"Wunder können nicht erwartet werden" - Der Baker-Bericht beerdigt den Neokonservatismus.

Iraq Study Group ReportDer vielerwartete sogenannte "Baker-Report" (Iraq Study Group Report) ist da und hier als PDF-Dokument (902 kb) von der Seite des United States Insitute of Peace herunterzuladen.

Neben einer aktuellen Bestandsaufnahme zeigt er auch Lösungsmöglichkeiten auf (The Way Forward – A New Approach; ab Seite 32). Wie schon in den Nachrichten verschiedentlich genannt, wird auch die Aufnahme von Gesprächen mit den Regionalmächten Syrien und dem Iran befürwortet – wohl wissend um die Schwierigkeiten damit:

Dealing with Iran and Syria is controversial. Nevertheless, it is our view that in diplomacy, a nation can and should engage its adversaries and enemies to try to resolve conflicts and differences consistent with its own interests. Accordingly, the Support Group should actively engage Iran and Syria in its diplomatic dialogue, without preconditions. Hervorhebung von mir!

Ohne Vorbedingungen - das ist revolutionär! Und wie erwartet sind die Mauerbauer und Blockierer bereits aktiv und zerpflücken dieses Konzept.

Insgesamt wird die Bildung eines neuen, internationalen Konsenses für Stabilität im Irak und in der Region gefordert – neben den unmittelbaren Grenzländern Türkei, Syrien, Iran und Saudi-Arabien sollen auch Ägypten und die anderen Golf-Staaten mit in diese neue Politik eingebunden werden. Progress in Iraq is still possible so die (zwangsläufig?) optimistische Einleitung zu diesem Kapitel. Gefordert werden neue diplomatische Offensiven. Dies widerspricht natürlich allem, was die Bush-Administration in den letzten Jahren gesagt und wie sie gehandelt hat. Eine rein militärische Herangehensweise wird ausdrücklich abgelehnt.

Mit dem Gedanken, den Irakern zu helfen, sich selbst zu helfen Helping Iraqis Help Themselves), ist der Keim für einen geordneten Rückzug gelegt. Ein bisschen mutet einem die Strategie an, die Küche zu verlassen, nachdem man das ganze Porzellan zerschlagen hat, mit dem Tenor, man könne sich jetzt Neues kaufen. Hier zeigt sich eine Schwäche der Studie, die letztlich der entfesselten Gewalt im Irak nichts entgegensetzen kann und auch nicht mehr will.

Die Vorschläge der Kommission gehen sowohl an die US-Regierung und die Geheimdienste und Militärs als auch an die irakische Regierung. Dieser Rekurs erscheint manchmal ein bisschen einfach, was letztlich auch ziemlich offen zugegeben wird (Miracles cannot be expected…). Der Appell am politischen Willen der irakischen Regierung impliziert, dass bisher von dieser Seite nicht genügend Anstrengungen gemacht wurden.

Die Studie entwickelt konkrete Zeitpläne. Bis Dezember 2007 sollte ein weitgehendes autonomes Sicherheitskonzept im Irak greifen. Dies bedeutet allerdings ein sofortiger Beginn der Umsetzung der Vorschläge. Hier merkt man, wie es der Kommission förmlich unter den Nägeln brennt. Was übrigens nicht vor gelegentlich reichlich schwammigen und nichtssagenden Formulierungen schützt, wie The United States must do what it can do…. Selbst in dieser ausgewiesenen Hilflosigkeit ist der Bericht jedoch Gold wert, wenn man dagegen das grossmaulige Geschwätz der Bush-Administration der vergangenen Jahre im Ohr hat.

Eine besondere Stellung wird – naturgemäss - dem Verhältnis zu Israel eingeräumt. Dabei stellt die Kommission eine Verbindung zwischen der Lösung der Probleme im Irak und dem palästinensisch-israelischen und syrisch-israelischen Konflikt her. Man hat den Ehrgeiz, die gesamte Region umfassend zu befrieden, was – wie bereits oben erwähnt – ausdrücklich zur Wahrnehmung der Berücksichtigung der Interessen Syriens und des Iran führt.

Auf Seite 39 wird die Wichtigkeit der Lösung der gesamten Nahostproblematik herausgestellt. Der einfache Satz There is no military solution to this conflict. widerspricht ausdrücklich der im Sommer von der israelischen Regierung praktizierten Doktrin. Die Kommission konstatiert, dass der überwiegende Anteil der israelischen Bevölkerung "kriegsmüde" sei. Die dann erforderlichen Schritte werden dargelegt. Sie sind allesamt nichts Neues – wohl sind sie im Kontext eines Beratungsgremiums des US-Präsidenten ziemlicher Sprengstoff.

Der Neokonservatismus ist (vorerst) tot; Fukuyama et. al sind obsolet geworden. Auch wenn die Adepten an ihrer Theorie eisern festhalten und lediglich die Ausführung als gescheitert betrachten – die USA dürften vorerst nicht mehr dieser Ideologie anheim fallen.

Völlig offen ist allerdings, ob Bush den Empfehlungen überhaupt zustimmen und seine Politik danach ausrichten wird. Sicherlich werden einige kleine Korrekturen in der aktuellen Irak- bzw. Nahostpolitik vorgenommen werden (Herr Steinmeier durfte immerhin schon mal nach Syrien reisen). Was nicht unterschätzt werden darf, ist jedoch, dass James Baker (der ehemalige Aussenminister) ein Freund des Vaters Bush ist. Wenn nur ein bisschen an der kolportierten Rivalitätsthese zwischen Vater und Sohn Bush stimmt, so wird er in entscheidenden Punkten erst einmal nicht nachgeben und die Einschätzung anderer Expertenkommissionen abwarten.

Etliche Vorschläge der Baker-Kommission sind vernünftig und bieten Ansätze zu Lösungen. Die Jubelrufe sind jedoch zu früh. Bush wird versuchen, sich bis zur nächsten Präsidentenwahl durchzumogeln und seinem potentiellen Nachfolger eine Rückzugsperspektive aus dem Irak mit in den Wahlkampf zu geben. Der israelisch/palästinensische Konflikt hat bei weitem nicht diese Durchdringung in der amerikanischen Gesellschaft wie die Besatzung des Irak.
michael roloff (anonym) - 2006-12-08 13:37

iraq study group report

my guess is that we will have a constitutional crisis fairly soon, with the so-called realist republicans teaming up with the democrats to impeach the president and especially the vice president if the continue to endanger the united states. grounds are so ample for quick impeachment, the question then becomes one of a caretaker government until the next election. cheney and cohorts may try to obviate this eventuality by allowing israel to attack iran and syria. anhow, interesting days ahead.

bigberta - 2006-12-11 11:58

Is there an essential split

in the US-society?
I agree with you that the days are becoming interesting. I think that the consciousness that Bush and his folks endanger the US is not there, or not enough. One German Neocon-blog spreading the wordview of whatsoever spoke already of the Germans: it's all their fault because they didn't participate in this war.
blackconti - 2006-12-08 23:34

Jetzt nur mal so, völlig aus dem Bauch heraus, meine Vorstellung, wie’s kommen wird.
Die USA ziehen sich, bis auf die zur Sicherung der Ölanlagen und Pipelines notwendigen Kräfte, aus dem Irak zurück. Sollen die Irakies doch sehen, wie sie mit dem Chaos fertig werden. Ist ja schließlich deren Land. Alle „amerikanischen Freunde“ werden ziemlich massiv zur finanziellen Unterstützung des Wiederaufbaus verpflichtet, wobei die Aufträge natürlich zuvorderst an Firmen aus der Allianz der Willigen vergeben werden.
Das Öl des Irak ist unter amerikanischer Kontrolle. Darauf kam’s einzig und allein an und es ist völlig belanglos, was die Baker-Commision empfiehlt. Wetten....?

Gregor Keuschnig - 2006-12-09 14:26

Vieles spricht dafür...

dass Ihr Szenario so oder ähnlich eintreten wird.

Ich möchte aber ein bisschen widersprechen, wenn es um das Ziel des Irakkrieges geht. Ich glaube nämlich nicht, dass es nur um die Sicherung der Ölquellen ging. Diese Monokausalität ist m. E. nicht gegeben. Ich glaube schon, dass der Missionierungsdrang der neokonservativen Hardliner ein sehr wichtiger Faktor war: Die haben das geglaubt, was sie sagten (ausser vielleicht die Verstrickung Saddam Husseins in den Terrorismus). Und ein anderer Aspekt, der nicht zu vernachlässigen ist: Bush jr. wollte es seinem Vater zeigen und beweisen, dass er es besser kann. (Letzteres ist natürlich ziemlich spekulativ und sehr psychoanalytisch gedacht.)
blackconti - 2006-12-10 08:23

Ich hoffe, Sie haben mit den von Ihnen aufgeführten weiteren Kriegsgründen NICHT recht, denn dann wäre alles ja noch schlimmer, weil bar jeder Rationalität.
Die Weltmacht Nr.1- geführt von Psychopathen. Das ist nun wirklich eine erschreckende Vorstellung.
Gregor Keuschnig - 2006-12-11 08:44

Neokonservatismus

Der Neokonservatismus ist eine politische Denkrichtung, die seit mehreren Jahrzehnten in den USA existiert. Wichtig ist, dass sie tatsächlich keine homogene, stringente Denkrichtung darstellt, sondern bestimmte Prinzipien vertritt und Ziele verfolgt - dies jedoch durchaus mit unterschiedlichen Lösungsansätzen. In meiner Fukuyama-Besprechung habe ich die Grundprinzipien genannt:

- Die Überzeugung, dass der innenpolitische Charakter eines Regimes sich auch auf dessen Aussenpolitik auswirkt und dass sich in der Aussenpolitik die tiefsten liberalen Werte demokratischer Gesellschaften ausdrücken müssen. Die Auffassung, dass der Charakter eines Regimes auch dessen Aussenpolitik bestimme, wurde von den Neokonservativen konsequenter vertreten als die alternative realistische Auffassung, dass alle Staaten ungeachtet ihrer Regierungsform gleichermassen nach Macht streben. [...]

- Die Überzeugung, dass die amerikanische Macht zu moralischen Zwecken eingesetzt wurde und werden sollte und dass die Vereinigten Staaten sich auch weiterhin in internationalen Angelegenheiten engagieren müssen. [...]

- Ein Misstrauen gegenüber Projekten einer Sozialtechnologie in grossem Massstab. [...]

- Schliesslich eine skeptische Haltung gegenüber der Legitimität und Effektivität des Völkerrechts und internationaler Institutionen zur Verwirklichung von Sicherheit oder Gerechtigkeit. [...]


Das sind natürlich hegemoniale Ansprüche, die da formuliert werden - keine Frage. Aber es gab (und gibt wohl) auch unter den Demokraten in den USA Anhänger dieser Thesen.

Interessant ist, dass Bush sich am Beginn seiner Amtszeit eher den Vorwurf eines Isolationismus gefallen lassen musste - die USA hielt sich aus allen Konflikten weitgehend heraus. Der 11. September hat dann alles geändert.

PS: Blöd, sich selbst zu zitieren. Sorry.
bigberta - 2006-12-11 12:06

Ich denke auch, daß es nicht nur rein ökonomische Interessen sind,

die die USA im Irak festhalten, sondern - neben dem missionarischen Eifer - auch die Furcht vor der Aktualisierung des Vietnam-Traumas und des Eingeständnisses, daß das der komplett falsche Weg war. Dazu passt auch, dass die ganz Rechte - wenn ich politicallyincorrect richtig verstehe und das tue ich bestimmt - schon an der Dolchstosslegende strickt: die Deutschen waren es, weil die sich nicht beteiligt haben, was m.E. ja auch Frau Rice mit der Forderung, die Deutschen mögen sich stärker als bisher beteiligen transportiert.
- Schliesslich eine skeptische Haltung gegenüber der Legitimität und Effektivität des Völkerrechts und internationaler Institutionen zur Verwirklichung von Sicherheit oder Gerechtigkeit. [...]

Dazu gehört m.E. auch das stetige Desavouieren und Destabilisieren der UN, siehe Herr Bolton.
Gregor Keuschnig - 2006-12-11 12:20

@bigberta

Die Skepsis der UN gegenüber ist ein zentraler Punkt neokonservativen Denkens. Selbst Fukuyama huldigt ihr immer noch. Die Logik ist natürlich frappierend: Warum soll eine unumstrittene Weltmacht wie die USA sich irgendwelchen völkerrechtlichen "Diktaten" ausliefern? Das haben sie nicht nötig.

Fukuyama et. al. setzen voll auf multi- bzw. bilaterale Abkommen - eine Art Bismarckscher Verbündetenpolitik soll wiederauferstehen. Leider sind sie in ihrer Ablehnung der UN und deren Gremien nicht konsequent: Sie bleiben natürlich um Weltsicherheitsrat und benutzen ihr Veto immer dann, wenn es ihnen passt. Die USA benutzen seit 2001 die UN nur destruktiv.

Jetzt, wo der Karren im Dreck steht, entsinnt man sich "Old-Europe". Aber Europa ist personell gar nicht in der Lage, im Irak signifikant einzugreifen. Selbst die Briten und Amerikaner können es nicht wirklich. Sie hätten eine viel höhere personelle Präsenz zeigen müssen - von Anfang an.

Interessant ist, dass der irakische Ministerpräsident die Vorschläge der Baker-Kommission auch abgelehnt hat; wie es in Agenturmeldungen heisst, sogar vollständig. Im Ergebnis sind sich Bush und die irakische Polit"elite" also einig: Es wird nichts gravierendes geändert; die USA bereiten sich auf einen geordneten Rückzug vor, der so arrangiert werden muss,. das man das Gesicht wahrt.
michael roloff (anonym) - 2006-12-11 16:04

ein guter link zu der impeachment debatte..

http://www.beggarscanbechoosers.com/2006/12/newspapers-that-once-called-upon.html

Newspapers That Once Called Upon Clinton To Resign Are Silent On Bush

http://www.editorandpublisher.com/eandp/news/article_display.jsp?vnu_content_id=1003495325
und hier ein link zu einer kritik dersiraq study group reports... wenn man so was ueberhaupt ernst nimmt... reinstes amerikanisches theater..

und hier, ueberhaupt die besten analyzen schon seit jahren

http://www.tomdispatch.com/index.mhtml?pid=145043

Gregor Keuschnig - 2006-12-11 16:10

Naja, was Impeachment ist...

weiss ich natürlich. Aber das Bush in den nächsten zwei Jahren "impeacht" werden könnte, ist doch relativ unwahrscheinlich. Wer macht den Ankläger? Wie es im verlinkten Artikel schon heisst: Not one major newspaper has called for Bush to resign.

Und: Sehen Sie irgendjemanden, der Bush gegen Cheney austauschen will? Eine Wahl zwischen Pest und Cholera...
michael roloff (anonym) - 2006-12-11 16:09

hier noch ein liink zu david corn, washington korrespondent der "the nation"

http://www.davidcorn.com/

corn findet es politisch impraktable fuer die deomokraten sich mit impeachment zu befassen...

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PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS

HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

Kommentare hier...

Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 21:08
Hatte mir gestern Abend...
Hatte mir gestern Abend die erste Lesung angesehen,...
en-passant (anonym) - 2008-07-04 18:16
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 17:49
Es gab vor sehr langer...
Es gab vor sehr langer Zeit einmal ein Fernsehspiel,...
Gregor Keuschnig - 2008-07-04 17:38
Was dran ist...
Das Wort "Reform" an sich ist neutral, hat aber mittlerweile...
Metepsilonema - 2008-07-02 11:47
Was ist dran an "Demokratieverdrossenheit" ?
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) hat die...
Gregor Keuschnig - 2008-06-30 19:56
"Toll" ist der richtige...
Ich weiß nicht was man sich dabei gedacht hat,...
Metepsilonema - 2008-06-30 09:06
Ich meinte folgendes
Demokratie funktioniert meines Erachtens nicht, wenn...
Metepsilonema - 2008-06-30 00:25
Es wurde alles gesagt,
etwas Neues kann ich eigentlich gar nicht hinzufügen....
La Tortuga - 2008-06-29 21:47
"immer weitere Entzauberung"
Ja, das trifft es. Ich frage mich: Ist es nun eine...
Gregor Keuschnig - 2008-06-29 17:50

...anderswo

Sorry, aber ich teile
tinius' Feststellung. ich habe auch seit etwas mehr...
help - 2008-07-04 21:46
Das erinnert mich...
an einen zwar trivialen, aber irgendwie treffenden...
begleitschreiben - 2008-07-04 21:08
Noch ein kurzer Nachklapp
Ich stelle mir manchmal den jungen Franz Kafka da vor....
begleitschreiben - 2008-07-04 17:49
Es gab vor sehr langer...
Es gab vor sehr langer Zeit einmal ein Fernsehspiel,...
begleitschreiben - 2008-07-04 17:38
Der Artikel ist in einem...
Der Artikel ist in einem bestimmten Jargon geschrieben....
KwakuAnanse - 2008-07-03 08:55

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