Der schändliche Rückzug: Kein Heine-Preis für Peter Handke

Soeben wird bekannt, dass der Heine-Preis voraussichtlich in diesem Jahr doch nicht an Peter Handke geht. Die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Düsseldorfer Stadtrat haben sich darauf verständigt, die Vergabe der Auszeichnung an Handke zu verhindern. Das geht vermutlich einfach, da sie das Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro nicht zur Verfügung stellen wollen.

Abgesehen von der Tatsache, dass damit die Entscheidung einer eigentlich autonomen Jury desavouiert wird (und wiederum zeigt, wie abhängig sich die Kultur von den politischen Entscheidungsträgern macht) – es zeigt, dass die Dreckkampagne der letzten Wochen (sicherlich hauptsächlich initiiert von Leuten, die Handkes Bücher nicht gelesen haben) Wirkung gezeigt hat.


Worum geht es?
SPeter Handkeeit der Erscheinung seiner Erzählung „Gerechtigkeit für Serbien“ in den ersten Januartagen des Jahres 1996 in der „Süddeutschen Zeitung“ spalten sich die Feuilletons - und nicht nur diese - in Handkehasser und Handkeverehrer. Die meisten „Handkehasser“ nutzen willkommen die über Jahre vorher schon vorgenommene literarische Kritik, um ihn jetzt über den Umweg zur Erklärung der politischen „Unperson“, literarisch zu desavouieren.

Handke hatte in der Reiseerzählung unter anderem Fragen ob der ausschliesslichen Schuld der Serben an den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien seit 1991 gestellt und Kritik an der Berichterstattung der Medien geübt, die ausschliesslich die Serben zum Alleinschuldigen darstellten. Handke, der Jahrzehnte lang keine Lesungen seiner Bücher mehr vorgenommen hatte, las in mehreren Städten aus seinem Buch vor, so u. a. in Frankfurt. Mit starker Sicherheitspräsenz (Taschenkontrolle) beim Betreten des Theaters begann dort nach Handkes Lesung eine leidenschaftlich geführte Diskussion auf der Bühne und auch im Publikum. Handkebefürworter, die die Sicht des Vorsitzenden der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, der dem Text ablehnend bis feindselig gegenüberstand, nicht hören wollten, mussten von Handke beruhigt werden. Die Wellen schlugen hoch, nahezu alle Medien lehnten seine Einwürfe als „Jargon der Uneigentlichkeit“ und „menschenverachtend“ ab. Im Herbst 1996 erschien dann Handkes „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ , der weniger beachtet, aber im Detail um so gründlicher verrissen wurde; allgemein galt als belegt, Handke habe nur noch „einen draufsetzen“ wollen.

Mit Beginn des Kosovo-Konfliktes, der schliesslich im März 1999 in das NATO-Bombardement gegen Jugoslawien eskalierte, äusserte sich Handke wiederholt und vehement in teils polemischer und auch verletzender Art und Weise gegen die Intervention. Inzwischen galt als ausgemacht, dass Handke eine „serbenfreundliche“, ja Miloševic-treue Haltung einnahm. Anlässlich der Meldung der Rückgabe des Büchner-Preises und seinem Austritt aus der katholischen Kirche wurde Handke in der ARD-„Tagesschau“ als „pro-serbisch“ bezeichnet.

Viele Kritiker, die Handke literarisch wohl gesonnen waren und seine 96er Bücher als eine Art „Ausrutscher“ betrachten wollten, brachen jetzt endgültig mit ihm. Oft war zu hören, Handke sei in einer Art „Wahn“ verfallen; er sei nicht mehr derselbe, der beispielsweise einst das so poetische Drehbuch zu Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ geschrieben habe. Andere nutzten die Gelegenheit mit ihm „abzurechnen“, seine Bücher als immer schon langweilig abzufertigen, was in Anbetracht der political correctness, die stets bei Künstlern einwandfrei zu sein hat, dann sozusagen legitimiert wurde.

Handkes Einlassungen, er sei nicht „pro-serbisch“, sondern nur mit den Serben , sein Erläutern, dass er Massaker und Verbrechen der Serben weder leugne noch bagatellisierte - all dies wurde in der allgemeinen Hetzjagd nicht mehr wahrgenommen. Seine Interviews Mitte Mai im österreichischen Nachrichtenmagazin „News“ und dann einige Tage später in der „Süddeutschen Zeitung“, in denen er sich rüde und wütend gegen die politischen Verantwortlichen des Bombardements echauffierte, trugen sicherlich nicht zu einer Versachlichung bei, zumal Handke hier eine gewisse Einseitigkeit leicht nachzuweisen war (fragbar kann dann sein, ob Interviews eigentlich „ausgewogen“ zu sein haben).

Dabei hätten die oft wütenden und überraschten Reaktionen von Kritikern und Lesern ruhig etwas gelassener ausfallen können. Hätte man Handkes Werk, welches in den letzten rund dreissig Jahren ja durchaus einiges Volumen hat, genau gelesen, hätte man Handkes Furor nicht nur erahnen, sondern auch besser einzuschätzen gewusst.

Jugoslawien = „Arkadien“
Selbst unter Nichtberücksichtigung der in den letzten Jahren erschienenen Bücher, spielt Jugoslawien (sehr oft, aber beileibe nicht ausschliesslich, die Provinz Slowenien) in Handkes Werk eine sehr zentrale Rolle: „Die Wiederholung“ (1986), „Noch einmal für Thukydides“ (1991/1997), „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991),der Gespräch-Band „Noch einmal vom Neunten Land“ (1993).

In vielen anderen Erzählungen und Theaterstücken spielen Motive aus Handkes zahlreichen Reisen nach Jugoslawien immer wieder hinein. So ist es zum Beispiel möglich, Handkes „Märchen“ „Die Abwesenheit“ mindestens teilweise in Jugoslawien einzuordnen oder auch die Erzählung „Wunschloses Unglück“ thematisiert anhand der Mutter Handkes die soziale Stellung der sogenannten „Kärntner Slowenen“.

Handke besetzt Jugoslawien als einen positiven Topos des Zusammenlebens von Menschen. Anders als viele Intellektuelle, die in Titos Jugoslawien den ersehnten „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus ausmach(t)en und das Land politisch als Modell idealisier(t)en, verwendet Handke eine politische Erhöhung nur im Sieg Titos gegen das Nazi-Regime (Licht einer Idee). Auch das Handkes Mutter slowenischen Ursprungs ist, wird wohl nur eine untergeordnete Rolle für sein Interesse an Jugoslawien spielen, hat aber wohl seinen Zugang zur slowenischen Sprache, die Handke fliessend beherrscht (er hat u. a. Autoren wie Florjan Lipuš übersetzt) und Mentalität befördert.

Handkes Affinität zu Jugoslawien (insbesondere Slowenien) liegt anders begründet: Zunächst hat es beim jungen Peter Handke eine Art „Initiation“ in Jugoslawien gegeben (über die wir sehr wenig wissen). Und zum anderen war es Slowenien, in dem Handke seine „Wirklichkeit“ gefunden hatte: Es war das genaue Gegenteil zu jener Unwirklichkeit, wie sie in Grausen versetzt den Schreiber der ‘Briefe eines Zurückgekehrten’ (Hofmannsthal), welcher nach langer Abwesenheit von seinen deutschen Landen vor keinem einzigen Gegenstand da mehr dessen Existenz fühlt: Kein Krug wirkt mehr als Ding Krug, kein Tisch steht mehr da als Tisch; sämtliche Dinge in dem Gebiet Deutschland erscheinen dem Zurückgekehrten als ‘gegenstandslos’. Wie gegenständlich aber wurden dafür mir durch die Jahre, jedesmal, gleich beim wiederholten Überschreiten der Grenze, die Dinge in Slowenien: Sie entzogen sich nicht - wie das meiste inzwischen nicht bloss in Deutschland, sondern überall in der Westwelt -, sie gingen einem zur Hand. Ein Flussübergang liess sich spüren als Brücke; eine Wasserfläche wurde zum See; der Gehende fühlte sich immer wieder von einem Hügelzug, einer Häuserreihe, einem Obstgarten begleitet...wobei das Gemeinsame all dieser Dinge die gewisse herzhafte Unscheinbarkeit gewesen ist, eine Allerwelthaftigkeit, eben das Wirkliche, welches wie wohl nichts sonst jenes Zuhause-Gefühl des ‘Das ist es, jetzt bin ich endlich hier!’ ermöglicht.

Der positive Topos Jugoslawien speist sich also bei Handke nicht nur bzw. ausschliesslich aus einer politischen Richtung, wie dies beispielsweise in der Nach-68er-Bewegung der Fall war. Titos von der Sowjetunion losgelöste Politik, eine Art Lavieren zwischen Kommunismus auf der einen Seite und dem durchaus Akzeptieren des Kapitalimus (Tourismus) auf der anderen Seite (und den damit verbundenen Öffnungen des Landes) hat für Handke keine direkte Bedeutung. Er ist Betrachter eines Landes, welches Jugoslawien heisst, aber dessen politische Konstellation ihm für diese Betrachtung gleichgültig ist. Die wenigen Stellen in seinen Büchern, in denen er unmittelbar Bezug auf die Geschichte Jugoslawiens und des Widerstandes Titos und seiner Partisanen gegen die Nationalsozialisten nimmt, dienen ihm eher als Klammer einer für ihn offensichtlich so wahrgenommenen Identität der Menschen.

Handke bekennt in „Abschied des Träumers vom Neunten Land“, dass er den Grund für die Abspaltung Sloweniens (und Kroatiens), diese Kleinstaaterei, nicht „sehen“ kann (und bekräftigte dies seinerzeit in der Fernsehsendung „Titel, Thesen, Temperamente“), was bei vielen Lesern und Intellektuellen auf Unverständnis stiess, hoffte man doch, Handke als Verfechter der slowenischen Nation zu. Handke befürchtet nun eine Kommerzialisierung, Verwestlichung Sloweniens , Unwirklichkeitsstreifen- oder gürtel , malt sogar die Einbetonierung wie in Andorra aus; ein Staat, der zwar existiert, aber dann auch wieder nicht, nur fiskalisch und als entseelte Folklore. Spielte also die Politik innerhalb der Poesie Handkes keine Rolle, so ändert sich dies mit dem drohenden Zerfall dieses Staatenbundes.

In „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ benennt es Handke ganz klar: Jugoslawien ist für ihn eine der wenigen Sachen, welche bei mir zusammengehören mit dem Beiwort ‘mein’; Sache nicht meines Besitzes, sondern meines Lebens.

Kurz vor der Abspaltung Sloweniens und Kroatiens erscheint in der „Tageszeitung“ eine kleine Geschichte mit dem Titel „Noch einmal für Jugoslawien“, die von ihm später in die Taschenbuchausgabe von „Noch einmal für Thukydides“ unter dem Titel „Geschichte der Kopfbedeckungen in Skopje“ übernommen wird. Handke beschreibt hier ausschliesslich die Kopfbedeckungen der Menschen, die ihm auf dem Marktplatz von Skopje begegnen. In einer Art letzter Verzweiflung beschwört er das Miteinanderleben unterschiedlichster Menschen- und Religionsgruppen als friedliches Idyll, als Möglichkeit, Modell für ein friedliches Zusammenleben der ganzen Welt. Unterschiede nicht nivellieren, sondern befördern und gegenseitig respektieren - das exakte Gegenbild zur westlichen Einheitskultur, die einerseits den grenzenlosen Individualismus propagiert, anderseits jedoch die Massenkultur und die damit verbundene Vereinheitlichung „pflegt“. Die für Handke wichtigen, am Goetheschen Weltbild orientierten Vorgänge, wie beispielsweise das Geltenlassen der Phänomene, ist in dieser Welt nicht mehr möglich. Dies mit dem später häufig geäusserten Vorwurf der Idyllisierung eine vorindustriellen Welt abzufertigen, zeigt nur, in welch’ kleingeistigen Kategorien Kritiker oft ihre Urteile voreilig treffen.

Sprache
Die Botschaft verhallt; in „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ gibt es Handkes ersten, wenn auch milden Zornesausbruch gegen die Finstermannriege der „FAZ“ oder dem grossmäulig-ahnungslosen „Spiegel“ . An dieser Sache des Lebens, die ihn von nun an nicht mehr ruhen lässt, weil sein Arkadien - Jugoslawien - zerfällt, beginnt der Dichter Handke seine Sprachkritik, die auch zugleich Sach-Kritik wird.

Freilich ist Handke kein Sprachkritiker wie beispielsweise Viktor Klemperer, der in seinem Buch „LTI“ die schleichende Infiltration einer speziell konnotierten Sprache auf die moralische Integrität einer Gesellschaft dokumentiert und Sprache nicht als bloss „dahergesagtes“, als Harmlosigkeit darstellt, sondern den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Sprache und Tat belegt bzw. Sprache als Tat wertet. Handkes Herangehensweise war eher philosophisch-poetologisch, wobei Einflüsse durch Ludwig Wittgenstein unverkennbar sind. Zwar erkennt Handke auch (und besonders in seinen 96er-Büchern) die Verwendung der Sprache als Medium der Beeinflussung von Massen, erlaubt sich jedoch gleichzeitig, Begriffe, die schier unrettbar verloren sind durch den Gebrauch in der LTI, wieder zu erretten, sie - die Worte - sozusagen nicht der LTI zu „überlassen“ .

Trotz neuer und ergänzender Sicht auf die Sprachkritik ist es erstaunlich, mit welcher Stringenz Handke immer schon auf den Zusammenhang der Verwendung von Sprache und deren politisch/soziale Konnotation reflektiert hat, freilich selten so direkt wie im Jahre 1969.

„Die Tautologien der Justiz“
Im 1972 erscheinenden Sammelband „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ schreibt Peter Handke im Vorwort: Von allen Texten in diesem Buch habe ich eigentlich nur ‘Die Tautologien der Justiz’ ganz von mir aus geschrieben und erläutert den hauptsächliche Grund für seine hier versammelten „Feuilletons“: das Geldverdienen, jene „300 Schilling“ pro Beitrag. Er war, als „Die Tautologien der Justiz“ entstand, ein bekannter Nachwuchsschriftsteller, gerade reüssiert mit seinem Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“. Handke etablierte damals auch das sogenannte Triviale in seine Betrachtungen, Essays und „Feuilletons“, etwa ein Fussballspiel oder eine Fernsehsendung mit Anneliese Rothenberger und verknüpfte das Beobachten mit Reflexionen über unsere Wahrnehmungen. Dies war im Grunde auch der Impetus des als Provokation empfundenen Stücks „Publikumsbeschimpfung“, in dem zwar vordergründig das anwesende Publikum „beschimpft“ wurde, tatsächlich jedoch Rezeptionsgewohnheiten befragt werden sollten. So wundert es nicht, wenn Handke am Schluss des kurzen Vorwortes, möglichst viele dieser Texte als Geschichten gelesen haben möchte - ein Anliegen, das uns noch anderweitig begegnen wird.

„Die Tautologien der Justiz“ ist ein Essay, der oberflächlich auch als eine Gerichtsreportage verstanden, in diesem Fall dann: missverstanden werden könnte. Handke thematisiert die Prozesse der unmittelbaren Nach-1968-Ära, in der es nicht mehr um die „grossen“ Taten, sondern um vergleichsweise Bagatelldelikte wie Land- bzw. Hausfriedensbruch, Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration oder auch das Verrichten der Notdurft im Gerichtssaal geht. Er erweist sich als Beobachter dieser Vorgänge, aber nicht in journalistischer (berichtender, „genremalerischer“) Art, sondern auf einer sprach-reflexiven Ebene, also exakt in einem Bereich, den man einen dichterischen nennen würde, obwohl es sich um „die strukturellen Gemeinsamkeiten“ geht. Er zeigt, dass in der (versuchten) Neutralität des Richters versteckt oder sogar offen das Urteil bereits implizit vorhanden ist: Die Motivationen für die Straftaten werden zwar keineswegs ausgeklammert, spielen aber nicht bei der Frage ‘Schuldig oder Nicht Schuldig?’ eine Rolle, sondern erst bei der Frage ‘Wie sehr schuldig?’, das heisst bei der Zumessung der Strafe...

Den gesamten Essay über belegt Handke nun die vorweggenommene Verurteilung anhand decouvriender Details der Sprache der entsprechenden Richter und Staatsanwälte. Wichtig ist hierbei, dass Handke durchaus Ahnung von der Materie besass, da er immerhin einige Semester Jura studiert hatte. Er weist nun nicht nur die verräterische Sprache nach, sondern geht noch einen Schritt weiter: Er entlarvt (fast wie ein Detektiv) die Scheinargumentation der Justiz, die - so Handke - tautologisch argumentierte. „’Es ist so, weil ich es sage!’“ , zitiert er einen Richter und es folgen nun detailliert Aufdröselungen aus den einzelnen Stadien eines Prozesses, der Beweisaufnahme, der Verhandlung und der Urteilsbegründung.

Die Details von Handkes Argumentation sind eher nebensächlich. Genauso ist es unwichtig (auch für Handke), ob die Angeklagten den ihnen zur Last gelegten Tatbestand erfüllt haben oder nicht. Im Essay geht nicht darum, Schuld zu erkennen bzw. zu sanktionieren (also das eigentliche „Werkzeug“ des Juristen). Die Herangehensweise des Dichters ist eine andere: Sie besteht - pathetisch ausgedrückt - darin, ob dem Angeklagten ein „fairer Prozess“ überhaupt gemacht werden kann, da die ermittelnden und damit beschäftigten Menschen, die bestimmte „Organe“ des Staates vertreten, eine verinnerlichte Vormeinung der Ereignisse haben - nicht zuletzt durch die Medien und deren Berichterstattung entstanden - , die sich nicht nur in der Sprache, die sie verwenden, spiegelt, sondern durch die sie umgebende Sprache erzeugt wird. Handke geht es also auch nicht unmittelbar darum, die Sprache der Justiz zu decouvrieren oder gar aufzudecken (ein wenig natürlich schon), sondern die Ursache der sich in ihrer Sprache findenden Urteile (Vorurteile) in ihrer Sprache zu suchen .

Den Beweis tritt der Autor über die detailgemässe Analyse der Protokolle, Gutachten und Urteilsbegründungen an. Handke weist nach, dass Erläuterungen über Angeklagte wie „Lebt von seinen Eltern“, „Erhält ein Stipendium“ oder die Tatsache, dass der Vater „wegen Linksabweichung aus der Sozialistischen Studentenschaft ausgeschlossen“ wurde, a priori negativ konnotiert werden. Den Titel seines Essays bezieht Handke nicht nur aus dem oben erwähnten Richterzitat, sondern aus der Behandlung der in den Prozessen aussagenden Polizisten. Ihre Aussagen werden a priori positiv konnotiert: Von Polizisten heisst es meist: ‘gibt an’, ‘bestätigt’, vom Angeklagten oder Entlastungszeugen in der Regel aber: ‘behauptet’. Die Polizeibeamten bekunden ihre Aussagen immer ‘klar und sicher’, ‘durchaus glaubwürdig’, ‘übereinstimmend’...Widersprechen sich aber einmal die Aussagen von Polizeibeamten, so sind sie trotzdem glaubwürdig, ‘weil diese Widersprüche nur beweisen, dass die Polizisten ihre Aussagen nicht vorher abgesprochen haben’ .

Diese Vorgehensweise gipfelt in dem Satz „Recht muss Recht bleiben“. Das nennt Handke die Tautologie der Justiz: Leute, die glauben, dass diese Justiz nicht in Ordnung sei, dürfen das der Allgemeinheit nicht in jener Weise zeigen, die von dieser Justiz nicht zugelassen ist...Die Vertreter des Rechts sagen, was Recht ist; andere Meinungen und Aktionen, die diesen anderen Meinungen notwendig folgen, können also ab sofort als ‘fremd’ im Sinn von ‘volksfremd’ und ‘staatsfremd’ bezeichnet werden.

In diesem Augenblick hat sich Handkes sprachkritischer Impetus in diesem Essay zu einem sachlichen gewandelt, nein, besser: ergänzt. Er nimmt zwar noch immer nicht Partei für (oder gegen) die Angeklagten, spricht jedoch indirekt der Justiz ob des tautologischen Problems die Kompetenz ab, über jene Leute zu richten, die gegen sie selber opponiert haben. Die Haltung der Justiz sieht Handke im politischen Gestus der Angeklagten begründet: Weil etwas wie beispielsweise Hausfriedensbruch aus politischen Motiven geschehen sei, beweist es für die Justiz, dass es geschehen sei.

„Die Tautologien der Justiz“ endet mit einem zaghaften Appell an die Vertreter der Legislative, die allein ein solches Bewusstsein von Sachlichkeit steuern können, um Aufmerksamkeit für das zu ersuchen, was in den Gerichtssälen jetzt still und sachlich Tag für Tag abgehandelt wird.

Die in „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ versammelten Feuilletons und Essays waren bis ungefähr 1990 für viele das politischste, was Handke je geschrieben hatte. Neben poetologisch-programatischen Versuchen wie „Die Literatur ist romantisch“, seinem berühmten Princeton-Verdikt, welches in „Zur Tagung der Gruppe 47 in USA“ präzisiert wird, gibt es vier Essays (als „Politische Versuche“ bezeichnet), in denen Handke Stellung zu zeitpolitischen Vorgängen bezieht („Die Tautologien der Justiz“ ist die ausführlichste Stellungnahme). Sie alle datieren zwischen 1967 und 1969, sind also unter dem Eindruck der 68er-Bewegung entstanden. Sie fallen dennoch durch kühle, ja distanzierte, fast logisch-argumentativ daherkommenden Ton auf (mit Ausnahme der ältesten Textes, der etwas radikal die Abschaffung aller „dem einzelnen übergeordneten Institutionen des Staates“ fordert), ohne jedoch als Journalistik bezeichnet werden zu können.

Durch den Zerfall Jugoslawiens änderte sich Handkes Zurückhaltung, was politische Inhalte in seinem poetischen Werk angeht. Was selbst die deutsche sogenannte Wiedervereinigung nicht schaffte, nämlich eine in dieser Hinsicht irgendwie kommentierende Position Handkes (der Deutschland gegenüber mehr und mehr skeptisch gegenübersteht ), geschah nun: Wie kaum ein anderer Intellektueller nahm Handke seine „private“ Angelegenheit zum Anlass, in das Politische vorzustossen - mit den Mitteln des Dichters: der Sprache.

1995/96
Im Januar 1996 war die Welt froh, für Bosnien-Herzegowina einen Friedensplan gefunden zu haben. Vorausgegangen war ein jahrelanger, in den Medien mit allen Einzelheiten präsentierter sogenannter „Bürgerkrieg“. Das Friedensabkommen von „Dayton“ war unterschrieben und Bosnien-Herzegowina de jure ein separater Staat, de facto jedoch in drei Zonen eingeteilt. Das Bild der Öffentlichkeit über diesen Krieg war im grossen und ganzen relativ klar: Serbien (welches nun auch zur Verwirrung vieler „Jugoslawien“, oder, um diese Verwirrung zu verringern, „Rest-Jugoslawien“ genannt wurde [man stelle sich vor, die Bundesrepublik Deutschland seinerzeit „Rest-Deutschland“ genannt zu haben!]) war der Aggressor, der Massaker verübte, die Bevölkerung von Sarajevo belagerte (was zu Assoziationen mit der deutschen Belagerung Leningrads [heute Sankt Petersburg] führte) und die systematische Vertreibung nicht-serbischer Bevölkerung betrieb („ethnische Säuberung“). Es war somit ein Schönheitsfehler, dass ausgerechnet der für all dies doch verantwortliche, der damalige jugoslawische Präsident Slobodan Miloševic, in Dayton als „Friedensgarant“ gebraucht und auch akzeptiert wurde. Die westlichen Medien umgingen die Argumentationsproblematik mit der Schuldzuweisung für die Greueltaten an den Führer der bosnischen Serben, den Psychoanalytiker und Schriftsteller Radovan Karadzic und dessen General Mladic. Beide hätten zwar ihre Macht niemals ohne Miloševics Zustimmung ausüben können, aber als Miloševic einsah, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können, liess er die Karadzic-Truppe politisch fallen und mutierte zum Friedensengel.

Die intellektuelle Aufarbeitung der Ereignisse war noch nicht abgeschlossen, als im Januar 1996 in der „SZ“ Handkes Aufsatz „Gerechtigkeit für Serbien“ erschien. Die ganze Rezeptionsgeschichte dieser Erzählung (die auch Essay ist) wiederzugeben, ist unmöglich. Fast einhellig jedoch wurde der Text negativ beurteilt. Entscheidend für die Beurteilung war aber, dass Handke exakt auf die Vorgehensweise traf, die er vor fast dreissig Jahren bei der Justiz anlässlich der Studentenprozessen beschrieben hatte. Man geht selbst bei den Tatsachenfeststellungen mit verdeckt normativen Begriffen vor, gibt diese aber als Tatsachenbezeichnungen aus. So wurde nicht nur in den Medien über die Jugoslawien-Kriege berichtet, so verfuhr man auch mit dieser Erzählung.

Handke kehrte nun dieses Prinzip nicht einfach um (wie beispielsweise der Kritiker Hubert Winkels bemerkte, der Handke nur eine „Dualität von Setzung und Gegensetzung“ attestierte), sondern arbeitet die in der Kriegsberichterstattung verwandte Sprache anhand ihrer strukturellen Gemeinsamkeiten und Konnotationen auf, in dem er sie befragt (wobei natürlich klar ist, dass diese Fragen keine naiven Fragen, sondern Befragungen sind).

Da aber nicht sein durfte, weil es nicht so sein durfte (Es ist so, weil ich es sage, und deshalb nicht so, weil es Handke sagt), brauste ein Sturm der Entrüstung auf. Auf die einzelnen, teilweise auch unverschämten Anmassungen, soll hier nicht eingegangen werden (so ist es beispielsweise absurd, Handke einen blossen Willen zur Provokation vorzuwerfen, hätte er doch jahrelang vorher an anderen Gegenständen provozieren können, ihm Gefühlskälte für die Opfer zu attestieren oder gar wirtschaftliche Motive zu unterstellen). Interessant bleibt jedoch, warum Handkes Text eine derartige Abneigung erfuhr.

Sigrid Löffler sieht in ihrem Aufsatz „Peter Handke und die Kontroverse um seine Streitschrift ‘Gerechtigkeit für Serbien’“ eine „tollkühne Provokation [welche] der Dichter hier unternimmt, durch nichts legitimiert als durch die schiere Eigenmächtigkeit des Künstlers...Er will...seine poetische Erfahrung, seinen Dichterblick, dem Bild entgegensetzen, das die Medien weltweit von den Serben entworfen haben.“ Das geht eben nur in Serbien. Insofern ist der Vorwurf, Handke habe nicht die Massengräber von Srebrenica besucht , geprägt vom Unverständnis der Absicht dieser Erzählung gegenüber („Gerade jene Kritiker, die selber nie einen Fuss in das Kriegsgebiet gesetzt haben...“ - Sigrid Löffler).

So liegt Handkes „Hauptschuld“ darin, die Frage (wohlgemerkt: die Frage) nach der „Schuld“ der Sezessionskriege einfach noch einmal neu zu stellen, dahingehend neu, dass man vielleicht fragen kann, ob nicht tatsächlich die gemutmassten 200.000 Toten für die unabhängigen Republiken Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu viel seien. Er sagt ausdrücklich nicht, dass man die Expansionspolitik Serbiens hätte deshalb „zulassen“ müssen; es ist nicht Handkes Intention, Tagespolitik zu machen, aber es ist sein Anliegen zu fragen, ob vielleicht zwischen einem serbisch-dominierten „Rest-Jugoslawien“ und der Vielstaaterei nicht eine politische Zwischenlösung hätte gefunden werden können, ja müssen.

Handkes ausführliche Schilderung beispielsweise auf einem Belgrader Markt liessen zwei Vorwürfe aufkommen: Einerseits idyllisiere er eine Art vorindustrielle Gesellschaft (Serbien erlebte seinerzeit den UNO-Boykott), andererseits hätte Handke sozusagen gut reden, da er nach seiner Reise wieder in die so verhasste Konsumwelt zurückkehre und mitmache. Beide Vorwürfe tragen in sich den gleichen Kern: Wir leben in der besten aller Gesellschaften. Der Dichter weiss dies zwar (er lebt ja dort), aber er sagt es nicht und wünscht den Serben quasi die weitere „Armut“ („Jargon der Uneigentlichkeit“; s.o. ).

Mit dieser „Meinung“ im Kopf, mutet es tatsächlich reichlich skurril an, wenn Handke von walddunklen massigen Honigtöpfen, truthahngrossen Suppenhühnern oder den fast zur Berühmtheit gelangten „andersgelben Nudelnestern oder -kronen“ erzählt, aber warum eigentlich? Was ist so empörend an Handkes Einlassung, Und ich erwischte mich dann sogar bei dem Wunsch, die Abgeschnittenheit des Landes - nein, nicht der Krieg - möge andauern; möge andauern die Unzugänglichkeit der westlichen und sonstwelchen Waren- und Monopolwelt? Ist es nicht Aufgabe der Literatur das jeweils andere, uns Unbekannte zu erzählen, nahezubringen? Was ist eigentlich das empörende an andersgelben Nudelnestern? Oder ist unsere „Leitkultur“ bereits derart verinnerlicht, dass anderes nicht mehr zugelassen werden kann? Ist die Wegwerf-Warenwelt auch in den Köpfen und Körpern der Literaturkritiker so verinnerlicht, dass sie als die nur noch einzige gilt? Können Erzählungen nur noch dann „akzeptiert“ werden, wenn sie dem „common sense“ entsprechen?

Die moralische Empörung des Feuilletons stützte sich auf die radikale Infragestellung die geschehenen Ereignisse in exakt jenem Ablauf zu sehen, wie dies mehrheitlich gesehen wurde und durch die allgemeine Berichterstattung implementiert war. Jedwede Kritik wurde sofort als „Propaganda“ abgebürstet und Handke schlichtweg die Eignung abgesprochen, sich hierüber ein Urteil zu bilden. Die Frage nach dem „Warum?“ bleibt auf der Strecke. Statt Ursachenforschung sieht Handke die Berichterstattung reduziert auf nackte, geile, marktbestimmende Fakten- und Scheinfakten-Verkauf . Der ursächliche Impetus eines Journalisten, hinter die Fassaden zu schauen sei bei der Mehrzahl der Fernfuchtler abhanden gekommen. Zuviel sei a priori bereits als Wahrheit vorausgesetzt, und, was stets vergessen wird: Wenn man wissen will, was eine Nachricht ausmacht, muss man die Kamera umdrehen, muss zeigen wie sie ausgewählt, geschnitten, nachbearbeitet, getextet wird und welche Ideen ihr zur Prominenz verhelfen . Wer dies jedoch vergisst zu reflektieren, verliert das kritische Bewusstsein, ein Urimpuls des Journalisten (und auch Dichters).

Abgewandelt könnte man jetzt formulieren: Die Vertreter der Meinung sagen, was Recht ist; andere Meinungen und Aktionen, die diesen anderen Meinungen notwendig folgen, können also ab sofort als ‘fremd’, also unwahr bezeichnet werden. Und: Die Meinungsmacher übersetzen einfach objektive Bezeichnungen in subjektive Wertbegriffe und sie können, indem sie von den letzteren ausgehen, durchaus logisch verurteilen. Die Botschaft dieser Bilder, das sind sie selbst. Sie sind tautologisch, indem sie sagen: Seht her, der Krieg ist kriegerisch.

Dabei geht es Handke nicht darum, Recht zu haben oder Recht zu bekommen (eher im Gegenteil, er wehrt sich ja gerade gegen diese Art von Faktenhuberei). Dennoch möchte er, dass seine Position mindestens einmal berücksichtigt wird: Warum sagst du das alles? - Weil es kaum einer sonst sagt... Er möchte schlichtweg, dass seine Anschauung der Dinge die gleiche Wertigkeit besitzt, wie jene ausschnitthafte und letztlich tautologische Betrachtung der Tages-Journalistik. Die grundlegende Problematik der in der Welt an Schärfe und Intensität zunehmenden Konflikte und Katastrophen können und sollen von ihr nicht berührt werden: „Ein Bericht über einen Erdrutsch verlangt nach Bildern von Zerquetschten, gestürzten Hütten, aufegebahrten Leichen, nicht nach Analysen der Abholzungen, auf die Erdrütsche zurückzuführen sind.“ (Roger Willemsen)

Bei all dem Geschrei wurde Handkes Friedensimpuls in diesem Text nicht nur nicht gesehen, sondern auch noch Gegenstand der Verspottung. Im Gegensatz zum „Aufarbeiten“ der Geschichte, zum bis ins letzte Detail herausfinden, wer was wann wie gemacht und wen umgebracht hat, setzt Handke die Amnestie: Die bösen Fakten festhalten, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger ist als die Fakten. Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen. Oder sag statt ‘das Poetische’ besser das Verbindende, das Umfassende - den Anstoss zum gemeinsamen Erinnern, als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit, für die zweite, die gemeinsame Kindheit. Handke plädiert eindringlich für das „gemeinsame Sich-Erinnern“, für den Umweg über das Festhalten bestimmter Nebensachen“, welches er weit nachhaltiger sieht als das Einhämmern der Hauptfakten.

Das dies keine politische Naivität ist und als blosses „Schwärmertum“ abgetan werden kann, beweist sowohl die Entwicklung der Versöhnung in Südafrika als auch die neuere Friedensforschung: „Eines der konstantesten Elemente des Friedenschlusses, das sich über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende hinweg sowohl innerhalb als auch ausserhalb Europas, sowohl in zwischen- als auch in innerstaatlichen Regelungen feststellen lässt, ist die Amnestie, in dem Sinne, dass jede Seite für dasjenige, was ihr von den Gegenseite angetan worden ist, Straffreiheit gewährt. Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um ein tatsächliches Vergessen - das wird von niemandem verlangt -, wohl aber um ein fiktives, insofern beide Seiten versprechen, sich so zu verhalten, wie wenn alles vergeben und vergessen wäre. Im übrigen steht es jeder Seite frei, Kriegsverbrecher aus ihren eigenen Reihen abzuurteilen“ (Jörg Fisch: „Der fingierte Weltstaat oder Pinochet und die internationale Ordnung“ in „Kursbuch“, Juni 1999). Ein Standpunkt, der zweifellos eine Überprüfung einer moralischen Geschichts- und Politiksicht bedeuten würde.

Und wie heisst es denn bei dem Philosoph Peter Sloterdijk in seinen Poetik-Vorlesungen: „Hat nicht das regenerative Genie von Menschen immer neue Möglichkeiten erschlossen, vor die tödlichen Kapitel der Geschichte zurückzublättern und auf heillose Überlieferung mit der Stiftung neuer Lebensformen aus dem Geist des Anfangens zu antworten? Diese Überlegungen...machen deutlich, warum eine Poetik des Anfangens das Gegenteil einer romantischen Voreingenommenheit für gute alte Zeiten zur Voraussetzung hat.“

Kein Ende in Sicht
In seinem bereits im Vorfeld stark diskutierten Theaterstück von 1999 „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ thematisiert Handke seine gesammelte Verzagtheit zum Thema Jugoslawien. Das Stück ist eine Mischung zwischen subversiver Medienkritik, tolldreister Jugoslawien-Verteidigung und Friedenssehnsucht. Am Ende lässt er alle Beteiligten, die vorher vor zwei Regisseuren ihre jeweilige Geschichte des Krieges erzählt haben, in einem imaginären Einbaum eine symbolische (und mystische?) Friedensfahrt unternehmen. Seriöse Kritiker wie Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung haben den mangelnden dramatischen Bogen des Stückes bemerkt und dies mit dem Furor des Autors erklärt. Dies ist sicherlich richtig, aber es ist kein Stück im herkömmlichen Sinne, sondern eher eine Art Erzähltheater.

Hieraus eine gesteigerte Subjektivität abzuleiten die nur losgelöst von den objektiven Tatsachen sozusagen separiert betrachtbar ist, wäre falsch. Es geht Handke ja eben nicht um Faktenhuberei, um das Aufsammeln von möglichst vielen Tatsachen , die dann sozusagen gesühnt (oder gar gerächt) werden sollen (und wenn, dann von den eigenen „Leuten“ ). So ist für ihn kein Frieden möglich. Dies wäre - im Sinne Sloterdijks - keine „Poetik des Neuanfangens“, da „heillose Überlieferungen“ zur Rache und Vergeltung, zum Aufrechnen führen. Und insofern kehren wir zum Ausgangspunkt der Handkeschen Betrachtungen selbst wieder zurück: Über das Erzählen von Geschichten soll die Welt, sollen die Menschen wieder miteinander versöhnt werden, sich miteinander versöhnen.

Max Frisch erläuterte einem Schweizer Bundesrat in einer Fernsehsendung einmal sein Literaturverständnis. Obwohl es literarisch kaum grössere Antipoden gibt als Handke und Frisch, so ist doch erstaunlich, welche Übereinstimmung sich zwischen den beiden in der theoretischen Betrachtung feststellen lässt. Literatur (für Frisch gleichgesetzt mit Poesie) bricht unsere „versteinerten Selbstverständlichkeiten“ auf, „reisst uns mit“. Daher ist sie „eo ipso nicht staatsbürgerlich“. Frisch kommt zur Lösung: „Da findet etwas anderes statt als Meinungspropaganda“. Literatur ist somit von der Publizistik (der Journalistik) eindeutig zu unterscheiden. Diese Unterscheidung reklamiert Handke für seine Jugoslawien-Bücher (und nicht nur für diese).

Die Welt, die auch Handke im Vorort von Paris umgibt, die Konsum- und Warenwelt stiftet für ihn kein versöhnendes Klima. Es ist eine Welt, in der Medien nur Ausschnitte von Bildern zeigen, die gerade opportun sind, es ist eine Welt, die die eine Hegemonie mit der anderen ersetzt. Handke ist mehr ein Moralist, als es scheinen mag. Er will aber bei aller Moral auch eine Gerechtigkeit. Hier argumentiert er (besonders in „Gerechtigkeit für Serbien“) - und durchaus stringent; verliert einen Augenblick seine Dichterrolle, ohne seinen Dichterblick zu verlieren und wird zum Journalisten, der er auch nicht sein will.

Der ihm vermutlich implantierte Reflex des Skeptikers der jeweiligen Mehrheitsanschauung gegenüber , das ausserordentliche Sprachgefühl , das Bestehen auf das eigene Betrachten, auf die eigene Anschauung Handkes und seine „persönliche“ Empathie für dieses Jugoslawien - dies sind die Gründe für seine schroffe und unbequeme, gelegentlich trotzige Haltung. „Warum gibst du dieses Land nicht endlich auf? Es ist ein verlorenes Land...“ wird „der Grieche“ im "Einbaum"-Stück gefragt und die Antwort ist von einer verblüffenden Einfachheit: „Wenn heute noch Volk, dann tragisches. Und das hier ist ein tragisches Volk. Und mein Platz ist beim tragischen Volk.“

Tragik ist hier natürlich nicht der inflationär gebrauchte Begriff diverser Seifenopernproduzenten, sondern im streng aristotelischen Sinne zu verstehen: „Die Menschen haben wegen ihres Charakters eine bestimmte Beschaffenheit und infolge ihrer Handlungen sind sie glücklich oder nicht.“

Handke, der Verweigerer der „Betroffenheit“, insofern sie von einer Seite reklamiert wird , der ungeheuer akribische Leser und Informationsbeschaffer („El País“, „Le Monde“, „FAZ“, „SZ“, „DIE ZEIT“, „Spiegel“, u.a.), der genaue und unbestechliche Anschauer , der - dies wird immer übersehen - es auch den Serben „gibt“ und sie weiss Gott nicht als Unschuldsengel durchgehen lässt, verdient eine ihm gemässe Auseinandersetzung und Widmung und nicht das primitive Draufschlagen mit dem Hammer, wie man üblicherweise feuilletonistisch seine Gegner „erledigt“ und ihm einfach en passant Unterstellungen unterschiebt.

Und: Ja, seine Anwesenheit und die kleine Rede auf der Beerdigung von Miloševic war auch für mich befremdlich. Aber wer prügelt heute noch auf diejenigen ein, die seinerzeit im Zug sich selbst tötender RAF-Terroristen Grabreden hielten oder nur hinterherliefen (auch oder weil sie "nur" ihre Anwälte waren und es inzwischen, 25 Jahre später, bis zum Minister brachten)?

Die Diskussion um die "Berechtigung" Handkes, den Heine-Preis zu erhalten, geht parallel mit der Absetzung seines Theaterstücks "Das Spiel vom Fragen" (1989 entstanden und ohne jeden Bezug zur Jugoslawien-Problematik) vom Spielplan der Comédie Française. Man beginnt, auch noch den Dichter Handke zu demontieren. Ein erbärmliches Spiel: Man liest seine Bücher nicht oder nur falsch oder nur das, was man lesen will - um dann in Bausch und Bogen sein ganzes Werk zu diskreditieren.

In den "Salons" betont man zwar stets, wie wichtig der Dichterblick sei und lobt auch die engagierte Rede eines Harold Pinter - solange seine Kritik den USA gilt - (eine Miniversion haben wir neulich bei Günter Grass gehört; reichlich opahaft) Hauptsache, alles bleibt im common sense und man kann sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Heine hätte diese Gesellschaft nicht gemocht. Ganz sicher. Insofern wäre Handke der kongeniale Preisträger gewesen. Ihn jetzt auszubooten, ist eine Frechheit. Ich schäme mich als Einwohner der Stadt Düsseldorf.
Nachtrag (01.06.06)
In der "Süddeutschen Zeitung" klare Worte (für jeden verständlich - auch endlich für Nicht-Leser) von Peter Handke "Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen" und ein treffender Kommentar von Thomas Steinfeld "Die Selbstinszenierung der üblen Nachrede."
anaximander - 2006-05-30 17:31

Hm,

der Heinrich-Heine-Preis ist anscheinend ein politischer und KEIN Literatur Preis - und als solcher wäre Schröder der geeignetere Kandidat. Schliesslich hat er Bankgarantien für eine russische Pipeline veranlasst und als Ehrenvorsitzender der Numov Verhandlungen mit der Terror-Organisation Hamas gefordert. Das sollte politisch genug sein...

Gregor Keuschnig - 2006-05-30 17:43

Die Verhandlungen...

mit der "Hamas" werden kommen. Sie werden kommen müssen.

Es erinnert an die reflexhafte Abwehr in den 70er Jahren, als das Wort "PLO" erklang. Niemand konnte sich im Angesicht der weltweiten Anschläge der PLO bzw. deren Terrororganisationen vorstellen, jemals mit Arafat zu verhandeln. Getan haben sie's dann doch. Weil Politik eben auch Pragmatik beinhaltet.

Insofern wäre also Schröder der schlechteste Kandidat für den Heine-Preis.
Gregor Keuschnig - 2006-06-04 21:40

@anaximander - Die PLO...

ist eine Terrororganisation. Genau. Immer noch? Vielleicht ja. Deren Vorsitzender ist Herr Abbas. Und trotzdem will man mit ihm verhandeln. Nur mit der Hamas nicht. Das versteht in Palästina keiner.
La Tortuga - 2006-05-30 17:44

"Es war,

als hätte sich die Scheisse in ihm quergestellt." Dieser Satz (wohl nicht wörtlich zitiert) stammt aus "Die Stunde der wahren Empfindung" und hat wohl jeden Gymnasiasten vor 15 Jahren vom Hocker gerissen (buchstäblich; mich jedenfalls). Ich war immer stolz darauf, dass gerade dieses Buch in meinem Geburtsjahr erschienen ist.
Als dann die Serbien-Diskussion losging, wusste ich nicht, ob man damit noch angeben durfte, weil man nicht genügend informiert war. Daher danke für diese exakte Analyse, ja, man darf und soll.

Alles, was ich über dieses ehemalige Jugoslawien weiss, weiss ich nicht aus den Zeitungen (denen man nicht trauen kann), sondern von Leuten, die aus all diesen Splittern kommen. Was mich zuerst erstaunt hat: es ist ihnen so lang wie breit, ob sie Serben, Kroaten, Bosnier, Kosovaren etc. sind. So lang wie breit, ob Muslime oder orthodoxe Katholiken. Die Fettnäpfchen bilden wir uns ein, die wir die Zeitung gelesen haben. Sie selbst bezeichnen sich als "Jugoslawen". Sie erzählen, dass sie damals bei Kriegsausbruch nicht wussten, worum es überhaupt ging und dass sie verzweifelt staunten, wie beispielsweise der kroatische Bruder gegen den serbischen Schwager in den Krieg zog - während die Schwester und die Schwägerin zuhause unter einem Dach für ihre gesunde Heimkehr beteten. Einer von beiden kam nie zurück, es war der Jugoslawe.

anaximander (Gast) - 2006-06-02 22:35

Die PLO, Gregor,

ist noch immer das, was sie war: eine Terroristenorganisation
Gregor Keuschnig - 2006-06-04 21:38

@La Tortuga

Welch' ein schöner Kommentar...Danke Dir.
michael roloff (Gast) - 2006-09-16 14:48

Ja Tortuga, was sie da schreiben

stimmt schon. "Das ganze Dorf war versammelt, Kroaten, Bosnier aller Art, Serben, zu einem demonstrativen Fest dass wir doch alle mit einander auskaemen, da wurde von Ferne geschossen, eine Frau viel um; und wir fingen alle an uns untereinander zu erschiessen.." Die Anstifter....
fely (Gast) - 2006-05-30 19:59

Uneingeschränkte Zustimmung, bezüglich Inhalt und Form. Kommt bei mir selten vor.

kranich05 (Gast) - 2006-05-30 23:50

Beiträge wie dieser

überzeugen mich immer wieder von Sinn und Bedeutng der ganzen Bloggerei.
Ich tue gern, was ich zur Verbreitung tun kann.
http://opablog.twoday.net/stories/2093798/

Gregor Keuschnig - 2006-05-31 10:06

Vielen Dank

Hier ein sehr treffender Kommentar von Armin Conrad in "Kulturzeit".

Die Berichterstattung und der Kommentar in den "Tagesthemen" waren eine Katastrophe.
blackconti - 2006-06-01 00:48

Puh, viel zu lesen, aber, wie immer bei Ihnen, ein Lesegenuß. Wie angenehm zu wissen, dass auch jemand anderes, auf der anderen Seite des Globus, sich am frühen Abend "Kulturzeit" anschaut. Von Ihnen weiß ich das ja schon seit einiger Zeit.
Nochmals, meiner ehrlichen Bewunderung für Ihren hervorragenden Handke-Beitrag können Sie gewiss sein.

Gregor Keuschnig - 2006-06-01 11:14

Prima,

dass Sie es dennoch gelesen haben, obwohl es so ausführlich ist (ich hatte allerdings schon vom ursprünglichen Text gekürzt).
sebastian_radestock - 2006-06-04 11:30

Und nun?

Ich frage mich, wie es jetzt weitergehen wird. Soweit ich das nachvollziehen kann, ist die Preisvergabe an Peter Handke ja noch nicht offiziell (also durch den Stadtrat) abgelehnt worden. Habe ich Recht mit der Beobachtung, dass in den Medien in den letzten paar Tagen kritischer argumentiert wurde? Ich finde, es gibt inzwischen zahlreiche Stimmen, die den Preis für Handke befürworten. Aber was denken die Leute in Deutschland? Ich glaube, bei denen hat sich das inzwischen schon festgebrannt: HOLOCAUST-RELATIVIERER.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man inzwischen mit den meisten Leuten schon nicht mehr diskutieren kann. Jedes sachliche Argument wird sogleich mit einer polemisierenden Aussage niedergemacht. Da hat dock echt eine verBILDung (im Fall Handke muss man eher sagen: eine verWELTung) stattgefunden. Man lese mal dieses brilliante Stück (mitsamt der Kommentare, wo nochmal ordentlich nachgelegt wird): http://elsalaska.twoday.net/stories/2112459/ Nachdem ich überlegt habe, einen Kommentar zu schreiben, habe ich es dann doch gelassen. Es ist wie wenn man in einen Hundehaufen tritt: Alles aufregen hat keinen Sinn. Don Quichotte lässt grüssen...

Wie auch immer... Ich denke also, dass es - falls der Preis doch noch an Handke vergeben werden sollte - ziemliche Proteste geben wird. Und: Ich denke, dass Handke den Preis nicht mehr haben will.

Gregor Keuschnig - 2006-06-04 13:54

verWELTung - sehr schön

Offiziell berät der Stadtrat ja erst am 22.6. über die Bewilligung des Preisgeldes (womit natürlich nachträglich in die Entscheidung der Jury eingegriffen wird, was ein unmöglicher Vorgang ist). Wie das in Deutschland so üblich ist, gab es aber bereits Anfang der Woche diverse Probeabstimmungen in den Fraktionen, wie man darüber abstimmt...

Interessant wird sein, ob der OB Joachim Erwin (CDU), der sich vehement für Handke eingesetzt hatte (seit einigen Tagen aber "abgetaucht" ist), seinem Ruf als "Querkopf" gerecht wird und vielleicht noch das Votum verändern will. Der Mann ist ziemlich kreativ.

Mein Eindruck ist es auch, dass einige Medien durchaus Gegenstimmen veröffentlichen (am klarsten natürlich die SZ); ein grässlicher Artikel im Online-Angebot der "Zeit" von Jörg Lau hat man wohl nach den zahlreichen protestierenden Kommentaren gelöscht.

Meine Erfahrung ist, dass die Leute am meisten auf Handke schimpfen und ihn beschimpfen, die seine Bücher gar nicht gelesen haben. Wenn man nachfragt und Belege haben möchte, kommt nichts (wie neulich in einem anderen Weblog - nach drei Postings war man bei Verbalinjurien; als ich mich dann zurückzog wurde mir paradoxerweise vorgworfen, dass mir wohl "die Argumente" ausgegangen seien). Häufig wird nur mit Schnipseln aus zweiter oder dritter Hand "argumentiert" - viele Leute meinen, das reicht, um sich eine Meinung zu bilden.

Übrigens ein Grundelend vieler "journalistischer" Blogs, deren Verfasser glauben, das blosse Zitieren aus Zitaten sei bereits ausreichend, um ein Argument dafür oder dagegen zu formulieren. Für Hintergrundrecherchen bleibt weder Zeit noch Lust (wenn schon die "richtigen" Journalisten nicht recherchieren...).

Ob Handke noch den Preis möchte - ich weiss es nicht. Vermutlich wird man jedoch den Preis 2006 einfach "ausfallen" lassen. Die Jury schlage ich vor, aus denjenigen Pappfiguren zu rekrutieren, die sich ein Urteil angemasst haben. Dann bekommt vielleicht beim nächsten Mal Roberto Blanco den Preis.
PS: Mir fällt in diesem Zusammenhang der offene Brief von Sepp Bierbichler von 1999 an Claus Peymann ein. (Glücklicherweise ist er online).
Gris-Gris (Gast) - 2006-06-05 03:28

Noch eine kleine Verschwörungstheorie (viele Belege sprechen dafür): Handke will gar keine Gerechtigkeit für Serbien, er will sich an Serbien rächen. Das Grossvater-Syndrom, die slowenischen Wurzeln. Seine Anbiederung an einen Mörder und die serbischen Neureichen... eine einzige Provokation.

Sind Sie allenfalls Teil dieser Strategie, Herr Keuschnig? Nein, das traue ich Ihnen nicht zu.

Dennoch: Nicht nur Sie müssen sich (wie Sie selbst schreiben), auch Handke sollte sich schämen. Er ist ein Larifari.

Gregor Keuschnig - 2006-06-05 10:39

Schimpfen und verschwören...

aber auch mehr?

Den Beleg (oder die Belege), in der Handke "Slobo" feiert (diese Verniedlichung ist ein Zitat von Ihnen), können Sie nicht beibringen. Sie verlassen sich auf die Medien, die entsprechend Ihrer Meinung die Sache aufbereiten. Das ist nicht schlimm. Aber es ist unredlich, wenn man dann hierauf sein Urteil stützt.
bigberta - 2006-06-07 23:40

Dieses Rumgeeiere ist wirklich widerlich

Deswegen belasse ich es bei einem musikalischen Gruß
http://media.putfile.com/Bubamara
Filmmusik aus Schwarze Katze/Weiße Katze
Gruß
BB

Gregor Keuschnig - 2006-06-08 14:17

Natürlich...

ist das "Rumgeeiere" widerlich. Aber es ist auch notwendig, das auszutragen und den in der Regel kenntnislosen Schwätzern nicht unwidersprochen das Feld zu lassen (Sie sind natürlich nicht gemeint!).

Man kann sich sehr wohl mit Peter Handkes Serbienbüchern und seiner Auslegung kritisch auseinandersetzen, ohne gleich geifernd seine Absichten und seine Integrität in Zweifel zu ziehen. Einen wunderbaren Artikel habe ich hier gefunden: Er stammt von der Schriftstellerin Marica Bodrocic aus der TAZ "Gutmenschen und Wortverbot".

Die Diagnose dieser Autorin ist prägnant:

Die einen, in der Welt, dürfen sagen, was die Welt ist und wie sie zu funktionieren hat. Die anderen, die sich das wahrhaftige Sagen zum Beruf gemacht haben, dürfen das jetzt nicht. Sie werden mit einem üblichen Gestus der Empörung einfach von der Landkarte des Sagens gelöscht. Unsere wohlfeile Wegwerfkultur macht diesen Habitus ernsthaft möglich. Auch Politiker und Jurymitglieder des Heinrich-Heine-Preises halten sich nicht mehr an den allgemein anerkannten Ehrenkodex. Das Plappern ist eine Devise geworden, eine Währung ohne Rückstoß, die Wörter haben Unterröcke bekommen und schmutzige Füße und einen ohne das Gewissen schlingenden Mund.

Weiter führt sie aus:

Was meint aber das Wort Achtung? Aufmerksamkeit ohne Verlogenheit. Ohne den Anspruch, der eigenen Welthaltung dabei spießbürgerlich genaue Rechnung zu tragen. Was uns nicht gefällt, soll auch nicht gesagt sein. Wir haben keine Ohren. Keine Augen. Wollen nicht sehen, was unserem Urteil entgegenwirkt, aber doch wirksam ist.

Den Nachplapperern und Nicht-Lesern schreibt sie ins Stammbuch:

Leicht sagt es sich, Handke beleidige mit diesem oder jenem die Opfer des einstigen Krieges und rücke nun auch die Stadt Düsseldorf in schlechtes Licht. Ja, unsere Angst ist größer als unser Wissenwollen. Bemerkt auch niemand im so genannten Westen, dass unsere Überheblichkeit, nun auch schon im Namen der Opfer zu sprechen, eine seelenlose Form eingenommen hat, die zu wahren Handke doch immerhin stets versucht hat.

Mit einem Wort charakterisiert sie das Vorgehen der Verächter: Empörungsgymnastik.

Dem ist - vorerst - nichts hinzuzufügen.

Ihr Musikstück werde ich hören können, sobald mein PC wieder entsprechend funktioniert. Ich danke - wie immer - für diesen Kommentar. Sehen Sie mir die Schärfe nach; sie ist nicht persönlich gemeint. Ich bin bei Handke nur ziemlich hartnäckig.
mikerol an Gregor Keuschnig 2006-06-11 23:31 (Gast) - 2006-06-12 15:39

Your entry strikes me as perfectly fine. Maybe you ought to post a section of it with the link, at the Zeit forum. You are obviously a product of the German educational system, neither of which nor the American ever made it possible for me to write this efficient scholarly prose. Something in me resists in being able to put matters this way, much as I have learned and admired from the procedure.

Just a few comments. the title "gerechtigkeit fuer serbien" the editors of the Sueddeutsche gave to "winterliche reise", handke has disavowed those pretensions from the very beginning, though if you read the text, the impulse to disbelieve the simple media generated tale that the serbs were to blame was one reason he sat off on his trip....

"am felsfenster morgens" contains a couple of entries noting how "cold" people had become towards each other in yugoslavia in the late 80s...

there are some wonderful long stretches, also a lot of very funny stuff, in NIEMANDSBUCHT, about Yugoslavia... one lover in particular..

there is a lot of material at the http://handkeyugo.scriptmania.com site, also a couple of piece of mine in english... i was rather skeptical initially of what my man was up to, since i had spent three years in mexico, and i had to get back up to speed on that, best as i could, but then i had a university library, and the net... handke of course was extremely "tetchey" as the brits say... and blew up on any number of occasions... i think i have a good idea why... the way the entire debate is conducted with the foregone conclusion that m. was a dictator responsible for most of the atrocities... it just goes to show that there is no escaping mass medianization i suppose

one might look at the whole mess there as a matter of several discrete things:

the tenuous federation...
the tensions religious and political with the past being more present than it is say, in the united states, where the expression "you're history" means that you have been consigned to the realm of forgetfulness from one day to the next, and are not meant to hold grudges...

the failure of Yugoslav socialism to deliver... especially so with the bananas that everyone enjoyed in the west...

a new generation, who then became the para militaries of all kinds...that was one of the first telegenic matters i recall impinging on my being back in the early 90s...

the decision by the u.s. to stop supporting the federation with the end of the cold war. what was it 100 million or more a year. probably more.

the germans and then the french reconizing the centrifugal impulses, in the instance of croatia of a successor regime to the ustacha i think was its ww 2 name. i spent ww 2 in germany, secreted way in castles, until the very last year when it was fairly safe to live betwen bremen and bremerhafen.. and quite a few cities in yugoslavia on the radio dial appeared there with german names...

then the various intercessions by the americans lending military help to the croations to defend themselves again the serbians/ yugoslav national army which had the bigger guns and larger tank corps; the importation of some 4,000 i think mujahadeem to helpt the bosnian muslims... the dayton accords... the preventive kosovo war... to teach milo and the yugoslavs a lesson once and for all.... with the result of a ruined kosovo... a tenuous bosnian muslim state where everyone is being forced to live with each other, something that the people felt they could no longer do which is why they "cleansed' each other... it is very suprising really that nation wide, except for slovenia, so much violence erupted and that it took such force to put it down... roving bands of all kinds everywhere... it is not too surprising that it is so much easier to blame one man who from what i was able to discern from the trial did a rather fine job of defending himself but had particularly unclean hands in internal serbian politcal affairs, if anyone had clean hands.. i rather admire handke for his ability to think and write and experience in non-journalistic terms... and so i support hubert spiegels wish that he delivers his heine prize speech somewhere in absentia... but the way the "konsens" seems to have been arrived at in germany among the "greens" that handke is somehow guilty here. he's guilty all right, as who isn't , but of entirely other matters.

the stueck zum film uber den krieg is a pretty great play, the last in that poswar german tradition of die plebejer ueben den aufstand, kipphardt's oppenheimer. weiss's Auschwitz piece, all somehow with roots in brecht. actually one cannot pin handke down in that piece to a single character or position. it's too long of course, but then he knew it wasn't going to be performed very often, and peymann plays his work without cutting. that doesn't help. however, from an artistic point of view it is a strong solution to the problem of "drama in the age of film"... and it has the quality of the "model" that brecht's theater always wanted,too. it can be adapted to other instances. i suppose there are are landscape where the slavic spirit takes the form of a dug out canoe, mexico for one!!

Der Autor ist Michael Roloff, ein ehemaliger Übersetzer u. a. von Peter Handke. Eine weitere Stellungnahme von Roloff zum aktuellen Handke-Diskussion ist hier im Online-Forum der „Zeit“ zu finden. – Die Veröffentlichung der E-Mail erfolgt mit Genehmigung des Verfassers. Der Text wurde nicht bearbeitet.

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Gregor Keuschnig - 2010-02-09 22:13
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