Peter (Gast) - 2007-02-17 18:50

A whole bunch of Belanglosigkeiten habe ich hier von Tony Judt gelesen.
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Bla bla bla. Das ist dieses Gefasel, dass sich die demokratische amerikanische Öffentlichkeit erlaubt, um
die heuchlerische Seele zu verwöhnen. Politische Relevanz haben diese Sonntagsredner nicht, die sich selbst gut eingerichtet haben. Man hat praktisch
diese Woody Allen'schen Stehparties vor Augen.

Der Aufstand der Aufrechten in Großbritannien wirkt dagegen fast rührend, wenn auch naiv. Rekapitulieren
wir: Israels politsches System verkommt ohne Beispiel, die
Palästinenser sind praktisch im Bürgerkrieg. Wer da noch an den alten Parolen festhält ist ein Dummkopf oder hat andere Interssen.

Nicht ganz verstanden habe ich, was du von den "Independant Jewish Voices" erwartest. Eine Klärung des jüdischen Selbstverständnisses in der Welt
als kulturelle Einheit oder eine neue Sicht auf die Rolle Israels?

P.S. Ich verzweifel gerade an der Vorstellung, dass die Weltgemeinschaft den Aufbau des Libanon bezahlt, während Israel in Ruhe realisiert, dass der
Angriffskrieg politischer und militärischer Unfug war.

Gregor Keuschnig - 2007-02-18 13:46

Belanglosigkeiten und Erwartungen

Es mag ja sein, dass Judts Äusserungen für den aufgeklärten Europäer nur "Belanglosigkeiten" sind - in den USA erfüllen sie den Tatbestand des Sakrilegs. Judt gilt in den Staaten als Nestbeschmutzer und Unruhestifter - neulich wurde er (sanft) von einem Vortrag wieder ausgeladen. Judts Wort von der "Israel-Lobby" genügte schon dafür (siehe hier). Seine Vorstellungen von einem "binationalen Israel" reichen, ihm Antisemitismus zu unterstellen.

Der "Aufstand der Aufrechten" ist mehr als nur naiv. Es wird damit dokumentiert, dass es keine monolithische Meinung mehr "der" Juden gibt; was ja durchaus einmal anders war. Es ist eine Vorgang, sich von den etablierten Meinungsführern, die ungefragt alles für ihre Ausrichtung interpretieren, zu emanzipieren. Das kann der Buchhändler an der Ecke oder der Büroangestellte auch - aber wenn dies auf breiter Basis durchgeführt wird, bekommt es eine andere Kraft.

Meine "Erwartung" an die IJV zu formulieren, ist schwierig. Ich gebe zu, dass sie etwas artikulieren, was mich in Deutschland stört. Ich weiss zu wenig über die Stellung der offiziellen jüdischen Vertretung(en) in Grossbritannien und deren Wirken. Ich konstatiere, dass die Situtation in Deutschland eine ganz andere ist - das grosse Verbrechen der Shoah wird immer mitgedacht werden müssen.

In Deutschland ist man - speziell in intellektuellen Diskursen, aber auch in der Politik - allzu schnell mit dem Vorwurf des "Antisemitismus" zur Hand. Es stellt das virtuelle "Todesurteil" für einen Intellektuellen dar. Man sucht so lange, bis man einen Fetzen gefunden hat, der pauschal alles diskreditieren soll. So unlängst bei Grass, dem eine "antisemitische Stelle" in einem seiner Romane angekreidet wird. Auch dem Ägyptologen Assmann wurde neulich versteckter Antisemitismus vorgeworfen - nur weil der "Spiegel" seine Thesen in einem Beitrag verkürzt wiedergegeben hatte. Die Beispiele liessen sich noch weiter ausführen.

Einmal ausgesprochen, ist der Vorwurf klebrig wie ein Kaugummi unter dem Schuh. Etwas bleibt immer zurück. Auch vor "spontanen Entdeckungen" ist ein Autor nicht gefeit. Neulich wurde Bernhard Schlinks Buch "Der Vorleser", 1995 erschienen und ein grosser Erfolg, kritisch untersucht - mit dem Ergebnis, ein Kapo würde dort zu positiv dargestellt. Das es gerade um diese Ambivalenz in dem Buch geht, kommt den Wahrheitsministern nicht in den Sinn. Ihr denken kennt nur Schwarz/Weiss, Gut/Böse.

Auf politischem Gebiet ist dies ja ähnlich - wir haben es im Sommer vergangenen Jahres erwähnt. Jeder, der nur in Nuancen dem Vorgehen der israelischen Armee und Regierung zu widersprechen wagte, wurde flugs in die antisemitische Ecke befördert. Das ist beileibe kein einzelnes Phänomen - ich halte es für gängige Diskurspraxis; immer noch.

Dagegen setzen die IJV einen Akzent. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

PS: Ich verzweifel an der Vorstellung, dass die EU jahrelang den Palästinensern grosszügig Geld bezahlt hat, von dem nur ein Bruchteil angekommen ist – aber immerhin – und jetzt diese Infrastruktur durch beide Seiten wie selbstverständlich wieder zerstört wird.
Peter (Gast) - 2007-02-19 22:46

Beruhigung

Ja, du hast wohl recht. Es wird etwas erfordern, von dem ich nicht soviel habe: Geduld. Es wird aber vermutlich kein Zufall sein, dass der "monolitische Block" parallel zur politschen Kultur in Israel Auflösungserscheinungen zeigt.

Die politische Kultur in Israel habe die Menschen in die innere Emigration getrieben
Erschreckt dieser Satz nicht? In anderem Zusammenhang wirkte er schon retrospektiv bedrohlich.
Peter (Gast) - 2007-03-09 23:30

Nachtrag

Evelyn Hecht-Galinski (Tochter von Heinz Galinski) bezieht hier deutlich Stellung zur Ghetto-Kritik der deutschen Beischöfe.

Insbesondere nimmt Sie auch Bezug zum Zentralrat der Juden und seiner Rolle als Sprachrohr der israelischen Regierung und seiner Selbstimmunisierung durch den Vorwurf des jüdischen Antisemitismus oder des jüdischen Selbsthasses.
Gregor Keuschnig - 2007-03-11 16:17

Nachtrag zum Nachtrag - @Peter

Vielen Dank für diesen Hinweis. Ich habe diese "Affäre" einmal kurz zusammengefasst; sie zeigt eindrücklich das Dilemma, mit dem hier die Entrüstungsindustrie jeden Pluralismus unterdrückt.

Laut "Süddeutscher Zeitung" soll Bischof Gregor Maria Hanke: "Morgens in Yad Vaschem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem doch der Deckel hoch".

Flugs wurde das Zitat sinnentstellt und verfälschend wiedergegeben: Hanke, so die Presse, hätte die israelische Besatzungspolitik mit dem Warschauer Ghetto gleichgesetzt. Dies wäre natürlich in der Tat ein grober Missgriff gewesen. Der israelische Botschafter Shimon Stein fördert diese Deutung: "Wenn man Begriffe wie 'Warschauer Ghetto' oder 'Rassismus' im Zusammenhang mit der israelischen bzw. palästinensischen Politik benutzt, dann hat man alles vergessen oder nichts gelernt und moralisch versagt."

Ich sage, wer bewusst Zitate verfälscht und sinnentstellend verfremdet und anderen eine Gesinnung unterstellt, die so niemals geäussert wurde, dann ist man ein Lügner und Fälscher. In diese Kerbe gehört auch Frau Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Gemäss SpOn kritisierte sie "die Äußerungen katholischer Bischöfe als 'entsetzlich und völlig inakzeptabel'. Wenn der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke das Warschauer Ghetto und damit dass Schicksal der dort internierten Juden im Holocaust mit der Situation der Palästinenser in Ramallah vergleiche, zeuge dies 'entweder von bedenklichen Defiziten in seinen historischen Kenntnissen' oder er versuche aus den jüdischen Holocaustopfern und ihren Kindern heute Täter zu machen."

Da hilft es, wenn sich sogar in den USA inzwischen liberale Juden zusammengetan haben und dabei sind, eine Gegenorganisation zur mächtigen AIPAC zu gründen. Auch sie fühlen sich durch diese Betonköpfe nicht mehr vertreten. Die ENtwicklung steckt noch in den Kinderschuhen; es gibt bislang noch nicht einmal einen Namen für diese Orgasnisation (gemäss "DIE ZEIT" Nr. 10, S. 48, "Tauben gegen Falken" von Eva Schweitzer).

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