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    <title>Begleitschreiben (&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl))</title>
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    <description>&quot;Denken ist vor allem Mut...&quot; (Ludwig Hohl)</description>
    <dc:publisher>Gregor Keuschnig</dc:publisher>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:date>2008-05-07T18:22:35Z</dc:date>
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    <title>Begleitschreiben</title>
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  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4905380/">
    <title>Von Verdeutschungen und sprachlichem Fremdenhass</title>
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    <description>&lt;img title=&quot;FAZ Reading Room zu Die Wohlgesinnten&quot; height=&quot;394&quot; alt=&quot;FAZ Reading Room zu Die Wohlgesinnten&quot; width=&quot;400&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/FAZ-Reading-Room-zu-Die-Wohlgesinnten.jpg&quot; /&gt;&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851393/&quot;&gt;Hier&lt;/a&gt; äusserte ich am Rande eine Kritik an dem (wie ich finde grässlichen) Anglizismus &quot;Reading Room&quot;, den die FAZ für ihren neu geschaffenes Bücherforum verwendet. Nun, es interessiert die FAZ natürlich nicht, wenn sich unsereiner von diesem Begriff geradezu angeekelt fühlt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Jonathan Littells &quot;Die Wohlgesinnten&quot; und Martins Walsers &quot;Ein liebender Mann&quot; wird nun Jutta Limbachs Buch &quot;Hat Deutsch eine Zukunft&quot; (mit der emphatisch überschriebenen Einführung &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/limbach/article.php?txtid=einfuehrung&quot;&gt;&quot;Mehr Deutsch wagen&quot;&lt;/a&gt;) vorgestellt und die Thesen der Autorin diskutiert. Fast logisch, dass sich irgendwann die Frage stellt, warum man den englischen Ausdruck &quot;Reading Room&quot; verwendet und kein deutsches Wort finden wollte. Löblich, dass die FAZ dies nun seit dem 02. Mai mit Lesern diskutiert  mit dem merkwürdigen Untertitel in der Fragestellung: &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/limbach/leser_forum.php?rid=11&quot;&gt;&quot;Darf dieses Forum &apos;Reading Room&apos; heissen?&quot;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig deshalb, weil es kaum um ein &quot;dürfen&quot; geht  eher um ein &quot;müssen&quot;. Immerhin, es darf diskutiert werden. Wie schon vorher ist der Aufwand beträchtlich, die Software sehr gut. Die Beiträge werden moderiert  das ist bei der FAZ üblich. Bis zum 10. Mai will man Stimmen sammeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der &quot;Reading Room&quot; ist meiner Meinung nach ein gelungenes, multimediales Angebot  fast könnte man es &quot;zeitgemäss&quot; nennen, wenn dies nicht ein bisschen negativ klingt. Der gute, alte Fortsetzungsroman wurde auf &quot;Web 2.0&quot; getrimmt. Das hat ja mit der Qualität der vorgestellten Bücher zunächst einmal nichts zu tun. Ich finde es auch weitgehend überflüssig, den &quot;Reading Room&quot; abzulehnen, weil es letztlich nichts anderes ist als ein Vermarktungsinstrument für Neuerscheinungen. Es ist natürlich mit kommerziellem Hintergrund (d. h. es geht darum, das Buch zu verkaufen)  aber das, was geboten wird, ist mehr als ein dröger Appetithappen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten Vorschläge zu einer deutschen Bezeichnung trudelten am Freitag ein und auch ich hatte &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/limbach/leser_forum_comment.php?rid=11&amp;tid=93#eintrag&quot;&gt;einen Kommentar hinterlassen.&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser blieb nicht ohne Resonanz. Wenige Stunden später nahm  ohne den Kommentar direkt zu zitieren  einer der Experten, Hans-Martin Gauger, &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/limbach/leser_forum_comment.php?rid=11&amp;tid=110#eintrag&quot;&gt;hierzu Stellung&lt;/a&gt;. Und flugs wurde ich (und auch indirekt einige andere Kommentatoren, die sich fast ausnahmslos für einen deutschen Namen aussprachen) als &lt;i&gt;sprachlicher Nationalist&lt;/i&gt; bezeichnet, der &lt;i&gt;sprachliche[n] Fremdenhass&lt;/i&gt; praktiziere. Gauger geht noch weiter. In professoralem Duktus wird &lt;i&gt;Deutschtümelei, wie wir sie nie mehr haben wollen&lt;/i&gt; entdeckt. Gauger unterstellt, ich hätte geschrieben, dass &lt;i&gt;das unpassendste deutsche Wort besser als das passendste englische&lt;/i&gt; sei. Das ist erkennbar mitnichten der Fall. Für jemanden wie Gauger, immerhin Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, muss das offenkundig sein, also ist seine Unterstellung nur bösartig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im weiteren Verlauf des Kommentars &quot;übernimmt&quot; er dann einen meiner Vorschläge (Lesesaal), weil dies die äquivalente &lt;i&gt;Verdeutschung&lt;/i&gt; von &quot;Reading Room&quot; sei. Er argumentiert damit ähnlich wie &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/limbach/leser_forum_comment.php?rid=11&amp;tid=94#eintrag&quot;&gt;Jürgen Schiewe&lt;/a&gt;, der auch Probleme mit &quot;Verdeutschungen&quot; hat. Die Frage eines Lesers, worin &lt;tt&gt;dieses&lt;/tt&gt; Problem denn bestehen soll, ist derzeit noch unbeantwortet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Konsequenz bedeutet ein solches Vorgehen: Man sucht einen Anglizismus, den man dann möglichst treffend ins Deutsche überträgt. Das klingt irgendwie paradox. Ausgerechnet Intellektuelle, die sich für die Pflege der deutsche Sprache einsetzen sollen, sehen die Anglizismen mit einer gewissen Nonchalance.

&lt;hr /&gt;
&lt;big&gt;&lt;b&gt;AKTUALISIERUNG&lt;/b&gt; 07.05.08 - 17:30 Uhr&lt;/big&gt;: Die Umbenennung erfolgt in &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/limbach/article.php?aid=29&amp;newentry=1#eintrag&quot;&gt;&lt;font &gt;&quot;Lesesaal&quot;&lt;/font&gt;&lt;/a&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Uwe Ebbinghaus in der Begründung: &quot;Deutschtümelei? - Iwo! Eher ein Experiment mit der Hypothese, dass das Deutsche auch Entwicklungen der neuen Medien angemessen benennen kann.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Na also.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Splitter&quot;&gt;Splitter&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-05-03T15:53:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4903634/">
    <title>Schlechte Verlierer</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4903634/</link>
    <description>Bayern München hat gestern das UEFA-Pokal Halbfinalspiel gegen Zenit St. Petersburg mit 4:0 verloren. Ein desaströses Ergebnis  gerade, wenn man das Spiel gesehen hat und die Art und Weise, wie man vorgeführt wurde. Den &quot;Tagesthemen&quot; war diese Niederlage der Aufmacher wert. Die &lt;a href=&quot;http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video312370.html&quot;&gt;Anmoderation von Caren Miosga&lt;/a&gt; kann man allerdings als reichlich tendenziös bezeichnen: Bayern München habe &lt;i&gt;auch noch&lt;/i&gt; gegen Zenit St. Petersburg verloren, ein Verein, der bis vor kurzer Zeit &lt;i&gt;noch keinen wirklichen Namen&lt;/i&gt; gehabt habe und von &lt;i&gt;höchster staatlicher Stelle&lt;/i&gt; viel &lt;i&gt;rausgesponsert&lt;/i&gt; werde, und zwar vom &lt;i&gt;reichen Gasproduzenten&lt;/i&gt; &quot;Gazprom&quot; (übrigens auch Sponsor von Schalke 04). Zenit sei ein Verein &lt;i&gt;von Putins Gnaden&lt;/i&gt; und der neue Präsident Medwedew sei noch ein viel grösserer Fan (wow). Frau Miosga kann die Pejorationen kaum noch zügeln. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, die bösen Russen: Sie korrumpieren doch tatsächlich den schönen Fussball mit  Geld! Als würden die Bayern-Spieler in Naturalien ausbezahlt. Kein Wort  auch im Bericht von Stephan Stuchlik nicht -, wie katastrophal die Leistung des FC Bayern war. Stattdessen wird fast jede Äusserung über Zenit mit abfälligem Unterton begleitet. Das man jetzt ein neues Stadion bekommt  auch das wendet man gegen Zenit. Einen ähnlichen Bericht über den Stadionbau des (Noch-)Zweitligisten Hoffenheim (= SAP !) habe ich noch nicht in den &quot;Tagesthemen&quot; gesehen. Übrigens: Warum auch?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dick Advocaat (man frage die Fans von Borussia Mönchengladbach einmal, was dieser Trainer zu leisten vermag) möchte nichts über &quot;Gazprom&quot; sagen. Prompt wird dies dem Verein angelastet. Dass man  aus irgendwie begreiflichen Gründen - noch nie einen Trainer oder Spieler eines deutschen Vereins etwas Negatives über den Sponsor hat sagen hören  Stuchlik kümmert das nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum ein Wort darüber, dass der Verein schon vor der Sponsorenschaft durch &quot;Gazprom&quot; Erfolge feierte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnliche Untertöne bei anderen europäischen Spitzenmannschaften hört man nur noch, wenn es um Silvio Berlusconi geht. Gestern hätte sich doch ein Bashing des Sponsorentums angeboten  beim FC Chelsea (Michael Ballack spielt dort allerdings derzeit), der das Champions League-Endspiel erreicht hatte. Aber kein &quot;Tagesthema&quot;-Thema über die kolportierten 800 Millionen Euro, die der (russische!) Milliardär Abramowitsch in den Verein in den letzten Jahren investiert haben soll. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann und sollte sicherlich Kritik an den politischen Zuständen in Russland üben. Das Land driftet seit Jahren politisch in ein oligarchisches System ab; eine Demokratie sieht deutlich anders aus. Aber Russland setzt ökonomisch (wie im übrigen auch China) auf den Kapitalismus. Mit dieser Entwicklung tut man sich im Westen offensichtlich schwer, da die vorherrschende Doktrin eine Kausalität zwischen Demokratie und Kapitalismus (bzw. Marktwirtschaft) behauptet. Dies zeigt sich als erkennbar falsch. Daher kommen Miosga &amp; Co. offensichtlich auf die Idee, den Kapitalismus der Russen zu verdammen, während man den des Westens als normal nimmt. Irgendwie merkwürdig. So verhalten sich normalerweise schlechte Verlierer.</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Medien&quot;&gt;Medien&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-05-02T13:07:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4892020/">
    <title>Rettungsversuch</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4892020/</link>
    <description>&lt;b&gt;Gedanken zu Kommentaren in Blogs am Beispiel und mit Hilfe von Stefan Niggemeier&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum kommentiert man auf Blogs? Was sind die Beweggründe derer, sich in teilweise zähen Wortgefechten mit Leuten streiten, die sie (in der Regel) nicht kennen und vermutlich auch niemals kennenlernen werden? Mitte März stellte Stefan Niggemeier diese &lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/recherche-20-kommentare/&quot;&gt;Frage auf seinem Blog&lt;/a&gt;  vielleicht um herauszufinden, wie die Leute &quot;gestrickt&quot; sind, aber auch, um Material für seinen Artikel in der FASZ zu erhalten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr wohl war mir aufgefallen, dass Niggemeier die Kommentare auf &lt;a href=&quot;http://stefan-niggemeier.de/&quot;&gt;seinem Blog&lt;/a&gt; mit einer offenbar zunehmenden  Ambivalenz betrachtete. Seit einiger Zeit kann man diese sogar &quot;abschalten&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;BILDblog  basierend auf einer alten Idee&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niggemeier wurde vielfach für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet. Der &lt;a href=&quot;http://www.bildblog.de/&quot;&gt;BILDblog&lt;/a&gt; - sein Projekt. Wolfgang Kraushaar berichtet in seinem Buch &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4815511/&quot;&gt;&quot;Achtundsechzig  Eine Bilanz&quot;&lt;/a&gt; von der Idee einer &quot;Analyse des Inhalts und der Verdummungspraktiken der &apos;Bild&apos;-Zeitung&quot; vom Anfang der 60er Jahre und einer unveröffentlichten Diplomarbeit von 1958/59 eines gewissen Klaus Wilczynski mit dem ausgreifenden Titel &quot;Methoden der politischen Hetze und der Verdummung des Leserpublikums mit den Mitteln der Bildjournalistik in der imperialistischen Massenpresse, dargestellt an Beispielen der &apos;Bild&apos;-Zeitung&quot;. Bekannter ist da die sogenannte &lt;a href=&quot;http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=894&quot;&gt;&quot;Erklärung der Vierzehn&quot; in der Wochenzeitung &quot;DIE ZEIT&quot; vom 19. April 1969&lt;/a&gt;, in der bekannte Intellektuelle (wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Walter Jens, Golo Mann und Eugen Kogon) unter anderem erklärten: &quot;Die Unterzeichneten fordernendlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten.&quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Technik macht es heute möglich, diese Diskussion über &quot;Praktiken der publizistischen Manipulation&quot; auf breiter Basis und für jeden unmittelbar abrufbar zu führen. Und statt ideologischer Worthülsen (auch das kann man zur Genüge in der Blogosphäre lesen) gibt es beim &quot;BILDblog&quot; kritische und  hierauf legt man besonderen Wert - faire Beobachtung. Man scheut sich auch nicht, eigene Fehler einzugestehen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seinem eigenen Blog dokumentiert Niggemeier anhand aktueller Fälle exemplarisch Schwachstellen in der Berichterstattung von Medien aller Art. Immer wieder zeigt er dabei, dass einst hochgeschätzte Eigenschaften eines Journalisten  Recherchefähigkeit, Neutralität und Sorgfalt  zunehmend in den Hintergrund geraten. Stattdessen werden kritik- und vor allem nachfragelos Agenturmeldungen abgeschrieben, die Webseiten auch seriöser Medien mit zweifelhaften Symbolfotos und &quot;Bildergalerien&quot; vollgestopft, Fehler nicht korrigiert, gegen elementare Regeln journalistischer Ethik verstossen oder alles zusammen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blog ist aus zwei Gründen interessant: Zunächst zeigt er  oft an scheinbar unbedeutenden oder vernachlässigbaren Beispielen  die Oberflächlichkeit, mit der heute &quot;berichtet&quot; wird. Zum anderen eröffnet er seinen Lesern durch die Kommentarmöglichkeit (die sehr problemlos gewährt wird), Stellung zu nehmen. Durch die Bekanntheit Niggemeiers entsteht für den Kommentator der durchaus reizvolle Effekt einer verhältnismässig grossen Öffentlichkeit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Warum lässt man kommentieren?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für den inzwischen renommierten Journalisten entsteht durch dieses breite Echo   allerdings auch ein gewisses Problem, welches er auf die treffende Überschrift bringt &lt;a href=&quot;http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EDBAB90D353CE4F049D42F7B33AE19A65~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_aktuell&quot;&gt;&quot;Wie sag ich&apos;s meinem Randalierer?&quot;&lt;/a&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn mich der Artikel in Gänze nicht überzeugt, spiegelt er doch die Problematik wider: Welchen Wert haben Diskussionen  insbesondere, wenn sie sensible Themen berühren  wenn sie von Störern, Rüpeln und Beleidigern überquellen? Die Fallhöhe bei jemandem wie Niggemeier ist ziemlich hoch. Warum setzt er sich überhaupt dieser Tortur aus? Zumal die aktuelle Rechtslage den Blogbesitzer bei Beleidigungen oder Persönlichkeitsverletzungen auch in die Haftung nimmt (Niggemeier erfährt dies im Moment in diversen Rechtsstreitigkeiten selber). Es muss also moderiert werden  was bedeutet, jeden noch so unsinnigen Kommentar lesen und auch bewerten zu müssen (und notfalls zu löschen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eingangs gestellte Frage &apos;Warum kommentiert man auf Blogs&apos; liesse sich also auch umformulieren: Warum lässt man überhaupt kommentieren? Diese Frage stellte sich mir bei der Lektüre des Beitrags &lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-bild-auslaenderfeindlichkeit-foerdert/&quot;&gt;&quot;Wie &apos;Bild&apos; Ausländerfeindlichkeit fördert&quot;&lt;/a&gt; - und der Kommentare hierzu. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer den Kommentaren folgt, findet meine Kritik an Niggemeiers Beitrag dort, wo er von der sprach- und medienkritischen Analyse wechselt in die Bewertung und Kommentierung des Prozesses selber. Der Vorgang interessiert hier jedoch nur aus der Sicht der Dynamik von Diskursen, wie sie sich in den Kommentaren zeigen. Denn viele von Niggemeiers Beiträgen, die hunderte von Kommentaren nach sich ziehen, laden die User offensichtlich ein, sich nicht an der jeweiligen medialen &quot;Verwerfung&quot; zu orientieren, sondern die Thematik als solches zu behandeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So schweiften die Kommentatoren beispielsweise einer der meines Erachtens nach gelungensten Beiträge Niggemeiers &lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wollt-ihr-den-totalen-widerspruch/&quot;&gt;&quot;Wollt ihr den totalen Widerspruch?&quot;&lt;/a&gt;, in dem er sich mit Sprache und Rhetorik eines FAZ-Artikels auseinandersetzt, der vor einer Klimawandel-&quot;Hysterie&quot; eindrücklich (und polemisch) warnt und einem angesehenen Klimaforscher unlautere Motive unterstellt, ganz schnell in eine Diskussion um die Fakten des Klimawandels ab. Auch bei der Aufdeckung der &lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ein-nepal-fuer-ein-tibet-vormachen/&quot;&gt;Verwendung vom falschem Bildmaterial anlässlich der Unruhen in Tibet&lt;/a&gt; gleiteten die Kommentare schnell dahingehend ab, dass einige annahmen, Niggemeier vertrete damit die offizielle Meinung Chinas zum Konflikt (was natürlich Unfug war). Und ein besonders extremer Fall: die 1256 Kommentare zum Beitrag &lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/tom-cruise-scientologist/&quot;&gt;&quot;Tom Cruise, Scientologist&quot;&lt;/a&gt;, der eigentlich nur aus dem Hinweis auf ein Video von Cruise bestand und in Windeseile eine lange (und ermüdende) Diskussion um Scientology wurde, zumal ein Teilnehmer vehement (aber nicht ungeschickt) die Verteidigung der Sekte übernahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Sinne &quot;bestimmt&quot; der Blogger die Intensität seiner Kommentare unter Umständen selber: Fokussiert er sie auf die Intention des Beitrages oder lässt er grosse Spielräume zu Abschweifungen? Greift er redigierend oder appellierend ein? Oder lässt er die Streithähne in Ruhe (und obliegt nur seiner Kontrollpflicht)?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&quot;Manchmal weiß ich es auch nicht.&quot; &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum  so meine Frage  tut sich jemand wie Stefan Niggemeier die Kommentare (zum Beispiel im aktuellen Beitrag) an? Seine Antwort (als Kurzversion) ist verblüffend &lt;small&gt;(das Kursivgedruckte sind im folgenden Zitate von Niggemeier, die mit seiner Erlaubnis aus einer E-Mail-Korrespondenz vom 24. und 25.4.08 entnommen sind)&lt;/small&gt;: &lt;i&gt;Manchmal weiß ich es auch nicht.&lt;/i&gt; Später dann: &lt;i&gt;Ich weiß nicht immer, warum ich mir das antue. Manchmal stimmt die Balance: die positiven Effekte überwiegen. Manchmal ist es das krasse Gegenteil. Eine richtige Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freimütig bekennt er: &lt;i&gt;Ich liebe meine Kommentatoren und ich hasse sie, und ich fürchte, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Grundsätzlich mag ich das Feedback, auch wenn es nicht positiv ausfällt.&lt;/i&gt; Welchen Mehrwert generiert jemand wie Niggemeier aus Kommentaren? Er benutzt ein anderes Wort - &lt;i&gt;Realitätscheck&lt;/i&gt;, man wisse als Journalist &lt;i&gt;nicht einmal das Grundlegendste: Wie die Menschen einen Text lesen. An welchen Formulierungen sie hängen bleiben, welche Witze, welche ironische Formulierungen überhaupt ankommen, welche Botschaft sie in einen Text lesen. Und man weiß nicht, was ihnen gefällt und was sie empört, welches Thema auf großes Interesse stößt, welche Beobachtungen über die Welt da draußen sie teilen und welche ihnen fremd sind.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kommentare als eine Art &quot;Steinbruch&quot;  sowohl für die Resonanz auf den Text, als auch für den Umgang mit Kritik. Und &lt;i&gt;oft&lt;/i&gt; sei es eine &lt;i&gt;Bereicherung&lt;/i&gt;. Niggemeier zitiert zwei Kommentare aus dem letzten Artikel zum Thema Ausländerfeindlichkeit bei &quot;Bild&quot;: &lt;i&gt;Ein gutes Beispiel ist für mich &lt;/i&gt;&lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-bild-auslaenderfeindlichkeit-foerdert/#comment-126645&quot;&gt;dieser (eigentlich viel zu lange) Kommentar&lt;/a&gt;. &lt;i&gt;Ich teile dessen Meinung nicht zu 100%, aber es ist ein guter, weiterführender Gedanke - und ein Aspekt, der bei mir im Text fehlt. Oder auch nur &lt;/i&gt;&lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-bild-auslaenderfeindlichkeit-foerdert/#comment-126643&quot;&gt;dieses kurze, treffende Zitat&lt;/a&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur &quot;Bereicherung&quot; &lt;i&gt;gehören (zumindest theoretisch) auch die Leute, die echte oder vermeintliche Schwachstellen in meinem Text kritisieren, Behauptungen anzweifeln, Interpretationen ablehnen. Das ist oft nervig, sagt mir aber natürlich auch etwas über die Resonanz eines Textes. (Die Gefahr besteht dann natürlich darin, diese Resonanz nicht für 100% zu nehmen. Die meisten Leser kommentieren nicht, und ob diejenigen, die es tun, für die Gesamtheit repräsentativ ist, glaube ich nicht.)&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niggemeier sucht den Austausch mit seinen Lesern. Das ist bei Journalisten  zumal bei &quot;prominenten&quot;  längst nicht mehr selbstverständlich. Viele verschanzen sich mit Chefarztallüren vor dem &quot;gemeinen Leser&quot;. Natürlich haben die vehementen Kritiker der Diskussionskultur in Foren und Blogs teilweise recht, aber Niggemeier wehrt sich gegen eine billige Pauschalisierung, diese &lt;a href=&quot;http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/die-arroganz-der-netznoergler/?src=TE&amp;cHash=55cb131f4c&quot;&gt;Arroganz der &quot;Netznörgler&quot;&lt;/a&gt; [der Titel des Artikels scheint nachträglich geändert worden zu sein?] und setzt emphatisch die Möglichkeit, ja: die Notwendigkeit, des Diskurses dagegen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Vielleicht ist die härteste Erkenntnis für Journalisten die, für wen man da arbeitet&quot;, so lautet der erste Satz dieses Artikels, dessen filigrane Ironie man erst auf den zweiten Blick habhaft wird. Niggemeier sagt da nichts anderes als: Etliche der arrivierten Redakteure und Journalisten von heute haben sich derart von ihren &quot;Kunden&quot;  also: den Lesern, Hörern, Zuschauern  entfernt, dass sie eher Kommunikationsverhinderer sind als vermittler. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Faden weiterspinnend könnte man sagen: Viele Journalisten, die dem Leser, Zuhörer, Zuschauer die Welt näher bringen sollen, sind schon vor Jahren in ihrer solipsistischen Welt abgetaucht und unnahbar geworden. Um sich nicht mit der &quot;Welt da draussen&quot; abgeben zu müssen, wird sie vorsorglich pauschal denunziert. Hassblogs tun das ihrige dazu, die vorschnellen Vorurteile zu befestigen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der Aufklärer&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen schreibt Stefan Niggemeier an. Er ist ein Verfechter der Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechniken. &quot;Warum gerät das Buch eigentlich nicht in Verruf durch die ungezählten Schundromane, die jedes Jahr in dieser Form publiziert werden, die vielen unlesbaren Traktate und all die Werke, die nur geschrieben werden, um den Autor selbst glücklich zu machen, und nie mehr als eine Handvoll Leser erreichen werden? Beim Internet argumentieren Kritiker genau so. Die &apos;Süddeutsche Zeitung&apos; verbindet Ahnungslosigkeit, Lernresistenz und Penetranz, um sich zum Sprachrohr der Internetphobie zu machen, die genau diese Unarten beklagt.&quot; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niggemeier ist im besten und altmodischen Sinne ein Aufklärer. Sowas nervt heute gelegentlich  auch manchmal den wohlwollenden Leser. Aber er delektiert sich nie an den Fehlern anderer, will niemanden blossstellen, sondern er will  man verzeihe mir das Jargonwort aus uralten Zeiten  ein &quot;Bewusstsein&quot; schaffen. Ein Bewusstsein von Tatsachen und Wahrheiten. Eine offensichtlich herkulinische Aufgabe in Zeiten eines reüssierenden Henryk M. Broder und seiner argumentationsresistenten Spiessgesellen. Niggemeier vertraut auf die Lernfähigkeit des Menschen, wo andere an niedere Instinkte appellieren. Und wenn man seine Texte zu &quot;Politically Incorrect&quot; oder &quot;Callactive&quot; (hiermit liegt er im Rechtsstreit) liest, stellt sich irgendwann die Frage, ob er ein Idealist ist. &lt;i&gt;Ich bin schon froh, dass Sie fragen, ob ich &quot;Idealist&quot; bin und nicht &quot;Masochist&quot;...&lt;/i&gt; kommt dann zurück. Ich glaube, wenn Stefan Niggemeier wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde er heute noch eine Agenturmeldung kritisieren.

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Man lese bei Interesse auch &quot;&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/3409956/&quot;&gt;Digitale Narzissten&lt;/a&gt;&quot;&lt;/small&gt;
&lt;hr /&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Medien&quot;&gt;Medien&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-27T11:08:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4873932/">
    <title>Peter Handke / Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4873932/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Handke und Kolleritsch  Schoenheit ist die erste Buergerpflicht&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Handke und Kolleritsch  Schoenheit ist die erste Buergerpflicht&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Handke-und-Kolleritsch-Schoenheit-ist-die-erste-Buergerpflicht.jpg&quot; /&gt;Die Philologisierung des Werkes von Peter Handke schreitet voran. Nach der Veröffentlichung des &lt;a href=&quot;http://www.nicolasborn.de/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=33&amp;Itemid=0&quot;&gt;Briefwechsels mit Nicolas Born im Jahr 2005&lt;/a&gt; und - ein Jahr später  Hermann Lenz nun die Publikation der Korrespondenz &lt;i&gt;zwischen Freunden, die noch am Leben sind&lt;/i&gt; (Alfred Kolleritsch). Diese ist zunächst einmal für den werkinteressierten und ein bisschen kundigen Leser von Bedeutung, aber obendrein für den durch E-Mail oder SMS inzwischen dem Briefschreiben entwöhnten Zeitgenossen. So ist dieser Briefwechsel zwischen Alfred Kolleritsch (geboren 1931) und dem elf Jahre jüngeren Handke zusätzlich ein Dokument einer schwindenden Kulturtechnik  einer Kulturtechnik des Wortes, der Nuance, der Albernheit, der Ernsthaftigkeit, der Schwermut (und auch des Nachschauens im Briefkasten ob der sehnsuchtsvoll erwarteten Antwort). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele der  man ahnt es im Verlauf des Buches  schönen, ja: reichen Briefe Kolleritschs sind nicht mehr da (der Verlust wohl Handkes zahlreichen Umzügen geschuldet), so dass die Korrespondenz von Peter Handke eine Überzahl bilden. Manchmal kann man aufgrund der Antworten ein bisschen erahnen, was wohl im Brief gestanden haben mag  später, wenn dann auch Kolleritsch-Briefe abgedruckt sind, merkt man, dass man diesen Stil dann vermisst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast von Anfang sind die Voraussetzungen verdreht: Nicht der ältere protegiert den jungen Schriftsteller  nein, es ist Kolleritsch der (besonders zu Beginn) massiv um Handke fast buhlt, der (natürlich) das grosse Talent erkennt und immer Neues für seine Literaturzeitschrift &lt;a href=&quot;http://www.manuskripte.at/&quot;&gt;&quot;Manuskripte&quot;&lt;/a&gt; nachfragt. Manchmal kann Handke diesen Wünschen gar nicht nachkommen, zumal er schnell ziemlich &quot;prominent&quot; wird (&lt;i&gt;Dein Peter Handke, Erfolgsautor&lt;/i&gt; zeichnet er einmal selber halb kokettierend, halb erschrocken) und  vor allem  sehr produktiv und da &quot;Manuskripte&quot; immer nur bis dato unveröffentlichtes Material aufnimmt, ist die Exklusivität der Beiträge häufig nur von kurzer Dauer und manchmal konstatiert Handke, er habe einfach nichts. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals steigt Handke der Erfolg zu Kopf. Im Gegenteil: Er unterstützt die Zeitschrift finanziell, sobald sich seine eigene Situation verbessert (das Buch beginnt mit einem Brief Handkes, mit dem er um einen Fahrkostenvorschuss ersucht). Er wird früh selbständiger Schriftsteller, während Kolleritsch immer seine Lehrertätigkeit ausübt und Schriftsteller und Herausgeber &quot;nebenbei&quot; bleibt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei aller Loyalität beanstandet Handke im Einzelfall sehr wohl Beiträge im Heft. Und auch die Gedichte von Kolleritsch belegt er ab und an mit subtiler Kritik: &lt;i&gt;Ich hörte darin ein wenig zu sehr Deine eigene Stimme, sah zu sehr Deine Gestalt; das hiesse, ein andrer, der Dich nicht kennte, sähe wahrscheinlich zu wenig Gestalt, d. h. Sprachgestalt&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt viel Privates in diesen Briefen, viele Terminabsprachen, einige (unerhörte) Wünsche nach Treffen, Lesungen, Geschriebenem und nach verstanden-werden- wollen. Und es gibt auch einiges Lustige wie beispielsweise dieser Brief Handkes am Tag seiner Hochzeit mit Libgart Schwarz, den er in albern-euphorischem Duktus schreibt oder als Handke eine Elektrogitarre geschenkt bekommt und bemerkt, dass jetzt &lt;i&gt;nur noch etwas&lt;/i&gt; aus ihm werden müsse. Meist aber viele Zweifel, &lt;i&gt;Überdruss&lt;/i&gt;, eine &lt;i&gt;erdumspannende Trägheit&lt;/i&gt; oder eine &lt;i&gt;Nachdenklichkeit&lt;/i&gt;. Und immer mal wieder Alkohol (auf beiden Seiten) und  dezent  die Frauen. Später die Vaterfreuden (und leiden).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img title=&quot;Handke und Kerbler  und machte mich auf meinen Namen zu suchen&quot; height=&quot;200&quot; alt=&quot;Handke und Kerbler  und machte mich auf meinen Namen zu suchen&quot; width=&quot;116&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Handke-und-Kerbler-und-machte-mich-auf-meinen-Namen-zu-suchen.jpg&quot; /&gt;Merkwürdig diese schon früh aufkommende, ängstliche Zurückhaltung Handkes jeder Art von Vernetzung, jeder gruppenähnlichen Verbindung gegenüber, die sofort in den Verdacht gerät, &lt;i&gt;Kumpanei&lt;/i&gt; zu sein. Sogar bei Suhrkamp verhielten sich einige offensichtlich &lt;i&gt;knilchös&lt;/i&gt;. Und auch Kolleritsch ist für ihn &lt;i&gt;eingedunstet in den Betrieb&lt;/i&gt;; seine Verbindungen in und zur Grazer Literaturszene (u. a. &quot;Forum Stadtpark&quot;) fast suspekt. Was Handke allerdings später nicht darin hinderte, wenigstens teilweise durch sein Jurorentum beim Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preis selber ein Teil eines literarischen Zirkels zu sein. Und irgendwie fühlt man sich an die letzten Sätze im feinspürigen (und hörenswerten) Gespräch mit Michael Kerbler (unlängst im Wieser-Verlag als CD mit Textbuch erschienen: &lt;a href=&quot;http://www.falter.at/web/shop/detail.php?id=26009&amp;SESSID=274d76e1f866b564cc6c02428e7a1bca&quot;&gt;&quot;und machte mich auf, meinen Namen zu suchen&quot;&lt;/a&gt;) erinnert: &quot;Das Alleinsein ist keine Lösung, und das dauernde Gemeinsam, das ist, glaube ich, noch verderblicher. Das ganze Geheimnis im Leben ist der Abstand  der Abstand und der Rhythmus, was man aus dem Abstand macht.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einher geht diese Scheu mit den oft erstaunlichen &quot;Geständnissen&quot; Handkes, &lt;i&gt;schon seit Tagen (5) niemanden mehr getroffen&lt;/i&gt; zu haben &lt;i&gt;ausser einer Portugiesin, die seit ein paar Wochen manchmal bei mir aufräumt&lt;/i&gt;. Das sei, so Handke, &lt;i&gt;auch eine Art Expedition&lt;/i&gt;. Aber auch eine Art Bekenntnis, wenn er davon schreibt, sich aufs Wohnen zu freuen, &lt;i&gt;wie ich mich noch nie auf so etwas gefreut habe.&lt;/i&gt; Stetig ist da nur die Unstetigkeit, die Ambivalenzen zwischen Sesshaftigkeit und Reiselust (es gibt auch einen launigen &lt;i&gt;Gruss von der ewigen Flucht&lt;/i&gt; an den Freund, dem es aber offensichtlich gelingt, den &quot;Flüchtigen&quot; irgendwie zu erreichen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann wieder entmutigt: &lt;i&gt;Was für falsche Ideen ich vom Schreiben hatte&lt;/i&gt;. Und auch diese Verzagtheiten, am stärksten Ende 1996, nach den beiden Büchern &quot;Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien&quot; und &quot;Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise&quot;, als Handke Kolleritsch bittet mit &lt;i&gt;&quot;Petar Sivec&quot; (Mutter-Name, jugo)&lt;/i&gt; zu veröffentlichen, denn &lt;i&gt;durch das Zeug, was letztens schaltsatzweise gegen mich in den &quot;m&quot; stand&lt;/i&gt; kann (oder will?) er &lt;i&gt;nichts mehr mit meinem Namen da publizieren.&lt;/i&gt; Aber gleich die Geste zum Freund: &lt;i&gt;Klar, dass das nichts mit uns beiden zu tun hat. Es ist eine objektive Gegebenheit, und unser beider Weihnachts- und Pfingstgeschichte wird umso erfreulicher weitergehen&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Respekt und die Freundschaftsgefühle auf beiden Seiten  immer gegenwärtig. (Sie haben selbst  wie Kolleritsch im Nachwort schreibt - &lt;a href=&quot;http://www.youtube.com/watch?v=TS9_ipu9GKw&quot;&gt;ein gemeinsames Lied&lt;/a&gt;.) Trotz gelegentlich divergierender Meinungen, nicht erhaltener Antworten (beide Seiten mahnen manchmal Auskünfte oder Festlegungen an, derer sich der jeweils andere nonchalant widersetzte) oder anderer Empfindlichkeiten. So moniert Kolleritsch einmal, dass Handke während eines Spaziergangs ein Notizbuch zückt und etwas zu schreiben beginnt. Handke beschwichtigte, er soll es nicht so wichtig nehmen  um dann ein Jahr später diesen &quot;Vorfalls&quot; wieder aufzunehmen: &lt;i&gt;Ich werde wohl nicht &apos;in der Arbeit&apos; sein, wie beim letzten Mal, wo Du, Anfang Dezember, beleidigt warst von meinem Abdriften zum Notizbuch, als wir in den Wäldern gingen&lt;/i&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verlag versichert, dass nichts gestrichen wurde und keine &quot;Rücksichten&quot; hinsichtlich despektierlicher Äusserungen anderen Personen gegenüber genommen wurden. Obwohl Invektiven nicht vorkommen, intime Details der beiden Briefschreiber eher selten berichtet werden (&lt;i&gt;Ich lebe recht für mich im Moment, ohne Vögeln, und warte auf die Frau meines Lebens&lt;/i&gt; - Handke 1976) und Klatschgeschichten sind eher rar (gut so). Dass Handke seine Frau Libgart mal als &lt;i&gt;faul&lt;/i&gt; betitelt (sie sortiert Kolleritschs Briefe, den Handke mit &lt;i&gt;Fredy&lt;/i&gt; anredet unter &quot;Freddy Quinn&quot;) oder Marcel Reich-Ranicki einmal als &lt;i&gt;gemeindumme[s] Monster von Frankfurt&lt;/i&gt;, einige andere Literaturkritiker als &lt;i&gt;eine Horde von Gesindel&lt;/i&gt; bezeichnet oder in Grass&apos; Buch &lt;i&gt;keinen Moment der Wahrheit&lt;/i&gt; entdeckt - das sind schon fast die deftigsten Sentenzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch bietet einige Miniaturen zur zeitgenössischen Literatur bzw. Literaten aber nur selten tiefe Einblicke in den &quot;Betrieb&quot;. Gleich am Anfang eine Überraschung, denn Peymanns Inszenierung der &quot;Publikumsbeschimpfung&quot; (1968) findet Handke &lt;i&gt;ganz schlecht&lt;/i&gt;. Bisweilen wirkt er auch ein bisschen hilflos, etwa wenn er Besuch von seinem damaligen Übersetzer hat: Michael &lt;i&gt;Roloff ist im Moment in Paris und trägt einen wildledernen Hut mit einer langen Fasanenfeder daran. Er isst Austern schon zum Frühstück und ist freundlich und auf eine manchmal wohltuende Weise langweilig.&lt;/i&gt; Einfühlsames zu Karin Struck (deren Literatur ihm nicht zusagt, aber ihren Furor respektierte er). Reserviert Handkes Urteil über Gerhard Roth, den er einer zu grosser Routine bezichtigt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kolleritschs Kritik an John Bergers zweitem Erzählband (&lt;i&gt;stilisiertnicht vom Leben durchdrungen, sondern nach einer Ideologie gearbeitet&lt;/i&gt;) setzt Handke überraschend wenig entgegen und über den Thomas Bernhard von 1985 gibt es von Kolleritsch die Einschätzung, es handele sich um einen &lt;i&gt;Zitatenschatz der Negation, der den letzten Ernst, die letzte Literatur + Sehnsucht danach, verdampft.&lt;/i&gt; Jahre vorher schon Handke (in anderem Bezug, aber durchaus treffend): &lt;i&gt;Elend macht einen der Unernst.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt sehr schöne Stellen, ja ergreifendes, etwa wenn Handke von Kolleritschs Mutter, von der er so ehrfurchtsvoll spricht, ihrem Garten und den Tomaten und diesem Ort Brunnsee (Kolleritschs Geburtsort) schwärmt. Brunnsee wird für beide zum fast mythischen Sehnsuchts- und Freundschaftsort. Und Kolleritschs Bemerkungen, Einwürfe und Reflexionen zu Handkes Büchern sind, obwohl ausnahmslos positiv nie devot, sondern höchst anregend und von stupender Analysekraft  - übrigens auch, was die Rezeption durch die Literaturkritik angeht. Das alleine lohnt die Lektüre. 

&lt;hr /&gt;

&lt;small&gt;Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;
&lt;hr /&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Peter+Handke&quot;&gt;Peter Handke&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-19T13:50:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851393/">
    <title>Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851393/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Jonathan Littell  Die Wohlgesinnten&quot; height=&quot;308&quot; alt=&quot;Jonathan Littell  Die Wohlgesinnten&quot; width=&quot;200&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Jonathan-Littell-Die-Wohlgesinnten.jpg&quot; /&gt;&lt;b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;big&gt;I. Mockumentary&lt;/big&gt;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;big&gt;&lt;a href=&quot;#Kapitel II&quot;&gt;II. Ernst Nolte als Spiritus rector &lt;/a&gt;&lt;/big&gt;&lt;br /&gt;
&lt;big&gt;&lt;a href=&quot;#Kapitel III&quot;&gt;III. Die Buchversteher&lt;/a&gt;&lt;/big&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Buch mit einem geradezu kathedralen Überbau: &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/littell/&quot;&gt;&quot;Reading-Room&quot; der FAZ&lt;/a&gt; (ein hässlicher Anglizismus -  dennoch: hörenswert das Lesen von Christian Berkel), Marginalienband mit Interviews, Graphiken und textinterpretatorischem Rüstzeug, &lt;a href=&quot;http://www.diewohlgesinnten.de/&quot;&gt;eigene Webseite&lt;/a&gt; (noch ausführlichere Dokumente als im Marginalienband), und fast jedes Feuilleton äussert sich. Und wenn man das Buch mit seinen fast 1.400 Seiten vor sich liegen hat und in den Händen wiegt, dann fragt man sich, ob die Erwartungen ob dieses Monumentalismus überhaupt eingelöst werden können. Oder ob da nicht ein Autor Opfer seiner eigenen Hybris wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Die Wohlgesinnten&quot; sind die fiktiven Memoiren von Dr. Maximillian Aue, Jahrgang 1913, deutsch-französischer Herkunft, promovierter Jurist und am Ende, 1945, SS-Obersturmbannführer. Aue ist Ich-Erzähler, was als &quot;neu&quot; in Bezug auf die &quot;Täterperspektive&quot; hingestellt wird. Das stimmt in dieser Absolutheit natürlich nicht und wird nicht besser, in dem man es dauernd wiederholt. Jeder zweite Krimi schiebt heutzutage den Täter und dessen Motivation in den Vordergrund  meist als Brechung zum Alltag des Kommissars. Hinsichtlich der Shoa stimmt das auch nicht. Man kann nicht so tun, als sei die &quot;Sprache der Täter&quot; zu erfinden. Es gibt sie längst  sowohl im Original, als auch in zahlreichen Fiktionen, die längst in die Weltliteratur und -dramatik eingeflossen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch im anspruchsvollen Kino hat man in den letzten Jahren die Tätersprache als radikale Darstellungsmöglichkeit &quot;entdeckt&quot;. Erinnert sei nur an Lutz Hachmeisters &quot;Goebbels-Experiment&quot; und Romuald Karmakars &quot;Himmler Projekt&quot;. Beide Filme bedingen allerdings mehr als nur residuale historische Kenntnisse beim Zuseher (was als Problem auch für die &quot;Tätersprache&quot; in literarischen Werken gilt).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Schriftsteller, der eine Figur wie Aue konstruiert, geht ein grosses Risiko ein: Führt nicht irgendwann die statische Erzählperspektive zu einer zu starken Identifikation? Ist das Wechselspiel beim Leser zwischen Reflexion und Identifikation gar intendiert? Oder tritt das Gegenteil ein und der Leser ekelt sich vor der Brutalität und Empathielosigkeit der Figur und liest irgendwann nicht mehr weiter? Stumpfen sie den Leser gar ab? Oder entsteht eher eine Art Sog des Weiterlesens?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell erzählt (abgesehen vom Eingangskapitel) sehr konventionell; chronologisch. Es gibt gelegentlich Rückblenden Aues auf seine Kinder- und Jugendzeit, die als Epiphanien daherkommen. Als er beispielsweise vom Schreien eines russischen Soldaten berichtet, der mit einem Bauchschuss getroffen nach seiner Mutter brüllt, phantasiert er seinen Hass auf seine Mutter (und seinen Stiefvater) herbei, stösst Beschimpfungen über die Anmassung aus, überhaupt geboren zu sein (von fern winkt Littell  und nicht nur hier! - mit dem Zaunpfahl des Existenzialismus [offensichtlich will er Parallelen zwischen Existenzialismus und Nationalsozialismus aufzeigen]) und erinnert sich daran, auf das einzige Mutterbild als Jüngling ejakuliert zu haben bzw. seine Freunde angeleitet zu haben, hierauf zu ejakulieren. Oder die ständigen, wohligen, immer erotisch gefärbten Kindheitserinnerungen über die gemeinsamen Unternehmungen mit seiner so verehrten Zwillingsschwester.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Banalität des Beschreibens&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber halt. Oben steht, Littell erzähle. Littells Aue erzählt? Nein. Genau das macht er nicht. Und das ist das Kardinalproblem dieses Buches: Littell lässt Aue nicht erzählen, sondern berichten. Und das mit einer ermüdenden Detailversessenheit. Streckenweise liest sich das wie ein Zeugenbericht. Ein Zeugnis vor dem jüngsten Gericht des Lesers, der auch noch ab und zu angesprochen wird? Unter Weglassung jeglicher entlastender &quot;Beweise&quot;? Eine Feuerzangenbowle des Massenmordens? Nein, eher eine schier unendliche Suada der Banalität des Beschreibens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Mal wird diese Detaillastigkeit kurz durchbrochen. Einmal, als es um die &lt;a href=&quot;http://www.diewohlgesinnten.de/358.0.html?&amp;no_cache=1&quot;&gt;&quot;Posener Rede&quot;&lt;/a&gt; Himmlers geht, als plötzlich in langen Schachtelsätzen, fast ein bisschen hysterisch eine Rechtfertigung zu erkennen ist (weil Himmler hier unverschlüsselt von &quot;Vernichtung&quot; spricht und nicht mehr in Euphemismen redet) und einmal, Seite 1088, als Aue selber seiner &lt;i&gt;bürokratischer Einzelheiten&lt;/i&gt; überdrüssig geworden scheint und verspricht, dieses langweilige Datumschieben zu unterlassen  um dann in kurzer Zeit im normalen Duktus zurückzufallen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnlich wie Bret Easton Ellis&apos; Massenmörder Bateman immer die entsprechenden Markenartikel seinen jeweiligen Gesprächs-, Geschäfts- (und Sexual-) Partnern zuordnet (eine weitere Gemeinsamkeit liegt in beider obsessiver Faszination weiblicher Vaginae gegenüber  während Bateman die seiner Mordopfer im Kühlschrank stapelt, imaginiert Aue sie beim Anblick hilfloser Gefangener eines Konzentrationslagers oder der Frau des Lagerkommandanten), so beschreibt Aue die Personen, die er trifft physiognomisch genau, betitelt sie korrekt und rubriziert sie mit Dienstgrad und Dienststellung in die entsprechende Organisation, &lt;a href=&quot;http://www.diewohlgesinnten.de/361.0.html&quot;&gt;Rang und Verwaltungsebene&lt;/a&gt; ein. Zwar heisst es, dass ihm die ganzen &lt;i&gt;Rangordnungsrituale der SS&lt;/i&gt; suspekt seien, aber kurz vorher spricht Aue  wie selbstverständlich  vom &lt;i&gt;Prinzip der doppelten Unterordnung&lt;/i&gt;. Das Gespinst, welches sich da auftut, ist schwer zu entwirren, vermittelt jedoch durch die Bestimmtheit des Vortrags Authentizität. Derart eingestellt, wird der Leser zunächst einmal zwangsweise zum Kumpanen, der (mangels Gelegenheit) die Urteile und Einordnungen zunächst einmal übernimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Aue  ein multifunktionaler &quot;Zelig&quot;?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Problematisch wird dieses Vorgehen, wenn Aue auf Persönlichkeiten der Zeitgeschichte trifft, was sehr häufig geschieht, weil Aue auch fast überall &quot;embedded&quot; ist: Babi Jar; Kaukasus; Stalingrad; Berlin; Auschwitz; Mittelbau; Posener Rede  immer auf der Höhe des jeweiligen Massakers oder Ereignisses. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littells Verfahren geht auf Kosten der Hauptfigur Aue, die trotz ihrer Anlagen seltsam konturlos, ja blass bleibt. Klaus Theweleit, der das Buch vehement gegen Kritik in Schutz nimmt, sieht in dieser charakterologischen Verkümmerung der Figur einen Ausweis von &quot;Multifunktionalität&quot;. Für ihn ist es ein Kunstgriff Littells, der damit alle Facetten des Krieges und der Vernichtung aufzeigen will. Eine Charakterstudie, so unterstellt Theweleit, sei von Littell gar nicht intendiert worden. Er macht Aue damit zu einer Art Leonhart Zelig, jenem omnipräsenten, chamäleonhaften &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Mockumentary&quot;&gt;Mockumentary&lt;/a&gt;-Helden Woody Allens. Demzufolge wäre Aue eine Art &quot;Mann ohne Charakter&quot;  was er aber dezidiert genau nicht ist, denn Aues Privatleben &quot;erleben&quot; wir als Leser sehr wohl (und damit ist nicht nur seine Sexualität gemeint). Aue bekommt sehr wohl Eigenschaften zugewiesen, die ihn genau nicht zum bloss &lt;a href=&quot;http://www.glanzundelend.de/Artikel/littellpalm.htm&quot;&gt;&quot;simultanen Ort der Beobachtung&quot; (Goedart Palm)&lt;/a&gt; machen, sondern zum Menschen aus Fleisch und Blut (und Kot und Sperma).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ständig produziert das Buch dokumentarisch verbrämte historische &quot;Wahrheit&quot;. So trifft sich Aue mehrfach mit Himmler (&lt;i&gt;»mein Reichsführer«&lt;/i&gt;), verkehrt in der Familie von Adolf Eichmann, mit der französischen Rechten (Rebatet, Maurras, Brasillach), wird einige Zeit zum Verbündeten Speers  und beisst am Ende im Führerbunker bei einer Ordensverleihung Hitler in die Nase. Und auch die Gruppenführer, Standartenführer, Kommandanten und Adjutanten  alles Personen, die tatsächlich existiert haben: Blobel, Bierkamp, Brandt, Globocnik, Höß, Pohl, Rasch, Ohlendorf - und wie sie auch immer heissen (&lt;a href=&quot;http://www.diewohlgesinnten.de/389.0.html&quot;&gt;all diese Massenmörder fein säuberlich galeriert als Diashow&lt;/a&gt;) und denen Littell durch die Figur Aue Handlungen, Gefühlsregungen, Reden, Aktionen, Intrigen und Rechtfertigungen &quot;andichtet&quot;. Von den Hauptprotagonisten im Buch sind nur sein &quot;Freund&quot; Thomas Hauser (der Aue mindestens dreimal das Leben rettet und am Ende doch von ihm erschlagen wird, um dessen Papiere für eine neue Identität als französischer Fremdarbeiter zu erlangen) und die &quot;graue Eminenz&quot; Mandelbrod fiktive Figuren (abgesehen von Aues Familie). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wohl gemerkt: Littell legt hier historischen Figuren Sätze in den Mund, die sie zu der fiktiven Figur Aue gesagt haben und die mehr als ein Händeschütteln oder Armhochstrecken hinausgehen. Somit entsteht mindestens oberflächlich, aber auch suggestiv der Eindruck, dass die fiktiven Memoiren eben nicht fiktiv sind, sondern tatsächlich echte Sachverhalte und Dialoge wiedergeben. Littell macht sich nicht die Mühe der Verfremdung. Das bei solchen Büchern ansonsten übliche &quot;Wer ist wer&quot;-Ratespielchen entfällt. Warum macht er das? Die Gefahr ist gross, setzt er sich doch der Kritik von Historikern aus, die im ein oder anderen Fall Diskrepanzen zur zeitgeschichtlichen Figur erkennen mögen. Dass dies bislang nicht aufgetreten ist, mag mit der Kürze der Zeit, in der das Buch erst in deutscher Sprache vorliegt, zu erklären sein. Vielleicht hat Littell auch gut recherchiert (obwohl das nie ein Qualitätskriterium von Literatur ist). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All das geht leicht unter in diesem suggestiven Beschreibungsfuror, der die Probleme und Verstrickungen einer unmittelbaren hinter einer Front verlaufenden bürokratischen Administration zeigt, die sich einem perversen Ziel verschrieben hat und die durch die Aufsplitterung in unterschiedlichste Organisationen und Unterorganisationen in oft kurios anmutende Kompetenzprobleme kommt. Exemplarisch zeigt sich das Ende 1942 in der Frage, ob die kaukasischen Bergjuden als rassische Juden zu betrachten sind und entsprechend &quot;behandelt&quot; (ergo: vernichtet) werden sollen  oder ob sie, wie dies Vertreter der Wehrmacht verfechten, als ethnisch und rassisch eher der einheimischen kaukasischen, in viele Ethnien zerfallenden Bevölkerung zu betrachten sind und somit mit in eine integrative Besatzungspolitik eingebunden werden sollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf hunderten Seiten werden die Entscheidungsfindungsprozesse, die administrativen und institutionalisierten Akte hierzu aufgefächert- sowohl auf der Ebene der entsprechende Ämter und Behörden, als auch auf der privaten Ebene, in dem eine Freundschaft zwischen Aue und dem unkonventionellen Sprachforscher Voss ausgebreitet wird (der allerdings vor Beendigung des &quot;Entscheidungsprozesses&quot; ums Leben kommt). Littell gelingt es hier durchaus, den ganzen inhärenten Wahnsinn dieser Ideologie zu illustrieren. Sogar eine &quot;Expertin&quot; aus Berlin wird hinter die Front eingeflogen und &quot;forscht&quot; wochenlang (ihr Urteil stand allerdings schon vorher fest). Als Aue, der einer Intrige ausgesetzt ist (man streut das Gerücht einer homoerotischen Beziehung zu Voss  was nicht stimmt), in einem Vortrag auf einer zu diesem Thema einberufenen Konferenz sich dezidiert von den Thesen seines Vorgesetzen absetzt (der als SS-Kommandant natürlich auf Vernichtung plädiert  schon, um bessere Zahlen präsentieren zu können) und für eine andere Sichtweise eintritt, wird er von diesem in den Kessel von Stalingrad versetzt, was nach Lage der Dinge einem Todesurteil gleichkommt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der scheitelaugige Zyklop&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spätestens hier wird Aue zu einer Figur, mit der man wenigstens partiell Mitleid empfinden könnte. Littell  davon kann man ausgehen  provoziert dies natürlich, um den Leser vielleicht aus dem bequemen Sessel der Freund-Feind-Dichotomie aufzuscheuchen. Da aber retrospektiv erzählt wird, ist der Spannungsbogen nicht gegeben, d. h. es ist vorher klar, dass Aue überlebt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geradezu abenteuerlich allerdings wie dies geschieht: Er übersteht einen Kopfdurchschuss (der Leser bekommt zig Seiten wirrste Assoziationen vorgesetzt, ohne dies zunächst zu erfahren), wird von Thomas in eines der letzten Flugzeuge verbracht, die noch ausfliegen und er wacht mit einem zyklopischen &lt;i&gt;Scheitelauge&lt;/i&gt; im Kopf auf, einer &lt;i&gt;klaffenden Vagina&lt;/i&gt; gleich, welches ihm partiell synästhetische Eigenschaften verleiht (und gelegentlich in den Wahn zu treiben droht, etwa, als er Hitler mit Schläfenlocken und Rabbinerschal halluziniert), wird befördert, mit einem Orden behängt und nach der Rekonvaleszenz (die er in einem SS-Pflegeheim, in einem Berliner Hotel, in Paris und bei seiner Mutter verbringt) zeigt sich abermals eine einengende, stetig präsente und irgendwie allwissende Bürokratiemaschine. Aue versucht krampfhaft über sein Beziehungsgeflecht auf eine Position in Frankreich versetzt zu werden, wo er in keinem Fall mit der &quot;Judenfrage&quot; konfrontiert wird. Aber er scheitert in diesem &lt;i&gt;Dschungel[der] streng darwinistische[n] Prinzipien&lt;/i&gt;, der die Individualisierung derart negiert und fügt sich den in ihm gesetzten Erwartungen anderer  um der &quot;Karriere&quot; willen und wird in den Stab um Himmler versetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese bis zur Erschöpfung verwandte Beschreibungssprache  oberflächlich dem Protagonisten zuzuschreiben, aber letztlich von Littell initialisiert - kann mehrerlei  bedeuten: Zum einen soll uns damit etwas über die Persönlichkeit des Dr. Maximillian Aue mitgeteilt werden. Vielleicht sollen wir glauben, es handele sich um einen pedantischen, ein wenig elitären, arroganten SS-Parvenue, der  wie so viele andere  seine Einsätze als &lt;i&gt;Sprungbrett&lt;/i&gt; begreift, um in der Zeit nach dem Krieg mit entsprechender Reputation dazustehen. Die Bürokratie im Nacken spürend, fügt man sich in den unangenehmen Dingen, um der &quot;grossen Sache&quot; zu dienen und zum Sieg zu verhelfen. Aue wäre demnach ein mehr oder weniger angepasster Opportunist -  was nicht ganz stimmt, da er mindestens zwei Mal keine &quot;Gefälligkeitsberichte&quot; schreibt, die Thesen enthalten, die man an gehobener Stelle lesen will, sondern ein autarkes Urteil zeigen (später versteht er auch das besser). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum anderen könnte es sich aber um einen Effekt Littels handeln, mit der das Grauen, welches uns durch die Person Aue suggeriert werden soll, noch zu verstärken. Dieser &quot;Verstärker&quot; wäre demnach die von fast jeglicher Empathie befreite, kalte Sprache (die allerdings vor der eigenen Larmoyanz in Stalingrad nicht besteht, als er in Tränen ausbricht ob seiner schier ausweglosen Situation). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzeichen für diese Funktion gibt es insbesondere auf den ersten rund 200 Seiten. Aue ist in der Ukraine stationiert und mit Logistik und Berichtswesen über die planmässige (und &quot;logistisch&quot; nicht ganz einfache) Vernichtung von Juden beschäftigt. Dieses Massaker wird später als das von &lt;a href=&quot;http://www.h-ref.de/krieg/sowjetunion/babi-jar/babi-jar.php&quot;&gt;&quot;Babi Jar&quot;&lt;/a&gt; in die Geschichte eingehen. Eine Szene ist hier symptomatisch. Als er einem Exekutionskommando befohlen ist   längst werden auch Frauen und Kinder hingerichtet  kommt aus dem Pulk ein kleines Mädchen auf ihn zugelaufen und sucht seinen Schutz. Aue beruhigt das Mädchen, streichelt es sogar, reicht es aber schliesslich einem SS-Mann mit den Worten &lt;i&gt;»Seien sie lieb zu ihr.«&lt;/i&gt; weiter. Aue bekommt darauf hin eine &lt;i&gt;schreckliche Wut im Bauch&lt;/i&gt;, entfernt sich vom Ort des Grauens, geht in den Wald  und beginnt dort die erotischen Walderlebnisse einer Kindheit zu imaginieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder der ukrainisch-jüdische Junge, der so grossartig göttlich Klavier spielt. Wir hatten vorher erfahren, dass Aue als Kind das Klavierspielen nach anfänglichem Eifer aus Faulheit schnell aufgegeben hatte. Der Junge wird nun zur Projektionsfigur Aues und für eine kurze Strecke im Roman so etwas wie Aues Echo (Nepomuk Schneidewein). Und als dem Jungen eines Tages bei einem Unfall eine Hand zerquetscht wird und damit schlagartig &lt;i&gt;»vollkommen unnütz«&lt;/i&gt; geworden war, da er für die Klavieruntermalung in der Offiziersmesse nicht mehr eingesetzt werden kann, wird er sofort ermordet und die von Aue angeforderten Partituren seiner Lieblingskomponisten kommen zu spät (und der Schmerz um die verpasste Gelegenheit [sic!] ist schon da). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Erzählungsimpotenz&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide Szenen machen sich in der (sicherlich unausweichlichen) Verfilmung bestimmt gut. Man kann sich den bebenden Aue (Brad Pitt?) vorstellen, der wegschauen will, es vor lauter &lt;i&gt;grausiger Faszination&lt;/i&gt; aber nicht kann, während die Geigen zum grossen Todesrequiem aufspielen. Aber selbst in diesen doch eigentlichen bewegenden Szenen versagt die Sprache. So spricht vieles für die These einer virulenten Erzählungsimpotenz Littells. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Sprache ist dem Gegenstand nicht gewachsen. Sie ist schlecht. Eine derart beschreibende Sprache muss schneidend sein, messerscharf und darf nicht am Ende die Episoden des Rauchens mit denen als Notschütze im Exekutionsgraben gleichsetzen. Littells Sprache ist &quot;nur&quot; cool. Es ist nicht die Sprache Aues, die da vorgeschoben werden kann (jeder Autor bleibt für die Sprache seiner Protagonisten &quot;verantwortlich&quot;)  es ist das sprachliche Unvermögen des Autors, welches ein herausragendes literarisches Werk verhindert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deutlich sichtbar wird dies, weil sich Littell nicht auf die Darstellung  die Erzählung!  des &quot;Monsters&quot; beschränkt, der  natürlich  durch seine Intelligenz und Eloquenz (die sich oft genug als banale Geschwätzigkeit entpuppt) einerseits an Schrecken verliert, andererseits jedoch  ein bekanntes Muster  durch diese Verschlagenheit noch dämonischer wirken soll. Aber dieser Dämonie vertraut der Autor nicht. Die &quot;Banalität des Bösen&quot;, wie sie sich &quot;zeigen&quot; könnte, reicht ihm nicht aus, da hat &lt;a href=&quot;http://www.glanzundelend.de/Artikel/littlleborn.htm&quot;&gt;Marcus Born vollkommen recht&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aue wird aufgepeppt. Und so wird aus ihm ein Homosexueller (inklusive ausschweifender Schilderungen und einem Loblied auf den männlichen Analverkehr), der nur eine Frau geliebt hat in seinem Leben  seine Zwillingsschwester Una, die er seit Kindertagen inzestuös begehrt (und diesen Inzest mindestens einmal vollzogen hat). Und letztlich ist es die Homosexualität Aues, die ihn in den SD und die SS treibt  er wird 1937 bei einer Streife festgenommen und entkommt nur knapp der Anklage als &quot;Hundertfünfundsiebziger&quot;. Im Verhör wird er (von Thomas Hauser, seinem späteren &quot;Freund&quot;)  ja, was? erpresst? genötigt?  und die &quot;Karriere&quot; ist vorgezeichnet.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch die Sexualität Aues sprachlich zu orchestrieren, scheitert. Die Orgasmen, die er sich von bereitwilligen Männern (meist Kellnern), besorgen lässt, kommen über die Beschreibung als &lt;i&gt;Kugel aus weissem Licht&lt;/i&gt; kaum heraus. Einmal zertrümmert er dabei noch sein Spiegelbild, als sich plötzlich das Bild seiner Mutter über sein Gesicht schiebt. Das Vokabular ist bei aller Lust an der Ausschweifung arg dünn. Unas Brüste sind immer &lt;i&gt;schwer&lt;/i&gt;, sein Penis ist entweder &lt;i&gt;Geschlecht&lt;/i&gt; oder &lt;i&gt;Schwanz&lt;/i&gt; und das Sperma tritt meist in &lt;i&gt;Fontänen&lt;/i&gt; aus.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gipfel der Sprachfolter zeigt sich in dem von vielen Kritikern (und dem Autor selber) als Nukleus bezeichneten Kapitel gegen Ende des Buches, als Aue das Haus seiner Schwester (und ihres Mannes) besucht, beide jedoch nicht antrifft und sich dort einige Wochen häuslich einrichtet, obwohl immer mit einem Einmarsch der &quot;Russen&quot; zu rechnen ist. Aue verfällt dort in einen phantasmagorischen Sexual- und Masturbationsrausch, der dem Leser über mehr als 60 Seiten zugemutet wird, in dem er unzählige Male seine (abwesende) Schwester beschläft, ihre Vulva untersucht, nebenbei philosophische Gespräche führt und seine koprophilen Neigungen auslebt. Orgiastischer Höhepunkt ist dann der Verkehr mit einem Baumstumpf, den er entsprechend präpariert, damit sein Anus penetriert werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die polymorph-perverse Sexualität Aues (deren Kenntnis dem Leser einen Wissensvorteil gibt, wenn Aue mit den Granden der SS parliert), die fiktiven Dialoge mit Persönlichkeiten der Zeitgeschichte und der unklare Tod seiner Mutter und des Stiefvaters während seines Besuches (Aue vermag sich an nichts mehr zu erinnern  er hat im Delirium die beiden ermordet und wird dafür bis zum Ende von zwei Polizisten  den &quot;Wohlgesinnten&quot; - verfolgt) - all dies ist aufgepfropft. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch Aues psychosomatisches Vomieren (in Stalingrad wird daraus vorübergehend ein exzessiver Durchfall), welches einen weichen Kern unter der harten Schale suggerieren soll: Zeigt sich nicht gerade darin, dass Aue die Exekutionen, diese Bilder der mitleidlosen Vernichtung menschlichen Lebens, die er dem Leser im Kamingeplauder zumutet, als zwar als &lt;i&gt;Unglück&lt;/i&gt;, aber &lt;i&gt;notwendig&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;unvermeindlich&lt;/i&gt; einstuft eben doch nicht so &quot;glatt&quot; verarbeitet? Hiermit soll der Figur offensichtlich der dringend fehlende doppelte Boden eingezogen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das Buch fällt auseinander. Denn entweder wir haben einen bemitleidenswerten Protagonisten, der mehr oder weniger Getriebener einer Bürokratie ist oder wir haben den kalten Dämon, der aus Überzeugung und ohne Reue handelt  oder den perversen Lüstling, der seinen Dienst als Mittel zum Zweck einer Karriere nach dem Krieg betrachtet. Aber Littell kann sich nicht entscheiden. Er will alles  vielleicht sogar noch einen multifunktionalen Mann ohne Eigenschaften. Und er scheitert, weil inmitten dieses Authentizitätsberges diese Figur nicht zur Entfaltung kommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a name=&quot;Kapitel II&quot;&gt;&lt;big&gt;II. Ernst Nolte als Spiritus rector&lt;/big&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littells Dr. Maximillian Aue ist noch in anderer Hinsicht eine  freundlich ausgedrückt - ambivalente Figur: Durch Ausschnitte und Wortgeplänkel aus den weltanschaulichen Salons des Nationalsozialismus wird insinuiert, dass es so etwas wie einen &quot;guten Nationalsozialismus&quot; gegeben habe. Aue wird zu seinem Prototypen; desjenigen, der einer intellektuell untermauerten Ideologie anhing (Aues grösstes Kompliment für den anderen ist, dass er ein wirklicher Nationalsozialist sei), die leider nur um die Komponente des rassischen Wahnsinns diskreditiert. Diese Deutung bietet sich unter anderem in der Wiedergabe eines Gespräches in Stalingrad an, welches Aue mit einem hohen sowjetischen Politkommissar führt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kommissar macht eloquent die Parallelen zwischen dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus aus: &lt;i&gt;»Im Endeffekt sind unsere beiden Systeme gar nicht so verschieden [] Wo der Kommunismus nach der klassenlosen Gesellschaft strebt, predigt ihr die Volksgemeinschaft, was im Grunde genau das Gleiche ist, nur auf eure Grenzen beschränkt. Wo Marx im Proletariat den Träger der Wahrheit erblickt, ist für euch die sogenannte deutsche Rasse die proletarische Rasse, die Verkörperung des Guten und der Moral; infolgedessen habt ihr den Klassenkampf durch den proletarischen Kampf Deutschlands gegen die kapitalistischen Staaten ersetzt. Auch wirtschaftlich sind eure Ideen nur ein verzerrter Abklatsch unserer WerteWo Marx seine Werttheorie auf die Arbeit gründete, hat euer Hitler erklärt, dass die deutsche Mark, obwohl nicht goldgedeckt, mehr als Gold wert seiSo ist das Geld für euch zum Fetisch geworden, der die Produktionskapazität eures Landes repräsentiert  eine vollkommene VerirrungEure Verantwortlichen predigen nach wie vor das freie Unternehmertum, doch eure Industrien sind alle einem strikten Plan unterworfen und ihre Gewinne auf sechs Prozent beschränkt, den Rest eignet sich der Staat zusätzlich zur Produktion an.«&lt;/i&gt; Die einzige Ausnahme, so der Kommissar, sei die &lt;i&gt;»Ersetzung der Klasse durch die Rasse, die zu eurem proletarischen Rassismus führt«&lt;/i&gt;, was ein &lt;i&gt;kompletter Unsinn&lt;/i&gt; sei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das grundsätzlich Gemeinsame beider &quot;Weltanschauungen&quot;: &lt;i&gt;»Sie sind beide im Wesentlichen deterministisch; zwar rassischer Determinismus bei euch, wirtschaftlicher Determinismus bei uns, aber eben doch Determinismus. Beide glauben wir, dass der Mensch sein Schicksal nicht frei wählt, sondern dass es ihm von der Natur oder der Geschichte auferlegt wird. Und beide schliessen wir daraus, dass es objektive Feinde gibt, dass bestimmte Kategorien von Menschen legitimerweise beseitigt werden können und müssen, nicht aufgrund dessen, was sie tun oder sogar denken, sondern aufgrund dessen, was sie sind. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns nur durch die Definition der Kategorien: Für euch sind es die Juden, die Zigeuner, die Polen und, wenn ich mich nicht täusche, sogar die Geisteskranken; für uns die Kulaken, die Bourgeois, die Parteiabweichler. Im Grunde ist es ein und dasselbe; beide lehnen wir den Homo oeconomicus der Kapitalisten ab  den egoistischen, individualistischen Menschen, der in seiner Illusion von Freiheit gefangen ist - und propagieren stattdessen den Homo faber: den Menschen, den es zu machen gilt, denn der kommunistische Mensch muss noch geschaffen und erzogen werden, genau wie euer vollkommener Nationalsozialist. Und dieser zu schaffende Mensch rechtfertigt die unbarmherzige Liquidation all derer, die unerziehbar sind«&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aue ist angetan von dieser Argumentation. Im Stillen bewundert er tatsächlich den Bolschewismus für sein kompromissloses Durchgreifen gegenüber Abtrünnigen. Auch die Formulierung, dass der &lt;i&gt;Nationalsozialismus eine Häresie des Marxismus&lt;/i&gt; sei, stösst bei Aue auf Interesse. Der Unterschied zwischen den beiden Parteien wird heruntergebrochen auf die Feststellung, dass der Bolschewismus &lt;i&gt;»das Wohl der gesamten Menschheit will«&lt;/i&gt;, während der Nationalsozialismus &lt;i&gt;»egoistisch ist, nur das Wohl der Deutschen will.«&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Wortgeklingel in den Stalingrad-Ruinen (der Kommissar wird nach diesem Gespräch wieder &quot;entfernt&quot;  und jedem ist klar, was mit ihm geschieht), ist mehr als nur eine Episode. Mit den Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus legt Littell einem sowjetischen Politkommissar &lt;a href=&quot;http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/NeueHerausforderungen_redeNolte1986/index.html&quot;&gt;die These Ernst Noltes von 1986&lt;/a&gt; fast in den Mund: &quot;War nicht der &apos;Klassenmord&apos; der Bolschewiki das logische und faktische Prius des &apos;Rassenmords&apos; der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den &apos;Rattenkäfig&apos; nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?&quot; Aus diesem Text ergab sich seinerzeit der sogenannte Historikerstreit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Geschichtsklitterungen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell restauriert hier eine Art von Nachkriegstrostparadigma der &quot;getäuschten&quot; Generation(en), dass nicht alles so schlecht gewesen sei und nur das exzessive Beharren in der &quot;Judenfrage&quot; der Fehler, eine Art Ausrutscher gewesen sei. Auschwitz nur eine Reaktion auf die Gulags (Noltes Obsession, wie Götz Aly bemerkte). Und auch wenn es sich um einen Roman handelt: Das ist eine brandgefährliche Position, zumal sie ohne Brechung  auch im weiteren Verlauf des Buches  virulent bleibt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch vor einer Geschichtsfälschung macht Littell nicht Halt: Die &quot;graue Eminenz&quot; hinter all den Dingen, eine Art Rollstuhlbuddha mit Katzen und blonden Assistentinnen, die sich SS-Offizieren auch schon einmal gerne anbieten, jener Dr. Mandelbrod und sein Assistent Leland (beide Ende April 1945 bereit, ihre Dienste an Stalin anzudienen)  nicht das diese Kunstfiguren immer wieder eingeschoben werden ist das Arge. Nein, das hier suggeriert wird, dass hinter Hitler und Himmler &quot;dunkle Mächte&quot; (auch noch mit einem jüdischen Namen [hierauf gehen Aue/Littell allerdings ein]) stehen, unterstützt es doch eine später oft vernommene Verschwörungstheorie, dass Hitler eben selbst getäuscht geworden sei oder nicht anders gekonnt habe. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Aue dann ab Mitte 1943 in den Stab Himmlers kommt und in einer Zwitterposition zwischen SS und Speers Ministerium die Häftlinge vermehrt in die Industrie einbinden möchte um den Frontlinien &quot;Nachschub&quot; aus der Heimat zu verschaffen und sich daher für bessere Lagerbedingungen, mehr Verpflegung und vernünftige Behandlung der Häftlinge einsetzen soll, zeigt sich einerseits die Verbohrtheit und Statik einer Bürokratie, die irgendwann nur um ihrer selbst willen zu existieren scheint, andererseits aber die inzwischen zum Dogma mutierte rassenideologische Durchdringung der entsprechenden Entscheidungsträger, die einzig in der Vernichtung dieser Menschen ihre Aufgabe sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Aue diesbezüglich nicht zu sehr als Lichtgestalt erscheinen zu lassen, werden ihm diese sexuellen Perversionen oktroyiert, die  damit die Literaturexegese was zum Entdecken hat  mit allen möglichen Allegorien garniert werden (von de Sade über Bataille bis Houellebecq). So wird Reflexion über und Identifikation mit der Figur verhindert. Aber, und da hat &lt;a href=&quot;http://www.glanzundelend.de/Artikel/littlleborn.htm&quot;&gt;Marcus Born abermals den richtigen Punkt benannt&lt;/a&gt;, die Möglichkeit einer Identifikation wäre notwendig gewesen, um die eingangs so grossmaulig aufgeworfene Behauptung Aues (die auch Littells Doktrin sein dürfte), jeder hätte es ihm gleichgetan, für sich beantworten zu können (übrigens auch keine unbedingt innovative These). Die Distanzierung, die beim Leser einsetzt, verhindert diese Auseinandersetzung und macht es leicht, sich diesen Kerl vom Leib zu halten (und Neurechten erleichtert es, die Ideologie des Nationalsozialismus zu &quot;retten&quot;).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dr. Maximillian Aue weiss natürlich um sein Handeln  um nicht &quot;Schuld&quot; zu sagen. Er ist intelligent. Er ist belesen. Er formuliert Kants kategorischen Imperativ zum &quot;Führer-Imperativ&quot; um. Er verehrt Ernst Jünger (der einen Cameoauftritt hat). All das wirft Littell in die Waagschale. Und Aue ist  auch das wird dem Leser schon auf den ersten Seiten mitgeteilt  ohne Reue. &quot;Reue ist etwas für kleine Kinder&quot;, sagte Eichmann in Jerusalem. Ohne Reue bedeutet hier aber auch: ohne Rechtfertigung. Aue sieht sich spezifisch nicht als ein Rädchen im Getriebe. Seine Herangehensweise  und auch die vieler, die in diesem Buch beschrieben werden  ist die einer (pervertierten) Form von &quot;Pflichterfüllung&quot;; von &lt;i&gt;Notwendigkeit&lt;/i&gt; (diese Vokabel fällt immer wieder fallbeilartig). Aue ist  das ist folgerichtig  überzeugt von der &quot;Kollektivschuld&quot; der Deutschen am Geschehenen. Für ihn ist der &quot;Führer&quot; letztlich der Vollstrecker des Volkswillens. Somit ist am Ende jeder schuldig, da auch in seinem Namen agiert wurde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Littell paraphrasiert Hilberg. &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littells Aue hängt dem Lager der funktionalistischen Geschichtsschreibung der Historiker an, die besagt, die Judenvernichtung sei sozusagen &quot;ein unglaubliches Zusammentreffen der Absichten, ein übereinstimmendes Gedankenlesen einer weit ausgreifenden Bürokratie&quot; (Raul Hilberg) gewesen und nicht einem vorher gefertigten Plan entsprungen. Es sei, so Aue, ein &lt;i&gt;grotesker Irrtum&lt;/i&gt;, alle &lt;i&gt;unsere Fehler nur dem Antisemitismus&lt;/i&gt; anzulasten, was er mit der parallelen Vernichtung beispielsweise von Geisteskranken, &quot;Zigeunern&quot; und &lt;i&gt;Millionen von Russen und Polen&lt;/i&gt; begründet. Littell übernimmt hier fast ohne Veränderung Hilbergs These, was er im &lt;a href=&quot;http://www.diewohlgesinnten.de/374.0.html&quot;&gt;Gespräch Pierre Nora&lt;/a&gt; bestätigt (ein Dokument geradezu abstossender Liebedienerei, in dem Nora, der immerhin als Historiker geführt wird, auf die vollkommen abwegige Idee kommt, Littell sympathisiere mit Goldhagens These des &quot;eliminatorischen Antisemitismus&quot;, was exakt das Gegenteil dessen ist, was Littell beabsichtigt). Die intentionale Geschichtschreibung, die sich unter anderem auf Hitlers &quot;Mein Kampf&quot; bezieht, und einen grösser angelegten Plan sieht, kommt nicht vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungelöst (weil ungestellt) bleibt die Frage, warum ein Schriftsteller, der sich ja primär fiktional am Gegenstand &quot;abarbeitet&quot;, überhaupt die eine oder andere These vertreten soll.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Westentaschenpsychologisierend fügt Littell noch einige zusätzliche Interpretationskrücken hinzu. Die Deutschen hätten, so ein Gedanke Aues, die Juden aus einer Art Selbsthass ermordet  sie seien ihnen inzwischen viel zu ähnlich geworden; alle den Juden zugeschriebenen negativen Eigenschaften habe man inzwischen mehr oder weniger perfekt übernommen und sei inzwischen kaum noch zu unterscheiden. Aber, so die Aussage, man hasse &lt;i&gt;natürlich nichts so sehr wie das, was [einem] am meisten gleicht&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ein andermal glaubt Aue, es sei eine rein technische &quot;Aktion&quot; gewesen, was dort geschehen sei  man habe einfach eine Aufgabe gesucht und die Judenvernichtung sei eben eine solche gewesen. Der Autor scheint letzterer These, die eine rohe Prolongation von Raul Hilbergs Quintessenz ist, selber anzuhängen  in Interviews (die nicht dem Buch angelastet werden dürfen) spricht er gar davon, den Holocaust &quot;dejudaisieren&quot; zu wollen  was in Verbindung mit obiger Aussage nichts anderes wäre, als die Millionen Toten zu Kollateralschäden gelangweilter Bürokraten zu erklären. Nicht nur deshalb hat &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Welzer?page=all&quot;&gt;Harald Welzer recht&lt;/a&gt;, wenn er meint, dieses Buch erklimme eine neue &quot;Eskalationsstufe der Nazi-Faszination&quot;. Und &quot;nichts, was in diesem Buch steht&quot;, so Welzer, &quot;bringt irgendetwas Neues, inhaltlich wie ästhetisch.&quot; Ja, wie sollte es auch irgendetwas Neues bringen? Nur, weil clevere Werbestrategen und sich dienstbeflissen zeigende Literaturkritiker (und ein gross irrender Jorge Semprún  ein Hoch auf ihn!) Littell zum Deus ex machina deklarieren? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a name=&quot;Kapitel III&quot;&gt;&lt;big&gt; III. Die Buchversteher &lt;/big&gt;&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit wir bei der Rezeption angekommen sind. Die Heftigkeit der feuilletonistischen Diskussionen verwundern nicht. Die scharfen Kritiker des Buches werden einer &lt;a href=&quot;http://www.glanzundelend.de/Artikel/littellpalm.htm&quot;&gt;&quot;idiosynkratische(n) Literaturkritik&quot;&lt;/a&gt; zugeordnet, die den &quot;den pittoresken Glanz&quot; als &quot;ästhetisches Apriori benötigt, weil anders diese Welt nicht sein darf&quot; und &quot;im Widerstand gegen dieses Werk auf die Aporien und Vorurteile ihrer eigenen Disziplin&quot; stösst (Goedart Palm). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gedanke, dass man den Gegenstand der Kritik aufgrund der Tatsache, dass man dessen Ästhetik nicht wahrhaben wolle, ablehne, wird nicht belegt. Er ist auch unzutreffend, genau so, als würde man behaupten, die perverse Sexualität Aues sei die des Autors selber. Dabei spielt es übrigens auch keine Rolle, mit welchen Vorschusslorbeeren oder Werbeaussagen das Buch bedacht wurde (auch nicht von wem). Dass das Buch voreilig und grossmaulig als &quot;Jahrhundertroman&quot; apostrophiert wurde, darf bei der nüchternen Beurteilung keine Rolle spielen.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Scheitern dieses Buches liegt demzufolge nicht darin, dass eine bestimmte Erwartungshaltung nicht eingelöst werden konnte. Die Argumente, warum &quot;Die Wohlgesinnten&quot; missraten sind, wurden vorgebracht. Sie finden sich innerhalb des Buches und nicht ausserhalb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Littell hat genügend Potemkinsche Pappkulissen für Germanisten und Romanisten und Kaffeesatzdeuter aufgebaut. Wer die Besprechung im Literaturclub des Schweizer Fernsehens gesehen hat, weiss, was gemeint ist. Corina Carduff und insbesondere Stefan Zweifel hoben mit dem Besteckkasten ihrer literatur- und kulturhistorischen Deutungsmaschinerie zur grossen Verteidigungsrede aus  die jedoch meistens darin gipfelte, den Kritikern mangelndes Verständnis zu attestieren. (&lt;a href=&quot;http://dasmagazin.ch/index.php/%c2%abjeder-ist-ein-deutscher%c2%bb/&quot;&gt;Zweifels unkritische Besprechung&lt;/a&gt; spricht sogar vom &quot;Tabubruch&quot;  die übliche letzte Zuflucht, wenn das argumentative Kaminfeuer längst ausgegangen ist.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In feierlich-frömmelndem Ton wurden Parallelen zu Aischylos und der Elektra-Tragödie konstruiert, Aue flugs zum &quot;mythologischen Helden&quot; gemacht, gleichzeitig natürlich die bereits erwähnten &quot;Diskurse&quot; um Bataille und de Sade bemüht (sie hatten in der Eile Genet vergessen). Stefan Zweifel verstieg sich gar zu der Mutmassung, Max Aue und Thomas Hauser seien vielleicht aus der tatsächlichen Figur Max Thomas destilliert  ohne vermutlich einmal nachzuschlagen, dass diese Figur rein gar nichts historisches mit den beiden fiktiven Figuren mehr gemein hätte. Und schon in den beiden Anfangssätzen sieht Zweifel Verweise auf François Villon und  natürlich  Céline. Nur: Was nutzt das? Wie unwichtig, unbedeutend und lächerlich ist ein Buch, in dem fast jeder Satz nur durch kontextuelle Verweise auf andere literarische Werke seine Bedeutung bekommt und eine Art eklektizistisches Mosaik darstellt? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Theweleit, der Musterschüler&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Iris Radisch war in der Fernsehsendung sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch?page=all&quot;&gt;Ihre Besprechung in der &quot;ZEIT&quot;&lt;/a&gt; hatte eine grosse Diskussion ausgelöst. Die dort geäusserte brachiale Ablehnung veranlasste Klaus Theweleit zu suggerieren, die negative Haltung beruhe auf einer Art Kränkung, der man anders nicht gerecht werden könne. Daher die Ablehnung. &quot;Man will das nicht&quot; redet &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/littell/article.php?aid=34&amp;bl=%2Flittell%2Frezensionen.php&quot;&gt;Theweleit den Kritikern&lt;/a&gt; ein  verlagert Ursache und Wirkung und delektriert sich am Überlegenheitsgefühl des Buchverstehers. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihm sei klar gewesen, so Theweleit, solch ein Buch &quot;müsse&quot; man lesen. Nach den ersten zweieinhalb Zeilen weiss er, dass der Autor &quot;nicht zu den schlechtesten zählt&quot;  (das Buch hat rund 45.000 Zeilen) und nach 700 Seiten ist er sicher  &quot;das geht nur so&quot;. Leider sagt er nicht, was denn genau &quot;gehen&quot; soll.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ein neues Evangelium empfängt Sisyphos Theweleit Littells Kaminplausch und hebt es in den Himmel deutscher (!) Geschichtsbewältigung. Als heilige das Thema die Form. In dem er jede kritische Reflexion derart niederkartätscht und das Buch für sakrosankt erklärt, verspielt er nicht nur seine intellektuelle Redlichkeit, sondern verspottet auch jahrzehntelange Arbeit diverser Historiker. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ihm keine griffigen Argumente für das Buch einfallen zeiht er rasch Radisch des journalistischen Rassismus. Am Ende entblödet er sich nicht im abgestandenen, moralinsauren Altachtundsechziger-Jargon von der &quot;Fortsetzung der gewohnten deutschen Verdrängungen&quot; zu lamentieren. Welche Bücher hat er nicht gelesen, die das locker ins Dunkel stellen, was Littell hier als Skandalon wohl inszeniert hat? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel: Bereits 1960 (sieben Jahre vor Littells Geburt) gab es im deutschen Fernsehen in der episodisch angelegten Reihe &quot;Am grünen Strand der Spree&quot; (nach den Büchern von Hans Scholz) den Film &quot;Tagebuch des Jürgen Willms&quot;, in dem Massenexekutionen durch SS und Wehrmacht in quälenden Szenen mit minutenlangem Maschinengewehrfeuer gezeigt wurden  ohne Rücksicht, ohne Entschuldigung, ohne Ausflüchte. Die Premiere hatte rund zwölf Millionen Zuschauer. Er wurde mehrfach wiederholt; vor allem in den 70er Jahren. Dieser Film ist heute noch schwer anzuschauen, obwohl auf Splatterszenen weitgehend verzichtet wurde.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weist Theweleit aus Unkenntnis der zahllosen fiktionalen Literatur diesem Buch einen Rang zu, der bei Lichte betrachtet vollkommen deplaziert ist? Oder will sich nur einer als didaktischer Musterschüler deutschen Bewältigungsfurors profilieren, der alle Hürden nonchalant aus dem Weg räumt, um seinen gesinnungsästhetischen Heiligenschein aufzupolieren?  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Buch stösst weder an die Grenzen der Literatur, noch an die der Literaturkritik. Meine Ablehnung resultiert auch nicht aus einer irgendwie gearteten &quot;Kränkung&quot;; ein absurder Gedanke, ungefähr dem des Geisterfahrers ähnlich, der in einem Anfall von Hybris konstatiert, nur er habe die korrekte Richtung eingeschlagen und alle anderen Fahrzeuge, die ihm entgegenkommen, seien die Geisterfahrer. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deutlich zeigt sich, dass die blosse Aneinanderreihung historischer Ereignisse noch lange keine geschichtliche Aufarbeitung darstellt (eigentlich eine Banalität). Auch in dieser Hinsicht ist das Buch unwirksam. Das polyphone Kompositionsverfahren von Walter Kempowskis &quot;Echolot&quot;-Projekt ist deutlich illustrativer. Statt sich zu freuen, dass die deutsche Literaturkritik nicht mehr in einen Automatismus weihevollen Raunens beim Thema &quot;Holocaust&quot; verfällt und eilfertig Gesinnungsurteile blanko unterschreibt, sondern ästhetische und sprachliche Impotenz trotz aufwendig und aufdringlich eingestreuter Bedeutungsmaschinerie als solche entlarvt und die wohlkalkulierte Provokationen erkennt, wird sie beschimpft. Als sei der Überbringer der schlechten Nachricht für diese verantwortlich.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, liebe Leute, dieser Kaiser ist nackt!</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Literatur&quot;&gt;Literatur&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-09T19:14:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851371/">
    <title>Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851371/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Jonathan Littell  Die Wohlgesinnten&quot; height=&quot;308&quot; alt=&quot;Jonathan Littell  Die Wohlgesinnten&quot; width=&quot;200&quot; align=&quot;right&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Jonathan-Littell-Die-Wohlgesinnten.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&lt;big&gt;I. Mockumentary&lt;/big&gt;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Buch mit einem geradezu kathedralen Überbau: &lt;a href=&quot;http://readingroom.faz.net/littell/&quot;&gt;&quot;Reading-Room&quot; der FAZ&lt;/a&gt; (ein hässlicher Anglizismus -  dennoch: hörenswert das Lesen von Christian Berkel), Marginalienband mit Interviews, Graphiken und textinterpretatorischem Rüstzeug, &lt;a href=&quot;http://www.diewohlgesinnten.de/&quot;&gt;eigene Webseite&lt;/a&gt; (noch ausführlichere Dokumente als im Marginalienband), und fast jedes Feuilleton äussert sich. Und wenn man das Buch mit seinen fast 1.400 Seiten vor sich liegen hat und in den Händen wiegt, dann fragt man sich, ob die Erwartungen ob dieses Monumentalismus überhaupt eingelöst werden können. Oder ob da nicht ein Autor Opfer seiner eigenen Hybris wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Die Wohlgesinnten&quot; sind die fiktiven Memoiren von Dr. Maximillian Aue, Jahrgang 1913, deutsch-französischer Herkunft, promovierter Jurist und am Ende, 1945, SS-Obersturmbannführer. Aue ist Ich-Erzähler, was als &quot;neu&quot; in Bezug auf die &quot;Täterperspektive&quot; hingestellt wird. Das stimmt in dieser Absolutheit natürlich nicht und wird nicht besser, in dem man es dauernd wiederholt. Jeder zweite Krimi schiebt heutzutage den Täter und dessen Motivation in den Vordergrund  meist als Brechung zum Alltag des Kommissars. Hinsichtlich der Shoa stimmt das auch nicht. Man kann nicht so tun, als sei die &quot;Sprache der Täter&quot; zu erfinden. Es gibt sie längst  sowohl im Original, als auch in zahlreichen Fiktionen, die längst in die Weltliteratur und -dramatik eingeflossen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4851393/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Literatur&quot;&gt;Literatur&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-09T19:08:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4815511/">
    <title>Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig - Eine Bilanz</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4815511/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Wolfgang Kraushaar   Achtundsechzig&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Wolfgang Kraushaar   Achtundsechzig&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Wolfgang-Kraushaar-Achtundsechzig.jpg&quot; /&gt;Wolfgang Kraushaar legt mit seinem Buch &quot;Achtundsechzig  Eine Bilanz&quot; eine kritische Würdigung der deutschen utopistischen Studenten- und Gesellschaftssubkultur von ungefähr 1967 an vor. In einem ausführlichen Prolog dokumentiert er zunächst die Wurzeln der studentischen Proteste Mitteleuropas in der US-amerikanischen &quot;Beat-Generation&quot;-Bewegung ausgehend von den Literaten Burroughs, Kerouac und Ginsberg Mitte der 50er Jahre über die &quot;Flower-Power&quot;- und Hippie-Ära, die dort Mitte der 60er Jahre als zunächst gesellschaftliche Protest- und sexueller Befreiungsbewegung und  pauschal betrachtet - Kapitalismusverweigerung aufkam (und bereits im Herbst 1967 versandete) bis zum politisierten Anti-Vietnam-Protest und der militanten &lt;a href=&quot;http://lexikon.meyers.de/meyers/Black_Power&quot;&gt;&quot;Black Power&quot;&lt;/a&gt;-Gruppierung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese ersten rund 40 Seiten zeigen, dass der intellektuelle und studentische Protest, der sich Ende der 60er Jahre in Deutschland (aber auch anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Italien) zeigte, nicht ohne Vorgeschichte war, wobei Kraushaar nicht explizit darauf eingeht, wieviel Inspiration importiert wurde. Der weitere Verlauf des Buches zeigt, dass es neben dem Vietnamkrieg-Protest, einer Neudefinition des Sexuellen (stark angelehnt an Wilhelm Reich, der zum Guru wurde) und dem später reichlich praktizierten Drogenkonsum kaum Parallelen gab. Das oft spielerische der amerikanischen Hippiebewegung beispielsweise war den zumeist bierernsten und &lt;i&gt;fränkischen&lt;/i&gt; Akteuren, die von einer &lt;i&gt;protestantisch geprägten Moralität&lt;/i&gt; speziell in Deutschland durchdrungen schienen, ziemlich fremd. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie muss man nun heute, rund vierzig Jahre nach &quot;1968&quot; (und dreissig Jahre nach Ende des &quot;Deutschen Herbsts&quot;  der in diesem Buch nur eine untergeordnete Rolle spielt) die Gruppierungen und Veränderungen bewerten? Kraushaar macht am Anfang drei Deutungsmuster aus: 

&lt;blockquote&gt;&lt;i&gt;Erstens: Von wertkonservativen Politikern wird behauptet, die fundamentale Kritik an Staat und Institutionen, Familie und Rollenmustern sei ein gefährlicher Irrweg gewesen und habe die Gesellschaft in ihrem Zusammenhang bedroht. []&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens: Von sozialdemokratischen Zeithistorikern wird erklärt, die Achtundsechziger seinen nichts anderes als unfreiwillige Katalysatoren einer umfassenden Modernisierung gewesen. Die meistenVeränderungen wären Ausdruck eines tiefgreifenden, ohnehin unabwendbaren, von ihren Akteuren jedoch nicht intendierten Strukturwandels gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens: Von Seiten einiger der ehemals wichtigsten Akteure wird nun behauptet, dass es ihnen vor vierzig Jahren in Wahrheit um eine nationale Revolution gegangen sei, die sich gegen die USA und die Sowjetunion und damit gegen die westlichen wie östlichen Besatzungsmächte gerichtet habe.&lt;/i&gt;&lt;/blockquote&gt;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Eine &quot;nationale&quot; Revolution? &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kraushaar geht am Ende des Buches auf dieses dritte Deutungsmuster ein. Tatsächlich gibt es mit &lt;a href=&quot;http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MahlerHorst/index.html&quot;&gt;Horst Mahler&lt;/a&gt;, &lt;a href=&quot;http://www.polwiss.fu-berlin.de/fsi/bernie/index.htm&quot;&gt;Bernd Rabehl&lt;/a&gt; und &lt;a href=&quot;http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/inneres/landesamt-fuer-verfassungsschutz/arbeitsfelder/rechtsextremismus/dk-artikel.html&quot;&gt;Reinhold Oberlercher&lt;/a&gt; aber auch Rainer Langhans, Manfred Lauermann und Peter Furth prominente Achtundsechziger, die heute rechtsnationale bis faschistoide Gesinnungen (bis hin zu Mahlers Rechtshegelianertum) hegen und dabei versuchen, die damaligen sozialrevolutionären Aktionen umzudeuten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So war zwar Rudi Dutschke ein Verfechter der nationalen Einheit Deutschlands (also das, was gemeinhin Wiedervereinigung genannt wurde) als Kernziel deutscher Politik, aber eine Umdeutung Dutschkes und/oder von &quot;Achtundsechzig&quot; generell in &quot;Nationalrevolutionäre&quot; käme einer Geschichtsklitterung gleich. Dutschkes deutschlandpolitische Reflexionen, die er anfangs aus Angst vor negativen Sanktionen durch die Weggefährten unter einem Pseudonym veröffentlichte, sah Westberlin als &lt;i&gt;&quot;Transmissionsriemen&quot;&lt;/i&gt; der Einheit. Die Wiedervereinigung, die Dutschke vorschwebte, sollte allerdings weder unter kapitalistischen noch unter nationalen Vorzeichen stattfinden  einzig und allein &lt;i&gt;die Arbeiterbewegung in West- und Ostdeutschland [konnte] der Akteur in dieser Mission sein.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausführlich legt Kraushaar am Anfang seine Bedenken hinsichtlich der Subsummierung &quot;Achtundsechziger&quot; dar. Er spricht von eigentlich untauglichen Bezeichnungen, macht &lt;i&gt;soziale Konstruktionen&lt;/i&gt; aus, fächert &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Generation#Karl_Mannheims_.E2.80.9EProblem_der_Generationen.E2.80.9C&quot;&gt;Karl Mannheims Generationentheorien&lt;/a&gt; kurz auf  und spricht vom Begriff &quot;Achtundsechziger&quot; als &lt;i&gt;nachträgliche Überzeichnung&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;Marotte&lt;/i&gt;, die sich zwar &lt;i&gt;besser für rhetorische Gefechte&lt;/i&gt; eigne, aber das Phänomen allzu stark simplifiziere. Zu Recht betont Kraushaar die Heterogenität der (sogenannten) Achtundsechziger und weist darauf hin, dass es bestenfalls 10.000 Aktivisten gab (und die nur in den Zeiten der höchsten Mobilisierung). Diese Einwände benennend, bleibt er schliesslich  ein wenig überraschend, aber  sicherlich auch, um die Lesbarkeit des Buches zu gewährleisten - beim Begriff der &quot;Achtundsechziger&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den &lt;i&gt;Dschungel von Erklärungsmustern&lt;/i&gt; kommt der Autor zum Ergebnis, dass es sich bei der &lt;i&gt;Achtundsechzigerbewegung&lt;/i&gt; um eine &lt;i&gt;im Kern antiautoritäre Revolte&lt;/i&gt; handelte. Diese Deutung, am Anfang des Buches vorgebracht, wird am Ende resümierend bestätigt - die eine oder andere Facette aus der geschichtlichen Entwicklung noch hinzufügend. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kraushaar zeichnet die Grundkonzeptionen der Achtundsechziger nach (nebst knapper historischer Darstellung), zeigt ihre Entwicklungen und Transformationen und rubriziert ihre Bedeutung für die Bundesrepublik (bis heute). Er ist, wie er schreibt, bemüht, die &lt;i&gt;Kakophonienund Dissonanzen des Erinnerns&lt;/i&gt;, seien sie verklärender oder auch verteufelnd, auszublenden, was auch gut gelingt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Gradualisten vs. Maximalisten&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die beiden &lt;i&gt;Grundtypen der Achtundsechzigerbewegung&lt;/i&gt; setzt Kraushaar die &lt;i&gt;Gradualisten&lt;/i&gt; und die &lt;i&gt;Maximalisten der Gesellschaftsveränderung&lt;/i&gt;. Die Gradualisten &lt;i&gt;entschieden sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl, in eine der beiden als reformorientiert geltenden Parteieneinzutreten und sich dort zu artikulieren&lt;/i&gt;, während die Maximalisten zwischen &lt;i&gt;Ausser- und Antiparlamentarismus&lt;/i&gt;, einige sogar einem veritablen &lt;i&gt;Antiinstitutionalismus&lt;/i&gt; changierten. Arg verkürzend könnte man behaupten, dass im Laufe der Zeit die meisten Maximalisten zu Gradualisten mutierten. Anhand von Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer werden diese Metamorphosen wunderbar vorgeführt. Wobei Cohn-Bendit  ähnlich dem Igel  immer schon wieder weg war, wenn (der &quot;Hase&quot;) Joschka müde einen weiteren Schritt Richtung Institutionalisierung machte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &quot;übriggebliebenden&quot; Maximalisten verzettelten sich entweder in esoterisches oder in politisches Sektierertum. Es gibt sehr kluge Beschreibungen im Buch von den unterschiedlichen Weltfluchten, die schon im Winter 1968/69 einsetzten  von den &lt;a href=&quot;http://www.soziologie.uni-freiburg.de/asb/systematik/syst9.html&quot;&gt;K-Gruppen-Gründungen&lt;/a&gt; (beispielsweise KPD/ML, KPD/AO oder dem totalitären KBW, in dem sich besonders viele Pol Pot-Anhänger fanden) bis zur Hinwendung zu Psychosekten wie Hare Krishna, Bhaghwan oder anderen skurrilen esoterischen Vereinigungen (AAO; ZEGG). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Sowohl die K-Gruppen wie die Psychogruppen waren Zerfallsprodukte einer in ihren Hauptzielen als gescheitert angesehenen ProtestbewegungIn den Politsekten kam das objektive Moment in verselbständigter Form zum Vorschein, in den Psychosekten das subjektive. Erstere zogen aus, um die alleinige revolutionäre Kraft, das Proletariat, wiederzuerwecken und auch anzuführen, Letztere begaben sich auf die Suche nach dem befreiten Subjekt, das esfreizulegen galt.&lt;/i&gt; Beide verlangten nach Führungsfiguren, denen quasireligiöse Züge zugeschrieben wurden (am Rande thematisiert Kraushaar den christlichen Glauben Dutschkes). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das setzte sich übrigens auch im späteren Terrorismus von RAF und RZ fort (beide nennt er &lt;i&gt;terroristische Sekte[n]&lt;/i&gt;); exemplarisch in der Figur des Andreas Baader, wobei eine gewisse Verblüffung ob der heute eher rustikal wirkenden Ausstrahlung aufkommt. Kraushaar stellt bei Baader eine Mutation vom narzisstischen Dandy in der Anfangszeit (Baader und Ensslin als Bonny und Clyde) bis zum gescheiterten, sich selber richtenden und seinen Tod inszenierenden Desperado am Ende.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schnell mutierte die als &lt;i&gt;antiautoritäre Revolte&lt;/i&gt; apostrophierte Bewegung zum autoritären Antiautoritarismus  auch und gerade dort, wo man sich betont &quot;antiautoritär&quot; gab, wie beispielsweise in den &lt;a href=&quot;http://lexikon.meyers.de/meyers/Kinderladen&quot;&gt;&quot;Kinderläden&quot;&lt;/a&gt; und den (anfangs maoistisch angelegten) &quot;Kommunen&quot;, jenen Spielwiesen, die die Familie als &lt;i&gt;&quot;repressiv-neurotischen Zwangsverband&quot;&lt;/i&gt; sahen, die Rolle der Eltern auslöschen und die &lt;i&gt;&quot;ödipale Grundstruktur in der bürgerlichen Kleinfamilie&quot; aushebeln&lt;/i&gt; wollten, in dem u. a. Kinder bereits frei ihre Sexualität &quot;ausleben&quot; sollten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich wettert Kraushaar in seinem Buch nicht im Abrechnungsfuror eines &lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4780358/&quot;&gt;Götz Aly&lt;/a&gt;. Dennoch macht es Vergnügen, seine wohl dosierten (und manchmal gut versteckten) Spitzen zu lesen. Der Eifer der Rotgardisten der chinesischen Kulturevolution diente einigen Achtundsechzigern wie beispielsweise Peter Schneider, damals ein glühender Verfechter, der im Buch ausführlich zitiert wird (allerdings auch seine spätere Kehre Erwähnung findet), als Vorbild. Hinzu kamen die Projektionen in die &quot;Befreiungsbewegungen&quot; Vietcong und PLO/Fatah und das, was Richard Löwenthal seinerzeit als &lt;i&gt;&quot;romantische[n] Rückfall&quot;&lt;/i&gt; bezeichnete: eine politische, rückwärts gewandte, die &lt;i&gt;&quot;alten Affekte einer antiliberalen und antiwestlichen Romantik&quot;&lt;/i&gt; bedienende Gegenmoderne. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ökologie statt Sozialismus&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spätestens Ende der 70er Jahre kommt es zu einem &lt;i&gt;Paradigmenwechsel&lt;/i&gt; von der &lt;i&gt;jahrelang betriebene[n] Kritik der politischen Ökonomie&lt;/i&gt; hin zu einer radikalen und &lt;i&gt;zur insgeheimen Apokalyptik neigenden Ökologie- und Technikkritik&lt;/i&gt; - die Grünen wurden &quot;geboren&quot;. War Westberlin das Zentrum der APO und Achtundsechziger gewesen, kamen etliche Protagonisten der &quot;Grünen&quot;-Bewegung aus der &quot;Sponti&quot;-Szene in und um Frankfurt, ohne die es keine Grünen, die sich zunächst primär als &quot;Anti-Atomkraft&quot;-Bewegung formierten, gegeben hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst als primär ausserparlamentarische Opposition mit maximalistischen Positionen (den sogenannten &quot;Fundis&quot;), aber später dann übernahmen die Gradualisten  &quot;Realos&quot;  das Ruder und vollzogen (endgültig) den Marsch durch die Institutionen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kraushaars griffige Formulierungen sind bei diesem eher als Basiswerk konzipierten  Buch naturgemäss nicht immer befriedigend. Bei genauerem Hinsehen werden natürlich sehr wohl Parallelen zwischen den Achtundsechzigern und den Grünen deutlich  und nicht nur dahingehend, weil sich einige ehemalige K-Gruppen-Mitglieder dort eingerichtet hatten. So war die Kapitalismuskritik beispielsweise bei den &quot;Fundis&quot;  ein Kernelement (neben der stark antiamerikanischen Ausrichtung). Und dass Technikkritik ein grundlegendes neues Phänomen in modernen Gesellschaften war, kann auch nicht behauptet werden. Sie war nur in der Wirtschaftswunderzeit verschüttet gewesen. Erst später  als die &quot;Realos&quot; bei den Grünen dominierten  wurde der Kapitalismus nicht mehr grundlegend in Zweifel gezogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In zwei wesentlichen Punkten änderten die Grünen allerdings das Bewusstsein: Zum einen wurde der Sozialismus als gesellschaftliche &lt;i&gt;Leitvorstellung&lt;/i&gt; fast vollständig aufgegeben und durch eine neue, ökologische Sicht ersetzt. Zum anderen wurde der Antiparlamentarismus der (Post-)Achtundsechziger aufgegeben. Dieser Punkt war ein radikaler Bruch der ehemaligen &quot;Ideale&quot;, die sich seinerzeit nicht nur in den drei grossen &quot;Antis&quot; (Antikapitalismus, Antifaschismus und Antiimperialismus) äusserten, sondern auch einem virulenten Antiparlamentarismus das Wort redete, der schnell bei einigen Protagonisten in Autoritarismus umschlug. Warum Kraushaar dann von der &lt;i&gt;Reintergration der Post-Achtundsechziger-Strömungen in das parlamentarische System&lt;/i&gt; durch die Parteigründung der Grünen spricht, ist mindestens verwirrend. Für manche war es  nach eher exotisch anmutenden Ausflügen in K-Gruppen-Sekten  der erste Versuch einer zielgerichteten Institutionalisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Politische Erfolge?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kraushaar streift Gewaltbereitschaft und Terrorismus nur am Rande, macht ein bisschen nebulös zu Dutschke am Horizont den bewaffneten Aufstand aus, beschreibt die latente &lt;i&gt;Absage an das Vermittelnde&lt;/i&gt;, eine tiefsitzende Kompromissfeindlichkeit einiger Protagonisten und analysiert exemplarisch an Ulrike Meinhof, einer anerkannten und engagierten linksintellektuellen Journalistin, den Übergang zur Gewalt. &lt;i&gt;&quot;Vom Protest zum Widerstand&quot;&lt;/i&gt;  so betitelte Meinhof in der Zeitschrift &quot;konkret&quot; im Mai 1968 ihre Kehre. Es war  ein Irrweg.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl Kraushaar zeigt, dass die Gewaltbereitschaft am Anfang durchaus vorhanden war (beispielsweise die Sympathie gegen für den Anschlag auf das Springer-Hochhaus), möchte er verhindern, dass Achtundsechzig und RAF (und RZ) synonym betrachtet werden bzw. eine Entwicklung von der APO zur RAF als Fatum konstruiert wird. Sein Fazit fällt daher, mindestens auf politischer Ebene, &lt;i&gt;weniger negativ als ursprünglich angenommen&lt;/i&gt; aus. Drei wesentliche Erfolge werden herausgearbeitet: 

&lt;ul&gt;  
&lt;li&gt;Zum einen waren die Achtundsechziger erfolgreich in der Bewusstseinsmachung und öffentlichen Mobilisierung der Problematik der von der Grossen Koalition beabsichtigten Notstandsgesetze. Kraushaar attestiert im Gegensatz zu Aly-, dass man durch den ausserparlamentarischen Druck das Schlimmste verhindert habe und die Regierung zu Kompromissen getrieben habe. Kraushaar schreibt allerdings selber, dass nach der parlamentarischen Verabschiedung der Notstandsgesetze die Gruppen, die sich hiermit intensiv auseinandersetzten, schnell zersplitterten. Das wäre dann schon am 30. Mai 1968 gewesen.
&lt;br /&gt;  

&lt;/li&gt;&lt;li&gt;Desweiteren sieht er einen Erfolg der Studentenrebellion in der Bekämpfung der 1968 virulent auftretenden NPD, die seinerzeit nicht nur in vielen Landtagen eingezogen war, sondern auch drohte, bei der Bundestagswahl 1969 über 5% zu kommen. Detailliert behandelt er den Vorgang beim NPD-Wahlkampf 1969 in Kassel, bei dem ein Leibwächter, der in Diensten der NPD stand, zwei Demonstranten angeschossen hatte. Dies hatte zur Folge, dass die NPD medial in ein schlechtes Licht kam und habe  so Kraushaars These  zum Scheitern bei der Bundestagswahl 1969 beigetragen (es gab immerhin 4,3% der Stimmen). Warum allerdings potentielle Anhänger der NPD ausgerechnet durch den Studentenprotest von einer Stimmabgabe zurückgeschreckt sein sollen, leuchtet nicht ganz ein. 
&lt;br /&gt;  

&lt;/li&gt;&lt;li&gt;Unbestritten bleibt: Hätte es die NPD 1969 in den Bundestag geschafft, wäre die sozial-liberale Koalition nicht möglich gewesen. Aber Kraushaar sieht auch ein Verdienst der Achtundsechziger darin, dass sie das politische Klima für die SPD/FDP-Reformregierung mitgeschaffen habe. Dieser Schluss erscheint reichlich kühn. Denn zum einen führt Kraushaar an, dass der grosskoalitionäre Aussenminister Willy Brandt, der dann 1969 Bundeskanzler wurde, kein einziges Wort zum Vietnamkrieg der Amerikaner gesagt hatte und zum anderen steht dagegen, dass die Achtundsechziger in ihrer grossen Mehrheit Antiparlamentarier waren. Das Parlament galt vielen als &quot;Quatschbude&quot; und &lt;i&gt;Transmissionsriemen der Entscheidungen politischer Oligarchien&lt;/i&gt;. In diesem ablehnenden Klima gedeiht kein parlamentarischer Aufbruch. &lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
Hinzu kommt: Eine SPD/FDP-Regierung war vor der Wahl gar nicht zu prognostizieren. Die reine Addition der Sitze hätte eine SPD/FDP-Koalition schon seit 1961 ermöglicht. Jahrzehntelang galt die FDP aber als fester Koalitionspartner der CDU. Der Bruch der Regierungskoalition mit der CDU 1966 und die Hinwendung der CDU zur SPD setzte einen Reformprozess in der FDP in Gang, der Männer wie Walter Scheel und Werner Maihofer in die Führungsgremien der Partei kommen liess. Dieser Schwenk Scheels war in der FDP, die lange eine eher rechtsnationale Partei war, nicht unumstritten und kostete ihr bei nachfolgenden Landtagswahlen zunächst erhebliche Stimmen.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Achtundsechziger ignorierten Brandt&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten politischer Reformen durch die sozial-liberale Koalition wurden von den Achtundsechzigern nicht erkannt, geschweige denn wahrgenommen. Als Willy Brandt &quot;mehr Demokratie wagen&quot; wollte und mit der Ostpolitik Weltfriedenspolitik versuchte, kümmerte man sich lieber um die eigenen Orgasmus-Probleme, interpretierte die &quot;Mao-Bibel&quot;, betrieb die &lt;i&gt;&quot;Destruierung der Privatsphäre&quot;&lt;/i&gt;, feierte den neuen &quot;Sozialismus&quot; des Massenmörders Pol Pot oder hegte klammheimliche Freude mit Mördern. Und statt die Schmutzkampagnen der &quot;Bild&quot;-Zeitung und anderer Springer-Medien gegen Brandt und seine Politik kritisch zu kommentieren, pflegte man lieber die wundgewordene Revoluzzerseele (während sich andere auf den Weg machten). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bereits vorher verweist Kraushaar auf den latenten Antisemitismus grosser Teile der Achtundsechziger (er spricht vom &lt;i&gt;Selbstbetrug der Linken, was die Immunität in Bezug auf Antisemitismus angeht&lt;/i&gt;), der in der Heroisierung der palästinensischen Befreiungsbewegungen mündete und zeitweilig zu gewalttätigen Aktionen gegen jüdische Einrichtungen führte. (Kraushaar hat den gescheiterten Bombenanschlag im jüdischen Gemeindehaus zu Berlin-Charlottenburg vom 9. November 1969 [sic!] detailliert in einem gesonderten Buch untersucht und recherchiert. Rädelsführerisch tätig war hier mit Peter Urban allerdings ein V-Mann des Westberliner Amtes für Verfassungsschutz.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Deutung, dass die &lt;i&gt;Kinder aus dem Land der Täter&lt;/i&gt; nach dem israelischen Sieg im Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 &lt;i&gt;nunmehr befreit [schienen] von der ihnen offenbar lästig gewordenen Verpflichtung, wegen der von ihren Eltern begangenen, mitgetragenen oder zumindest geduldeten Verbrechen eine demütigende Haltung einzunehmen&lt;/i&gt;, kommt der Deutung Alys zur Thematik sehr nahe. Beide sehen im Antizionismus den Antisemitismus lauern &lt;i&gt;&quot;wie das Gewitter in der Wolke&quot;&lt;/i&gt; (Jean Améry); eine These, die irgendwann einmal genauer diskutiert werden müsste.   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Milde Bilanz&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kaushaars Bewertung im soziokulturellen Bereich der Achtundsechziger fliessen deren &lt;i&gt;illiberalen Züge&lt;/i&gt; durchaus ein. Der Autor konzidiert, das eine Bewertung &lt;i&gt;problematischer&lt;/i&gt; ausfällt, als er dies früher bereits einmal gemacht habe. Die These von der &quot;Aufarbeitung&quot; und Bewusstmachung der nationalsozialistischen Verbrechen durch die Bewegung will er nicht ganz aufgeben  sie fällt allerdings ein wenig pflichtschuldig aus und &lt;i&gt;genauer betrachtet war sie [die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit] eine Errungenschaft der Prä-Achtundsechziger&lt;/i&gt;, wobei Kraushaar hier ein wenig kryptisch vor allem jene &lt;i&gt;SDS-Mitglieder&lt;/i&gt; meint, &lt;i&gt;die vor dem eigentlichen Ausbruch der Revolte bereit waren, sich der unaufgearbeiteten Vergangenheit zu stellen...&lt;/i&gt;. Namen fehlen  nur ein Flugblatt von 1966 wird zitiert. Die institutionelle Aufarbeitung, die schon eingesetzt hatte, berücksichtigt er ebenfalls nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar bezeichnet Kraushaar die Achtundsechzigerbewegung  Joschka Fischer zitierend  eine &lt;i&gt;&quot;Freiheitsrevolte&quot;&lt;/i&gt;. Und in dem sie den Liberalismus als &lt;i&gt;heuchlerisch denunzierte&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;libertär-anarchistische&lt;/i&gt; Formen ausprägte, scheint dies nicht ganz falsch. &lt;i&gt;Jedoch war die Verwandlung der antiautoritären Strömungen der Achtundsechzigerbewegung in ein Bündel verschiedener Emanzipationsbewegungen von einer grundsätzlichen Ambivalenz gezeichnet, die ihre subjektverändernden Errungenschaften mitunter wieder verspielte.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weiter dann: &lt;i&gt;Die Befreiung von Herrschaft entgrenzte sich zunehmend und büsste ihr Wozu ein. Da es den emanzipatorischen Zielsetzungen an einem gesellschaftspolitischen Adressaten mangelte, verwandelten sie sich mehr und mehr in reine Wunschvorstellungen und glitten so in intrapsychische Bedürfnisvalenzen ab, die sektenartigen Psychogruppengrossen Zulauf bescherten. Der Glaube, &quot;das bürgerliche Subjekt revolutionieren zu können&quot;, ohne politisch Einfluss nehmen und zugleich die Gesellschaft verändern zu müssen, führte zu einer Degeneration des emanzipatorischen Aufbruchs&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als fast einzige Ausnahme macht Kraushaar die Frauenemanzipationsbewegung aus, die dem &lt;i&gt;uneingestandenen Patriarchalismus&lt;/i&gt; der männlichen Achtundsechziger, welche die sexuelle Befreiung nur als Ausweitung ihrer promiskuitiven Kampfzone definieren wollten, schnell überwanden und sich erfolgreich gegen alle Strömungen in der Gesellschaft institutionell verankerte.       &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der vieldiskutierten Fama des Verlustes der Sekundärtugenden durch die Achtundsechziger wird eine Veränderung bzw. Ersetzung der soziokulturellen Werte von &lt;i&gt;Pflicht, Treue, Ehre, Gehorsam, Vaterlandsliebe&lt;/i&gt; hin zu &lt;i&gt;Gleichheit, Kollektivität, Mitbestimmung oder soziale Gerechtigkeit&lt;/i&gt; gegenüber gestellt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Achtundsechzig  eine Bilanz&quot; kann als solide Grundlage für eine eingehende und detaillierte Beschäftigung mit der Materie empfohlen werden, ist aber auch wegen seiner kleinen Exkurse sehr lesenswert. Wunderbar beispielsweise die kleine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses, jener &lt;i&gt;&quot;Urzelle des Geisteslebens&quot;&lt;/i&gt;, die Kraushaar von der Romantik bis zur Neuzeit mit einer gehörigen Portion Ironie skizziert. Und in der Mitte gibt es dann noch vierzig Abbildungen, die bei einigen Zeitgenossen vielleicht dann doch wehmütige Erinnerungen aufkommen lassen. 

&lt;hr /&gt;
&lt;small&gt;Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.&lt;/small&gt;</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/68er+-+APO+-+RAF+&quot;&gt;68er - APO - RAF &lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-26T16:53:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4815506/">
    <title>Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig - Eine Bilanz</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4815506/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Wolfgang Kraushaar   Achtundsechzig&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Wolfgang Kraushaar   Achtundsechzig&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Wolfgang-Kraushaar-Achtundsechzig.jpg&quot; /&gt;Wolfgang Kraushaar legt mit seinem Buch &quot;Achtundsechzig  Eine Bilanz&quot; eine kritische Würdigung der deutschen utopistischen Studenten- und Gesellschaftssubkultur von ungefähr 1967 an vor. In einem ausführlichen Prolog dokumentiert er zunächst die Wurzeln der studentischen Proteste Mitteleuropas in der US-amerikanischen &quot;Beat-Generation&quot;-Bewegung ausgehend von den Literaten Burroughs, Kerouac und Ginsberg Mitte der 50er Jahre über die &quot;Flower-Power&quot;- und Hippie-Ära, die dort Mitte der 60er Jahre als zunächst gesellschaftliche Protest- und sexueller Befreiungsbewegung und  pauschal betrachtet - Kapitalismusverweigerung aufkam (und bereits im Herbst 1967 versandete) bis zum politisierten Anti-Vietnam-Protest und der militanten &lt;a href=&quot;http://lexikon.meyers.de/meyers/Black_Power&quot;&gt;&quot;Black Power&quot;&lt;/a&gt;-Gruppierung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese ersten rund 40 Seiten zeigen, dass der intellektuelle und studentische Protest, der sich Ende der 60er Jahre in Deutschland (aber auch anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Italien) zeigte, nicht ohne Vorgeschichte war, wobei Kraushaar nicht explizit darauf eingeht, wieviel Inspiration importiert wurde. Der weitere Verlauf des Buches zeigt, dass es neben dem Vietnamkrieg-Protest, einer Neudefinition des Sexuellen (stark angelehnt an Wilhelm Reich, der zum Guru wurde) und dem später reichlich praktizierten Drogenkonsum kaum Parallelen gab. Das oft spielerische der amerikanischen Hippiebewegung beispielsweise war den zumeist bierernsten und &lt;i&gt;fränkischen&lt;/i&gt; Akteuren, die von einer &lt;i&gt;protestantisch geprägten Moralität&lt;/i&gt; speziell in Deutschland durchdrungen schienen, ziemlich fremd. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4815511/&quot;&gt;weiterlesen und Kommentarmöglichkeit&lt;/a&gt;]</description>
    <dc:creator>Gregor Keuschnig</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Innenpolitik&quot;&gt;Innenpolitik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Gregor Keuschnig</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-26T16:51:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4797621/">
    <title>Links, das sind wir. Aufbruch in die soziale Moderne?</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4797621/</link>
    <description>Andrea Ypsilanti legte in der Zeit (Nr. 10/2008) ein &lt;a href=&quot;http://www.zeit.de/online/2008/10/ypsilanti-papier&quot;&gt;Grundsatzpapier*&lt;/a&gt; - in der gekürzten Version der gedruckten Ausgabe ist von einem Manifest die Rede - vor, in dem sie ihre persönliche Weltsicht beschreibt. Was kann der Wähler, der politisch Interessierte davon erwarten? Zumindest zweierlei: Kompaktheit, dafür keine Argumentation in allen Details (eher einen Überblick), und klar herausgearbeitete Probleme, Lösungsvorschläge und einen Blick in die Zukunft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man wird aber - in den nicht allerbesten Zeiten für die SPD - auch jenseits Ypsilantis &lt;i&gt;politischer Weltsicht&lt;/i&gt;, nach Befindlichkeiten der Partei,  bzw. nach Ideen für eine Neupositionierung im politisch linken Spektrum Ausschau halten. Ypsilantis Manifest wird man als pars pro toto für die Bundes-SPD zu betrachten versuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst geht Ypsilanti von der derzeitigen politischen Situation aus, und diagnostiziert durchaus bekannte Phänomene wie die &lt;i&gt;nachlassende Bindewirkung der Parteien&lt;/i&gt;, den &lt;i&gt;dramatische[n] Schwund an Wahlbeteiligung und Mitgliedschaften&lt;/i&gt;; sie spricht von &lt;i&gt;Flucht in die Personalisierung der Politik&lt;/i&gt; und vom fehlenden Vertrauen in angemessene Lösungswege. Ihre Schlussfolgerung: Neue Parteien (z.B. die Grünen, oder die Linke) sind einige Zeit interessant, generell herrscht aber &lt;i&gt;Politiker-, Parteien- und Institutionenverdrossenheit mit der Folge einer Zersplitterung des Parteiensystems, einhergehend mit einer stetig nachlassenden Zustimmung zu den großen Parteien&lt;/i&gt; vor. Mit einem Wort: Eine politische Krise. Ypsilantis Lösung: &lt;i&gt;Wir müssen neue gesamtgesellschaftliche Projekte definieren&lt;/i&gt; und das allgemeine Interesse (wieder) finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &lt;i&gt;Epochenbestimmungen&lt;/i&gt; der industriellen Moderne und Postmoderne werden von ihr als überkommen angesehen, dem neuen Projekt gibt Ypsilanti den Namen &lt;i&gt;Soziale Moderne&lt;/i&gt;. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird dem Leser immer mehr bewusst, dass Ypsilantis Stil durchaus &quot;hochtrabend&quot; ist, und mehr an die Wortwahl eines Soziologen, als an die eines Politikers erinnert, im selben Moment aber oft nebulös und nichtssagend bleibt. Vieles ist nicht gerade taufrisch (was es natürlich nicht unbedingt sein muss): &lt;i&gt;Die große wirtschaftliche Herausforderung für eine Gesellschaft der Sozialen Moderne ist die Umorientierung auf Produktionsweisen, die im Hinblick auf die kommenden Generationen die sozialen Kosten der gewordenen Vernichtung von Natur- und längst auch Wirtschaftsgütern vermeidet. Dies ist die neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts&lt;/i&gt;. Man fühlt sich an grüne Ideen erinnert (selbstverständlich haben die Grünen kein Exklusivrecht für Lösungen von Umweltfragen): &lt;i&gt;Grundlegend für die Soziale Moderne ist daher ein Wechsel von nicht erneuerbaren zu erneuerbaren und schadstofffreien Ressourcen.&lt;/i&gt; Was dann folgt, kann man fast schon als politische Sonntagsrede bezeichnen: &lt;i&gt;Das Projekt der Sozialen Moderne setzt auf das Potenzial aller Menschen, auf ihre Qualifizierung und ihre Sozial- und Demokratiefähigkeit. Dazu gehören: realisierte Lerngleichheit und eine Bildung, die Menschen befähigt, eine komplexe Welt auszuhalten, zu begreifen und trotz aller Wechselfälle der Wirtschaft ein sinnvolles und selbstbestimmtes Leben zu gestalten. Statt einer nur auf unmittelbare wirtschaftliche Verwertung fixierten Ausbildung geht es um eine zeitgemäße und umfassende humanistische und technische Bildung. Das vorrangige Bildungsziel muss es sein, Menschen die Möglichkeit zu vermitteln, aufgeklärte und selbständig denkende Subjekte zu werden, die alle ihre Fähigkeiten entwickeln können. Das verbietet die Frühauslese, und es gebietet, unabhängig von der sozialen Herkunft der Kinder vielfältigen Begabungen ihre Entfaltungschancen zu geben.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein plausibler Wurf gelingt Ypsilanti nicht, zu oft vermisst man Konkretes und Klarheit, zu oft hat man den Eindruck von blitzenden Formulierungen getäuscht zu werden. Der Text ist wohl symptomatisch für die SPD und die Volksparteien im Allgemeinen: Deutliche Konturen sprechen nicht alle Wähler an, versucht man &quot;farbiger&quot; zu werden und auch andere &quot;Klientel&quot; zu umwerben (wie Ypsilanti) wird man dem politischen Konkurrenten immer ähnlicher und für den Wähler ist es letztlich gleichgültig wem er seine Stimme gibt - man bleibt zu Hause. Ypsilantis &quot;Distanzierung&quot; von der Linken (&lt;i&gt;Es unterscheidet sie [die soziale Moderne] auch von einer Linken, die Veränderungswillen behauptet, aber neue gestalterische Entwürfe für überflüssig hält.&lt;/i&gt;), und ihre pragmatische Neudefinition von &quot;links&quot; (&lt;i&gt;Die hier skizzierte Soziale Moderne ist das politische Projekt, das auf die Tradition und die anzustrebende Zukunftsrolle der sozialdemokratischen Parteien zugeschnitten ist. Es verknüpft die alten und die neuen sozialen Fragen in undogmatischer Weise und es definiert den Begriff links neu.&lt;/i&gt;) leisten den von ihr selbst diagnostizierten Problemen Vorschub.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die CDU ging den Weg voraus, die SPD folgt. Den Wähler wird der &quot;neue Pragmatismus&quot; nicht auf Dauer &quot;fesseln&quot; können. Nur: Wie entkommen  die Volksparteien dem Dilemma?
&lt;p style=&quot;margin-top: 2%; margin-bottom: 2%&quot; align=&quot;center&quot;&gt;* * *&lt;/p&gt;
*Zitate aus dem Grundsatzpapier sind kursiv gesetzt.</description>
    <dc:creator>Metepsilonema</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://begleitschreiben.twoday.net/topics/Innenpolitik&quot;&gt;Innenpolitik&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 Metepsilonema</dc:rights>
    <dc:date>2008-03-19T11:12:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4780358/">
    <title>Götz Aly: Unser Kampf 1968 - ein irritierter Blick zurück</title>
    <link>http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4780358/</link>
    <description>&lt;img title=&quot;Goetz Aly   Unser Kampf 1968&quot; height=&quot;240&quot; alt=&quot;Goetz Aly   Unser Kampf 1968&quot; width=&quot;240&quot; align=&quot;left&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;http://static.twoday.net/begleitschreiben/images/Goetz-Aly-Unser-Kampf-1968.jpg&quot; /&gt;Eine Philippika. Eine Anklage. Eine Selbstbezichtigung. Eine kalkulierte Provokation? Götz Alys &quot;Unser Kampf 1968&quot; (im Schmutztitel: &quot;Unser Kampf 1968  ein irritierter Blick zurück&quot;) kommt vor allem auf den ersten Seiten mit schier atemlosen Furor daher. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist von &lt;i&gt;luxorierenden Jugendexistenzen&lt;/i&gt; die Rede, die bis ins hohe Alter ihre Mythen pflegen. Oder vom &lt;i&gt;Parasitenstolz&lt;/i&gt; einer Generation, die &lt;i&gt;ihre revolutionsselige Sturm- und Drangzeit als Geschichte einer besseren Heilsarmee&lt;/i&gt; verklärt und sich noch heute rühmt, seinerzeit Sozialhilfe erschlichen zu haben. Che und Meinhof als Maskottchen eines &lt;i&gt;Sentimentalstalinismus&lt;/i&gt;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Anfang zerpflückt Aly mit polemisch-scharfen Wortkaskaden das mythische Geraune jener Altachtundsechziger, zu denen er sich selber zählt (und woran er keinen Zweifel lässt), die sich heute ein Ferienhaus in der Toskana gönnen, mit der ihnen eigenen, &lt;i&gt;selbstgerechten&lt;/i&gt; Hochnäsigkeit (allerdings grundlos) auf die DDR-Intelligenz hinunterschauen, die sie selber 1990 &quot;abgewickelt&quot; haben, um  endlich!  in den Genuss der seit langem ersehnten Pöstchen zu kommen: &lt;i&gt;Die verspielten Wohlstandsrevoluzzer hatten ihre Umsturzphantasien nie zur Tat werden lassen. Jetzt profitierten sie vom Umsturz der Anderen.&lt;/i&gt;Die untergegangene DDR konfrontierte die Achtundsechziger  nicht zuletzt mit ihren &lt;i&gt;marxologischen Formulierungen&lt;/i&gt; - an vergangene Zeiten, die sie für sich schon längst überwunden hatten. Die Westlinken waren &lt;i&gt;angeekelt&lt;/i&gt; von diesem déjà-vu ihrer eigenen Unzulänglichkeiten. &lt;i&gt;Die Ostdeutschen hielten den Spiegel parat, in dem sie [die Westlinken], falls sie nicht einfach wegsahen, vor allem eines erkennen mussten: den totalitären Charakter ihrer früheren Weltanschauung.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Aly mittendrin&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Autor hat wenig Schmeichelndes für die altgewordenen Salonlinken übrig, die ihre politisch-gesellschaftlichen Gesinnungshavarien als Kollateralschäden eines revolutionären Rebellentums idyllisieren und &lt;i&gt;Terrorgruppen wie die RAF oder besonders unsympathische Einzelpersonen wie Andreas Baader heute als Sündenböcke&lt;/i&gt; benutzen, &lt;i&gt;mit deren Hilfe von den eigenen Schandworten und taten abgelenkt wird&lt;/i&gt; (bei dieser Gelegenheit erfahren wir, dass Aly einmal eintausend Mark &quot;gewaschen&quot; hat). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hat natürlich mit dem &lt;a href=&quot;http://www.stefan-niggemeier.de/blog/kai-diekmann/&quot;&gt;pomadigen und unhistorischen 68er-Bashing eines Kai Diekmann nichts zu tun.&lt;/a&gt; Aly verurteilt die insurgenten Umtriebe an sich nicht  deutlich schildert er die drohenden Erstarrungen des restaurativen Geistes der Adenauer und Erhard-Zeit und erkennt sehr wohl die Notwendigkeit politischen und gesellschaftlichen Umdenkens. Was jedoch vehement bestritten wird, ist die epochale Veränderung, die im Nachhinein  und nicht ohne Zutun der Protagonisten (und der Gegner  man sieht das exemplarisch an Diekmann)  den Achtundsechzigern zugeschrieben wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Dekonstruktion wird auf drei Ebenen simultan vorgenommen: Erstens wird aufgezeigt, welche gesellschaftlichen und politischen Veränderungen seit der Grossen Koalition 1966 und erst recht mit der sozial-liberalen Koalition 1969 angestossen wurden (wobei der Fokus nicht auf die seinerzeit so vehement bekämpften &quot;Notstandsgesetze&quot; gerichtet bleibt). Desweiteren zeigt Aly die autoritären und antidemokratischen Strukturen innerhalb der revolutionären Gruppen (hauptsächlich deren Wortführer) auf und deren Immunität totalitärer Umtriebe (und Ideologien) gegenüber und zum dritten beschreibt er seine damaligen persönlichen Aktionen und analysiert diese lakonisch und unsentimental.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immer wieder flechtet Aly seine Handlungen, Motivationen, Denkrichtungen  und die damit einhergehenden Desillusionierungen ein (als er dann zweifacher Vater war, hiess es lapidar, Revolution könne man nicht mit Kindern machen). In dem Kapitel über den fahrlässig-verklärenden Maokult der Linken stellt er sich die Frage, die diese Generation  der Legende nach - ihren Eltern gestellt hatte: Warum habt ihr das nicht gewusst? Und da Aly Zeitzeuge ist, stellt er fest: Man konnte es wissen  problemlos. Und dabei rehabilitiert er bei dieser Gelegenheit den Politikwissenschaftler Jürgen Domes (der am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin lehrte  der Uni, an der auch Aly studierte), der schon sehr früh die Schrecken der Kulturrevolution benannte, als die Mehrzahl diese noch als emanzipatorischen Akt feierten (und Domes als Reaktionär denunzierten).   &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Gartenlaube für gehobene Stände&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aly seziert die Rhetorik von Dutschke et. al., referiert über die Zirkelschlüsse der &quot;Rätedemokraten&quot;, stürzt sich mit lustvoller Destruktion auf das seinerzeit so sakrosankte &quot;Kursbuch&quot; welches er als &lt;i&gt;eine Art Gartenlaube für die gehobenen Stände der Neuen Linken&lt;/i&gt; apostrophiert, zitiert (zugegeben) blöde Gedichte von Peter Schneider und F. C. Delius, geisselt Enzensbergers Kommunismus- und Maohymnen, prangert die Worthülsen der SDSler an, jongliert mit deren rhetorischen &lt;i&gt;Kampfbegriffen&lt;/i&gt; und beschreibt die Karriere und Transformationen der &lt;i&gt;Mao-KPDler&lt;/i&gt; seit Ende der 70er Jahre. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ist gekonnt, pointiert und wird durchaus auch argumentativ vorgetragen. Und weil Aly (unter anderem) Zugriff zu den Bundesarchiven des Innen- und Justizministeriums, des Kanzleramts und auch des Bundesamts für Verfassungsschutz bekommen hat und hier aus dem Vollen schöpfen kann, gibt es auch einige neue Erkenntnisse, insbesondere was interne Schreiben in den Regierungsbehörden angeht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So zeigt der sogenannte &quot;Staritz-Bericht&quot; über ein konspirativen Treffen an zwei Tagen im Juni 1967, an dem ein sogenannter &lt;i&gt;&quot;Machtergreifungsplan&quot;&lt;/i&gt; von Dutschke, Semler, Peter Schneider, Bernd Rabehl (der heute ein Freund der NPD ist), Wolfgang Lefèvre und einigen anderen entworfen wurde, eine gewisse Kreativität. Man strebte mit West-Berlin (dem Zentrum der &quot;Bewegung&quot;) tatsächlich eine Sezession in Form eines Freistaates  nach dem Muster Hongkongs an (ein &lt;i&gt;&quot;Stadtsowjet&quot;&lt;/i&gt; sollte implementiert werden). Ferner plante man, in einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren eine Massenbewegung zu formieren, die das bestehende System der Bundesrepublik sukzessive unterwandern sollte. Der Plan dokumentiert exemplarisch die latent totalitäre und antidemokratische Haltung 