Am Pranger
In schöner Regelmässigkeit kommt das Thema des aussterbenden Deutschland auf die Agenda. Aktueller Anlass diesmal ist der Rentenbericht der Bundesregierung, der zum ersten Mal seit Jahren feststehende Fakten nicht mehr leugnet (Adenauers Diktum „Kinder kriegen die Leute immer“ stimmte schon zum Zeitpunkt, als er es aussprach, 1957, nicht mehr) und die Veröffentlichung eines Buches des Diskurs-Trendsetters Frank Schirrmacher (FAZ-Herausgeber) nebst entsprechendem Product placement beim Dampfplauderer Beckmann.
Die Pseudo-Fakten sind nicht neu aber mit jeder zyklischen Sautreibung durchs Mediendorf Deutschland wird der Umgangston rauer: Heute prangert BILD auf der ersten Seite Deutschlands „Super-Frauen“ an: „Ohne Kinder mehr Erfolg?“, gefolgt von „Bringt ein Baby den Karriere-Knick?“ Als müsse man seine persönlichen Lebensentwürfe rechtfertigen. Schäbige Kreaturen, die den Berufsstand des Journalisten da täglich neu desavouieren.
Aber selbst seriöse Geister wie Professor Raffelhüschen weisen den heute 30-50jährigen die Schuld zu, dass ihre Rente in der Zukunft drastisch gekürzt werden muss – hätten sie doch für die nötigen Kinder nicht gesorgt.
In diesen Kanon stimmen jetzt fast alle ein (man nennt das Nachplappern von Halbwahrheiten auch „Zeitgeist“), aber leider wird dabei verschwiegen, wo denn die Arbeitsplätze sein sollen, die von den Kindern der 30-50jährigen besetzt werden bzw. in Zukunft besetzt werden sollen, wenn Unternehmen gleichzeitig in atemberaubenden Tempo Rationalisierungen vornehmen, die auch vor dem vor zehn Jahren noch gepriesenen Wachstumsmarkt „Dienstleistungen“ nicht mehr Halt machen. Vor diesem Hintergrund verkommt das Mantra von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ für Frauen mit Kindern zur hohlen Floskel – man sehe sich die Arbeitslosenzahlen im Osten Deutschlands an.
Gipfel der vulgär-primitiven Kausalitätskette ist das Gerede von einer „familienfreundlichen Politik“, die – das erfährt man nach wenigen Minuten dann – letztlich aus einer Vergabe finanzieller Mittel nach dem Giesskannenprinzip wie beispielsweise einer Erhöhung des Kindergeldes besteht. Nicht nur, dass diese Massnahmen seit Jahrzehnten nicht fruchten (sic!), weil das Geld, welches den Haushalten zur freien Verfügung gestellt wird, natürlich nicht zweckgebunden ist, der Staat sich jedoch zusätzlich parallel immer mehr aus entsprechenden Infrastrukturen zurückzieht, sondern auch die unleugbare Tatsache, dass es mindestens seit 68 nicht mehr alleiniger Lebensentwurf von Frauen ist, zu gebären, wird dabei übersehen.
Und da die Durchökonomisierung gesellschaftlicher Prozesse auch vor diesem Thema nicht stoppt, wird flugs postuliert, wie viel ein Kind heute „kostet“, nämlich ein Einfamilienhaus (wie ich es neulich in einer Diskussion – unwidersprochen - gehört habe). Belege, wie diese Rechnung zustande kommt, sind Fehlanzeige, aber als Argument für einen eventuelle steuerliche Mehrbelastung Kinderloser dient es allemal – leider vergessend, dass dies bereits heute der Fall ist, während geringverdienende Familien mit Kindern so gut wie gar keine Steuern mehr bezahlen.
Geradezu absurd sind die Forderungen regressiver Kräfte, die Rentenkürzungen bei Kinderlosen vorschlagen. Mit diesem populistischen Unsinn, hervorgebracht von politischen Erstklässlern, wird nicht nur das grundgesetzlich geschützte Gleichheitsprinzip verletzt, sondern schlichtweg der Tatbestand, dass Familienpolitik über Steuerpolitik betrieben wird und betrieben werden muss und nicht über Sozialversicherungssysteme sanktioniert werden kann, geleugnet. Da so dumm kaum jemand sein kann, steckt Methode dahinter.
Die Diskussion wird schnell wieder abebben, aber Stigmatisierungen werden bleiben und bei nächster Gelegenheit fortgeschrieben. Frau von der Leyens Berufung ist kein Zufall, sondern ist ein Zeichen.
Dabei sind durchgreifende politische Lösungen bis auf weiteres nicht zu erwarten, da dies grundlegende und dauerhafte gesellschaftliche Veränderungen bedeuten würde.
Der Kinderglaube, man gebe den Leuten nur Geld in die Hand und alles andere werde dann schon, müsste endlich aufgegeben werden. Statt Rückzug des Staates wäre das Gegenteil notwendig (freilich mit der notwendigen Vorsicht, dass dieser dann nicht indoktriniert). Man könnte beispielsweise diejenigen, die von familienfreundlicher Politik reden, einmal fragen, warum es denn immer noch flächendeckend an Ganztagsschulen mangelt.
Und in der nächsten Diskussion werden die Politiker, die die Kinderlosigkeit beklagen von den Arbeitnehmern u. a. Flexibilität mit Wohnortwechseln erwarten, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Gleichzeitig sollen sie konsumieren, privat vorsorgen und – natürlich! – Familien gründen. Weltfremder und realitätsferner kann es kaum noch zugehen.
Da ein Teilnehmer seine Kommentare zum Thema, die sehr interessant waren, zurückgezogen hat (und hierauf ein anderer Diskutant ebenfalls von seinem Löschrecht teilweise Gebrauch machte), habe ich die Diskussion hier als PDF eingefügt. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in ähnlicher Lage immer entsprechend entscheiden werde. Wer hier also kommentiert, sollte beachten, dass seine Kommentare trotz Löschung rekapituliert werden. Schliesslich schreibt man hier ja anonym. Und wer seine Kommentare löscht, auf die andere bereits geantwortet haben und dies ohne Einverständnis mit den anderen, dessen Kommentarmöglichkeit behalte ich mir vor, abzuschalten.
Kommentare-Am-Pranger- (pdf, 59 KB)
Die Pseudo-Fakten sind nicht neu aber mit jeder zyklischen Sautreibung durchs Mediendorf Deutschland wird der Umgangston rauer: Heute prangert BILD auf der ersten Seite Deutschlands „Super-Frauen“ an: „Ohne Kinder mehr Erfolg?“, gefolgt von „Bringt ein Baby den Karriere-Knick?“ Als müsse man seine persönlichen Lebensentwürfe rechtfertigen. Schäbige Kreaturen, die den Berufsstand des Journalisten da täglich neu desavouieren. Aber selbst seriöse Geister wie Professor Raffelhüschen weisen den heute 30-50jährigen die Schuld zu, dass ihre Rente in der Zukunft drastisch gekürzt werden muss – hätten sie doch für die nötigen Kinder nicht gesorgt.
In diesen Kanon stimmen jetzt fast alle ein (man nennt das Nachplappern von Halbwahrheiten auch „Zeitgeist“), aber leider wird dabei verschwiegen, wo denn die Arbeitsplätze sein sollen, die von den Kindern der 30-50jährigen besetzt werden bzw. in Zukunft besetzt werden sollen, wenn Unternehmen gleichzeitig in atemberaubenden Tempo Rationalisierungen vornehmen, die auch vor dem vor zehn Jahren noch gepriesenen Wachstumsmarkt „Dienstleistungen“ nicht mehr Halt machen. Vor diesem Hintergrund verkommt das Mantra von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ für Frauen mit Kindern zur hohlen Floskel – man sehe sich die Arbeitslosenzahlen im Osten Deutschlands an.
Gipfel der vulgär-primitiven Kausalitätskette ist das Gerede von einer „familienfreundlichen Politik“, die – das erfährt man nach wenigen Minuten dann – letztlich aus einer Vergabe finanzieller Mittel nach dem Giesskannenprinzip wie beispielsweise einer Erhöhung des Kindergeldes besteht. Nicht nur, dass diese Massnahmen seit Jahrzehnten nicht fruchten (sic!), weil das Geld, welches den Haushalten zur freien Verfügung gestellt wird, natürlich nicht zweckgebunden ist, der Staat sich jedoch zusätzlich parallel immer mehr aus entsprechenden Infrastrukturen zurückzieht, sondern auch die unleugbare Tatsache, dass es mindestens seit 68 nicht mehr alleiniger Lebensentwurf von Frauen ist, zu gebären, wird dabei übersehen.
Und da die Durchökonomisierung gesellschaftlicher Prozesse auch vor diesem Thema nicht stoppt, wird flugs postuliert, wie viel ein Kind heute „kostet“, nämlich ein Einfamilienhaus (wie ich es neulich in einer Diskussion – unwidersprochen - gehört habe). Belege, wie diese Rechnung zustande kommt, sind Fehlanzeige, aber als Argument für einen eventuelle steuerliche Mehrbelastung Kinderloser dient es allemal – leider vergessend, dass dies bereits heute der Fall ist, während geringverdienende Familien mit Kindern so gut wie gar keine Steuern mehr bezahlen.
Geradezu absurd sind die Forderungen regressiver Kräfte, die Rentenkürzungen bei Kinderlosen vorschlagen. Mit diesem populistischen Unsinn, hervorgebracht von politischen Erstklässlern, wird nicht nur das grundgesetzlich geschützte Gleichheitsprinzip verletzt, sondern schlichtweg der Tatbestand, dass Familienpolitik über Steuerpolitik betrieben wird und betrieben werden muss und nicht über Sozialversicherungssysteme sanktioniert werden kann, geleugnet. Da so dumm kaum jemand sein kann, steckt Methode dahinter.
Die Diskussion wird schnell wieder abebben, aber Stigmatisierungen werden bleiben und bei nächster Gelegenheit fortgeschrieben. Frau von der Leyens Berufung ist kein Zufall, sondern ist ein Zeichen.
Dabei sind durchgreifende politische Lösungen bis auf weiteres nicht zu erwarten, da dies grundlegende und dauerhafte gesellschaftliche Veränderungen bedeuten würde.
Der Kinderglaube, man gebe den Leuten nur Geld in die Hand und alles andere werde dann schon, müsste endlich aufgegeben werden. Statt Rückzug des Staates wäre das Gegenteil notwendig (freilich mit der notwendigen Vorsicht, dass dieser dann nicht indoktriniert). Man könnte beispielsweise diejenigen, die von familienfreundlicher Politik reden, einmal fragen, warum es denn immer noch flächendeckend an Ganztagsschulen mangelt.
Und in der nächsten Diskussion werden die Politiker, die die Kinderlosigkeit beklagen von den Arbeitnehmern u. a. Flexibilität mit Wohnortwechseln erwarten, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Gleichzeitig sollen sie konsumieren, privat vorsorgen und – natürlich! – Familien gründen. Weltfremder und realitätsferner kann es kaum noch zugehen.
Da ein Teilnehmer seine Kommentare zum Thema, die sehr interessant waren, zurückgezogen hat (und hierauf ein anderer Diskutant ebenfalls von seinem Löschrecht teilweise Gebrauch machte), habe ich die Diskussion hier als PDF eingefügt. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in ähnlicher Lage immer entsprechend entscheiden werde. Wer hier also kommentiert, sollte beachten, dass seine Kommentare trotz Löschung rekapituliert werden. Schliesslich schreibt man hier ja anonym. Und wer seine Kommentare löscht, auf die andere bereits geantwortet haben und dies ohne Einverständnis mit den anderen, dessen Kommentarmöglichkeit behalte ich mir vor, abzuschalten.
Kommentare-Am-Pranger- (pdf, 59 KB)
Gregor Keuschnig - 2006-03-17 12:59