Das Heidenreich-Kaffeekränzchen: "Lesen!" im ZDF
Gestern wieder „Lesen!“ im ZDF mit Elke Heidenreich, der Frau mit dem „grossen Herz für schlechte Bücher“ (Iris Radisch). Diese Sendung zeigt das Elend der Vermittlung von Literatur durch / im Fernsehen. In dreissig Minuten nudelt Frau Heidenreich ihre höchstpersönliche Auswahl von Büchern herunter. Es sind meist um die 20 – dezidierte Besprechungen sind da natürlich nicht möglich. Hauptsache „Lesen“! (Der längste Part der Ruhe in der Sendung ist das Vorlesen aus einem Hörbuch – diesmal Scott Fitzgerald.)
Ihre Kriterien bleiben dabei im Dunkeln bzw. sind (vermutlich) an einer vulgär-ästhetischen Linie zwischen Unterhaltungsroman und politisch-korrekter Milieuprosa festzumachen. Nicht umsonst hat sie für die Zeitschrift "Brigitte" eine Buchedition "erlesen".
Der Gast (diesmal Hape Kerkeling) kommt so gut wie gar nicht zu Wort, dient allenfalls als Stichwortgeber, um unablässig den paternalistischen Sermon der Gastgeberin zu produzieren. Einer seiner Vorschläge („Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“) wurde flugs als „Innerlichkeitsbuch“ abgefertigt.
Der mit Pathos vorgebrachte „Lesen!“-Imperativ überrascht mich immer wieder neu (als sei dies schon alleine genügend Programm). Zeigt doch die „Bearbeitung“, die Bücher in dieser Sendung erfahren, dass Heidenreich eigentlich das Gegenteil eines Lesers darstellt: Sie ist nicht mehr neugierig, sie weiss immer alles besser und schon im voraus und sie lässt sich immer nur das bestätigen, was sie ohnehin schon kanonisiert hat.
Wer Wolfgang Koeppens „Trilogie des Scheiterns“ als Lektüre vorstellt, die sich „so runterlesen lässt“, ist für mich nicht mehr seriös. Gerade bei Koeppen muss man Wort für Wort und ganz genau lesen – dann erschliesst sich die Kraft seiner Sprache (die in der Tat enorm und – ja, leider – immer noch weit unterschätzt wird). Da werden sich die LeserInnen beim Heidenreich-Kaffeekränzchen noch gewaltig wundern, wen sie denn da empfohlen hat.
Gregor Keuschnig - 2006-06-07 12:46
Wer schlechte Bücher nicht erwähnt, dergl.
Wer gute Bücher schlecht macht, wie Reich, sollte den Mund halten.
Wer schlechtere Bücher gutredet, hat gut getan, dann wird gelesen, solche Leser bilden sich dann allmählich selber ein Urteil, aber der Anfang ist gemacht, bravo Elke!
Lesen an sich...
Wer schlechte Bücher runtermacht, erzielt, dass weniger gelesen wird.
Wäre es schlimm, wenn weniger schlechte Bücher gelesen würden? (Jetzt abgesehen von der schwierigen Definitionsfrage.)
Und: Glauben Sie an einen Emanzipationsprozess des Lesers?
Oder: Sollte man nicht besser an ihn glauben?