Auch auf die Gefahr hin, von schlichtem Denken seiend zu outen, melde ich mich hier zu Wort. Ich sehe, es lassen sich sowohl für, als auch gegen die Todesstrafe Argumente finden, die zum moralisch und rechtlich korrekten Vorgehen eingespannt werden können.
Diejenigen Menschen, die die Todesstrafe für befürworten, werden gute Gründe finden, warum und in welchen Kontext sie angebracht sei.
Diejenigen, die die Todesstrafe ablehnen, werden ebenso gute Gründe finden, warum sie abzulehnen sei.
Im Falles von S. H. hat ein Gericht, darüber befunden, welcher Art von Strafe ihm für sein bisheriges Regiment im Irak zugedacht wird. E sind Menschen, die im Gericht darüber zu Rate sitzen, auf welchen Grund- und Rechtslagen sie eine Entscheidung treffen. Und es sind wiederum Menschen aus Fleisch und Blut, die den Strafvollzug durchführen.
Wenn wir über die Bestrafung von S.H. schreiben, dann sprechen wir über etwas, das von unserem alltäglichen mehr oder weniger Leben fern ist. Unsere Betroffenheit (mehr oder weniger) ergibt sich aus den Informationen über die Medien. Wir selbst haben im konkreten Fall nicht darüber zu befinden gehabt, was mit S.H. rechtsmäßig geschehen würde und auch den Vollzug haben nicht wir selbst mit eigener hand ausgeführt, sondern andere Menschen, die ihm an den Ort des Vollzugs geführt haben, die Schlinge um den Hals gelegt und den letzten Griff in Richtung Tod des Angeklagten getan.
Angesichts der Kommentare stelle ich mir als Denkanstoß die Frage, wie würden wir handeln, wenn wir die Thematik auf regionale Ebene der Betroffenheit holen, und uns vorstellen, eines unserer Familienmitglieder oder der Bürgermeister unseres Wohnortes hätte sich so gebärdet wie S.H. in seiner Regierungszeit. Wie würden wir entscheiden in Punkto Todesstrafe, wenn wir als einzelner und als Zünglein an der Waage, über die Strafe zu entscheiden hätten? Und wie würde unsere Entscheidung ausfallen, wenn wir selbst Hand anlegen müssten die Todesstrafe auszuführen? Worauf würden wir (würde ich) die Entscheidung begründen?
Vielen Dank, dass Sie sich doch noch entschlossen haben, den Kommentar hier zu posten.
Ich glaube nicht, dass wir hier in einer Diskussion um das für und wider der Todesstrafe sind. Ich habe keinen Kommentar gefunden, der die instutionalisierte, zivile Todesstrafe, wie sie beispielsweise in vielen Staaten der USA vollstreckt wird, gutheisst. Mein Beitrag resultierte aus der Überlegung heraus, dass Figuren wie S. H. (= ehemalige politische Führer) meines Erachtens u. U. nicht mit den üblichen Sanktionsmechanismen beigekommen werden kann. Und das die üblichen Betroffenheitsreflexe hier unangebracht sind. Es ist mir einfach nicht vorstellbar, irgendwelche Empathie für Leute wie beispielsweise Pol Pot, Hitler, Mao oder Stalin (um nur die grössten Verbrecher zu nennen; sie hatten alle willfährige Helfer) zu empfinden und die obligaten Menschenrechte für sie einzufordern.
Was sie zu der medialen Wirkung schreiben, ist natürlich vollkommen richtig. Ich bin mir dessen durchaus bewusst: Was wir von S. H. wissen, entstammt den Medien – wie auch immer. Das ginge uns strenggenommen vermutlich allerdings auch so, wenn wir im Irak leben würden. Die Kunst des Lebens in dieser Diktatur bestand ja u. a. darin, von S.H.'s Regime eben nicht wahrgenommen zu werden – andernfalls wäre man vermutlich ein Opfer seiner Repression geworden.
Würde man diesen Massstab streng anlegen, d. h. eine Bewertung historischer Ereignisse ablehnen, weil man sie nicht selber direkt erlebt hat bzw. nur aus indirekten Quellen kennt, dürfte es keine Forschung mehr geben und wir dürften überhaupt keine Einordnungen zu geschichtlichen Ereignissen vornehmen. War der Dreissigjährige Krieg so, wie er uns vermittelt wird? Oder sehr kontroverse Themen: Waren die napoleonischen Kriege Eroberungskriege? Ist das Deutsche Reich alleine verantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs? – Diese Fragen sind teilweise umstritten – bis heute, weil das zur Verfügung stehende Material teilweise widersprüchliches aussagt und unterschiedliche Deutungen zulässt. Wie bewerten wir Figuren wie Napoleon oder Wilhelm II oder auch Bismarck? Oder sollen wir eine Bewertung erst gar nicht versuchen, weil die Quellenlage immer auch interessengesteuert ist bzw. sein könnte?
Ihr zweiter Einwand berührt auch ein heikles Feld: Inwieweit sind wir bereit, unsere Überzeugungen sozusagen selber umzusetzen und nicht an andere zu delegieren? (Etwas polemisch formuliert, könnte man auch fragen, ob ich zum Vegetarier würde, wenn ich Tiere selber schlachten und entsprechend präparieren müsste.)
Ich kann diese Frage für mich nicht abschliessend beantworten. Diese Zögerlichkeit entspringt natürlich einem grossen Privileg: Ich war nie in der Situation, eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Und natürlich ist mir so etwas wie der Lynchmob verhasst.
Ich bin in der guten, schönen (westdeutschen) Wirtschaftswunderzeit aufgewachsen und kenne nur Demokratie (bzw. das, was dafür gehalten wird). So bin ich z. B. der Meinung, dass es unter gewissen Umständen durchaus legitim (und sogar geboten) ist, für die Verteidigung der Werte dieses Staates Gewalt anzuwenden (auch persönlich) und halte einen 'A-priori-Pazifismus' für einen schweren Fehler; es beraubt einem einer Option. Ich bin aber z. B. nicht der Meinung, dass deutsche Soldaten in Afghanistan unsere Freiheit verteidigen...
Ich gehe davon aus, dass die systematische und/oder willkürliche Ermordung von Menschen, über die man wie auch immer eine politische und ökonomische Macht hat, von allen Kulturen grundsätzlich als verwerflich angesehen wird (bzw. würde). Politische Herrscher haben eine besondere, quantitativ und qualitativ grössere Verantwortung als "normale" Bürger (sie bleiben zwar Bürger, sind aber gleichzeitig [vorübergehend] mit höheren Rechten und Pflichten ausgestattet) – wie sie auch immer ihre Macht erworben haben. Die Legitimation, Figuren wie S. H. (und seine skrupellosesten Schergen) hinrichten zu dürfen, ja vielleicht sogar zu müssen, könnte aus dieser speziellen Verantwortung abgeleitet werden. Aus ihr darf natürlich nicht wiederum eine Willkür abgeleitet werden. Insofern ist das Dilemma natürlich gross.
Wie so oft bei Ihnen, eine sehr interessante Antwort, die sie darbieten und mich zum Weiterdenken anregt.
Nach dem Lesen Ihrer Zeilen drängt sich mir die Frage auf, ob wir als Bürger einem Irrtum aufsitzen, wenn wir meinen, politische Herrscher würden sich Kraft ihrer größeren Verantwortung auch entsprechend verantwortungsbewußter verhalten.
Ich möchte auch noch diese Aussage zum Thema Bewertung herausgreifen. "Wie bewerten wir Figuren wie Napoleon oder Wilhelm II oder auch Bismarck? Oder sollen wir eine Bewertung erst gar nicht versuchen, weil die Quellenlage immer auch interessengesteuert ist bzw. sein könnte?" Zitat Ende.
Mir fällt dazu ein, Geschichtsbücher mehrer Länder zu ein und demselben geschichtlichen Ereignis zu vergleichen. Und ich denke auch daran, Macht ist zugleich eine Verknüpfung mit Sprachmacht.
HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.
Diejenigen Menschen, die die Todesstrafe für befürworten, werden gute Gründe finden, warum und in welchen Kontext sie angebracht sei.
Diejenigen, die die Todesstrafe ablehnen, werden ebenso gute Gründe finden, warum sie abzulehnen sei.
Im Falles von S. H. hat ein Gericht, darüber befunden, welcher Art von Strafe ihm für sein bisheriges Regiment im Irak zugedacht wird. E sind Menschen, die im Gericht darüber zu Rate sitzen, auf welchen Grund- und Rechtslagen sie eine Entscheidung treffen. Und es sind wiederum Menschen aus Fleisch und Blut, die den Strafvollzug durchführen.
Wenn wir über die Bestrafung von S.H. schreiben, dann sprechen wir über etwas, das von unserem alltäglichen mehr oder weniger Leben fern ist. Unsere Betroffenheit (mehr oder weniger) ergibt sich aus den Informationen über die Medien. Wir selbst haben im konkreten Fall nicht darüber zu befinden gehabt, was mit S.H. rechtsmäßig geschehen würde und auch den Vollzug haben nicht wir selbst mit eigener hand ausgeführt, sondern andere Menschen, die ihm an den Ort des Vollzugs geführt haben, die Schlinge um den Hals gelegt und den letzten Griff in Richtung Tod des Angeklagten getan.
Angesichts der Kommentare stelle ich mir als Denkanstoß die Frage, wie würden wir handeln, wenn wir die Thematik auf regionale Ebene der Betroffenheit holen, und uns vorstellen, eines unserer Familienmitglieder oder der Bürgermeister unseres Wohnortes hätte sich so gebärdet wie S.H. in seiner Regierungszeit. Wie würden wir entscheiden in Punkto Todesstrafe, wenn wir als einzelner und als Zünglein an der Waage, über die Strafe zu entscheiden hätten? Und wie würde unsere Entscheidung ausfallen, wenn wir selbst Hand anlegen müssten die Todesstrafe auszuführen? Worauf würden wir (würde ich) die Entscheidung begründen?
Ich glaube nicht, dass wir hier in einer Diskussion um das für und wider der Todesstrafe sind. Ich habe keinen Kommentar gefunden, der die instutionalisierte, zivile Todesstrafe, wie sie beispielsweise in vielen Staaten der USA vollstreckt wird, gutheisst. Mein Beitrag resultierte aus der Überlegung heraus, dass Figuren wie S. H. (= ehemalige politische Führer) meines Erachtens u. U. nicht mit den üblichen Sanktionsmechanismen beigekommen werden kann. Und das die üblichen Betroffenheitsreflexe hier unangebracht sind. Es ist mir einfach nicht vorstellbar, irgendwelche Empathie für Leute wie beispielsweise Pol Pot, Hitler, Mao oder Stalin (um nur die grössten Verbrecher zu nennen; sie hatten alle willfährige Helfer) zu empfinden und die obligaten Menschenrechte für sie einzufordern.
Was sie zu der medialen Wirkung schreiben, ist natürlich vollkommen richtig. Ich bin mir dessen durchaus bewusst: Was wir von S. H. wissen, entstammt den Medien – wie auch immer. Das ginge uns strenggenommen vermutlich allerdings auch so, wenn wir im Irak leben würden. Die Kunst des Lebens in dieser Diktatur bestand ja u. a. darin, von S.H.'s Regime eben nicht wahrgenommen zu werden – andernfalls wäre man vermutlich ein Opfer seiner Repression geworden.
Würde man diesen Massstab streng anlegen, d. h. eine Bewertung historischer Ereignisse ablehnen, weil man sie nicht selber direkt erlebt hat bzw. nur aus indirekten Quellen kennt, dürfte es keine Forschung mehr geben und wir dürften überhaupt keine Einordnungen zu geschichtlichen Ereignissen vornehmen. War der Dreissigjährige Krieg so, wie er uns vermittelt wird? Oder sehr kontroverse Themen: Waren die napoleonischen Kriege Eroberungskriege? Ist das Deutsche Reich alleine verantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs? – Diese Fragen sind teilweise umstritten – bis heute, weil das zur Verfügung stehende Material teilweise widersprüchliches aussagt und unterschiedliche Deutungen zulässt. Wie bewerten wir Figuren wie Napoleon oder Wilhelm II oder auch Bismarck? Oder sollen wir eine Bewertung erst gar nicht versuchen, weil die Quellenlage immer auch interessengesteuert ist bzw. sein könnte?
Ihr zweiter Einwand berührt auch ein heikles Feld: Inwieweit sind wir bereit, unsere Überzeugungen sozusagen selber umzusetzen und nicht an andere zu delegieren? (Etwas polemisch formuliert, könnte man auch fragen, ob ich zum Vegetarier würde, wenn ich Tiere selber schlachten und entsprechend präparieren müsste.)
Ich kann diese Frage für mich nicht abschliessend beantworten. Diese Zögerlichkeit entspringt natürlich einem grossen Privileg: Ich war nie in der Situation, eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Und natürlich ist mir so etwas wie der Lynchmob verhasst.
Ich bin in der guten, schönen (westdeutschen) Wirtschaftswunderzeit aufgewachsen und kenne nur Demokratie (bzw. das, was dafür gehalten wird). So bin ich z. B. der Meinung, dass es unter gewissen Umständen durchaus legitim (und sogar geboten) ist, für die Verteidigung der Werte dieses Staates Gewalt anzuwenden (auch persönlich) und halte einen 'A-priori-Pazifismus' für einen schweren Fehler; es beraubt einem einer Option. Ich bin aber z. B. nicht der Meinung, dass deutsche Soldaten in Afghanistan unsere Freiheit verteidigen...
Ich gehe davon aus, dass die systematische und/oder willkürliche Ermordung von Menschen, über die man wie auch immer eine politische und ökonomische Macht hat, von allen Kulturen grundsätzlich als verwerflich angesehen wird (bzw. würde). Politische Herrscher haben eine besondere, quantitativ und qualitativ grössere Verantwortung als "normale" Bürger (sie bleiben zwar Bürger, sind aber gleichzeitig [vorübergehend] mit höheren Rechten und Pflichten ausgestattet) – wie sie auch immer ihre Macht erworben haben. Die Legitimation, Figuren wie S. H. (und seine skrupellosesten Schergen) hinrichten zu dürfen, ja vielleicht sogar zu müssen, könnte aus dieser speziellen Verantwortung abgeleitet werden. Aus ihr darf natürlich nicht wiederum eine Willkür abgeleitet werden. Insofern ist das Dilemma natürlich gross.
Nach dem Lesen Ihrer Zeilen drängt sich mir die Frage auf, ob wir als Bürger einem Irrtum aufsitzen, wenn wir meinen, politische Herrscher würden sich Kraft ihrer größeren Verantwortung auch entsprechend verantwortungsbewußter verhalten.
Ich möchte auch noch diese Aussage zum Thema Bewertung herausgreifen. "Wie bewerten wir Figuren wie Napoleon oder Wilhelm II oder auch Bismarck? Oder sollen wir eine Bewertung erst gar nicht versuchen, weil die Quellenlage immer auch interessengesteuert ist bzw. sein könnte?" Zitat Ende.
Mir fällt dazu ein, Geschichtsbücher mehrer Länder zu ein und demselben geschichtlichen Ereignis zu vergleichen. Und ich denke auch daran, Macht ist zugleich eine Verknüpfung mit Sprachmacht.