Wie der Fuchs die Hühner schützen möchte

Das drohende Weihnachtsgeschäft wird uns wieder ein Gewitter geschmackloser Werbung bringen. In der Spitzengruppe der versuchten Massenverblödung rangierte in den letzten Jahren die "Media-Saturn-Holding" – genauer: "Media-Markt". Nur wenige glauben, der Werbespruch "Ich bin doch nicht blöd" beziehe sich auf den Media-Markt-Verweigerer, sei also quasi eine Selbstironie.

Zum neuen Weihnachtsgeschäft hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Joachim Steinhöfel, seines Zeichens Rechtsanwalt, überzieht insbesondere Online-Elektroanbieter mit Abmahnungen, wie in diesem Artikel in der FASZ nachzulesen ist.

Unter dem Deckmäntelchen des Verbraucherschutzes werden so Wettbewerber mit einstweiligen Verfügungen u. U. wirtschaftlich ruiniert.

Immerhin wird die Aktion durch das gängige Recht gedeckt. Ein gutes Beispiel, wie überregulierende Gesetze – seien sie auch noch so gut gemeint – Schaden anrichten können.

So bleibt eigentlich nur eine Wahl: Man meidet konsequent diese Märkte (die übrigens oft genug gar nicht so preiswert sind, wie dies angepriesen wird) und kauft stattdessen beim Elektrohändler um die Ecke. Der bietet übrigens in der Regel auch noch Service. Damit wenigstens dieser Spruch stimmt: "Ich bin doch nicht blöd".

Das entsprechende Googlen des Herrn Steinhöfel spült den Suchenden sehr schnell auf seine Webseite. Dort ist u. a. ein sehr interessantes Urteil verlinkt, welches einen Rechtsstreit zwischen ihm und dem Verein "Freedom for Links e. V." dokumentiert.
blackconti - 2006-11-06 22:18

Media-Markt – die sind mir zu blöd!

Dieser Rechtsanwalt Steinhöfel ist für sein ausgeprägtes Rechtsempfinden seit langem einschlägig bekannt.
Man braucht nur sein martialisches Konterfei auf seiner Web-Site zu betrachten, um eine Vorstellung zu bekommen, wes Geistes Kind dieser Vorzeigejurist ist.
Vor Jahren ließ er es sich nicht nehmen, das Media-Markt-Werbegeplärre persönlich in die Wohnzimmer zu schreien. Aufgrund seines so betont zur Schau gestellten Machogehabes kann man aber ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Natur Herrn Steinhöfel nur mit einem sehr, sehr kleinen Zipfel bedacht hat. Und das stimmt einen doch gleich wieder fröhlich.

Gregor Keuschnig - 2006-11-07 07:57

Ein ergänzendes Dokument...

zur "Praxis" dieses Herren findet sich hier.

Man muss allerdings sagen, dass das Abmahnen inzwischen zu einer Art Volkssport geworden ist. Ein Freund eines Arbeitskollegen von mir hat einen kleinen Onlineshop und seine AGB dort eingestellt. Irgendwann bekam er Post von einem Verbraucherschutzverein, der zwei, drei kleine "Verstösse" in seinen AGB monierte. Die Rechnung des Anwalts war gleich mit dabei (immerhin ca. 400 Euro). Wenn es dem Verbraucherverein tatsächlich um die Sache gegangen wäre, dann hätte man ihn m. E. auch erst einmal anschreiben können. Es handelte sich übrigens um Lächerlichkeiten.
el combatante (Gast) - 2006-11-08 11:24

Schnuffig, die Generation Geizgeilsaubillig

Ja, wir leben schon in lustigen Zeiten. Zwischen saubillig und geizgeil machen sich Promis auf dem Eis lächerlich; andere zucken mit ihren Brustmuskeln im Takt und werden Heroen für eine Woche. Was will man eigentlich noch mehr von einer postheroischen Gesellschaft verlangen?

Ein Freund von mir hat jüngst seinen Fernseher abgeschafft. Er sagt, seitdem sehe er die Welt wieder mit anderen, mit weniger verklebten Augen und spreche sogar wieder mit Jugendlichen aus dem Prekariat. Wow. (Übrigens auch ein Boykotteur von Media M. und Co., um hier mal wieder den Bezug zu bekommen).

Gregor Keuschnig - 2006-11-08 13:37

Ich gestehe...

diese Konsequenz, nämlich den Fernseher abzuschaffen, bringe ich (noch) nicht auf. Etliches interessiert mich eben doch. Noch gibt es einige Rosinen, die man herauspicken kann - ich gebe aber zu, es werden über das Jahr betrachtet weniger.

Mit Jugendlichen aus dem Prekariat würde man gelegentlich tatsächlich gerne sprechen, wenn sie nicht fast immer ihre MP3-Geräte in den Ohren hätten (im Bus; in der U-Bahn). Man müsste sie schon anbrüllen.

Danke für den ersten Kommentar und willkommen!
Cleos - 2006-11-08 16:30

Den Fernseher abzuschaffen,

würde bedeuten, eine Sucht weniger.Würde aber auch bedeuten, weniger informiert zu sein.Würde mich das stören? Darüber denke ich jetzt nach.
Mir fiel mit dem Lesen der Eventual- Konsequenz ein, es wäre auch immer eine gute Idee, den Pc nicht hochzufahren.
Wenn man das allerdings so wie ich beruflich jeden Tag machen muß, gestaltet es sich schwierig.Aber irgendwie belüge ich mich da ein wenig selbst....
Danke für den Gedanken(der so alt nicht ist, den man aber gerne beiseite schiebt).
lg Cleos
Gregor Keuschnig - 2006-11-09 08:09

Nicht alles,

was man aus Neigung macht, ist deswegen gleich "Sucht". Und ob man tatsächlich weniger informiert ist, wage ich zu bezweifeln bzw. gilt nur für ausgesuchte Sachen.

Unabhängig davon glaube ich, dass der Entschluss, sich von seinem Fernsehgerät zu trennen, irgendwann gar nicht mehr schwerfallen wird. Die Trivialisierung ist gerade bei den öffentlich-rechtlichen Medien in den letzten Jahren stark vorangeschritten. Vermutlich wird sich Fernsehen in den nächsten Jahren auch verändern. Zunächst technisch - und damit einhergehend vermutlich auch von der Rezeption her. Starre Programme wird es nicht mehr geben - der Zuschauer greift auf (kostenpflichtige) Archive der Anstalten zurück und lädt sich das Gewünschte herunter. Seriöse Nachrichten und Hintergründe werden somit teuer bezahlt werden müssen, da sie - nach den Gesetzen des Marktes - wenig nachgefragt werden.

Lesen alleine ist ja leider auch kein Selbstzweck.
Cleos - 2006-11-09 09:57

Das trifft hundertpro zu

liebes Begleitschreiben-nicht alles ist Sucht.Es ist idividuelll beim einen Sucht und beim andern keine. Bei mir ist es eine gewisse Sucht, die Sucht alles wissen zu wollen(was ja eh nicht geht) und damit zu kontrollieren.Es gibt ganz klare Scores in der Medizin was die Sucht betrifft und nach denen teilt man ein.(ich habs nicht erfunden, aber es ist eine Regel, eine Übereinkunft,z.b. ist im ICD "Sucht" ganz klar definiert).

Aber zum Thema Fernsehen ist dies ein interessanter Ansatz was Sie schreiben und ich mkir vorstelle:
Eine Art modernes Pay-TV, aber man kann wählen preislich zwischen den Qualitäten.
Das hieße dann, rein spekulativ, der mit der dickeren Geldbörse
könnte qualitativ besser informiert werden.
Quantität gegen Qualität.
Ein (Volkssender) für alle?(kostenfrei)

Auch Schreiben ist nicht immer Selbstzweck.Es ist bei Ihnen manchmal geradezu eine Herausforderung...
Lg Cleos
Gregor Keuschnig - 2006-11-10 07:56

Bloss nicht:

Ein (Volkssender) für alle?(kostenfrei)
"Kostenfrei" gibt es übrigens nicht. Ich finde das System der öffentlich-rechtlichen Anstalten in D (ich glaube, der ORF ist auch ähnlich strukturiert?) nicht schlecht. Es hat nur den Nachteil, dass es in letzten Jahrzehnten sukzessive von Parteien und Interessengruppen (aller Art - nicht nur ökonomischer) usurpiert wurde.

Mit den Gebührenzahlungen bekommen die Sender allerdings irgendwann Legitimationsprobleme: Weil alle zahlen müssen, fühlen sie sich genötigt, dem Massengeschmack nachzugeben, d. h. den privaten Fernsehanstalten nachzueifern. Das geht zu Lasten des Niveaus. Es gibt zwar noch Rosinen, aber diese sind teilweise recht gut im Kuchen versteckt, so dass man mindestens ein Aufnahmegerät braucht, um aufschlussreiches, was um 00.25 Uhr beginnt, irgendwann sehen zu können. Der Rest ist Selbstdisziplin des Zuschauers: Schaut er sich das aufgenommene auch wirklich an oder wird es irgendwann einfach überspielt?
Cleos - 2006-11-10 14:20

Einige Moderatoren,

meist männlich, schnucklig anzusehen wanderten aus den Privatsendern ja schon zu den öffentlich Rechtlichen ab.
Das ist sicher wegweisend und man kann der Vermutung nachgehen, ob man diese Schnuckelchen als Eyecatcher geholt hat , damit die ehemals Privatsenderfans nun Öffentlichrechtlichfans werden.

Ich habe gar kein Aufnahmegerät und ich würde es mir auch nicht ansehen,da haben Sie vollkommen recht und auch damit dass die guten Sendungen meist am Abend kommen wo ich längst penne.

Rosinen kommen oft auf 3Sat und im WDR(für mich zumindest)-
auch zu christlichen Zeiten.
steppenhund - 2006-11-16 20:11

@cleos

ich stimme ihnen ja in den meisten Dingen zu. Doch ein Fernseher bringt nicht einen Zugewinn an Information.
Ich kann das nur von der österreichischen Seite betrachten und man könnte meinen, dass bestimmte Beiträge sehr informativ sind. Doch die politische Subjektivierung macht in Wirklichkeit die Information unbrauchbar und befriedigt nur die Impulsgeilheit.
Im Internet hat man heute zB viel besser Gelegenheit, kontroversielle Ansichten zu ein und demselben Thema zu sammeln. Daraus lässt sich eher ein Informationsgehalt erkennen.
Ich war früher oft im Ausland. Wenn ich dann zB die Washington Post oder die Hongkong Times oder Blätter in Singapore und Japan angesehen habe, war ich immer aufs Neue erstaunt, welche Themen gleich behandelt werden und wo streckenweise ganz andere Schwerpunkte (meistens die lokalen) gesetzt werden.
Ich formuliere es provokant einmal so. Eine typische Tageszeitung kann ich in wenigen Minuten untersuchen, ob etwas lesenswertes drinnen ist. Ich brauche mich nicht dem Zeitrahmen des Films unterwerfen.
Müßig zu erzählen, dass ich mir nur einmal vor 25 Jahren einen Fernseher gekauft habe. Alle anderen waren ererbt, nachdem sie schon 10 Jahre alt waren. Zuhause habe ich nur ORF1 und ORF2 und einen slowakischen Sender, den ich mir manchmal wegen der Sprachkulisse aufdrehe.
Wenn schon Fernsehen dann Raumschiff Enterprise oder Stargate. Da ist die Welt noch in Ordnung. Oder ganz alte Filme, wo sie die besten zwischen 1 und 4 Uhr früh spielen;)

Nachtrag:
Vor Jahren wurden wir in einem Workshop darauf aufmerksam gemacht, wie wenig man sich von einer Nachrichtensendung merkt. einfach einmal Radio oder Fernsehen Nachrichten hören. Dann 5 Minuten nach der Sendung nachzählen, an wieviele einzelne Themen man sich noch erinnern kann. Der Durchschnitt ist 3.

Cleos - 2006-11-16 22:01

Ich schau selten

Fernsehen,lieber Steppenhund.
Wenn dann nur WDR oder 3Sat.(s.o)Das befriedigt meine Impulsgeilheit..........in jeder Beziehung:-)

Ich mag am liebsten Bauerntragödien mit guten Schauspielern die in Östereich oder Bayern spielen- wenn die denn mal kommen.
Ja, und alte Filme............huch,ja die liebe ich auch.

Meine Eltern haben kein Netz, die schauen eben regelmäßig Fern.
Für sie als Kriegsgeneration ist das Luxus und Technik pur.
steppenhund (Gast) - 2006-11-16 23:33

WDR

wegen WDR habe ich jetzt vor kurzem Links auf meinem Blog eingeführt. SAT3 kann ich gut verstehen;) Eigentlich fehlt mir noch BR alpha auf der Liste:)
Gregor Keuschnig - 2006-11-17 08:03

@steppenhund - Internet vs. Fernsehen

Im Internet hat man heute zB viel besser Gelegenheit, kontroversielle Ansichten zu ein und demselben Thema zu sammeln. Daraus lässt sich eher ein Informationsgehalt erkennen.
Wenn Ihre These stimmt (wofür einiges spricht), so bedeutet das ja letztlich nichts anderes, als dass derjenige, der sich möglichst umfassend und hintergrundreich informieren möchte, seine Recherchen im Prinzip selber vornehmen muss. Das erinnert mich jetzt an meinen Beitrag "Kunde in Deutschland", der auf einen ZEIT-Artikel verlinkte, in dem ausgesagt wird, dass der Handel schleichend dazu übergeht, seinen Kunden immer mehr selbst machen zu lassen (bspw. das Abwiegen von Gemüse im Supermarkt; das EInchecken beim Flug, usw).

War denn das Gefühl, dass bspw. vor 20 Jahren eine grössere Pluralität im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen zu beobachten war, ein Trugschluss? Ich glaube das nämlich nicht. Selbst in den (zumindest in Deutschland) stets durch Lobbygruppen (Parteien; Kirchen) bestimmten ö-r Medien gab es früher eine grössere Bereitschaft, auch quergebürsteten Journalisten eine Sendung zu geben. Das geschieht heute kaum bzw. erst um 00.30 Uhr.
steppenhund - 2006-11-17 11:07

Ich kann das natürlich nur aus österreichischer Sicht beurteilen und da auch noch mangelhaft, weil ich eben wenig fernsehe. Aber schon Karl Kraus hat sich über mangelnde Professionalität seiner Journalistenkollegen beklagt.
Ich möchte nicht einen Berufsstand kollektiv verurteilen, doch scheint es mir auch so, dass engagierte Journalisten ohne richtiges Parteibuch es immer schwieriger haben, öffentlichen Auftritt zu erreichen. Dabei ist es mir jetzt völlig egal, ob das Medium rot oder schwarz ist. Jede Färbung hätte bei einer Organisation mit staatlicher Zwangsbeglückung nichts verloren.
Doch wir leben in einer realen, sprich politischen Welt;)

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