Arno Geiger: Es geht uns gut

Arno Geiger: Es geht uns gutPhilipp ist ein Taugenichts; ein Tagträumer. Einem Beruf geht er offensichtlich nicht nach. Er hat ein Verhältnis mit der verheirateten Johanna, die ihn besucht, wenn es mal Streit zu Hause gegeben hat. Gelegentlich schläft er auch noch mit der Postbotin. Philipp bewohnt im April 2001 das leere Haus seiner Grosseltern. Wie es nicht anders kommen kann, übermannen ihn die Erinnerungen bzw. das, was er dafür hält. Zum Aufräumen und Ausmisten (Tauben haben sich in grosser Zahl im Dachstuhl seit Jahren eingerichtet) hat er weder Kraft noch Ideen. Stattdessen schreibt er seine Phantasien in ein Heft; der Leser wird im Unklaren gelassen, ob wir Philipps Heft zu lesen bekommen (dagegen spricht, dass der [auktoriale] Erzählduktus niemals verlassen wird).

Arno Geigers hymnisch gepriesenes Familienepos (?) "Es geht uns gut" wurde 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Könnte man aufgrund der Qualität dieses Buches auf die Qualität der im Wettbewerb um den Buchpreis gescheiterten Kandidaten rückschliessen – so bliebe einem eine Menge potentieller Lektüre erspart. Wenn ein solches Buch tatsächlich das beste gewesen sein soll, kann es um die anderen nicht gut stehen. Aber gemach – die Vehemenz der Kritik mutet böser an, als gedacht.

Geiger zeichnet das Portrait einer österreichischen Familie, beginnend in den 30er Jahren bis 2001. Hierfür verwendet er Rückblenden, die chronologisch eindeutig anhand eines Datums verortbar sind. Das Portrait der aktuellen Generation (eben des Philipp und seiner Gespielin) fällt dabei sehr stark ab – Geiger gelingt es nicht, den tagträumenden Oblomow für den Leser in eine charakterlich interessante Persönlichkeit zu überführen. Auch der Trick, die beiden "Schwarzarbeiter" einzuführen, die der undichten Stelle im Dach nebst Entsorgung des Taubenkots in die Hand nehmen, misslingt dahingehend, dass der Leser gar nicht wissen möchte, wie hoch der Unrat nun steht und wann der nächste Container mit Erinnerungsmüll abgeholt wird – ein Langweiler darf nicht langweilig erzählt werden. Ausgerechnet Philipp und Johanna bleiben Pappmaché-Figuren.

Wie sieht es mit den anderen Figuren aus: Philipps Eltern, Ingrid und Peter, und Ingrids Eltern, Richard und Alma (eine starke "Nebenrolle" geht an Peters Schwester Sissi – doch dazu später).

Auch hier ist Geiger nicht frei von Klischees: Richards politische Karriere verläuft als fast bruchloses Kontinuum von der Zeit des Nationalsozialismus in das neutrale Österreich hinein. Natürlich hat Richard ein Verhältnis mit dem Kindermädchen (possierlich die dezent-plüschige Beischlafschilderung) und natürlich auch (später) mit der Sekretärin; Alma widmet sich kompensatorisch zu Richards rastlosem Arbeits- (und Sexual-)Leben dem Garten und der eigenen Bildung. Seltsam kalt nimmt man dann die sich später herausstellende Demenzerkrankung Richards hin.

Und natürlich ist Peter als Schwiegersohn für die Tochter Ingrid nicht gut genug. Ausführlich (und quälend erzählt – Geiger ist eben kein Jancker oder Hermann Lenz) werden Peters Erlebnisse in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges erzählt – unvermeidlich(?): die herausquellenden Gedärme des Kameraden. Aber: gerade noch einmal davongekommen. Peter, der als Tausendsassa fast immer gleich erfolglos im Nachkriegsboom bleibt (später dann die Verwandlung zum anerkannten "Kreuzungsexperten" [gemeint sind Verkehrskreuzungen]). Ingrid, die Tochter aus gutem Haus, wird früh schwanger, bekommt zwei Kinder; ihre Ambitionen erfüllen sich nicht, da sie mit 38 bei einem Badeunfall in Italien ums Leben kommt. Fortan muss Peter die beiden Kinder alleine erziehen.

Die schönsten, dann wirklich epischen Szenen, sind dann am Schluss: Eine Rückblende auf den Beginn des gemeinsamen Jugoslawien-Urlaubs mit Peter und den Kindern Sissi (damals 17) und Philipp (12). Vor der österreichisch-jugoslawischen Grenze ein langer Stau. Sissi, die Che-Guevara-Anhängerin, genervt von der Enge im Auto (berührend, wie Geiger hinter dem pubertären Furor für die idealistischen Ziele und die oberflächliche Revolution wider die Familienstrukturen, die emotionale Verbundenheit Sissis mit ihrem Bruder erzählt [und nicht nur beschreibt]), steigt aus und geht die Strecke bis zur Grenze zu Fuss: Peter blickt ihr hinterher mit einem Gefühl des schleichenden Verlusts. Wie sie stolpert im Schotter des Strassenbanketts, ein unglückliches Mädchen in Schuhen, die gut aussehen, in denen sie aber fürchterlich schwitzen muss. Ihr Haar. Ihr Rücken. Ihr Hintern. Und dass sie sich nicht umdreht. Das beklemmt ihn, obwohl er weiss, es ist das, was sie braucht, anderthalb Stunden, in denen sie ihrer Familie entrinnt und auf sich selbst gestellt ist, ein Gefühl (die konkrete Erfahrung der Freiheit?), das ihre Sehnsucht mildert und sie der Antwort auf die Frage näher bringt, die sich Dschingis-Khan inmitten der Mongolenzüge gestellt hat: 'Wo nur bin ich in diesem Strom?' – "Sie ist nicht gut drauf", sagt Philipp. "Das scheint mir auch so", sagt Peter. (Wenige Jahre später – so erfahren wir – zieht Sissi nach New York und ist verheiratet.)

Und – natürlich! – natürlich? – eine Todesszene: Als Alma sich Schlafen legt, vorher noch die Beweise für eine Affäre Richards mit der Sekretärin auf den Dachboden verstaut (dabei einen Fehler macht, was den Tauben ermöglicht, dort "einzuziehen" – so wird der Bogen zum "Entsorgungsproblem" Philipps Jahre später geschlagen), und sanft in den Tod hinübergleitet; Geiger gelingt es hier den Kitsch, der solche Szenen oft bedrohlich nahe kommt, zu vermeiden.

Ansonsten bleibt ein schaler Geschmack. Man hat das Buch gerne gelesen – aber die Familie berührt nicht. Sie erzeugt keine Neugier. Geiger versucht, die entscheidenden Lebensphasen seiner Protagonisten nicht anhand der Peripetien zu erzählen – seine Idee besteht darin, die Punkte des Innehaltens zu finden, in denen die Figuren (über den Umweg des auktorialen Erzählers) rekapitulieren, Zwischenbilanz ziehen (Ingrids Befindlichkeiten zu Silvester 1970/71 werden erzählt; 1974 stirbt sie – 1978 bei Peters Urlaubsfahrt erfahren wir dann Einzelheiten über ihren Tod). Hieran ist ein (berechtigtes?) tiefes Misstrauen gegenüber den "grossen Momenten" (der "grossen Erzähler") zu erkennen. Über weite Strecken kommt mir das Buch allerdings arg betulich vor – insbesondere sprachlich. Ich rede nicht einer krampfhaften "Action" das Wort, aber die Figuren waren teilweise derartig kühl und distanziert gezeichnet, dass keine grosse Empathie aufkommen konnte. Der Enthusiasmus grosser Teile der Literaturkritik diesem Buch gegenüber ist mir ziemlich rätselhaft.
steppenhund - 2006-09-28 17:41

Keine Entscheidungshilfe ... :)

Ihre Kritik lesend interpretiere ich "muss man nicht lesen". Aber gerade ihre Kritik ist so anregend, dass es mich jetzt doch reizt, das Werk zu lesen.
Jetzt weiß ich erst nicht, was ich tun soll:)

edit: ich hab es sicherheitshalber heute in der Buchhandlung bestellt:)

Gregor Keuschnig - 2006-09-28 20:36

Bitte...

teilen Sie mir doch nach Lektüre hier (oder in Ihrem Weblog) Ihre Kritik mit! Würde mich sehr interessieren.
steppenhund - 2006-10-04 17:00

bin bereits beim Lesen. Zieht sich allerdings etwas länger als der Wolf Haas ...
rühre mich wieder:)
Pseudonymus (Gast) - 2006-10-12 00:15

Und sonst?

Immer fleißig Deutschlandfunk gehört, die lokale Süddeutsche gelesen, alles wahrgenommen, alles gehirnmäßig verarbeitet, alles am Frühstückstisch ausgesprochen, alles gehört, alles gelesen, alles gesagt.
Und sonst?

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