Die Wollust der Pharisäer
Ich weiss nicht, wie oft ich meinen Eltern schon gedankt habe, dass sie sich erst in den 50er Jahren kennengelernt haben. Ich weiss nicht, wie oft ich schon dankbar gewesen bin, nicht 40 oder 50 Jahre vorher gelebt zu haben. Dann hätte man sich entscheiden müssen: Schwimmt man im Strom mit oder nicht? Nimmt man überhaupt wahr, eine Alternative zu haben? Wussten Kinder oder Jugendliche 1944 oder 1945 das, was wir heute wissen? Mit welchen Massstäben sind ihre Taten zu bewerten?
Politisch bin ich übrigens auch dankbar, nicht in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt zu haben. Ich wüsste nämlich auch nicht, ob ich mich gemäss den heutigen Verhaltensmassregeln "richtig" und "korrekt" verhalten hätte. Vielleicht hätte einer irgendwann ein Dokument gefunden, was ich unterschrieben hatte. Einen Bericht oder eine Verpflichtung zur Mitarbeit. Etwas, was ich vergessen hatte oder vergessen wollte.
Ich kann noch dankbar sein, in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen zu sein und zu leben. Aber wer weiss: Vielleicht fragt mich irgendwann einmal jemand, warum ich nichts gegen den Kosovokrieg 1999 unternommen habe. Oder warum ich eigentlich Geschäfte mit China mache. Oder warum ich diese oder jene ökologische Entwicklung nicht aufgehalten, nein: sogar befördert habe. "Wie konntest Du nur?" wird man mich vielleicht fragen. Und ich senke den Kopf und fasele etwas von "konnte man nicht wissen". "Ja", sagt der Neffe oder die Nichte, "das stimmt". "Aber wieso hast Du solange dazu geschwiegen? Wieso hast Du nichts gesagt?"
Günter Grass war bei der Waffen-SS. Damals war er 17 Jahre alt. Ist dieses mit 60jähriger Verspätung ausgesprochene Geständnis nur ein Marketing-Trick? Welch ein Unsinn! Wer das sagt, hat noch nie gelitten und deswegen geschwiegen und dieses Schweigen als Quälerei empfunden. Wer das sagt, erhebt sich, spielt den Richter.
Michael Wolffsohn ist so ein Richter. Er entblödet sich nicht zu behaupten, auch Grass' Werk wäre diskreditiert. In Wirklichkeit diskreditiert sich Wolffsohn selber. Sein Talar der Selbstgerechtigkeit (das ist der, den er Grass so gerne streitig macht), riecht sehr streng nach Rache.
Oder Joachim Fest. Das ist derjenige, der damals den Historikerstreit mit der FAZ publizistisch losstiess und Ernst Noltes These ein breites Forum gab. Auch er holt das gut versteckte Messer heraus.
Die Rechnungen werden allenthalben präsentiert. Auch der erbärmliche Hellmuth Karasek, seit einigen Jahren vom seriösen Literaturkritiker zum Plüschhasen des deutschen Bildungsbürgertums mutiert, ergiesst sich in pharisäerhaftem Bedauern und behauptet gar, der Literaturnobelpreis wäre an Grass mit Kenntnis dieser Biographie nicht verliehen worden. Für wie beschränkt hält Karasek eigentlich die Akademie?
Natürlich hat sich Grass immer sehr engagiert und pointiert geäussert. Aber: Ist nur eine Aussage deswegen weniger richtig oder gar falsch, weil uns Grass in seinem Leben etwas verschwiegen hat? Ist die "Blechtrommel" ein minder wichtiges Werk, weil er als 17jähriger ein glühender Nazi-Verehrer war? Oder weiden sich die Damen und Herren nur einem Fehltritt eines "Denkmals", dass sie nun höchstwillkommen beschädigen, und dabei noch parallel mit ihrer (scheinbaren) moralischen Integrität posieren dürfen?
Auch mir ist Grass mit seiner gelegentlichen Betroffenheitsrhetorik und Unterschrifteninflation auf die Nerven gegangen. Es gab Zeiten, da äusserte er sich zu fast jedem Thema. Wie vorschnell er oft den "Untergang" der Demokratie witterte. Erscheint nicht erst jetzt deutlich, warum dieser Alarmismus?
Hier habe ich ihn in der Diskussion und Handke und Jugoslawien kritisiert. Deutlich sichtbar war hier, dass er zu wenig Kenntnisse von Handkes Büchern hatte. Den richtigen Augenblick zum Schweigen zu finden – das ist nie Grass' Stärke gewesen. Sein Anspruch war vielleicht deswegen zu hoch, weil er ihm selbst (für sich) nicht mehr gerecht werden konnte.
Wer jetzt sein Mütchen an ihm kühlt, vergisst, dass es auch Leute wie Grass waren, die dazu beigetragen haben, dass diese Bundesrepublik so ist, wie sie ist – mit ihren Fehlern, aber auch einer immensen freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft. Ob einem das passt oder nicht.
Und ausserdem: Wo steht geschrieben, dass Schriftsteller bessere Menschen sein müssen?
Politisch bin ich übrigens auch dankbar, nicht in der Deutschen Demokratischen Republik gelebt zu haben. Ich wüsste nämlich auch nicht, ob ich mich gemäss den heutigen Verhaltensmassregeln "richtig" und "korrekt" verhalten hätte. Vielleicht hätte einer irgendwann ein Dokument gefunden, was ich unterschrieben hatte. Einen Bericht oder eine Verpflichtung zur Mitarbeit. Etwas, was ich vergessen hatte oder vergessen wollte.
Ich kann noch dankbar sein, in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen zu sein und zu leben. Aber wer weiss: Vielleicht fragt mich irgendwann einmal jemand, warum ich nichts gegen den Kosovokrieg 1999 unternommen habe. Oder warum ich eigentlich Geschäfte mit China mache. Oder warum ich diese oder jene ökologische Entwicklung nicht aufgehalten, nein: sogar befördert habe. "Wie konntest Du nur?" wird man mich vielleicht fragen. Und ich senke den Kopf und fasele etwas von "konnte man nicht wissen". "Ja", sagt der Neffe oder die Nichte, "das stimmt". "Aber wieso hast Du solange dazu geschwiegen? Wieso hast Du nichts gesagt?"
Günter Grass war bei der Waffen-SS. Damals war er 17 Jahre alt. Ist dieses mit 60jähriger Verspätung ausgesprochene Geständnis nur ein Marketing-Trick? Welch ein Unsinn! Wer das sagt, hat noch nie gelitten und deswegen geschwiegen und dieses Schweigen als Quälerei empfunden. Wer das sagt, erhebt sich, spielt den Richter.
Michael Wolffsohn ist so ein Richter. Er entblödet sich nicht zu behaupten, auch Grass' Werk wäre diskreditiert. In Wirklichkeit diskreditiert sich Wolffsohn selber. Sein Talar der Selbstgerechtigkeit (das ist der, den er Grass so gerne streitig macht), riecht sehr streng nach Rache.
Oder Joachim Fest. Das ist derjenige, der damals den Historikerstreit mit der FAZ publizistisch losstiess und Ernst Noltes These ein breites Forum gab. Auch er holt das gut versteckte Messer heraus.
Die Rechnungen werden allenthalben präsentiert. Auch der erbärmliche Hellmuth Karasek, seit einigen Jahren vom seriösen Literaturkritiker zum Plüschhasen des deutschen Bildungsbürgertums mutiert, ergiesst sich in pharisäerhaftem Bedauern und behauptet gar, der Literaturnobelpreis wäre an Grass mit Kenntnis dieser Biographie nicht verliehen worden. Für wie beschränkt hält Karasek eigentlich die Akademie?
Natürlich hat sich Grass immer sehr engagiert und pointiert geäussert. Aber: Ist nur eine Aussage deswegen weniger richtig oder gar falsch, weil uns Grass in seinem Leben etwas verschwiegen hat? Ist die "Blechtrommel" ein minder wichtiges Werk, weil er als 17jähriger ein glühender Nazi-Verehrer war? Oder weiden sich die Damen und Herren nur einem Fehltritt eines "Denkmals", dass sie nun höchstwillkommen beschädigen, und dabei noch parallel mit ihrer (scheinbaren) moralischen Integrität posieren dürfen?
Auch mir ist Grass mit seiner gelegentlichen Betroffenheitsrhetorik und Unterschrifteninflation auf die Nerven gegangen. Es gab Zeiten, da äusserte er sich zu fast jedem Thema. Wie vorschnell er oft den "Untergang" der Demokratie witterte. Erscheint nicht erst jetzt deutlich, warum dieser Alarmismus?
Hier habe ich ihn in der Diskussion und Handke und Jugoslawien kritisiert. Deutlich sichtbar war hier, dass er zu wenig Kenntnisse von Handkes Büchern hatte. Den richtigen Augenblick zum Schweigen zu finden – das ist nie Grass' Stärke gewesen. Sein Anspruch war vielleicht deswegen zu hoch, weil er ihm selbst (für sich) nicht mehr gerecht werden konnte.
Wer jetzt sein Mütchen an ihm kühlt, vergisst, dass es auch Leute wie Grass waren, die dazu beigetragen haben, dass diese Bundesrepublik so ist, wie sie ist – mit ihren Fehlern, aber auch einer immensen freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft. Ob einem das passt oder nicht.
Und ausserdem: Wo steht geschrieben, dass Schriftsteller bessere Menschen sein müssen?
Gregor Keuschnig - 2006-08-14 15:38
Bei Wolffsohns Äußerungen habe ich auch so meine Vorbehalte, aber in diesem speziellen Falle tun Sie ihm Unrecht. In der Netzzeitung hat er geschrieben:
...“Hinter GG´s moralisch-poltischem Größenwahn stand offensichtlich ein kleinmütiger Mann. Er selbst hat sein Lebenswerk auf Lebensgröße, auf das deutsche Normalmaß seiner Zeitgenossen schrumpfen lassen. «Der Kaiser ist nackt.» Durch sein beharrliches Schweigen wird GG´s moralisierendes, NICHT SEIN FABULIERENDES LEBENSWERK entwertet. Bleiben werden GG´s Worte, nicht seine Werte.“
Wolffsohns sieht GG’s Werk ja gerade als nicht diskreditiert an.
Ansonsten ist besonders der letzte Satz von Wolfssohns Grassschelte völliger Blödsinn. Niemand käme auf die Idee, die Werte z.B. des Christentums in Frage zu stellen, nur weil die Verkündiger derselben in 2000 Jahren immer wieder dagegen verstießen
Sie haben recht...
Letztlich sehe ich eine "Entlastung" Wolfssohns nur halb (jetzt wende ich mal selber die Richter-Geste an); der Text ist in stark abschätzigem Duktus geschrieben (Grass wird mit "GG" abgekürzt - dies suggeriert die Nähe zu "SS"; ekelhaft!).
Alleine die Anmassung, Grass Kleinmut zu unterstellen, ist eine bodenlose Frechheit. Und dann das despektierliche "fabulierend"...
Meine Absicht war auch keineswegs, W. auch nur halbwegs zu entlasten. Sie haben ja recht mit Ihren Anmerkungen. Für mich ist es allerdings eher lustig mitanzusehen, wie
all die kleinen Kläffer nun eifrig gegen das Denkmal Grass pinkeln. Dem Denkmal wird’s nicht schaden.
Moment...
Wie gesagt, ich bin Ihnen dankbar für die leichte (und notwendige Korrektur) meiner Schelte.
In der Tat ist es lustig und erbärmlich anzusehen, wie sich jetzt die Wahrheitsminister zu einer neuen Runde Moralin (sauer) besaufen (wie gestern beispielsweise Frau Knobloch, deren Meinung zu diesem Thema etwa so passend ist wie die Meinung der "Bäckerblume" zur Gesundheitsreform) oder diverse "Kulturpolitiker" unterschiedlichster Farben).