Ende einer Freundschaft
Konnte man doch in der sicheren Hülle einer demokratischen Gesellschaft seine politisch-korrekte Ächtung monstranzähnlich immer aufs Neue unter Beweis stellen und es all denjenigen zeigen, die sich der kategorischen Festlegung auf einer der scheinbar unverrückbaren Pole entziehen wollten (meistens versuchten sie dies anfangs argumentativ, um dann – nach kurzer Zeit – vom Wortschwall niedermoralisiert zu werden). Selektive Wahrnehmungen hatten auch damals schon Konjunktur.
Saddam Hussein ist heute hingerichtet worden. Man kann auch sagen, er sei ermordet worden. Menschenrechtsorganisationen versuchten, die Vollstreckung des Todesurteils zu verhindern. Die deutsche Bundesregierung betont, man sei gegen die Todesstrafe. Der Vatikan entblödet sich nicht, dieses Ereignis "tragisch" zu nennen (vermutlich ist man dort des Begriffs der Tragik verlustig gegangen) und ein EU-Mensch nannte es bestialisch (vermutlich vom warmen Kamin aus). Diejenigen, die sich vor 20 oder noch mehr Jahren nicht scheuten, mit dem Diktator vor den Kameras zu posieren, zeigen sich zufrieden. Welch' ein Gefasel. Welche Heuchelei.Dabei hat Saddam Hussein eigentlich nur einen grossen Fehler begangen und zeigt ein Lehrstück für alle Diktatoren dieser Welt: Sie dürfen in ihrer Bevölkerung ruhig Massaker anrichten; Menschen in Dörfern vergasen; autokratische Systeme errichten; korrupt sein (man verdient ja daran auch so schön) – sie dürfen nur eines nicht: Sich mit der USA (und dem Westen) anlegen! Sie dürfen nicht den Weltmachtanspruch infrage stellen und sich gegen ihn stellen. Als der Irak noch als Bollwerk gegen die iranische Revolution galt, war Saddam unser "Freund" – als er Kuwait angriff (die Umstände, warum er das tat sind immer noch ungeklärt) und nicht weichen wollte, mutierte er zum Satan. Realpolitiker erkannten dennoch, dass er ein fragiles Gebilde genannt Irak zusammenhielt. Irgendwann setzten sich die "Visionäre" an den Tisch – und begannen, an ihren Epitaphe zu denken.
In Wahrheit musste man Saddam dankbar sein: Im Rahmen der sogenannten asymmetrischen Kriege (wieder so ein hohles Wort) war er ein bequemer Feind. Er war geografisch festzumachen; das konventionell-militärische Prozedere verfing (zweifellos übersah man, dass ein militärischer Sieg ungleich leichter als ein politischer Sieg ist). George Bush konnte sich endlich von seinem Vater emanzipieren und zeigen, was für ein toller Führer er doch ist.
Verliebt in die Hitler-Metaphorik einiger Dummköpfe (auch unter Deutschlands Wichtigtuern waren sie zu finden) dachte man wohl, der Sturz des Diktators werde ähnlich aufgenommen wie 1945 in Deutschland. Dort konnte man allerdings Konzentrationslager vorzeigen, die in ihrer Monstrosität alles in den Schatten stellten, was vorstellbar schien (von deren Existenz übrigens die Aliierten früh genug wussten). Bei Saddam Hussein fanden sich nicht einmal die vermuteten Massenvernichtungswaffen. Sein Gebiss, mit dem er die Zähne zeigte, war aus billigem Plastik. Die Massaker Saddams waren fast alle zu Zeiten der Freundschaft verübt worden.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Hinrichtung Saddam Husseins empfinde ich als wohltuend. Ein Scheusal weniger. Hätte ich 1946 gelebt, hätte ich auch die Hinrichtungen der Nürnberger Prozesse als reinigend und notwendig begriffen. Was diese erbärmlichen Verbrecher anrichten, wenn man sie einsperrt und sogar wieder freilässt, ist am Beispiel von Speer hinreichend dokumentiert. Und am Beispiel von Rudolf Hess zeigt sich, dass auch ein Häftling gerade dadurch zum Märtyrer für Schwachköpfe werden kann, in dem er lebenslänglich einsitzt und sein "Schicksal" stoisch erträgt.
Humanität für die systematischen Vernichter von Humanität einzufordern, sich gar mit ihr zu rühmen, ist Dummheit. Der Tod Saddams ist natürlich ein Symbol – er hilft dem Land nicht und dürfte kurzfristig sogar zu noch mehr Unruhen führen. Ihm haftet auch der Geruch einer Siegerjustiz an. Wer auf der richtigen Seite steht, bestimmt. Aber Krokodilstränen heulen – nein, soweit geht mein Mitgefühl nicht. Auf diese Humanitätsduselei verzichte ich.
Interessant
Ja, das sind alles gute Gründe...
Es geht auch gar nicht um die Todesstrafe als normale gesetzliche Sanktion; das befürworte ich auch nicht. Es geht darum, dass es bestimmte Situationen gibt, in denen es m. E. keine andere Möglichkeit gibt. Das Paradebeispiel sind und bleiben die Nürnberger Prozesse. Wie soll man sonst Verbrechen dieser Kategorie begegnen?
Die Humanitätsritter empfinden es vermutlich als besonders gelungen, dass Pol Pot friedlich gestorben ist und sein Sekretär heute noch - unbehelligt - eine neue Rote Khmer aufbaut. Sie sitzen ja weit weg davon und haben damals auch nicht gelitten.
Ich bereue es ja bereits,
Ich befürchte,
Die Todesstrafe hat noch nie Mörder oder sonstige Täter von der Tat abgehalten(darüber gibt es Untersuchungen),also ist sie sicher kein probates Mittel. Aber andererseits kann ich Köppnick zustimmen,dass man diese Frage NICHT emotional beantworten sollte, dazu ist sie zu ge-waltig.
Natürlich ist es schwachsinnig, jegliche Diskussion abzulehnen, das impliziert für mich etwas apodiktisch-abwehrendes.Ja nicht gekränkt werden wollen und ........göttergleiche Meinung vertreten.
Das hat a schales Gschmäckle....
@Köppnick & Cleos
Dass jemand einen solchen Beitrag mit der DIktion "ich will darüber nicht diskutieren" schreibt, zeigt ja auch eine gewisse Unsicherheit über das, was man dort postuliert. Es ist ja gelegentlich so, dass man sich auf Weblogs immer mit den Claqueren umgibt, dessen Beifall man sicher ist. Das ist natürlich für Leute wie Dich und mich eher langweilig.
Natürlich schreckt die Todesstrafe niemanden ab. Eine Freiheitsstrafe von 6, 10 oder 15 Jahren schreckt auch den Totschläger nicht ab. Schafft man deshalb per se alle Strafen ab? Nein. Bei Reemtsma kann man sehr schön nachlesen, wie ein Verbrechensopfer Strafe empfindet: als Wiedereingliederung in die Gesellschaft (sehr verkürzt darstellt).
Die Gefahr, dass S.H. nun Märtyrer wird, ist natürlich gegeben. Es bestünde aber auch die gleiche "Gefahr", wenn er bis ans Ende seiner Tage in einer Zelle schmoren würde. Wer ihn zum Märtyrer stiliseren will, macht es auch - unabhängig davon, ob er eingesperrt ist, im Exil lebt oder tot ist.
zitat: ... wenn die Dame ausdrücklich nicht diskutieren will, sondern nur ihre Gesinnung zur Schau stellt.
die Dame ist keine Dame. Sie ist Frau. Wäre sie eine Dame, würde sie sich jetzt vornehm zurückhalten und nicht sagen, dass Sie Herrn Keuschnig für ein arrogantes Arschloch hält.
Ich bin aber noch immer gegen die Todesstrafe. Auch für arrogante Arschlöcher.
@testsiegerin
Ich lasse den Kommentar mal so stehen, weil er sehr lehrreich ist. Aus Ihrer Feder ist das ja eher ein Kompliment.
@Testsiegerin & @Gregor
@Testsiegerin, widersprechen Sie mir, wenn ich mich irre:
Menschen, die gefühlsmäßig die Todesstrafe ablehnen, bekommen große Schwierigkeiten in dem Moment, in dem ihre persönliche Lebenssituation sie in die Nähe eines Menschen führt, von dem sie glauben, er hätte den Tod verdient. Weil Gefühle keine dauerhafte Grundlage für menschliches Handeln darstellen. Ein Mob, der durch die Straßen zieht und ruft "Hängt das Schwein!" handelt genauso nach Gefühl und irrational.
Dabei gibt es gute und rationale Gründe gegen die Todesstrafe. In Ländern mit Todestrafe gibt es nicht weniger Verbrechen als in solchen mit, sodass eine präventive Wirkung dieser Strafe ausgeschlossen werden kann. Aber in diesen Ländern ist die Brutalität der Täter größer, wenn sie sich der Strafverfolgung entziehen wollen, weil sie ja wissen, was sie erwartet. Insofern verstehe ich überhaupt nicht, warum sie die Argumentation aufgegeben haben. Die Logik steht doch auf Ihrer Seite.
@Alle: Einen guten Rutsch und ein gesundes neues Jahr, wünsche ich uns allen!
weißt du, es ist kein diffuses, leicht flüchtiges gefühl, das mich die todesstrafe ablehnen lässt, sondern eine tiefe überzeugung, dass es nicht rechtens sein kann, menschen zu töten. schlimm genug, dass es ohnehin passiert und oft nicht verhindert werden kann.