Claus Kleber: Indien - unaufhaltsam

Claus KleberClaus Kleber und sein Team (man erfährt von der im Abspann genannten Co-Autorin gar nichts) hat sechs Wochen Indien bereist und einen Extrakt von 2 Filmen à 45 Minuten hat das ZDF vorgestern und gestern gesendet. Kleber hat eine Entdeckung gemacht: Alle schauen nach China, wenn es um Wirtschaftsboom und neue Märkte geht – aber Indien ist viel wichtiger!

Mit Inbrunst verfechtet der Anchorman Kleber die These eines zu erwartenden Clash of Economics zwischen der westlichen Welt und Indien. Seine Gespräche mit den "Emporkömmlingen" (ein von ihm häufig verwendetes Attribut) können die in jahrelangem USA-Aufenthalt erworbenen Bewunderungsaffekte für soziale Aufsteiger nur schwer unterdrücken. Ein Gesprächspartner unkt: Indien ist ein Riese, und rennt im Moment ohne Schuhe. Warten Sie, wenn es einmal Schuhe gibt. Nur allzu willig spannt sich Kleber vor den Karren dieser Endzeitszenarien westlichen Wohlstands. Er weckt mehr Ängste, statt aufzurütteln.

Die mit Wollust zitierten Szenarien nationalistischer indischer Professoren oder Börsengurus schaffen es, das Selbstbewusstsein von Klebers' Eurozentrismus zu erschüttern. Sicherlich teilweise zu Recht – keine Frage. Die Dynamik von 8% Wirtschaftswachstum (mantramässig immer wieder erwähnt) wird allerdings nicht in Relation zur Vergangenheit gesetzt. Kleber unterlässt es nicht, auf die grossen Unterschiede zwischen dem dörflichen Indien und den Boomtowns hinzuweisen, aber er benennt nicht, dass es sehr viel schwieriger ist, ein hohes wirtschaftliches Niveau wie das in Europa zu halten, als von sehr ärmlichen Strukturen heraus zu wachsen.

Kleber versäumt weitgehend die grösste Gefahr für diese wirtschaftsliberale Ausrichtung zu benennen: das in der indischen Gesellschaft fest zementierte Kastenwesen, welches gar nicht so in das Bild der blühenden Demokratie mit ihren fleissigen Menschen passt, diese aber in feste Strukturen ein ganzes Leben lang einschnürt. Auf dem Campus einer Eliteuniversität bemerkt Kleber eine Selbstgewissheit unter den Studenten und als grössten Minuspunkt der indischen Gesellschaft sehen sie die Korruption. Die ethnischen Konflikte streift er nur am Rande. Er fragt die jungen Leute aber auch gar nicht danach.

Kleber nimmt eindeutig Partei für Indien gegen das "rote" China, den "arroganten Drachen". Zweifellos ist die Demokratie Indien der Diktatur China in diesem Punkt überlegen. Aber die Demokratie Indien ist eben nicht eine Demokratie wie beispielsweise Frankreich oder Grossbritannien. Hier hätte man mehr Differenzierung erwartet. Einige Spritzer Wasser in den Wein wären Pflicht gewesen.

In dem Kleber auf die Ausbeutung der auch in Indien sprunghaft steigenden Wanderarbeiter verweist (mindestens achtmal erwähnte er, dass sie von 2 Euro am Tag Lohn leben müssen – ohne freilich [wie so üblich] diesen Verdienst in Relation zu setzen), wendet er die westlichen Massstäbe an. Wenn der schon ökonomisch nicht mehr mithalten kann, muss er wenigstens noch moralisch besser sein. Aber dem Wanderarbeiter die 2 Euro nicht zu bezahlen, wäre noch unethischer. Das Dilemma zeigt Kleber erst gar nicht auf. Er zeigt nur, dass der Arbeiter zufrieden ist, weil er das doppelte von dem verdient, was er bei sich zu Hause bekommen würde.

Kleber erläutert auch nicht, warum sich Indien so explosionsartig entwickelt hat. Und er unterlässt, den politischen Wandel der letzten Jahre aufzuzeigen – beispielsweise das Erstarken der nationalistischen und sogar separatistischen Kräfte (stattdessen erwähnt er einmal maoistische Rebellen). Dies dokumentiert sich im konsequenten Gebrauch des Namens Bombay für die indische Handelsmetropole und dem Weglassen bzw. vollständigen Ignorieren der offiziellen Bezeichnung "Mumbai". Was Kleber nicht mag, das gibt es nicht?

"In Indien liegt es immer nah, an Wunder zu glauben" – Mit derartigen Zeitschriftenweisheiten leitet Kleber von einem Reiseort zum anderen über. Wir erleben arme Spinnerinnen, SAP Indien mit bald 3.500 Mitarbeitern, eine amerikanische Frau, die für ein Zehntel der Kosten eine Knieoperation in Indien machen lässt (ohne Qualitätseinbussen, wie man glaubhaft übermittelt bekommt), und vieles mehr – alles Belege für Klebers These: Indien wird neue Weltmacht werden.

Dies als Ergebnis von sechs Wochen Reise?

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Schau dir mal an, wer...
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Peter42 - 2009-12-23 10:31
@Peter42 / Feindbilder
Es ist immer wieder interessant, auf Spiegel-Artikel...
Gregor Keuschnig - 2009-12-23 08:26
Falls du dies noch nicht...
Falls du dies noch nicht gelesen hast, glaubst du vielleicht...
Peter42 - 2009-12-22 20:59
@steppenhund
Es gibt Programme, da gibst Du nur mehr Personen, Hauptsujet...
Gregor Keuschnig - 2009-12-21 19:34
@Dietmar Hillebrandt
Ich bin nicht beleidigt. Was ich aber nicht mag, ist,...
Gregor Keuschnig - 2009-12-21 12:08

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begleitschreiben - 2009-12-23 08:26
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