Günter Grass attackiert Peter Handke. Vom ungleichen Messen
In einer Rede bei der Eröffnung des PEN-Kongresses in Berlin sagte Günter Grass Ende Mai zur Rede Harold Pinters anlässlich seines Literaturnobelpreises im Jahre 2005:
In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen...Harold Pinter hat das Unrecht benannt. Beispielhaft hat er bewiesen, was »Schreiben in friedloser Zeit« bewirken kann. Wir Schriftsteller sind aufgerufen, nicht nur anders, das heißt jenseits aller Parteinahme, die Toten zu zählen, sondern auch aufgrund unserer besonderen Begabung den einzelnen Toten, gleich ob Freund oder Feind, Frau oder Kind, aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, auf dass er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat.
Halten wir einen Moment inne. Pinter geisselte wortgewaltig und zornig in seiner Rede vor der Schwedischen Akademie (übertragen per Videoinstallation) die Aussenpolitik der USA nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Folgen. Die Rede gilt bei deutschen Intellektuellen (zu recht) als brillante Subsummierung und eine emphatische Anklage. In Deutschland wurde sie nur von sehr wenigen Blättern publiziert. Ansonsten trifft Grass' Beschreibung den Kern genau: Das deutsche Feuilleton hat über sie hergezogen, ohne dem Leser den umfassenden Einblick zu gewähren. Man war sich einig und oft genug wurde das Totschlagsargument "Antiamerikanismus" aufgebracht (übrigens auch für Grass' Rede, die doch - im Vergliech zu Pinter - einigermassen opahaft und bieder daherkommt).
In seinem Heimatland gilt Pinter als (politischer) Querulant, dessen "Eskapaden" nur mit seinem Alter, seiner Krankheit oder beidem "entschuldigt" werden. Was hierzulande wenig bekannt ist: Pinter hat auch hinsichtlich der jugoslawischen Sezessionskriege, eine dezidiert andere Meinung als der "Mainstream" und hat den NATO-Angriff 1999 hart verurteilt.
Am 14.6. „brach“ nun Günter Grass sein „Schweigen“ zu Handke und gab der ZEIT ein Interview. Für seine Empathie, was das Schreiben in friedloser Zeit angeht, bleibt plötzlich nichts mehr übrig. Sein Bashing gegenüber allen, die Handkes Position verstehen, erläutern, gar preiswürdig finden, ist umfassend. Ausgerechnet Grass, das "moralische Gewissen" (freilich eine ihm okroyierte Bezeichnung - soviel Fairness muss sein), der Wetterer wider des (politischen, gesellschaftlichen) common-sense, der (selbsternannte? – klingt das denunziatorisch?) Wahrer der demokratischen Kultur, poltert.
Grass kam für mich - insbesondere in den 90er Jahren - als Vielunterzeichner mit fast pawlowscher Reflexhaftigkeit daher, wenn es galt, das Gute zu verteidigen, das Böse zu geisseln (die Deutungshoheit blieb dabei freilich immer bei ihm). Warum jetzt erst zu Handke? Vielleicht hat er hier etwas länger überlegt und abgewogen: Nimmt er eine Handke-freundliche Position ein, bricht die geballte Macht des Feuilletons auch noch über ihn herein – und dies 79jährig. Ganz sicher kein Vergnügen, zumal die (ästhetischen und persönlichen) Scharmützel mit Reich-Ranicki endlich, nach Zig-Jahren ausgeräumt scheinen – man hat seinen Frieden geschlossen. Der (verdiente) Literaturnobelpreis gibt gelegentlich zusätzlich guten Schutz. Warum also dies aufgeben?
Was dann am meisten erstaunt, ist Grass', des Dichters, halt- und hilflose Sprache: Handke habe sich verrannt heisst es am Anfang noch gemässigt, bis es dann schnell furioser wird, wenn er von Handkes Parteinahme für Serbien spricht, welche unsinnig und einseitig sei. Am Ende heisst es dann, Handke habe immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen.
Nehmen wir einen Moment an, Grass' Diktum der Parteinahme würde stimmen: Warum ist sie denn per se unsinnig? Generell gefragt: Ist eine Parteinahme nicht immer einseitig - dieser Vorwurf also ein Pleonasmus? Wer bestimmt denn Sinn und Unsinn eines Argumentes, eines Kommentars, einer Sichtweise?
Diese Sentenz zeigt die Fehlerhaftigkeit von Grass' Argumentation. Handke sieht sein Geschriebenes nicht als blosse Parteinahme, als einfachen Kontrapunkt nach dem Motto, ich widerspreche per se wenn jemand "schwarz" sagt, mit "weiss". Dennoch: Als auf dem Höhepunkt der Kriegsberichterstattungen (es waren ja mehrere Kriege und mehrere Höhepunkte) – war / ist es nicht geradezu eine Pflicht, gegen die (wie sich später mehrfach herausgestellt hat) falschen und tendenziösen Berichte auch einmal eine andere Sicht mindestens als Möglichkeit des Denkens, Betrachtens, Sehens einzuführen?
Wie begründet Grass seine Meinung, Handkes Sichtweise als Meinungen, die man nachweislich als falsch bezeichnen kann in Bausch und Bogen abzuqualifizieren? Wir werden es nicht erfahren; es wurde leider nicht gefragt.
Und was bedeutet denn, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen? Welches sind denn Handkes unsinnigste Argumente? Oder hört, besser: liest, man nur die vorgefertigte, angelesene Meinung diverser journalistischer Artikel aus Grass' Urteil heraus und weniger das genaue Studium der Bücher?
Wenigstens bleibt Grass konsequent (aber: Konsequenz allein ist keine Kunst): Mit Grandezza negiert er die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung per se. Damit lässt er – ob er will oder nicht – nur den Mainstream gelten, obwohl er eingangs noch die politische Rolle der EU und Deutschlands bei der viel zu vorzeitigen Anerkennung von Slowenien und Kroatien konstatiert. Lapidar und wenig überzeugend seine Einlassungen zum Kosovo-Krieg der NATO: Ich bin für den Militärschlag gegen den serbischen Terror im Kosovo gewesen. Aber dann kam es unter Oberhoheit der Vereinigten Staaten jeden Tag zu den so genannten Kollateralschäden. Ah ja.
Im weiteren Verlauf unterstellt Christof Siemes, der überforderte Fragesteller, Handke stilisiere Milosevic zum "Opfer", was schlichtweg falsch ist. Für Grass eine Steilvorlage: Ihn [Milosevic] zähle ich nun nicht zu den anonymen, unbekannten Opfern von politischen Fehlentscheidungen. Die wahren Opfer liegen an verschiedenen Stellen verscharrt, in Srebrenica und anderswo. Grass insinuiert damit, Handke würde Srebenica und andere Massaker in irgendeiner Form goutieren. Er ignoriert damit (unwissentlich? bösartig??) Handkes verschiedene – eindeutigen – Stellungnahme(n), die man hätte mindestens vorher lesen sollen, wenn man schon die Lektüre der Primärliteratur verabsäumt hat.
Grass sieht im weiteren Verlauf bei Handke nur eine Art starrsinniger Konsequenz. Dieser Konsequenz spricht er als Wert an sich eine poetische Qualität ab. Das ist natürlich richtig. Grass geht aber davon aus, dass Handkes Besuch und Rede bei der Beerdigung aus Loyalitätsgründen zu Milosevic geschehen sei; eine Art trotzige Parteinahme mit dem Nebeneffekt, sich wieder als Provokateur zu generieren.
Handke schreibt hierzu:
>> Es war die Sprache, die mich auf den Weg brachte, die Sprache einer so genannten Welt, die die Wahrheit wusste über diesen "Schlächter" und "zweifellos" schuldigen "Diktator", dem noch sein Tod zur Schuld gereichen sollte, weil er sich "vor dem Schuldspruch, ohne Zweifel lebenslänglich, weggestohlen" habe – warum, fragte ich, bedurfte es da noch eines Gerichtes, um ihn schuldig zu sprechen?
Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac – in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalität zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalität zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache. <<
Am Rande gefragt: Wer würde eigentlich Otto Schily eine ideologische oder sonst wie geartete „Nähe“ zu Ulrike Meinhof attestieren, nur weil dieser auch auf ihrer Beerdigung anwesend war und eine Rede gehalten hat? Und, wie es der Dichter Martin Mosebach in seinem wunderbaren Artikel "Vom Recht, Verbrecher verstehen zu wollen" ("Epik ist Vielstimmigkeit, kein Unisono") auf den Punkt gebracht hat: "Dass die letzte Ehre, die man einem Toten erweist, niemals der Rechtfertigung bedarf, sondern einer jener axiomatischen Akte ist, die das Fundament der Humanität bilden, scheint bei gewissen Verteidigern der Menschenrechte nicht mehr verstanden werden zu können." (Ein klassischer "Antigone-Konflikt"?)
Und in einem Punkt irrt Grass auch, wenn er sagt Handke wird ja Rechenschaft nicht für sein literarisches Werk abverlangt, sondern für seine politischen Ansichten. Die Absetzung seines Stückes „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land“ vom Spielplan der Comédie Française zeigt, dass der Streit längst eine andere Dimension bekommen hat, das es einigen um die Desavouierung auch von Handkes Werk geht. Das hat Grass nicht erkannt und – abermals bedauerlich – wurde vom Christof Siemes nicht angesprochen.
Interessant, wie sich Grass zur Frage nach dem moralischen Mainstram äussert:
ZEIT: Wieder ist die Rede davon, dass es in Deutschland eine Art moralischen Mainstream gibt, von dem man nicht abweichen darf. Gibt es eine solche Diktatur der Political Correctness?
Grass: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es gibt keinen Meinungsterror, aber Tabuisierungen, und da ist es schwer, eine Gegenmeinung zu formulieren, ohne gleich unter einen argumentfreien Verdacht gestellt zu werden. Als ich 1989/90 vorschlug, es zunächst mit einer Konföderation zu versuchen, war das ein Tabu. Es ging nur um Deutschland, einig Vaterland.
ZEIT: Sie konnten Ihre Position nicht äußern?
Grass: Äußern schon, aber es hat niemand mehr zugehört. Wenn man infrage stellte, was beschlossen wurde, galt man als Feind der deutschen Einheit. So wie auch jede Kritik an Amerika gleich als Antiamerikanismus diffamiert wird. Ein Totschlaginstrument.
Typisch: Grass beantwortet die Frage nach dem "Mainstream" gar nicht, sondern erwidert, dass es keinen "Meinungsterror" gebe. Nur: Das hat niemand behauptet.
Abgesehen davon, dass Grass en passant Öffentlichkeit vermisst (was sicherlich nicht objektiv ist – denn Grass war seinerzeit sehr wohl im Gespräch und ist es immer noch, wenn er es möchte) – plötzlich, wenn es ihn selber betrifft, wird seine Sicht was "Mainstream" angeht, wieder "dagegen".
Dies zeigt den Unterschied zwischen Handke und Grass – einem fragenden, tastenden Dichter, und einem immer alles wissenden: Grass kennt nur "dafür" oder "dagegen". Die Dichotomien der Eindeutigkeiten. Keine Grautöne. Keine Differenzierungen. Die Welt muss einfach bleiben. Er ist damit denen, die er stets so pauschal angreift, in keinster Weise unähnlich – nur, dass er (meist) von der entgegengesetzten Position kommt. Das stört übrigens solange nicht, solange Grass Positionen einnimmt, denen man selbst weitgehend zustimmt. Die Holzschnitte seiner Argumentationen werden erst dann sichtbar, wenn Grass alles mit ihnen erklären will.
Einen Unterschied zwischen poetischer und journalistischer Sprache sieht Grass nicht. Wozu ist Grass denn noch ein Dichter?
Wenn jemand wie Handke freimütig (naiv?) bekennt, dass er nichts weiss, keine Ahnung hat, "Alleinschuld"- oder Kollektivschuldurteile hinterfragt – damit kann jemand wie Grass, der stets die Moral und das Besserwissen für sich beansprucht hat, nichts anfangen.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Günter Grass ist ein grosser Schriftsteller und ist (war?) ein guter Beobachter deutscher Innenpolitik. Sein Blick ist dabei nicht vorurteilsfrei – aber warum auch. Seine politischen Präferenzen sind immer noch auf Leute wie Willy Brandt ausgerichtet; insofern pflegt man die Tempel der Vergangenheit. Ja, ich bin Grass für sein Engagement zu Brandt dankbar. Es war damals gesellschaftlich verdammt notwendig. Das ist aber über dreissig Jahre her. Und, wer weiss, vielleicht haben andere mit weniger lautem "Engagement" ähnliches ausgerichtet?
Ich habe Grass' (politisch katastrophales) Buch "Ein weites Feld", in dem er 1990 literarisch ein neues, quasi "viertes Reich" im Deutschland nach der Vereinigung am Horizont hervorlugen sah und dies kunstvoll, polemisch, heiter und gelegentlich bösartig tat, mit Genuss gelesen und seine Unsinnigkeiten immer verteidigt. Hätte ein Amerikaner dieses Buch über Deutschland geschrieben – es wäre hymnisch besprochen worden. Bei Grass wurde es verrissen, weil es im damaligen Mainstream nicht passte. Grass machte es den Verächtern leicht, weil sein Wiederaufstehen Bismarcks oder anderer Reichspolitiker lächerlich daherkam. Hinter jedem Baum sah er einen wiederaufstrebenden deutschen Nationalismus - sah er 1871 zurückkommen. Dies zeigte für viele die Fehlerhaftigkeit seiner politischen Grobmotorik.
Sein Wort von der "kommoden Diktatur", welches die DDR gewesen sei, wird ihm heute noch um die Ohren geschmissen. Für viele symbolisiert es die Fehlerhaftigkeit seiner historischen Einordnungen. Das mag sein. Dennoch: Grass bleibt primär Dichter, und ein guter.
Aber Botho Strauss hat recht, als er in seinem (teilweise zurecht) umstrittenen Artikel "Was bleibt von Handke" schreibt: "Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur."
Ich hätte mir gewünscht, Grass hätte zu Handke geschwiegen. Seine paternalistischen, schulmeisterlichen Sentenzen führen in die Irre, verbauen die Sicht und wirken seltsam hölzern.
Alle kursiv geschriebenen Stellen sind Zitate von Günter Grass.
Zum Weiterlesen:
In der Wochenendausgabe vom 17.6. der NZZ (Info via Adresscomptoir) ist ein Interview mit Peter Handke abgedruckt, welches sich ausschliesslich mit der Jugoslawien-Problematik beschäftigt. Martin Meyers Statement hierzu soll nicht verschwiegen werden.
In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen...Harold Pinter hat das Unrecht benannt. Beispielhaft hat er bewiesen, was »Schreiben in friedloser Zeit« bewirken kann. Wir Schriftsteller sind aufgerufen, nicht nur anders, das heißt jenseits aller Parteinahme, die Toten zu zählen, sondern auch aufgrund unserer besonderen Begabung den einzelnen Toten, gleich ob Freund oder Feind, Frau oder Kind, aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, auf dass er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat.
Halten wir einen Moment inne. Pinter geisselte wortgewaltig und zornig in seiner Rede vor der Schwedischen Akademie (übertragen per Videoinstallation) die Aussenpolitik der USA nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Folgen. Die Rede gilt bei deutschen Intellektuellen (zu recht) als brillante Subsummierung und eine emphatische Anklage. In Deutschland wurde sie nur von sehr wenigen Blättern publiziert. Ansonsten trifft Grass' Beschreibung den Kern genau: Das deutsche Feuilleton hat über sie hergezogen, ohne dem Leser den umfassenden Einblick zu gewähren. Man war sich einig und oft genug wurde das Totschlagsargument "Antiamerikanismus" aufgebracht (übrigens auch für Grass' Rede, die doch - im Vergliech zu Pinter - einigermassen opahaft und bieder daherkommt).
In seinem Heimatland gilt Pinter als (politischer) Querulant, dessen "Eskapaden" nur mit seinem Alter, seiner Krankheit oder beidem "entschuldigt" werden. Was hierzulande wenig bekannt ist: Pinter hat auch hinsichtlich der jugoslawischen Sezessionskriege, eine dezidiert andere Meinung als der "Mainstream" und hat den NATO-Angriff 1999 hart verurteilt.
Am 14.6. „brach“ nun Günter Grass sein „Schweigen“ zu Handke und gab der ZEIT ein Interview. Für seine Empathie, was das Schreiben in friedloser Zeit angeht, bleibt plötzlich nichts mehr übrig. Sein Bashing gegenüber allen, die Handkes Position verstehen, erläutern, gar preiswürdig finden, ist umfassend. Ausgerechnet Grass, das "moralische Gewissen" (freilich eine ihm okroyierte Bezeichnung - soviel Fairness muss sein), der Wetterer wider des (politischen, gesellschaftlichen) common-sense, der (selbsternannte? – klingt das denunziatorisch?) Wahrer der demokratischen Kultur, poltert.
Grass kam für mich - insbesondere in den 90er Jahren - als Vielunterzeichner mit fast pawlowscher Reflexhaftigkeit daher, wenn es galt, das Gute zu verteidigen, das Böse zu geisseln (die Deutungshoheit blieb dabei freilich immer bei ihm). Warum jetzt erst zu Handke? Vielleicht hat er hier etwas länger überlegt und abgewogen: Nimmt er eine Handke-freundliche Position ein, bricht die geballte Macht des Feuilletons auch noch über ihn herein – und dies 79jährig. Ganz sicher kein Vergnügen, zumal die (ästhetischen und persönlichen) Scharmützel mit Reich-Ranicki endlich, nach Zig-Jahren ausgeräumt scheinen – man hat seinen Frieden geschlossen. Der (verdiente) Literaturnobelpreis gibt gelegentlich zusätzlich guten Schutz. Warum also dies aufgeben?
Was dann am meisten erstaunt, ist Grass', des Dichters, halt- und hilflose Sprache: Handke habe sich verrannt heisst es am Anfang noch gemässigt, bis es dann schnell furioser wird, wenn er von Handkes Parteinahme für Serbien spricht, welche unsinnig und einseitig sei. Am Ende heisst es dann, Handke habe immer die Neigung gehabt, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen.Nehmen wir einen Moment an, Grass' Diktum der Parteinahme würde stimmen: Warum ist sie denn per se unsinnig? Generell gefragt: Ist eine Parteinahme nicht immer einseitig - dieser Vorwurf also ein Pleonasmus? Wer bestimmt denn Sinn und Unsinn eines Argumentes, eines Kommentars, einer Sichtweise?
Diese Sentenz zeigt die Fehlerhaftigkeit von Grass' Argumentation. Handke sieht sein Geschriebenes nicht als blosse Parteinahme, als einfachen Kontrapunkt nach dem Motto, ich widerspreche per se wenn jemand "schwarz" sagt, mit "weiss". Dennoch: Als auf dem Höhepunkt der Kriegsberichterstattungen (es waren ja mehrere Kriege und mehrere Höhepunkte) – war / ist es nicht geradezu eine Pflicht, gegen die (wie sich später mehrfach herausgestellt hat) falschen und tendenziösen Berichte auch einmal eine andere Sicht mindestens als Möglichkeit des Denkens, Betrachtens, Sehens einzuführen?
Wie begründet Grass seine Meinung, Handkes Sichtweise als Meinungen, die man nachweislich als falsch bezeichnen kann in Bausch und Bogen abzuqualifizieren? Wir werden es nicht erfahren; es wurde leider nicht gefragt.
Und was bedeutet denn, mit den unsinnigsten Argumenten eine Gegenposition einzunehmen? Welches sind denn Handkes unsinnigste Argumente? Oder hört, besser: liest, man nur die vorgefertigte, angelesene Meinung diverser journalistischer Artikel aus Grass' Urteil heraus und weniger das genaue Studium der Bücher?
Wenigstens bleibt Grass konsequent (aber: Konsequenz allein ist keine Kunst): Mit Grandezza negiert er die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung per se. Damit lässt er – ob er will oder nicht – nur den Mainstream gelten, obwohl er eingangs noch die politische Rolle der EU und Deutschlands bei der viel zu vorzeitigen Anerkennung von Slowenien und Kroatien konstatiert. Lapidar und wenig überzeugend seine Einlassungen zum Kosovo-Krieg der NATO: Ich bin für den Militärschlag gegen den serbischen Terror im Kosovo gewesen. Aber dann kam es unter Oberhoheit der Vereinigten Staaten jeden Tag zu den so genannten Kollateralschäden. Ah ja.
Im weiteren Verlauf unterstellt Christof Siemes, der überforderte Fragesteller, Handke stilisiere Milosevic zum "Opfer", was schlichtweg falsch ist. Für Grass eine Steilvorlage: Ihn [Milosevic] zähle ich nun nicht zu den anonymen, unbekannten Opfern von politischen Fehlentscheidungen. Die wahren Opfer liegen an verschiedenen Stellen verscharrt, in Srebrenica und anderswo. Grass insinuiert damit, Handke würde Srebenica und andere Massaker in irgendeiner Form goutieren. Er ignoriert damit (unwissentlich? bösartig??) Handkes verschiedene – eindeutigen – Stellungnahme(n), die man hätte mindestens vorher lesen sollen, wenn man schon die Lektüre der Primärliteratur verabsäumt hat.
Grass sieht im weiteren Verlauf bei Handke nur eine Art starrsinniger Konsequenz. Dieser Konsequenz spricht er als Wert an sich eine poetische Qualität ab. Das ist natürlich richtig. Grass geht aber davon aus, dass Handkes Besuch und Rede bei der Beerdigung aus Loyalitätsgründen zu Milosevic geschehen sei; eine Art trotzige Parteinahme mit dem Nebeneffekt, sich wieder als Provokateur zu generieren.
Handke schreibt hierzu:
>> Es war die Sprache, die mich auf den Weg brachte, die Sprache einer so genannten Welt, die die Wahrheit wusste über diesen "Schlächter" und "zweifellos" schuldigen "Diktator", dem noch sein Tod zur Schuld gereichen sollte, weil er sich "vor dem Schuldspruch, ohne Zweifel lebenslänglich, weggestohlen" habe – warum, fragte ich, bedurfte es da noch eines Gerichtes, um ihn schuldig zu sprechen?
Solche Sprache war es, die mich veranlasst zu meiner Mini-Rede in Pozarevac – in erster und letzter Linie solche Sprache, nicht eine Loyalität zu Slobodan Milosevic, sondern die Loyalität zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache. <<
Am Rande gefragt: Wer würde eigentlich Otto Schily eine ideologische oder sonst wie geartete „Nähe“ zu Ulrike Meinhof attestieren, nur weil dieser auch auf ihrer Beerdigung anwesend war und eine Rede gehalten hat? Und, wie es der Dichter Martin Mosebach in seinem wunderbaren Artikel "Vom Recht, Verbrecher verstehen zu wollen" ("Epik ist Vielstimmigkeit, kein Unisono") auf den Punkt gebracht hat: "Dass die letzte Ehre, die man einem Toten erweist, niemals der Rechtfertigung bedarf, sondern einer jener axiomatischen Akte ist, die das Fundament der Humanität bilden, scheint bei gewissen Verteidigern der Menschenrechte nicht mehr verstanden werden zu können." (Ein klassischer "Antigone-Konflikt"?) Und in einem Punkt irrt Grass auch, wenn er sagt Handke wird ja Rechenschaft nicht für sein literarisches Werk abverlangt, sondern für seine politischen Ansichten. Die Absetzung seines Stückes „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land“ vom Spielplan der Comédie Française zeigt, dass der Streit längst eine andere Dimension bekommen hat, das es einigen um die Desavouierung auch von Handkes Werk geht. Das hat Grass nicht erkannt und – abermals bedauerlich – wurde vom Christof Siemes nicht angesprochen.
Interessant, wie sich Grass zur Frage nach dem moralischen Mainstram äussert:
ZEIT: Wieder ist die Rede davon, dass es in Deutschland eine Art moralischen Mainstream gibt, von dem man nicht abweichen darf. Gibt es eine solche Diktatur der Political Correctness?
Grass: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es gibt keinen Meinungsterror, aber Tabuisierungen, und da ist es schwer, eine Gegenmeinung zu formulieren, ohne gleich unter einen argumentfreien Verdacht gestellt zu werden. Als ich 1989/90 vorschlug, es zunächst mit einer Konföderation zu versuchen, war das ein Tabu. Es ging nur um Deutschland, einig Vaterland.
ZEIT: Sie konnten Ihre Position nicht äußern?
Grass: Äußern schon, aber es hat niemand mehr zugehört. Wenn man infrage stellte, was beschlossen wurde, galt man als Feind der deutschen Einheit. So wie auch jede Kritik an Amerika gleich als Antiamerikanismus diffamiert wird. Ein Totschlaginstrument.
Typisch: Grass beantwortet die Frage nach dem "Mainstream" gar nicht, sondern erwidert, dass es keinen "Meinungsterror" gebe. Nur: Das hat niemand behauptet.
Abgesehen davon, dass Grass en passant Öffentlichkeit vermisst (was sicherlich nicht objektiv ist – denn Grass war seinerzeit sehr wohl im Gespräch und ist es immer noch, wenn er es möchte) – plötzlich, wenn es ihn selber betrifft, wird seine Sicht was "Mainstream" angeht, wieder "dagegen".
Dies zeigt den Unterschied zwischen Handke und Grass – einem fragenden, tastenden Dichter, und einem immer alles wissenden: Grass kennt nur "dafür" oder "dagegen". Die Dichotomien der Eindeutigkeiten. Keine Grautöne. Keine Differenzierungen. Die Welt muss einfach bleiben. Er ist damit denen, die er stets so pauschal angreift, in keinster Weise unähnlich – nur, dass er (meist) von der entgegengesetzten Position kommt. Das stört übrigens solange nicht, solange Grass Positionen einnimmt, denen man selbst weitgehend zustimmt. Die Holzschnitte seiner Argumentationen werden erst dann sichtbar, wenn Grass alles mit ihnen erklären will.
Einen Unterschied zwischen poetischer und journalistischer Sprache sieht Grass nicht. Wozu ist Grass denn noch ein Dichter?
Wenn jemand wie Handke freimütig (naiv?) bekennt, dass er nichts weiss, keine Ahnung hat, "Alleinschuld"- oder Kollektivschuldurteile hinterfragt – damit kann jemand wie Grass, der stets die Moral und das Besserwissen für sich beansprucht hat, nichts anfangen.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Günter Grass ist ein grosser Schriftsteller und ist (war?) ein guter Beobachter deutscher Innenpolitik. Sein Blick ist dabei nicht vorurteilsfrei – aber warum auch. Seine politischen Präferenzen sind immer noch auf Leute wie Willy Brandt ausgerichtet; insofern pflegt man die Tempel der Vergangenheit. Ja, ich bin Grass für sein Engagement zu Brandt dankbar. Es war damals gesellschaftlich verdammt notwendig. Das ist aber über dreissig Jahre her. Und, wer weiss, vielleicht haben andere mit weniger lautem "Engagement" ähnliches ausgerichtet?
Ich habe Grass' (politisch katastrophales) Buch "Ein weites Feld", in dem er 1990 literarisch ein neues, quasi "viertes Reich" im Deutschland nach der Vereinigung am Horizont hervorlugen sah und dies kunstvoll, polemisch, heiter und gelegentlich bösartig tat, mit Genuss gelesen und seine Unsinnigkeiten immer verteidigt. Hätte ein Amerikaner dieses Buch über Deutschland geschrieben – es wäre hymnisch besprochen worden. Bei Grass wurde es verrissen, weil es im damaligen Mainstream nicht passte. Grass machte es den Verächtern leicht, weil sein Wiederaufstehen Bismarcks oder anderer Reichspolitiker lächerlich daherkam. Hinter jedem Baum sah er einen wiederaufstrebenden deutschen Nationalismus - sah er 1871 zurückkommen. Dies zeigte für viele die Fehlerhaftigkeit seiner politischen Grobmotorik.
Sein Wort von der "kommoden Diktatur", welches die DDR gewesen sei, wird ihm heute noch um die Ohren geschmissen. Für viele symbolisiert es die Fehlerhaftigkeit seiner historischen Einordnungen. Das mag sein. Dennoch: Grass bleibt primär Dichter, und ein guter.
Aber Botho Strauss hat recht, als er in seinem (teilweise zurecht) umstrittenen Artikel "Was bleibt von Handke" schreibt: "Was bleibt schließlich von dem angeblichen Sänger des großserbischen Reichs, Peter Handke? Nicht nur der sprachgeladenste Dichter seiner Generation, sondern wie nur Überragende es sind, ein Episteme-Schaffender (nach dem Wortgebrauch Foucaults), eine Wegscheide des Sehens, Fühlens und Wissens in der deutschen Literatur."
Ich hätte mir gewünscht, Grass hätte zu Handke geschwiegen. Seine paternalistischen, schulmeisterlichen Sentenzen führen in die Irre, verbauen die Sicht und wirken seltsam hölzern.
Alle kursiv geschriebenen Stellen sind Zitate von Günter Grass.
Zum Weiterlesen:
In der Wochenendausgabe vom 17.6. der NZZ (Info via Adresscomptoir) ist ein Interview mit Peter Handke abgedruckt, welches sich ausschliesslich mit der Jugoslawien-Problematik beschäftigt. Martin Meyers Statement hierzu soll nicht verschwiegen werden.
Gregor Keuschnig - 2006-06-19 10:43


a few comments about lothars comments about grass + handke,
1] Grass may have a point in observing that Handke is rather "aufmuepfig" wie das so schoen fuer die Muecken in Oestreich heisst, the more so when he speaks in public, extemporaneously.
As far as I am concerned, there are at least three public Handkes.
The one I first heard in Princeton delivering a wholesale attack on the presented material {Handke Skandal # 1}. My guess is that what Grass may be referring to, are these kinds of public wholesale attacks, outbursts which of course became wonderfully, psychotically wounded, ausfaellig during the several many Yugoslav campaigns and the parallel Handke campaigns, wobei leider "Das Stueck zum Film ueber den Krieg" [which is anything but undifferentiated, not stupidly "objective" in the NY Times or moronic American sense of the word: 'there are always two sides to every story"...] "came a cropper" as we say in Amerikan for "krepiert" ... abgeschlachted von den Deutsch/Oesteichischen Press; Ausnahme, Joachim Kaiser.
By the way, it just occurs to me that I haven't seen discussed, imagined an alternative outcome to the Yugoslav disintegration: what if the Yugoslav National Army with its HQ in Belgrade had imposed the fiat of a continued federation on the other states, parts?? Had taken the kind of position that the UN then did in Bosnia: you guys are going to live together, or else???
2] Then there is the Handke behind his desk, or in his Wiege in the Tree Hollow in the Niemandsbucht, at any event, the Handke with a differentiating pencil in his hand/ mind. Who is quite capable of "dichten" very imaginatively, but also of writing very accurate accounts, say KINDERGESCHICHTE, GEWICHT DER WELT. He leaves a few awkward bits out, such as being left by Libgart Schwartz, what kind of "heart" problems really hospitalized him, but otherwise is exceptionally "right on."
I saw him often enough between 1969 and the late 70s to find that Handke makes an excellent poetic reporter, who gets to the essence of the matter, far more so than they ordinary reporter ever will. And so I take his four five books about his Yugo trips seriously, and find that they ought to be read as personal accounts, with the kind of truth claims that one can grant him in every other respect. I was just amazed when all hell started to break lose with the publication of WINTERLICHE REISE in the Sueddeutche, it must be a decade ago by now.
It is evident that the Rezensenten wanted him to "immer in die selbe Kerbe hauen" with his several eye witness reports, that is really all they are, knowing Handke and knowing who his companions were, Zarko, Darko, Marko, etc. ... yes, it's just a family affair, besides, he hasn't taken a wedding trip with the mother of his second girl child. It seems all very Austrian, or Slavic or very American, "on the road" to me. Zotteltierartig. yes, he wanted to take a look on his own. he was upset that everyone especially in France had decided to come down on the Serbs. It appears to be an unfortunate characteristic of nearly every human being that we require the notion of evil, and some one or object to personify it. And the ease with with such objects are created and become interchangeable.. is nearly as promiscuous as the exchange of love objects.
How appalled Handke was at Srebrenice he expressed in far more powerful terms than all those who have meanwhile managed to get him to say it their way, when he has that Serbian scream I don't want to be a Serbian, in SOMMERLICHER NACHTRAG, to which my initial response - from all the way in Seattle, following these campaigns best as I could, chiefly on the developing net - who they hell asked Mr. Handke, the bastard son of a Slovenian minority Carinthian woman and the paymaster of a German company stationed in Griffen in the early 1940s, who seemed to turn into a Wahl Slovenian in the 80s, to become a Serbian: meanwhile I think I have the answer, or lets say: the orientation towards an answer: and it does not have anything, or not too much to do, with being preternaturally "aufmuepfig" which Handke, most certainly is too, as I am, which is why we go along for a long time until I happened to be in more than a fighting mood while he wanted me to "fuhgit about it", and I was licking for a fight, even with him! And I had some serious bones to pick with the Grossschwanz aus Griffen! And if you're in a fight... all is fair [meaning unfair] in love and war...
Handke gets [got] into trouble when he becomes "ausfallend" , his idea of Yugoslavia [which not every Serbian by any means shares] ought to be regarded the way one loves a beautiful woman... degustibus yes.... but then not really either. He is/ was frightfully tetchy [a Brit expression I much like, for hypersensitive, the American touchy doesnt quite have it]. The "aufmuepfigkeit" derives, in part, from his fundamental Oedipus complex, the fact that Handke is the ultimate winner, the love child [the victor over his stepfather and the absent father], but within that vacuum had to find a center, his grandfather, Sivec ,[Die Wiederholung] who loved the idea of Yugoslavia, too, back in 1921, when he voted for the federation. On the other hand, Handke, in AM FELSFENSTER MORGENS, observed how cold Yugoslavia had become, whatever he really meant by that. I tend to interpret that as meaning that he, whom I know to have the most highly sensitive antennae, knew back then that the idea of Yugoslavia no longer elicited much enthusiasm... which is not what he claims in the mostly very consistent NZZ interview... he may of course be speaking entirely of himself, his own continued enthusiasm for the idea of Yugoslavia, speaking entirely just about himself, which is frequently the case, but no matter really in this instance.
http://www.signandsight.com/features/819.html
http://www.signandsight.com/features/809.html
Two other things struck me as out of the character of his previous position, in this NZZ interview; his saying how much he loved business, trade. If you recall: in UNTER TRAEEN FRAGEND I think it is or maybe already in SOMMERLICHER NACHTRAG he mentions about himself how surprised he is to like the bazaar like bartering trade that has developed under the embargo. I mean: Handke used to hate all this money trading business, absolutely detest it; here endorses or at least is willing to live with globalization, well Handke is not a madman, he accepts faits accomplie, albeit "wie ein knurrender Hund". On the other hand, we may be dealing in the instance of this interview with one aspect of Handke # 2, the Handke who gives good interview who can play Handke for the interviwevers until kingdom come and who will also strew some sand into the eyes of the interviewer to check whether he knows his subject's position and is willing or able to "call him" on an obvious contradiction. Which the NZZ interviewers did not. And Handke afforded them each and every opportunity.
The other thing that struck me as either contradictory or at least in need of specifying example is when he says how much he likes certain kinds of reporting. Is he talking about Thucidedes? George Orwell [one of our Anglo/American orientation points], Tucholsky??? He cannot mean fine American reporters such as Chris Hedges or Michael Danner since he takes them, or took them to task back during the Kosovo campaign, and quotes Danner, apparently disapprovingly, as as an example of Western Mis-reporting in Spiel zum Film. The series of Yugoslav books are certainly rife with a general undifferentiated hatred of Western Media; however, in the instances of Hedges and Danner, I think he picked the wrong ones in the U.S. and at the NY Times and at the upper echelon media. Roger Cohen and all the people at the NY Times Magazine [an organ that most regular NY Times reporters don't take seriously! Hey, it's a big world, th NY Times Co. is a huge organization with 1200 reporters] were absolute total "Serben Fresser", and that included Susan Sontag, whose position was really decisive for our indigenous "Meute" of intellectual camp followers, with her exhibitionism in Sarajevo... so all these so called intellectuals, back then, and also to some extent during the run up to the Iraq conquest, could let out some of their accumulated psychotic energies and also feel good and righteous about themselves, as Americans. It's a sad story except for the very few, such as Naom Chomsky... though meanwhile.. but I am getting off point. However, thinking back when the Handke campaign was at its height in the late 90s: he had a valid point that the 68er as they are called in Germany and the "peacenicks" as we might categorize the Anti-Vietnam movement types, seemed peculiarly eager, bloodthirsty in their hatred of the Serbs once they media sicked them onto it.
However, let us not forget what his once companion Marie Colbin wrote: "Solange es Männer gibt auf dieser Welt - Männer wie Dich - einäugig, unnachgiebig, machthungrig und Ego-breit - wird es auch Waffen geben und somit Kriege... Irgendwie wirst Du diesem Krieg dankbar sein, denn er befriedigt auf perverse Weise Dein unstillbares Verlangen nach öffentlicher Anerkennung... Ich höre noch meinen Kopf auf den Steinboden knallen. Ich spüre noch den Bergschuh im Unterleib und auch die Faust im Gesicht.Wer bist Du denn, dass Du Dich so wichtig nimmst? Bist weder gross, noch edel oder gar bescheiden und aufrichtig. Ein eitler Schreiber bist Du, der sich sonnt in der Rolle des einsamen Rufers." Which I believe is all factually true, and very much in character with the Handke I know [not the part I love and might give my life for however!] Wozu ich bemerken moechte, dass man die Machtansprüche von Frauen, besonders Schauspielerinnen, irgentwelchen Partnern, selten von Ausserhalb beurteilen kann, wer hat da zuerst die Faeuste gezückt... auch zu bemerken, dass Handke sich ja in diesem Fall und anderen gereizten genau so wie da beschrieben benommen hat wie der gehasste Deutsche Stiefvater zu Handke's Mutter [ Wunschloses Unglück]. Wozu auch noch zu bemerken ist, dass moegliche Partner sich das Zusammenleben, besonders mit Schriftstellern überlegen sollten, dass Herr Handke es, nach all den weggelaufenen auch emotional vernachlässigten Frauen scheinbar gelernt hat mit - natürlich mit wieder einer "Schau" Spielerin - aber ein paar Stunden Flug entfernten - es zu versuchen, da diese "Selbstbezogene" Arbeit wirklich nur auf so selbstbezogener Weise gemacht werden kann wie Handke es tut und sein muss seiner Arbeit wegen, und dass leider ein ungeheuerliches Mass an Eitelheit dazu gehoert damit diese Arbeit halbwegs was taugt: die wichtige Frage ist ja immer: fuer wehn tanzt der Mensch? Fuer welche Goettin? Wem zeigt er sich? Handke, als Schrifsteller, ist vielleicht der groesste Selbstentaüsserer ueberhaupt. Wir sind andere Menschen an der Tastur, mit Liebhabern, im oeffentlichken Verkehr...und sollten uns daran gewoehenen das dem so ist.
I dont think Grass has followed any of this very closely, perhaps he is also getting old. It doesn't appear that Handke is reading Grass books either anymore! It is much easier to be a "geopolitical monster" [also for me] and produce, eject, condemnations of Bush, Cheney, American imperialism, which I do too, without including the ordinary, mostly ill informed run, of the American people, who under ordinary circumstances are pretty nice, unless you decide to press a few button for their underlying psychoses to come pouring forth at you. Grass was present when Handke spoke at Princeton, as was I. I had interviewed Grass a year or so before in Berlin. But the people I knew best were Enzensberger, and Peter Weiss, it was to Weiss that I felt closest, still do, among all the postwar writers. Both Grass and Weiss I think patted Handke on the back, whether literally or not, I don't recall, since he was the only one to bring a little life into the Bude. In the long meanwhile one ought not to forget how ambitious our great and by and large deserving Oedipus and how much he wants to be in the limelight, and the fact that such a career invariably leaves some wounded souls and "Scherben" in its wake... Yes, and that the books are the most worth while books around, and the plays some of the very few actually worth experiencing. After all, you don't need to be Handke's girl friend or wife to read his books!
Anyhow, as he advises his readers: "Bleib im Bild." He meanwhile has achieved the status of a super star who remains in the picture even when he withdraws behind a cloud.
I think Handke's NZZ interview is excellent. whether he is right or wrong about Milosevic I have not idea, but so what if he is wrong, if M. was worse than just an autocrat? Handke himself has become an autocrat and has kept the company of autocrats for some time now. Unseld. Burda; he is used to meeting heads of state, the Austrian ones. He is used to power, describes it well in NIEMANDSBUCHT etc. I think those who think of Handke as politically incompetent, ought to read Ueber die Doerfer, slowly, sentence by sentence, and imagine each of those sentences as also referring to a quality in its author.
Yes, I think the elephant from Kaschubien doesn't dance quite the way he used to anymore.
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Bemerkungen meinerseits
thank you very much for your comments to my small pleading. Some objections from my side – please allow me to make this in German.
Handkes "Vergehen", welches er begeht, besteht darin, was Sie als "stupidly ‘objective’" (in einem ähnlichen Zusammenhang) zum "Einbaum"-Stück und dessen Rezeptionsgeschichte sagen. Die Diskurse (um es neudeutsch zu formulieren) spielen sich eigentlich nur in einem festen Rahmen ab, der nicht verlassen werden darf. Es gibt kaum einen besseren Ausdruck als "political correctness" dafür. Wird eine andere Sicht auf einen politischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang als die gängige vertreten, bemüht sich derjenige, der diese andere Sichtweise äussert immer sofort um Kritik zu vermeiden, um vorauseilender Relativierung dessen, was er sagt.
Das macht jeder. Auch ich, der in diesem Weblog eigentlich niemandem Rechenschaft schuldig ist, mache es – man sieht es an Formulierungen wie: "Damit es keine Missverständnisse gibt…" oder "Ohne XY in Abrede stellen zu wollen, aber…" (auf das ABER kommt es an). Ich nenne das Nivellierungsrhetorik der eigenen These: Indem ich etwas äussere, was die Grenzen des aktuellen Diskurses überschreitet oder eventuell überschreiten könnte, begebe ich mich durch sofortige, auf dem Fuss folgende Einschränkung dieser These bereits in eine Abwehrposition. Die antizipierte Kritik bestimmt meine Rhetorik.
Die gesamte Diskussion um den Palästinenserkonflikt läuft so ab: Wer versucht, die Palästinenser zu "verstehen" (bspw. Honderich), aber nicht sofort trotzdem Partei für die "gute" (die "richtige") Seite übernimmt, wird kartätscht (ein Handke-Ausdruck). Hier heisst es "Antisemitismus"; die rhetorische Nuklearwaffe wider zu unbequeme Geister. (Sie wird natürlich irgendwann stumpf diese Waffe – und man erreicht damit dann genau das Gegenteil dessen, was man bewirken möchte.)
Handke macht(e) das im Jugoslawien-Krieg. Wichtig hierbei ist, dass es nicht pure Provokation ist (es wurde sehr lange damit verwechselt). Indem er nicht mit jedem zweiten Satz mit "…aber die Serben haben natürlich angefangen…" seine Position schon wieder einschränkt, begeht er eine Verletzung des allgemeinen Diskursrahmens. Schön ist das an Handkes Beschreibungen des Marktes von Belgrad abzulesen und wie dies aufgenommen wurde: Idioten wie Jörg Lau oder auch eigentlich kluge Kritiker wie Winkels amüsieren sich über die "andersgelben Nudelnester" – vermutlich heute noch, nach zehn Jahren. Hätte ein anderer Dichter in einem anderen Kontext diese Beschreibung verwandt, hätten sie es in höchsten Tönen gelobt. Sie wissen bei dieser blinden Wut gegenüber dem Andersdenkenden, Andersfühlenden gar nicht, was ihnen entgeht, weil sie ihr Urteil nicht mehr unter ästhetischen, sondern unter gesinnungsästhetischen Prämissen fällen.
Natürlich hat Handke gewusst, dass seine Anwesenheit auf der Milosevic-Beerdigung grosses Aufsehen und Widerspruch erzeugen wird. Hier wird das sichtbar was Sie "aufmüpfig" nennen. Eine Art Trotz. Dennoch würde ich es nicht mit einer Lust an der Provokation gleichsetzen. Obwohl ich schon glaube, dass Handke genau weiss, wie solche Aktionen in den Medien ankommen.
Seit dem Streit um den Heine-Preis hat Handke sich ein bisschen verändert. Die Artikel in der FAZ und SZ, jetzt das Interview in der NZZ – er geht alltagssprachlich auf den Konflikt ein. Dies hat er bisher, also 10 Jahre, vermieden. Ich vermute, dass er um die Reputation seines Werkes fürchtet und nun auch dem letzten Idioten erklären muss, dass er das Massaker von Srebrenica als ein Massaker sieht (er hat es ja nie bestritten).
Auch ich habe schon im "Sommerlichen Nachtrag…" die Distanzierungen von Handke zu den Serben als solche gelesen. Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass viele Kritiker das Büchlein (es ist ja nicht sehr dick) schon gar nicht mehr (genau) gelesen haben, sondern ihr Gift einfach nur weiterspritzen wollten.
Ihre Beobachtungen zu "Am Felsfenster morgens", eine Art "Abkühlung" Jugoslawiens, habe ich dort nicht herausgelesen. Vielleicht haben Sie aber recht. Obwohl er zum Zeitpunkt der Notate vom "Felsfenster" "Die Wiederholung" geschrieben hat und – wie er selber im Vorwort sagt – kaum grössere Reisen unternommen hat. Dies kam erst wieder in "Gestern unterwegs", als er nahezu atemlos durch die Welt hastete (1987-90). Dennoch: Es gab bereits Mitte/Ende der 80er Jahre eine Hinwendung Handkes an andere Orte (hauptsächlich in Spanien), also weg von Jugoslawien. Vielleicht deshalb wurden seine schönsten Jugoslawien-Bücher in dieser Zeit geschrieben.
Ich bin auch nicht sicher, ob Handke im aktuellen NZZ-Interview das Geschäftsleben "entdeckt" hat. Ich zweifle sogar daran. Im neuen Fernsehinterview sagt er Mit Bomben und Geld, das von anderen Ländern kommt, von Amerika, von Saudi-Arabien - mit Geld ist keine wirkliche Freiheit zu erzeugen. (Interview wird gezeigt auf 3sat am 01. Juli um 19.05 Uhr MESZ)
Dennoch ist er natürlich ein "Mensch der Globalisierung" – wenn jemand, dann doch Handke, der Vielreisende, oder? Es gibt ja auch den Spruch von ihm irgendwann in den beginnenden 90ern, wie er durch Japan reist, ein Hemd am Leib, eines im Rücksack, ein paar Bücher, seine Notizbücher und eben die Kreditkarte. Oder Trollers Portrait (1988?), als Handke über den Markt seines Vorortes schlender und dann plötzlich Da ist meine Bank sagte..
Sehr interessant finde ich, was Sie über Handkes Selbstdarstellung und das "Spiel" bei Interviews sagen. Ich kenne Handke ja nicht persönlich und die Korrespondenz, die wir geführt haben, kann man als solche gar nicht bezeichnen, so quantitativ gering ist sie. Es gibt ja das Gerücht, Handke habe am Abend vorher seine Rede in Princeton noch einmal vor dem Zubettgehen rekapituliert und fast wie ein Schauspieler geprobt. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Natürlich ist Handke auch ein Selbstdarsteller. Ihm deshalb Doppel- oder Mehrgesichtigkeit vorzuwerfen – ich weiss es nicht. In dieser Art psychologischer Deutungen kenne ich mich nicht aus. Vielleicht schützt er sich damit auch nur. Ich kenne einen Journalisten, der Handke recht oft getroffen hat und auch einiges private über ihn gesagt hat.
Ähnlich dürfte es sich mit seinem Jähzorn verhalten. Er durchzieht (selbstentblössend; fürwahr!) sein frühes Werk ("Kindergeschichte", "Der Chinese des Schmerzes", im "Tormann"; auch Gewaltphantasien in der "Langsamen Heimkehr") – später wird er (was das Werk angeht) subtiler. In der "Niemandsbucht" dichtet er Deutschland in sehr naher Zukunft einen Bürgerkrieg an.
Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie "Über die Dörfer" als das Kernstück von Handkes politischem Denken beschreiben. Hier liegt – für "Lesefutterknechte" natürlich sehr verschlüsselt – Handkes Utopie verborgen ("Der ewige Friede ist möglich"). Das Stück habe ich in den 90ern in einer famosen Inszenierung der "Gruppe 80" in Wien gesehen (leider gibt es die "Gruppe 80" nicht mehr). Da erst wurde mir der Monolog der Nova klar. Die Fortschreibung könnte man in "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" sehen. Die Peymann-Inszenierung (mit Gert Voss) wird dem allerdings nicht gerecht; Peymann ironisiert stellenweise zu sehr.
Eines gebe ich zu bedenken: Wäre Handke ein Selbstdarsteller, hätte er sich nicht ausgerechnet Jugoslawien (oder Serbien) als sein "Arkadien" ausgesucht, sondern wäre im Fahrwasser der "geopolitical monster" (ein herrlicher Ausdruck) bei der Kritik an den üblichen geblieben. Dann wäre er der Superstar geworden. Nein, wohlfeil oder pflegeleicht ist Handke nicht. Er macht es sich und den anderen nicht einfach. Ich glaube, dass ihm sein Serbien-Engagement den Nobelpreis gekostet hat (kosten wird); die Akademie ist zwar sehr aufgeschlossen, aber die Diskussionen waren schon bei Fo, Jelinek und Pinter sehr substantiell.
Ob Grass das alles so verfolgt hat? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Interview hat man ihm abgetrotzt. Er hat dann zwei, drei Artikel dazu gelesen, mehr nicht.
I would say that it is possible to be both a rabiater, driven exhibitionist like Handke, to be preternaturally "aufmuepfig" and irredentist, and still make correct, or lets say sufficiently honest personal assessments. These qualities, matters are not mutually exclusive. If I didnt happen to be smitten by Handke's work I probably would have paid scarcely more attention to the disintegration of Yugoslavia than I am, presently, to the continuing disintegration of the Congo - Handke has a wonderful point with his 'Deepest darkest Serbia" in the EINBAUM play. So after trying to reorient myself back in the modern world after three years in Mexico where I lived by and large on 17th century time, the first reports which I could halfway trust, around 1994, were read in the by and large politically trustworthy, for me, NYRB. Then came the parallel war with Handke as its focal point; and after reading his four [now five plus the piece in Literaturen on why he wouldn't appear as a defense witness for Milossceve] and his play about the war, I wrote my own monograph, and starting off in a rather skeptical state of mind about Handke's motives, concluded that not only were his personal impressions extremely valuable [they are so nearly always] but that his analysis for the disintegration was by no means to be dismissed outright, just because he was in love with his idea of Yugoslavia as humans can fall in love with donkeys.
The ensuing and continuing controversy indeed seems to speak more to the need to be invested, righteously so, in a particular narrative, a narrative that has been conveyed, impressed over and over into consciousness, then to sink into the collective [and reactive] unconscious, more by images [television, newspaper photographs] - which may not be so modern after all if you consider what underlies words, or that images have had that effect for a long time prior to the universal instantaneousness of their propagation, which I suppose lends them greater credibility with their viewers. And indeed, the Croatians and the Bosnians did have the money for a U.S. propaganda outfit, the same one it turns out that sold the Iraq war for the Pentagon. Experts at that sort of thing. But I think it is still possible to get a rough idea on one's own if one takes the trouble to wade through the mountains of disinformation.
After writing what he did in Literaturen, Handke did not need to attend the funeral. He says he only did so because he hated the way M.'s death was treated - I did too, the way Roger Cohen of the New York Times, a Serben Fresser, if ever there was one, wrote it up. Compare it, with Judith Miller's obituary of a far more volatile figure, Arafat - but I cannot hold it against you if you are not up on the ins and out of Judith Miller's role in perpetuating falsehoods that led to the Iraq conquest, or that she was a neo-con and part of a neo-cons think tank, the power ploys, the ins and out of gruesome US politics. It's just an aside and it indicates, if anything, my particular provincialism.
Then in the NZZ interview Handke says that he has no feelings one way or the other about M. , describes him as an autocrat [company of which the hugely over compensatory more and more autocratic Handke does not mind keeping at all] - and I write this on the day that the NY Times reports that M. was convicted, apparently post mortem!, in Belgrade of the murder of his predecessor
http://www.nytimes.com/2006/06/30/world/europe/30briefs-003.html
Serbia: Court Finds Milosevic Behind Rival's Murder
(REUTERS)
Published: June 30, 2006
The Supreme Court said it "accepts that Slobodan Milosevic gave an order" for the murder of Ivan Stambolic, his mentor and predecessor as Yugoslavia's president, whose ouster he had engineered, because he was a political threat to his hold on power. The killing in 2000 killing was carried out by eight secret policemen, who were found guilty last year and also convicted of the attempted murder earlier in 2000 of the opposition leader Vuk Draskovic , who is now Serbia's foreign minister. The Supreme Court said Mr. Milosevic also gave the order for that. Mr. Milosevic, who died in detention in The Hague in March as his war crimes trial was drawing to a close, was never formally indicted for Mr. Stambolic's murder by any court.
I don't know what the Serbians really know, but Handke, being as well versed as he is... perhaps there is something that is still missing. But I gather from a Serbian director friend that, meanwhile, Handke's plays are no longer done in Belgrad either, whereas they were when M. was in power. There was a report, by Hubert Spiegel, in yesterday's FAZ [but not on line] that Handke defended M. in a Croatian paper, but the link to the Croation paper was not of much use since my Russian has diappeared... which might have helped me decipther the text.
I think in Germany all this plays against the unresolved unresolvable background of Auschwitz, the Shoah, and Handke is again right, in the play, that meanwhile the Germans have become the consciences of the world; or as Habermas put it that it took Auschwitz to humanize the Germans, which I think is non sense. So now they want to be the first to scream "murderer", which is why they arrested that Serbian by stander and sentenced him to jail time because he did not help during what seems to have been an act of ethnic cleansing at a bridge in Yugoslavia, and whom Handke befriended, was Treuzeuge, and who served as the model both for der Waldwahsinnige oder wie immer er heisst and his split off part, the Volkommener Irre... behind both which figures lies Wozzeck and Schweyk [to look at it from that perspective] Now I am simply going to put some comments into your posting [...]
Ich nenne das Nivellierungsrhetorik der eigenen These: Indem ich etwas äussere, was die Grenzen des aktuellen Diskurses überschreitet oder eventuell überschreiten könnte, begebe ich mich durch sofortige, auf dem Fuss folgende Einschränkung dieser These bereits in eine Abwehrposition. Die antizipierte Kritik bestimmt meine Rhetorik.
It's called playing by the rules of the language game.
Handke macht(e) das im Jugoslawien-Krieg. Wichtig hierbei ist, dass es nicht pure Provokation ist (es wurde sehr lange damit verwechselt).
I entirely agree that it was not pure provocation on his part. the sequence NEUNTE LAND, the introducton to WINTERLICHE REISE make that very clear.
Hätte ein anderer Dichter in einem anderen Kontext diese Beschreibung verwandt, hätten sie es in höchsten Tönen gelobt. Sie wissen bei dieser blinden Wut gegenüber dem Andersdenkenden, Andersfühlenden gar nicht, was ihnen entgeht, weil sie ihr Urteil nicht mehr unter ästhetischen, sondern unter gesinnungsästhetischen Prämissen fällen.
It's sign of psychosis, of a general psychosis that afflicts the intellectual class in particular, i suppose it has to do with foundational matters being shaken??
Natürlich hat Handke gewusst, dass seine Anwesenheit auf der Milosevic-Beerdigung grosses Aufsehen und Widerspruch erzeugen wird. Hier wird das sichtbar was Sie "aufmüpfig" nennen.
Not just that but also to seize the opportunity for self display. See above.
Eine Art Trotz. Dennoch würde ich es nicht mit einer Lust an der Provokation gleichsetzen. Obwohl ich schon glaube, dass Handke genau weiss, wie solche Aktionen in den Medien ankommen.
well if anyone , he does. i caught on rather late to how media oriented he was, it was skwara telling me how he had paraded around the buchmesse arm in arm with umberto eco on publication of niemandsbucht. on the other hand: spiel das spiel! if you have the time and feel the need, and his publishers always feel the need!
Seit dem Streit um den Heine-Preis hat Handke sich ein bisschen verändert. Die Artikel in der FAZ und SZ, jetzt das Interview in der NZZ – er geht alltagssprachlich auf den Konflikt ein. Dies hat er bisher, also 10 Jahre, vermieden. Ich vermute, dass er um die Reputation seines Werkes fürchtet und nun auch dem letzten Idioten erklären muss, dass er das Massaker von Srebrenica als ein Massaker sieht (er hat es ja nie bestritten).
i agree that he is singing a more direct tune that agrees with the general way these things are formulated. but i think it was in a fine interview, i have it somewhere, with deichmann of novo [who also was along on i think the TRAENEN FRAGEND trip] that he realizes that peple dont seem to be understanding even the simplest metaphor.
Auch ich habe schon im "Sommerlichen Nachtrag…" die Distanzierungen von Handke zu den Serben als solche gelesen. Ich bin allerdings ziemlich sicher, dass viele Kritiker das Büchlein (es ist ja nicht sehr dick) schon gar nicht mehr (genau) gelesen haben, sondern ihr Gift einfach nur weiterspritzen wollten.
yes, people like iris radisch of die zeit, i wouldn't employ her as a first reader if i were a publisher. but the handke hunt was on here too. i am in the process of completing a longer summary piece on all this, it was an excerpt from it that I posted at the Zeit Forum, which got the two of us talking. I have a Handke expert friend in Spain who will help me get my German back up to snuff.
Ihre Beobachtungen zu "Am Felsfenster morgens", eine Art "Abkühlung" Jugoslawiens, habe ich dort nicht herausgelesen.
It's just a few comments, two maybe three. one has to learn to appreiate handke's laconicism. during wiederholung period he was still learning sloveniana and wandering around the karst, and maybe he spent the occasional night in a dolmine, i sure would have. .
Vielleicht haben Sie aber recht. Obwohl er zum Zeitpunkt der Notate vom "Felsfenster" "Die Wiederholung" geschrieben hat und – wie er selber im Vorwort sagt – kaum grössere Reisen unternommen hat. Dies kam erst wieder in "Gestern unterwegs", als er nahezu atemlos durch die Welt hastete (1987-90).
i finally got a copy and am keeping it as a self-reward once a couple of things are written! yes, well the daughter was finally fluegge, he could fly and wander about. meanwhile he has another young daughter to look after! and another wife disparu!
Dennoch: Es gab bereits Mitte/Ende der 80er Jahre eine Hinwendung Handkes an andere Orte (hauptsächlich in Spanien), also weg von Jugoslawien. Vielleicht deshalb wurden seine schönsten Jugoslawien-Bücher in dieser Zeit geschrieben.
well, spain is wonderful and is catholic and has lots of wonderful romanesque architecture.
Ich bin auch nicht sicher, ob Handke im aktuellen NZZ-Interview das Geschäftsleben "entdeckt" hat.
well, he sure goes out of his way to praise trade. i know for a fact how much he hates this kind of handle. so his comment in TRAENEN struck me as most authentic, when he noted that under those circumstances he even liked it. it is of course always possible to go a bit deeper than these notations and to ask oneself about the "why" of one's reactions ... but that goes against the ethos of DIE KUNST DES FRAGENS
Oder Trollers Portrait (1988?), als Handke über den Markt seines Vorortes schlender und dann plötzlich Da ist meine Bank sagte..
I DON'T KNOW IT, where is it to be found??
Es gibt ja das Gerücht, Handke habe am Abend vorher seine Rede in Princeton noch einmal vor dem Zubettgehen rekapituliert und fast wie ein Schauspieler geprobt.
i never heard that. i have no idea whether he came by himself or in the company of unseld or some other autrians. i did not see him in the company of any other of the german writers. libgart was not along. nor kolleritsch
Natürlich ist Handke auch ein Selbstdarsteller. Ihm deshalb Doppel- oder Mehrgesichtigkeit vorzuwerfen – ich weiss es nicht. In dieser Art psychologischer Deutungen kenne ich mich nicht aus. Vielleicht schützt er sich damit auch nur. Ich kenne einen Journalisten, der Handke recht oft getroffen hat und auch einiges private über ihn gesagt hat.
no, this goes back to his earliest days at the breast, it's an aspect of his autism, but also of his compensatory strebertums. ein von der sonnen bestrahlter zu sein. there are not many who have as much to show off as he who try to show off even more, its part and parcel really of the work.
Ähnlich dürfte es sich mit seinem Jähzorn verhalten. Er durchzieht (selbstentblössend; fürwahr!) sein frühes Werk ("Kindergeschichte", "Der Chinese des Schmerzes", im "Tormann"; auch Gewaltphantasien in der "Langsamen Heimkehr") – später wird er (was das Werk angeht) subtiler. In der "Niemandsbucht" dichtet er Deutschland in sehr naher Zukunft einen Bürgerkrieg an.
das fand ich schwach, an enzenberger's CIVIL WARS angelehnt... but as far as the not so latent general world wide psychosis is concerned it could be read that way too
Eines gebe ich zu bedenken: Wäre Handke ein Selbstdarsteller, hätte er sich nicht ausgerechnet Jugoslawien (oder Serbien) als sein "Arkadien" ausgesucht, sondern wäre im Fahrwasser der "geopolitical monster" (ein herrlicher Ausdruck) bei der Kritik an den üblichen geblieben. Dann wäre er der Superstar geworden. Nein, wohlfeil oder pflegeleicht ist Handke nicht. Er macht es sich und den anderen nicht einfach. Ich glaube, dass ihm sein Serbien-Engagement den Nobelpreis gekostet hat (kosten wird);
entirely agree. no he's gutsy. he didnt have to engage. he was a wahl slovene, he could have just gone along with that if had wanted to be a bit opportunistic and say, like henry kissinger, "let them kill each other."
die Akademie ist zwar sehr aufgeschlossen, aber die Diskussionen waren schon bei Fo, Jelinek und Pinter sehr substantiell.
well if anyone deserves it it is he. on the merits. we agree on botho straus estimate, which i regard as being valid world wide.
That's it for the day. I will send you the long piece in a few days and value your comments, Lothar.
Michael R.