"Independent Jewish Voices" für eine differenzierte Betrachtung im Nahostkonflikt
Vor einigen Tagen meldete sich eine Gruppe britischer Juden (hierunter auch viele prominente Intellektuelle und Künstler wie beispielsweise der Historiker Eric Hobsbawm, der Filmemacher Mike Leigh, Schauspieler Stephen Fry, Literaturnobelpreisträger Harold Pinter und der Soziologe Richard Sennett) unter dem programmatischen Titel "Independent Jewish Voices" zu Wort. Ihre Erklärung wurde erstmalig im liberalen "Guardian" publiziert.
Bei den "Independant Jewish Voices" handelt es sich um einen (losen) Zusammenschluss. Ihre "Declaration" liest sich wie ein Befreiungsschlag gegen ein Establishment, von dem sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen (Die Übersetzung erfolgte durch mich; sie ist weder autorisiert noch beansprucht sie alleinige Gültigkeit. Der gesetzte Link ermöglicht es jedem, den Wortlaut im Original zu lesen und selbst zu übersetzen.):
Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass das breite Spektrum der Meinungen unter der jüdischen Bevölkerung dieses Landes von jenen Einrichtungen nicht widergespiegelt wird, welche die Autorität beanspruchen, die jüdische Gemeinschaft als Ganzes zu vertreten.[...] Wir haben uns daher entschlossen, den Ausdruck von alternativen jüdischen Meinungen zu befördern, insbesondere unter Berücksichtigung der ernsten Situation im Nahen Osten, welche die Zukunft sowohl von Israelis als auch von Palästinensern sowie die Stabilität der ganzen Region bedroht. Wir werden von den folgenden Prinzipien geleitet:
1. Menschenrechte sind universal und unteilbar und sollten ohne Ausnahme gelten. Das ist in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten ebenso gültig wie anderswo auf der Welt.
2. Palästinenser und Israelis haben das gleiche Recht auf ein friedliches und sicheres Leben.
3. Frieden und Stabilität setzt notwendig voraus, dass die Konfliktparteien internationalen Gesetzen zustimmen.
4. Es gibt keine Rechtfertigung für jede Form des Rassismus, einschließlich des Antisemitismus, antiarabischen Rassismus oder Islamophobie in jeder Ausprägung.
5. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist lebenswichtig, wird aber dann untergraben, wenn die Opposition gegen israelische Regierungspolitik automatisch als antisemitisch gebrandmarkt wird.
Diesen Grundsätzen wird widersprochen, wenn diejenigen, die behaupten, im Auftrag der Juden in Großbritannien und anderer Länder zu sprechen und die Politik einer Besatzungsmacht höher zu bewerten als die Menschenrechte.
Die Unterzeichner treten für einen fair verhandelten Frieden ein, der die Bedürfnisse beider Seite berücksichtigen solle. Emphatisch beschwören sie die jüdische Tradition für den Kampf universaler Freiheit, Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit.
Besonderen Diskussionsstoff dürfte der Satz Die Lehren, die wir aus unserer eigenen Geschichte gezogen haben, zwingen uns dazu, das auszusprechen. bieten.
Es gab natürlich Beschimpfungen der übelsten Art (in diversen Foren nachzulesen; auch auf der vom "Guardian" eingerichteten Diskussionsseite) und auch die Broderlogik, dass es sich um selbsthassende Juden handelt, wird immer wieder gerne ins Feld geführt. Dies sind jedoch kleingeistige Ablenkungsmanöver, wenn einem im Rausch des Widerspruchs die Argumente sozusagen mitten im Schreiben ausgehen.
Die Entrüstung ist vermutlich deshalb so stark, weil die Erklärung einen Kernpunkt berührt: Der gelegentlich zu beobachtende vorauseilende Gehorsam, der israelischen Politik (fast) einen Blankoscheck auszustellen, wird von vielen jüdischen Eliten inzwischen nicht nur als peinlich empfunden, sondern als kontraproduktiv abgelehnt. Dies belegen zahlreiche Beispiele – auch in Israel (man denke u. a. an die hier besprochene Grossman-Rede). Zwar funktionieren die Denunziationsmechanismen noch, aber es "bröckelt": Längst sind die fast pawlowschen Abwehrreflexe bei Reden dieser Art unglaubwürdig geworden, da sie keinerlei substantielle Lösungsvorschläge bereithalten, sondern nur einen Status quo zu erhalten trachten, der die Probleme konserviert und sogar verschärft, statt sie zu lösen.
Und um nicht der Einseitigkeit beschuldigt zu werden: Natürlich ist das Verhalten etlicher Repräsentanten der Palästinenser in den letzten Jahren auch nicht gerade vertrauenerweckend – was jedoch die Dringlichkeit einer vernünftigen politischen Initiative eher noch verstärkt, als sich auf die bekannten und gewohnten Positionen zurückzuziehen, oder?
Die Deklaration der "Independant Jewish Voices" zielt auf ein weltweites Echo. Es ist spannend zu beobachten, ob dies geschieht, insbesondere wie die Reaktionen der grossen jüdischen "Diaspora" in den USA ausfallen wird (dort streitet derzeit Tony Judt ziemlich auf sich allein gestellt für eine differenziertere Sicht). In den deutschen Medien wurde m. W. nur in der "Kulturzeit" von 3sat ein Beitrag gebracht – und ein Gespräch mit einem der Initiatoren, Donald Sassoon.
Man stelle sich eine ähnliche Initiative in Deutschland vor – und der Aufschrei, der von den üblichen Gesinnungspolizisten und Meinungsmonopolisten angeführt würde. Vielleicht finden sich aber trotzdem die mutigen hier in Deutschland – oder sie schliessen sich den Briten an.
Bei den "Independant Jewish Voices" handelt es sich um einen (losen) Zusammenschluss. Ihre "Declaration" liest sich wie ein Befreiungsschlag gegen ein Establishment, von dem sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen (Die Übersetzung erfolgte durch mich; sie ist weder autorisiert noch beansprucht sie alleinige Gültigkeit. Der gesetzte Link ermöglicht es jedem, den Wortlaut im Original zu lesen und selbst zu übersetzen.):
Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass das breite Spektrum der Meinungen unter der jüdischen Bevölkerung dieses Landes von jenen Einrichtungen nicht widergespiegelt wird, welche die Autorität beanspruchen, die jüdische Gemeinschaft als Ganzes zu vertreten.[...] Wir haben uns daher entschlossen, den Ausdruck von alternativen jüdischen Meinungen zu befördern, insbesondere unter Berücksichtigung der ernsten Situation im Nahen Osten, welche die Zukunft sowohl von Israelis als auch von Palästinensern sowie die Stabilität der ganzen Region bedroht. Wir werden von den folgenden Prinzipien geleitet:
1. Menschenrechte sind universal und unteilbar und sollten ohne Ausnahme gelten. Das ist in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten ebenso gültig wie anderswo auf der Welt.
2. Palästinenser und Israelis haben das gleiche Recht auf ein friedliches und sicheres Leben.
3. Frieden und Stabilität setzt notwendig voraus, dass die Konfliktparteien internationalen Gesetzen zustimmen.
4. Es gibt keine Rechtfertigung für jede Form des Rassismus, einschließlich des Antisemitismus, antiarabischen Rassismus oder Islamophobie in jeder Ausprägung.
5. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist lebenswichtig, wird aber dann untergraben, wenn die Opposition gegen israelische Regierungspolitik automatisch als antisemitisch gebrandmarkt wird.
Diesen Grundsätzen wird widersprochen, wenn diejenigen, die behaupten, im Auftrag der Juden in Großbritannien und anderer Länder zu sprechen und die Politik einer Besatzungsmacht höher zu bewerten als die Menschenrechte.
Die Unterzeichner treten für einen fair verhandelten Frieden ein, der die Bedürfnisse beider Seite berücksichtigen solle. Emphatisch beschwören sie die jüdische Tradition für den Kampf universaler Freiheit, Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit.
Besonderen Diskussionsstoff dürfte der Satz Die Lehren, die wir aus unserer eigenen Geschichte gezogen haben, zwingen uns dazu, das auszusprechen. bieten.
Es gab natürlich Beschimpfungen der übelsten Art (in diversen Foren nachzulesen; auch auf der vom "Guardian" eingerichteten Diskussionsseite) und auch die Broderlogik, dass es sich um selbsthassende Juden handelt, wird immer wieder gerne ins Feld geführt. Dies sind jedoch kleingeistige Ablenkungsmanöver, wenn einem im Rausch des Widerspruchs die Argumente sozusagen mitten im Schreiben ausgehen.
Die Entrüstung ist vermutlich deshalb so stark, weil die Erklärung einen Kernpunkt berührt: Der gelegentlich zu beobachtende vorauseilende Gehorsam, der israelischen Politik (fast) einen Blankoscheck auszustellen, wird von vielen jüdischen Eliten inzwischen nicht nur als peinlich empfunden, sondern als kontraproduktiv abgelehnt. Dies belegen zahlreiche Beispiele – auch in Israel (man denke u. a. an die hier besprochene Grossman-Rede). Zwar funktionieren die Denunziationsmechanismen noch, aber es "bröckelt": Längst sind die fast pawlowschen Abwehrreflexe bei Reden dieser Art unglaubwürdig geworden, da sie keinerlei substantielle Lösungsvorschläge bereithalten, sondern nur einen Status quo zu erhalten trachten, der die Probleme konserviert und sogar verschärft, statt sie zu lösen.
Und um nicht der Einseitigkeit beschuldigt zu werden: Natürlich ist das Verhalten etlicher Repräsentanten der Palästinenser in den letzten Jahren auch nicht gerade vertrauenerweckend – was jedoch die Dringlichkeit einer vernünftigen politischen Initiative eher noch verstärkt, als sich auf die bekannten und gewohnten Positionen zurückzuziehen, oder?
Die Deklaration der "Independant Jewish Voices" zielt auf ein weltweites Echo. Es ist spannend zu beobachten, ob dies geschieht, insbesondere wie die Reaktionen der grossen jüdischen "Diaspora" in den USA ausfallen wird (dort streitet derzeit Tony Judt ziemlich auf sich allein gestellt für eine differenziertere Sicht). In den deutschen Medien wurde m. W. nur in der "Kulturzeit" von 3sat ein Beitrag gebracht – und ein Gespräch mit einem der Initiatoren, Donald Sassoon.
Man stelle sich eine ähnliche Initiative in Deutschland vor – und der Aufschrei, der von den üblichen Gesinnungspolizisten und Meinungsmonopolisten angeführt würde. Vielleicht finden sich aber trotzdem die mutigen hier in Deutschland – oder sie schliessen sich den Briten an.
Gregor Keuschnig - 2007-02-17 15:42


Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Bla bla bla. Das ist dieses Gefasel, dass sich die demokratische amerikanische Öffentlichkeit erlaubt, um
die heuchlerische Seele zu verwöhnen. Politische Relevanz haben diese Sonntagsredner nicht, die sich selbst gut eingerichtet haben. Man hat praktisch
diese Woody Allen'schen Stehparties vor Augen.
Der Aufstand der Aufrechten in Großbritannien wirkt dagegen fast rührend, wenn auch naiv. Rekapitulieren
wir: Israels politsches System verkommt ohne Beispiel, die
Palästinenser sind praktisch im Bürgerkrieg. Wer da noch an den alten Parolen festhält ist ein Dummkopf oder hat andere Interssen.
Nicht ganz verstanden habe ich, was du von den "Independant Jewish Voices" erwartest. Eine Klärung des jüdischen Selbstverständnisses in der Welt
als kulturelle Einheit oder eine neue Sicht auf die Rolle Israels?
P.S. Ich verzweifel gerade an der Vorstellung, dass die Weltgemeinschaft den Aufbau des Libanon bezahlt, während Israel in Ruhe realisiert, dass der
Angriffskrieg politischer und militärischer Unfug war.
Belanglosigkeiten und Erwartungen
Der "Aufstand der Aufrechten" ist mehr als nur naiv. Es wird damit dokumentiert, dass es keine monolithische Meinung mehr "der" Juden gibt; was ja durchaus einmal anders war. Es ist eine Vorgang, sich von den etablierten Meinungsführern, die ungefragt alles für ihre Ausrichtung interpretieren, zu emanzipieren. Das kann der Buchhändler an der Ecke oder der Büroangestellte auch - aber wenn dies auf breiter Basis durchgeführt wird, bekommt es eine andere Kraft.
Meine "Erwartung" an die IJV zu formulieren, ist schwierig. Ich gebe zu, dass sie etwas artikulieren, was mich in Deutschland stört. Ich weiss zu wenig über die Stellung der offiziellen jüdischen Vertretung(en) in Grossbritannien und deren Wirken. Ich konstatiere, dass die Situtation in Deutschland eine ganz andere ist - das grosse Verbrechen der Shoah wird immer mitgedacht werden müssen.
In Deutschland ist man - speziell in intellektuellen Diskursen, aber auch in der Politik - allzu schnell mit dem Vorwurf des "Antisemitismus" zur Hand. Es stellt das virtuelle "Todesurteil" für einen Intellektuellen dar. Man sucht so lange, bis man einen Fetzen gefunden hat, der pauschal alles diskreditieren soll. So unlängst bei Grass, dem eine "antisemitische Stelle" in einem seiner Romane angekreidet wird. Auch dem Ägyptologen Assmann wurde neulich versteckter Antisemitismus vorgeworfen - nur weil der "Spiegel" seine Thesen in einem Beitrag verkürzt wiedergegeben hatte. Die Beispiele liessen sich noch weiter ausführen.
Einmal ausgesprochen, ist der Vorwurf klebrig wie ein Kaugummi unter dem Schuh. Etwas bleibt immer zurück. Auch vor "spontanen Entdeckungen" ist ein Autor nicht gefeit. Neulich wurde Bernhard Schlinks Buch "Der Vorleser", 1995 erschienen und ein grosser Erfolg, kritisch untersucht - mit dem Ergebnis, ein Kapo würde dort zu positiv dargestellt. Das es gerade um diese Ambivalenz in dem Buch geht, kommt den Wahrheitsministern nicht in den Sinn. Ihr denken kennt nur Schwarz/Weiss, Gut/Böse.
Auf politischem Gebiet ist dies ja ähnlich - wir haben es im Sommer vergangenen Jahres erwähnt. Jeder, der nur in Nuancen dem Vorgehen der israelischen Armee und Regierung zu widersprechen wagte, wurde flugs in die antisemitische Ecke befördert. Das ist beileibe kein einzelnes Phänomen - ich halte es für gängige Diskurspraxis; immer noch.
Dagegen setzen die IJV einen Akzent. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
PS: Ich verzweifel an der Vorstellung, dass die EU jahrelang den Palästinensern grosszügig Geld bezahlt hat, von dem nur ein Bruchteil angekommen ist – aber immerhin – und jetzt diese Infrastruktur durch beide Seiten wie selbstverständlich wieder zerstört wird.
Beruhigung
Die politische Kultur in Israel habe die Menschen in die innere Emigration getrieben
Erschreckt dieser Satz nicht? In anderem Zusammenhang wirkte er schon retrospektiv bedrohlich.
Nachtrag
Insbesondere nimmt Sie auch Bezug zum Zentralrat der Juden und seiner Rolle als Sprachrohr der israelischen Regierung und seiner Selbstimmunisierung durch den Vorwurf des jüdischen Antisemitismus oder des jüdischen Selbsthasses.
Nachtrag zum Nachtrag - @Peter
Laut "Süddeutscher Zeitung" soll Bischof Gregor Maria Hanke: "Morgens in Yad Vaschem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem doch der Deckel hoch".
Flugs wurde das Zitat sinnentstellt und verfälschend wiedergegeben: Hanke, so die Presse, hätte die israelische Besatzungspolitik mit dem Warschauer Ghetto gleichgesetzt. Dies wäre natürlich in der Tat ein grober Missgriff gewesen. Der israelische Botschafter Shimon Stein fördert diese Deutung: "Wenn man Begriffe wie 'Warschauer Ghetto' oder 'Rassismus' im Zusammenhang mit der israelischen bzw. palästinensischen Politik benutzt, dann hat man alles vergessen oder nichts gelernt und moralisch versagt."
Ich sage, wer bewusst Zitate verfälscht und sinnentstellend verfremdet und anderen eine Gesinnung unterstellt, die so niemals geäussert wurde, dann ist man ein Lügner und Fälscher. In diese Kerbe gehört auch Frau Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Gemäss SpOn kritisierte sie "die Äußerungen katholischer Bischöfe als 'entsetzlich und völlig inakzeptabel'. Wenn der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke das Warschauer Ghetto und damit dass Schicksal der dort internierten Juden im Holocaust mit der Situation der Palästinenser in Ramallah vergleiche, zeuge dies 'entweder von bedenklichen Defiziten in seinen historischen Kenntnissen' oder er versuche aus den jüdischen Holocaustopfern und ihren Kindern heute Täter zu machen."
Da hilft es, wenn sich sogar in den USA inzwischen liberale Juden zusammengetan haben und dabei sind, eine Gegenorganisation zur mächtigen AIPAC zu gründen. Auch sie fühlen sich durch diese Betonköpfe nicht mehr vertreten. Die ENtwicklung steckt noch in den Kinderschuhen; es gibt bislang noch nicht einmal einen Namen für diese Orgasnisation (gemäss "DIE ZEIT" Nr. 10, S. 48, "Tauben gegen Falken" von Eva Schweitzer).