Cleos - 2006-10-09 17:29

Lieber Einzelgänger,

lieber blogbesitzer!
Ich habe Ihren Beitrag mehrmals gelesen und habe mir gewünscht, dass auch andere das tun-auch die ,die Sie hier dem fließenden Journalismus zuordnen...
Ich habe selbst keinen blog und ich werde auch keinen haben.Aber nicht weil im Umkehrschluß ich jetzt KEIN Einzelgänger oder a priori NICHT parteiisch wäre.Mitnichten!
Ich habe mir überlegt, was ich jetzt antworten könnte, was nicht wie Schulterklopfen aussähe.Es fiel mir nur das NICHT-Schreiben ein.
Ja, das hätte ich so halten können.
Aber als ich über die Begrifflichkeit BLOGWAR stolperte, mußte ich Ihnen einfach auf die Schulter klopfen.Denn blogwars are anywhere ,und zwar genau dort, wo man ach so pazifistisch und
GUTMENSCHIG ist oder sein möge.Schluchz.
Auch das Wort FAIRNESS sprang in mein geschultes Leserauge.
Wo gibt es noch diese Attributierung in der Welt der freien Meinungsbildung, wo es eher um Quoten und Eitelkeiten und ums Zündeln geht ,denn um "echten Journalismus"?
Klasse fand ich auch Ihre Beschreibung der Netzlinks und der
Mainstream-ratz-fatz-blogs.Ach ,das ging mir runter wie Öl...
Charakteristisch und zum Kranklachen die Episode aus dem Presseclub-göttergleich die Selbstdarstellung dieser Journalisten deren
Existenz in diesem Club allein dann schon zur Groteske mutiert.

Ja, warum Möller nicht in "Nensch" schreibt, tja da gäbe es einiges zu konfabulieren.Vielleicht hat er Angst, sowas wie "authentisch" sein zu müssen?Vielleicht hat er Sorge, dass genau DIES nicht gewollt wird von den sensationsgeilen Lesern? Irgendetwas schien ihn ja bisher davon abgehalten haben, wo er doch so genau die Welt der Blogger und Vielfach-blogbesitzer(zunächst mal der amerikanischen) beschreibt, die sich im Notfall dann selbst auf die Schulter klopfen können und sei es, um Trolls zu vertreiben.

Ich möchte Ihnen auch nur die Hand schütteln und Ihnen mitteilen, dies ist ein gelungenes Thema und kritisch durchleuchtet.
Der Autor selbst möchte ein feedback.
Ich fragte mich zunächst ,wieso sich der Autor mit den nicht-ausschließlich-marginalen amerikanischen blogs beschäftigt und nicht mit dem Vielfach-Dünnschiß der German-ratz-fatz-polemik-unreflektiert-phantasy-blogs?

Tja, vielleicht sollte ich mir das Buch kaufen und ich lese anschließend nie mehr in Ihrem blog?
Wer weiß.
Ich glaube eher nicht.
Aber den nächsten Presseclub schaue ich mir sicher wieder an, denn auch dort scheint es viel zum Lachen zu geben.

Ich wünsche dem Autor weiterhin visionäre Kraft, vielleicht
färbt es ja auf mich ab...irgendwann....irgendwo.
lgC.

Gregor Keuschnig - 2006-10-10 08:26

"Nicht-Schreiben"...

ist meistens noch schlechter als "Schulterklopfen". Also erst einmal Dank für den Kommentar.

Es ist natürlich klar, dass die Zuordnung "Einzelgänger" im Einzelfall falsch und ungerecht ist. Und wer im Glashaus sitzt (wie in diesem Moment ich), sollte vielleicht nicht mit dicken Brocken werfen.

Zum Buch: Möller ist sicherlich eine Koryphäe, was die Weiterentwicklung von "Wikis" angeht; ich habe in meinem Aufsatz unterschlagen, dass er im letzten Kapitel, als es darum geht, einiges zu bieten hat. So u. a. auch eine Art "Wiki-News", in der jeder ein "schlafender" Reporter ist, sozusagen ein Korrespondent seiner Umgebung und bei Bedarf eben über das berichtet, was er bei sich aufregendes vorfindet. Wenn ich böse wäre, hätte ich dies mit dem "Konzept" der "BILD"-Zeitung in Verbindung bringen können, die jedem, dem es gelang, einen Promi im Urlaub zu fotografieren, 500 Euro Prämie versprach und den Leuten einen "Journalistenausweis" verpasste. Das habe ich aber nicht gemacht.

Meine miesmacherische Attitüde der "Medienrevolution" gegenüber ist einfach eine über die Jahrzehnte gewachsene Skepsis: Man höre und schaue sich "interaktive" Programme an oder lese sich die Foren diverser Tages- oder Wochenzeitungen durch. Es ist (fast) immer das gleiche Elend. Ich erinnere mich an das Bednarz-"Monitor" der 80er/Anfang 90er Jahre: bissig, bösartig, parteiisch (meistens allerdings auch gut; auch wenn es oftmals des Guten ein bisschen viel war). Nach der Sendung gab es im Dritten eine Anrufsendung. Die Zuschauer konnten die jeweiligen Redakteure zu ihren Filmen befragen. Die Reaktionen kann man grob zusammenfassen: 60% Lob ("Schulterklopfen") - 35% wüste Beschimpfungen - 5% sachliche Auseinandersetzung mit dem Beitrag. Bei einer Sendung von 45 Minuten Dauer waren das rund 2 Minuten = 1 Anruf (von vielleicht 10 [die Beschimpfer verbrauchten die meiste Zeit]). Um diesen einen Anruf mitzubekommen, musste man neunmal ellenlangen Unsinn über sich ergehen lassen. Irgendwann habe ich es gelassen; die "Nachgefragt"-Sendung gibt es übrigens inzwischen nicht mehr.

Einerseits bewundere ich Menschen, die in einer Art Bürgerjournalismus oder ghar mehr partizipativer Demokratie Fortschritte für unser Gemeinwesen wittern. Ich sehe das nicht - die Gründe sind vielfältig, und wären einen eigenen Beitrag wert. Andererseits ängstigt mich fast die Idee der umfassenden Plapperei von jedem über alles - wohlwissend, dass ich das auf diesem, meinem Blog auch betreibe. Ein Teufelskreis.

Zum Unterschied Weblog/Forum: Ich kann einen Weblog abschotten gegenüber anderen, mir missliebigen Meinungen. Meistens brauche ich das gar nicht; wenn mich nicht Trolle belästigen, werden diejenigen, die mein Geschreibsel für unangemessen und unsinnig halten, es erst gar nicht lesen. Der grosse Vorzug eines Forums ist, dass dort unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen und - im Idealfall - ausdiskutiert werden. Ein Nensch-Teilnehmer hat die für mich griffigste Formulierung gebraucht: Er will etwas lernen. Dieses Lernen kann auf unterschiedlichster Ebene ablaufen: Man kann rhetorische Kniffe lernen; man kann im Belegen seiner Argumentation neue Aspekte kennenlernen; man kann im Widerlegen der Argumentation des anderen neue Aspekte kennenlernen; man kann - im Idealfall - bessere soziale Umgangsformen entwickeln (bei mir war das offensichtlich zwecklos), usw.

Das hat auf Nensch eine Weile ganz gut funktioniert - irgendwann nicht mehr. Die Gründe stehen aufeinem anderen Blatt und werfen eigentlich ein erschreckendes Bild auf die Teilnehmer (wie gesagt, ich sitze/sass mittendrin; es trifft mich also sehr wohl auch). Wenn nämlich K5 einerseits "funktioniert", Nensch aber nicht, so kann das nicht an der Software liegen, sondern an den Usern (und deren Mentalitäten). Aber das wäre eine lange Geschichte.

Dass Möller auf Nensch nicht schreibt, ist nicht so schlimm - aber er erwähnt es erst gar nicht. Er erwähnt auch nicht einmal "Giga". Wie man auch zu "Giga" stehen mag - es ist ein relativ wichtiges deutschsprachiges Online-Forum. Sein ewiger Rekurs auf die US-amerikanische Szene mutet für den deutschen Leser merkwürdig an. Man kann das als Provinzialismus auslegen - mal sehen, ob/wie sich der Autor äussert.

Im Zweifelsfall darf ich Sie bitten, sowohl sein Buch als auch meinen Blog weiterzulesen; ich muss um jeden Leser kämpfen! Und der Presseclub ist eigentlich eine ganz nette Sendung. Man kann da ab und zu wirklich was lernen. Es kommt natürlich auf die Gäste an. Wie fast immer.

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