Versuch über die Wahrheitsminister
Exkurs I – 1984
Sie sind hier, weil Sie es an Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist für geistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verrückter, eine Minderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geist erkennt die Wirklichkeit, Winston. Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, äusserlich Vorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie, das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich der Selbsttäuschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes. Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken und nirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irren kann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Möglichkeit anders als durch die Augen der Partei zu sehen. Diese Tatsache müssen Sie wieder lernen, Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, eines Willensaufwandes. Sie müssen sich demütigen, ehe Sie geistig gesund werden können.
Sie sind hier, weil Sie es an Demut, an Selbstdisziplin haben fehlen lassen. Sie wollten den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis ist für geistige Gesundheit. Sie zogen es vor, ein Verrückter, eine Minderheit von einem einzelnen zu sein. Nur der geschulte Geist erkennt die Wirklichkeit, Winston. Sie glauben, Wirklichkeit sei etwas Objektives, äusserlich Vorhandenes, aus eigenem Recht Bestehendes. Auch glauben Sie, das Wesen der Wirklichkeit sei an sich klar. Wenn Sie sich der Selbsttäuschung hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, jedermann sehe das gleiche wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, die Wirklichkeit ist nicht etwas an sich Vorhandenes. Die Wirklichkeit existiert im menschlichen Denken und nirgendwo anders. Nicht im Denken des einzelnen, der irren kann und auf jeden Fall bald zugrunde geht: nur im Denken der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Möglichkeit anders als durch die Augen der Partei zu sehen. Diese Tatsache müssen Sie wieder lernen, Winston. Dazu bedarf es eines Aktes der Selbstaufgabe, eines Willensaufwandes. Sie müssen sich demütigen, ehe Sie geistig gesund werden können.
In einem Punkt ist Orwells Zukunftsphantasie längst Realität geworden: Die Wahrheitsminister sind unter uns. Sie sind so zahlreich und so mächtig, dass sie den Diskurs, das öffentliche Diskutieren kontroverser Themen seit Jahren, seit Jahrzehnten bestimmen. Das Philistertum der Wahrheitsminister ist nicht zu verwechseln mit dem, was man als (wissenschaftlich belegten oder moralisch erarbeiteten) Konsens bezeichnet. Wahrheitsminister begründen Wahrheiten über das konsensuelle einer Gesellschaft hinaus. Sie sind nicht nur die Türhüter, sie sind die Exegeten des Konsens. Sie interpretieren ihn aus, richten dabei über gut und böse, über richtig und falsch. Daumen hoch oder Daumen runter. Wahrheitsminister sind dabei nicht zu verwechseln mit dem vergleichsweise harmlosen Mainstream. Wankelmütig sind sie selten; nur die normative Kraft des Faktischen verleitet sie gelegentlich dazu, ihre Wahrheiten anzupassen.
Wahrheitsminister sind selten in Lobbys organisiert. Derartige Offensichtlichkeiten mögen sie nicht. Zusammenschlüsse wie die INSM beispielsweise bestehen aus Mainstream-Jüngern, die die Gewissheiten der Wahrheitsminister kaum tangieren.
Die Kriterien der Wahrheitsminister werden nicht hinterfragt – das gehört zu den von ihnen selbst erschaffenen Regeln. Wer es dennoch wagt, wird sofort diskreditiert; wenn notwendig auch ad hominem. Das feine, meist unsichtbare Netzwerk der Wahrheitsminister sorgt dafür, dass irgendein "Anti..."-Wort schnellstens die intellektuelle Reputation des Abtrünnigen guillotiniert. Dabei wissen sie, irgend etwas wird immer hängen bleiben. Ein "Anti..."-Wort (in ganz schlimmen Fällen auch ein "Pro..."-Wort) klebt wie eine Vorstrafe auf dem Delinquenten. Es verfällt nie; Bewährung wird nicht gewährt. Ausser, wenn sie selber fehlen (was selten publik wird, da ihr eigenes Leben sakrosankt ist). Dann erwarten sie das, was sie anderen verwehren.
Ganz selten gibt es auch Wahrheitsminister in der politisch aktiven Klasse. Normalerweise versichern sich die Politiker des Wohlwollens der Wahrheitsminister. Als Gegenleistung stellt man beispielsweise die Dogmen des Parteienstaates nicht infrage. Eine Hand wäscht die andere.
Die ganz wichtigen Wahrheitsminister nennt man in der Öffentlichkeit Päpste. Hiermit wird noch einmal ihre Unfehlbarkeit unterstrichen. Sie widersprechen dem Attribut nur aus vordergründiger Bescheidenheit. In Wirklichkeit sind sie geschmeichelt; gelegentlich vielleicht ein bisschen unwirsch, das es so lange gedauert hat mit der Beförderung.
Exkurs II - Der neue Literaturpapst
Vergangene Woche gab es in Deutschland offensichtlich einen neuen Literaturpapst. Marcel Reich-Ranicki, der sich seit Jahrzehnten vergeblich gegen diese Bezeichnung "gewehrt" hat, wurde laut Herrn Beckmann von Hellmuth Karasek abgelöst. Das Veränderung nicht immer Fortschritt bedeutet, ist daran allerdings deutlich abzulesen: Während Reich-Ranicki in seiner Verbohrtheit wenigstens noch Herausforderung bot, pinkelt der neue Papst in einer allgemeinen Moralbesoffenheit nur seine selbst aufgestellten Denkmäler an. Karasek hätte die Frage, ob er die Wahl annehme, lieber ablehnend beantworten sollen. Obwohl Roger Willemsens Charakterisierung von Karasek (bereits 1999) das Wesen des Wahrheitsminister Karasek schön erklärt: Was ihn überforderte - und das passiert "der Kunst" leicht mal -, das Ambitionierte, Engagierte, radikal Wahrhaftige, formal Gelöste, Experimentelle, Unkommerzielle, Anstrengende, das nicht wie Karasek primär das Massenpublikum penetrieren will, all das ist "arrogant" und zeugt von "elitärem Dünkel". Aber wer schützt das Publikum vor der Arroganz des Kritikers, der gegen das Verschwinden Godards eine Huldigung an Tom Gerhard anzubieten hat! Aber nicht jeder Wahrheitsminister taugt zum Papst. Naja, von Reich-Ranicki nach Karasek – die Republik bekommt, was sie verdient.
Vergangene Woche gab es in Deutschland offensichtlich einen neuen Literaturpapst. Marcel Reich-Ranicki, der sich seit Jahrzehnten vergeblich gegen diese Bezeichnung "gewehrt" hat, wurde laut Herrn Beckmann von Hellmuth Karasek abgelöst. Das Veränderung nicht immer Fortschritt bedeutet, ist daran allerdings deutlich abzulesen: Während Reich-Ranicki in seiner Verbohrtheit wenigstens noch Herausforderung bot, pinkelt der neue Papst in einer allgemeinen Moralbesoffenheit nur seine selbst aufgestellten Denkmäler an. Karasek hätte die Frage, ob er die Wahl annehme, lieber ablehnend beantworten sollen. Obwohl Roger Willemsens Charakterisierung von Karasek (bereits 1999) das Wesen des Wahrheitsminister Karasek schön erklärt: Was ihn überforderte - und das passiert "der Kunst" leicht mal -, das Ambitionierte, Engagierte, radikal Wahrhaftige, formal Gelöste, Experimentelle, Unkommerzielle, Anstrengende, das nicht wie Karasek primär das Massenpublikum penetrieren will, all das ist "arrogant" und zeugt von "elitärem Dünkel". Aber wer schützt das Publikum vor der Arroganz des Kritikers, der gegen das Verschwinden Godards eine Huldigung an Tom Gerhard anzubieten hat! Aber nicht jeder Wahrheitsminister taugt zum Papst. Naja, von Reich-Ranicki nach Karasek – die Republik bekommt, was sie verdient.
Die Wahrheitsminister in der Literatur werden es auch unter grössten Anstrengungen nicht schaffen, die Öffentlichkeit dauerhaft und umfassend mit ihrem Geschmack zu usurpieren. Schlimmer sind die Wahrheitsminister in den gesellschaftlichen und politischen Diskursen. Ihr Wirken beschädigt die Urteilskraft und das intellektuelle Denken einer Gesellschaft dauerhafter.
Wichtig zu unterscheiden ist, dass die Wahrheitsminister sich zwar unter Umständen der "political correctness" (PC) bedienen, also jener Strömung, die aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, und uns in "Neusprech"-Ambitionen vorschreiben möchte, wie wir was auszudrücken und zu empfinden haben. Aber nur die Lakaien der Wahrheitsminister, die Exekutoren des Neusprech, assistieren in dieser Richtung (mangels nicht vorhandener Fähigkeiten, beispielsweise selbständig zu denken). Sie benötigen dieses Gerüst der PC wie ein Schamane, der Knochen in Luft wirft, um damit seine Urteile zu fällen.
Wahrheitsminister bedienen sich der PC nur als zusätzliche Illustration ihrer Wahrheit. Niemand käme auf die Idee, die PC auf ihre Äusserungen anzuwenden. Dies käme einer Gotteslästerung gleich. Wie schlimm Häresie bestraft wird, musste neulich Botho Strauss (wieder einmal) erfahren, als er emphatisch (und vielleicht ein wenig überpointiert) einer Lea-Rosh-Kultur widersprach, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und missliebig angesehen wird.
Arme Wichte, die sich, an die PC und ihre gelegentlich drolligen Auswüchse verbeissend, in einer Anti-PC-Haltung erschöpfen und damit glauben, in jedem Diskurs nur aufgrund der Tatsache, dass sie gegen den Strom reden, schon Recht haben. Sie können natürlich genüsslich von den PC-Apologeten vorgeführt werden. Denn tatsächlich benutzen sie meistens ihre Attacken auf die PC nur, um sich als Opfer zu stilisieren und ihre (oft) antidemokratischen Affekte damit zu verbrämen. Hieraus jedoch per se jede Anti-PC-Bewegung zu diskreditieren, ist natürlich Unsinn. Das ficht die Lakaien der Wahrheitsminister aber nicht an. Sie fühlen sich schliesslich moralisch überlegen und ihre letzte Frage, ihr letztes Erinnern an eine Neugier ist schon sehr lange her.
Die Verkündiger der Wahrheit argumentieren schon lange nicht mehr. Oft genug sind ihre Argumente nur tautologische Schlüsse. "Ich sage es, und weil ich es so sage, stimmt es." Wahrheitsminister reagieren schnell restriktiv. Toleranz kennen sie meist nur in einer Richtung. Komplizierte Sachverhalte reduzieren sie entweder auf Schlagworte oder personalisieren sie. Sie haben sich damit der Komplexitätsreduzierung durch die Medien hervorragend angepasst. Ihre Phraseologie ist griffig. Berührungsängste zu Boulevard-Medien haben sie längst abgelegt.
Die Wahrheitspäpste und Wahrheitsminister erkennt man auch an ihrer Körpersprache. Und daran, dass sie in den Hauptnachrichtensendungen des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens gezeigt werden. Sie umgeben sich mit einer monarchischen, absolutistischen Aura. Häufig ist ihr Erscheinungsbild in einem Punkt anders als das "normaler" Menschen. Kleine, immer wiederkehrende Accessoires schaffen auch für diejenigen, die ein schlechtes Namensgedächtnis haben, einen Wiedererkennungswert. Das kann ein Schal sein, der – unabhängig von der jeweiligen Temperaturlage – locker um die Anzugjacke gelegt ist. Oder die Anzugjacke selber wird nur auf die Schultern gelegt. (Wetten, Sie wissen, welche Persönlichkeiten gemeint sind?) Oft sitzen sie vor Bücherwänden oder vor unaufgeräumten Schreibtischen, die ihr Wissen und ihre Wichtigkeit unterstreichen sollen.
Man kennt etliche von ihnen schon seit Jahrzehnten. Sie haben keine Talkshow ausgelassen. In regelmässigen Abständen geben sie Interviews – in der ZEIT, im Spiegel, Focus, FAZ, SZ, usw. Ihre Meinungen sind bis in die kleinsten Verästelungen öffentlicher Themen immer präsent. Gibt es Neues, Kontroverses, treffen sie zielsicher ihr Urteil. Wenn man sich die Diskurse in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten ein bisschen angetan hat, dann weiss man oft genug schon vorher ihr Urteil. Amen.
Exkurs III – Die Diskursverhinderer
Wahrheitsminister bestimmen aber nicht nur die Urteile in Diskursen. Sie bestimmen auch, was überhaupt zur Diskussion zugelassen wird. Seit es allerdings das Internet gibt, wird das Ausmass ihrer Verdrängungskultur transparenter.
Da ist beispielsweise Jostein Gaarders Text "Gottes auserwähltes Volk". Wenige Tage nach seinem Erscheinen am 5. August wurde er vom Englischen ins Deutsche in einem deutschen Weblog ins Netz gestellt.
Der als "antiisraelisch" denunzierte Text Gaarders hat bis heute keine Chance bekommen, in einem Printmedium (von Radio und Fernsehen ganz abgesehen) abgedruckt zu werden. In der FAZ, der NZZ und der TAZ gab es kurze Statements. Diese Artikel gaben – natürlich - die Meinung der Wahrheitsminister wider. So wurde beispielsweise Gaarders Titel flugs wurde als "ironisch" abgetan und ihm unterstellt, er befürworte eine Art Zwangsumsiedlung der Israelis. Im Musterkombinat der Wahrheitsminister, Spiegel Online, wurde verkündet, dass jeder, der diesen Text gutheisse, ein Antisemit sei.
Diese Gewissheiten sind für den Zeitungsleser, Radiohörer oder Fernsehzuschauer nicht hinterfragbar. Sie wären es nur, wenn im Medium der Kritik auch der inkriminierte Beitrag abgedruckt oder äquivalent anderweitig verfügbar wäre. Aber nicht einmal Spiegel Online hat einen Hinweis auf die deutsche Version gebracht (der Link zum englischen Text funktioniert nur temporär).
Was bleibt, ist, dass der unkritische (und/oder überforderte) Leser mit der Primitivgleichung 'Jostein Gaarder = Antisemit' abgespeist wird. Ein Armutszeugnis für Journalismus und ein Triumph für die Wahrheitsminister und ihre Steuerung von Diskursen.
Wovor haben die Wahrheitsminister eigentlich Angst?
Wahrheitsminister bestimmen aber nicht nur die Urteile in Diskursen. Sie bestimmen auch, was überhaupt zur Diskussion zugelassen wird. Seit es allerdings das Internet gibt, wird das Ausmass ihrer Verdrängungskultur transparenter.
Da ist beispielsweise Jostein Gaarders Text "Gottes auserwähltes Volk". Wenige Tage nach seinem Erscheinen am 5. August wurde er vom Englischen ins Deutsche in einem deutschen Weblog ins Netz gestellt.
Der als "antiisraelisch" denunzierte Text Gaarders hat bis heute keine Chance bekommen, in einem Printmedium (von Radio und Fernsehen ganz abgesehen) abgedruckt zu werden. In der FAZ, der NZZ und der TAZ gab es kurze Statements. Diese Artikel gaben – natürlich - die Meinung der Wahrheitsminister wider. So wurde beispielsweise Gaarders Titel flugs wurde als "ironisch" abgetan und ihm unterstellt, er befürworte eine Art Zwangsumsiedlung der Israelis. Im Musterkombinat der Wahrheitsminister, Spiegel Online, wurde verkündet, dass jeder, der diesen Text gutheisse, ein Antisemit sei.
Diese Gewissheiten sind für den Zeitungsleser, Radiohörer oder Fernsehzuschauer nicht hinterfragbar. Sie wären es nur, wenn im Medium der Kritik auch der inkriminierte Beitrag abgedruckt oder äquivalent anderweitig verfügbar wäre. Aber nicht einmal Spiegel Online hat einen Hinweis auf die deutsche Version gebracht (der Link zum englischen Text funktioniert nur temporär).
Was bleibt, ist, dass der unkritische (und/oder überforderte) Leser mit der Primitivgleichung 'Jostein Gaarder = Antisemit' abgespeist wird. Ein Armutszeugnis für Journalismus und ein Triumph für die Wahrheitsminister und ihre Steuerung von Diskursen.
Wovor haben die Wahrheitsminister eigentlich Angst?
Über die Multiplikatoren der Wahrheitsminister muss noch gesprochen werden: Die Journalisten. Beziehungsweise diejenigen, die sich dafür halten. Sie träufeln diese Wahrheiten über ihre Medien in die Köpfe der Menschen wie ein Gourmet Zitronensaft über die Austern. Über sie erfahren wir, was die Wahrheitsminister für Humor halten, was Kunst ist (vor allem: was es nicht ist), wer ein Kriegsverbrecher ist (und wer nicht), ab wann man Antisemit ist (das geht sehr schnell), wie man Frauen oder besser noch ganze Völker emanzipiert, was blasphemisch ist und was nicht, wie man freie Meinungsäusserung auszulegen hat und wann sie nicht gilt.
Die Multiplikatoren der Wahrheitsminister bestimmen, wann ein Thema in den Vordergrund rückt – und wann nicht. Sie bestimmen den Grad der Entrüstung – oder auch (seltener) der Gelassenheit. Sie sind von jedem Beleg ihrer Urteilskompetenz befreit; jeder Imbissbudenbesitzer oder Strassenmusikant muss mehr Nachweise beibringen, seine Tätigkeit ausüben zu dürfen. Die selbstgegebene Einstufung "Experte" genügt.
Die Wahrheitsminister definieren, was Terrorismus ist und was "Kampf gegen den Terror". Sie definieren, wann eine Aggression vorliegt und wann das Selbstverteidigungsrecht gilt. In Windeseile schubladisieren sie. Die Ergebnisse werden durch die Multiplikatoren verbreitet. Droht einmal der Standpunkt der Wahrheitsminister nicht zu dominieren, wird mit (fragwürdigen) Behauptungen das entsprechende Medium diskreditiert.
Die höchste Beförderung eines Journalisten ist die zum Wahrheitsminister und dann irgendwann zum Wahrheitspapst. Das geschieht nicht häufig. Denn zum Wahrheitsminister wird man nicht durch deskriptives oder opportunistisches Verhalten, sondern muss selbst aktiv Wahrheiten begründen. Journalisten, die besonders treu den Wahrheitsministern folgen und ihre Urteile mit besonders niederträchtiger Demagogie würzen, werden jedoch belohnt. Es gibt auch Journalisten, die scheinbar gegen die Wahrheitsminister opponieren und ihrerseits sehr polemisch und bissig gegen sie agieren. Manchmal sind das aber nur Doppelagenten. Man könnte dafür den Begriff der "Broderline"-Persönlichkeit konzipieren (nicht zu verwechseln mit der Borderline-Persönlichkeit; eine Krankheit, die noch existentieller ist).
Wer glaubt, dass das Internet und die (fast) unumschränkte Publikationsmöglichkeit Abhilfe schaffen, irrt leider. Auch hier versuchen die Lakaien der Wahrheitsminister mittels technischer und menschlicher Power die Deutungshoheit zu gewinnen. Es gelingt ihnen, da die Alternativen oft genug nur pöbelnde Dummschwätzer sind und auf ihren Weblogs oder in Foren ihren (rechts-)radikalen Müll absondern. Das Internet verschärft oft genug die Polarisierung eines Diskurses, nicht unbedingt die Tiefe (und somit Qualität). Demjenigen, der sich dem Konformitätsdruck der Wahrheitsminister verweigert aber auch keine Heimat in antidemokratischen Visionen finden kann, wird dann häufig noch Zuflucht in spirituelle oder esoterische Gewissheiten suchen. Eine Wahl zwischen Scylla und Charybdis.
Was ist das Ziel der Wahrheitsminister? Haben sie finanzielle oder ökonomische Interessen? Meistens eher nicht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Aber wenn sich eine Handlung, eine Meinung, ein Standpunkt als finanziell einträglich für denjenigen erweist, der sie vertritt, so ist das ein lobbyistisches Agieren. Wahrheitsminister verschmähen den schnöden irdischen Mammon; ihre Entlohnung liegt eher im immateriellen. Was sie zwar nicht von Buchkampagnen (o. ä.) abhält, aber das sind letztlich nur Appendizes zu ihren Gewissheitsstatements. Sie wollen die intellektuelle Hegemonie in der Bundesrepublik fortschreiben. Ihr Regiment ist nicht ernsthaft gefährdet, muss aber ständig aktualisiert werden. Der Nachwuchs ist schon da. An den sprunghaft steigenden Google-Ergebnissen bestimmter Persönlichkeiten erkennt man die Erben. Es geht also weiter.
Eine Frage wird der bis hierhin geduldige (oder auch schon entrüstete) Leser noch stellen: Wer sind denn bitteschön diese Diskursbestimmer und Angehörigen der Meinungskamerilla?
Tja, lieber Leser, wer das alles ist – lassen Sie doch mal Ihre Phantasie spielen! Überlegen Sie doch einmal, was Sie schon sehr lange nicht mehr befragt haben! Welcher Persönlichkeit hängen Sie allzu bereitwillig an den Lippen? Wann schalten Sie ganz gerne Ihre kritischen Fragen aus? Wann stimmen Sie hier etwas zu, was Sie anderswo ablehnen? Wo gibt es Ambivalenzen, die Sie erst beim näheren Hinsehen feststellen?
Wie steht es mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Gibt man sich nicht allzu gerne den Gewissheiten hin, die einem mit der Zeit lieb und teuer geworden sind? Hat man sich vielleicht allzu bequem im Nest der festgefahrenen Meinungen eingerichtet? Die Wahrheitsminister reüssieren ja auch deshalb, weil sie Geborgenheit bieten; sie vermitteln das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Gefolgschaft wird belohnt mit der Aufnahme in eine Art virtuelles Elysium. Es mag im Einzelfall schwierig sein, diese schön gepolsterten Sessel gelegentlich zu verschmähen und auf den harten Holzbänken Platz zu nehmen. Aber es könnte sich lohnen.
Gregor Keuschnig - 2006-08-27 17:27
Erkannt
Und ja, ich glaube sie erkannt zu habe. Wobei der mit dem Schal fast schon als prototypisch ( sowohl in der Härte des angerührten Betons, als auch in dessen mangelnder Eignung als Fundament ) zu bezeichnen ist.
Broderline! Genial. Man erinnere sich an den Auftritt bei der amerikanischen Präsidentenwahl. Einen Wahrheitministerazubi möchte man ihn nennen.
Möglicherweise könnte es sich lohnen den Beitrag zu erweitern und zu vertiefen. Ich würde mich freuen.