Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht
Die bereits in 2003 von Gunnar Heinsohn entwickelten Thesen zur Bevölkerungsentwicklung und deren eminente Bedeutung wurden Ende Oktober im "Philosophischen Quartett" vorgestellt. Die ansonsten recht strukturiert und statisch von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski moderierte Sendung geriet ein bisschen aus den Fugen, da Heinsohn, schlagfertig, ironisch und gelegentlich ein bisschen raunend Widerspruch provozierend, die Diskussionsteilnehmer in den Bann zog und im Laufe der 60 Minuten dann alle seinen Schlussfolgerungen erlagen.Die Kernthese Heinsohns ist ziemlich einfach: In Gesellschaften mit überzähligen jungen Männern besteht die grosse Gefahr, dass diese jungen, wütenden [zornigen] und ohne Karriereaussichten Zweit-, Dritt- und Viertsöhne (der erste, älteste Sohn ist durch Erbfolge abgesichert) ihre Perspektive anderswo suchen und es zu blutigen Expansionen und zur Schaffung und Zerstörung von Reichen kommt.
Heinsohn führt den Begriff des children bulge und des youth bulge* ein. Unter children bulge versteht er den Überschuss in einem prozentualen Verhältnis der Kinder unter 15 Jahren in einer Gesellschaft (bzw. einer Nation oder Region oder der Weltbevölkerung). Aus dem children bulge entsteht dann der sogenannte youth bulge; so nennt er die 15-24 jährigen (in vielen Gesellschaften beginnt das Kriegeralter bei 15 Jahren). Aus dem children bulge lässt sich das "Rekrutierungspotential" der "Zornigen" ablesen. Die weltweit zweifellos gestiegene ärztliche und ernährungstechnische Versorgung (Heinsohn belegt dies ohne zu verschweigen, dass noch vieles im argen liegt) sorgt dafür, dass aus dem children bulge relativ zuverlässig auf ein youth bulge geschlossen werden kann.
Die Phänomene children bulge und youth bulge dürfen nicht mit kurzfristig steigenden Geburtenraten verwechselt werden, die nach wenigen Jahren wieder abklingen; hierfür benutzt er das allseits bekannte Wort vom babyboom.
*[Heinsohn bietet keine Übersetzung der Anglizismen an; man könnte grob vereinfacht mit "demografischer Kinderbeule" bzw. "Jugendlichenbeule" übersetzen, was ein bisschen geschwollen klingt. Gelegentlich wird vom "Überschuss" gesprochen. Dabei ist unbedingt klarzustellen, dass dieser Begriff nicht im reduktionistischen Sinn gebraucht wird, sondern rein deskriptiv.]
Wichtig ist dabei, dass die absoluten Zahlen nicht unbedingt relevant sind. Am Beispiel der Volksrepublik China wird dies deutlich: Zwar gibt es dort derzeit 310 Millionen Kinder unter 15 Jahren (was eine gewaltige Zahl ist), aber mit einem Prozentsatz der Bevölkerung unter 15 Jahren (in letzter Halbdekade) von "nur" 24% liegt China bereits unter der vom Autor als relevant benannten Quote von 25% für potentiell "expansiv-aggressive" Gesellschaften; die Ein-Kind-Politik sorgt dafür, dass der Höhepunkt der Geburten bereits erreicht ist. Langfristig ist China eine vergreisende Gesellschaft. Eindrucksvolle Beispiele für vergreisende Gesellschaften liefert Heinsohn im Verlauf des Buches auch u. a. für Japan, Russland (insbesondere den asiatischen Teil), die Ukraine und auch – wenn auch nicht ganz so dramatisch wie bei den vorgenannten – für die Bundesrepublik Deutschland, in der bereits ganze Landstriche im Osten aussterben.
Wenn ein Vater statt einem plötzlich drei Söhne hinterlässt und fast alle Väter das in jeder nächsten Generation von neuem tun, dann lebt eine Nation mit einem Dauer-youth bulge. Der sucht – wie es beschönigend heisst – sein Glück eben nicht nur zu Hause, sondern auch in der Neuen Welt...[...] 'Go west, young man!', heisst eben nicht nur "verschwinde, zorniger junger Mann!", sondern immer auch: "Es gibt noch jede Menge Chancen für die Gründung einer eigenen Existenz fern von Deinen Brüdern".
Wichtig für die weitere Betrachtung ist, dass Heinsohn ausdrücklich erwähnt, dass die zornigen jungen Männer keinesfalls Geschwächte oder Hungernde sind, die sich quasi der Not gehorchend mit letzter Verzweiflung neue Lebensräume erobern wollen. Sie stecken nicht in absoluter Armut und hungern nicht (Ihre militärischen Optionen zielen zwar auch auf Ernährungsgrundlagen, aber eher im Sinne einer Optimierung, einer Gewinnung von ökologisch interessantem Lebensraum)
Heinsohn greift auch die so oft kolportierte These frontal an, (der islamistisch motivierte) Terrorismus sei Ausdruck einer Bewegung von Unterdrückten oder Schwachen. Ted Honderichs (umstrittener) Erklärungsversuch in "Nach dem Terror", die Terroristen re-agierten aus einem gewissen Gerechtigkeitsfuror heraus (das Umstrittene daran war Honderichs' mindestens rudimentär geäussertes Verständnis für diese Form von "Verzweiflungstat"; seine These ist aber komplexer und hier sehr verkürzt wiedergegeben), wird damit verworfen. Und auch Enzensbergers psychoanalytisch krude Deutung des "radikalen Verlierers" wird zerpflückt. Nach Heinsohn suchen die überflüssigen Söhne anderswo Anerkennung und letztendlich Spitzenpositionen, die sie in der eigenen Gesellschaft nicht mehr finden (da die raren Positionen von ihren älteren Brüdern besetzt sind).
Das Kernstück des Buches ist eine tabellarische Rangordnung der Nationen nach Zahl der Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres (auf dem Stand von 2003). Penibel listet er 124 Staaten und deren demografische Strukturen auf (und fügt in den Bemerkungen relevante Entwicklungen wie Kriege und Bürgerkriege ein; Heinsohn ist ja auch Völkermordforscher).
Neben den schwarzafrikanischen Ländern, die mit children bulge-Quoten von 40% und mehr erscheinen, legt Heinsohn natürlich besonderes Augenmerk auf die uns (scheinbar?) unmittelbar stärker tangierenden Bevölkerungsentwicklungen von Ländern wie Indien und – vor allem - den islamischen Staaten. Hier wird konstatiert:
Das aktuell quantitativ beeindruckendste Beispiel für youth bulges liefern die islamisch geprägten Länder, die in nur fünf Generationen (1900-2000) von 150 auf 1200 Millionen Menschen zugenommen haben...[...]
Europa, das sich bis 1900 mit 460 Millionen Menschen auf ein Viertel der Weltbevölkerung vermehrt hatte [...], ist (ohne Sowjetunion/Russland in Asien) in den 100 Jahren bis 2000 "nur" auf 660 Millionen gestiegen und hat sich so aus einer bald dreifachen "Übermacht" gegenüber dem Islam in eine zweifache "Unterlegenheit" gedreht.
Die Katastrophen zweier Weltkriege, die sich in Europa zwischen 1914 und 1945 ereignet haben, blendet Heinsohn nicht aus, sind aber letztlich nicht signifikant konstuierend auf die Bevölkerungsentwicklung; vor allem, was die Prognosen angeht.
China hat sich im gleichen Zeitraum von 400 auf 1200 Millionen "nur" verdreifacht; Indien (heutiges Territorium) von 250 auf 1000 Millionen vervierfacht. Lediglich für Einwanderungsländer konstatiert Heinsohn höhere Werte: Brasilien beispielsweise mit seinen zahlreichen Genoziden an Eingeborenen von 17 auf 170 Millionen. (Am Rande interessant: Die Bevölkerung der USA mit ihren Reservats-Deportationen und Indianergenoziden steigt zwischen 1790 und 1890 sogar von knapp 4 auf über 60 Millionen, also um den Faktor 15).
Die gesamte Menschheit hat sich zwischen 1800 und 2000 von 1,5 auf 6 Milliarden viervierfacht. Und: Von den 6,3 Milliarden Menschen des Jahres 2003 erblickten 4 Milliarden in den 35 Jahren nach 1968 das Licht der Welt... In den 2020er Jahren wird der Islam ein Viertel der Menschheit umfassen. Das entspricht dem Anteil Europas auf dem Höhepunkt seiner Weltherrschaft (1900) oder dem Anteil des Britischen Imperiums auf seinem Gipfel von 1920...
Um Missverständnisse zu vermeiden: Heinsohn stellt diese Fakten und Zahlen (und auch seine hieraus abgeleiteten Prognosen [hierüber wird noch zu reden sein]) vollkommen emotionslos dar. Eine Hysterisierung, was den Umgang mit den islamischen Ländern angeht, liegt ihm fern. Es gibt gelegentlich lakonische bis ironische Seitenhiebe auf das eurozentristische Weltbild, wenn er etwa die häufig benutze Vokabel der "Islamisten" für die Terroristen islamischen Glaubens auf das mittelalterliche Europa anwendet, und meint, niemand sei jemals auf die Idee gekommen, diese als "Christianisten" zu bezeichnen.
Ein "Verharmloser" ist Heinsohn aber auch nicht. Seine Rechnung ergibt bis 2020 rund 300 Millionen junge Männer, die in ihren Staaten keinerlei Perspektive mehr haben:
Dreihundert von insgesamt neunhundert Millionen jungen Männern aus der Dritten Welt werden in den kommenden fünfzehn Jahren entschlossen ausserhalb ihrer Heimat um Positionen kämpfen müssen. Sie gelten in den USA als Hauptgegner der nahen Zukunft. Sie sind alle schon geboren und werden auch dadurch nicht weniger, dass die 2-prozentige Rekordzunahme der Weltbevölkerung im Jahrzehnt 1962-1971 bis 2003 auf 1,2% gefallen ist...
Und weiter heisst es ein wenig süffisant:
Mit der islamischen Speerspitze dieser Jugendarmee tritt nach dem Ende der marxistischen Weltbewegung erstmals wieder ein Herausforderer auf, der das Geschäft des aktuellen Hegemon nicht etwa übernehmen, sondern zerstören will.
Akribisch unterfüttert Heinsohn seine These im Blick auf die Geschichte - anhand der europäischen Hegemone von ca. 1400 bis ca. 1900 (danach die USA als bestimmender Welthegemon) – von den Portugiesen, den Spaniern, den Holländern, den Schweden, den Engländern, usw. Heinsohn belegt, dass immer dann, wenn youth bulge-Phänomene in diesen Völkern aufgetreten sind, die zornigen, aggressiven Zweit- bis Fünftbrüder ihre Spitzenpositionen – mangels Gelegenheit – in der Welt gesucht hatten – mit den allseits bekannten Folgen. Hier arbeitet Heinsohn auch den religiösen Überbau heraus, der den Eroberern als Vorwand diente – also der aktuellen Situation nicht unähnlich scheinend.
Eine interessante Korrelation entwickelt Heinsohn wenn es daran geht, zu ergründen, warum es ca. ab 1500 einen youth bulge in den verschiedenen europäischen Staaten / Hegemonen überhaupt gibt. Der Grund für die gestiegene Geburtlichkeit ist banal: Die Frauen bekommen mehr Kinder. Die Frage ist aber. Warum? Eine wichtige Ursache hierfür sieht er in der brutalen und durchgreifenden Hexenverfolgung, die ab 1484 einsetzte. Als "Hexen" wurden hauptsächlich Hebammen verurteilt, die ihr Wissen um die Verhütung an Frauen weitergaben (durch Abtreibung aber auch medizinische Hilfe). Mit der Tötung dieser als "Hexen" denunzierten Frauen (auch hier wurde der religiöse Grund nur vorgegeben), wurde das Wissen um Verhütungstechniken ausgerottet. Die europäische Bevölkerung wächst in dieser Zeit nicht primär aufgrund einer verbesserten medizinischen Versorgung – sondern weil mehr Kinder geboren werden.
Exkurs: Die Eigentumsgesellschaft
Ein youth bulge ist aber nicht der einzige Grund, dass sich Weltreiche implementierten. Neben einer überlegenen Waffentechnik (die spanischen Eroberer beispielsweise stiessen bei den Naturvölkern in Südamerika auf steinzeitlich bewaffnete Gegner), gibt es noch einen anderen Grund: Die Implementierung einer Eigentumsgesellschaft statt der Besitzgesellschaft, wie sie in archaischen Lebensverhältnissen und in frühmittelalterlichen Feudalgesellschaften Europas existierten.
Dieser Punkt der Eigentumsgesellschaft spielt eine zentrale Rolle bei Heinsohns Betrachtungen und er benennt die Transformation von der Besitz- in eine Eigentumsgesellschaft für einen extrem wichtigen Punkt, der heute den (sogenannten) Entwicklungsländern sogar als Königsweg aus ihrer verfahrenen Situation zu empfehlen sei.
Der besseren Übersichtlichkeit geschuldet, sind die Zitate aus Heinsohns Buch für diesen Exkurs in blauer Schrift (und nicht – wie im Rest dieses Begleitschreibens kursiv hervorgehoben.
Die Basis des Wirtschaftens liegt aber weder im Kapital noch im Markt, sondern im Eigentum. Das kann man nicht sehen, riechen, schmecken oder anfassen, weil es ein papierner Rechtstitel ist. Nun wird gern geglaubt, dass "Privateigentum" der menschlichen Gier am angemessensten Ausdruck gebe. Aber bürgerliche, also eigentümerliche Gier wird durch Polizei und Gerichtsvollzieher viel strenger kontrolliert als die von raubritterlichen Feudalherren oder "primitiven Stammesgenossen". Vor allem im edlen Wilden hofft man auf einen Menschen noch ohne Eigennutz. [...] Aber auch und gerade unter Stammesgenossen gilt: "Der Erste, Schönste, Erfolgreichste, Stärkste und Reichste sein – danach strebt man".
Die Suche nach Profit entsteht nicht aus einer Gier nach ihm. Er ist lediglich das, was einem Wirtschaftenden über die Summe hinaus bleibt, die er für die Tilgung seiner Geldschuld und den Zins darauf auch dann begleichen müsste, wenn ihm jede Gier fremd wäre. Und solche Schuldverpflichtungen entstehen nur dort, wo es neben dem Besitz auch Eigentum gibt. Die Unterscheidung zwischen Besitz und Eigentum ist für das Verständnis des Wirtschaftens fundamental. Ökonomie wird so schlecht verstanden, weil die Gelehrten Besitz und Eigentum für ein und dieselbe Sache halten.
Die auf Eigentum basierenden Gesellschaften können auch zahlenmässig grössere Völker übertreffen, weil Eigentum für die Schaffung von Geld belastet und für das Borgen von Geld in einem Kredit verpfändet werden kann. Der Geldschaffer verliert durch diese Belastung während des Kreditzeitraums die Freiheit seines Eigentums, kann es nicht noch einmal belasten und auch nicht verkaufen oder verschenken. Dafür gewinnt er die Zinszusage seines Schuldners. Und eben für den Zins, für dieses immer mehr aus niemals länger werdenden Jahresfristen, muss erfinderisch gewirtschaftet werden.
Gesellschaften ohne Eigentum haben kein Geld, also keine zinsbelasteten Schulden und bleiben deshalb ohne nennenswertes Wachstum.
[...]
Dass der Zins als entscheidende Zugkraft des Wirtschaftens am Eigentum haftet, ist zwar ganz allgemein schlecht verstanden. Aber nur die Marxisten streiten seit 1917 zu seiner regelrechten Abschaffung. Sie versprechen – wenn man so will – den Menschen für ihr Auto eine noch höhere und überdies pannensichere Geschwindigkeit, wenn man nur den Motor ausbaue. Diese Heilung der Tuberkulose durch Entfernung der Lunge hat an die 100 Millionen Menschen das Leben gekostet...
An einem Stück Ackerland lässt sich die wirtschaftliche Potenz des Eigentums über das bloss besitzbasierte – und ewige – Produzieren hinaus besonders leicht nachvollziehen. In allen drei der Menschheitsgeschichte bekannten Gesellschaftstypen – Stamm (nur Besitz), Feudalismus (nur Besitz) und Eigentumsgesellschaft (Besitz und Eigentum – kann der Besitz einer Feldmark zum Pflügen, Einsäen und Ernten genutzt werden, also einen greifbaren Ertrag hervorbringen. Gewirtschaftet wird bei dieser Nutzung der Ackerkrume jedoch nicht. Sie wird lediglich physisch benutzt, das heisst an ihr wird das Besitzrecht wahrgenommen.
Zur geschäftlichen Verwendung eines Ackers - also zum Wirtschaften mit ihm - kann es erst kommen, wenn zum Besitzrecht noch ein Eigentumstitel hinzutritt. Man kann sagen, dass mit dem Acker produziert, mit dem Zaun, der ihn umgibt, jedoch gewirtschaftet wird, wobei er den Eigentumstitel symbolisiert und nicht nach Draht und Pfosten betrachtet wird, die es auch in reinen Besitzgesellschaften geben kann. Während der Bauer einer Eigentumsgesellschaft seine Feldmark durch eigenen Gebrauch oder durch Verpachten - als Besitzer nutzt, kann er mit dem Eigentumstitel an ihr gleichzeitig und eben zusätzlich wirtschaften. Er kann diesen Titel für das Leihen von Geld - Mark z.B. - verpfänden, oder er kann ihn für die Besicherung des von ihm selbst emittierten Geldes - wiederum Mark - belasten.
Die Geldnote - ob auf Metall oder Papier gedruckt - ist also ein Eingriffsrecht in das Eigentum ihres Emittenten und kommt nur durch Schuldenmachen in die Welt. Auch das auf fast wertlosem Material notierte Geld ist wertvoll, weil hinter ihm besicherndes und zusätzlich verpfändetes Eigentum steht. Wo jemand Geld emittiert, tut er dieses für einen anderen, der ihm mindestens im selben Wert Eigentum verpfändet sowie Tilgung und Zins zugesagt hat. Der in die Zirkulation gelangten Geldnote entspricht mithin ein zweites notifiziertes Dokument. Das ist der Kreditkontrakt, in dem der geschaffene Betrag als mit Eigentum des Leihers besicherte und zu verzinsende Schuld niedergeschrieben ist. Erst wenn der die Schuld getilgt hat, kann die zum Verleiher heimgekehrte Geldnote vernichtet und der Kreditkontrakt zerrissen werden. Sind die Noten aus Metall oder ist das Papier noch gut, können sie bei einer neuerlichen Emission wieder verwendet werden. Bis dahin aber - bis zu einem neuen Kreditkontrakt, der sie gewissermassen auflädt bzw. scharf macht - sind sie nur Formulare. Die werden in einem Tresor aufbewahrt, weil sie, durch Diebstahl in Zirkulation gelangt, äusserlich nicht von solchen "Formularen" zu unterscheiden sind, die erst verschuldete Eigentümer durch Zusage von Pfand, Tilgung und Zins in genuines Geld transformieren.
Als Verwender von Geld, das immer jemand - nämlich der im geldschaffenden Kreditkontrakt Benannte - schuldet, entwickeln Mitglieder von Eigentumsgesellschaften einen ganz anderen Blick auf die Welt als Menschen aus reinen Besitzgesellschaften, also aus Stämmen oder aus Feudalgesellschaften - werden diese nun durch Adelskasten oder "Avantgarden" einer Arbeiterklasse dirigiert. Geldschuldner suchen immer nach Wegen, aus der prinzipiell unveränderlich gleich langen Zeit eines Jahres oder eines Monats das Zusätzliche herauszuholen, das sie für den Zins aufbringen müssen. Eben dafür erzeugen sie Märkte. Auf diesen versucht man Schuldendeckungsmittel, also Geld zu erlangen. Dessen Existenz geht dem Markt somit voraus, während die Marktwirtschaftler glauben, dass erst die Märkte da seien, auf denen es dann für eine Tauscherleichterung erfunden werde.
[...]
Die Kontakte der Europäer zu den neuen Welten werden also umgehend in die Erfüllung von Gläubiger-Schuldner-Kontrakten eingebunden. Dadurch beginnt Globalisierung.
Und für die Entwicklung der sogenannten Dritten Welt rät Heinsohn zur Vereigentümerung:
Wenn man den weniger entwickelten Ländern helfen will, dann darf man ihnen kein Geld geben. Die denken sonst in der Tat, dass auf rätselhafte Weise riesige Tresore voll mit dem edlen Papier gerade in den OECD-Staaten gelandet sind, die somit ruhig mal etwas abgeben könnten. Doch die haben keine Kisten, sondern für die Geldbeschaffung belastbares Eigentum. Die Etablierung von Eigentum wiederum erfordert nur ganz geringen technischen Aufwand. Blosse Besitztümer müssen um Eigentumstitel ergänzt und dabei breit gestreut werden. Diese Verteilung muss muss in Dokumenten über die Eigentumstitel fixiert werden. Kataster und Grundbücher sind anzulegen. [...] Man muss an Gesetze gebundene Polizei und unabhängige Gerichte schaffen, die in die Eigentumstitel – ohne Ansehen der Macht ihrer Halter – vollstrecken können.
Dennoch: Einen Automatismus, der hinter einem überproportionalen youth bulge und der Aggression ein Gleichheitszeichen setzt, gibt es bei Heinsohn nicht. Dabei ist nicht nur die Betrachtung der Hitlerschen Aggressionskriege gemeint, die mit einem direkten Sohnüberschuss nicht "erklärt" werden können. Heinsohn wird da ein wenig einsilbig. Er merkt an, Hitler habe den youth bulge sozusagen herbeidekretieren wollen – mit dem Versuch, Frauen von der seinerzeit fortschreitenden Erwerbstätigkeit wegzubringen und wieder als Mütter einzusetzen. Der erste Weltkrieg, der rund 10 Millionen Söhnen das Leben gekostet hatte, war noch in der demografischen Entwicklung Europas verankert.
Heinsohn nennt zahllose Beispiele auch in der jüngeren Vergangenheit, die belegen, dass youth bulge-Staaten entweder in Bürgerkriege sich gegenseitig dezimiert haben oder aggressiv gegen andere Völker aktiv wurden (bzw. dies noch tun): Sri Lanka; Südamerika 1955-1995 im allgemeinen und El Salvador im speziellen; Nepal; Elfenbeinküste; Marokko (Genozid an den Sahauris); Afghanistan; unbedingt natürlich der Irak, den Heinsohn für lange Zeit "brodelnd" sieht; Palästina (wobei er den Palästina/Israel-Konflikt für in den Medien überzogen dargestellt sieht und in seiner Bedeutung – im Vergleich mit anderen Konflikten – eher am unteren Ende der Prioritätenliste sieht).
Eine Sonderstellung in der Betrachtung nehmen die USA ein (Heinsohn führt später den Begriff USanada ein [für USA und Kanada]). Als fast einziges westliches Land hat die USA noch Zuwachszahlen, die – so Heinsohns Prognose – am Weltmachtstatus der Vereinigten Staaten zunächst nicht rütteln werden (youth bulge-Quote von immerhin 21%). Aber die Politik der USA (wie auch Europas mit ungleich schlechteren Geburtenzahlen) trägt seiner Bevölkerungsentwicklung Rechnung:
Die Strategie der Vereinigten Staaten zielt...auf eine sequenzielle Ausschaltung despotischer Staaten mit Megatötungswaffen, weil ihre eigene Macht für die zeitgleiche Bekämpfung auch nur zweier aggressiver Atommächte nicht ausreicht.
Entwicklungen in anderen Staaten, innerstaatliche, bürgerkriegsähnliche Situationen oder regional begrenzte bilaterale Konflikte berühren die Weltmacht nur noch am Rande. Es wird zu Lippenbekenntnissen und wohlfeilen Appellen kommen, um den Schein zu wahren. Genozide wie in Ruanda oder jetzt in Darfur (Sudan) finden nicht das unmittelbare (prioritäre) Interesse der USA, weil die grundsätzliche Weltlage von ihnen nicht tangiert wird. Das ist der Grund, warum nicht eingegriffen wird: Wenn sich die youth bulge-Völker gegenseitig bekriegen, dann sinkt die Zahl der zu erwartenden Postensucher schon einmal. Das klingt hart, dürfte aber dem Kalkül der gängigen Politik entsprechen; übrigens nicht nur in den USA.
Obwohl Heinsohn die grösste Machtfülle der Vereinigten Staaten schon längst in der Vergangenheit sieht (er nennt die Zeit zwischen 1941-49; hauptsächlich deshalb, weil die USA zu dieser Zeit das Atomwaffenmonopol hatten), fällt ihm als Zukunftsperspektive nichts spektakuläres ein. Die Vereinigten Staaten werden wohl bis 2050 die bestimmende Macht bleiben. Neben der überlegenen Waffentechnik liegt dies auch daran, dass die Vereinigten Staaten (bzw. USanada) eine dauernde Heimstatt für die gut ausgebildeten Migranten sein werden; während die "Armutsflüchtlinge" hauptsächlich vor Europas Küsten stranden werden. Mit diesem Know-How sieht Heinsohn die USA à la longue dominierend; u. a. auch deswegen, weil selbst aus Europa die Eliten auswandern werden (allerdings wohl aus ökonomischen Gründen, denn einen youth bulge hat in Europa kein Staat mehr).
Die potentiellen Konkurrenten um den Weltmachtstatus der Zukunft sind entweder Vergreisungsgesellschaften (China; Europa) oder – tja, oder was? Warum Indien mit seinem youth bulge von 33% (Prognose 2050: 1628 Millionen [China 1394 Millionen; USA 413 Millionen]) dennoch keinen Gegenpart wird spielen können, lässt Heinsohn im Dunkeln. Es darf vermutet werden, dass er der doch sehr heterogenen indischen Gesellschaft mit durchaus grossen Klassenunterschieden den entscheidenden "Sprung" zur Herausforderung der USA als Weltmacht nicht zutraut. Viele gut ausgebildete indische Zweit- bis Fünftsöhne dürften übrigens auch von USanada angezogen werden.
Interessant ist Heinsohns These, dass die permanent steigenden Rüstungsausgaben der USA ein Ausweis von (gefühlter) Schwäche darstellt; die Römer hätten den Limes als Grenzbefestigung gebaut; die chinesische Mauer sollte Feinde abhalten, die mit Soldaten nicht mehr verdrängt werden konnten. Ähnliches sieht Heinsohn für die ehrgeizigen Rüstungspläne der USA (u. a. auch die Weltraumrüstung). Mit weniger als 5% der Weltbevölkerung [bringen die USA] auch im Jahre 2003 noch 50% aller Mittel der Menschheit für Forschung und Entwicklung auf. Da mag manche Wunderwaffe erfunden werden. Sicherlich ein nicht zu vernachlässigendes Argument.
Und Europa? Wie wird Europa den zornigen jungen Männern beispielsweise aus islamischen Gesellschaften begegnen können? Man kann Mauern errichten – Heinsohn hält diesen Weg für nicht sinnvoll. Man kann versuchen, Einwanderungspotential zu generieren, denn schliesslich sterben die europäischen Länder ja sukzessive aus. Um den Stand zu halten, müsste beispielsweise ein Land wie Spanien jährlich 1 Million Flüchtlinge aufnehmen (zum Beweis: derzeit leben in Spanien noch nicht einmal 1 Mio. Nicht-Spanier). Und:
Deutschland allein benötigt bis 2050 mindestens 15 und womöglich sogar 25 Millionen Neuzugänge - ... 500.000 jährlich, [einer Zahl,] der keiner richtig ins Gesicht sehen möchte.
Selbstredend wird es mit den Neuankömmlingen Schwierigkeiten zuhauf geben. Wer wollte ausschliessen, dass gerade aus der islamischen Welt voll ausgebildete Antisemiten herbeiströmen...[...] Man ersieht daran, dass unsere imponierenden Anstrengungen zur Fremdenliebe nicht aus dem Streben nach dem Guten als solchem erwachsen.
Zwischen den Zeilen liest man: Wo soll die Arbeit für diese Neuankömmlinge herkommen? Und: Welchen Ausbildungsgrad haben diese Menschen bzw. welchen "verlangen" wir? Die gut ausgebildeten werden sich direkt auf den Weg nach USanada machen; übrigens auch die in Europa herangezogenen Eliten, die Heinsohn in grossen Strömen dem sterbenden Kontinent den Rücken kehren sieht.
Ted Honderich hatte die Bildung als Ausweg gesehen: In Gesellschaften, in denen Frauen vermehrt freien Zugang zu Bildungseinrichtungen und danach in eine Art Berufsleben fanden, gingen die Geburtenzahlen signifikant zurück (freilich gab es hier auch Ausnahmen, wie beispielsweise der Iran und – vor allem – der Irak). Heinsohn sieht – das mag ein bisschen fatalistisch sein – keinen Ausweg; vor allem keinen Königsweg und rät (mehr oder weniger) zum Ausharren. Die Krieger von 2020 sind eh schon alle geboren; für die Zeit danach sieht er eine gewisse "Entspannung" (was eigentlich rein spekulativ ist und von Heinsohn auch so kommentiert wird).
Lediglich in der programmatischen Ausrichtung hin zur Eigentumsgesellschaft vermag man einen Hoffnungsschimmer zu erkennen: Durch eine Ökonomisierung der jeweiligen Gesellschaft könnten die sonst anderweitig gesuchten "Spitzenpositionen" in der eigenen Entität entstehen.
Die USA beschreibt Heinsohn insgesamt sehr optimistisch. Auguren wie Emmanuel Todd, die im horrenden Handelsbilanzdefizit der USA eine tickende Zeitbombe sehen, (und zwar nicht nur für die USA, sondern für die gesamte Weltwirtschaft) kommen bei ihm nicht zu Wort. Die Tatsache jedoch, dass die USA grosse Teile ihrer Industrieproduktion abgeschafft hat und auf Importe angewiesen ist, kann nicht wegdiskutiert werden.
Am Beispiel Chinas könnte Heinsohns Theorie einen Dämpfer erhalten. Zwar ist die Volksrepublik bevölkerungsmässig nicht in der Lage, exzessive Kriege mit grossen Verlusten zu führen – aber vielleicht braucht man dies auch nicht mehr, um trotzdem eine Hegemonialposition zu erreichen (die andere Voraussetzungen bringt China ja mit). Ökonomisch ist China sowohl als Produzent als auch als Nachfrager die aktuelle Weltmacht – die Wachstumsraten erreichen regelmässig schwindelerregende Höhen (kein Wunder, es gibt natürlich viel "aufzuholen"). Ähnliches gilt für Indien. Wie wäre es, wenn sich Hegemonialpositionen im 21. Jahrhundert nicht mehr ausschliesslich an klassische (bellizistische) Kennzahlen orientieren, sondern auch (oder vor allem?) an ökonomische Parameter? Liefert nicht Deutschland seit Jahrzehnten auf bestimmten Gebieten (immer noch!) ein Beispiel, wie eine weltpolitisch relativ unbedeutende Nation durch ökonomische Stärke eine gewisse Relevanz erreichen kann (und diese dann – bedauerlicherweise oder doch nicht? – nicht in der Lage ist, politisch hieraus Kapital zu schlagen)?
Heinsohns Zahlen sind aufregend und beeindruckend; keine Frage. Gelegentlich sogar beklemmend. Das Buch enthält manchmal sarkastische Spitzen. Zarte Seelen könnten Anstoss an gelegentlich drastische Formulierungen nehmen; der Autor wird's verschmerzen. Das Zahlen- und Quellenmaterial ist beeindruckend und umfangreich (nach 160 Seiten Buch gibt es eine Literaturliste von 21 Seiten!); gelegentlich auch einmal verwirrend. Manche Unterthesen, die Heinsohn aufstellt, sind verblüffend und – im besten Sinne – nachdenkenswert (beispielhaft möge der Epilog dienen). Man mag nicht immer alles goutieren, aber das Buch ist unbedingt und dringend zu empfehlen. Danach wird man eine Zeit lang immer bei Nennung eines Landes die demografischen Daten nachschlagen. Und man sieht einiges in anderem Licht.
Epilog: Idolisierung aggressiver Führer heute und damals
So kann es kaum verwundern, dass etwa auch die jungen Leute Südkoreas den nordkoreanischen Diktator Kim Jong II gerade wegen seines Atompotenzials bewundern. Von den mindestens 500.000 Menschen, die er seit 1994 verhungern lässt (Hayashi 1997) und von seinem unvermindert tötenden Gulag (Bork 2003,10) lassen sie sich kaum irritieren. Nach der Einstufung dieses Landes in die "Achse des Bösen" durch den US-Präsidenten George W. Bush ist die Zahl der amerikafeindli- chen Südkoreaner dramatisch hochgeschnellt - von 15 Prozent 1994 auf 53 Prozent 2002. Aber nur 26 Prozent der über 50-jährigen gehören in diese Gruppe. Von den 20- bis 30-jährigen hingegen sind es 75 Prozent. Eine 29-jährige Frau erklärt An- fang 2003: "Wenn Nordkorea Atomwaffen will, soll es sie ruhig haben. Nordkorea würde uns nie angreifen. Wir sind ein und dasselbe Volk" (Goodman/Choo 2003, 6). Die Phantasien über die Möglichkeiten einer vereinigten 70-Millionen-Nation mit der ökonomischen Stärke Südkoreas und den dann noch verbesserbaren Megatötungswaffen des Nordens erweisen sich als unwiderstehlich. Und in der Tat bräuchte ein solches Korea keine Amerikaner mehr. Aber mit China zöge man nuklear gleich, und das altgehasste Japan liesse man hinter sich. Man tafelte im selben Klub mit Frankreich und Grossbritannien. Auf jeder diplomatischen Bühne der Welt wären junge Koreaner dabei und wichtig. Wie wohl das nationale Fühlen der Deutschen aussähe, wenn sie über die DDR an Atomwaffen gelangt wären - mit all dem Uran im Erzgebirge?
Die jungen Muslime, Koreaner etc. idolisieren ihre aggressiven Führer im 21. Jahrhundert also kaum anders als etwa im 18. Jahrhundert die Deutschen aus Goethes Kindheit den späteren Grossfriedrich, der - mit Preussen - gerade nicht dem ressourcenreichsten Gemeinwesen vorsteht und dennoch blutiger und tückischer oder eben kühner und intelligenter als alle anderen deutschen Fürsten sein Reich durch räuberische Überfälle auf die Nachbarn schmiedet. Diesen grossen Töter bewundert der junge Goethe: "Aber kaum hatte ich am 28. August 1756 mein siebentes Jahr zurückgelegt, als gleich darauf jener weltbekannte Krieg ausbrach, welcher auf die nächsten sieben Jahre meines Lebens auch grossen Einfluss haben sollte. Friedrich der Zweite, König von Preussen, war mit 60.000 Mann in Sachsen eingefallen, und statt einer vorgängigen Kriegserklärung folgte ein Manifest, wie man sagte, von ihm selbst verfasst, welches die Ursachen enthielt, die ihn zu einem solchen ungeheuren Schritt bewogen und berechtigt. [ ...] Und so war ich denn auch preussisch oder, um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt. [ ...] Ich freute mich mit dem Vater unserer Siege, schrieb sehr gern die Siegeslieder ab, und fast noch lieber die Spottlieder auf die Gegenpartei. [ ...] Bei den Grosseltern [ ...] wollte mir kein Bissen mehr schmecken: denn ich musste meinen Helden aufs greulichste verleum- det hören. [ ...] So fing ich nun, wegen Friedrichs des Zweiten, die Gerechtigkeit des Publikums zu bezweifeln an. [ ...] Bedenke ich es aber jetzt genauer, so finde ich hier den Keim der Nichtachtung, ja der Verachtung des Publikums, die mir eine ganze Zeit meines Lebens anhing" (Dichtung und Wahrheit, Erster Teil, Zweites Buch).
Die Fritzischen und die Bin-Laden'schen haben mithin viel gemein. Mit unverhüllter Wehmut, dass ihm selbst diese Rolle nicht mehr gehört, hat sogar Libyen Diktator Gaddafi das zugestanden: "In der islamischen Welt ist er [Bin Laden] ein Prophet geworden und alle jungen Leute verehren ihn" (Weymouth 2003, 18). Mordversuche von Al-Qaida gegen die blutige Operettenfigur der 1980er Jahre dürften dieses Eingeständniss kaum erleichtert haben. Im Mai 2003 verfügt Osama bin Laden über das höchste moralische und politische Ansehen in fünf von sechs islamischen Ländern (Ausnahme Türkei), die in einer weltweiten Forschung über die Autorität von Politikern einbezogen wurden: Palästina, Indonesien, Jordanien, Marokko und Pakistan (Bortin 2003, 1/6).
Ergänzung
Das Buch ist als E-Book hier herunterzuladen. (PDF; 3,6 MB; Ausdruck nicht möglich und nicht gestattet)
Gregor Keuschnig - 2006-12-12 21:06
??
Deine ausführliche Besprechung läßt mich mit mehr Zweifeln als Erleuchtung zurück.
Das beginnt mit der Ausgangsthese Heinsohns von den überzähligen jungen Männern (Was ist mit den Frauen?).
Was heißt es, sie seien chancenlos? Müßte nicht der Zusammenhang von Wirtschaftsweise und Chancen betrachtet werden?
Auch in unserer Gesellschaft gilt es als schlichte Tatsache, daß 5-10 Millionen Menschen überzählig/chancenlos sind. Offenkundig hat das bei uns nichts mit 2.-, 3.- usw. Söhnen zu tun.
Auch Heinsohns Betrachtung von Besitz- und Eigemtümergesellschaften macht mich eher schwindlig in meinem armen Kopf. Der Feudalherr, der antike (oder nichtantike) Sklavenhalter bleiben Eigentümer, auch wenn sie keineswegs kapitalistisch wirtschaften. H. scheint ziemlich rigoros das Verständnis von Eigentumsverhältnissen als Formen von Produktionsverhältnisen zu ignorieren....
Na schön, das gilt heute wohl als sein Recht.
Oder argumentiert er diesbezüglich?
Aggressionspotential...
In Entitäten, die Frauen Zugang zu Bildung bieten (Schule; Universität; Beruf), sinken normalerweise innerhalb von ein, zwei Generationen die Geburtenzahlen (Kind pro Frau).
"Chancenlos" bedeutet, dass sie innerhalb ihrer Entität keine Möglichkeiten haben, Posten zu besetzen. Diese sind in der Regel durch den Erstgeborenen besetzt. Möglichkeiten, sich in abstrakte Arbeitsverhältnisse einzubringen, gibt es meist nicht,(was an den Arbeitslosenquoten in diesen Staaten deutlich wird). Das ist natürlich ein bisschen vereinfacht; es gibt durchaus auch heute noch Gesellschaften, in der ein Sohn die Nachfolge des Vaters antritt (wobei auch immer); einer eine soziale oder politische Aufgabe übernimmt und einer "für die Religion" abgestellt wird.
Der Rekurs auf unsere Gesellschaft ist dahingehend abwegig, da es sich (1.) um eine aussterbende Gesellschaft handelt (die islamischen Länder, Indien, sehr viele schwarzafrikanische Staaten jedoch dramatisch ansteigende Kinderzahlen melden), also die Population (dramatisch) zurückgeht und (2.) die "chancenlosen" hier durch soziale Transferleistungen einigermassen abgesichert sind. Somit entfällt die Option, sein "Glück" anderweitig zu suchen.
Der antike Sklavenhalter war in Heinsohns Sinn nicht Eigentümer; er war "nur" Besitzer, der sich zwar als Eigentümer generierte, dies jedoch nicht belegen konnte (er brauchte es wohl auch nicht, weil ihn niemand befragt hatte). Wozu Heinsohn tendiert – wenn ich ihn da richtig verstanden habe – ist ein Wirtschaften, in der Eigentum die Rolle einer Art Geldbeschaffungsmaschine spielt, was wiederum die Ökonomie antreibt, neue Posten schafft, usw...
Danke Gregor,danke Gunnar Heinsohn,
Die Frauen werden nicht vergessen, aber sie führen die Kriege ja nicht.Sie werden mit den übriggebliebenen Spermaträgern neue
Männer generieren für den nächsten Krieg.....
Ich werde mir schon mal ein hübsches Kopftuch aussuchen oder mich mit den Chinesen anfreunden, Schlitz- bzw.Mandelaugen hab ich ja eh....
Ein großartiger Soziologe, mir wird schwindlig von seinem Können ,schweerige Sachverhalte ganz einfach zu formulieren-das können eben nur die ganz Gscheiten...