Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution

Erik Moeller - Die heimliche MedienrevolutionDer Untertitel macht neugierig: Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. Wenn man die Entwicklung der letzten zehn Jahre Revue passieren lässt und gleichzeitig die Zukunftsprognosen diverser Meinungsmacher in den Massenmedien verfolgt, so scheinen wir ja tatsächlich erst am Anfang einer brave new world zu stehen. Der Rückschlag 1999/2000, der die ökonomische Seifenblase der New Economy recht unsanft zum Platzen brachte, spielt bei den Prognosen und Heilsversprechen merkwürdigerweise keine Rolle mehr.

Erik Möllers Konzept einer demokratischeren Gesellschaft basiert auf den Gedanken der "freien Software". Proprietäre Softwaresysteme, also von Privatfirmen zu kommerziellen Zwecken entwickelte und geheimgehaltene Systeme werden als autoritär, innovationsfeindlich und schlecht bezeichnet. "Hauptfeind" ist dabei natürlich Microsoft. Möllers Tenor: Freie Software (also beispielsweise Linux), die von jedermann weiterentwickelt und optimiert werden können sind wesentlich innovativer, flexibler und durch die nicht-kommerzielle Orientierung auch dynamischer als die statischen Versionen von Microsoft et al. Sie tragen viel schneller und besser zu einer dynamischen Vernetzung des Internets bei, die dafür sorgt, dass dort tatsächlich ein interaktives und nicht ein blosses Konsummedium entsteht.

Möllers moralischer Impetus geht weit. Gleich auf der zweiten Seite im Vorwort insinuiert er, Massaker wie in Ruanda oder Ex-Jugoslawien seien durch freie, weltweite Vernetzung in Zukunft vermeidbar. Jedem, der vielleicht leise Zweifel hegt, begegnet er mit der (gewagten) Konklusio Nein, diese Welt hat aus Auschwitz nichts gelernt.

Die heimliche Medienrevolution gliedert sich in vier Teile: Zunächst gibt es einen Abriss über die Entstehung von Schrift und Kommunikation von den ersten Anfängen bis zum heutigen Internetzeitalter. Möller entwickelt hier recht anschaulich, dass die Kenntnis von Schrift und deren "Produktion" (ab dem 15. Jahrhundert im Buchdruck) auch immer die Machtfrage stellte – und beantwortete: Wer schreiben konnte und das Geschriebene verbreiten konnte, bestimmte, was gelesen wurde – und vor allem: was nicht. Einfach gesagt: Das Ungeschriebene existiert nicht (sicherlich einer der Gründe, dass Gesellschaften, die hauptsächlich eine orale Kommunikationskultur pflegen, bis zum heutigen Tage den Schriftkulturen gegenüber benachteiligt sind). Auch die Kapitel über die Pioniere des Internet und deren Ambitionen (sie sind heute immer noch weitgehend unerfüllt) sind aufschlussreich.

Im zweiten Teil widmet sich Möller ausführlich den gängigen, existierenden "Open Source"-Produkten und Projekten und gibt kurze historische Abrisse. Für jemanden wie mich, der von diesen Dingen keine Ahnung hat und ein blosser Benutzer ist (der soviel Komfort wie möglich erwartet), ist dies natürlich einerseits bemerkenswert, andererseits jedoch auch gelegentlich ermüdend - wenn es dann schon sehr ins Detail geht.

Was allerdings auch dort bereits stört (später noch mehr) ist die fast ideologische Konzentration auf das "Heilmittel" Open-Source und die Verteufelung der kommerziellen Systeme. Geld verdienen wird fast schon per se negativ konnotiert, was dann irgendwann merkwürdig anmutet. Doch dazu später mehr.

Im für mich mit Abstand interessantesten dritten Kapitel beschäftigt sich Möller mit der Blogosphäre. Er gibt einen kurzen historischen Abriss über das Entstehen von Weblogs und die ursprünglichen Intentionen. So waren Weblogs anfangs kurze Texte, die mit Links auf andere Texte im Internet hinwiesen; sozusagen Lesehilfen. Mit der Zeit mutierten sie dann zu entweder trivialen Befindlichkeitsergüssen, die nur für wenige andere Leute bestimmt waren oder zu tagebuchähnlichen Journalen, in denen die Blogger die Innenwelt nach aussen kehrten und über alles mögliche "informierten" oder zu journalistischen Berichts-, Reportage- oder Rezensionsblogs. Auch auf das Thema der Internetforen geht Möller ein.

Im vierten Kapitel beschäftigt er sich ausführlich mit den sogenannten "Wikis", deren Geschichte, Möglichkeiten und brachliegendes Potential (das bekannteste Wiki: Wikipedia). Für Möller sind Weblogs und Wikis die Schlüssel für die von ihm propagierte Medienrevolution, in der jeder partizipativ an und mit der Welt kommuniziert und sie dadurch verändert. Überall gibt es Reporter, Analysten, Berichterstatter, Aufklärer – jeder hat etwas zu sagen und – das ist das wichtigste: Alles geschieht ohne "Zensur" (Möller hat manische Angst vor jeder Art von "Zensur", ohne übrigens genau zu definieren, was das ist) oder Einflussnahme durch Politik, Wirtschaft, Institutionen oder Redaktionen und im Idealfall sogar in Echtzeit. Die in den gängigen Nachrichtenmedien vorgenommenen Prioritäten, die etliche Neuigkeiten erst gar nicht einem grossen Publikum zur Verfügung stellen, umgeht er mit dieser Art von Graswurzeljournalismus. Jeder bestimmt selber, was er lesen oder hören möchte. Die Implementierung von Vertrauensnetzen und entsprechende Software filtert das zuverlässig heraus, was mich interessiert. Quellen, denen ich nicht vertraue, werde ich nicht mehr zu Gesicht bekommen (wenn ich das möchte).

Natürlich weiss ich, was er meint und natürlich unterstelle ich ihm auch, dass er nur Gutes möchte. In der Theorie erscheint diese Art von globaler, "freier" Informationsbeschaffung auch als ein schönes und hehres Ziel. Möller will, dass dieses Ziel mit kollaborativer, freier Software erreicht wird. Er befürchtet (sicherlich nicht ganz zu Unrecht), dass kommerzielle Systeme (1.) den freien Informationsfluss doch nicht immer gewährleisten werden (siehe Google in China) und (2.) die durch die Benutzung gewonnenen Daten über die User zu Werbezwecken eingesetzt und auch u. U. missbraucht werden (jeder Google-Mail-User weiss das: Schreibt er in seiner Mail über eine bestimmte Pflanze oder eine Reiseziel erscheinen beim Empfänger und bei einer evtl. Antwort Werbeeinblendungen, die sich in wundersamer Weise auf den Inhalt der Mail beziehen).

Das Heilmittel der freien Software soll es richten. Ausführlich beschreibt Möller im zweiten Kapitel Geschichte und Entwicklung. Als Idiot (wie ich einer bin) wirbeln einem die Begriffe nur so um die Ohren – "GNU", "GPL", "SUSE-Linux", "Debian", usw. Mehr als einmal klingt an: Die Weiterentwicklungen am frei zugänglichen Quellcode geschehen reichlich unkoordiniert; jeder bastelt in seinem Kämmerlein für sich und stellt irgendwann diese Entwicklung ins Programm. Hierfür gibt es dann Zwischenspeicher, weitere Testläufe, usw. Kurz: Das fruchtbare Chaos muss irgendwie redigiert und geordnet werden. Durch die vielen Programmierer werden etliche Arbeiten doppelt und dreifach ausgeführt – absurd, dass Möller in einem anderen Zusammenhang exakt diesen Vorwurf an die kommerziellen Produzenten erhebt, obwohl diese sicherlich systematisch auf etabliertes aufbauen, ja es aus betriebswirtschaftlichen Gründen schon müssen. Keine Rede bei Möller von der Verschwendung von Zeit und Geld. Um einigermassen die Übersicht zu behalten, müssen Programme und Foren errichtet werden; etliches wird mehrmals geschrieben und umgeschrieben, usw.

Möller gelingt es für mich nicht, das Chaos als in der Mehrzahl produktiv darzustellen. Von diesen Fehlentwicklungen, die auch zu einer übermässigen Bürokratie führen, um eine gewisse Hierarchie (natürlich auf basisdemokratischen Verfassungsgrundlagen) zu implementieren – all dies redet er klein.

Die entscheidende Frage bleibt übrigens auch unbeantwortet: Warum haben Linux bzw. ähnliche Betriebssysteme nicht längst Windows verdrängt? Möller zeigt hier die Vertragsstrukturen zwischen den Hardwareherstellern und Microsoft und deren Provisionierung auf. Das ist sicherlich einer der Gründe. Der andere Grund ist: Der Durchbruch der Open-Source-Produkte gelingt deshalb nicht, weil (1.) die Installation immer noch relativ kompliziert ist und (2.) die Standardisierung von Schreib- oder Tabellenkalkulationsprogrammen u. a. den eminenten Vorteil hat, dass die Kommunikation weltweit sofort möglich ist, d. h. ein "Word"-Dokument ist weltweit einheitlich und sofort zu bearbeiten. Ein Dokument in einem anderen Format ist für den Empfänger zunächst einmal nutzlos, da er erst einmal die entsprechende Software implementieren muss.

Beide Punkte unterschätzt Möller m. E. erheblich. Nicht jeder, der einen PC zu Hause hat, möchte unbedingt zwischen vier oder fünf verschiedenen Internetbrowsern wählen – die meisten der Vorteile des Browsers A oder B bemerkt er im täglichen Ablauf vermutlich nie. Es gibt Untersuchungen bei Mobilfunkteilnehmern, die teilweise nur zu 20% die Möglichkeiten ihres Gerätes ausnutzen. Wahlmöglichkeiten sind für den technisch engagierten "Freak" durchaus gewünscht – die Masse der User möchte "nur" ein funktionierendes System. Hierin liegt ein grosser Vorteil: Bei allen negativen Berichten von und über Microsoft-Produkte – letztlich "funktionieren" diese (fast) immer idiotensicher. Der oben erwähnte Drang zur Standardisierung der Dokumentenprogramme führt dazu, dass nahezu alle Unternehmen weltweit auf diese Programme zurückgreifen. Vielen ist ja sogar schon zu exotisch, ein PDF-Leseprogramm zusätzlich zu implementieren, um grosse Dokumentensammlungen aufzubereiten.

Da nutzen alle Ambitionen und (sicherlich exorbitanten) Verbesserungen nichts – wer sich ein Auto selber zusammenbastelt (und sei es kollaborativ) wird am Markt nicht reüssieren. Zumal dann, wenn sein Nachbar parallel dazu ein anderes Modell – mit einem anderen Motor – gebastelt hat. Nicht jeder möchte diesen Experimenten beiwohnen – beispielsweise als Beifahrer. Ein Automobil sollte mich von A nach B bringen und nicht dazu dienen, mich hauptsächlich mit dem Wagen selber, seinem Motor, seinem Getriebe, usw., zu beschäftigen. Der Trend zum "Do-It-Yourself" mag gerade noch im Handwerk verlockend sein (die meisten "Do-It-Yourself"-Freunde sind –das sieht man gelegentlich an ihren Werken– grosse Dilettanten). Irgendwann möchte man aber auch Bereiche haben, die einen gewissen Komfort bieten. Schliesslich beruht ja unsere Wirtschaft (die man natürlich kritisieren kann) u. a. auf dem Prinzip der Arbeitsteilung.

Und spätestens wenn von der "Spaltung" im Land der Endbenutzer zwischen zwei grossen Desktop-Lösungen KDE und GNOME denke ich amüsiert an die "Glaubenskriege" am Anfang der Videorekorder-Technik zwischen "VHS"-System, "BETAMAX" und "Video 2000" (letzteres das System, welches von "Grundig" implementiert wurde; letztlich wurde diese gewaltige Fehlspekulation einer der Sargnägel der bis dahin unabhängigen Firma). Erst als die Branche monopolistisch auf das VHS-System umstieg, gab es den Durchbruch beim Verkauf dieser Geräte (schöner Artikel zu "Formatkriegen" in der Wikipedia).

Keine Frage: Monopole sind schädlich. In vielerlei Hinsicht. Ein Wettbewerbsprodukt mit ähnlich komfortablen Tools wie die Microsoft-Programme wäre wünschenswert. Fraglich ist, ob es sich auch pekuniär lohnen würde. Wirtschaftsunternehmen, also theoretisch die Taktgeber für Innovationen, sind in solchen Fällen träge und stockkonservativ ("Never change a running system"). Eine (oder mehrere) Alternativen zu entwickeln, wäre nicht nur zu kostspielig (würde also ertragsmässig in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen), sondern auch kontraproduktiv: Die weltweite Kommunikation würde unter einer Zersplitterung in diverse Dateiformate leiden. Die zweifellos überhöhten Kosten, die man für die Monopolprodukte bezahlt, dürften insgesamt niedriger sein als der volks- bzw. betriebswirtschaftliche Vorteil von Alternativen. Eventuelle Preisvorteile würden durch die Pflege und Implementierung neuer Software (die sich dann auch wieder mit dem Betriebssystem "vertragen" muss) vermutlich "aufgefressen" werden.

Natürlich könnten die bestehenden Linux-Systeme genutzt und verwendet werden. Insbesondere was Linux-Serverapplikationen angeht. Unternehmen, die dies tun, müssen jedoch u. U. Spezialisten beschäftigen, die sich mit diesen Programmen sehr gut auskennen. Wenn ich auf meinem Home-PC einmal etwas installiert habe, ist die Gefahr von Problemen sicherlich marginal. In den Netzwerken von Wirtschaftsunternehmen steckt aber ein viel grösseres Konfliktpotential.

So verrückt es klingt: Möllers Satz In der Open-Source-Welt gibt es keine Monopole ist Vor- und Nachteil gleichzeitig. Bedenklich finde ich seine Argumentation immer dann, wenn er die freie Software als Heilsbringer verklärt. Solche Formulierungen sind mir mehr als abstrus: Freie Software ist keine rein technische Angelegenheit, und wer sie darauf reduziert, verliert. Die erworbene Freiheit muss auf allen Ebenen ausgebaut und gegen kontinuierliche Anriffe der alten Eliten verteidigt werden. Wenn dies gelingt, kann schliesslich auch ein freies Betriebssystem für unsere Gesellschaft entwickelt werden. Lieber Herr Möller, ich möchte in keinem Betriebssystem leben; weder in einem unfreien (natürlich nicht!), aber auch nicht einem freien; ich fürchte nämlich, dass mir letztlich irgendwann jemand definiert, was denn gefälligst "frei" ist.

Ausführlich widmet sich Möller noch den tatsächlich oftmals unappetitlichten Versuchen von Microsoft, über rechtliche und politische Einflussnahme Open-Source-Projekte (insbesondere in der EU) zu diskreditieren. Von seiten der Firma ist dies sicherlich verständlich: Es ist natürlich eine Revolution, die in nächtelanger Kleinarbeit herausgefundenen Programmierungen "einfach so" allen zur Verfügung zu stellen und somit vielleicht noch andere und/oder neue Lösungen zu generieren. Ausführlich dokumentiert er den erfolgreichen Versuch von Microsoft, eine EU-Abgeordnete als Lobbyistin zu gewinnen (wohl gemerkt: eine!). Ein wenig schürt er jedoch hier einen Alarmismus, der reichlich übertrieben wirkt. Der Lobbyismus in der EU beispielsweise im Bereich der Landwirtschaftspolitik oder in Deutschland im Gesundheitswesen ist deutlich stärker und auch effizienter, wie die recht hausbackenen Versuche von Microsoft.

Das bereits angesprochene dritte Kapitel über die Blogosphäre schien mir im Vorfeld als das interessanteste. Möller bezieht sich jedoch (leider) fast ausschliesslich auf die amerikanische Szene, entwickelt ausführlich die Geschichte von Slashdot, um über diverse andere Foren und Indymedia auf "Kuro5shin" (K5) zu stossen. Bedauerlicherweise erwähnt er den deutschen "K5"-Ableger "Nensch" nicht mit einer Zeile; lediglich zwei Screenshots von "Nensch" verwendet er, um die Abstimmung und den Modus des redaktionellen Kommentars zu zeigen. Möller ist auch angemeldet auf "Nensch", hat jedoch keinen einzigen Kommentar, geschweige denn Beitrag abgeliefert. Selbst den im Rohbau gezeigten redaktionellen Kommentar muss er also vor Absendung verworfen haben.

Da er "K5" ziemlich lobt (sowohl die Software "Scoop" als auch die Qualität einiger Beiträge dort), ist die Ausblendung von "Nensch" sehr merkwürdig. Immerhin wurde "Nensch" 2005 von der Grimme-Preis-Kommission als ein interessantes Projekt als beobachtenswert erwähnt. Mindestens zum Zeitpunkt der ersten Auflage des Buches war "Nensch" auf einem sehr hohen Niveau; der sich aktuelle andeutende Niedergang hat vielfältige Gründe.

Auch bei den Weblogs orientiert sich Möller fast nur auf die USA. Er trifft in den USA natürlich auf eine sehr viel breitere und auch anspruchsvollere Infrastruktur. Ich hätte mir gerade deshalb einen detaillierteren Blick auf die deutschsprachige Szene gewünscht. Das dies nicht erfolgt, kann mehrere Gründe haben. Ich favorisiere die These, dass die Blogosphäre in Deutschland noch ziemlich marginalisiert ist – eine Tatsache, die Möller durchaus erwähnt. Nicht unbedingt quantitativ, sondern – vor allem – qualitativ. Weblogs von liebeskummerigen Teenagern oder lustlosen Schülern; Ausführungen über Ärger im Büro oder mit dem Partner oder das blosse Abkupfern von Nachrichtenagenturmeldungen mit dem Versehen der eigene, als sakrosant postulierten Meinung – vermutlich entspricht die Blogosphäre im deutschsprachigen Raum einfach noch nicht den medienrevolutionären Ideen Möllers.

Das Problem der "Trolle" in Foren und Weblogs erkennt Möller sehr wohl; er favorisiert komplizierte Mischungen zwischen Moderation und einem "Karma"-Bewertungssysteme à la Slashdot, um diesem Phäniomen Herr zu werden – oder auch Filterapplikationen.

Was Möller in seiner Euphorie für neue demokratische Strukturen übersieht, ist die Verwendung der exakt gleichen Mittel und Möglichkeiten durch Extremisten jeglicher Art – politisch, rassistisch, sexistisch, usw. Die "neuen" Möglichkeiten stehen ja nicht nur dem Schönen und Guten zur Verfügung – auch links- oder rechtsextremes Gedankengut, pornografische Seiten und/oder Gewaltverherrlicher und Bellizisten aller Art können sich ebenfalls dem Medium bedienen.

Da jegliche direkte Einflussnahme Möllers Verdikt von "Zensur" gleich käme, bleibt die Frage, wie er einer irgendwann einmal gut aufgestellten rechtsradikalen Szene entgegentreten will. Am Schluss schreibt er: Schaffen Sie ihren Fernseher ab und informieren Sie sich aus dem Internet. Aha. Nur: Wie kann man zuverlässig die Informationen aus dem Internet auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen? Wieso soll ich einem Weblogger mehr vertrauen, als einem Fernsehkorrespondenten (es gibt ja nicht nur die privaten Massenmedien in Deutschland, sondern auch die öffentlich-rechtlichen; denen traut Möller offensichtlich nicht – aber dem Weblogger um die Ecke?).

Bereits heute ist es extrem schwierig geworden, aus der Flut der Meldungen die Wahrheitsgehalte herauszuholen. Ein topaktuelles Beispiel: Im Presseclub am 8.10.06 sagte ein Journalist, die neuen Gesetze zur Gesundheitspolitik, die ab 2009 in Kraft treten sollen, werden gravierende Nachteile für die privaten Krankenversicherungen bringen. Eine andere Journalistin widersprach energisch. Da sei er wohl dem "Lobbyismus" der privaten Krankenversicherer auf dem Leim gegangen – das Gegenteil sei der Fall. Dieser Punkt ist in doppelter Hinsicht interessant: Es wird (1.) über einen Sachverhalt diskutiert, der noch gar nicht abschliessend dokumentiert ist – d. h. es gibt überhaupt noch keinen Gesetzentwurf, der solche Aussagen zulassen könnte. Dennoch werden sie bereits getätigt. (Diese Art von Besprechung – sowohl die eine wie die andere Sichtweise vertretend – hätte ein typischer Blogeintrag eines frustrierten Users sein können.) Und (2.) gibt es bereits bei diesen, in der Regel recht informierten Personen, derart unterschiedliche Interpretationen – wie soll da ein Aussenstehender die Übersicht behalten – und vor allem: was soll er nun glauben?

Dieses Beispiel zeigt, dass die Differenz zwischen Blogger und "echtem" Journalismus zwar einerseits fliessend ist – d. h. auch ein Journalist ist auf (in der Regel allgemein zugängigen) Quellen angewiesen und interpretiert sie dann entsprechend. Andererseits sollte er jedoch immer die unterschiedlichen Seiten gleichzeitig im Auge haben, d. h. nicht bloss seine persönliche Sicht zu Papier bringen, sondern ein möglichst objektives Bild zeichnen. Im Gegensatz zu Journalisten recherchieren Blogger auch selten bzw. gar nicht. Das Problem scheint dabei insgesamt nicht zu sein, dass Blogger zu Journalisten werden, sondern Journalisten zu Bloggern, d. h. der Trend zum (unreflektierten) Meinungsjournalismus macht sich breit. Ein Phänomen, dass nicht unbedingt für die Schnelligkeit der neuen Medien spricht.

Hier liegt die grosse Problematik bei Weblogs: Die Blogger sind von Natur aus Einzelgänger und a priori parteiisch. Sie ziehen entweder nur störwütige Trolle an oder Schulterklopfer, mit denen sie dann Netzwerke bilden und weitgehend unter sich bleiben. Anspruchsvolle, themenbezogene, kontroverse aber dabei faire Diskussionen gibt es auf Weblogs selten. Meist enden sie in persönlichen Angriffen. Dabei ginge es nicht darum, jemanden von seinem Standpunkt abzubringen, also "umzudrehen". Das ist meistens gar nicht möglich. Vielen ist aber bereits ein sachlicher, mit Argumenten geführter "Wettstreit" nicht möglich. Hinzu kommt, dass die Administratoren vieler Weblogs oft genug gar nicht den detaillierten Widerspruch mit ihren Thesen wünschen. Gelegentlich löschen sie einfach missliebige Kommentare, die ihren Meinungen nicht entsprechen. Was ich nicht lese, gibt es nicht. Ich halte diese Blogs für Potemkinsche Wortwüsten. Und: Weblog-Admins führen "Blogwars" – jeder auf seinem Weblog. Oft bekommt der Angegriffene davon erst einmal gar nichts mit.

Ein Weblog mit ambitionierten politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen oder kulturellen Beiträgen, der im wörtlichen Sinne offen ist, scheint mir eigentlich ein Widerspruch in sich. Hierfür sind Foren nötig, schon um die Sitte, mit "Trackbacks" den "Traffic" auf den eigenen Weblog zu ziehen (weil man dort auch meist mehr Features zur Verfügung hat, als im Kommentarfeld des "fremden" Blogs), und die eventuelle Diskussion damit zu zersplittern, zu bündeln. Ein Forum, welches jedoch auf die basisdemokratischen Entscheidungen der User rekurriert und evtl. Trolle oder Krisen nur auf diese Art meistern will, wird scheitern, wenn die Administratoren nicht vorher eindeutige Regeln formulieren und auch umsetzen.

Wer Demokratie als Einladung zur vollkommenen schrankenlos Plapperei versteht, wird die Blogosphäre goutieren. Ich halte diese Art Kneipengeschwätz für schrecklich und vielleicht höchstens am Anfang ein bisschen unterhaltend. Möller selber beschreibt die Erbärmlichkeit vieler Weblogs, die sich mit Alltagsbanalitäten beschaffen.

Die Massenmedien belegen, dass Qualität und Anspruch nicht massentauglich ist; also werden Weblogs in der Zukunft kaum qualitativ bessere Informationen bieten (jetzt von Augenzeugenberichten aus bestimmten Krisengebieten einmal angesehen). Möllers Euphorie habe ich ähnlich schon einmal erlebt. In den 70er/80er Jahren gab es in Europa (insbesondere in den Niederlanden, Deutschland und Grossbritannien) eine umfangreiche "Freie Radio"-Szene, die sogenannten "Piratensender". Die grossen hatten Schiffe auf dem Offshore-Meer - die kleinen und kleinsten Sender Mittel- oder Kurzwellenanlagen auf dem Dachboden und sendeten sonntags ein paar Stunden. Sie alle lehnten sich gegen die Sendemonopole ihrer Länder auf (die "NOS" in den Niederlanden; die "BBC" in UK). Und was war ihre "innovative" Programmidee? Musik, Musik, Musik. Und ein paar lockere Sprüche. Dreissig Jahre danach ist diese Art Dudelradio speziell in Deutschland eingezogen und zerstört weite Teile des öffentlich-rechtlichen Radios wie ein Krebsgeschwür. Die wenigen seriösen und ambitionierten Radioprojekte existieren nur noch als marginale Nischenprogramme, oft genug als Feigenblätter diverser Dudelsender, während etliche der damaligen Musiksender in öffentlich-rechtliche und/oder andere, kommerzielle Rundfunkunternehmen integriert wurden.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Möllers Buch ist kenntnisreich und interessant. Seine Euphorie vermag ich jedoch nicht zu teilen. Vielleicht fehlt mir aber die visionäre Kraft und ich verfalle zu schnell in (deutsches?) Negativgerede. Die Zukunft wird's zeigen.


Erik Möller bittet ausdrücklich um Reaktionen auf sein Buch. Ich habe ihm eine E-Mail geschrieben und auf diesen Beitrag hingewiesen. Wir werden sehen, ob er antwortet.

Epilog: "Erschreckend"


Erik Möller hat auf meine Besprechung geantwortet. Die Antwort-per-Mail (pdf, 12 KB) darf ich nach Rücksprache mit ihm hier veröffentlichen. Ich möchte den gegen Ende der Antwort ausgesprochenen Vorwurf nicht beantworten; möge sich der interessierte Leser sein Urteil selber bilden.
02.11.2006

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Peter42 - 2009-12-23 10:31
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Es ist immer wieder interessant, auf Spiegel-Artikel...
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Falls du dies noch nicht gelesen hast, glaubst du vielleicht...
Peter42 - 2009-12-22 20:59
@steppenhund
Es gibt Programme, da gibst Du nur mehr Personen, Hauptsujet...
Gregor Keuschnig - 2009-12-21 19:34
@Dietmar Hillebrandt
Ich bin nicht beleidigt. Was ich aber nicht mag, ist,...
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...anderswo

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