Digitale Narzissten

Was sind eigentlich Weblogs? Welche Erwartungen sind mit ihnen verknüpft? Wird mit Weblogs wirklich die Öffentlichkeit demokratisiert? Oder sind diese hohen Erwartungen bereits Makulatur, in dem die Masse der "persönlichen Tagebücher" eher banales, peinliches oder schlichtweg belangloses aufzeigen?

Der Essay von Geert Lovink mit dem Titel Blogging, the nihilist impulse (in deutsch unter dem Titel Digitale Nihilisten bei "Lettre International", Heft 73, erschienen; Auszüge hier) versucht, diese Fragen zu beantworten. Das Verdienst dieser Untersuchung liegt u. a. darin, dass der Autor um Objektivität bemüht ist; Kassandrarufe über die verlorene Kraft des "Web 2.0" sind ihm ebenso fremd wie die emphatische Ausrufung einer neuen basisdemokratischen Gesellschaftsordnung. Neben Zitate von Experten für digitale Medien gibt es Rekurse u. a. auf Heidegger, Canetti, Baudrillard und (natürlich) Sloterdijk.

Lovink versucht nichts weniger als die Quadratur des Kreises: Den Begriff des Weblogs aus einem Definitions- und Erkennungsgespinst zu entwirren und dann die Zukunft dieses 'neuen Mediums' vorherzusagen. Dabei ist es ganz klar, dass es durch die Heterogenität des Gegenstandes grobe Verallgemeinerungen gibt und das der Aufsatz gelegentlich ins Schwimmen kommt (in der englischen Sprache scheint sich der Autor besser ausdrücken zu können als im Deutschen). Insofern sollen diese gelegentlich groben Vereinfachungen nicht kritisiert und thematisiert werden; auch diese Betrachtung hier wird aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht alle Verästelungen gleichermassen berücksichtigen können.

Das Weblog als Marke - entstanden aus einem Überdruss vor der Einwegkommunikation klassischer Medien.

Weblogs sind - kurzgefasst – meinungsstarke, subjektive Texte eines meist unter Pseudonym schreibenden Weblog-Inhabers (des sogenannten Bloggers [der Einfachheit halber wird dieser Terminus übernommen, obwohl er ästhetisch nicht immer befriedigt]) über alle möglichen Themen (privates, politisches, soziales; Hinweise auf andere Medienprodukte nebst kurzer Bewertung, usw). Im Idealfall sind Blogger untereinander möglichst zahlreich verbunden (Syndikatsbildung), so dass die Illusion eines grosses Diskursraumes entsteht (der allerdings auch die Gefahr übertriebener Selbstreferentialität beinhaltet). Die Software, mit der Blogger arbeiten, ist frei verfügbar (in der Regel bei einem Hoster), einfach zu bedienen und fast unendlich variabel (wichtig für das individuelle und "einzigartige" Erscheinungsbild; ein Weblog ist auch immer eine "Marke"). Die Texte sind in der Regel kurz (genannt werden einmal 250 Wörter – also es wäre hier schon lange Schluss), mit prägnanten Überschriften, leicht zitierbar und mit Leidenschaft geschrieben.

Im Laufe des Aufsatzes wird der wichtigste Impetus benannt: Blogger sind der einseitigen Kommunikation von oben nach unten durch die gängigen, klassischen Medien (Zeitung, Radio, Fernsehen) überdrüssig. Sie sehen sich und ihre Meinung nicht mehr repräsentiert und verwenden hierfür das Blog, in dem sie die normale, statischen Rezeption von Information aufbrechen (präziser formuliert: umkehren).

In der deutschen Fassung des Aufsatzes wird übrigens die Bezeichnung Mainstream-Medien verwendet, was ungenau ist, da man diesen Begriff doppeldeutig verstehen kann: Sind damit die Mediengruppen gemeint, die gängig sind (also Printmedien, Radio, Fernsehen) oder diejenigen, die den Mainstream bestimmen? Die Schnittmenge zwischen beiden mag zwar sehr gross sein – es muss aber unbedingt herausgestellt werden, dass insbesondere bei den Printmedien noch zahlreiche Erzeugnisse existieren, die abseits gängigen Meinungs-Mainstreams publizistisch tätig sind. Ich verwende daher eher die Bezeichnung "klassische Medien" für die gängigen Gattungsmedien.

Zwar wird oftmals noch Referenz auf ein klassisches Medium genommen – der Blogger benutzt dies jedoch nur als Einstieg für einen eigenen Beitrag, der dann lobend, kritisch, ablehnend oder gar feindselig sein kann; manchmal auch nur hinweisend. Insofern fungiert das Weblog häufig als ein Ventil des sich zu kurz gekommen fühlenden Meinungsjunkies.

Welche Auswirkungen so etwas haben kann, erkennt man beispielsweise an Blogs, die in grosser Frequenz auf Agenturmeldungen rekurrieren, um sich mit recht einfach strukturierten Meinungsbildern derer anzunehmen. An solchen Blogs liessen sich sehr schön die Grenzen aufzeigen: Niemand kann über den Nahostkonflikt, die aktuellen Unruhen im Kongo, das Elend der Flüchtlinge in Darfur, die Gentechnik, die politische Lage in fast jedem europäischen Land, den Microsoft-Konzern, Hartz IV, alle möglichen lebenden und toten Schriftsteller und Essayisten – kurz: niemand vermag über alle Themen in gleicher Kompetenz eine sachgerechte Äusserung zu tun, die etwas anderes als eine ungefähre Meinung darstellt. Wenn dann in Kommentaren auf dem Blog beispielsweise Widersprüchlichkeiten im Meinungsbild oder ergänzende Fakten benannt werden, diese differenziertere (und oft auch unter Umständen kompetente) andere Sicht jedoch mit Löschen der jeweiligen Kommentare beantwortet wird, dann zeigt sich das, was Lovink in seinem Aufsatz thematisiert: Die Ambivalenz des Phänomens des Bloggens. In der englischen Version des Aufsatzes heisst es sehr schön The pushy tone is what makes blogs so rhetorically poor. (Der anmaßende Ton macht die rhetorische Armut der Blogs aus. - eigene Übersetzung.) Wir kommen hierauf noch zurück.

Wer braucht diese ungefragt abgegebenen Meinungen? Und – nicht unwichtig -: Wo sind diese Beiträge irgendwann? Ein Experte wird zitiert: In vierzig Jahren wird das Internet in einer gigantischen Implosion der Dummheit kollabieren. Bleibt die Frage, wieso eigentlich erst in vierzig Jahren.

Der Narziss  CaravaggioBlogger sind Narzissten.

Lovinks These (grob vereinfacht): Blogger sind Medienzyniker, die sich mit der Vergeblichkeit der Objektivität in den Medien abgefunden haben und aus der "privilegierten" Blog-Perspektive (= mehr oder weniger unbeteiligte Aussenperspektive) eine Art aussermediale (Fundamental-)Opposition betreiben. Diese These ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber warum dies dann irgendwann mit Nihilismus verquirlt und unterfüttert werden soll, erschliesst sich mir ehrlich gesagt nicht.

Ich glaube, dass das Phänomen eine andere Ursache hat: Blogger sind Narzissten, die ihre persönlichen Ereignisse und Bewertungen ohne besondere Nachfrage (diese ergibt sich [im Idealfall] erst später durch das Publikum) publizieren. Dabei gilt, dass jeder Text den Anspruch der Wahrheit impliziert; etliche Blogger glauben scheinbar, ihre Sicht sei ein Objektivitätsmonopol. Siehe oben: pushy.... Dann wird es problematisch – wenn das anfangs als erfrischend empfundene Quäntchen Vermessenheit ins Verbissene, Querulantische und Besserwisserische abgleitet (l'art pour l'art), welches sich der argumentativen Auseinandersetzung widersetzt.

Eine weitere Gefahr des Phänomens Weblog: Die "Sturzflut der Banalitäten" (Neil Postman) könnte dazu beitragen, dass ziemlich schnell ein Überdruss am Konsum von Weblogs entsteht. Dies gilt vor allem für die persönlichen Blogs, die sich mehr oder weniger mit den intimen Einzelheiten (beispielsweise aus Beruf-, Privat- und Sexualleben) beschäftigen, ihren Exhibitionismus genüsslich verbalisieren und – vor allem – die nicht unerheblichen "Appetitanreger"-Blogs, die als "Einstieg" für zahlreiche kommerzielle Angebote fungieren (meist ins Online-Glücksspiel oder für pornografische Inhalte). Rein praktischer Natur sind dagegen beispielsweise Sport- und Vereinsblogs, die entweder als Ersatz für ein wesentlich teureres Printerzeugnis betrieben werden oder bestimmte Fans (virtuell) verbinden sollen.

Lovinks Essay ist hier (und nicht nur hier) übrigens widersprüchlich. Einerseits finden Verfechter dieser Banalisierungsthese bei ihm Raum – andererseits rudert er wieder zurück, in dem er Verallgemeinerungen das Wort redet.

Wie ist es aber mit den ambitionierten bzw. sich ambitioniert gebenden Weblogs bestellt? Jene, die sich mit Kultur, Kunst, Politik, Naturwissenschaft, Philosophie und/oder Gesellschaftsphänomenen beschäftigen? Welcher Mehrwert liegt beispielsweise beim Leser eines Buches, die Rezension eines ihm meist vollkommen unbekannten Bloggers zu lesen bzw. diese gleichrangig zu den Rezensionen zu gewichten, die von professionellen Literaturkritikern verfasst werden? Ist es im "Wikipedia"-Zeitalter überhaupt noch relevant, welche Formalqualifikation ein Autor hat? Falls diese Beobachtung stimmt – welche "Qualifikation" gilt denn dann?

Diese Fragen sind nicht unmittelbar Gegenstand von Lovinks Betrachtung. Es ist dort vielmehr von einer Art Interdependenz der klassischen Medien mit den Weblogs die Rede. Ja, es wird gar der Blog als Konkurrenz zur oben beschriebenen Einwegkommunikation benannt (ähnlich dem euphorisch formulierten Wikipedia-Beitrag über Weblogs). Begründet wird das u. a. mit der Partizipationsmöglichkeit bei Weblogs. Im Gegensatz zur Zeitung oder dem Fernsehen ist es häufig möglich, einen Kommentar zum Beitrag unmittelbar anschliessen und somit eine Diskussion aufkommen zu lassen (und damit komplett anders als die Möglichkeit, sich in Leserbriefen auszudrücken). Diese Partizipationsmöglichkeit gilt (oder galt?) als revolutionär.

Bloggen ist die Behauptung der territorialen Diskurshoheit.

Meine Erfahrungen mit Weblogs dieser Art sind da ambivalenter. Und damit kommen wir wieder auf die These von den narzisstischen Bloggern. In Wahrheit ist die Bereitschaft, eine kontroverse Diskussion zur eigenen These einzugehen, bei vielen Blogbetreibern nur marginal ausgeprägt. Der Blogger sucht primär Zustimmung; Applaus. Er gruppiert mit Vorliebe Gleichgesinnte um sich. Man widerspricht sich maximal nuanciert. Die Abgrenzung erfolgt bereits auf der sprachlichen Ebene; jede Blog-Community hat ihre eigenen sprachlichen Codes mit entsprechenden "Korrektheiten" und "Unkorrektheiten". Der Blogger ist Herrscher mit der ihm zur Verfügung gestellten Software; das Weblog ist sein Territorium. Die Löschtaste ist seine schärfste Waffe; sie substituiert in der grössten Not das fehlende Argument.

Spätestens dann bricht sich der narzisstischen Eskapismus, der nur noch die eigene Weltsicht gelten lässt, Bahn; ein im Zeitalter der globalen Kommunikation eigentlich tragikomisches Phänomen. Er ist ein entscheidender Grund dafür, dass Weblogs – entgegen der Behauptungen enthusiasmierter Medientheoretiker - kaum Einfluss auf die Meinungsbildung in klassischen, seriösen Medien finden.

Wer hat je ernsthaft versucht, eine Diskussion auf einem extremistischen oder rassistischen Weblog zu führen? Wenn es dort möglich ist, zu kommentieren, dann ist die Software oft genug so programmiert, dass vor Veröffentlichung des Kommentars gefiltert wird (mit dem Ergebnis, dass der Kommentar meist nicht erscheint). Die ursprüngliche Intention eines freien, partizipatorischen Mediums ist längst perdu. Die Verknüpfungen der gleichgesinnten Blogs untereinander führen unter Umständen zu Blog-Kriegen, in denen unliebsame Blogger ad hominem denunziert und sogar bedroht werden. Das ursprüngliche rebellische Element gegen eine wie auch immer empfundene Meinungsmacht anzuschreiben, produziert irgendwann selber aggressive Abgrenzungsaffekte und münden im oben beschriebenen Eskapismus. Der Darwinismus im Netz nimmt zu und wird künstlich vermehrt: Viele Blogger haben mehrere Weblogs mit unterschiedlichen Pseudonymen; das Phänomen des multiplen Bloggers.

Die Schlacht um die Diskurshoheit ist auch in der deutschsprachigen 'Blogosphäre' längst entbrannt. Der einst hehre Anspruch einer gesellschaftlichen Demokratisierung durch das Netz (und Weblogs) ist durch den Pöbel längst desavouiert bzw. nivelliert worden. Bestimmte Bloghoster sind inzwischen derart von einer bestimmten antiaufklärerischen Meinungsklientel usurpiert, dass es bei den Andersdenkenden zum guten Ton gehört, dort keinen Blog zu besitzen. Aber warum sollten virtuelle Communities auch anderen Gesetzen unterworfen sein als in der "realen" Gesellschaft? Welcher Linkspartei-Anhänger hat schon einmal in einer NPD-Veranstaltung kritische Fragen gestellt? (Nebenbei: Warum sollte man seine Perlen...?)

Schleichende Trivialisierung auch in den klassischen Medien.

Wie bereits oben erwähnt, haben Weblogs keinesfalls einen (grösseren) Einfluss auf die traditionellen Medien (wenigstens was Deutschland angeht). Warum auch? Die Masse der Weblogs – das schimmert bei Lovink durch (den ich jetzt immer mehr verlasse) - sind im beschriebenen Spektrum eindimensional, sprachlich kümmerlich, banal oder einfach nur narzisstische Meinungsprosa ohne Relevanz und Informationswert. Nach der Lektüre einiger Blogs könnte man Franz-Josef Wagner glatt für den Pulitzer-Preis vorschlagen und hält den Stammtisch eines beliebigen oberbayerischen Bierlokals schnell für das philosophische Quartett. In Wirklichkeit ist "Volkes Stimme" also weniger Verheissung als Drohung; eigentlich eine Binsenweisheit, die man auch ohne Blogs schon mindestens ahnte. Und auch die enthusiastischsten Verfechter herrschaftsfreier Diskurse kämen da gelegentlich ins Grübeln – würden sie doch nur auch einmal den Müll aus ihrem (porösen) Elfenbeinturm runterbringen.

Das klingt jetzt schlimmer, als es gemeint ist. Es gibt sehr viele nicht nur witzige, unterhaltsame, sondern anspruchs- und niveauvolle deutschsprachige Weblogs. Und so ist auch bei mir jetzt ein Phänomen aufgetreten, welches beim Bloggen oft die Hand des Schreibers führt: Der Versuch, mit hysterisierender Übertreibungsrhetorik und/oder Effekthascherei verzweifelt Publikum an sich zu binden (was bei entsprechender Schreibtechnik auch gelingt); oft gepaart mit den Mitteln der Polarisierung oder gar Provokation. Hierdurch wollen sie sich (gelegentlich allzu krampfhaft) von den traditionellen Medienmachern unterscheiden. Diese sägen längst selber am Ast, auf dem sie lange so behaglich Platz genommen haben und greifen selber immer häufiger zu alarmistischer Sprache und hysterisch anmutenden Drohszenarien – man muss als Blogger eben nur noch "einen draufsetzen" können, um im kakophonen Medienkaraoke doch noch irgendwie wahrgenommen zu werden. Was zählt, ist die Aufmerksamkeit; so rasch sie sich auch verflüchtigt. Da wirkt ein eher differenzierter, um Ausgewogenheit bemühter Diskursstil, oft genug zu langweilig.

Aber auch die sich so in den Vordergrund stellenden, sich seriös gebenden Journalisten (oder auch beispielsweise Literaturkritiker – um das Beispiel von oben wieder aufzunehmen) unterscheiden sich immer weniger von dilettierenden Bloggern, die sich in einigen Bereichen ja durchaus ein Spezialwissen angeeignet haben, welches der zum Generalistentum verdammte Journalist im Einzelfall gar nicht zur Verfügung hat bzw. haben kann (niemand ist Experte von allem). Also kein Grund zur Abgehobenheit oder Arroganz.

Der investigative Journalist 2007Was der kritische Medienbeobachter leider mehr als oft bemerken muss: Der sich der Recherche verpflichtende und investigative Journalist mit unbestechlichem Blick und vorurteilsfreiem Arbeiten ist inzwischen weitenteils nur noch eine hübsch konservierte Mumie, die in den Chefredaktionen zu bestimmten Festangelegenheiten immer wieder gerne hervorgeholt wird – man ist erinnert an Bates' Mutter in "Psycho". Die Medienmacher sind bedauerlicherweise fast vollständig ihrem selbstverfassten Diktum erlegen, nur die schnelle Nachricht sei eine gute Nachricht. Statt der schleichenden Vereinfachungstendenzen durch Qualität entgegenzutreten, passen sie sich mal mehr, mal weniger zähneknirschend dem gnadenlos vereinfachenden Hype der gängigen Trivialorgane an. Man fühlt sich in Westernfilme hineinversetzt, in denen zunächst geschossen und erst danach die Delinquenz überprüft wurde.

Haben mir nicht beispielsweise israelische, libanesische oder iranische Blogs mehr mitzuteilen, wie jene Korrespondenten von Radio und Fernsehen, die ihre Informationen unter Umständen durch viele Filter erhalten? Liegt hier nicht überhaupt noch eine Existenzberechtigung von so etwas wie Weblogs? Sie bringen uns das Fremde, Unbekannte nahe, auf das wir so niemals stossen würden. Aber auch hier muss die Frage nach der Authentizität und Wahrhaftigkeit gestellt werden. Nicht wenige dieser Weblogs haben sich in nachhinein als geschickt getarnte Propagandainstrumente herausgestellt. Aber: Auch Journalisten sind oft unfreiwillig in die entsprechenden Fallen getappt. (In den USA ist das "unfreiwillig" seit der "Embedded"-Kampagne bei einigen Medien inzwischen zu streichen.)

Aber längst sind Weblogs auch dem veloziferischen Nachrichtenhype ausgeliefert. Über Webseiten wie Technorati beispielsweise werden die rhizomatischen Verlinkungen von Blogs gelistet (und zum Bewertungsmassstab erhoben) und wer dort ein neues Thema entsprechend prominent (also zeitlich schnell) vertritt, wird von den nachfolgenden Bloggern entsprechend oft verlinkt, was wiederum mehr Aufmerksamkeit bringt, usw. Blogger beziehen nämlich sowohl aus den klassischen Medien als auch von Blogs selber ihre Informationen. Auch hier ist der recherchierende Bearbeiter der Nachricht, des Themas, eher selten. Dies natürlich auch deswegen, weil Bloggen normalerweise ein Freizeitphänomen ist. Hier kommt man dann zu den Definitionen vom Anfang wieder zurück.

Bloggen in Deutschland.

Noch einmal kurz zurück zu Geert Lovink: Es ist zu vermuten, dass er weitgehend die Bloggerszene in den USA beschreibt. In Deutschland ist dies alles noch ein bisschen beschaulicher: Hoster, die Blogs vom Netz nehmen, weil man dort drei Monate keinen Beitrag gepostet hat, kenne ich nicht. Andererseits spricht der Aufsatz ein wichtiges Thema an: Die Vergänglichkeit all dieses Schrifttums. Es ist nämlich tatsächlich so, dass das Gedächtnis des Internet durchaus begrenzt ist; Google Cache wird Texte nicht ewig behalten.

Hierin könnte ein mentalitätsbedingter Grund liegen, dass sich das Bloggen in Deutschland verhältnismässig schwer tut: Warum soll ich viel Arbeit in Beiträge oder Kommentare stecken, wenn der Blog vielleicht schon bald offline ist? Dies gilt insbesondere für (dezidierte und sorgfältige) Kommentare – hier begebe ich mich in die Abhängigkeit des jeweiligen Blogbesitzers, der diesen entfernen kann oder einfach nächste Woche seinen gesamten Blog löscht.

Ein anderer Grund, der bei Lovink gar keine Rolle zu spielen scheint, liegt in der zunehmenden Praxis in Deutschland, Blogger aufgrund von Nichtigkeiten abzumahnen, die als "Verstösse gegen das Markenrecht" oder "Angriff auf die Persönlichkeitsrechte" aufgeblasen werden und damit unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. Es geht wohlgemerkt nicht um Beleidigungen, die merkwürdigerweise oft genug ungeahndet bleiben – es geht um die in Mode gekommenen Abmahnwellen bestimmter rückgratloser Winkeladvokaten. Gelegentlich geht (glücklicherweise) der Schuss nach hinten los. Aber wenn ein Blogger einmal eine Rechnung über mehrere hundert Euro erhält oder plötzlich eine Unterlassungserklärung mit mehreren –zigtausend Euro Wert vorliegen hat – dann vergeht ganz schnell die Leidenschaft; Einschüchterung als Prinzip.

Bestürzend ist in diesem Zusammenhang, dass die "Kollegen" aus den traditionellen Medien hier meistens unbeteiligt zusehen; ja gelegentlich sogar mitmachen (man denke an die prozessuale Auseinandersetzung der "FAZ" mit "Perlentaucher"; eigentlich kein Weblog, aber der Prozessgegenstand betrifft Blogger durchaus).

Private, ambitionierte Weblogs sind – unabhängig von ihrer aktuellen Bedeutung – nichtsdestotrotz für die klassischen Medien ein Dorn im Auge; sie stellen mindestens theoretisch langfristig eine potentielle Gefahr dar. Dass viele jetzt in ihrem virtuellen Angebot Blogs servieren, widerspricht dem nicht. Journalisten, die auf der Webseite ihrer Zeitung bloggen, sollen die entsprechende Blogger-Klientel an die traditionellen Medien binden. Vereinnahmung durch Umarmung. Dabei ist der wesentliche Unterschied zwischen Journalist und Blogger eigentlich nicht aufzuheben: Ein Blogger hat eben nicht die Möglichkeit, wie ein Journalist in einem Medium zu berichten – das ist ja gerade der Grund für seinen Weblog. Hieraus kann sich – im Idealfall – eine Unabhängigkeit in der Bewertung eines Sachverhaltes zeigen, die dem Journalisten, der unter Umständen an bestimmte Vorgaben der Redaktion gebunden ist oder ökonomische Rücksichten auf Werbekunden zu nehmen hat, so nicht immer möglich ist. "Blogjournalist" ist in diesem Sinne ein Oxymoron, wenn er den Redaktionsjournalisten meint, der sich virtuell zusätzlich auf der Webseite seiner eigenen Redaktion äussert.

Der Trend ist schon vorbei, bevor er angefangen hat?

Die Spekulation über die Zukunft von Weblogs – gerade auch im deutschsprachigen Raum – ist müssig. Sicherlich werden in den nächsten Jahren einige Blogger übrigbleiben, während die grosse Masse verschwinden wird. Die durchschnittliche Zeit, die ein Weblog heute online ist, liegt bei sechs Monaten. Schnell sind andere Freizeitangebote attraktiver. Wer bleibt, hat es entweder "geschafft" (und gilt als arriviert) oder hat eine kleine, ihm aber genügende Schar Gleichgesinnter um sich.

'Arrivierter Blogger' ist allerdings das zweite Oxymoron in diesem Aufsatz: Ähnlich einer "ausserparlamentarischen Opposition", die dann im Parlament und Jahre später auf den Regierungsbänken Platz nimmt, läuft der Blogger, der sich neben den grossen, klassischen Medien behaupten kann, Gefahr, irgendwann in einer "sanften Umarmung" grosse Teile seines unabhängigen Geistes durch Einbindung in vorher nicht gekannte Zwänge opfern zu müssen. Das beginnt noch harmlos bei dem täglichen Abruf der Besucherquote und endet unter Umständen in Phänomenen wie Schreibblockaden. Weblogs als Sprungbrett für eine wie immer geartete journalistische Karriere dürfte bei vielen Bloggern ein Grund (gewesen) sein, damit zu beginnen. Und in der Ernüchterung, dass niemand an die Türe klopft, wird die Wohnung schnell wieder geräumt.

Rettungsversuch. Warum nicht Kräfte in einem Forum bündeln?

Die Vereinzelung der Blogger ist einerseits gewollt (Narzissmus), andererseits verlinken sich Gleichgesinnte, um im Blogroll (der Liste, der von ihnen "abonnierten Weblogs") eine Art Dokumentation über ihre Gesinnungsfreunde aufzuzeigen. Der argumentative Austausch ist bei vielen nicht unbedingt erwünscht – das hatten wir bereits. Dennoch gibt es Weblogs, auf denen nicht nur der Alleinherrscher dominiert und seine Claqueure um sich versammelt, sondern die einen Pluralismus pflegen.

Statt nun durch das "Trackbacken" (die Verlinkung eines Beitrages auf den eigenen Weblog) eine interessante und anspruchsvolle Diskussion in einem kontroversen Bereich zu zersplittern ("Ich habe hier [es folgt der Link zum eigenen Weblog] was dazu gesagt und nehme auch noch auf diesen Kommentar [Link eines dritten Weblogs] Stellung...") und für den unbeteiligten aber interessierten Leser transparent und fruchtbar zu machen, könnte man die Kräfte der einzelnen Blogs auf einem Forum zusammenfügen. Dieses Forum sollte einen gewissen Anspruch formulieren, interdisziplinär sein und – vor allem! – moderiert werden. (Hier scheiden sich allerdings bereits zum ersten Mal die Geister: die Verfechter des selbstorganisierten, gruppendynamischen und antiautoritären Stils sehen das ganz anders und wittern in jeder Moderation einen Akt des Zensurteufels.) Es sollte alle Vorteile eines Weblogs haben und seinen Mehrwert durch die Bündelung der pluralistischen Diskurse generieren.

Die Versuche im deutschsprachigen Raum, so etwas auf die Beine zu stellen, sind nicht allzu zahlreich. Aber es gibt sie. Neben Giga ist da vor allem natürlich Nensch zu nennen. Vor neun Monaten beschäftigte ich mich bereits hier mit der Zukunft dieses Onlineforums. In der Zwischenzeit hat sich nichts getan; seit kurzer Zeit wird nun wieder einmal ein Relaunch in Aussicht gestellt.

Die Gründe für das derzeit rachitische Erscheinungsbild von Nensch sind vielfältig und würden den Gegenstand dieses Aufsatzes sprengen. Sie sind vielschichtiger Natur und nicht zuletzt in persönlichen Eitelkeiten der "Community" zu suchen. Die entscheidende und viel interessantere Frage ist, warum es Nensch nie gelang – auch in den Spitzenzeiten - eine konstant grosse Zahl von Benutzern anzusprechen und zur Teilnahme zu motivieren, während parallel dazu das eher an jugendliche orientierte Forum Giga auf mehrere -zigtausend User kam.

Es gibt rd. 100 Millionen deutsche Muttersprachler. Zu den angesprochenen Spitzenzeiten versammelten sich bei Nensch rd. 50 User pro Woche, die regelmässig mit Beiträgen und/oder Kommentaren aktiv teilnahmen. Mehr als 1600 Menschen sind bei Nensch derzeit (rd. vier Jahre nach der Gründung) nicht angemeldet. Die Frage ist: Warum hat ein niveau- und anspruchsvolles Forum kein Wachstum schaffen können? Wird der Markt überschätzt?

Andererseits: Das m. E. derzeit aktivste und interessanteste Forum ist das der Tagesschau. Hier werden zwar die Themen vorgegeben, aber jeder User kann innerhalb des Themas selbst wieder Unterthemen formulieren (was gelegentlich zu unnötigen Zersplitterungen führt). Derzeit sind dort rd. 16.000 User angemeldet; die Zahl der regelmässigen Kommentierer erscheint jedoch auch übersichtlich. Das Forum wird ziemlich streng moderiert; die zur Verfügung gestellten Tools sind eingeschränkt (beispielsweise keine Bilder).

Die Entwicklung des Weblogs steckte im Jahr 2003, also bei Gründung von Nensch, noch in den Kinderschuhen. Hätte ein solches Forum heute mit anderer Software und aggressiver Werbung trotzdem eine Chance? Anders gefragt: Würden die Blogger ihre sicheren und komfortablen Herrschersessel ihrer Weblogs zu Gunsten der harten Bänke eines Forums aufgeben, nur um einen (nicht in jedem Fall sicheren) Mehrwert in einer nicht zersplitterten Diskussion willen? Wäre eine solche Fusion von "Qualitätsblogs" überhaupt wünschenswert? Oder wäre sie gar notwendig, um durch diese Bündelung eine Diskurshoheit zu generieren, die eben nicht nur eine kritische Masse erreicht, sondern eine grössere Verbreitung hätte? Wie schafft man es, ein möglichst breit gefächertes Meinungsspektrum anzusprechen, ohne aber sofort den Pöbel dominierend zu haben? Wer organisiert die sozialen Differenzen, die sicherlich schnell entstehen dürften? Oder sind die gängigen Vernetzungsmöglichkeiten über die Weblogs ausreichend, um den klassischen Medien damit (einmal) paroli bieten zu können?

Oder ist das Eintauchen in die virtuelle Welt der Blogosphäre oder der Foren nur ein emphemeres Verlangen? Die Beantwortung dieser Frage dürfte sich ein Stück weit von den Möglichkeiten her klären, die dem Benutzer geboten werden und die er zulässt. Auf Dauer dürfte selbst dem eitelsten Narzissten der Applaus der Claqueure zu langweilig werden. Dürfte? Müsste!
Dank für den Link zu Lovinks Essay an Michael Roloff

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HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

Kommentare hier...

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sind immer willkommen - aber ich glaube, ich kann zum...
Gregor Keuschnig - 2008-08-08 08:57
Auch wenn das jetzt...
Auch wenn das jetzt nur im weiteren Sinne zum Thema...
Peter Viehrig - 2008-08-08 00:51
Ja, den meinte ich auch....
Ja, den meinte ich auch. Und den "Hausmeister"-Artikel...
Gregor Keuschnig - 2008-08-07 09:07
Nun, wenn Sie diesen...
Nun, wenn Sie diesen Artikel nicht meinten, welchen...
Peter Viehrig - 2008-08-07 08:54
@Peter Viehrig
Naja, die Empfehlung den Kandidaten der Linken zu wählen...was...
Gregor Keuschnig - 2008-08-07 07:55
Danke für den Hinweis;...
Danke für den Hinweis; das Buch kenne ichnicht...
Gregor Keuschnig - 2008-08-07 07:52
Handwerk in der globalisierten...
"Trotz der bereits erwähnten Detail- und Materialfülle,...
Milo (anonym) - 2008-08-06 21:13
Sie spielen doch nicht...
Sie spielen doch nicht auf die Physiognomie des Herrn.......
Gregor Keuschnig - 2008-08-06 17:11
Aber das "Geheimnis"...
Aber das "Geheimnis" hätte jahrhundertelang gehalten... Würde...
Gregor Keuschnig - 2008-08-06 17:09
Es mag unromantisch sein,
aber möglicherweise wird das Geheimnis der Stradivaris...
La Tortuga - 2008-08-06 15:30

...anderswo

Naja, auch wenn man "schreibverklemmt"...
Naja, auch wenn man "schreibverklemmt" ist - ich möchte...
blackconti - 2008-08-08 10:12
Und >>>>>Reiner...
Und >>>>>Reiner Stach rückt diesen...
albannikolaiherbst - 2008-08-08 09:34
Anregungen...
sind immer willkommen - aber ich glaube, ich kann zum...
begleitschreiben - 2008-08-08 08:57
Hier und hier und noch...
Hier und hier und noch hier steht mehr...
blackconti - 2008-08-07 20:41
Dritter Versuch,
hier einen Kommentar zu posten; twoday nähert...
blackconti - 2008-08-07 17:28

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