Der schändliche Rückzug: Kein Heine-Preis für Peter Handke
Soeben wird bekannt, dass der Heine-Preis voraussichtlich in diesem Jahr doch nicht an Peter Handke geht. Die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Düsseldorfer Stadtrat haben sich darauf verständigt, die Vergabe der Auszeichnung an Handke zu verhindern. Das geht vermutlich einfach, da sie das Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro nicht zur Verfügung stellen wollen.
Abgesehen von der Tatsache, dass damit die Entscheidung einer eigentlich autonomen Jury desavouiert wird (und wiederum zeigt, wie abhängig sich die Kultur von den politischen Entscheidungsträgern macht) – es zeigt, dass die Dreckkampagne der letzten Wochen (sicherlich hauptsächlich initiiert von Leuten, die Handkes Bücher nicht gelesen haben) Wirkung gezeigt hat.
Worum geht es?
S
eit der Erscheinung seiner Erzählung „Gerechtigkeit für Serbien“ in den ersten Januartagen des Jahres 1996 in der „Süddeutschen Zeitung“ spalten sich die Feuilletons - und nicht nur diese - in Handkehasser und Handkeverehrer. Die meisten „Handkehasser“ nutzen willkommen die über Jahre vorher schon vorgenommene literarische Kritik, um ihn jetzt über den Umweg zur Erklärung der politischen „Unperson“, literarisch zu desavouieren.
Handke hatte in der Reiseerzählung unter anderem Fragen ob der ausschliesslichen Schuld der Serben an den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien seit 1991 gestellt und Kritik an der Berichterstattung der Medien geübt, die ausschliesslich die Serben zum Alleinschuldigen darstellten. Handke, der Jahrzehnte lang keine Lesungen seiner Bücher mehr vorgenommen hatte, las in mehreren Städten aus seinem Buch vor, so u. a. in Frankfurt. Mit starker Sicherheitspräsenz (Taschenkontrolle) beim Betreten des Theaters begann dort nach Handkes Lesung eine leidenschaftlich geführte Diskussion auf der Bühne und auch im Publikum. Handkebefürworter, die die Sicht des Vorsitzenden der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, der dem Text ablehnend bis feindselig gegenüberstand, nicht hören wollten, mussten von Handke beruhigt werden. Die Wellen schlugen hoch, nahezu alle Medien lehnten seine Einwürfe als „Jargon der Uneigentlichkeit“ und „menschenverachtend“ ab. Im Herbst 1996 erschien dann Handkes „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ , der weniger beachtet, aber im Detail um so gründlicher verrissen wurde; allgemein galt als belegt, Handke habe nur noch „einen draufsetzen“ wollen.
Mit Beginn des Kosovo-Konfliktes, der schliesslich im März 1999 in das NATO-Bombardement gegen Jugoslawien eskalierte, äusserte sich Handke wiederholt und vehement in teils polemischer und auch verletzender Art und Weise gegen die Intervention. Inzwischen galt als ausgemacht, dass Handke eine „serbenfreundliche“, ja Miloševic-treue Haltung einnahm. Anlässlich der Meldung der Rückgabe des Büchner-Preises und seinem Austritt aus der katholischen Kirche wurde Handke in der ARD-„Tagesschau“ als „pro-serbisch“ bezeichnet.
Viele Kritiker, die Handke literarisch wohl gesonnen waren und seine 96er Bücher als eine Art „Ausrutscher“ betrachten wollten, brachen jetzt endgültig mit ihm. Oft war zu hören, Handke sei in einer Art „Wahn“ verfallen; er sei nicht mehr derselbe, der beispielsweise einst das so poetische Drehbuch zu Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ geschrieben habe. Andere nutzten die Gelegenheit mit ihm „abzurechnen“, seine Bücher als immer schon langweilig abzufertigen, was in Anbetracht der political correctness, die stets bei Künstlern einwandfrei zu sein hat, dann sozusagen legitimiert wurde.
Handkes Einlassungen, er sei nicht „pro-serbisch“, sondern nur mit den Serben , sein Erläutern, dass er Massaker und Verbrechen der Serben weder leugne noch bagatellisierte - all dies wurde in der allgemeinen Hetzjagd nicht mehr wahrgenommen. Seine Interviews Mitte Mai im österreichischen Nachrichtenmagazin „News“ und dann einige Tage später in der „Süddeutschen Zeitung“, in denen er sich rüde und wütend gegen die politischen Verantwortlichen des Bombardements echauffierte, trugen sicherlich nicht zu einer Versachlichung bei, zumal Handke hier eine gewisse Einseitigkeit leicht nachzuweisen war (fragbar kann dann sein, ob Interviews eigentlich „ausgewogen“ zu sein haben).
Dabei hätten die oft wütenden und überraschten Reaktionen von Kritikern und Lesern ruhig etwas gelassener ausfallen können. Hätte man Handkes Werk, welches in den letzten rund dreissig Jahren ja durchaus einiges Volumen hat, genau gelesen, hätte man Handkes Furor nicht nur erahnen, sondern auch besser einzuschätzen gewusst.
Jugoslawien = „Arkadien“
Selbst unter Nichtberücksichtigung der in den letzten Jahren erschienenen Bücher, spielt Jugoslawien (sehr oft, aber beileibe nicht ausschliesslich, die Provinz Slowenien) in Handkes Werk eine sehr zentrale Rolle: „Die Wiederholung“ (1986), „Noch einmal für Thukydides“ (1991/1997), „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991),der Gespräch-Band „Noch einmal vom Neunten Land“ (1993).
In vielen anderen Erzählungen und Theaterstücken spielen Motive aus Handkes zahlreichen Reisen nach Jugoslawien immer wieder hinein. So ist es zum Beispiel möglich, Handkes „Märchen“ „Die Abwesenheit“ mindestens teilweise in Jugoslawien einzuordnen oder auch die Erzählung „Wunschloses Unglück“ thematisiert anhand der Mutter Handkes die soziale Stellung der sogenannten „Kärntner Slowenen“.
Handke besetzt Jugoslawien als einen positiven Topos des Zusammenlebens von Menschen. Anders als viele Intellektuelle, die in Titos Jugoslawien den ersehnten „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus ausmach(t)en und das Land politisch als Modell idealisier(t)en, verwendet Handke eine politische Erhöhung nur im Sieg Titos gegen das Nazi-Regime (Licht einer Idee). Auch das Handkes Mutter slowenischen Ursprungs ist, wird wohl nur eine untergeordnete Rolle für sein Interesse an Jugoslawien spielen, hat aber wohl seinen Zugang zur slowenischen Sprache, die Handke fliessend beherrscht (er hat u. a. Autoren wie Florjan Lipuš übersetzt) und Mentalität befördert.
Handkes Affinität zu Jugoslawien (insbesondere Slowenien) liegt anders begründet: Zunächst hat es beim jungen Peter Handke eine Art „Initiation“ in Jugoslawien gegeben (über die wir sehr wenig wissen). Und zum anderen war es Slowenien, in dem Handke seine „Wirklichkeit“ gefunden hatte: Es war das genaue Gegenteil zu jener Unwirklichkeit, wie sie in Grausen versetzt den Schreiber der ‘Briefe eines Zurückgekehrten’ (Hofmannsthal), welcher nach langer Abwesenheit von seinen deutschen Landen vor keinem einzigen Gegenstand da mehr dessen Existenz fühlt: Kein Krug wirkt mehr als Ding Krug, kein Tisch steht mehr da als Tisch; sämtliche Dinge in dem Gebiet Deutschland erscheinen dem Zurückgekehrten als ‘gegenstandslos’. Wie gegenständlich aber wurden dafür mir durch die Jahre, jedesmal, gleich beim wiederholten Überschreiten der Grenze, die Dinge in Slowenien: Sie entzogen sich nicht - wie das meiste inzwischen nicht bloss in Deutschland, sondern überall in der Westwelt -, sie gingen einem zur Hand. Ein Flussübergang liess sich spüren als Brücke; eine Wasserfläche wurde zum See; der Gehende fühlte sich immer wieder von einem Hügelzug, einer Häuserreihe, einem Obstgarten begleitet...wobei das Gemeinsame all dieser Dinge die gewisse herzhafte Unscheinbarkeit gewesen ist, eine Allerwelthaftigkeit, eben das Wirkliche, welches wie wohl nichts sonst jenes Zuhause-Gefühl des ‘Das ist es, jetzt bin ich endlich hier!’ ermöglicht.
Der positive Topos Jugoslawien speist sich also bei Handke nicht nur bzw. ausschliesslich aus einer politischen Richtung, wie dies beispielsweise in der Nach-68er-Bewegung der Fall war. Titos von der Sowjetunion losgelöste Politik, eine Art Lavieren zwischen Kommunismus auf der einen Seite und dem durchaus Akzeptieren des Kapitalimus (Tourismus) auf der anderen Seite (und den damit verbundenen Öffnungen des Landes) hat für Handke keine direkte Bedeutung. Er ist Betrachter eines Landes, welches Jugoslawien heisst, aber dessen politische Konstellation ihm für diese Betrachtung gleichgültig ist. Die wenigen Stellen in seinen Büchern, in denen er unmittelbar Bezug auf die Geschichte Jugoslawiens und des Widerstandes Titos und seiner Partisanen gegen die Nationalsozialisten nimmt, dienen ihm eher als Klammer einer für ihn offensichtlich so wahrgenommenen Identität der Menschen.
Handke bekennt in „Abschied des Träumers vom Neunten Land“, dass er den Grund für die Abspaltung Sloweniens (und Kroatiens), diese Kleinstaaterei, nicht „sehen“ kann (und bekräftigte dies seinerzeit in der Fernsehsendung „Titel, Thesen, Temperamente“), was bei vielen Lesern und Intellektuellen auf Unverständnis stiess, hoffte man doch, Handke als Verfechter der slowenischen Nation zu. Handke befürchtet nun eine Kommerzialisierung, Verwestlichung Sloweniens , Unwirklichkeitsstreifen- oder gürtel , malt sogar die Einbetonierung wie in Andorra aus; ein Staat, der zwar existiert, aber dann auch wieder nicht, nur fiskalisch und als entseelte Folklore. Spielte also die Politik innerhalb der Poesie Handkes keine Rolle, so ändert sich dies mit dem drohenden Zerfall dieses Staatenbundes.
In „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ benennt es Handke ganz klar: Jugoslawien ist für ihn eine der wenigen Sachen, welche bei mir zusammengehören mit dem Beiwort ‘mein’; Sache nicht meines Besitzes, sondern meines Lebens.
Kurz vor der Abspaltung Sloweniens und Kroatiens erscheint in der „Tageszeitung“ eine kleine Geschichte mit dem Titel „Noch einmal für Jugoslawien“, die von ihm später in die Taschenbuchausgabe von „Noch einmal für Thukydides“ unter dem Titel „Geschichte der Kopfbedeckungen in Skopje“ übernommen wird. Handke beschreibt hier ausschliesslich die Kopfbedeckungen der Menschen, die ihm auf dem Marktplatz von Skopje begegnen. In einer Art letzter Verzweiflung beschwört er das Miteinanderleben unterschiedlichster Menschen- und Religionsgruppen als friedliches Idyll, als Möglichkeit, Modell für ein friedliches Zusammenleben der ganzen Welt. Unterschiede nicht nivellieren, sondern befördern und gegenseitig respektieren - das exakte Gegenbild zur westlichen Einheitskultur, die einerseits den grenzenlosen Individualismus propagiert, anderseits jedoch die Massenkultur und die damit verbundene Vereinheitlichung „pflegt“. Die für Handke wichtigen, am Goetheschen Weltbild orientierten Vorgänge, wie beispielsweise das Geltenlassen der Phänomene, ist in dieser Welt nicht mehr möglich. Dies mit dem später häufig geäusserten Vorwurf der Idyllisierung eine vorindustriellen Welt abzufertigen, zeigt nur, in welch’ kleingeistigen Kategorien Kritiker oft ihre Urteile voreilig treffen.
Sprache
Die Botschaft verhallt; in „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ gibt es Handkes ersten, wenn auch milden Zornesausbruch gegen die Finstermannriege der „FAZ“ oder dem grossmäulig-ahnungslosen „Spiegel“ . An dieser Sache des Lebens, die ihn von nun an nicht mehr ruhen lässt, weil sein Arkadien - Jugoslawien - zerfällt, beginnt der Dichter Handke seine Sprachkritik, die auch zugleich Sach-Kritik wird.
Freilich ist Handke kein Sprachkritiker wie beispielsweise Viktor Klemperer, der in seinem Buch „LTI“ die schleichende Infiltration einer speziell konnotierten Sprache auf die moralische Integrität einer Gesellschaft dokumentiert und Sprache nicht als bloss „dahergesagtes“, als Harmlosigkeit darstellt, sondern den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Sprache und Tat belegt bzw. Sprache als Tat wertet. Handkes Herangehensweise war eher philosophisch-poetologisch, wobei Einflüsse durch Ludwig Wittgenstein unverkennbar sind. Zwar erkennt Handke auch (und besonders in seinen 96er-Büchern) die Verwendung der Sprache als Medium der Beeinflussung von Massen, erlaubt sich jedoch gleichzeitig, Begriffe, die schier unrettbar verloren sind durch den Gebrauch in der LTI, wieder zu erretten, sie - die Worte - sozusagen nicht der LTI zu „überlassen“ .
Trotz neuer und ergänzender Sicht auf die Sprachkritik ist es erstaunlich, mit welcher Stringenz Handke immer schon auf den Zusammenhang der Verwendung von Sprache und deren politisch/soziale Konnotation reflektiert hat, freilich selten so direkt wie im Jahre 1969.
„Die Tautologien der Justiz“
Im 1972 erscheinenden Sammelband „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ schreibt Peter Handke im Vorwort: Von allen Texten in diesem Buch habe ich eigentlich nur ‘Die Tautologien der Justiz’ ganz von mir aus geschrieben und erläutert den hauptsächliche Grund für seine hier versammelten „Feuilletons“: das Geldverdienen, jene „300 Schilling“ pro Beitrag. Er war, als „Die Tautologien der Justiz“ entstand, ein bekannter Nachwuchsschriftsteller, gerade reüssiert mit seinem Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“. Handke etablierte damals auch das sogenannte Triviale in seine Betrachtungen, Essays und „Feuilletons“, etwa ein Fussballspiel oder eine Fernsehsendung mit Anneliese Rothenberger und verknüpfte das Beobachten mit Reflexionen über unsere Wahrnehmungen. Dies war im Grunde auch der Impetus des als Provokation empfundenen Stücks „Publikumsbeschimpfung“, in dem zwar vordergründig das anwesende Publikum „beschimpft“ wurde, tatsächlich jedoch Rezeptionsgewohnheiten befragt werden sollten. So wundert es nicht, wenn Handke am Schluss des kurzen Vorwortes, möglichst viele dieser Texte als Geschichten gelesen haben möchte - ein Anliegen, das uns noch anderweitig begegnen wird.
„Die Tautologien der Justiz“ ist ein Essay, der oberflächlich auch als eine Gerichtsreportage verstanden, in diesem Fall dann: missverstanden werden könnte. Handke thematisiert die Prozesse der unmittelbaren Nach-1968-Ära, in der es nicht mehr um die „grossen“ Taten, sondern um vergleichsweise Bagatelldelikte wie Land- bzw. Hausfriedensbruch, Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration oder auch das Verrichten der Notdurft im Gerichtssaal geht. Er erweist sich als Beobachter dieser Vorgänge, aber nicht in journalistischer (berichtender, „genremalerischer“) Art, sondern auf einer sprach-reflexiven Ebene, also exakt in einem Bereich, den man einen dichterischen nennen würde, obwohl es sich um „die strukturellen Gemeinsamkeiten“ geht. Er zeigt, dass in der (versuchten) Neutralität des Richters versteckt oder sogar offen das Urteil bereits implizit vorhanden ist: Die Motivationen für die Straftaten werden zwar keineswegs ausgeklammert, spielen aber nicht bei der Frage ‘Schuldig oder Nicht Schuldig?’ eine Rolle, sondern erst bei der Frage ‘Wie sehr schuldig?’, das heisst bei der Zumessung der Strafe...
Den gesamten Essay über belegt Handke nun die vorweggenommene Verurteilung anhand decouvriender Details der Sprache der entsprechenden Richter und Staatsanwälte. Wichtig ist hierbei, dass Handke durchaus Ahnung von der Materie besass, da er immerhin einige Semester Jura studiert hatte. Er weist nun nicht nur die verräterische Sprache nach, sondern geht noch einen Schritt weiter: Er entlarvt (fast wie ein Detektiv) die Scheinargumentation der Justiz, die - so Handke - tautologisch argumentierte. „’Es ist so, weil ich es sage!’“ , zitiert er einen Richter und es folgen nun detailliert Aufdröselungen aus den einzelnen Stadien eines Prozesses, der Beweisaufnahme, der Verhandlung und der Urteilsbegründung.
Die Details von Handkes Argumentation sind eher nebensächlich. Genauso ist es unwichtig (auch für Handke), ob die Angeklagten den ihnen zur Last gelegten Tatbestand erfüllt haben oder nicht. Im Essay geht nicht darum, Schuld zu erkennen bzw. zu sanktionieren (also das eigentliche „Werkzeug“ des Juristen). Die Herangehensweise des Dichters ist eine andere: Sie besteht - pathetisch ausgedrückt - darin, ob dem Angeklagten ein „fairer Prozess“ überhaupt gemacht werden kann, da die ermittelnden und damit beschäftigten Menschen, die bestimmte „Organe“ des Staates vertreten, eine verinnerlichte Vormeinung der Ereignisse haben - nicht zuletzt durch die Medien und deren Berichterstattung entstanden - , die sich nicht nur in der Sprache, die sie verwenden, spiegelt, sondern durch die sie umgebende Sprache erzeugt wird. Handke geht es also auch nicht unmittelbar darum, die Sprache der Justiz zu decouvrieren oder gar aufzudecken (ein wenig natürlich schon), sondern die Ursache der sich in ihrer Sprache findenden Urteile (Vorurteile) in ihrer Sprache zu suchen .
Den Beweis tritt der Autor über die detailgemässe Analyse der Protokolle, Gutachten und Urteilsbegründungen an. Handke weist nach, dass Erläuterungen über Angeklagte wie „Lebt von seinen Eltern“, „Erhält ein Stipendium“ oder die Tatsache, dass der Vater „wegen Linksabweichung aus der Sozialistischen Studentenschaft ausgeschlossen“ wurde, a priori negativ konnotiert werden. Den Titel seines Essays bezieht Handke nicht nur aus dem oben erwähnten Richterzitat, sondern aus der Behandlung der in den Prozessen aussagenden Polizisten. Ihre Aussagen werden a priori positiv konnotiert: Von Polizisten heisst es meist: ‘gibt an’, ‘bestätigt’, vom Angeklagten oder Entlastungszeugen in der Regel aber: ‘behauptet’. Die Polizeibeamten bekunden ihre Aussagen immer ‘klar und sicher’, ‘durchaus glaubwürdig’, ‘übereinstimmend’...Widersprechen sich aber einmal die Aussagen von Polizeibeamten, so sind sie trotzdem glaubwürdig, ‘weil diese Widersprüche nur beweisen, dass die Polizisten ihre Aussagen nicht vorher abgesprochen haben’ .
Diese Vorgehensweise gipfelt in dem Satz „Recht muss Recht bleiben“. Das nennt Handke die Tautologie der Justiz: Leute, die glauben, dass diese Justiz nicht in Ordnung sei, dürfen das der Allgemeinheit nicht in jener Weise zeigen, die von dieser Justiz nicht zugelassen ist...Die Vertreter des Rechts sagen, was Recht ist; andere Meinungen und Aktionen, die diesen anderen Meinungen notwendig folgen, können also ab sofort als ‘fremd’ im Sinn von ‘volksfremd’ und ‘staatsfremd’ bezeichnet werden.
In diesem Augenblick hat sich Handkes sprachkritischer Impetus in diesem Essay zu einem sachlichen gewandelt, nein, besser: ergänzt. Er nimmt zwar noch immer nicht Partei für (oder gegen) die Angeklagten, spricht jedoch indirekt der Justiz ob des tautologischen Problems die Kompetenz ab, über jene Leute zu richten, die gegen sie selber opponiert haben. Die Haltung der Justiz sieht Handke im politischen Gestus der Angeklagten begründet: Weil etwas wie beispielsweise Hausfriedensbruch aus politischen Motiven geschehen sei, beweist es für die Justiz, dass es geschehen sei.
„Die Tautologien der Justiz“ endet mit einem zaghaften Appell an die Vertreter der Legislative, die allein ein solches Bewusstsein von Sachlichkeit steuern können, um Aufmerksamkeit für das zu ersuchen, was in den Gerichtssälen jetzt still und sachlich Tag für Tag abgehandelt wird.
Die in „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ versammelten Feuilletons und Essays waren bis ungefähr 1990 für viele das politischste, was Handke je geschrieben hatte. Neben poetologisch-programatischen Versuchen wie „Die Literatur ist romantisch“, seinem berühmten Princeton-Verdikt, welches in „Zur Tagung der Gruppe 47 in USA“ präzisiert wird, gibt es vier Essays (als „Politische Versuche“ bezeichnet), in denen Handke Stellung zu zeitpolitischen Vorgängen bezieht („Die Tautologien der Justiz“ ist die ausführlichste Stellungnahme). Sie alle datieren zwischen 1967 und 1969, sind also unter dem Eindruck der 68er-Bewegung entstanden. Sie fallen dennoch durch kühle, ja distanzierte, fast logisch-argumentativ daherkommenden Ton auf (mit Ausnahme der ältesten Textes, der etwas radikal die Abschaffung aller „dem einzelnen übergeordneten Institutionen des Staates“ fordert), ohne jedoch als Journalistik bezeichnet werden zu können.
Durch den Zerfall Jugoslawiens änderte sich Handkes Zurückhaltung, was politische Inhalte in seinem poetischen Werk angeht. Was selbst die deutsche sogenannte Wiedervereinigung nicht schaffte, nämlich eine in dieser Hinsicht irgendwie kommentierende Position Handkes (der Deutschland gegenüber mehr und mehr skeptisch gegenübersteht ), geschah nun: Wie kaum ein anderer Intellektueller nahm Handke seine „private“ Angelegenheit zum Anlass, in das Politische vorzustossen - mit den Mitteln des Dichters: der Sprache.
1995/96
Im Januar 1996 war die Welt froh, für Bosnien-Herzegowina einen Friedensplan gefunden zu haben. Vorausgegangen war ein jahrelanger, in den Medien mit allen Einzelheiten präsentierter sogenannter „Bürgerkrieg“. Das Friedensabkommen von „Dayton“ war unterschrieben und Bosnien-Herzegowina de jure ein separater Staat, de facto jedoch in drei Zonen eingeteilt. Das Bild der Öffentlichkeit über diesen Krieg war im grossen und ganzen relativ klar: Serbien (welches nun auch zur Verwirrung vieler „Jugoslawien“, oder, um diese Verwirrung zu verringern, „Rest-Jugoslawien“ genannt wurde [man stelle sich vor, die Bundesrepublik Deutschland seinerzeit „Rest-Deutschland“ genannt zu haben!]) war der Aggressor, der Massaker verübte, die Bevölkerung von Sarajevo belagerte (was zu Assoziationen mit der deutschen Belagerung Leningrads [heute Sankt Petersburg] führte) und die systematische Vertreibung nicht-serbischer Bevölkerung betrieb („ethnische Säuberung“). Es war somit ein Schönheitsfehler, dass ausgerechnet der für all dies doch verantwortliche, der damalige jugoslawische Präsident Slobodan Miloševic, in Dayton als „Friedensgarant“ gebraucht und auch akzeptiert wurde. Die westlichen Medien umgingen die Argumentationsproblematik mit der Schuldzuweisung für die Greueltaten an den Führer der bosnischen Serben, den Psychoanalytiker und Schriftsteller Radovan Karadzic und dessen General Mladic. Beide hätten zwar ihre Macht niemals ohne Miloševics Zustimmung ausüben können, aber als Miloševic einsah, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können, liess er die Karadzic-Truppe politisch fallen und mutierte zum Friedensengel.
Die intellektuelle Aufarbeitung der Ereignisse war noch nicht abgeschlossen, als im Januar 1996 in der „SZ“ Handkes Aufsatz „Gerechtigkeit für Serbien“ erschien. Die ganze Rezeptionsgeschichte dieser Erzählung (die auch Essay ist) wiederzugeben, ist unmöglich. Fast einhellig jedoch wurde der Text negativ beurteilt. Entscheidend für die Beurteilung war aber, dass Handke exakt auf die Vorgehensweise traf, die er vor fast dreissig Jahren bei der Justiz anlässlich der Studentenprozessen beschrieben hatte. Man geht selbst bei den Tatsachenfeststellungen mit verdeckt normativen Begriffen vor, gibt diese aber als Tatsachenbezeichnungen aus. So wurde nicht nur in den Medien über die Jugoslawien-Kriege berichtet, so verfuhr man auch mit dieser Erzählung.
Handke kehrte nun dieses Prinzip nicht einfach um (wie beispielsweise der Kritiker Hubert Winkels bemerkte, der Handke nur eine „Dualität von Setzung und Gegensetzung“ attestierte), sondern arbeitet die in der Kriegsberichterstattung verwandte Sprache anhand ihrer strukturellen Gemeinsamkeiten und Konnotationen auf, in dem er sie befragt (wobei natürlich klar ist, dass diese Fragen keine naiven Fragen, sondern Befragungen sind).
Da aber nicht sein durfte, weil es nicht so sein durfte (Es ist so, weil ich es sage, und deshalb nicht so, weil es Handke sagt), brauste ein Sturm der Entrüstung auf. Auf die einzelnen, teilweise auch unverschämten Anmassungen, soll hier nicht eingegangen werden (so ist es beispielsweise absurd, Handke einen blossen Willen zur Provokation vorzuwerfen, hätte er doch jahrelang vorher an anderen Gegenständen provozieren können, ihm Gefühlskälte für die Opfer zu attestieren oder gar wirtschaftliche Motive zu unterstellen). Interessant bleibt jedoch, warum Handkes Text eine derartige Abneigung erfuhr.
Sigrid Löffler sieht in ihrem Aufsatz „Peter Handke und die Kontroverse um seine Streitschrift ‘Gerechtigkeit für Serbien’“ eine „tollkühne Provokation [welche] der Dichter hier unternimmt, durch nichts legitimiert als durch die schiere Eigenmächtigkeit des Künstlers...Er will...seine poetische Erfahrung, seinen Dichterblick, dem Bild entgegensetzen, das die Medien weltweit von den Serben entworfen haben.“ Das geht eben nur in Serbien. Insofern ist der Vorwurf, Handke habe nicht die Massengräber von Srebrenica besucht , geprägt vom Unverständnis der Absicht dieser Erzählung gegenüber („Gerade jene Kritiker, die selber nie einen Fuss in das Kriegsgebiet gesetzt haben...“ - Sigrid Löffler).
So liegt Handkes „Hauptschuld“ darin, die Frage (wohlgemerkt: die Frage) nach der „Schuld“ der Sezessionskriege einfach noch einmal neu zu stellen, dahingehend neu, dass man vielleicht fragen kann, ob nicht tatsächlich die gemutmassten 200.000 Toten für die unabhängigen Republiken Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu viel seien. Er sagt ausdrücklich nicht, dass man die Expansionspolitik Serbiens hätte deshalb „zulassen“ müssen; es ist nicht Handkes Intention, Tagespolitik zu machen, aber es ist sein Anliegen zu fragen, ob vielleicht zwischen einem serbisch-dominierten „Rest-Jugoslawien“ und der Vielstaaterei nicht eine politische Zwischenlösung hätte gefunden werden können, ja müssen.
Handkes ausführliche Schilderung beispielsweise auf einem Belgrader Markt liessen zwei Vorwürfe aufkommen: Einerseits idyllisiere er eine Art vorindustrielle Gesellschaft (Serbien erlebte seinerzeit den UNO-Boykott), andererseits hätte Handke sozusagen gut reden, da er nach seiner Reise wieder in die so verhasste Konsumwelt zurückkehre und mitmache. Beide Vorwürfe tragen in sich den gleichen Kern: Wir leben in der besten aller Gesellschaften. Der Dichter weiss dies zwar (er lebt ja dort), aber er sagt es nicht und wünscht den Serben quasi die weitere „Armut“ („Jargon der Uneigentlichkeit“; s.o. ).
Mit dieser „Meinung“ im Kopf, mutet es tatsächlich reichlich skurril an, wenn Handke von walddunklen massigen Honigtöpfen, truthahngrossen Suppenhühnern oder den fast zur Berühmtheit gelangten „andersgelben Nudelnestern oder -kronen“ erzählt, aber warum eigentlich? Was ist so empörend an Handkes Einlassung, Und ich erwischte mich dann sogar bei dem Wunsch, die Abgeschnittenheit des Landes - nein, nicht der Krieg - möge andauern; möge andauern die Unzugänglichkeit der westlichen und sonstwelchen Waren- und Monopolwelt? Ist es nicht Aufgabe der Literatur das jeweils andere, uns Unbekannte zu erzählen, nahezubringen? Was ist eigentlich das empörende an andersgelben Nudelnestern? Oder ist unsere „Leitkultur“ bereits derart verinnerlicht, dass anderes nicht mehr zugelassen werden kann? Ist die Wegwerf-Warenwelt auch in den Köpfen und Körpern der Literaturkritiker so verinnerlicht, dass sie als die nur noch einzige gilt? Können Erzählungen nur noch dann „akzeptiert“ werden, wenn sie dem „common sense“ entsprechen?
Die moralische Empörung des Feuilletons stützte sich auf die radikale Infragestellung die geschehenen Ereignisse in exakt jenem Ablauf zu sehen, wie dies mehrheitlich gesehen wurde und durch die allgemeine Berichterstattung implementiert war. Jedwede Kritik wurde sofort als „Propaganda“ abgebürstet und Handke schlichtweg die Eignung abgesprochen, sich hierüber ein Urteil zu bilden. Die Frage nach dem „Warum?“ bleibt auf der Strecke. Statt Ursachenforschung sieht Handke die Berichterstattung reduziert auf nackte, geile, marktbestimmende Fakten- und Scheinfakten-Verkauf . Der ursächliche Impetus eines Journalisten, hinter die Fassaden zu schauen sei bei der Mehrzahl der Fernfuchtler abhanden gekommen. Zuviel sei a priori bereits als Wahrheit vorausgesetzt, und, was stets vergessen wird: Wenn man wissen will, was eine Nachricht ausmacht, muss man die Kamera umdrehen, muss zeigen wie sie ausgewählt, geschnitten, nachbearbeitet, getextet wird und welche Ideen ihr zur Prominenz verhelfen . Wer dies jedoch vergisst zu reflektieren, verliert das kritische Bewusstsein, ein Urimpuls des Journalisten (und auch Dichters).
Abgewandelt könnte man jetzt formulieren: Die Vertreter der Meinung sagen, was Recht ist; andere Meinungen und Aktionen, die diesen anderen Meinungen notwendig folgen, können also ab sofort als ‘fremd’, also unwahr bezeichnet werden. Und: Die Meinungsmacher übersetzen einfach objektive Bezeichnungen in subjektive Wertbegriffe und sie können, indem sie von den letzteren ausgehen, durchaus logisch verurteilen. Die Botschaft dieser Bilder, das sind sie selbst. Sie sind tautologisch, indem sie sagen: Seht her, der Krieg ist kriegerisch.
Dabei geht es Handke nicht darum, Recht zu haben oder Recht zu bekommen (eher im Gegenteil, er wehrt sich ja gerade gegen diese Art von Faktenhuberei). Dennoch möchte er, dass seine Position mindestens einmal berücksichtigt wird: Warum sagst du das alles? - Weil es kaum einer sonst sagt... Er möchte schlichtweg, dass seine Anschauung der Dinge die gleiche Wertigkeit besitzt, wie jene ausschnitthafte und letztlich tautologische Betrachtung der Tages-Journalistik. Die grundlegende Problematik der in der Welt an Schärfe und Intensität zunehmenden Konflikte und Katastrophen können und sollen von ihr nicht berührt werden: „Ein Bericht über einen Erdrutsch verlangt nach Bildern von Zerquetschten, gestürzten Hütten, aufegebahrten Leichen, nicht nach Analysen der Abholzungen, auf die Erdrütsche zurückzuführen sind.“ (Roger Willemsen)
Bei all dem Geschrei wurde Handkes Friedensimpuls in diesem Text nicht nur nicht gesehen, sondern auch noch Gegenstand der Verspottung. Im Gegensatz zum „Aufarbeiten“ der Geschichte, zum bis ins letzte Detail herausfinden, wer was wann wie gemacht und wen umgebracht hat, setzt Handke die Amnestie: Die bösen Fakten festhalten, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger ist als die Fakten. Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen. Oder sag statt ‘das Poetische’ besser das Verbindende, das Umfassende - den Anstoss zum gemeinsamen Erinnern, als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit, für die zweite, die gemeinsame Kindheit. Handke plädiert eindringlich für das „gemeinsame Sich-Erinnern“, für den Umweg über das Festhalten bestimmter Nebensachen“, welches er weit nachhaltiger sieht als das Einhämmern der Hauptfakten.
Das dies keine politische Naivität ist und als blosses „Schwärmertum“ abgetan werden kann, beweist sowohl die Entwicklung der Versöhnung in Südafrika als auch die neuere Friedensforschung: „Eines der konstantesten Elemente des Friedenschlusses, das sich über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende hinweg sowohl innerhalb als auch ausserhalb Europas, sowohl in zwischen- als auch in innerstaatlichen Regelungen feststellen lässt, ist die Amnestie, in dem Sinne, dass jede Seite für dasjenige, was ihr von den Gegenseite angetan worden ist, Straffreiheit gewährt. Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um ein tatsächliches Vergessen - das wird von niemandem verlangt -, wohl aber um ein fiktives, insofern beide Seiten versprechen, sich so zu verhalten, wie wenn alles vergeben und vergessen wäre. Im übrigen steht es jeder Seite frei, Kriegsverbrecher aus ihren eigenen Reihen abzuurteilen“ (Jörg Fisch: „Der fingierte Weltstaat oder Pinochet und die internationale Ordnung“ in „Kursbuch“, Juni 1999). Ein Standpunkt, der zweifellos eine Überprüfung einer moralischen Geschichts- und Politiksicht bedeuten würde.
Und wie heisst es denn bei dem Philosoph Peter Sloterdijk in seinen Poetik-Vorlesungen: „Hat nicht das regenerative Genie von Menschen immer neue Möglichkeiten erschlossen, vor die tödlichen Kapitel der Geschichte zurückzublättern und auf heillose Überlieferung mit der Stiftung neuer Lebensformen aus dem Geist des Anfangens zu antworten? Diese Überlegungen...machen deutlich, warum eine Poetik des Anfangens das Gegenteil einer romantischen Voreingenommenheit für gute alte Zeiten zur Voraussetzung hat.“
Kein Ende in Sicht
In seinem bereits im Vorfeld stark diskutierten Theaterstück von 1999 „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ thematisiert Handke seine gesammelte Verzagtheit zum Thema Jugoslawien. Das Stück ist eine Mischung zwischen subversiver Medienkritik, tolldreister Jugoslawien-Verteidigung und Friedenssehnsucht. Am Ende lässt er alle Beteiligten, die vorher vor zwei Regisseuren ihre jeweilige Geschichte des Krieges erzählt haben, in einem imaginären Einbaum eine symbolische (und mystische?) Friedensfahrt unternehmen. Seriöse Kritiker wie Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung haben den mangelnden dramatischen Bogen des Stückes bemerkt und dies mit dem Furor des Autors erklärt. Dies ist sicherlich richtig, aber es ist kein Stück im herkömmlichen Sinne, sondern eher eine Art Erzähltheater.
Hieraus eine gesteigerte Subjektivität abzuleiten die nur losgelöst von den objektiven Tatsachen sozusagen separiert betrachtbar ist, wäre falsch. Es geht Handke ja eben nicht um Faktenhuberei, um das Aufsammeln von möglichst vielen Tatsachen , die dann sozusagen gesühnt (oder gar gerächt) werden sollen (und wenn, dann von den eigenen „Leuten“ ). So ist für ihn kein Frieden möglich. Dies wäre - im Sinne Sloterdijks - keine „Poetik des Neuanfangens“, da „heillose Überlieferungen“ zur Rache und Vergeltung, zum Aufrechnen führen. Und insofern kehren wir zum Ausgangspunkt der Handkeschen Betrachtungen selbst wieder zurück: Über das Erzählen von Geschichten soll die Welt, sollen die Menschen wieder miteinander versöhnt werden, sich miteinander versöhnen.
Max Frisch erläuterte einem Schweizer Bundesrat in einer Fernsehsendung einmal sein Literaturverständnis. Obwohl es literarisch kaum grössere Antipoden gibt als Handke und Frisch, so ist doch erstaunlich, welche Übereinstimmung sich zwischen den beiden in der theoretischen Betrachtung feststellen lässt. Literatur (für Frisch gleichgesetzt mit Poesie) bricht unsere „versteinerten Selbstverständlichkeiten“ auf, „reisst uns mit“. Daher ist sie „eo ipso nicht staatsbürgerlich“. Frisch kommt zur Lösung: „Da findet etwas anderes statt als Meinungspropaganda“. Literatur ist somit von der Publizistik (der Journalistik) eindeutig zu unterscheiden. Diese Unterscheidung reklamiert Handke für seine Jugoslawien-Bücher (und nicht nur für diese).
Die Welt, die auch Handke im Vorort von Paris umgibt, die Konsum- und Warenwelt stiftet für ihn kein versöhnendes Klima. Es ist eine Welt, in der Medien nur Ausschnitte von Bildern zeigen, die gerade opportun sind, es ist eine Welt, die die eine Hegemonie mit der anderen ersetzt. Handke ist mehr ein Moralist, als es scheinen mag. Er will aber bei aller Moral auch eine Gerechtigkeit. Hier argumentiert er (besonders in „Gerechtigkeit für Serbien“) - und durchaus stringent; verliert einen Augenblick seine Dichterrolle, ohne seinen Dichterblick zu verlieren und wird zum Journalisten, der er auch nicht sein will.
Der ihm vermutlich implantierte Reflex des Skeptikers der jeweiligen Mehrheitsanschauung gegenüber , das ausserordentliche Sprachgefühl , das Bestehen auf das eigene Betrachten, auf die eigene Anschauung Handkes und seine „persönliche“ Empathie für dieses Jugoslawien - dies sind die Gründe für seine schroffe und unbequeme, gelegentlich trotzige Haltung. „Warum gibst du dieses Land nicht endlich auf? Es ist ein verlorenes Land...“ wird „der Grieche“ im "Einbaum"-Stück gefragt und die Antwort ist von einer verblüffenden Einfachheit: „Wenn heute noch Volk, dann tragisches. Und das hier ist ein tragisches Volk. Und mein Platz ist beim tragischen Volk.“
Tragik ist hier natürlich nicht der inflationär gebrauchte Begriff diverser Seifenopernproduzenten, sondern im streng aristotelischen Sinne zu verstehen: „Die Menschen haben wegen ihres Charakters eine bestimmte Beschaffenheit und infolge ihrer Handlungen sind sie glücklich oder nicht.“
Handke, der Verweigerer der „Betroffenheit“, insofern sie von einer Seite reklamiert wird , der ungeheuer akribische Leser und Informationsbeschaffer („El País“, „Le Monde“, „FAZ“, „SZ“, „DIE ZEIT“, „Spiegel“, u.a.), der genaue und unbestechliche Anschauer , der - dies wird immer übersehen - es auch den Serben „gibt“ und sie weiss Gott nicht als Unschuldsengel durchgehen lässt, verdient eine ihm gemässe Auseinandersetzung und Widmung und nicht das primitive Draufschlagen mit dem Hammer, wie man üblicherweise feuilletonistisch seine Gegner „erledigt“ und ihm einfach en passant Unterstellungen unterschiebt.
Und: Ja, seine Anwesenheit und die kleine Rede auf der Beerdigung von Miloševic war auch für mich befremdlich. Aber wer prügelt heute noch auf diejenigen ein, die seinerzeit im Zug sich selbst tötender RAF-Terroristen Grabreden hielten oder nur hinterherliefen (auch oder weil sie "nur" ihre Anwälte waren und es inzwischen, 25 Jahre später, bis zum Minister brachten)?
Die Diskussion um die "Berechtigung" Handkes, den Heine-Preis zu erhalten, geht parallel mit der Absetzung seines Theaterstücks "Das Spiel vom Fragen" (1989 entstanden und ohne jeden Bezug zur Jugoslawien-Problematik) vom Spielplan der Comédie Française. Man beginnt, auch noch den Dichter Handke zu demontieren. Ein erbärmliches Spiel: Man liest seine Bücher nicht oder nur falsch oder nur das, was man lesen will - um dann in Bausch und Bogen sein ganzes Werk zu diskreditieren.
In den "Salons" betont man zwar stets, wie wichtig der Dichterblick sei und lobt auch die engagierte Rede eines Harold Pinter - solange seine Kritik den USA gilt - (eine Miniversion haben wir neulich bei Günter Grass gehört; reichlich opahaft) Hauptsache, alles bleibt im common sense und man kann sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.
Heine hätte diese Gesellschaft nicht gemocht. Ganz sicher. Insofern wäre Handke der kongeniale Preisträger gewesen. Ihn jetzt auszubooten, ist eine Frechheit. Ich schäme mich als Einwohner der Stadt Düsseldorf.
Nachtrag (01.06.06)
In der "Süddeutschen Zeitung" klare Worte (für jeden verständlich - auch endlich für Nicht-Leser) von Peter Handke "Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen" und ein treffender Kommentar von Thomas Steinfeld "Die Selbstinszenierung der üblen Nachrede."
Abgesehen von der Tatsache, dass damit die Entscheidung einer eigentlich autonomen Jury desavouiert wird (und wiederum zeigt, wie abhängig sich die Kultur von den politischen Entscheidungsträgern macht) – es zeigt, dass die Dreckkampagne der letzten Wochen (sicherlich hauptsächlich initiiert von Leuten, die Handkes Bücher nicht gelesen haben) Wirkung gezeigt hat.
Worum geht es?
S
eit der Erscheinung seiner Erzählung „Gerechtigkeit für Serbien“ in den ersten Januartagen des Jahres 1996 in der „Süddeutschen Zeitung“ spalten sich die Feuilletons - und nicht nur diese - in Handkehasser und Handkeverehrer. Die meisten „Handkehasser“ nutzen willkommen die über Jahre vorher schon vorgenommene literarische Kritik, um ihn jetzt über den Umweg zur Erklärung der politischen „Unperson“, literarisch zu desavouieren. Handke hatte in der Reiseerzählung unter anderem Fragen ob der ausschliesslichen Schuld der Serben an den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien seit 1991 gestellt und Kritik an der Berichterstattung der Medien geübt, die ausschliesslich die Serben zum Alleinschuldigen darstellten. Handke, der Jahrzehnte lang keine Lesungen seiner Bücher mehr vorgenommen hatte, las in mehreren Städten aus seinem Buch vor, so u. a. in Frankfurt. Mit starker Sicherheitspräsenz (Taschenkontrolle) beim Betreten des Theaters begann dort nach Handkes Lesung eine leidenschaftlich geführte Diskussion auf der Bühne und auch im Publikum. Handkebefürworter, die die Sicht des Vorsitzenden der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, der dem Text ablehnend bis feindselig gegenüberstand, nicht hören wollten, mussten von Handke beruhigt werden. Die Wellen schlugen hoch, nahezu alle Medien lehnten seine Einwürfe als „Jargon der Uneigentlichkeit“ und „menschenverachtend“ ab. Im Herbst 1996 erschien dann Handkes „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ , der weniger beachtet, aber im Detail um so gründlicher verrissen wurde; allgemein galt als belegt, Handke habe nur noch „einen draufsetzen“ wollen.
Mit Beginn des Kosovo-Konfliktes, der schliesslich im März 1999 in das NATO-Bombardement gegen Jugoslawien eskalierte, äusserte sich Handke wiederholt und vehement in teils polemischer und auch verletzender Art und Weise gegen die Intervention. Inzwischen galt als ausgemacht, dass Handke eine „serbenfreundliche“, ja Miloševic-treue Haltung einnahm. Anlässlich der Meldung der Rückgabe des Büchner-Preises und seinem Austritt aus der katholischen Kirche wurde Handke in der ARD-„Tagesschau“ als „pro-serbisch“ bezeichnet.
Viele Kritiker, die Handke literarisch wohl gesonnen waren und seine 96er Bücher als eine Art „Ausrutscher“ betrachten wollten, brachen jetzt endgültig mit ihm. Oft war zu hören, Handke sei in einer Art „Wahn“ verfallen; er sei nicht mehr derselbe, der beispielsweise einst das so poetische Drehbuch zu Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ geschrieben habe. Andere nutzten die Gelegenheit mit ihm „abzurechnen“, seine Bücher als immer schon langweilig abzufertigen, was in Anbetracht der political correctness, die stets bei Künstlern einwandfrei zu sein hat, dann sozusagen legitimiert wurde.
Handkes Einlassungen, er sei nicht „pro-serbisch“, sondern nur mit den Serben , sein Erläutern, dass er Massaker und Verbrechen der Serben weder leugne noch bagatellisierte - all dies wurde in der allgemeinen Hetzjagd nicht mehr wahrgenommen. Seine Interviews Mitte Mai im österreichischen Nachrichtenmagazin „News“ und dann einige Tage später in der „Süddeutschen Zeitung“, in denen er sich rüde und wütend gegen die politischen Verantwortlichen des Bombardements echauffierte, trugen sicherlich nicht zu einer Versachlichung bei, zumal Handke hier eine gewisse Einseitigkeit leicht nachzuweisen war (fragbar kann dann sein, ob Interviews eigentlich „ausgewogen“ zu sein haben).
Dabei hätten die oft wütenden und überraschten Reaktionen von Kritikern und Lesern ruhig etwas gelassener ausfallen können. Hätte man Handkes Werk, welches in den letzten rund dreissig Jahren ja durchaus einiges Volumen hat, genau gelesen, hätte man Handkes Furor nicht nur erahnen, sondern auch besser einzuschätzen gewusst.
Jugoslawien = „Arkadien“
Selbst unter Nichtberücksichtigung der in den letzten Jahren erschienenen Bücher, spielt Jugoslawien (sehr oft, aber beileibe nicht ausschliesslich, die Provinz Slowenien) in Handkes Werk eine sehr zentrale Rolle: „Die Wiederholung“ (1986), „Noch einmal für Thukydides“ (1991/1997), „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991),der Gespräch-Band „Noch einmal vom Neunten Land“ (1993).
In vielen anderen Erzählungen und Theaterstücken spielen Motive aus Handkes zahlreichen Reisen nach Jugoslawien immer wieder hinein. So ist es zum Beispiel möglich, Handkes „Märchen“ „Die Abwesenheit“ mindestens teilweise in Jugoslawien einzuordnen oder auch die Erzählung „Wunschloses Unglück“ thematisiert anhand der Mutter Handkes die soziale Stellung der sogenannten „Kärntner Slowenen“.
Handke besetzt Jugoslawien als einen positiven Topos des Zusammenlebens von Menschen. Anders als viele Intellektuelle, die in Titos Jugoslawien den ersehnten „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus ausmach(t)en und das Land politisch als Modell idealisier(t)en, verwendet Handke eine politische Erhöhung nur im Sieg Titos gegen das Nazi-Regime (Licht einer Idee). Auch das Handkes Mutter slowenischen Ursprungs ist, wird wohl nur eine untergeordnete Rolle für sein Interesse an Jugoslawien spielen, hat aber wohl seinen Zugang zur slowenischen Sprache, die Handke fliessend beherrscht (er hat u. a. Autoren wie Florjan Lipuš übersetzt) und Mentalität befördert.
Handkes Affinität zu Jugoslawien (insbesondere Slowenien) liegt anders begründet: Zunächst hat es beim jungen Peter Handke eine Art „Initiation“ in Jugoslawien gegeben (über die wir sehr wenig wissen). Und zum anderen war es Slowenien, in dem Handke seine „Wirklichkeit“ gefunden hatte: Es war das genaue Gegenteil zu jener Unwirklichkeit, wie sie in Grausen versetzt den Schreiber der ‘Briefe eines Zurückgekehrten’ (Hofmannsthal), welcher nach langer Abwesenheit von seinen deutschen Landen vor keinem einzigen Gegenstand da mehr dessen Existenz fühlt: Kein Krug wirkt mehr als Ding Krug, kein Tisch steht mehr da als Tisch; sämtliche Dinge in dem Gebiet Deutschland erscheinen dem Zurückgekehrten als ‘gegenstandslos’. Wie gegenständlich aber wurden dafür mir durch die Jahre, jedesmal, gleich beim wiederholten Überschreiten der Grenze, die Dinge in Slowenien: Sie entzogen sich nicht - wie das meiste inzwischen nicht bloss in Deutschland, sondern überall in der Westwelt -, sie gingen einem zur Hand. Ein Flussübergang liess sich spüren als Brücke; eine Wasserfläche wurde zum See; der Gehende fühlte sich immer wieder von einem Hügelzug, einer Häuserreihe, einem Obstgarten begleitet...wobei das Gemeinsame all dieser Dinge die gewisse herzhafte Unscheinbarkeit gewesen ist, eine Allerwelthaftigkeit, eben das Wirkliche, welches wie wohl nichts sonst jenes Zuhause-Gefühl des ‘Das ist es, jetzt bin ich endlich hier!’ ermöglicht.
Der positive Topos Jugoslawien speist sich also bei Handke nicht nur bzw. ausschliesslich aus einer politischen Richtung, wie dies beispielsweise in der Nach-68er-Bewegung der Fall war. Titos von der Sowjetunion losgelöste Politik, eine Art Lavieren zwischen Kommunismus auf der einen Seite und dem durchaus Akzeptieren des Kapitalimus (Tourismus) auf der anderen Seite (und den damit verbundenen Öffnungen des Landes) hat für Handke keine direkte Bedeutung. Er ist Betrachter eines Landes, welches Jugoslawien heisst, aber dessen politische Konstellation ihm für diese Betrachtung gleichgültig ist. Die wenigen Stellen in seinen Büchern, in denen er unmittelbar Bezug auf die Geschichte Jugoslawiens und des Widerstandes Titos und seiner Partisanen gegen die Nationalsozialisten nimmt, dienen ihm eher als Klammer einer für ihn offensichtlich so wahrgenommenen Identität der Menschen.
Handke bekennt in „Abschied des Träumers vom Neunten Land“, dass er den Grund für die Abspaltung Sloweniens (und Kroatiens), diese Kleinstaaterei, nicht „sehen“ kann (und bekräftigte dies seinerzeit in der Fernsehsendung „Titel, Thesen, Temperamente“), was bei vielen Lesern und Intellektuellen auf Unverständnis stiess, hoffte man doch, Handke als Verfechter der slowenischen Nation zu. Handke befürchtet nun eine Kommerzialisierung, Verwestlichung Sloweniens , Unwirklichkeitsstreifen- oder gürtel , malt sogar die Einbetonierung wie in Andorra aus; ein Staat, der zwar existiert, aber dann auch wieder nicht, nur fiskalisch und als entseelte Folklore. Spielte also die Politik innerhalb der Poesie Handkes keine Rolle, so ändert sich dies mit dem drohenden Zerfall dieses Staatenbundes.
In „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ benennt es Handke ganz klar: Jugoslawien ist für ihn eine der wenigen Sachen, welche bei mir zusammengehören mit dem Beiwort ‘mein’; Sache nicht meines Besitzes, sondern meines Lebens.
Kurz vor der Abspaltung Sloweniens und Kroatiens erscheint in der „Tageszeitung“ eine kleine Geschichte mit dem Titel „Noch einmal für Jugoslawien“, die von ihm später in die Taschenbuchausgabe von „Noch einmal für Thukydides“ unter dem Titel „Geschichte der Kopfbedeckungen in Skopje“ übernommen wird. Handke beschreibt hier ausschliesslich die Kopfbedeckungen der Menschen, die ihm auf dem Marktplatz von Skopje begegnen. In einer Art letzter Verzweiflung beschwört er das Miteinanderleben unterschiedlichster Menschen- und Religionsgruppen als friedliches Idyll, als Möglichkeit, Modell für ein friedliches Zusammenleben der ganzen Welt. Unterschiede nicht nivellieren, sondern befördern und gegenseitig respektieren - das exakte Gegenbild zur westlichen Einheitskultur, die einerseits den grenzenlosen Individualismus propagiert, anderseits jedoch die Massenkultur und die damit verbundene Vereinheitlichung „pflegt“. Die für Handke wichtigen, am Goetheschen Weltbild orientierten Vorgänge, wie beispielsweise das Geltenlassen der Phänomene, ist in dieser Welt nicht mehr möglich. Dies mit dem später häufig geäusserten Vorwurf der Idyllisierung eine vorindustriellen Welt abzufertigen, zeigt nur, in welch’ kleingeistigen Kategorien Kritiker oft ihre Urteile voreilig treffen.
Sprache
Die Botschaft verhallt; in „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ gibt es Handkes ersten, wenn auch milden Zornesausbruch gegen die Finstermannriege der „FAZ“ oder dem grossmäulig-ahnungslosen „Spiegel“ . An dieser Sache des Lebens, die ihn von nun an nicht mehr ruhen lässt, weil sein Arkadien - Jugoslawien - zerfällt, beginnt der Dichter Handke seine Sprachkritik, die auch zugleich Sach-Kritik wird.
Freilich ist Handke kein Sprachkritiker wie beispielsweise Viktor Klemperer, der in seinem Buch „LTI“ die schleichende Infiltration einer speziell konnotierten Sprache auf die moralische Integrität einer Gesellschaft dokumentiert und Sprache nicht als bloss „dahergesagtes“, als Harmlosigkeit darstellt, sondern den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Sprache und Tat belegt bzw. Sprache als Tat wertet. Handkes Herangehensweise war eher philosophisch-poetologisch, wobei Einflüsse durch Ludwig Wittgenstein unverkennbar sind. Zwar erkennt Handke auch (und besonders in seinen 96er-Büchern) die Verwendung der Sprache als Medium der Beeinflussung von Massen, erlaubt sich jedoch gleichzeitig, Begriffe, die schier unrettbar verloren sind durch den Gebrauch in der LTI, wieder zu erretten, sie - die Worte - sozusagen nicht der LTI zu „überlassen“ .
Trotz neuer und ergänzender Sicht auf die Sprachkritik ist es erstaunlich, mit welcher Stringenz Handke immer schon auf den Zusammenhang der Verwendung von Sprache und deren politisch/soziale Konnotation reflektiert hat, freilich selten so direkt wie im Jahre 1969.
„Die Tautologien der Justiz“
Im 1972 erscheinenden Sammelband „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ schreibt Peter Handke im Vorwort: Von allen Texten in diesem Buch habe ich eigentlich nur ‘Die Tautologien der Justiz’ ganz von mir aus geschrieben und erläutert den hauptsächliche Grund für seine hier versammelten „Feuilletons“: das Geldverdienen, jene „300 Schilling“ pro Beitrag. Er war, als „Die Tautologien der Justiz“ entstand, ein bekannter Nachwuchsschriftsteller, gerade reüssiert mit seinem Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“. Handke etablierte damals auch das sogenannte Triviale in seine Betrachtungen, Essays und „Feuilletons“, etwa ein Fussballspiel oder eine Fernsehsendung mit Anneliese Rothenberger und verknüpfte das Beobachten mit Reflexionen über unsere Wahrnehmungen. Dies war im Grunde auch der Impetus des als Provokation empfundenen Stücks „Publikumsbeschimpfung“, in dem zwar vordergründig das anwesende Publikum „beschimpft“ wurde, tatsächlich jedoch Rezeptionsgewohnheiten befragt werden sollten. So wundert es nicht, wenn Handke am Schluss des kurzen Vorwortes, möglichst viele dieser Texte als Geschichten gelesen haben möchte - ein Anliegen, das uns noch anderweitig begegnen wird.
„Die Tautologien der Justiz“ ist ein Essay, der oberflächlich auch als eine Gerichtsreportage verstanden, in diesem Fall dann: missverstanden werden könnte. Handke thematisiert die Prozesse der unmittelbaren Nach-1968-Ära, in der es nicht mehr um die „grossen“ Taten, sondern um vergleichsweise Bagatelldelikte wie Land- bzw. Hausfriedensbruch, Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration oder auch das Verrichten der Notdurft im Gerichtssaal geht. Er erweist sich als Beobachter dieser Vorgänge, aber nicht in journalistischer (berichtender, „genremalerischer“) Art, sondern auf einer sprach-reflexiven Ebene, also exakt in einem Bereich, den man einen dichterischen nennen würde, obwohl es sich um „die strukturellen Gemeinsamkeiten“ geht. Er zeigt, dass in der (versuchten) Neutralität des Richters versteckt oder sogar offen das Urteil bereits implizit vorhanden ist: Die Motivationen für die Straftaten werden zwar keineswegs ausgeklammert, spielen aber nicht bei der Frage ‘Schuldig oder Nicht Schuldig?’ eine Rolle, sondern erst bei der Frage ‘Wie sehr schuldig?’, das heisst bei der Zumessung der Strafe...
Den gesamten Essay über belegt Handke nun die vorweggenommene Verurteilung anhand decouvriender Details der Sprache der entsprechenden Richter und Staatsanwälte. Wichtig ist hierbei, dass Handke durchaus Ahnung von der Materie besass, da er immerhin einige Semester Jura studiert hatte. Er weist nun nicht nur die verräterische Sprache nach, sondern geht noch einen Schritt weiter: Er entlarvt (fast wie ein Detektiv) die Scheinargumentation der Justiz, die - so Handke - tautologisch argumentierte. „’Es ist so, weil ich es sage!’“ , zitiert er einen Richter und es folgen nun detailliert Aufdröselungen aus den einzelnen Stadien eines Prozesses, der Beweisaufnahme, der Verhandlung und der Urteilsbegründung.
Die Details von Handkes Argumentation sind eher nebensächlich. Genauso ist es unwichtig (auch für Handke), ob die Angeklagten den ihnen zur Last gelegten Tatbestand erfüllt haben oder nicht. Im Essay geht nicht darum, Schuld zu erkennen bzw. zu sanktionieren (also das eigentliche „Werkzeug“ des Juristen). Die Herangehensweise des Dichters ist eine andere: Sie besteht - pathetisch ausgedrückt - darin, ob dem Angeklagten ein „fairer Prozess“ überhaupt gemacht werden kann, da die ermittelnden und damit beschäftigten Menschen, die bestimmte „Organe“ des Staates vertreten, eine verinnerlichte Vormeinung der Ereignisse haben - nicht zuletzt durch die Medien und deren Berichterstattung entstanden - , die sich nicht nur in der Sprache, die sie verwenden, spiegelt, sondern durch die sie umgebende Sprache erzeugt wird. Handke geht es also auch nicht unmittelbar darum, die Sprache der Justiz zu decouvrieren oder gar aufzudecken (ein wenig natürlich schon), sondern die Ursache der sich in ihrer Sprache findenden Urteile (Vorurteile) in ihrer Sprache zu suchen .
Den Beweis tritt der Autor über die detailgemässe Analyse der Protokolle, Gutachten und Urteilsbegründungen an. Handke weist nach, dass Erläuterungen über Angeklagte wie „Lebt von seinen Eltern“, „Erhält ein Stipendium“ oder die Tatsache, dass der Vater „wegen Linksabweichung aus der Sozialistischen Studentenschaft ausgeschlossen“ wurde, a priori negativ konnotiert werden. Den Titel seines Essays bezieht Handke nicht nur aus dem oben erwähnten Richterzitat, sondern aus der Behandlung der in den Prozessen aussagenden Polizisten. Ihre Aussagen werden a priori positiv konnotiert: Von Polizisten heisst es meist: ‘gibt an’, ‘bestätigt’, vom Angeklagten oder Entlastungszeugen in der Regel aber: ‘behauptet’. Die Polizeibeamten bekunden ihre Aussagen immer ‘klar und sicher’, ‘durchaus glaubwürdig’, ‘übereinstimmend’...Widersprechen sich aber einmal die Aussagen von Polizeibeamten, so sind sie trotzdem glaubwürdig, ‘weil diese Widersprüche nur beweisen, dass die Polizisten ihre Aussagen nicht vorher abgesprochen haben’ .
Diese Vorgehensweise gipfelt in dem Satz „Recht muss Recht bleiben“. Das nennt Handke die Tautologie der Justiz: Leute, die glauben, dass diese Justiz nicht in Ordnung sei, dürfen das der Allgemeinheit nicht in jener Weise zeigen, die von dieser Justiz nicht zugelassen ist...Die Vertreter des Rechts sagen, was Recht ist; andere Meinungen und Aktionen, die diesen anderen Meinungen notwendig folgen, können also ab sofort als ‘fremd’ im Sinn von ‘volksfremd’ und ‘staatsfremd’ bezeichnet werden.
In diesem Augenblick hat sich Handkes sprachkritischer Impetus in diesem Essay zu einem sachlichen gewandelt, nein, besser: ergänzt. Er nimmt zwar noch immer nicht Partei für (oder gegen) die Angeklagten, spricht jedoch indirekt der Justiz ob des tautologischen Problems die Kompetenz ab, über jene Leute zu richten, die gegen sie selber opponiert haben. Die Haltung der Justiz sieht Handke im politischen Gestus der Angeklagten begründet: Weil etwas wie beispielsweise Hausfriedensbruch aus politischen Motiven geschehen sei, beweist es für die Justiz, dass es geschehen sei.
„Die Tautologien der Justiz“ endet mit einem zaghaften Appell an die Vertreter der Legislative, die allein ein solches Bewusstsein von Sachlichkeit steuern können, um Aufmerksamkeit für das zu ersuchen, was in den Gerichtssälen jetzt still und sachlich Tag für Tag abgehandelt wird.
Die in „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ versammelten Feuilletons und Essays waren bis ungefähr 1990 für viele das politischste, was Handke je geschrieben hatte. Neben poetologisch-programatischen Versuchen wie „Die Literatur ist romantisch“, seinem berühmten Princeton-Verdikt, welches in „Zur Tagung der Gruppe 47 in USA“ präzisiert wird, gibt es vier Essays (als „Politische Versuche“ bezeichnet), in denen Handke Stellung zu zeitpolitischen Vorgängen bezieht („Die Tautologien der Justiz“ ist die ausführlichste Stellungnahme). Sie alle datieren zwischen 1967 und 1969, sind also unter dem Eindruck der 68er-Bewegung entstanden. Sie fallen dennoch durch kühle, ja distanzierte, fast logisch-argumentativ daherkommenden Ton auf (mit Ausnahme der ältesten Textes, der etwas radikal die Abschaffung aller „dem einzelnen übergeordneten Institutionen des Staates“ fordert), ohne jedoch als Journalistik bezeichnet werden zu können.
Durch den Zerfall Jugoslawiens änderte sich Handkes Zurückhaltung, was politische Inhalte in seinem poetischen Werk angeht. Was selbst die deutsche sogenannte Wiedervereinigung nicht schaffte, nämlich eine in dieser Hinsicht irgendwie kommentierende Position Handkes (der Deutschland gegenüber mehr und mehr skeptisch gegenübersteht ), geschah nun: Wie kaum ein anderer Intellektueller nahm Handke seine „private“ Angelegenheit zum Anlass, in das Politische vorzustossen - mit den Mitteln des Dichters: der Sprache.
1995/96
Im Januar 1996 war die Welt froh, für Bosnien-Herzegowina einen Friedensplan gefunden zu haben. Vorausgegangen war ein jahrelanger, in den Medien mit allen Einzelheiten präsentierter sogenannter „Bürgerkrieg“. Das Friedensabkommen von „Dayton“ war unterschrieben und Bosnien-Herzegowina de jure ein separater Staat, de facto jedoch in drei Zonen eingeteilt. Das Bild der Öffentlichkeit über diesen Krieg war im grossen und ganzen relativ klar: Serbien (welches nun auch zur Verwirrung vieler „Jugoslawien“, oder, um diese Verwirrung zu verringern, „Rest-Jugoslawien“ genannt wurde [man stelle sich vor, die Bundesrepublik Deutschland seinerzeit „Rest-Deutschland“ genannt zu haben!]) war der Aggressor, der Massaker verübte, die Bevölkerung von Sarajevo belagerte (was zu Assoziationen mit der deutschen Belagerung Leningrads [heute Sankt Petersburg] führte) und die systematische Vertreibung nicht-serbischer Bevölkerung betrieb („ethnische Säuberung“). Es war somit ein Schönheitsfehler, dass ausgerechnet der für all dies doch verantwortliche, der damalige jugoslawische Präsident Slobodan Miloševic, in Dayton als „Friedensgarant“ gebraucht und auch akzeptiert wurde. Die westlichen Medien umgingen die Argumentationsproblematik mit der Schuldzuweisung für die Greueltaten an den Führer der bosnischen Serben, den Psychoanalytiker und Schriftsteller Radovan Karadzic und dessen General Mladic. Beide hätten zwar ihre Macht niemals ohne Miloševics Zustimmung ausüben können, aber als Miloševic einsah, den Krieg nicht mehr gewinnen zu können, liess er die Karadzic-Truppe politisch fallen und mutierte zum Friedensengel.
Die intellektuelle Aufarbeitung der Ereignisse war noch nicht abgeschlossen, als im Januar 1996 in der „SZ“ Handkes Aufsatz „Gerechtigkeit für Serbien“ erschien. Die ganze Rezeptionsgeschichte dieser Erzählung (die auch Essay ist) wiederzugeben, ist unmöglich. Fast einhellig jedoch wurde der Text negativ beurteilt. Entscheidend für die Beurteilung war aber, dass Handke exakt auf die Vorgehensweise traf, die er vor fast dreissig Jahren bei der Justiz anlässlich der Studentenprozessen beschrieben hatte. Man geht selbst bei den Tatsachenfeststellungen mit verdeckt normativen Begriffen vor, gibt diese aber als Tatsachenbezeichnungen aus. So wurde nicht nur in den Medien über die Jugoslawien-Kriege berichtet, so verfuhr man auch mit dieser Erzählung.
Handke kehrte nun dieses Prinzip nicht einfach um (wie beispielsweise der Kritiker Hubert Winkels bemerkte, der Handke nur eine „Dualität von Setzung und Gegensetzung“ attestierte), sondern arbeitet die in der Kriegsberichterstattung verwandte Sprache anhand ihrer strukturellen Gemeinsamkeiten und Konnotationen auf, in dem er sie befragt (wobei natürlich klar ist, dass diese Fragen keine naiven Fragen, sondern Befragungen sind).
Da aber nicht sein durfte, weil es nicht so sein durfte (Es ist so, weil ich es sage, und deshalb nicht so, weil es Handke sagt), brauste ein Sturm der Entrüstung auf. Auf die einzelnen, teilweise auch unverschämten Anmassungen, soll hier nicht eingegangen werden (so ist es beispielsweise absurd, Handke einen blossen Willen zur Provokation vorzuwerfen, hätte er doch jahrelang vorher an anderen Gegenständen provozieren können, ihm Gefühlskälte für die Opfer zu attestieren oder gar wirtschaftliche Motive zu unterstellen). Interessant bleibt jedoch, warum Handkes Text eine derartige Abneigung erfuhr.
Sigrid Löffler sieht in ihrem Aufsatz „Peter Handke und die Kontroverse um seine Streitschrift ‘Gerechtigkeit für Serbien’“ eine „tollkühne Provokation [welche] der Dichter hier unternimmt, durch nichts legitimiert als durch die schiere Eigenmächtigkeit des Künstlers...Er will...seine poetische Erfahrung, seinen Dichterblick, dem Bild entgegensetzen, das die Medien weltweit von den Serben entworfen haben.“ Das geht eben nur in Serbien. Insofern ist der Vorwurf, Handke habe nicht die Massengräber von Srebrenica besucht , geprägt vom Unverständnis der Absicht dieser Erzählung gegenüber („Gerade jene Kritiker, die selber nie einen Fuss in das Kriegsgebiet gesetzt haben...“ - Sigrid Löffler).
So liegt Handkes „Hauptschuld“ darin, die Frage (wohlgemerkt: die Frage) nach der „Schuld“ der Sezessionskriege einfach noch einmal neu zu stellen, dahingehend neu, dass man vielleicht fragen kann, ob nicht tatsächlich die gemutmassten 200.000 Toten für die unabhängigen Republiken Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu viel seien. Er sagt ausdrücklich nicht, dass man die Expansionspolitik Serbiens hätte deshalb „zulassen“ müssen; es ist nicht Handkes Intention, Tagespolitik zu machen, aber es ist sein Anliegen zu fragen, ob vielleicht zwischen einem serbisch-dominierten „Rest-Jugoslawien“ und der Vielstaaterei nicht eine politische Zwischenlösung hätte gefunden werden können, ja müssen.
Handkes ausführliche Schilderung beispielsweise auf einem Belgrader Markt liessen zwei Vorwürfe aufkommen: Einerseits idyllisiere er eine Art vorindustrielle Gesellschaft (Serbien erlebte seinerzeit den UNO-Boykott), andererseits hätte Handke sozusagen gut reden, da er nach seiner Reise wieder in die so verhasste Konsumwelt zurückkehre und mitmache. Beide Vorwürfe tragen in sich den gleichen Kern: Wir leben in der besten aller Gesellschaften. Der Dichter weiss dies zwar (er lebt ja dort), aber er sagt es nicht und wünscht den Serben quasi die weitere „Armut“ („Jargon der Uneigentlichkeit“; s.o. ).
Mit dieser „Meinung“ im Kopf, mutet es tatsächlich reichlich skurril an, wenn Handke von walddunklen massigen Honigtöpfen, truthahngrossen Suppenhühnern oder den fast zur Berühmtheit gelangten „andersgelben Nudelnestern oder -kronen“ erzählt, aber warum eigentlich? Was ist so empörend an Handkes Einlassung, Und ich erwischte mich dann sogar bei dem Wunsch, die Abgeschnittenheit des Landes - nein, nicht der Krieg - möge andauern; möge andauern die Unzugänglichkeit der westlichen und sonstwelchen Waren- und Monopolwelt? Ist es nicht Aufgabe der Literatur das jeweils andere, uns Unbekannte zu erzählen, nahezubringen? Was ist eigentlich das empörende an andersgelben Nudelnestern? Oder ist unsere „Leitkultur“ bereits derart verinnerlicht, dass anderes nicht mehr zugelassen werden kann? Ist die Wegwerf-Warenwelt auch in den Köpfen und Körpern der Literaturkritiker so verinnerlicht, dass sie als die nur noch einzige gilt? Können Erzählungen nur noch dann „akzeptiert“ werden, wenn sie dem „common sense“ entsprechen?
Die moralische Empörung des Feuilletons stützte sich auf die radikale Infragestellung die geschehenen Ereignisse in exakt jenem Ablauf zu sehen, wie dies mehrheitlich gesehen wurde und durch die allgemeine Berichterstattung implementiert war. Jedwede Kritik wurde sofort als „Propaganda“ abgebürstet und Handke schlichtweg die Eignung abgesprochen, sich hierüber ein Urteil zu bilden. Die Frage nach dem „Warum?“ bleibt auf der Strecke. Statt Ursachenforschung sieht Handke die Berichterstattung reduziert auf nackte, geile, marktbestimmende Fakten- und Scheinfakten-Verkauf . Der ursächliche Impetus eines Journalisten, hinter die Fassaden zu schauen sei bei der Mehrzahl der Fernfuchtler abhanden gekommen. Zuviel sei a priori bereits als Wahrheit vorausgesetzt, und, was stets vergessen wird: Wenn man wissen will, was eine Nachricht ausmacht, muss man die Kamera umdrehen, muss zeigen wie sie ausgewählt, geschnitten, nachbearbeitet, getextet wird und welche Ideen ihr zur Prominenz verhelfen . Wer dies jedoch vergisst zu reflektieren, verliert das kritische Bewusstsein, ein Urimpuls des Journalisten (und auch Dichters).
Abgewandelt könnte man jetzt formulieren: Die Vertreter der Meinung sagen, was Recht ist; andere Meinungen und Aktionen, die diesen anderen Meinungen notwendig folgen, können also ab sofort als ‘fremd’, also unwahr bezeichnet werden. Und: Die Meinungsmacher übersetzen einfach objektive Bezeichnungen in subjektive Wertbegriffe und sie können, indem sie von den letzteren ausgehen, durchaus logisch verurteilen. Die Botschaft dieser Bilder, das sind sie selbst. Sie sind tautologisch, indem sie sagen: Seht her, der Krieg ist kriegerisch.
Dabei geht es Handke nicht darum, Recht zu haben oder Recht zu bekommen (eher im Gegenteil, er wehrt sich ja gerade gegen diese Art von Faktenhuberei). Dennoch möchte er, dass seine Position mindestens einmal berücksichtigt wird: Warum sagst du das alles? - Weil es kaum einer sonst sagt... Er möchte schlichtweg, dass seine Anschauung der Dinge die gleiche Wertigkeit besitzt, wie jene ausschnitthafte und letztlich tautologische Betrachtung der Tages-Journalistik. Die grundlegende Problematik der in der Welt an Schärfe und Intensität zunehmenden Konflikte und Katastrophen können und sollen von ihr nicht berührt werden: „Ein Bericht über einen Erdrutsch verlangt nach Bildern von Zerquetschten, gestürzten Hütten, aufegebahrten Leichen, nicht nach Analysen der Abholzungen, auf die Erdrütsche zurückzuführen sind.“ (Roger Willemsen)
Bei all dem Geschrei wurde Handkes Friedensimpuls in diesem Text nicht nur nicht gesehen, sondern auch noch Gegenstand der Verspottung. Im Gegensatz zum „Aufarbeiten“ der Geschichte, zum bis ins letzte Detail herausfinden, wer was wann wie gemacht und wen umgebracht hat, setzt Handke die Amnestie: Die bösen Fakten festhalten, schon recht. Für einen Frieden jedoch braucht es noch anderes, was nicht weniger ist als die Fakten. Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen. Oder sag statt ‘das Poetische’ besser das Verbindende, das Umfassende - den Anstoss zum gemeinsamen Erinnern, als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit, für die zweite, die gemeinsame Kindheit. Handke plädiert eindringlich für das „gemeinsame Sich-Erinnern“, für den Umweg über das Festhalten bestimmter Nebensachen“, welches er weit nachhaltiger sieht als das Einhämmern der Hauptfakten.
Das dies keine politische Naivität ist und als blosses „Schwärmertum“ abgetan werden kann, beweist sowohl die Entwicklung der Versöhnung in Südafrika als auch die neuere Friedensforschung: „Eines der konstantesten Elemente des Friedenschlusses, das sich über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende hinweg sowohl innerhalb als auch ausserhalb Europas, sowohl in zwischen- als auch in innerstaatlichen Regelungen feststellen lässt, ist die Amnestie, in dem Sinne, dass jede Seite für dasjenige, was ihr von den Gegenseite angetan worden ist, Straffreiheit gewährt. Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um ein tatsächliches Vergessen - das wird von niemandem verlangt -, wohl aber um ein fiktives, insofern beide Seiten versprechen, sich so zu verhalten, wie wenn alles vergeben und vergessen wäre. Im übrigen steht es jeder Seite frei, Kriegsverbrecher aus ihren eigenen Reihen abzuurteilen“ (Jörg Fisch: „Der fingierte Weltstaat oder Pinochet und die internationale Ordnung“ in „Kursbuch“, Juni 1999). Ein Standpunkt, der zweifellos eine Überprüfung einer moralischen Geschichts- und Politiksicht bedeuten würde.
Und wie heisst es denn bei dem Philosoph Peter Sloterdijk in seinen Poetik-Vorlesungen: „Hat nicht das regenerative Genie von Menschen immer neue Möglichkeiten erschlossen, vor die tödlichen Kapitel der Geschichte zurückzublättern und auf heillose Überlieferung mit der Stiftung neuer Lebensformen aus dem Geist des Anfangens zu antworten? Diese Überlegungen...machen deutlich, warum eine Poetik des Anfangens das Gegenteil einer romantischen Voreingenommenheit für gute alte Zeiten zur Voraussetzung hat.“
Kein Ende in Sicht
In seinem bereits im Vorfeld stark diskutierten Theaterstück von 1999 „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ thematisiert Handke seine gesammelte Verzagtheit zum Thema Jugoslawien. Das Stück ist eine Mischung zwischen subversiver Medienkritik, tolldreister Jugoslawien-Verteidigung und Friedenssehnsucht. Am Ende lässt er alle Beteiligten, die vorher vor zwei Regisseuren ihre jeweilige Geschichte des Krieges erzählt haben, in einem imaginären Einbaum eine symbolische (und mystische?) Friedensfahrt unternehmen. Seriöse Kritiker wie Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung haben den mangelnden dramatischen Bogen des Stückes bemerkt und dies mit dem Furor des Autors erklärt. Dies ist sicherlich richtig, aber es ist kein Stück im herkömmlichen Sinne, sondern eher eine Art Erzähltheater.
Hieraus eine gesteigerte Subjektivität abzuleiten die nur losgelöst von den objektiven Tatsachen sozusagen separiert betrachtbar ist, wäre falsch. Es geht Handke ja eben nicht um Faktenhuberei, um das Aufsammeln von möglichst vielen Tatsachen , die dann sozusagen gesühnt (oder gar gerächt) werden sollen (und wenn, dann von den eigenen „Leuten“ ). So ist für ihn kein Frieden möglich. Dies wäre - im Sinne Sloterdijks - keine „Poetik des Neuanfangens“, da „heillose Überlieferungen“ zur Rache und Vergeltung, zum Aufrechnen führen. Und insofern kehren wir zum Ausgangspunkt der Handkeschen Betrachtungen selbst wieder zurück: Über das Erzählen von Geschichten soll die Welt, sollen die Menschen wieder miteinander versöhnt werden, sich miteinander versöhnen.
Max Frisch erläuterte einem Schweizer Bundesrat in einer Fernsehsendung einmal sein Literaturverständnis. Obwohl es literarisch kaum grössere Antipoden gibt als Handke und Frisch, so ist doch erstaunlich, welche Übereinstimmung sich zwischen den beiden in der theoretischen Betrachtung feststellen lässt. Literatur (für Frisch gleichgesetzt mit Poesie) bricht unsere „versteinerten Selbstverständlichkeiten“ auf, „reisst uns mit“. Daher ist sie „eo ipso nicht staatsbürgerlich“. Frisch kommt zur Lösung: „Da findet etwas anderes statt als Meinungspropaganda“. Literatur ist somit von der Publizistik (der Journalistik) eindeutig zu unterscheiden. Diese Unterscheidung reklamiert Handke für seine Jugoslawien-Bücher (und nicht nur für diese).
Die Welt, die auch Handke im Vorort von Paris umgibt, die Konsum- und Warenwelt stiftet für ihn kein versöhnendes Klima. Es ist eine Welt, in der Medien nur Ausschnitte von Bildern zeigen, die gerade opportun sind, es ist eine Welt, die die eine Hegemonie mit der anderen ersetzt. Handke ist mehr ein Moralist, als es scheinen mag. Er will aber bei aller Moral auch eine Gerechtigkeit. Hier argumentiert er (besonders in „Gerechtigkeit für Serbien“) - und durchaus stringent; verliert einen Augenblick seine Dichterrolle, ohne seinen Dichterblick zu verlieren und wird zum Journalisten, der er auch nicht sein will.
Der ihm vermutlich implantierte Reflex des Skeptikers der jeweiligen Mehrheitsanschauung gegenüber , das ausserordentliche Sprachgefühl , das Bestehen auf das eigene Betrachten, auf die eigene Anschauung Handkes und seine „persönliche“ Empathie für dieses Jugoslawien - dies sind die Gründe für seine schroffe und unbequeme, gelegentlich trotzige Haltung. „Warum gibst du dieses Land nicht endlich auf? Es ist ein verlorenes Land...“ wird „der Grieche“ im "Einbaum"-Stück gefragt und die Antwort ist von einer verblüffenden Einfachheit: „Wenn heute noch Volk, dann tragisches. Und das hier ist ein tragisches Volk. Und mein Platz ist beim tragischen Volk.“
Tragik ist hier natürlich nicht der inflationär gebrauchte Begriff diverser Seifenopernproduzenten, sondern im streng aristotelischen Sinne zu verstehen: „Die Menschen haben wegen ihres Charakters eine bestimmte Beschaffenheit und infolge ihrer Handlungen sind sie glücklich oder nicht.“
Handke, der Verweigerer der „Betroffenheit“, insofern sie von einer Seite reklamiert wird , der ungeheuer akribische Leser und Informationsbeschaffer („El País“, „Le Monde“, „FAZ“, „SZ“, „DIE ZEIT“, „Spiegel“, u.a.), der genaue und unbestechliche Anschauer , der - dies wird immer übersehen - es auch den Serben „gibt“ und sie weiss Gott nicht als Unschuldsengel durchgehen lässt, verdient eine ihm gemässe Auseinandersetzung und Widmung und nicht das primitive Draufschlagen mit dem Hammer, wie man üblicherweise feuilletonistisch seine Gegner „erledigt“ und ihm einfach en passant Unterstellungen unterschiebt.
Und: Ja, seine Anwesenheit und die kleine Rede auf der Beerdigung von Miloševic war auch für mich befremdlich. Aber wer prügelt heute noch auf diejenigen ein, die seinerzeit im Zug sich selbst tötender RAF-Terroristen Grabreden hielten oder nur hinterherliefen (auch oder weil sie "nur" ihre Anwälte waren und es inzwischen, 25 Jahre später, bis zum Minister brachten)?
Die Diskussion um die "Berechtigung" Handkes, den Heine-Preis zu erhalten, geht parallel mit der Absetzung seines Theaterstücks "Das Spiel vom Fragen" (1989 entstanden und ohne jeden Bezug zur Jugoslawien-Problematik) vom Spielplan der Comédie Française. Man beginnt, auch noch den Dichter Handke zu demontieren. Ein erbärmliches Spiel: Man liest seine Bücher nicht oder nur falsch oder nur das, was man lesen will - um dann in Bausch und Bogen sein ganzes Werk zu diskreditieren.
In den "Salons" betont man zwar stets, wie wichtig der Dichterblick sei und lobt auch die engagierte Rede eines Harold Pinter - solange seine Kritik den USA gilt - (eine Miniversion haben wir neulich bei Günter Grass gehört; reichlich opahaft) Hauptsache, alles bleibt im common sense und man kann sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.
Heine hätte diese Gesellschaft nicht gemocht. Ganz sicher. Insofern wäre Handke der kongeniale Preisträger gewesen. Ihn jetzt auszubooten, ist eine Frechheit. Ich schäme mich als Einwohner der Stadt Düsseldorf.
Nachtrag (01.06.06)
In der "Süddeutschen Zeitung" klare Worte (für jeden verständlich - auch endlich für Nicht-Leser) von Peter Handke "Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen" und ein treffender Kommentar von Thomas Steinfeld "Die Selbstinszenierung der üblen Nachrede."
Gregor Keuschnig - 2006-05-30 15:58


Hm,
Die Verhandlungen...
Es erinnert an die reflexhafte Abwehr in den 70er Jahren, als das Wort "PLO" erklang. Niemand konnte sich im Angesicht der weltweiten Anschläge der PLO bzw. deren Terrororganisationen vorstellen, jemals mit Arafat zu verhandeln. Getan haben sie's dann doch. Weil Politik eben auch Pragmatik beinhaltet.
Insofern wäre also Schröder der schlechteste Kandidat für den Heine-Preis.
@anaximander - Die PLO...