nicht, dass das "Elementarteilchen" den Unterschied machen kann. Oder nur im Sinne dessen, was ich als blutigster Laie in "Chaostheorien" gehört habe. In der Medizin nennt man das wohl Homöopathie. Oder beim Gehen im Wald schaut man fasziniert auf den "Ameisenhaufen" – hat die einzelne Ameise eine Idee ihres Schaffens, ihres Beitrags? (Ganz sicher nicht)
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Kommentare hier...
Anregungen...
sind immer willkommen - aber ich glaube, ich kann zum...
Ephemeres Verlangen & der relevant-set
ich hatte meine Notizen noch mal kurz überarbeiten wollen – sie waren mir viel zu lang geraten, zumindest für einen Kommentar zu lang -, und auf einmal merkte ich, dass dem Lovink’schen Ansatz von den Narzissten / Nihilisten vielleicht doch mehr abzugewinnen ist. Fazit: Mein Material wäre im Moment einfach zu umfangreich, und ich würde es selber gerne noch einmal strukturieren.
(Da ich sonst eher vom literarischen Schreiben komme, lege ich Wert eher auf einzelne versuchsweise Gedankenführung, nicht so sehr auf Strenge oder gar Systematiken; das Verwürfelte an Gedanken kann so oft anderswie zu Treffern führen. Ich merke aber außerdem, dass ich – mit teils anderen Akzentuierungen - teilweise zu ähnlichen Schlussfolgerungen, wie Sie komme, so dass ich es nicht nur spiegeln möchte.)
Um es einmal - kurz - von hinten anzugehen: ephemeres Verlangen. Ich vermute, damit treffen Sie etwas. Warum wollten / sollten sich selbstbewusste Beiträger im Spannungsfeld zwischen Konsensdruck und „anything goes - laissez faire“ (oder eben alle anderen, die es nicht einmal ernst meinen) einer Forumsdisziplin unterwerfen? Ist nicht gerade das Dasein als „Elementarteilchen“ der neue Horizont, wie sonst auch (gesellschaftliche Atomisierung, Bindungslosigkeit, Mobilität)? Ja, Applaus ist sicher langweilig. („Wer applaudiert, erklärt sich einverstanden... wie kann er gemeint sein?“) Ich denke, nur eine Minderheit sucht den tatsächlichen Austausch dezidierter Haltungen als einen Weg zum Weiterkommen, sei es im Streit. Spielregeln bedeuteten ja wieder Verbindlichkeit.
Kann es aber sein, dass da – neben Trägheit, Desinteresse usw. – auch ein Moment an Vergeblichkeit mitspielt? Man müsste seine Motive, d.h. letztlich seine Illusionen offenlegen. Ich selber sehe mich nicht als Pessimist, aber bezweifle nach meinen Erfahrungen vieles, ob es der Anstrengung (noch / noch einmal) wert wäre.
Ich sehe nur: Für mich ist das Bloggen etwas anderes, als für die meisten anderen. Das kann ich auch „ephemeres Verlangen“ nennen. Meine ernsthaften Anstrengungen gehen ganz anderswohin, bzw., ich entnehme dann dem nebei geführten „Versuchsraum Blog“ dann nachträglich für mich, was ich dort spielerisch gewinnen kann. Mir reicht das.
Mit dem „streng moderierten Forum“ haben Sie sicher recht. (So etwas gibt es aber doch in den USA, professionalisiert dann um Redaktionen... sowie um nur etwas anders definierte Regeln dann wieder im üblichen Medien-Raum.) Aber darin sehe ich nur EINE Möglichkeit von besseren Blogs. Relevanzen, auf die Minderheiten hoffen, kann auch anderswie entstehen. Die, auf die ich setzen würde (mit X Ressourcen für Informationen, mit denen ich mich gut bedient fühle) von mir aus auch im Narzissmus Einzelner für Einzelne. Ehrlich gesagt hätte ich für erschöpfende Beschäftigung damit gar keine Zeit.
Das Gefüjl der Vergeblichkeit aber rührt ja eben auch um die Schwierigkeit der Erklärbarkeit der Welt. (Etwa der von Ihnen aufgezählten Phänomene. Und jetzt kommt auch noch der vielleicht nicht einmal mehr aufzuhaltende Klimawandel. Immer öfter meine ich, die Leute schauten zwar mit weit offenen Augen, ja, auch staunend fast, was da passiert... aber dann widmen sie sich doch ihrem Eis inmitten des „schönen Wetters“. Die Antiquiertheit des Menschen. Baudrillard’sche Fatalität: Es ist nicht zu ändern.)
Was wäre denn IHR persönliches Verlangen? Wäre es nicht als eben Ihres ebenso „ephemer“? Erhoffen Sie für sich eine Bedeutung in diesem riesigen Chor der disparaten Stimmen? Was wollen Sie der Welt denn sagen? Was wäre Ihre Ambition? (Ich meine das nicht polemisch.)
Wenn Sie sich den Printmarkt ansehen – wer heute noch qualitative Analyse sucht, der liest dort -, so ist der ebenso atomisiert... kannibalisiert kann man schon sagen. Alles gibt es längst für alle Zielgruppen in x-fachen Variationen. Und was reüssiert? People-Quatsch wie „Vanity Fair“. Oder siehe überhaupt die Eventisierung des Journalismus auch in der marginalen Meldung, in der zunehmenden Verquickung mit PR und Sponsorentum. Da lobe ich mir meine - ja nur weltabgewandt scheinenden - Feuilletons. Womöglich sind Relevanzen längst nur mehr dort, wo bis zum Überdruss angediente Mehrheiten es gar nicht mehr hinschaffen?
Wohl gemerkt: Ich sehe mich dennoch nicht als Zyniker – und schon gar nicht als Nihilist (obwohl es im Lovink’schen Sinne nicht ganz von der Hand zu weisen wäre). Der Narzissmus erklärt es aber auch (hätte ich keinen einzigen Leser, machte ich trotzdem weiter). Ich denke, mit der Formel vom „ephemeren Verlangen“ liegen Sie insgesamt nicht so falsch.
P.S.
(Sie haben, glaube ich, einen pay-account bei twoday, oder? Wenn Sie das hier als Task weiterführen, werde ich demnächst punktuell immer mal wieder drauf eingehen, und vielleicht kommt man im Einzelnen der Aspekte etwas weiter?
[Ich hatte es mir in Stichworte zerlegt: Form, Hype, Marketing, Wahrheit, Sendungsbewusstsein, Diversität... etc. ]
Dieser Wunsch, etwas systematisch zu fassen, führt oft zum Wegfall von Disparatem, aber erklärt dessen Prominenz doch nicht.)
Forum und Forumsdisziplin
Meine Erfahrungen mit Foren sind ambivalenter Natur – wie mit Weblogs auch. Ein sich selbst organisierendes Forum, in dem jeder das macht, was er will, und nur durch einen amorphen Gruppendruck "diszipliniert" wird, funktioniert nicht. Es bedarf "Spielregeln", um überhaupt in so etwas wie Diskussion eintreten zu können. Andernfalls artet es ziemlich schnell in wüste Beschimpfungen aus. Das ist auch der Grund, warum ich nicht (mehr) auf Blogs kommentiere, die signalisieren, dass sie keine abweichende Meinung gestatten. Das sind übrigens mitnichten nur die üblichen extremistischen Schwachköpfe; die lese ich erst gar nicht. Aber die Zeit, eine Meinung zu lesen und dann bei der Kommentierung unwillkommen zu sein, ist verschwendet. Ich könnte hier jetzt Namen nennen, lasse es aber.
Diese Haltung aber ist es, die zu einer Atomisierung beiträgt. Und hierin – in der Möglichkeit des zivilisierten Diskurses – liegt der (noch vorhandene) Vorteil bspw. des klassischen Feuilletons z. B. der "ZEIT", der "FAZ" oder der "SZ".
Die nicht (bzw. kaum) institutionell vertretene, "kritische Masse" ist in diesen Diskursen allerdings nicht oder kaum vertreten, da oft genug eine gewisse Betriebsblindheit im Feuilleton eingetreten ist. Der einzelne Blogger, der bspw. dezidiert Handkes Jugoslawien-Texte untersucht, ohne schon per se das fertige Urteil parat zu haben, hat da keine Chance. Daher die vage Idee einer Bündelung der Kräfte.
Ein Forum hat den Vorteil, dass sich im Idealfall Gruppen bilden, die sich gegenseitig "befruchten". Das ist bei Nensch ab und an eingetreten; zugegebenermassen selten. Die Cliquen- bzw. Grüppchenbildung ist m. E. nicht primär falsch bzw. einer Diskussion abträglich.
Meine These ist: Wer lange bloggt, also quasi die volle "Freiheit" geniesst, wird nur schwer einen zusätzlichen "Mehrwert" darin erkennen, diese Position aufzugeben. Sie bestätigen das mehr oder weniger direkt. Ich halte das im übrigen auch nicht für schlimm – ich konstatiere hier nur.
Über Foren in den USA habe ich zu wenig Ahnung. Ich kenne K5 und habe einige Informationen aus Möllers Buch.
Intention
Ihre Intention des Bloggens ist in der Tat eine andere als bspw. meine. Hier gibt es Informationen über Studien zum Bloggen; man kommt hier so recht nicht weiter.
Schön finde ich Ihre Analogie des Lutherischen Apfelbäumchens auf Ihr Bloggen. Diese Sicht ist mir ziemlich fremd, wobei wir bei Ihrer appellartigen Frage wären:
Was wäre denn IHR persönliches Verlangen? Wäre es nicht als eben Ihres ebenso „ephemer“? Erhoffen Sie für sich eine Bedeutung in diesem riesigen Chor der disparaten Stimmen? Was wollen Sie der Welt denn sagen? Was wäre Ihre Ambition? (Ich meine das nicht polemisch.)
Ich nehme es wirklich nicht polemisch und kann nur reichlich naiv antworten: Ich weiss es nicht genau. Die profane Antwort habe ich oben bereits gegeben: Wenn ich über etwas schreibe, bleibt die Beschäftigung mit dem Thema (bzw. dem Buch) länger haften und ist intensiver. Das kann aber nur ein Teil dieses "ephemeren Verlangens" sein. Ich glaube gelegentlich, es ist wie ein Berufswunsch, den man als Kind gehabt hat: Irgendwann weiss man nicht mehr, was man daran eigentlich so toll fand.
Und: Ja, vielleicht ist es tatsächlich ein Narzissmus, der sich aus der Anmassung speist, dass irgendjemanden das, was zu einem bestimmten Thema denkt, interessiert, ja: zu interessieren hat.
Ausblick
Ihre weiteren Kommentare sind natürlich willkommen. Den Account schliesse ich -noch- nicht, also keine Sorge.
Ein CERN für anderen Arten von Elemantarteilchen
Geht es aber um – im weitesten Sinne – politische Anteil- oder Wirkungsnahme, müsste man dem neuen Medium wohl auch Zeit geben, etwas „erwachsener“ zu werden. Und ja, gegen die allseits eingerissenen Sitten helfen dann auch nur Einsicht und Selbstdisziplin. Wer aber fühlte sich bei all der Selbstverwirklichung und Ich-Götterei dazu berufen? Zu welchem höheren Zweck?
Will sagen: So, wie man sich daran gewöhnt hat, dass im Netz „alles umsonst“ ist – und quality content eben nur für Minderheiten -, so müsste man die nonchalanten Verhaltensweisen eben mitbedenken und daraus selber wieder Funken zu schlagen versuchen. Sie zumindest hinnehmen können.
Denn: Mir sind doch bei der Suche nach neuen Äußerungsformen auch immer wieder Momente aufgefallen, die man hätte verstärken können, im Sinne von Offenheit im Inhalt und in der Form. Nur war da nie jemand, der die unschuldigen Finder (Formulierer) hätte ermutigen oder erst einmal darauf aufmerksam machen können – zuvieles geht erstmal unter. Und das bringt mich wieder darauf, dass einerseits solche Dinge wohl benannt und gefördert gehören (Forum), andererseits so zu sagen evolutiv und co-evolutionär sich auch durchsetzen können müssen. Vielleicht absorbiert die Mehrheit um ihres Beharrens willen das Rohe, nicht gleich Einzugemeindende? Vielleicht stören aber manche sich auch an eben althergebrachten Formen, die sie um ihrer selbst willen eingehalten verstehen?
Mich fasziniert dieser Gedanke von der „Schwarm-Intelligenz“. Dass viele zusammen etwas wissen / schaffen können, das ihnen als einzelnen nicht gelänge. Wie bilden sich da aber die Überschüsse, die Übersprünge, die weiterführenden Effekte? Etwa nicht oft auch aus einem quasi Unbewussten der Menge? Etwas das ihr eben noch nicht vor-formuliert worden war?
(In biologischen Schwärmen gibt es kein einzelnes Tier das führt, sondern es sind anscheinend gewisse wesentliche Parameter, heraus deren Veränderungen es dann zu Potenzialen und Verstärkungseffekten und damit wieder zu Dynamiken kommt.)
Für mich müsste es in einer neuen Art Forum aber auch um eine Höhe dieser neuen Qualitäten gehen, denn das reine me-too Kommentieren bringt es weder bei (dem alles behandelnden) spiegel-online noch etwa in den (neue Themen) Heise-Foren, Telepolis. Letztlich stehen gute Beiträge dann auch mit dem, was an ihnen weiterführend wäre und wieder aufgenommen werden müsste, als tote Enden da.
Womöglich bin ICH aber auch das Problem, weil ich zuviele Dinge immer schon weiß (zu wissen meine)?
Vielleicht ist das Handke-Jugoslawien Thema ein gutes Beispiel.
Ich in Düsseldorf, an dem Heine-Preis-Vergabe-Ort, habe hier nicht eine Stimme vernommen, die mich damals hätte aufhorchen lassen (wie dann wieder Greiner, Hartwig, März... oder eben Botho Strauß überregional), obwohl es etwa in den lokalen opinio.de-Foren „Wellen“ schlug (von der „Rheinischen Post“ betrieben, ein meist als konservativ klassifiziertes Blatt). Aber mehr als das Hin- und Her der zu erwartenden, anderswo längst leergelaufenen Argumente ergab sich tatsächlich nicht.
(Das hat natürlich auch immer damit zu tun, dass ein selbstreflexiver Blick auf die eigenen Vorstellungen über solche Konsens-Korrektheiten gar nicht üblich ist: Die vermeintlichen [Schwarm-Parameter]-Gewissheiten sind zu stark. Allein die Frage, heraus welchen Vorstellungen man eigentlich von einem Schriftsteller nur die Doppelung von moralischen Korrektheiten statt neuer, anderer, bereichernderer Gedanken über die Welt oder einen ihrer Sachverhalte erwartet. Usw.)
Ich bin es seit langem gewohnt, eher auf einzelne Stimmen zu achten: Immer ist es eine einzelne, die etwas anders, mit anderen Betonungen oder Untertönen spricht. Diese einzelne Versuchsposition aber darzustellen, sie – eh entsprechend fragil - unter dem Druck etwa vieler Konsens-Kommentierungen, denen sie suspekt ist, nicht aufzugeben... das ist nicht vielleicht per se selten?
Aus meinem Blickwinkel wäre Atomisierung da eben die Stärke, nämlich in dem einzelnen Neutrino, dass seine anderswie leuchtende Ladung abgibt... auch wenn es dann doch unter dem Feuer der Massenmehrheit von vornherein mit dem Verschwinden bedroht ist. Würde ich es aber selber erkennen, wenn es an meinem Bewusstseinshorizont gerade etwas dunkel ist? Oder wenn seine irrationale Bewegung meiner Beharrungsträgheit zu wider läuft? Usw. Vielleicht müsste man mal ein Forum starten, in dem die unwahrscheinlichsten Meinungen co-evolutionär untersucht und gefördert würden?
(Peymann etwa, als einer der Wenigen, der anderswie auf Klar einging, wurde trotz seiner als „bizarr“ etikettierten Position doch einigermaßen weiterverbreitet... solche Effekte. Dagegen steht dann natürlich die bekannte Ökonomie der Aufmerksamkeit: Möglichst „schrill rüberkommen“ und sich um Sinn und Verstand dabei kaum mehr kümmern.)
Statt, dass ich das hier weiter spinne... wie hätten Sie sich die Behandlung des Themas denn vorgestellt?
Komplexitätsreduzierung als Ergebnis?
Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass jeder "atomisierte" Weblog einen gewissen Anteil an dem hat, was Sie so treffend politische Anteil- oder WIrkungsnahme nennen. Es mag die entsprechenden Kommunikationstheorien geben, die dies bestätigen.
Was mir gefällt, ist der Gedanke einer Art evolutiver Durchsetzung von Äusserungen (ich hoffe, ich habe Sie da richtig verstanden). Voraussetzung dafür ist allerdings, dass diese Äusserungen im Meinungskontext des "Schwarms" multipliziert werden. Will sagen: Meine Einordnung über Handkes Jugoslawienbücher wird nur dann eine irgendwie geartete Gewichtung erlangen, wenn sie gelesen wird. Lesen ist hier natürlich wörtlich zu verstehen und nicht im digitalen Sinne als "Klicken".
Was Sie zu den "mee-too"-Kommentarforen sagen, ist natürlich uneingeschränkt richtig. Hierin liegt ein zusätzliches Frustrationspotential: Telepolis soll (wie man mir berichtet hat) furchtbar sein; selbst im "Tagesschau"-Forum ist man vor dem Pöbel nicht immer sicher. Kommentarmöglichkeiten auf Webseiten bspw. der "FAZ", der "SZ", der "ZEIT" o. ä. dienen den Betreibern ja letztlich nur dazu, unmittelbaren Reaktionen auf ihre Artikel zu erhalten. Da spielt hinein, dass die Gruppe der klassischen "Leserbriefschreiber" erweitert werden soll – die Mehrheit der 20-40jährigen greift heutzutage eher zur Mail oder nutzt eben die Kommentarfunktion. Eine pluralistische Diskussion kann (und soll wohl auch) hier nicht entstehen; alleine schon deswegen nicht, weil die Kommunikation von "oben nach unten" nicht aufgebrochen wird.
Bei Nensch wurden (werden) die Beiträge aus der "Community" selber geschrieben und von ihr auch kommentiert und diskutiert. Etwas ähnliches versucht man mit der "Readers Edition", wobei hier auch banale Alltagsmeldungen über Fussball oder Celebrity Eingang finden und das Konzept verwässern.
Gerade ein solches Thema wie Handke/Jugoslawien kann auf gängigen Meinungsforen nicht diskutiert werden. Ich wohne ja auch in Düsseldorf und war damals gar nicht auf die Idee gekommen, bei der "Rheinischen Post" irgend etwas hierzu nachzulesen.
Der Heine-Preis-Streit hat aber auch in der Blogosphäre fast nur ernüchterndes gebracht: Auf twoday war das Verhältnis ungefähr 4:1 "gegen Handke". Hierüber wäre noch nichts zu sagen. Alleine die "Begründungen" waren aufschlussreich: Fast alle derjenigen, die sich in wüsten Beschimpfungen ergossen hatten so gut wie keine entsprechenden Bücher von Handke gelesen, sondern rekurrierten nur auf Aussagen Dritter (u. a. solcher Idioten wie NRW-MP Rüttgers). Erschien in einem Medium ein abwägender Artikel, brodelte des Spiessbürgers Seele und drohte mit dem Abbestellen des Abos. Ein Blogger meinte, er werde jetzt einmal was von Handke lesen – und erntete Unverständnis.
Diese Tatsache, dass man sich heutzutage offensichtlich nicht mehr schämt, komplizierte Sachverhalte, über die man sich nicht aus erster Hand informiert hat bzw. informieren möchte, trotzdem apodiktisch zu kommentieren, ist bezeichnend. Letztlich nivellieren solche Komplexitätsreduzierer das ganze "Gewerbe" auf das Niveau eines Stammtischs. Es tröstet nur schwach, dass solches Verhalten nicht alleine auf die Blogosphäre beschränkt ist: Harry Rowohlt schrieb auch was in der "ZEIT" über den Heine-Preis und Handke und gestand darin, nach der "Publikumsbeschimpfung" nichts mehr von Handke gelesen zu haben.
Den von Ihnen angesprochenen Peymann/Klar-Punkt sehe ich anders. Peymann hat sich und sein jeweiliges Theater immer schon verstanden, effektvoll darzustellen. Keine noch so plakative Provokation war ihm da zu schade. Er hat unglaubliches für deutschsprachige Kultur geleistet und hierfür gebührt ihm grosser Dank. Aber nach dem Tod von Thomas Bernhard ist sein Theater bzw. seine Art des Theaters kaum noch aufgrund der künstlerischen Aspekte in den Fokus gerückt; die Intendanz am BE hat ihn noch mehr marginalisiert. Da kommt eine Stellungnahme zu Klar (und das Angebot, ihn zu beschäftigen) gerade recht, sich wieder in den Schlagzeilen zu finden. Dazu passen auch die Selbstbeweihräucherungen der Pressestelle des BE. Und denken Sie daran, dass sich Peymann schon früher für RAFler eingesetzt hat (man denke an die Sache mit Ensslins Zahnersatz). Und "nebenbei" wird dann Peymanns Meinung gleich mit geliefert. Exotismus – zumal, wenn er eloquent vorgetragen wird – zieht immer noch.
Auf weitere Aspekte von Ihnen bin ich sehr gespannt. (Vorstellungen irgendwelcher Art hatte ich keine.)
Nischenexistenz - Noch einmal zur Guerilla-Partizipation von Einzelstimmen
Immerhin: die Medien und ihre Zielgruppen, der Markt (wie die gesellschaftl. Gruppen auch) - sie zerfallen ja! Natürlich wird es immer auch Sammlungen und Nischen geben (das bringt ja auch Vorteile), aber alle Großen bündeln das Disparate der Spezialinteressen seit eh und je. Was schwindet, ist nur der Konsensdruck: Dass also jem., der sich für Sport interessiert, sich auch leidlich in Europapolitk auskennt, jem. der Kreuzworträtsel löst, weiß, dass es auch eine Börsenseite gibt. Usw. Diese Ausschließlichkeit löst auch die eigene Verbindlichkeiten, das eigene Beteiligtsein: Irgendjemand wird sich im Problemfall schon darum kümmern!
Warum wir eine zunehmende Single-Gesellschaft sind, trotz all des Unterhaltungs-Remmidemmis, der Sportklubs, die um Mitglieder plakatieren, der Bedienung noch des abwegigsten Spezialinteresses, überlasse ich mal der Soziologie. Mit all der "Selbstverwirklichung" des Einzelnen aber schwindet seine Anschlussfähigkeit, sein Kompatibilität. Dass alle irgendwie wollen, aber nicht mehr recht können, könnte an unzähligen Phänomenen aufgezählt werden.
Eigentlich müsste es weniger um Gleich- als um Andergesinnte gehen! Aber das machte natürlich erheblichere Mühe, und setzte wohl auch eine andere Bewusstseinlage voraus. Aber, um noch einmal Baudrillard zu bemühen: Es ist ja der Andere, der mir mein Sosein ermöglicht.
Tatsächlich, so lese ich Blogs: Selektiv, unsystematisch... aber immer nach der Spur Ausschau haltend, die als "radikalisiert" Einzelnes etwas an Intensität verspricht, in dem ich mich selber, in einem Teilchenaufblitzen so zu sagen, begreifen kann (oder zumindest auf eine andere Idee davon kommen).
Sicher taugten Blogs und -Foren grundsätzlich auch zur Verständigung über Sachverhalte, aber es ist doch gerade diese Aufrüstung (oder auch: The Empowerment) des Einzelnen, des Subjekts in seinem Sonderfall, das auch dessen Subjektivität dann herausstellt. Und gilt sie nicht geradezu als die Erweiterung, als die neue und wesentliche Differenzqualität zu den "alten Medien", wo die Objektivierungen ja schon seit geleistet werden (und trotzdem eben ihre Relevanz vor den Komplexitäten der Welt)?
Dass die allermeiste Subjektivität dann so wenig anschlussfähig ist - bzw. wenn alle Mehrheitsteilchen wild feuern das Exotenteilchen dann eben auch untergeht -, ist eien andere Sache.
Und die von Ihnen gesehene Komplexitätsreduzierung ist sowieso der Megatrend! Mehr als ein, zwei Kennzeichen einer Sache kann das Info- und Unterhaltungsgeflutete Durchschnittsbewusstsein gar nicht prozessieren?
Ich glaube manchmal, der unselige Kohl hat mit seiner Formel vom "kollektiven Freizeitpark Deutschland" damals etwas auf den Punkt gebracht, das immer noch gilt, und zwar bis in die neuerdings so genannte "digitale Bohème" (auch wenn ein zunehmend größerer Teil der Bevölkerung ausgeschlossen wird oder sich mehr anstrengen muss: Da frisst dann eben Lebenserwerb alle Bürgerstugenden von Anteilnahme oder sogar politischer Willensbildung.)
***
Was aber - bei immerhin ca. 80 Millionen in D, an die 300 Millionen in EU - wenn es auf die einzelne Stimme eben gar nicht ankommt (ankommen kann)?
Vielleicht sind ja Casting-Shows die neuen Formen von Partizipation? Andys 15 Minuten für jeden? Soziologen sprechen von einer neuen Art der sozialen Performanz, ein mutiges Hervortreten, dass risikobehaftet ist, aber - unter style-kritischen Augen den anderen - belohnt werden kann. Siehe etwa auch alle die "Künstler", die Moderatoren, die.... Auftretenden, die es eigentlich nicht können, sich aber trauen. Und die Erfolg damit haben, weil sie frech genug sind oder "gut aussehen".
Was, wenn diese Effekte eben auch bei Blogs zutage treten? Mehr jedenfalls als diese Empowerment-Utopisten von den "real existierenden" gesellschaftlichen Kräften, nämlich politischen Impotenzen, die über all den zu stillenden Unterhaltungsbedürfnissen zur Thematisierung anderer Fragen ihrer Existenz gar nicht mehr kommen?
Aber ich will gar nicht weiter polemisieren (obwohl das im Blog manchmal ein Ventil findet, ein durchaus Lustvolles: Den anderen mal die ewig überhörte Meinung sagen! Auch ein Motiv!).
Es ist ein bisschen schizophren:
Einerseits ist eine gewisse Ernsthaftigkeit wohl immer nur für Wenige. Andererseits soll aber auch gelten "Du bist Deutschland". Und das heißt doch dann wohl mit allem, was einer je beizutragen hat.
(Übrigens - ich erwähne es auch, da Sie das Wort "Pöbel" benutzen -, fiel mir auf, zweimal wurde der Elitebegriff in letzter Zeit prominent im Feuilleton befragt: Es ginge da wesentlich um so etwas wie die Selbstzurücknahme des Einzelnen, ich glaube, das Wort "Adel" fiel in der Überschrift. Die Wiederentdeckung der "Elite" sei aber in erster Linie ein Zeichen der Krise. Dass Elite aber auch etwas Attraktives ist... darin läge oft die verborgene Wurzel ihrer Ablehnung.)
***
Was man festhalten muss, ist wohl: Komplexe Sachverhalte brauchen Vermittlung. Von daher wird es mit Pluralismus immer weniger weit her sein. (Da kann man andere komplexe Dinge dann in Buzzwords abhandeln: PISA, Migrantentum, Verwahrlosung, Zweidrittel-Gesellschaft etc.)
Vielleicht muss man sogar, hat man weitergehende Ansprüche, mit den Blogs arbeiten, die es eben so gibt? Überflogene Meldung letztens: Die Dame von "Lyssas Lounge" übernimmt jetzt eine Redaktion bei der Welt-online? Na, also! Ich denke aber, ich werde mir weiter nach Themen bzw. Autoren die Texte aussuchen, die mich angehen.
PS noch zu Handke:
(Von Peymann weiß ich zu wenig, er fiel mir nur als eine der wenigen "dissidenten" Stimmen auf. Ist es nicht auch in solchen Zusammenhängen oft so, dass da jede einzelne zählt? Das ist ja mit das Elend der Einzelnen, dass sie sich noch vor ihren Allianzen hüten müssen. Und wenn alle auf Exotismus reagieren, wird er - zumal als Theatermann - wohl wissen, wie er ihn einzusetzen hat: "win/win" mit der PR immer auch ein bisschen für sich selber. Cosi fan tutte!)
Ich fand es seinerzeit gerade interessant einmal zu hören, was denn "die Leute" zu dem Thema so zu sagen hatten. Einerseits mit einem Seitenblick auf OB Erwin, dem ich soviel literarischen Verstand nicht zubillige, als dass er den einmal von dieser Jury nominierten und immerhin ja namhaften Autor sich nicht zur Selbstschmückung gewünscht hätte.
Andererseits überhaupt mit einem gewissen Interesse auf das rührige, aber ewig provinzielle Dorf an der Düssel. Denn siehe da: Kaum ein Politiker hatte etwas von Peter Handke gelesen - aber zuständig fühlten sie sich alle! Haha!
Und so, meine ich mich zu erinnern, war dann auch oft der Tenor von besonneren Stimmen in opinio: Ja, Künstler... Versponnene eben! Aber: Kunststadt D-dorf: Beuys! Wilp! Bringt doch Renommee! (So deren win/win). Und man solle doch den Ruf der Stadt damit / nicht / jetzt nicht noch mehr aufs Spiel setzen, so oder so.
(Ich rätsele dann immer, ob es einen etymologischen Zusammenhang gibt und wie er zu erklären wäre, wenn, dass in "Lokalpatriotismus" das englische "RIOT" steckt.)
PS zum PS
(und das jetzt mit einem Seitenblick auch auf den Beitrag von kranich: Er sagt es ja sehr gut auf seine Weise und führt einen sehr guten, vielleicht überhaupt weiterführenden Begriff ein: Wechselseitigkeit.
(Und zur Kurzfristigkeit: Ja, vielleicht sind die Potenziale längst da, arbeiten und wirken und wir sehen sie nicht, außer, wie immer, ihre Oberflächeneffekte?)
Ich möchte es aber wieder persönlicher wenden:
Keine Ahnung, was ich an Kommentaren zu Handke seinerzeit erwartet hatte. Aber ich war auf meine Weise "erschüttert". Und zugleich, das fällt mir jetzt auf: Hatte ich nicht, zu meiner eigenen Miesheit, meine Annahmen in eben diese Unbedarftheiten auch einmal wieder bestätigt sehen wollen?
Ich hatte damals einer Mailfreundin in Frankreich etwas dazu schreiben wollen, erinnere mich aber, dass ich es dann nach einigem Aufwand abgebrochen hatte - etwas, das bei mir selten vorkommt! Es war dann aber das Themenmiteinander zu komplex in dem aus meiner Perspektibe Anzusprechenden, zu kompliziert aber auch in den Berührungen von etwas in mir selber... versuchsweiser Stimmfindung in etwas bisher Ungesagtem, in der "anderen Wahrheit" von Literatur, im Gestus der Einspruchnahme, meinem eigenen Außenseitertum... und dann eben auch in dieser Stadt, in ihren Instituionen zur Gemeinschaftsfindung, in dieser Gesellschaft. Es war so zu sagen ein Moment selber an Politik! An selbsthafter Elementarteilchen-Politik, um es einmal so verquer zu sagen!
Ich erwähne das auch, um noch einmal auf das notwendig Vereinzelte so mancher Blog-Stimme hinzuweisen. (In der Quantenphysik übrigens gehen die allermeisten Exoten-Teilchen auch einfach unter, sie können ihre Potenziale nicht wirksam machen.)
Konkret: Es hat früher für mich verschiedentlich Möglichkeiten gegeben, in lokalen Institutionen etwa, meine Stimme als reale Anteilname einzubringen (ich kenne heute noch Leute dort, in so genannten Kulturgremien etwa). Es war dann mir aber letztlich nie möglich. Ohnmacht, und zwar solche, die elementar mit meinen persönlcihen Möglichkeiten zu tun hatte, die auf die objektiven, selber aber wiederum komplexen Verhältnisse treffen. Ich halte dies tatsächlich für eine weitverbreitet vorkommende, für eine gesellschaftliche Sutuation: Der Einzelne angesichts der (ihm nicht einmal a priori feindlich gesonnenen) Übermacht.
Zugleich stelle ich fest - etwa bei freien Künstlergruppen, seltsam unbestimmten Kunstläden und Aktivitäten hier und -, dass immer mehr "inkommensurable" Einzelne auftauchen, dass sie anderswie einmal da sind, hier Auftreten, dort etwas Plakatieren, wieder Untergehen... anderswie weiterwirken. Ich habe dafür keine Theorie. (Sie könnte vielleicht anschließen an die "Cool Killer"-Zeiten, urban-art-Bewegungen, auch soziale Stadtteilkommandos, Spontis etc.)
Ich denke aber, dass es auch da kritische Massen geben kann, Übersprünge hier und da, Unterwanderungen, die all die Schäubles der Welt nicht mal namhaft machen könnten, geschweige denn kontrollieren. Ich habe nicht die Illusion, dass diese Potenziale mal zu etwas wirklich Bewegendem reichen werden. (Allein dass seit dem Wechselbalg des "Neubeginns" eine solche veränderungsunwillige Partei wie die CDU derart Bestand hat, sagt mehr über die Bewohner dieses Landes und die Vielzahl der Einzelnen daran Verzweifelten.)
Für mich persönlich allerdings stellen sie in eben ihren Potenzialen (etwas, das permanent mit so etwas wie einem Möglichkeitshorizont verbunden bleibt) eher etwas Anschließbares dar, als die seit langem mit den üblichen Trägheitskräften durchsetzten Bewegungen. Ideen-Guerilla-Marketing der anderen Art, wo sie, Ideen und ihre Kräfte, wie Quantenteilchen "tunneln" und anderswie in Erscheinung treten mögen. Warum nicht hier und da in einem Blog, wenn sie - Entschuldigung, falls ich die Metaphorik bisher etwas überstrapazierte - einen solchen "Ereignishorizont" bieten?
...ach ja, das noch: Stichwort „Zeitgenossenschaft“, Interessante Meldung dazu
Die Schriftstellerinnen Sybille Lewitscharoff und Felicitas Hoppe begraben im Interview mit Hubert Spiegel die Kollegen Martin Walser und Günter Grass, deren "permanente Zeitgenossenschaft" ihr Werk zerstöre. Lewitscharoff wird recht deutlich: "Ich glaube, das hat ihnen wirklich das Kreuz gebrochen, auch wenn sie heute noch verehrt werden, aber das hat sie wirklich in die Falle gelockt, in die Werksfalle sowieso. Wenn man permanent in dieser Weise kommentieren muss, sich derart dem Zeitgeist aussetzt und ja auch an die Spitze des Zeitgeistes möchte, dann wird auch das eigene Werk infiltriert. Man ist ja jeder Form der Vulgarität ausgesetzt ." (Hervorhebung von mir)
(Im vorherigen Beitrag habe ich versäumt den Tag für Fettdruck hinter „das notwendige Vereinzelte“ zu schließen.)
Komplexitätsreduzierung und Smalltalks
Die Folgen dieses "Kontraktes" erleben wir heute. Immer dort, wo dann – entgegen der ursprünglichen Intention – eine Stellungnahme geboten erscheint, kommt es dann zu der von Ihnen als Megatrend beschriebenen Komplexitätsreduzierung. Das kann man überall sehen – von Feuilleton-Themen wie Handkes Jugoslawienbücher bis zur alarmistischen "Klimawandel"-Diskussion, die seltsame Blüten treibt und schon längst die tatsächlichen Implikationen zu Gunsten griffiger aber leider sinnloser Imperative vergessen zu haben scheint. Sie ergibt sich aus der Crux, über nichts mehr Bescheid zu wissen, aber genötigt zu sein, zu allem etwas sagen zu müssen. Dem sind Politiker von Amts wegen vielleicht noch entschuldbar verfallen (nein, eigentlich nicht entschuldbar!). Aber Blogger? Warum nicht aus Respekt vor der eigenen Unwissenheit einmal schweigen?
Insofern ist übrigens ihr Bild des Moderators oder der unseligen Casting-Shows treffend – hier gewinnt nicht unbedingt derjenige, der "fachlich" der beste ist, sondern der beste Vermarkter (und: ja, um so etwas behaupten und sagen zu können, habe ich mir natürlich einige dieser "DSDS"-Sendungen angesehen).
Einerseits ist also ein gesellschaftlicher Druck vorhanden, sich zu allen möglichen komplexen Themen äussern zu können (und nicht nur auf dem Niveau eines smalltalks bei Partys) - andererseits erfolgt das natürlich meistens auf einem Niveau des Dilettanten (hier verwendet im ursprünglichen Sinn). Weblogs multiplizieren irgendwann diesen Dilettantismus, der durch die Syndikatsbildung (das Verlinken von/mit Gleichgesinnten) mühselig zugekleistert wird.
Das Problem ist dabei, dass auch die professionelle Journalistik immer mehr einem Dilettantismus fröhnt, der manchmal geradezu erbärmlich ist. Und noch einmal: Ich möchte Dilettant nicht als ausschliesslich negativ konnotiert verstehen!
Immer wenn bei Nensch argumentationsresistente Zeitgenossen auftauchten, war der gängigste Ratschlag: "Nicht antworten – Don't feed the troll". Ich empfand das immer als reichlich paradox - einerseits ist ja man gerade auf einem Forum tätig, um einen Diskurs zu pflegen, andererseits sind mit bestimmten Zeitgenossen ab einem gewissen Punkt offensichtlich keine vernünftigen Diskussionen mehr möglich. (Ich habe damals schweren Herzens versucht, mit an die DFTT-Regel zu halten; nicht immer erfolgreich, übrigens.) Ein Weblog ist da der ideale Ausweg – nach einer gewissen Zeit blendet sich die Klientel, die sich über die Inhalte des Bloggers aufregt oder sich gelangweilt fühlt, einfach aus – man ist unter sich. Der Blogger ist also der "selbstverwirklichte Einzelne" (um Ihr treffendes Wort ein wenig abzuändern) – dessen "Anschlussfähigkeit" aber schwindet. Von hier zum Solipsismus ist es also nicht mehr weit, oder?
Ihr emphatischer Ansatz ist nun, dies nicht als besonders schlimm zu erachten. Im Vertrauen (ich glaube nicht, dass noch jemand mitliest): Ich stimme dem ja dahingehend zu, weil ich ja selber einen Weblog habe und eben die oben beschriebenen Verfahrensmuster inzwischen selber (zu meinem Leidwesen – teilweise) praktiziere. Ein gelegentlicher Blick über den Tellerrand allerdings offenbart grausiges; es gibt Weblogs, die derart rassistisch sind, dass sich einem die Haare zu Berge stellen (sie zelebrieren dies als besonders tugendhafte und freiheitliche Meinungsäusserung; rhetorisch nicht ungeschickt [diese meinte ich mit "Pöbel"] und übrigens weit entfernt zum dumpfen Rassismus der üblichen Dummköpfe). Hierauf dann nicht zu antworten hat immer auch ein wenig mit stillschweigender Akzeptanz zu tun; ein Dilemma. Ich kenne einen Blogger, der gelegentlich in anderen Blogs (und auch Foren) derart beschimpft wird, dass im Nu eine virtuelle Lynchmobstimmung aufkommt, die ad hominem geht.
* * *
Es ist ja nicht so, wie uns vor 25-30 Jahren erzählt wurde: Man breche das öffentlich-rechtliche Monopol des Radios und Fernsehens zu Gunsten privater Anbieter – und die Meinungsvielfalt prasselt über uns herein. Ich erinnere mich an flammende Appelle für "Bürgerrundfunk" und von der schönen Zeit, wenn Fernsehgremien von den Knechtungen der Parteieninfiltration frei seien; das bisschen Werbung… Und was haben wir bekommen? Ich verkneife mir Aufzählungen. 1993 wurde dann (man war schon mit RTL und SAT1 zugekleistert) ein ambitionierter Informations- und Nachrichtensender gegründet: VOX. Ich glaube, es dauerte nicht einmal ein halbes Jahr, bis die ganzen wirklich informativen und anspruchsvollen Sendungen zu Gunsten der üblichen Einheitssosse verschwunden waren – es gab nicht genug Quote. Und wo gibt es Qualitätsfernsehen im Moment? Bei den öffentlich-rechtlichen – in Nischen von "3Sat" und "Arte". (Neulich, ein Verwandter in Bayern. Es wurded von der Mietergemeinschaft abgestimmt, welche Fernsehkanäle von der Sat-Anlage übernommen werden; es gehen aus technischen Gründen nur 12 oder 15. Irgendwann stand dann zur Diskussion: Entweder "Kabel 1" und "Super-RTL" oder "3Sat" und "Arte". Brauch ich das Ergebnis nennen?)
In diesem Sinne stimme ich Ihnen also auch zu: Wir müssen nur lange genug suchen, um in der Blogosphäre so etwas wie "3Sat" zu entdecken – die Frage ist aber, ob der Blogger, der dies ja in der Regel freizeitmässig betreibt, dies durchhält.
Was Sie zum "lokalen Einbringen" sagen, deckt sich mit dem, was ich von anderer Seite immer wieder gehört habe. Engagierte man sich bspw. politisch in Parteien auf lokaler Ebene, wurde man zunächst einmal zum Plakatkleben abgestellt; die Rahmenbedingungen waren längst ausgekungelt, bevor man seine Ideen und Gedanken hätte einbringen können. Ich halte es jedoch für fatal, zu glauben, durch eine Nischenöffentlichkeit wie das Bloggen wäre die Möglichkeit der Partizipation höher. Das hielte ich für eine Täuschung. Hier würde ich eher auf meinen Gedanken über ein Forum verweisen – welches durchaus pluralistisch ein könnte, aber eben grundverschieden vom Mainstream wäre.
* * *
Zum sehr interessanten Kommentar der "Zeitgenossenschaft" äussere ich mich später oder sogar in einem separaten Beitrag.
Der Einzelne und seine Ruhmeshallen
Allerdings ist so etwas wie „Schweigen“ wohl gar nicht mehr möglich: Alles braucht unentwegt Nachschub.
(Sogar ich mit meinem Tobak kriege Mails, warum ich keine Beiträge mehr einstelle!)
Aber so oder so: Bleibt nicht alles Verblendungszusammenhang?
Ein Lehrstück der Einspruch des ehemaligen Generalinspekteurs Naumann letztens zur „Ahnungslosigkeit unserer Politiker“ – immerhin sogar Steinmeier, der Minister des Äußeren! - zu „weltpolitschem“ Handeln, also der Sophistik wg. den neuen amerikanischen Raktenstationierungsplänen und dem „taktischen“ Auftritt Putins inm München. Es machte es schlagartig deutlich: Politik ist wesentlich auch ein Illusionstheater. Soll man es aber ergründen wollen, wenn einem die notwendige „Information“ aber per se vorenthalten wird resp. manipuliert scheint?
Lehrstücke auch, diese zähen „Aufklärungen“ um die CIA-Flugzeuge oder diese Sache mit Kurnaz, immerhin ein Bürger mit Verfassungsrechten! Was ist da gelaufen und was läuft da immer noch, während uns auf den Bildschirmen die zähen Rituale derer informationellen Aufklärung vorgeführt werden: Durch andere uninspirierte Figuren. Demokratie, Politik, Medien... unsere derart verhandelte und täglich „upgedatete“ Welt... Kann man sich noch dafür interessieren?
Die Fragen sind natürlich rhetorisch, aber sie zielen auf ein gefühltes Moment von Abgekoppeltsein von solcher Art Welt, und zwar auch durch ihre – hergestellte, nicht mehr zu unterlaufende – Komplexität. Also wendet man sich ab. Und behauptet sich anderswo. Journalismus wäre dann, solche Zusammenhänge nachhaltig aufzuklären (und immerhin gibt es das hier noch: In den USA, mit weitgehend unverstellten „Tendenz“-Nachrichten, haben deshalb Blogger tatsächlich ein anderes „standíng“).
Um auf das Bloggen hier zurückzukommen: Diese Art Unernst im Wissen über kaum einermaßen zu sichtende Themen herrscht ja auch da. Und ist das aber nicht ein gutes Zeichen? Können wir eine vernünftige Abschätzung treffen, wenn wir gar nicht wissen, dass etwa Putin von den Amerikanern über deren neuerlichen Raktenunsinn lange informiert war und diesen Vorsprung dann zu einem taktisch guten Zeitpunkt auf der Tagung in München zu einem moral-stragetischen „Vorsprung“ gegenüber dem Westen nutzen konnte? Usw. Wer wollte das alles durchblicken? Wen noch ernst nehmen?
(Aprospos Bahr, der sicher ein ernst zu nehmender Mensch ist, aber ist der auch nur den Informierteren durchschaubar? Ist er nicht der Prototyp des Geheimen Unterhändlers, Fädenziehers. Man kann dann auf die grundrechtliche Verfasstheit solcher Hintergrund-Politiker immer nur hoffen. Und dennoch gibt es dabei die still-elitäre Haltung: Wir müssen das tun, es ist zu Deutschlands Bestem, wir wissen schon, was zu irgendjemands Besten ist... obwohl es demokratischen Verfahrensprozessen zur Konsensfindung entgegen steht. Wer entscheidet das wann, wenn es den üblichen Verharensregularien entzogen ist?)
Ich will nur sagen, dass all die „Information“, weder die wohlfeile noch die potenziell-verfügbare, längst nicht mehr durchschaut werden kann, und dass jeder – ich hier gerade -, der versucht sie abzuwägen und sich dabei bewusst ist, wieviel er – Komplexitätsreduzierung – auszulassen hat, in dem Gefühl der dabei fälligen Ohnmacht nicht ganz falsch liegt. Warum es also ernst nehmen? Warum sich nicht die gleiche Freiheit nehmen? Warum nivcht Bloggen und unverANTWORTlich daherreden? Wenn man dann noch sieht, mit was und wie breit sich Zeitgenossen „im Fernsehen“ äußern dürfen? Man könnte annehmen: Eine Idiotenrepublik! Und müsste sich doch den Vorwurf der elitären Anmaßung anhören, weil es diesen Wunsch nach der Partizipation aller gibt!
(Da ist mir Botho Strauß dann immer so sympathisch: Ich denke, dass bei all den längst gängigen öffentlichen Affekten auch der des schlichten Ekels, der der offenen Verachtung seine Berechtigung hat. Die, die in dafür zeihen und sich selber in ihren basisdemokratischen Distinktionen adeln, kommen mir da durch ihre Geläufigkeiten nur anderswie blindgängerisch vor. )
Wäre es also nicht wirklich besser, und zwar für alle, einfach mal ab und zu den Mund zu halten? Aber Schweigen, glaube ich, ist eben längst etwas Unmögliches.
***
Das mit den „Privaten“ ist ganz übel. Aber da habe ich auch zu der ganzen Argumentiererei keine Lust mehr: Abschalten den Dreck, weil ihn nun wirklich niemand braucht. Aber bin ich da nicht auch in einer gewissen Nähe zum mir sonst fremden „Terrorismus“? Ich glaube, es ist aber auch ein gutes Beispiel für mein Nischen-Argument: Es GIBT einfach nicht genug Nachfrage nach Differenz. Und Zyniker sagen: Der gesellschaftliche Bodensatz, der sich Junk-Tivi ansieht, muss eben auch irgends gebündelt werden.
(Mir fällt da immer der Satz des grausligen RTL-Thoma ein: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken nicht dem Angler“. Ja, aber! Er als gesellschaftlich-relevante Kraft – heute noch agiler „Berater“ etw bei Bertelsmann – übernimmt natürlich doch keine Folgen für die Analphabetisierung, nur für den Profit. Der Fisch stinkt da aber tatsächlich - und anhaltend! - vom Kopf her.)
Es bleibt bei „arte“ – immerhin! Es bleibt bei der Nische – sonst gäbe es eben gar nichts! Und am besten ist es (für mich, der sich da abgekoppelt hat), sich darüber auch nicht mehr groß aufzuregen, weil man doch zu sehr zum Don Quichotte wird.
Der große Einzelne – die Linie Schmitt, Jünger, Benn.... oder heute Botho Strauß, Dávila etwa – ist ja für unsereins auch kein praktisches Vorbild. Die – als Abstraktum zu verteidigende - Masse ekelt uns aber doch an. Zwischenwesen also, sind die meisten, die sich noch - anteil-nehmend & individualistisch - äußern da nicht für ihre Nischen gemacht? Jeder (s)ein Sonderfall und zugleich Teilchen in etlichen Strömungen? Also ist so ein Blog immerhin eine Art distanzierte Teilnahme, sein kleinen Betrag in der riesigen Textmasse immerhin einzuspeisen... bevor man völlig (völlig verzweifelt? wie die Leute der RAF? gerade Ohnmacht ist ja oft Grund für radikale Gewalt), und als Meinungs-Gesamtheit im Mainstream dann eh untergeht.
Ich neige immer zu dem „ephemeren Verlangen“. Die Tussi, die sich in ihrem Tussitum dort spreizt, die Schüler in ihren pubertären Abenteuern, all die Themen-Spezialisten in ihrem Sonderwissen ebenso... es wirkt da auch immer ein Narzissmus. Ins Blog ausgelagert werden auch diese Momente von Entdeckung, von eigenen Besonder- d.h. Selbstheiten, von Gefunden- (Erwählt-, Erhört-, Errettet-, Erlöst-)sein. Das Blog ist, als Ort der „Stimme“, wie immer auch moduliert, auch ein „Ruf“ selbst, dort allein ebenso wie herausgestellt zu sein, mit sich berufen und zugleich unter alle anderen.
(Fällt mir gerade ein: Sloterdijk arbeitet diese Seiten sehr gut heraus in seinem Aufsatz über Bach und das „Sirenen-Stadium“. Siehe aber auch den „oralen Fundamentalismus“. Das alles in „Sphären I Blasen“. Vielleicht liegen jeweils in solchen Tiefe mehr Gründe, als das oberflächliche Medium denken lässt?)
Dilemmata
Und s/Sie bringen es auf den Punkt: Einerseits der Wunsch nach Rückzug aus dem Politischen – andererseits der Wunsch nach Partizipation. "Was denn nun?" frage ich denjenigen, der mir nach fünf Minuten von mehr Bürgerbeteiligung schwärmt, aber nie und nimmer Argumenten aufgeschlossen ist. Man kann sehr leicht gegen "die Gesundheitsreform" sein, wenn man sich das Ding nicht durchgelesen hat. Will ich das aber? Ehrlich gesagt, nein. Aber ich müsste es, wenn ich hierüber (mit) zu entscheiden hätte.
Wir können uns aber eben gerade nicht diesen uninspirierten Geistern ausliefern! Wir sind zum Mitdenken verurteilt; wenigstens zum Fragen (Handke!). Aber dann mein Ekel, wenn ich eine Sendung in Radio und Fernsehen anhöre, bei der dann irgendwelche Leute anrufen und Politiker (oder Journalisten) befragen. Diese Leute haben nämlich meistens keine Fragen mehr, weil sie nur ihre Antwort durchgehen lassen. Fünf Minuten ein Held sein und seinen Sermon ablassen! Einwegkommunikation mal anders; multimediales Schmierentheater. Mit Recht auf dem Rückzug. Nein, ich bin dezidiert gegen grossflächige Volksentscheide (Ausnahmen auf kommunaler Ebene und die ganz grossen Entscheide [EU-Verfassung oder so etwas ähnliches!]). Sonst hätten wir ganz schnell Todesstrafe für Kinderschänder; die D-Mark; den Austritt Deutschlands aus der EU. Der Bürger wird eigentlich durch seine Repräsentanten vor sich selbst geschützt. Aber was, wenn diese Repräsentanten nicht mehr integer sind?
Und: Ich vertraute einem Egon Bahr noch, dass er "das Beste" wollte und machte – und schliesslich mussten sich ja die Produkte seiner Diplomatie den Abstimmungen stellen. Aber traue ich heute noch jemandem wie Steinmeier? Wohl eher nicht.
Zu den Blogs: Ich sehe Ihr Argument der Nischenexistenz. Aber wenn sich ein Nischenblogger in die Nische begibt, dann verhungert er dort, oder? Wird vielleicht zum "Autisten"? Wie die Leute in der U-Bahn, die mit aufgepfropften Kopf- oder Ohrhörern den ganzen Wagen beschallen, nur um sich abzuschotten? Neulich schrieb mir jemand, dem ich andeutete, dass ich den Blog schliesse, ich sei doch so was wie "3sat" oder "SZ", also "unverzichtbar". Und Redakteure dort würden doch auch nicht auf Zahlen, Quoten, Leserbriefe schauen. Klang alles gut – aber es stimmt nicht. Natürlich schauen sie darauf und selbst ein öffentlich-rechtlicher Sender wie "3sat" steht unter Legitimationsdruck. Eine Sendung wie "Kulturzeit" kann so gut sein, wie sie will – ohne Quote würde sie nicht weiterbestehen (zur Sicherheit verpasst man sich gerade dort eine neue politisch-korrekte Linie). Und "arte" findet jeder toll, guckt aber keiner.
Abschalten, den Dreck der Privaten. Ja, einverstanden. Aber damit blenden Sie sofort rd. 30-40% (50%?) der Bevölkerung aus, die ihre Informationen fast ausschliesslich hier beziehen! Und diese Leute entscheiden ja die Wahlen! Und man überlege einmal: Die Parteien beklagen, dass sich "traditionelle Bindungen" an sie auflösen. Sie sollten es als Chance sehen – denn ein Wähler, der heute CDU gewählt hat, steht dort nicht mehr dreissig Jahre lang unverrückbar. Sie haben es aber lieber, wenn der "Wechselwähler" ins Lager der "Nichtwähler" wechselt – auch, wenn sie natürlich das Gegenteil sagen. 'Wenn ich seine Stimme schon nicht bekommen kann, dann der andere auch nicht.' Das ist eine Politik des "verbrannten Wählers" (statt verbrannte Erde), die dort seit Jahrzehnten betrieben wird.
Im Grunde genommen sind RTL und SAT1 "Riesennischen" für das sich so rasch und bereitwillig entpolitisierende Volk. Und dann vorgestern kurz im Fernsehen Michael Naumann mit einem Blumenstrauss, als er von 99% der Delegierten der Hamburger SPD zum Kandidaten für die Hamburger Bürgerschaft gewählt wurde. Man stelle sich Naumann vor, wie er mit RTL-Zuschauern diskutiert. (Kennen Sie noch den "heissen Stuhl"?) - Dilemma: Solche Leute müssen in die Politik – sind für die Masse der Wähler aber so exotisch wie ein blaues Kaninchen.
Wer ist in der Nische? "arte" oder "RTL"? Oder beide in jeweils anderen Ecken (so nennt man das beim Boxen wohl)? Sinnvoll muss es doch sein, einen Diskurs zwischen beiden zu suchen - und zwar ohne Anbiederung an die Masse. Ist es nicht eine Schande, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen (ARD / ZDF) mehr und mehr zur willfährigen Hure des Massengeschmacks verkommt? An einem Sonntag gab es von 8 Uhr bis 17 Uhr Sport auf der ARD. Bezahle ich für Biathlon, Langlauf, Skispringen und Bobfahren? Wohlgemerkt: Das waren keine Welt- oder Europameisterschaften, sondern meistenteils nur "normale" Weltcup-Spiele. Brot und Spiele – aber wo ist da der Anspruch? Und warum laufen denn Büchersendungen um 23.30 Uhr sonntags? Weil sie um 22.45 Uhr mal eine niedrige Einschaltquote hatten?
Und da sind Weblogs eben nichts anderes als ein Spiegelbild der medialen Gesellschaft. Daher teile ich den Optimismus nicht, obwohl ich das Potential durchaus sehe. Aber auch im Fernsehen steckt ein grosses Potential – es wird nur nicht genutzt.
Ephemeres Verlangen – Zeitvertreib. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Oder?
Brot & Spiele - und die blinden Flecke des eigenen Unvermögens
Ja, das trifft was! Was ist aber dann mit der Demokratie, wenn man sie verwirklichte? Müsste man nicht also einmal die Unvernunft der Massen „zu sich selbst kommen lassen“? (Oder ist sie da schon immer?)
Sonst bleibt es ja beim status quo derjenigen, die sich möglichst nicht in ihren Gewissheiten erschüttern lassen wollen. (Letztens während des Wartens auf einem Zugbahnsteig gehört: „Die Ausländer nehmen den Deutschen ihre Arbeitsplätze weg,“ tatsächlich mit allem Ernst an Überzeugung. Ist so etwas überhaupt noch argumentierbar? Welcher Aufwand macht dazu Sinn? Sollte man solche Dinge nicht an sich selber zuzgrunde gehen lassen?) (Alle Fragen hier sind natürlich rhetorisch.)
Mir ist Bahr auch sympathischer als Steinmeier, aber ... gibt es überhaupt eine Wahl? Sind es nicht „gefühlte“ Argumente, die Zustimmung (Stimmen) bringen? Insofern war Schröder schon richtig, wie es jetzt auch Merkel ist: Irgendwie drückt sich der Zeitgeist auch in den Temperamenten und Mentalitäten der prominent im Namen anderer Agierenden aus. (Und Kohl hatte jenes unsympathische Deutschland vielleicht auch verdient?)
Mir kommt es manchmal so vor, als ob man die Schwächen des Systems, die Stumpfheit der Mehrheiten, die Idiotie der Medien, diese ganze träge Umwälzung namens Fortschritt, während der der Weltgeist angeblich zu sich findet... das man anscheinend das alles in Kauf zu nehmen hat, um „Freiheit“ – dann auch in seinen Elaborierungen, etwa der Wissenschaft, der Kunst - zumindest eben in ihren Nische relativ unbedrängt sich realisieren zu lassen.
Dieses „Verhungern“... wenn ich etwa ein ungeselliger Mensch bin, der sich eher für entlegene Kunst- als für die gängigen Gesellschaftsthemen interessiert, der in keinen Verein oder schon gar eine Partei eintreten mag, den Fußball nicht interessiert und auch sonst keine Massensachen... bin ich dann nicht per se abgehängt? Eine Nischen-Eixstenz? Eher wenig anschlussfähig an irgendeine Art Konsens? Ich frage mich das selber. Welche Art Partizipation ist mir noch möglich?
Und: Ist im Moment des Interesses des Persönlichen, wie es nur schwerer vergesellschaft werden kann – Obsesssionen, Leidenschaften, Manien, Agressionen... – nicht immer auch „autistisch“? Und wäre das nicht gut, angesichts einer alles bis ins Restlose vereinnahmen wollenden Idee namens „Politik“? (Der Widersprüche bin ich mir bewusst, aber es wären eben auch die Widersinne, die daran zu erwecken wären. Die Ir-ratio, die das Unvereinnehmbare des Eigensten vielleicht selber re-präsentiert.)
Ohne Ironie: Manchmal empfinde ich ja auch so etwas wie eine ans Anonyme gerichtete Dankbarkeit für die Möglichkeit meiner Randexistenz.
Kleine Zwischenbemerkung zum Fernsehen:
Ich schau fast nichts anderes als „arte“ – nicht, weil ich so differenzsüchtig bin oder mir selber auf die Schulter klopfen will: Ich würde mich gerne mal unter meinem Niveau gemein machen... aber mich auch nicht mehr dafür ekeln müssen (etwa bei dieser alles-verseuchenden Comedy). Es geht also kaum. Und siehe da: Die interessantesten, ungesehendsten Bilder kommen tatsächlich oft in diesen Experimentiersendungen nach Mitternacht! Ich beschwere mich also nicht, sondern bin froh, dass es überhaupt eine Ecke dafür gibt!!
„Kulturzeit“ allerdings ertrage ich kaum mehr: Eigentlich ist das auch nur mehr eine Ecken-Konsenssendung, die mir schon in der Anmoderation aufgibt, mit welcher Haltung und welchen Denkbausteinen ich das folgende Thema nun aufzunehmen habe: „Muss man das nicht auch im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus sehen?“ Ja, wie denn sonst? Brav!
Will sagen, dass bei diskurs-korrekter Über-Abdeckung von relevanten Themen ebenfalls Verflachungs- und Redundanz-Effekte einsetzen: Denkfaulheit! Alle Aufklärung nivelliert sich auf dme erreichten Niveau! Das ist weniger zynisch gemeint als ein Problem eben der Vermittlung: Weniger wäre mehr!
(Und auch dort längst jeder Magazin-konform Beitrag aufgepimpt mit überflüssiger Musik, mit immer mehr MTV-Ästhetik, alles vermeintlich nicht sofort Vertraute sofort auf einen mittleren Stand der anzunehmenden Informationspegels darüber gebracht! Sie lassen die Bilder, die Gesichter, die Besonderheiten nicht ausreden! Dazu kommt alles zusehends schmissig, konsumier-erwartbar, reproduktiv bis in die Formalien: Geht’s um Malerei etwa, klimpert immer ein Klavier - immer!. Bitte einmal keine Klavieruntermalung, wenn gemalte Bilder gezeigt werden, einmal nur, ja?! Danke!
Ich denke, diese Redaktion bräuchte dringend Erneuerung, eine Frischzellenkur! Und vorher etliche Erschütterungen ihrer Selbstgewissheiten. )
Das mit dem „Spocht“ hat wohl mit Geld zu tun: Die wissen, dass sich nur Minderheiten für solch exotische Disziplinen interessieren, aber es bindet gesellschaftliche Gruppen, erzeugt die Illusion der „Versorgung“ (ein wesentlicher Begriff für die Ö.R.!) und bringt billige Sendeformate.
Das, was einmal Vorteil war – viele Landesanstalten, Vielfalt – ist selber zur Erstarrung geworden. „Kultur“ ist nur ein bunter Fleck für Minderheiten im „audience flow“ für den Mainstream.
Zementierung der Gewissheiten - und anderes...
Im beschriebenen Beispiel (am Bahnsteig) ist es natürlich ein Elend. Meine Zeit, als ich dem dann widersprach, mich (verbal) einmischte, ist längst vorbei (genauer gesagt: ich habe es nur 2-3 mal gemacht). Aber im Blog?
Nehmen wir das aktuelle Beispiel um die "Koran-Richterin" (so eine Titelzeile auf einem Weblog). Wer hat ernsthaft den Sachverhalt vom Affekt gelöst? Wenige. Wer die Nachricht zuerst möglichst deftig kommentierte, hatte das meiste Echo. Reagans Gesetz: Eine Lüge solange wiederholen, bis sie nur noch geglaubt werden kann; Widerspruch nicht in den Sinn kommt.
Ist das die "neue Freiheit"? Ja, Freiheit ist anstrengend - implizit das Aushalten des Anderen. Aber was ist, wenn ich das Andere schön ausblenden kann mit der "Blogwirklichkeit"? Wirft nicht dieses affektierte Verhalten genau das schlechte Licht auf die "Blogger", die sie verdienen? Ist ein Hartz typisch für alle Personalchefs? Natürlich nicht – aber jeder weiss nun, was möglich ist. Da ist ein Drang nach Vereinfachung – gerade weil die Welt so komplex ist. Das Vorurteil ist deswegen sehr bequem und es in abgeschlossenen Zirkeln zu kultivieren war noch nie so leicht wie heute (früher brauchte man hierfür "Logen").
Wie gelegen einigen Gesinnungsfreunden diese Entgleisung der Frankfurter Richterin kam! Endlich hatten sie (wieder) Futter für ihre These. Welche Wollust aus ihren Zeilen triefte, als sie drei, vier eilig hingeschmierte Zeitungsartikel verlinken konnten! Was unterscheidet diese Leute von der Person am Bahnsteig und ihrer These? Weblogs sind Möglichkeiten – aber vor allem auch Herausforderungen! Und da ist Ihre These natürlich sehr treffend: Man muss den Müll in Kauf nehmen, um unter ihm die Pretiosen zu finden. In der Tat habe ich manchmal das Gefühl, die Suche im Netz ist das moderne Goldsuchen und Blogs sind die Claims. Hierin liegt ja auch der Charme: Das eigene Blog kann zum anarchischen Raum werden; zur Spielfläche. Und wie beim Goldsuchen schaut man natürlich, was sich in den anderen Claims so tut - aber nur, wenn man will.
* * *
Und natürlich ist es ein Vergnügen (in manchen Dingen) eine "Randexistenz" zu sein – es sein zu dürfen (freilich mit den Konsequenzen, die es mit sich bringt). Und die Ambivalenz in der Sache: Randexistenzen können nur möglich sein, weil viele exakt das machen, was man dann selber für sich ablehnt bzw. so nicht machen würde. Dieses Paradoxon erlebe ich oft genug selber. Sie erwähnten es ja schon einmal. Die Masse, der man (freundlich ausgedrückt) eine gewisse Ambivalenz entgegenbringt, ermöglicht erst das, was "Sosein" nennen könnte. Besonders krass (hier trifft das verhunzte Wort) ist das bei "Aussteigern" zu sehen: Das Aussteigen ist nur möglich, weil es genug "Drinbleiber" gibt. Würden alle gleichzeitig "aussteigen", ginge es schon nicht mehr. [Als vor längerer Zeit einmal am Bahnhof ein heruntergekommener Mann morgens die Zugreisenden (meistens Pendler) mit den Worten beschimpfte: "Ihr Idioten! Ihr geht arbeiten! Ich brauch das nicht…" (die unflätigen Ausdrücke lasse ich weg) und dann gleichzeitig um Geld ersuchte – meine Antwort: Ich könne noch nichts geben, sondern müsste das Geld, was ich vielleicht ihm geben wollte, heute erst einmal verdienen!]
* * *
Manchmal frage ich mich, ob Nischendasein nicht als Euphemismus für voreilig selbst diagnostizierte Bedeutungslosigkeit steht. Früher habe ich Fernsehleute, die über ihren Quotenfetischismus gesprochen haben, für exaltiert gehalten. Deren Programm hatte doch mir gefallen – also was soll's. Wenn man einen Blog hat, also - im Kleinen - auf der "anderen Seite" steht, schaut man (= ich) plötzlich, wie viele Leute was lesen, wie viele Klicks aufgrund von Google generiert werden (also zunächst einmal keine Leser, sondern "Laufkundschaft"), usw. Wenn ich nun feststelle, dass es mir in mehr als einem Jahr nicht gelungen ist, signifikant Zugriffszahlen zu steigern, so kann ich mich natürlich auf die Nische stützen und behaupten, ich schreibe eben nur für eine gewisse Klientel oder ich kann Themenauswahl und Schreibstil befragen. Ersteres ist bequem – letzteres muss dann Konsequenzen haben. Das hat nichts damit zu tun, was stimmt (vermutlich immer beides ein bisschen).
Neulich schrieb mir jemand, dass ihm einige Rezensionen (ich sage lieber "Begleitschreiben") auf meinem Blog gefallen. Exakt diese haben jedoch eher übersichtliche Zugriffszahlen (vielleicht auch deswegen, weil sie wenig bis gar nicht kommentiert werden; Kommentare generieren ja immer Zugriffe). Seine (ernüchternde) Antwort war, dass es vielleicht mit der Länge der Beiträge zu tun habe. Vermutlich hat er damit sogar recht – aber was wäre ernsthaft die Konsequenz? Daumen rauf – Daumen runter? Es gibt einen anderen Blog auf twoday, der sich mit Büchern beschäftigt. Dort schreiben Leute – wie sie es nennen – "Rezensionen". Diese bestehen meistens aus einem Zitat aus dem Klappentext des Buches und einer mit "Meinung" überschriebenen "Rezension", die aus ca. 10-12 Zeilen besteht. Bei den Budddenbrooks stand da sinngemäss, dass der/die "RezensentIn" sich gefreut hatte, das dicke Buch zu "Ende gelesen zu haben; schliesslich sei es ja ein Klassiker. Die Sprache von Thomas Mann wurde dann noch irgendwie als antiquiert bezeichnet. Am Schluss gibt’s ein Tool, welches eine Bewertung anzeigt (ich glaube es sind maximal 5 Kästchen [ähnlich den "Sternen"] zu vergeben). Wäre das für mich die Alternative? Natürlich nicht.
* * *
Ein paar Worte zum "Spocht". Ich mag das; schaue auch Fussball (habe die WM allerdings ohne Fahne und andere sichtbare Zeichen verbracht). Ich halte Sport auch für absolut notwendig. Er bietet den Menschen eine Sehnsucht: Klare Regeln, die jeder versteht und auch anwenden kann (daher ist ein Spiel wie Fussball so populär – und andere Sportarten eher nicht) und – vor allem – ein sichtbares, verhältnismässig schnelles Resultat, welches eindeutig ist. Keine Deutung ist bei einem 2:1 Ergebnis möglich. Es müssen keine Entwicklungen (wie in der Politik) abgewartet werden; keine langwierigen Prozesse. Die Spannung wird im Nu aufgelöst; nach 2 Stunden weiss man, wer "der Bessere" ist. Ich glaube, dass ein Spiel wie Fussball auch identitätsstiftend ist. Das kann dann natürlich aus eskalieren – siehe Hooliganismus. Aber früher sind die Völker in die Schlachten gezogen, um sich "zu beweisen" – heute hat man seine "Stellvertreter" – hochbezahlte "Profis", die "für einen" in (einen überschaubaren) Krieg ziehen. Die eventuelle Niederlage ist dann auch keine Schmach mehr – flugs werden dann ein oder mehrere Spieler zur "Flasche" erklärt, usw. Die modernen Tragödien werden in den Sportarenen dieser Welt geschrieben; Krimis und Sport erlauben die Katharsis des 21. Jahrhunderts. Das sagt auch einiges aus.
* * *
Obwohl es nicht zum Thema gehört - einige Worte zu "Kulturzeit". Ihr Urteil teile ich im grossen und ganzen. Die Redaktion bedarf vermutlich wirklich neuer Impulse; mit Schrecken sehe ich immer der Woche entgegen, wenn Tina Mendelsohn die Moderation übernimmt (immer mit erhobenem Textmarker beim Interview; grässlich) – und schaue inzwischen dann auch nicht mehr. Viele Beiträge sind allerdings gar nicht redaktionell, sondern liefen vorher in anderen (vorwiegend ARD-)Sendungen ("ttt"; "Weltspiegel"). Der Sendung gut es nicht gut, dass sie derart politisiert worden ist – und doch arg das eurozentristische Weltbild vertritt.
Mein Beitrag zur Zukunft der Gesellschaft
Beides berührt aber in jedem Fall die Frage: Wer ist man – zuletzt: in egal welcher Betrachtungsweise -sich dabei selbst? Und sind die angeblichen Gewissheiten tatsächlich eigene oder nur solche, die man inmal ohne Nachdenken übernommen hat und also kaum je aus anderem Blickwinkel betrachtet? Und sind sie (als Selbststabilisierung) dann eine Freiheit oder eine Einengung? Usw.
Ich wollte wieder „die Nische“ anpeilen... Denk-Nischen, Lieblings-Glaubenssätze-Erker, Überzeugungs-Ohrensessel, Überbauten-Gehäuse... alles Merzbauten der Person, in der sie sich einrichtet. Alles in seiner Bedingtheit immer mit-bedenken ist ja aber auch mühsam. Und ist diese Franfurter Richtern, mit dem Versuch offenbar das Fremde in seinen Rechtsvorstellungen mit einzubeziehen nicht auch da schon in einer „Nische“, einer gut-deutschen eigentlich, eine die zeigen will, dass sie dazu gelernt hat? (Man denke hier aber auch einmal kurz an den „Tugend-Terror“, siehe Jessen, ZEIT.)
Was dann die Manipulationen angeht: Schaffen wir sie nicht wieder selber? (Und diese BILD-Betitlung „Koran-Richterin“: Wollen wir denn nicht, das etwas auf dem Punkt ist? Können wir alle die Korrektheiten in ihren Umständlichkeiten immer noch mitbedenken? Ist die Arbeit am „Richtigen“ nicht auch eine Art Verengtheit unserer „Konsens-Freiheit“, die wir gerne einmal loswürden? Befreiung durch Lachen à la „Borat“.)
Scheinfreiheiten. Letztens äußerte jemand den Gedanken, dass in all dem überbordenden Aussprechen, das alle in ihren Blogs leisten, sie damit den Kontrollinstanzen in die Hände spielen. (Nicht unbedingt gleich big-brother oder der Justiz, aber denen, die Interesse an aktuellen Geisteshaltungen haben, egal ob es die Geheimdienste des Staates oder die der ökonomischen Trend-Scouts sind, oder irgendwelcher Soziologen. Es gibt mittlerweile auch Text-Tools, die mit Datenbank-Techniken große Word-Scans nach catch-words durchführen können, um zu sematischen Auswertungen zu kommen. In Marbach wird angeblich auch überlegt, ob man nicht alles versuchsweise Geäußerte mal eben für Ewigkeiten zu speichern hätte. Oder „Myspace“: Für ein bisschen Fun und „falsche Freunde“ verraten alle gleich ungehemmt ihr Intimstes. Usw.)
Worauf ich hinauswill, ist, dass wir selber längst durchdrungen sind von allen möglichen Techniken und Kultur-Techniken aus disparaten Bereichen, die zu komplex sind, sie in ihren möglichen Auswirkungen immer erst einmal zu durchdenken... deren Gesamtheit uns aber sowieso in dieser Sphäre hält, uns in unserem Tun dort sogar „selbst“-ausweitet, aber eben auch immer genauer „formatiert“ (im Foucault’schen Sinne: Allen die Technik geben, und alle wären innerhalb dieser Techniken der Macht: Alle kriegen ein Mobiltelefon, aber alle Verbindungsdaten werden zentral gespeichert... Und unser eigenstes Herz ist tiefst-finster).
Wären also die Nische, die Kleinheit, die Anonymität... nicht selber (zumindest im Ansatz und einer gewissen Tendenz der Beweglichkeit, auch der Verweigerung) kleine Bedingungen, uns dem zu entziehen? Die implizite Verweigerung als die letzte „politische“? Das „Kleiner-Denken“, das Huschen über die „Tausend Plataues“ auch im Text, statt auf die Klickzahlen und die Schlagzeilen, also die Mini-Relevanz im Nachhall seiner Denke zu schielen? Die Nische, die Unbemerktheit als letzte Freiheit, die dann auch hier und da in Gedanken einmal tatsächlich die Formatiertheiten unteräuft?
(Und: Wenn man – ich tu das nach wie vor auf Telepolis – die hard facts der Kultur- und Medienwissenschaftler verfolgt, die die Auswirkung und Tatsächlichkeiten des Internets und seiner Techniken untersuchen, kommt man doch eh von all den schönen Utopie-Blasen - analog anscheinend den wirtschaftlichen aus der Gründer- und Boom-Zeit - ab. Blooms „Meme“ und das globale Gehirn, Teilhard de Chardin mit seiner Noosphäre – tolle Science Fiction! Anregend zu lesen, wenn man eine alte Schwäche fürs Utopische hat. Aber die Realien sind dann, dass solche Finstermänner wir Murdoch den ganzen Teenie-Spaß aufkaufen und sie ihrer Super-Vision unterziehen: Und die lautet: Profit!. Und was ist mit einem solchen Ansatz wie dem „Bundestrojaner“? Ist das Böse denn immer und überall gleich mit dabei? Wenn wir kommen: Anscheined ja! Ich brauche nur in mein Cookie-Verzeichnis zu schauen, mit wem ich es beim Surfen durchs Weltweite Wunderbare zu tun bekomme: Mind-Share ist immer dabei: Jemand erdreistet sich also ungefragt, mich, mein bisschen Geist im Auftrag anderer mit anderen wiederum zu teilen! Wer schöpft mich da aus / ab? Tatsächlich bin ich also mit all meinen wunderbaren Freiheiten immer im Netz einer Kontrolle – und immer auch schon der Click- und der Quotendepp: „Eine Freiheit, und ihr nicht entrinnen...“ (oder so ähnlich heißt es schon bei Schiller; der wusste vielleicht mehr über Schein-Freiheiten als wir!).
***
Dass meine eigene Randexistenz also ein Nischen-Dasein per se ist... und womöglich sogar auch noch eine Luxus-Falle: Das ist mir bewusst. Und um es auch zuzugeben: Ich selber habe, als ich mich auf diese Webarbeit eingelassen habe, früh alle diese naiven Träume geträumt, von der Schnelligkeit, dem unbegrenzten Austausch, der Radikal-Demokratiserung, der Befruchtung der Geister... und dann auch verstehen müssen, dass die Leute sich selbst gar nicht genug zurücklassen können, um in einen solchen Raum anderswie zu agieren. Sie bringen immer alles von sich mit!
Erinnert sich noch jemand an Sherry Turkle? Die intelligente Legitimation für eine erweiterte Web-Existenz! Aber anscheinend geht es gar nicht darum. Zumindest nicht, wenn sie Massen-weise vorkommen: Wie man überall vernehmen kann, ist es in „Second Life“ noch einfältiger als in der Realität, der sie dorthin für eine Spielexistenz entfliehen wollen! Um es wienerisch zu sagen: Wo der Geist hinkommt, wird es stupid... Statt Vielheit nur Mehrheit, und die überall. Da wird es schnell auch mal diktatorisch...
Vielleicht ist „Bedeutungslosigkeit“ ja der Preis, der für das bisschen mehr an Freiheit zu entrichten ist? (Zumindest der, sich nicht von der de facto Definitionsmacht der Mehrheit zu unterwerfen. Seltsamerweise wird „Bedeutung“ – eh oft erst im Nachhinein – häufig von einer Spannung zwischen der Masse und den Einzelnen erzeugt: Man kann seine eigene Bedeutung vor der Quantität letztlich immer auch leicht unterschätzen... siehe noch einmal das Elementarteilchen, das dann doch in einer bestimmten Kette von Reaktionen den Unterschied macht.)
***
Ich will mich nicht aufspielen mit meinem Medien-Desillusionismus, aber auch diese Erfahrung mit der Klick- und Leserzahl habe ich vor etwa 10 Jahren schon einmal gemacht. Es war die mit einigem Aufwand betriebene Site einer kleinen Künstlergruppe, seinerzeit mit sämtlich nur denkbarem aktuellen und ambitionierten „Content,“ den ich als Redakteur teilweise zusammenbrachte... an manchen Tagen gab es hundert Besucher! Als ich aber eines Tages eines meiner Objet Trouvés einstellte, ein Fundstück, dessen obszönen Text ich transkribierte, weil ich es für interessant hielt und auch für zeigenswert... stiegen die Klickzahlen rasch in die Tausend, und entsprechend der Traffic. Ich begriff damals, dass ich mir keine Mühe mehr geben brauchte, es sei denn, ich wäre dauerhaft mit den wenigen ernsthaften Interessenten zufrieden. Aber dafür all die Arbeit? Und die immense Kritik (für meinen „Subjektivismus“)? Es ist wohl doch eine Kosten-Nutzen-Relation. Heute fühle ich mich geradezu privilegiert! Ich bin, radikal unverbunden, freier so zusagen auch um meine „Bedeutung“. (In einem weitgehend „aufklärerischen“ Zusammenhang sehe ich mich dabei aber immer noch.)
***
Beim Sport gelingt es mir nicht mehr von den Phänomenen drumherum wegzuschauen, ob Manipulationen wie in Italien oder durch „Spitzenfunktionäre“ wie Sepp Blatter, ob bejubelter Faschistengruss in einem Riesenstadion wie in Rom oder dem kleinen miesen Schlägerspaß am Wochenende in der Provinzstadt, der für die eigene Frustabfuhr den Tod anderer in Kauf nimmt: von dem dreckigen Geld und dem Narionalismus-Hype mal ganz zu schweigen. Ehrlich gesagt, kann mir mein Urteil da gar nicht radikal genug sein. Ich denke sogar, dass sich an diesem Teilbereich der tatsächliche Zustand unserer Gesellschaft viel besser ablesen lässt, als an der reglementierten Politik: Es ist Krieg!
(Genazino sagt letztens irgendwo, dass unser Alltag längst „katastrophische Züge“ angenommen hat, und er bezog es auf Lärm, Gewalt, Massenüberfüllung... auf eine Szene in seinem neuen Buch, die zur Weltmeisterschaft spielt: Plötzlich leuchtete mir sein Einfall mit dem sich auflösenden Körper des Protagonisten auch ein – der verliert erst ein Ohr, dann einen Zeh: Es fällt aber niemandem weiter auf: Wir haben bei all der Komatrinkerei und der Vogelgrippe, bei Irak und Globalisierung den Pegel für so etwas wie einen normalen Blick auf uns verloren, bzw. diese „Norm“ hat tausende von Löchern. – Auch da empfinde ich meine Nische als Privileg.
Wieviel der „deutsche Wahnsinn“ eigentlich mit mir selber zu tun hat, weiß ich nicht. Manchmal denke ich: Mehr, als mich raushalten kann ich nicht tun. Aber das wäre mein bester Beitrag!)
"Medien-Desillusionismus"
Diese Gleichgültigkeit gibt es in Diktaturen nicht (ich habe nie in einer gelebt). Dort hat das Wort noch einen Wert – mit oft fatalen Folgen. Manchmal - und jetzt bitte nicht falsch verstehen – wäre eine solche Gewichtung des Wortes fast wünschenswert. Endlich wieder lernen, "zwischen den Zeilen" zu schreiben und zu lesen (und nicht nur bei Schriftstellern)! Endlich wieder Worte suchen! Aber es geht ja nicht – es ist vollkommen hirnrissig, sich deswegen diktatorische Verhältnisse zu wünschen. Aber es ist Paradox: In der freien Meinungsäusserung liegt immanent das Moment des Nivellierenden; des Beliebigen und auch des Banalen. Das abgewogene, prüfende, tastende, suchende Wort lässt bei uns (fast) nur Gleichgültigkeit zurück.
Daher "Tabubrüche" – die wenigen, die noch bleiben (man denke an Eva Herman: Die blosse Abweichung von gesellschaftlich adaptierten Imperativen plus eine geschickte Marketingstrategie genügt). Und daher schlagen so viele Blogger auch diese schrillen, lauten Töne an: So werden sie gehört (wenigstens innerhalb der Szene). Krönung der Aufmerksamkeit: Sie werden (meist mit nichtigen Gründen) gemassregelt (einstweilige Verfügungen; Klagen). Hieraus saugen sie dann Nektar. Das schlimmste aber – im umgekehrten Fall: Niemand beachtet sie.
Und nur hierin haben wir vermutlich einen Dissens: Ich sehe nicht, dass das "Elementarteilchen" den Unterschied machen kann. Oder nur im Sinne dessen, was ich als blutigster Laie in "Chaostheorien" gehört habe. In der Medizin nennt man das wohl Homöopathie. Oder beim Gehen im Wald schaut man fasziniert auf den "Ameisenhaufen" – hat die einzelne Ameise eine Idee ihres Schaffens, ihres Beitrags? (Ganz sicher nicht)