Fellow Passenger - 2006-07-06 01:25

Man muß das nicht witzig finden. Man kann auch gegenteiliger Meinung sein. Das rechtfertigt aber nicht automatisch, den Witz zu verbieten.

Ihrem Vergleich mit der "Bild" vermag ich nicht zu folgen. Wäre der beanstandete Titel so wie er ist in "Bild" erschienen, wäre das nicht hinnembar, weil die "Bild" (warum auch immer) als Tageszeitung gilt und man annehmen müsste, die Aufforderung sei ernst gemeint.

Dafür braucht es keinen "Farbigen". Den Begriff beanstandet Telegehirn völlig zurecht, denn er ist diskriminierend. Das ist er weil er die Menschen in Weiße und den Rest teilt, ohne diesem Rest zuzugestehen, verschiedener Hautfarbe zu sein.

Und ja, Titanic ist wirklich eine Satirezeitschrift. Auch wenn der Dickschä prächtige Schädel von Herrn Beck das Wort "Satiremagazin" verdeckt, kann man das leicht erkennen, wenn man sie liest. Darin finden sich neben allerlei Albernheiten durchaus feinsinnige Glossen, gesalzene Polemiken und mit spitzer Feder gezeichnete Karikaturen.

Es ist bestürzend zu sehen, wie eine Armada von Berufsbetroffenen einen Angriff auf den SPD-Chef wähnt, statt den Witz als das zu verstehen, was er ist: Eine Satire auf den Medienwirbel rund um den zum Zeitpunkt der Drucklegung des Heftes noch lebenden Braunbären "Bruno" und die absurde Wortschöpfung "Problembär". Den Text mit dem Portrait eines stattlichen und fröhlichen Politikers zu illustrieren, zeigt sehr schön, wie blödsinnig das ganze Gehabe um den angeblich verhaltensgestörten Bären war.

Wenn Sie allerdings tatsächlich den Umstand, daß in der Regierung keine fähigen Leute sitzen darin begründet sehen, daß fähige Leute sich fürchten, von Satireblättern verspottet zu werden, ist ihnen wohl nicht mehr zu helfen.

Armer Herr Beck! Wie geknickt muß das Ego sein, wenn man sich schon durch eine Satire bedroht fühlt?

Gregor Keuschnig - 2006-07-06 08:10

Lektürehinweis

Bitte genau meinen Beitrag lesen: Wo habe ich geschrieben, dass es (das Titelbild) verboten gehört? Warum unterstellen Sie etwas, was dort gar nicht steht?

Titanic ist eine Satirezeitschrift? Wer sagt das denn? Reicht es, das zu benennen, was es sein soll? (Schlag' nach bei Wittgenstein!)

Das, was Titanic (oft genug) bietet, ist vom Niveau her ähnlich der "Bild"-Zeitung (die beispielsweise - das ist auch satirisch gemeint, ich weiss - von Olli Dietrich als Satirezeitung rubriziert wird). Ähnlich wie "BILD" wähnen sich die "Titanic"-Macher im Vollbesitz der Wahrheit und - vor allem - der Deutungshoheit: Sie bestimmen, was Satire ist. (Bei "Bild" bestimmen die Redakteure, was die Leute zu empfinden, zu glauben, zu mutmassen, zu wissen haben.)

Nein, das Titelblatt ist keine Satire mehr. Dabei bleibe ich unabhängig der rechtlichen Bewertung des Vorgangs. Es erinnert mich an antijüdische Hetzkarikaturen, die im Mittleren Osten kursieren - die ja (komischerweise? glücklicherweise!) niemand hier abdruckt.

Ich bin bin kein "Berufsbetroffener". Kurt Beck als Mensch interessiert mich nicht; ich kritisiere seine Politik, wenn ich sie schlecht finde und lobe sie, wenn ich sie gut finde. Und entsprechend erlaube ich mir, diese (sogenannte) "Satire" nicht als solche zu empfinden. Ich habe mir nur vorgestellt, wie ich mich fühlen würde, wenn ein solches Titelbild mit meinem Konterfei frei verkäuflich wäre.
Köppnick - 2006-07-06 10:24

Kann, muss, darf,

alles richtig. Dass Herrn Becks Anwälte mit der einstweiligen Verfügung durchgekommen sind, zeigt, dass es sowohl Anwälte als auch Richter gibt, die eine andere Meinung haben als der oder die Redakteure der Titanic oder diese wenigstens respektieren. Vielleicht bewegt sich Satire ja immer an einer Grenze, die für jeden an einer anderen Stelle liegen kann. Zum Recht auf freie Meinungsäußerung gehört auch, später die Konsequenzen dafür zu tragen.

Wer ein Titelblatt bringt, auf dem der SPD-Vorsitzende abgebildet ist, und darunter in riesigen Buchstaben zu schreiben "Knallt die Bestie ab", muss sich über die folgenden Reaktionen nicht wundern. Vielleicht wollte man so die Auflage steigern, das will die Bildzeitung mit ihren geschmacklosen Teasern ja auch.
Fellow Passenger - 2006-07-06 11:18

Ich unterstellte nicht, Sie hätten geschrieben, das Titelblild gehöre verboten. Verboten wurde es aber einstweilen. Falls Sie allerdings tatsächlich gegen ein Verbot sein sollten, was ich stark bezweifle, haben Sie das nicht gerade deutlich herausgearbeitet.

Zur Frage Satirezeitschrift ja oder nein: Eine Suchanfrage nach "satiremagazin titanic": fördert bei Google 12500 Treffer zutage. Sucht man nach "nachrichtenmagazin titanic", sind es nur 23. Zufall?

Agitationstip für Amateurbetroffene: Wenn Argumente fehlen, einfach mal laut "Antisemitismus" rufen. Hilft immer.
Gregor Keuschnig - 2006-07-06 11:30

Weiterer Agitationstip

Statt "Antisemitismus" (wird übrigens meistens falsch verwendet, da Araber auch Semiten sind), kann man auch "Antiamerikanismus" einsetzen. Nur, damit Sie mal ein neus Agitationswort haben. - Wie ich zu dieser Art Diskussionskultur stehe, ist in diesem Blog relativ klar ersichtlich, wenn man sich die Mühe macht, einige Beiträge zu lesen.

Wenn sich Titanic als "Satiremagazin" bezeichnet, ist es nur allzu logisch, dass Google dies in den Ergebnissen reflektiert. Das ist aber kein Argument; erst recht nicht, was die Qualität der Zeitschrift angeht. (Zur Zuverlässigkeit von Suchmaschinen: Man suche "brillant" - die richtige Schreibweise - und dann "brilliant").

Ein Künstler wird nicht zum Künstler, in dem er dies selbst proklamiert. Eine Satirezeitschrift ist nicht automatisch witzig, satirisch oder ironisch, nur weil sie sich so bezeichnet und dies medial multipliziert wird.
Mirja (Gast) - 2006-07-06 13:32

Mirja

"Und ja, Titanic ist wirklich eine Satirezeitschrift. Darin finden sich neben allerlei Albernheiten durchaus feinsinnige Glossen, gesalzene Polemiken und mit spitzer Feder gezeichnete Karikaturen."

--- Früher habe ich das alles auch mal in der "Titanic" gefunden. Neulich wollte ich mir für eine Bahnfahrt mal wieder eine kaufen und habe vorher natürlich drin geblättert. Großes Gähnen, liegen gelassen, nicht gekauft. Kann natürlich sein, dass ich einfach alt geworden bin und sich mein Geschmack geändert hat.

"Eine Suchanfrage nach "satiremagazin titanic": fördert bei Google 12500 Treffer zutage. Sucht man nach "nachrichtenmagazin titanic", sind es nur 23. Zufall?"

--- Natürlich kein Zufall, weil sich "Titanic" selbst den Titel "Satiremagazin" verleiht und kein Nachrichtenmagazin sein will. Google-Treffer da als Argument anzuführen geht daneben. Anzahl von Google-Treffern zur Wahrheitsfindung zu benutzen ist überhaupt bestenfalls eine vorläufige Krücke. Lieber mal nachschlagen, was Satire eigentlich ist und mit dem Inhalt von Titanic vergleichen. Nicht überall, wo Satire drauf steht, ist auch Satire drin.

Es ist natürlich nicht völlig klar, was eine Satire ausmacht, was noch Satire ist, was nicht mehr. Und es gibt -zig verschiedene Arten von Satiren. Meine persönliche Meinung: Satire soll hauptsächlich gesellschaftliche Missstände anprangern, ins Lächerliche ziehen, auf die Schippe nehmen usw. Falls nicht die Gesellschaft, sondern einzelne Personen, dann doch bitte mit etwas mehr Inhalt als "Beck sieht aus wie ein Bär, hahaha, ist das lustig". Wie gesagt: großes Gähnen. Ja, vermutlich sollte es eine Satire auf den Medienwirbel um Bär Bruno sein. Ist aber mit diesem Titel überhaupt nicht gelungen - meilenweit an Bruno vorbei geschossen, sozusagen.
Nein, verboten werden sollte das Titelbild deswegen nicht. Die Reaktion von Beck finde ich auch überzogen.
Aber der Satz "Die Satire darf alles" darf nicht zu wörtlich genommen werden, da sollte man schon den Kontext beachten, in dem dieser Satz geschrieben wurde. Der Satz darf auch nicht ständig als Freibrief für echte Bosheiten missbraucht werden.
Schade, dass die "Titanic" wegen dieser Sache so viel Gratis-Werbung bekommt.
Mirja (Gast) - 2006-07-06 13:59

Ergänzung:

Thomas Gsella sagt: "Wir wollten die bärenverachtende Grausamkeit der bayerischen Bärenkiller geißeln" (welche Wortwahl). Da hätten sie bei dem Titel wohl besser ein Bild von Paddington Bär genommen. Oder eines von einem Gummibärchen. Oder den Berliner Bären. Oder einen Plüschteddy mit Herzchen. Oder Samson. Oder Käpt'n Blaubär. Oder den Charmin-Bär. Ja, der gefiele mir dafür am besten. Da hätte ich wohl Schmunzeln können. Irgendwie glaube ich Gsella nicht so ganz.
Fellow Passenger - 2006-07-07 01:38

Ich fürchte Antiamerikanismus ist als Totschlagargument völlig ungeeiegnet. Es fehlt das Tabu. Ich kann mich jederzeit hinstellen und behaupten, daß ich George W. B. für einen Volltrottel halte, ohne besonderen Gegenwind befürchten zu müssen.

Das "Argument" Google ist natürlich Quatsch, da haben Sie schon recht, bester Herr Keuschnig. Es fiel mir nur ein, weil Sie sich meiner qualitativen Argumentation in dieser Hinsicht bislang hartnäckig verschließen. Vielleicht kommen wir uns andersherum näher. Für was, wenn nicht eine Satirezeitschrift, halten Sie denn die "Titanic"? In Ihrem Beitrag oben sprachen sie eben genau von einer Satirezeitschrift. Vielleicht ein Versehen.

Ihner Argumentation, Herr oder Frau Mirja, vermag ich zu folgen. Wahrscheinlich, weil Sie tatsächlich auch Argumente ins Feld führen. Was mich wundert: War Ihnen beispielsweise der Artikel "Der Deutsche" von Stefan Gärtner auf Seite 16 ff wirklich zu flach? Fanden Sie O. M. Schmitts Rezension von "Park Avenue" langweilig?

Von "Gratis-Werbung" kann man aber wohl nicht sprechen. Die Fotomontage von Björn Engholm in der Badewanne in der Uwe Barschel tot aufgefunden wurde, brachte Engholm zwar 40.000 DM
Schadenersatz, kostete den Titanic-Verlag aber 230.000 DM. Bei einer Druckauflage von knapp 100.000 Heften (verkauft werden wohl nur um die 60.000) ist das ziemlich viel.

Die Herren Döpfner und Dieckmann kostet solcherlei nur ein müdes Arschrunzeln. Nicht weil sie, wie man fast vermuten möchte, Mengenrabatte bekommen, sondern weil es angesichts der millionenstarken Auflage einfach keine Rolle spielt. Der einzige Unterschied ist, daß Dick & Doof ihre Witze als Tatsachen verkaufen, während Titanic einen Witz, Witz sein lässt.
Köppnick - 2006-07-07 09:14

@Mirja

Versuch es anstelle der Titanic mal mit dem Eulenspiegel. Den sollte es am Bahnhofskiosk auch geben. Der Eulenspiegel enthält nicht diese Art Dampfhammer"satire", sondern ist etwas feinsinniger.
Gregor Keuschnig - 2006-07-07 09:59

@Fellow Passenger

Ja, "Antiamerikanismus" ist wirklich (in jeder Hinsicht) abgegriffen; da haben sie recht. (Im vergangenen Jahr wurde jemandem unterstellt, er sei antiamerikanisch, weil er leise Zweifel an der "Sauberkeit" des Radfahrers Lance Armstrong äusserte; naja, dieses Niveau brauchen wir nicht weiter zu diskutieren, glaube ich).

Dass ich Titanic als Satirezeitschrift bezeichnet habe - nehmen Sie's als Zitat. Wie ich sie einordnen soll? Ich weiss es nicht. Herr Köppnick bezeichnet es im heutigen Posting als "Dampfhammer'satire'" - das trifft es sehr genau. Man schart eine gewisse Anzahl von Gläubigen (bspw. übriggebliebene "Altlinke"), um dann in Stammtischmanier (nur von der anderen, der [scheinbar] intellektuellen Seite kommend) nach Belieben auf die konsensuellen "Hassobjekte" einzudreschen. Das ist dem allgemeinen Politik(er)-Bashing billigster Sorte zum Verwechseln ähnlich. Das ist der Grund, warum mich dieses Cover auch stört.

Wir werden uns vermutlich nicht einig, was Satire ist und was nicht - das müssen wir ja auch gar nicht. Aber: Es ist nicht immer gleich die Keule der Denunziation für diejenigen herauszuholen (das haben Sie ausdrücklich nicht gemacht!), die dies ablehnen.

Im übrigen glaube ich, dass es sehr wohl einen Werbeeffekt gibt, der sich allerdings nicht pekuniär niederschlägt. Titanic ist eine der Zeitschriften, die (fast) jeder kennt, aber kaum jemand regelmässig kauft.
"Dick & Doof" gefällt mir ausnehmend gut!
Fellow Passenger - 2006-07-08 03:50

Ich hätte es gar nicht vermutet, verehrter Herr Keuschnik, aber es scheint, wir kommen tatsächlich zu einer Einigung.

"Dampfhammersatire" trifft es ganz gut, wenn es zu beschreiben gilt, was auf den Titelseiten der verschiedenen Ausgaben von "Titanic" zu sehen ist. Fairerweise muß man aber auch sehen, daß der Titel praktisch nie mit dem Inhalt des Periodikums zu tun hat. Das ist aber bei anerkannten "Faktenmagazinen" wie "Focus" oder "Illustrieren", wie "Stern" kaum anders. Das Cover ist bei allen natürlich immer in erster Linie Werbung. Der Spiegel druckt auch immer wieder gerne nackte Damen auf seine Titelseite, obwohl es im Heft dann doch nicht so um Sex geht.

Komischerweise scheint sich niemand darüber ereifert zu haben, als Titanic Angela Merkel auf dem Cover zeigte und die Frage stellte, "Darf das Kanzler werden". Hätte das Merkel die Kanzlerin klagen sollen?

Politiker-Bashing sollte einem Magazin das defnintionsgemäß sagt, "wir meinen es nicht wörtlich". vulgo Satiren schreibt, schon erlaubt sein. Im Gegenzug darf jeder bekunden, wenn er das gar nicht lustig findet.

Was ich nicht verstehe, ist, wo Sie den Werbeeffekt sehen. Die Fronten scheinen festgelegt zu sein. Sie haben, so nehme ich an, nicht einmal das aktuelle Heft gekauft, ich bekomme seit 1990 alle Ausgaben zugestellt. Die im Impressum angegebene Druckauflage von rund 100.000 Stück hat sich seit dem nie wesentlich geändert.

Ihre Einlassung, Herr oder Frau Egalo finde ich allerdings interessant. Wenn ich Sie recht verstehe, fabriziert Metzger Raab astreine Satire, während Titanic mehr so eine Art Unterschichen-Bashing betreibt, ja? Sie können es sogar besser? Dürfte ich da bitte auf eine Leseprobe von Ihnen bestehen? Das wäre durchaus in Ihrem Interesse, denn bislang halte ich Sie, ehrlich gesagt, für einen eher einfachen Geist.
Gregor Keuschnig - 2006-07-08 16:55

Teileinigung

Ich hatte das Wörtchen Satire in Dampfhammer'satire' (wie Herr Köppnick auch) in Anführungszeichen gesetzt. Es ist keine Satire, sondern Verunglimpfung.

Und wenn man das Wort "Farbige" kritisiert (aufgrund einer vollkommen blödsinnigen Verdrängung der Tatsache, das es tatsächlich Menschen verschiedener Hautfarben auf dieser Welt gibt und diese Benennung an sich noch keine Diskriminisrung darstellt) und gleichzeitig das Vorgehen der "Titanic" goutiert, dann bleiben schon Differenzen in der Beurteilung.

Die Einlassung, jeder dürfe bekunden, dass er dies nicht witzig findet, ist mir zu gönnerhaft. Sie impliziert eine höhere Warte.

Im Internet kann man ja in verschiedenen Foren und auch auch bei Satirikern durchaus differenzierte Meinungen zum Fall Beck finden.

Wenn selbst die gelegentlichen Skandale zu keiner Steigerung der Auflage bei der Titanic führen (wenigstens kurzfristig), so ist das einerseits merkwürdig . könnte jedoch auch andererseits zeigen, dass das Magazin selbst bei extremer Ausrichtung keine dauerhafte Neugier weckt.
Köppnick - 2006-07-08 17:15

@Keuschnig

Die Festlegung, das Wort "Farbiger" als Diskriminierung anzusehen, rührt daher, dass man "Weiß" als keine Farbe ansieht (~unbunt~). Physikalisch entspricht das etwa dem Kenntnisstand zu Goethes Zeiten. Wenn man es mit der heutigen Farbenlehre ganz genau nimmt, sind Weiße auch Farbige. Nur reines Schwarz wäre keine Farbe, aber dieses Schwarz kommt in der Natur nicht vor.

Nach meiner Beobachtung setzt ein Streit um Wörter und deren Deutung immer dann ein, wenn man sich nicht mehr mit Argumenten auseinandersetzen möchte. Da reiht sich dann Farbiger in die Liste von Totschlagwörtern wie Antisemit, Linker, Rechter, etc. ein.

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