Ende einer Freundschaft
Ich kenne diese öden, langweiligen Diskussionen, währenddessen friedliebende und sich einander respektierende Menschen in wenigen Augenblicken mutierten zu feindseligen, auf immer zerstritten mit denen, die sie noch vor wenigen Stunden Freunde genannt hatten: Es geht um das Pro und Contra dessen, was man (ungenau) Todesstrafe nennt und in den 70er und 80er Jahre das beliebteste Referendarsdiskussionsthema gewesen sein muss.
Konnte man doch in der sicheren Hülle einer demokratischen Gesellschaft seine politisch-korrekte Ächtung monstranzähnlich immer aufs Neue unter Beweis stellen und es all denjenigen zeigen, die sich der kategorischen Festlegung auf einer der scheinbar unverrückbaren Pole entziehen wollten (meistens versuchten sie dies anfangs argumentativ, um dann – nach kurzer Zeit – vom Wortschwall niedermoralisiert zu werden). Selektive Wahrnehmungen hatten auch damals schon Konjunktur.
Saddam Hussein ist heute hingerichtet worden. Man kann auch sagen, er sei ermordet worden. Menschenrechtsorganisationen versuchten, die Vollstreckung des Todesurteils zu verhindern. Die deutsche Bundesregierung betont, man sei gegen die Todesstrafe. Der Vatikan entblödet sich nicht, dieses Ereignis "tragisch" zu nennen (vermutlich ist man dort des Begriffs der Tragik verlustig gegangen) und ein EU-Mensch nannte es bestialisch (vermutlich vom warmen Kamin aus). Diejenigen, die sich vor 20 oder noch mehr Jahren nicht scheuten, mit dem Diktator vor den Kameras zu posieren, zeigen sich zufrieden. Welch' ein Gefasel. Welche Heuchelei.
Dabei hat Saddam Hussein eigentlich nur einen grossen Fehler begangen und zeigt ein Lehrstück für alle Diktatoren dieser Welt: Sie dürfen in ihrer Bevölkerung ruhig Massaker anrichten; Menschen in Dörfern vergasen; autokratische Systeme errichten; korrupt sein (man verdient ja daran auch so schön) – sie dürfen nur eines nicht: Sich mit der USA (und dem Westen) anlegen! Sie dürfen nicht den Weltmachtanspruch infrage stellen und sich gegen ihn stellen. Als der Irak noch als Bollwerk gegen die iranische Revolution galt, war Saddam unser "Freund" – als er Kuwait angriff (die Umstände, warum er das tat sind immer noch ungeklärt) und nicht weichen wollte, mutierte er zum Satan. Realpolitiker erkannten dennoch, dass er ein fragiles Gebilde genannt Irak zusammenhielt. Irgendwann setzten sich die "Visionäre" an den Tisch – und begannen, an ihren Epitaphe zu denken.
In Wahrheit musste man Saddam dankbar sein: Im Rahmen der sogenannten asymmetrischen Kriege (wieder so ein hohles Wort) war er ein bequemer Feind. Er war geografisch festzumachen; das konventionell-militärische Prozedere verfing (zweifellos übersah man, dass ein militärischer Sieg ungleich leichter als ein politischer Sieg ist). George Bush konnte sich endlich von seinem Vater emanzipieren und zeigen, was für ein toller Führer er doch ist.
Verliebt in die Hitler-Metaphorik einiger Dummköpfe (auch unter Deutschlands Wichtigtuern waren sie zu finden) dachte man wohl, der Sturz des Diktators werde ähnlich aufgenommen wie 1945 in Deutschland. Dort konnte man allerdings Konzentrationslager vorzeigen, die in ihrer Monstrosität alles in den Schatten stellten, was vorstellbar schien (von deren Existenz übrigens die Aliierten früh genug wussten). Bei Saddam Hussein fanden sich nicht einmal die vermuteten Massenvernichtungswaffen. Sein Gebiss, mit dem er die Zähne zeigte, war aus billigem Plastik. Die Massaker Saddams waren fast alle zu Zeiten der Freundschaft verübt worden.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Hinrichtung Saddam Husseins empfinde ich als wohltuend. Ein Scheusal weniger. Hätte ich 1946 gelebt, hätte ich auch die Hinrichtungen der Nürnberger Prozesse als reinigend und notwendig begriffen. Was diese erbärmlichen Verbrecher anrichten, wenn man sie einsperrt und sogar wieder freilässt, ist am Beispiel von Speer hinreichend dokumentiert. Und am Beispiel von Rudolf Hess zeigt sich, dass auch ein Häftling gerade dadurch zum Märtyrer für Schwachköpfe werden kann, in dem er lebenslänglich einsitzt und sein "Schicksal" stoisch erträgt.
Humanität für die systematischen Vernichter von Humanität einzufordern, sich gar mit ihr zu rühmen, ist Dummheit. Der Tod Saddams ist natürlich ein Symbol – er hilft dem Land nicht und dürfte kurzfristig sogar zu noch mehr Unruhen führen. Ihm haftet auch der Geruch einer Siegerjustiz an. Wer auf der richtigen Seite steht, bestimmt. Aber Krokodilstränen heulen – nein, soweit geht mein Mitgefühl nicht. Auf diese Humanitätsduselei verzichte ich.
Konnte man doch in der sicheren Hülle einer demokratischen Gesellschaft seine politisch-korrekte Ächtung monstranzähnlich immer aufs Neue unter Beweis stellen und es all denjenigen zeigen, die sich der kategorischen Festlegung auf einer der scheinbar unverrückbaren Pole entziehen wollten (meistens versuchten sie dies anfangs argumentativ, um dann – nach kurzer Zeit – vom Wortschwall niedermoralisiert zu werden). Selektive Wahrnehmungen hatten auch damals schon Konjunktur.
Saddam Hussein ist heute hingerichtet worden. Man kann auch sagen, er sei ermordet worden. Menschenrechtsorganisationen versuchten, die Vollstreckung des Todesurteils zu verhindern. Die deutsche Bundesregierung betont, man sei gegen die Todesstrafe. Der Vatikan entblödet sich nicht, dieses Ereignis "tragisch" zu nennen (vermutlich ist man dort des Begriffs der Tragik verlustig gegangen) und ein EU-Mensch nannte es bestialisch (vermutlich vom warmen Kamin aus). Diejenigen, die sich vor 20 oder noch mehr Jahren nicht scheuten, mit dem Diktator vor den Kameras zu posieren, zeigen sich zufrieden. Welch' ein Gefasel. Welche Heuchelei.Dabei hat Saddam Hussein eigentlich nur einen grossen Fehler begangen und zeigt ein Lehrstück für alle Diktatoren dieser Welt: Sie dürfen in ihrer Bevölkerung ruhig Massaker anrichten; Menschen in Dörfern vergasen; autokratische Systeme errichten; korrupt sein (man verdient ja daran auch so schön) – sie dürfen nur eines nicht: Sich mit der USA (und dem Westen) anlegen! Sie dürfen nicht den Weltmachtanspruch infrage stellen und sich gegen ihn stellen. Als der Irak noch als Bollwerk gegen die iranische Revolution galt, war Saddam unser "Freund" – als er Kuwait angriff (die Umstände, warum er das tat sind immer noch ungeklärt) und nicht weichen wollte, mutierte er zum Satan. Realpolitiker erkannten dennoch, dass er ein fragiles Gebilde genannt Irak zusammenhielt. Irgendwann setzten sich die "Visionäre" an den Tisch – und begannen, an ihren Epitaphe zu denken.
In Wahrheit musste man Saddam dankbar sein: Im Rahmen der sogenannten asymmetrischen Kriege (wieder so ein hohles Wort) war er ein bequemer Feind. Er war geografisch festzumachen; das konventionell-militärische Prozedere verfing (zweifellos übersah man, dass ein militärischer Sieg ungleich leichter als ein politischer Sieg ist). George Bush konnte sich endlich von seinem Vater emanzipieren und zeigen, was für ein toller Führer er doch ist.
Verliebt in die Hitler-Metaphorik einiger Dummköpfe (auch unter Deutschlands Wichtigtuern waren sie zu finden) dachte man wohl, der Sturz des Diktators werde ähnlich aufgenommen wie 1945 in Deutschland. Dort konnte man allerdings Konzentrationslager vorzeigen, die in ihrer Monstrosität alles in den Schatten stellten, was vorstellbar schien (von deren Existenz übrigens die Aliierten früh genug wussten). Bei Saddam Hussein fanden sich nicht einmal die vermuteten Massenvernichtungswaffen. Sein Gebiss, mit dem er die Zähne zeigte, war aus billigem Plastik. Die Massaker Saddams waren fast alle zu Zeiten der Freundschaft verübt worden.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Hinrichtung Saddam Husseins empfinde ich als wohltuend. Ein Scheusal weniger. Hätte ich 1946 gelebt, hätte ich auch die Hinrichtungen der Nürnberger Prozesse als reinigend und notwendig begriffen. Was diese erbärmlichen Verbrecher anrichten, wenn man sie einsperrt und sogar wieder freilässt, ist am Beispiel von Speer hinreichend dokumentiert. Und am Beispiel von Rudolf Hess zeigt sich, dass auch ein Häftling gerade dadurch zum Märtyrer für Schwachköpfe werden kann, in dem er lebenslänglich einsitzt und sein "Schicksal" stoisch erträgt.
Humanität für die systematischen Vernichter von Humanität einzufordern, sich gar mit ihr zu rühmen, ist Dummheit. Der Tod Saddams ist natürlich ein Symbol – er hilft dem Land nicht und dürfte kurzfristig sogar zu noch mehr Unruhen führen. Ihm haftet auch der Geruch einer Siegerjustiz an. Wer auf der richtigen Seite steht, bestimmt. Aber Krokodilstränen heulen – nein, soweit geht mein Mitgefühl nicht. Auf diese Humanitätsduselei verzichte ich.
Gregor Keuschnig - 2006-12-30 14:14
