Der Balken im Auge der Journalisten

Eigentlich wollte Petra Gerster in der "heute"-Sendung vom 05.11.09 zeigen, wie "dramatisch" die Einbrüche bei den Steuereinnahmen sind. Da jedoch bei Kategorien von 500 Milliarden Euro und mehr die Relationen schwer vermittelbar sind, schritt man zur hyperdeutlichen Graphik, in der die Balken nur ab 500 Milliarden gezeigt wurden:

heute-steuerschaetzung
Zwar stimmen die Zahlen – aber die Proportionen sind vollkommen falsch. Der Balken, der die Mindereinnahmen aufzeigen soll, umfasst gut 50% des Gesamtbalkens. Dem oberflächlichen Betrachter wird suggeriert: Die Steuereinnahmen halbieren sich.

Die "tagesschau" versteht dieses falsche Bild noch zu überbieten. Hier ist der Balken von 511 Milliarden im Verhältnis zu den 524 Milliarden links biel zu klein:

tagesschau steuerschaetzung

Aber was macht das schon? Hauptsache, man hat wieder schön mit Diagrammen gespielt. Das diese nicht stimmen, fällt ja nicht weiter auf. So ist Qualitätsjournalismus im Jahr 2009.

Der trauernde Affe

Da unser Rückflug sich verzögerte, hatten wir, Vater und Sohn, unverhofft ein paar Stunden Zeit und gingen in den Berliner Zoo. Während Noam um die Habitate exotischer Tiere strolchte, saß ich da und schaute den gefangenen Affen zu. Alle sprangen lebhaft und verspielt von einem Ast zum anderen. Mit einer Hand hielten sie sich fest, streckten die andere nach dem nächsten Ast aus und hangelten sich weiter. Ein Affe saß allein abseits und mischte sich nicht unter die anderen. Ich erkundigte mich bei einem vorbeigehenden Tierpfleger, was das hier habe. "Er ist anders", antwortete er. "Er kann nicht klettern, weil er Angst hat, den Ast loszulassen. Wenn man sich mit beiden Händen an dem Ast festhält, kann man nicht klettern. Das ist sein Schicksal. Er sitzt den ganzen Tag auf dem Boden wie ein Trauernder, der vom Leben um ihn herum isoliert ist."

Aus "Hitler besiegen" von Avraham Burg [Seite 28] – einem Buch, dass es hier noch ausführlich zu besprechen gilt.

Wolfgang Hermann: Konstruktion einer Stadt

Wolfgang Hermann Konstruktion einer StadtVielleicht steht es einfach zu früh dort – in dieser kurzen, kursiv gesetzten Einleitung: Dieses Buch sei im Bauch von Berlin geschrieben worden als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war. Es handele sich um Protokolle des Verlusts, so der Autor. Vielleicht hätte aber dem Leser der Untertitel "Versuche" zu diesen "Konstruktion einer Stadt" zunächst einmal genügt; die Spuren, dass hier aus einer vergangenen Zeit erzählt wird (abgesehen von zwei Exkursen: einem fast restaurativ anmutenden Idyllenszenario, stark erinnernd an die Emmanuel Bove-Welt beispielsweise aus "Meine Freunde" oder "Armand", und, ziemlich am Anfang, einer kruden Weltapokalypse) hätten sich wenn nicht sofort, so doch im Erzählten langsam ergeben. So lehnt man sich zurück und staunt ob dieser so unendlich fern liegenden einundzwanzig (?) Jahre, in der hier noch einmal eine Großstadt aufscheint (viel mehr als diese Großstadt dann diese Zeit). Wie fast niedlich dieses mobilfunklose Treiben da plötzlich erscheint, obwohl die "Protokolle" des Erzählers auch damals schon kein Glück in den Gesichtern der Fußgänger, Nachtschwärmer, Nachmittagsspaziergänger, Voyeure, Barmänner, Trainingshosenträger, Betrunkenen und/oder Beschäftigungslosen entdecken.

Hermann schreibt in einer expressiven Einleitung vom welken und stummen Leben der Städter (und setzt dabei Städter unterschwellig als synonym für den [post-?]modernen Menschen), deren Poren verstopft sind. Sie wagen sich nicht aus ihren kleinen Häusern, denn Sterben vor Angst, das ist Gesetz. Lieber Maus sein als einmal freien Wind atmen. Und sie fragen 'Warum bin ich hier', sie verstehen nicht, aber es muss etwas mit Gott zu tun haben, dem namenlos Beispielgebenden. Und sie übertreiben, um das Maß wiederzufinden. Da ist es folgerichtig, dass, wenn die Intervalle der Ampeln für Fußgänger zu kurz sind, diese sich einander anrempeln. Die Gesichter der Vorübergehenden sind ganz eingenommen von der Rauheit und Hektik dieser Zone, Blitze anstelle von Blicken, Gemurmel, Wortfetzen. Und sosehr sich die Gehenden auch fragten, wer sie waren, es blieb ihnen dunkel.

Wolfgang Hermann   c Sissi FarassatSo changiert Hermann nicht nur vom essayistisch-philosophischen ins Beschreibende, dann ins mäandernd-erzählende und wieder zurück – sondern variiert auch Sprache und Perspektive. Mal ist der Erzähler jemand, der einen Freund in der Stadt besucht, dann ein Briefeschreiber, ein Gartenbesucher oder ein Tag- oder Nachtträumer. Dies neben Beobachtungen eines im Hintergrund agierenden Voyeurs, nein, besser: Schauers. Hermanns Buch verblüfft ob seiner Vielschichtigkeit; fordert den Leser heraus.

Klar ist, dass es sich nicht um typische (profane) Stadt- bzw. Flaneurprosa handelt. Zu intensiv diese Kontraste zwischen Expression und Impression, zwischen Beschreibung und epischem Notat, zwischen Hyperzeitlupenverdichtung und ratterndem Bildergewitter. Hermann widersteht dabei sowohl der Versuchung, die Figuren mit einem künstlichen Exotismus zu überzuckern (und damit einer gewissen Putzigkeit auszuliefern) als auch der Gefahr, in eine verbissene, kulturkritisch-soziologische Attitüde zu verfallen. Es bleibt immer möglich, dass wir uns plötzlich wir selber in einem Hermann-Bild stehen sehen. Unweigerlich assoziiert der Leser irgendwann "Paare, Passanten" von Botho Strauß oder wird an Peter Handke erinnert, etwa bei dieser sehr schönen Miniatur über Flipperspieler (übrigens auch eine Relikt-Erzählung).

Obwohl Hermanns Impressionen überwiegend aus sonnenlosem Herbst (der Zeit, in der man längst vergessene Freunde wiedersieht) und dunklem Winter heraus erzählt werden, handelt es sich nicht um pseudo-melancholische Trübsinnsprosa. Zwar gibt es gelegentlich ganz schön viele Krähen nebst passendem Nebel. Aber in den (zahlreichen!) gelungenen Szenen findet man wunderbare Bilder, etwa wenn die langgezogenen Gesten und Blicke der letzten Versprengten derer notiert werden, die aus einer Bar frühmorgens wie aus einer anderen Welt schauen. Oder wie mit einem Mal ein Flaneur die Gesichter der Gehenden versteht und alleine durch sein Anschauen bei den Passanten Reaktionen erzeugt. Oder die brütende[n] Gestalten am Tresen der Bar und in einem Winkel ein übernächtigtes verirrten Paar das flüsterte (man möchte wissen was, aber der Erzähler bleibt diskret).

Oder wenn von einer bloßen Beschreibung plötzlich ein Raum entsteht, wie zum Beispiel im Zoo, der Elefant, an hinter- und Vorderfüßen angekettet, wippt er nach vor und zurück. Er ist alt wie Stein. Vor den Augen der Zoobesucher wird er niemals sterben. Er schließt seine Augen, den Ort des Sterbens zu suchen. Oder die frisch Verheirateten, die sich, so der Erzähler, nach dem ersten Glück irgendwann in einem nichtssagenden Hotelzimmer streiten werden und dann beschämt und schweigend an einem Tisch im Restaurant sitzen, einander ansehen, aneinander vorbeisehen. Das Leben wird weitergehen… Oder, oder, oder (aber leider gibt es auch einige wenige Szenen, in denen Hermann seinen Bilder nicht zu trauen scheint, ihnen einen Vergleich zur Seite stellt [mit einem ominösen wie einleitend], der dann seltsam matt wirkt und die Stimmung fast abzutöten scheint).

Blind davon, dass ich alles zugleich sehen will - so heißt es bei einer Erzählung der Gärten. Blind werden vom Schauen – als Gefahr. Natürlich kein unbekannter Topos in der Literatur: Die Fülle der Augenblicke auszuwählen, zu bündeln, zu erzählen – und vorher vielleicht an ihr zu verzweifeln. Pathetisch wird Hermann dann manchmal, ein bisschen zu pathetisch vielleicht.

Gleichwohl: "Konstruktion einer Stadt" ist ein kleines und feines Büchlein eines hochtalentierten Autors mit großem Sprachgefühl. Zwar wirkt es gelegentlich ein bisschen überinstrumentiert, aber imponierend ist der große Ernst, mit dem Wolfgang Hermann erzählt. Und damit sind diese "Versuche" Balsam für den durch Zyniker und Witzbolde in der zeitgenössischen Literatur geschundenen Leser.

Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Rainald Goetz: loslabern

Rainald Goetz loslabernLOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!... Eine große (großspurige?) Eröffnung. Dann: "loslabern" als ethischer Akt. Als neue Diskursform im Habermasien der Nullerjahre? Und natürlich auch gleich die "passende" literaturhistorische Selbsteinstufung: Ein richtig losgelaberter Text würde seine, dass man aber dann, ohne sich dabei zu unter; Finsternis: Steuer, Erwachsenenleben, Verantwortung, Einsicht, Vernunft; ENDHÖLLE. Verstanden? Nein? Macht nichts. "loslabern" ist eben auch zwangloses bzw. -haftes Absondern. (Das aber glücklicherweise eher selten.)

Vom Größenwahn wechselt Rainald Goetz dann bisweilen ins theatralische und geriert sich auch schon mal als der Gefangene. Aber tröstend für den Leser: Er meint wenig in diesem Buch wirklich Ernst. Hinter diesen Textkaskaden steckt (zu) oft (zu) wenig. Nur ab und an ist das anders, etwa wenn er Schirrmacher vorhält, die Seriosität des (FAZ-)Feuilletons drohe nachzulassen. Dann blitzt die Angst des Kindes hervor, seine Spielwiese zu verlieren. Denn Goetz weiß sehr wohl, was er an seiner Spielwiese hat.

Mit Wortkreationen wie Eitelkeitsimplikationen, Geistesabtötungeffekt, Kitschreaktionärheiten (über Botho Strauß), Unterschichtenschmutz (Privatfernsehen) hat sich Goetz wohl endgültig in den Thomas-Bernhard-Himmel geschrieben. Das bedeutet nicht, dass er ein simpler Bernhard-Epigone wäre oder einfach nur die (späten) bernhardschen Weltbeschimpfungen kopiert. Goetz gelingen Momente, die durchaus eine eigene Stimme erkennen lassen (zumal er der spielerischere Autor ist - im Gegensatz zum austriakisch-bärbeißigen Vorbild [ja, Vorbild]). Und die in taumelnden Textsuaden eingeflochtenen kurzen, jeweils nur wenige Seiten langen Erzählungen (Theologisches Konvikt und 1918) sind tatsächlich kleine Perlen.

Amüsantes vom Feuilleton-Groupie

Dennoch kommt einem das Handke-Wort vom "Witzel" in Bezug auf den späten Thomas Bernhard in den Sinn (Handke verehrte die frühe Prosa Bernhards), wenn man nun diese Klatsch- und Lügengeschichten eines doch arg nervösen Feuilleton-Groupie liest (Goetz spielt damit, seinen Schilderungen erfundene Passagen hinzuzufügen und sie dadurch zu literarisieren). Dabei ist das alles durchaus amüsant (insbesondere wenn man den jeweiligen Kontext kennt, d. h. mindestens FAZ-Leser und Fernsehzuschauer ist; die regelmäßige Perlentaucher-Lektüre schadet auch nichts).

Auf scheinbar jeden "labert" Goetz ein (der Leser merkt nicht immer sofort, ob es sich um innere Monologe oder reale Dialoge handelt). Es ist die Kassiererin an der Supermarktkasse, der Zeitschriftenverkäufer (der ihm 15 Cent Wechselgeld in 1-Cent-Stücken zurückgibt) oder eben die Crème-de-la-Crème des deutschen Feuilletons, die hier durch den Textmahlstrom gezogen wird. So wie Frank Schirrmacher (dessen Artikel im Herbst 2008 er als durchgeknallt bezeichnet und im Gespräch auf dem FAZ-Herbstempfang maßt sich Goetz unvermittelt an, ihn einfach zu bitten, wegzugehen), Don Alphonso (der umschmeichelt wird), Christian Kracht (über dessen zweites Buch er verzweifelt), Peter Sloterdijk (dem mal eben die Welt erklärt wird [peinlich]), Joachim Lottmann (vor dem er sich sogar fürchtet) oder Daniel Kehlmann (der wie einen Streber-Schuljunge abgekanzelt wird). Von Ferne beobachtet er auch Kai Diekmann (Goetz' wilde Assoziation: Diekmann benutze als Haargel das Scheidensekret von Lady Bitch Ray), Broder; Diekmann und Broder ("Arte"-Film!), Nils Minkmar (der Sonderbeauftragte für Brandbeschleuniger beim ZK der FAS), Middelhoff (Achtung: Namenswitze), Döpfner, Stuckrad-Barre (obwohl Springer-Kolumnist mit aufmunternden Worten versehen).

Es gibt auch Reminiszenzen zu Martin Walser, Enzensberger, Bernhards "Preise" (er rubriziert es als schwächeres Werk im Œuvre ein), zur Tellkamp-Lektüre vom "Turm" (dazu einige grottenfalsche Lesarten, etwa wenn er Ostrom in Tellkamps Roman einem realen Ort zuordnet oder suggeriert, ein Verteidiger des DDR-Scheißstaat[es] könnte sich auf dieses Buch berufen – obwohl durchaus konzediert wird, dass Tellkamp die Atmosphäre der DDR treffend schildert). Oder einen Spontanvergleich über Berliner Schnoddrigkeit und Münchner Freundlichkeit. Die Verfilmung von Austs "RAF"-Buch (Drecksfilm). Joachim Kaisers Totaltraurigkeit zum 80. Geburtstag-Interview in der SZ (und wie sonst nur selten spricht einem da der Autor aus der Seele). Haiders Unfall und das Autowrack als Kunstwerk. Und natürlich die sich anbahnende "Finanzkrise" (nebst Lehman-Pleite) – es gibt fast nichts, was im Herbst 2008 en vogue war und sich nicht in diesem Buch bearbeitet findet (inklusive der Reflexionen, die wiederum nur Reflexionen auf frühere Reflexionen sind, wie etwa über Schleef und dessen Theaterkunst, Handkes letzten Satz aus "Wunschloses Unglück" oder den schlechte[n] Schriftsteller Alfred Döblin, diesen Ödnisproduzent[en]). Gegen Ende vermisst man intuitiv dann doch einige(s) und fragt sich warum.

Affirmation von Tratsch und übler Nachrede als Kunst, so referiert Goetz einmal in einer Suada über Döpfner – aber der Leser hat unvermittelt einen Anhaltspunkt, wie er die vorliegende Prosa charakterisieren könnte. Dabei sind manche dieser Reflexionen von luzider Kraft, etwa wenn er über die Jahre der Schröder-Kanzlerschaft sagt: Nur in den rot-grünen Jahren gab es kurz einmal den Versuch einer direkten Affirmation der Macht, und man konnte an Schröders Beispiel gut sehen, dass sogar in der Politik der Wille zur Macht so direkt nicht affirmiert werden darf, weil die Macht sich mit dieser Selbstaffirmation selbst gefährdet, sogar selbst zerstören kann. Leider wendet sich Goetz dann wieder seinem Gesprächsgast zu, statt diesen belebenden Gedanken weiter auszuführen.

Qualitätsjournalismus und Diskursirrsinn

Gelungen die historische Allegorie zum aktuellen Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft. Seit Jahren, so Goetz, wird der Politik die Vorrangstellung von der Wirtschaft streitig gemacht (was – unüblich in diesem Buch – sehr zurückhaltend formuliert ist). Diesen Kampf zwischen Politik und Wirtschaft um den gesellschaftlichen Spitzenrang sieht er nun parallel zur historischen Konfrontation zwischen Kirche und Reich, Papst und Kaiser in den zurückliegenden Jahrhunderten. (Da erinnert man sich dann an seinen Geschichtsunterricht.)

Zum Qualitätsjournalismus führt Goetz kurzerhand eine Art "Beweislastumkehr" ein: Mehr denn je war…die öffentlich zugängliche Information in einer solchen Massenhaftigkeit, Zugänglichkeit und Unüberblickbarkeit zugänglich, dass das Problem intellektueller Qualität, also auch das Problem für den Qualitätsjournalismus, längst umgekippt war aus dem Bedarf an Information in das Gegenteil, in Bedarf an Nichthaben von Information… Zu Recht merkt er an, dass 90 Prozent der überall wichtigtuerisch weitergeflüsterten Hintergrundinformationen…totaler Sozialmüll, Unsinn, Jauche seien, die auch dem Qualitätsjournalismus viel zu oft das Hirn viel zu sehr überschwemmt. Demnach bestünde Qualitätsjournalismus durchaus (oder gerade) auch im Nicht-Melden allzu banaler und/oder lächerlicher bzw. ungeprüfter, einfach nur abgesonderter "Informationen". (Eine mehr als zutreffende Einschätzung, wie man beispielsweise aktuell an der lachhaften Pseudo-Berichterstattung der sogenannten Qualitätsmedien zu den Koalitionsverhandlungen sehen kann.)

Und wenn Goetz richtig wütend und dabei genau ist, dann ist die Lektüre tatsächlich mehr als nur amüsantes Plaisir. Etwa, wenn er aus Anlaß der Finanzkrise gekonnte Medienkritik betreibt und den kompletten Diskursirrsinn konstatiert, der die gesamte Presse, besonders aber die Feuilletons, und unter denen am allerheftigsten natürlich gerade auch wieder das allerhysterischste, das der Faz, befallen hatte, wo jetzt in mehr oder weniger täglich erscheinenden Artikeln die Revolution ausgerufen wurde, die morgen gleich über uns hereinbrechende REVOLUTION vorhergesagt wurde, Revolution, egal eigentlich von was und wofür, Revolution aber auf jeden Fall täglich angefragt und angemahnt wurde […] und jeder von uns Schriftstellern musste, das war in diesen Wochen Pflicht, per Artikel oder Interview das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen verkünden, das neu heraufkommende Zeitalter der Vernunft ankündigen, das jetzt im Zusammenbruch der Irrsinnigkeiten des Kapitals sichtbar werden würde […] je besser bezahlt der Feuilletonredakteur, umso radikalantikapitalistischer der Neoantikapitalismus, umso orthoorthodoxer der Basalmarxismus, es war in der gesamten Öffentlichkeit kurz eine Stimmung wie früher in der Alternativkultur, Wirgefühl, Gruppendruck, Unsinnsparolen und richtiger Lügen natürlich auch, mit dem unangenehm modischen Triumpfgefühl, es immer schon gewusst zu haben, aber links ist nicht nur mit den Schwachen im Sozialen, links ist im Diskurs manchmal auch kurz da, wo eine Wahrheit schwach ist aktuell…

Baby Schimmerlos mit lichten Momenten

Da ist dann doch dieser Hang auf der richtigen Seite stehen zu wollen (was er den anderen vorwirft). Unter diesem Konformismus büßt Goetz' Denken dann an Schärfe ein; es wird eindimensional und leicht auszurechnen. So lehnt er natürlich ganz "korrekt" den Nationalstaat ab (besonders heftig sein Ekel vor den Schleimer[n] und Mitmacher[n] der nur so tropfenden, so fürchterlich gewesenen mittleren Nullerjahre hier in diesem DEUTSCHLAND VERRECKE usw, Grausigkeitstiefstpunkt war der WM-Sommer 2006 gewesen), während er den Wohlfahrtsstaat selbstverständlich bejaht (angekotzt ist er von einem ein Buch mit der Kapitelüberschrift "Warum ist der Staat überhaupt notwendig"). Über die Ambivalenz dieser beiden Einstellungen ist sich Goetz (wie viele andere Intellektuelle) gar nicht im Klaren.

Nicht nur hier seufzt der Leser ob des Privilegs eines nicht argumentieren müssenden Buches: Man erklärt es ganz schnell zur Literatur, damit man die Inkonsequenzen nicht erläutern muss. Widerspruch ist in diesem Konzept nicht nur nicht vorgesehen, er ist sinnlos. Oder warum (und vor allem: wie) sollte man widersprechen, wenn beispielsweise Gorbatschow zum etwa drittwichtigste[n] Mensch des 20. Jahrhunderts apostrophiert wird, nach Lenin und Hitler und wohl sicher vor Stalin?

Eindeutig leidet darunter das, was man Seriosität des Autors nennen könnte (ein Begriff, den Goetz voraussichtlich in drei Sätzen à je zweieinhalb Seiten aufs Schärfste als Unfug abtun würde). Aber es gibt auch gewollt komische Passagen in diesem Buch, wenn der Autor beispielsweise eine Art Fehlersuchspiel entwirft:

Giovanni di Lorenzo, Die Zeit […]
Helmut Markwort, Focus […]
Gerhard Steidl, Steidl-Verlag
Elke Heidenreich, Spinat


Oder wenn er launig die sieben großen "W" des Journalismus aufzählt:
wer? // was? // wie? // wo? // wann? // warum?

Bei aller Albernheit: Goetz versteht sich (seit "Abfall für Alle") als Chronist (inzwischen der perversen Nullerjahre). Und dies macht er rebellisch-posierend, bernardesk-wütend in einer Mischung zwischen Baby Schimmerlos des FAZ/taz/SZ/Spiegel/Zeit-Feuilletons und eines "écriture automatique"-Adepten der 1920er Jahre.

Man vergesse jedoch nicht: Hier wird ein Schauspiel aufgeführt. Goetz ist natürlich längst nicht mehr das enfant terrible. Er ist "angekommen" und berichtet aus dem Zentrum des "Betriebs" und nicht von dessen Rand (auch das unterscheidet ihn beispielsweise von Bernhard). Man achte beispielsweise darauf, wen er nicht erwähnt. Es gibt bei ihm auch keine "Entdeckungen", keine "Außenseiter"-Sichten. Er stiftet keine "Diskurse", er nimmt sie nur auf, spinnt sie teilweise in Absurde aber manchmal gelingen ihm dabei belebende Ideen. Seine Kreativität ist dennoch auf die Re-Aktion beschränkt. Goetz' "loslabern", Teil eines großen Projekts, sind Aufzeichnungen, die den am Feuilleton interessierten Leser ein bisschen eine Schlüssellochperspektive suggeriert. Wie lange die Kraft dieser Beobachtungen attraktiv bleibt, ist fraglich. Der Chronist der Nullerjahre scheint manchmal mit eher kurzer Lebensdauer zu berichten. Aber vielleicht irrt der Leser da und in zwanzig Jahren sind diese Bücher kanonisiert. Mindestens werden sie den dann noch lebenden Zeitgenossen als Erinnerungsstützen dienen.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch

Die unzähligen Pfade des Sterbens

Wie kann man die Frage über die Rechtfertigung von Sterbehilfe beantworten? Wie kann man akzeptieren, dass auch schon Kinder manchmal sterben müssen? Wie kann man verstehen, dass jemand noch in der Blütezeit des Lebens den sogenannten Schnitter trifft?

Keiner kann Antworten darauf geben. Man kann nur vermuten, denn die Wahrheit liegt, falls es überhaupt eine gibt, hinter vielen Fassaden und Trugbildern verborgen, und der größte Schleier vor unseren Augen ist der der Unwissenheit und des ewigen Schweigens. Jede Spekulation in diese Richtung, jede noch so begründete Annahme ist, wie, wenn man in einem großen kreisförmigen Saal steht, und von diesem in alle Richtungen Gänge abgehen, und diese mit Vorhängen verdeckt sind. Schiebt man einen Vorhang beiseite, so sieht man nichts als Dunkelheit und setzt man auch nur einen Fuß hinter die Schwelle der Finsternis, so geht man damit bereits das Risiko ein, in die Schluchten des Irrtums zu fallen. Man kann warten, bis sich die Vorhänge von selber öffnen, man den richtigen Weg geweist bekommt, doch dann ist es meistens bereits zu spät, noch aus eigener Kraft umzukehren. Ein freiwilliges Gehen, in zweierlei Hinsicht, kann dann nicht mehr erwartet werden. Schwerwiegendes Wehklagen und Jammern sind dann der Preis für eine geringe Risikofreudigkeit. Sollten wir dann nicht lieber selbst den Weg der Wahrheit suchen? Je eher wir wissen, welchen Pfad wir später einschlagen müssen, desto besser können wir uns auf die Reise vorbereiten. Wir haben immerhin das Licht unserer Vernunft, welches uns wenigstens einen kleinen Teil der Dunkelheit hinter den Vorhängen offenbart.
Warum also nicht?

Was macht den sterbenden Menschen aus? Ist der Tod nun wirklich der "Gleichmacher" oder ist er etwas anderes? Wenn ich diesen Begriff höre, denke ich immer unwillkürlich an einen Scharfrichter mit einer Axt. Wenn alle Fäden wirklich in einem Punkt zusammenlaufen, kann es im Grunde doch nur einen Typus Tod geben, der sich nur unterschiedlicher Mittel bedient. Ist der Tod aber wirklich immer gleich?

Im Folgenden werde ich versuchen mich in die Rolle eines Sterbenden hineinzudenken. Ich bin mir im Klaren, dass es auch anders kommen kann, doch ich habe mich für die jeweils eine Variante entschieden. Ich denke außerdem, dass das eine gute Vorbereitung auf das eigene Ende ist, denn erst das Ende krönt das Werk als Ganzes, und dem Ende mit erhobenen Haupt und stolzer Brust entgegenzustehen, verleiht deutlich mehr Würde und Ehre.


Ich liege in einem Bett. Ich kann aber nicht mehr sagen, ob dieses Bett zu Hause steht oder im Krankenhaus. Was macht das auch schon aus? Bei meiner schweren Krankheit kann es sowieso keine Heilung geben. Im Krankenhaus läge ich dann doch nur auf der Palliativ-Station. Man würde eigentlich nur noch zusehen, wie ich hier langsam krepiere, ab und zu mir noch irgendwelche Medizin verabreichen, deren Wirkung ungefähr derer eines Placebos entspräche. Und ein Bett habe ich zu Hause auch. Nur diese seltsamen Schnüre und Schläuche nicht, und dazu dieses ewig monotone Piepen. Aber das hörte ich schon nicht mehr, als ich nur drei Wochen im Krankenhaus lag. Also, ich weiß nicht, wo ich gerade bin. Ich kann nichts sehen, kann nur noch begrenzt hören, und schon lange nicht mehr sprechen. Manchmal bemerke ich es aber dennoch, wenn jemand bei mir ist und mit mir redet. Seine Worte erscheinen mir wie Rufe auf einem großen Bergmassiv, ich glaube irgendein fernes Schreien zu hören, aber ich kann nicht ein Wort verstehen, es klingt so, als gingen die Rufe im tiefen Nebel des Schmerzes verloren.
Besitze ich eigentlich noch Ohren zum Hören? Ich kann sie nicht fühlen. Besitze ich eigentlich noch überhaupt einen Körper? Fast könnte ich meinen, mein Bewusstsein wäre bloß nur noch ein Programm auf irgendeinem Computer. Der Computer ist so fair und spielt mir wenigstens noch ein Gefühl der Schmerzen vor, damit ich nicht vollkommen den Verstand verliere in dieser scheinbaren Isolation.
Ich bin froh, dass der Schmerz so langsam nachlässt und ich freue mich darauf, wenn er endlich versiegen wird. Dann wird der Zeitpunkt kommen, wo auch der letzte Funken Erinnerung verloren gegangen ist, wenn der letzte Tropfen Blut vergossen worden sein wird, wenn ich das Schwert zu Boden lege und mich ergebe. Ich wünschte, ich wäre jetzt schon dazu imstande, doch ich habe nicht den Mut loszulassen. Was ist denn dann mit meinen Angehörigen, meiner Frau, meinen Kindern? Ich kann sie doch nicht einfach so im Stich lassen, ich spüre sie manchmal neben mir, und auch wenn ich nicht mehr hören und sehen kann, so spüre ich doch trotzdem innerlich ein Weinen und Schluchzen in ihren Gesichtern. Haben sie denn noch nicht begriffen, dass auch meine Zeit irgendwann abgelaufen ist?
Wenn ich so auf das Vergangene blicke, das mit Tag und Nacht vor den Augen vorbei flimmert, dann überzeugt es mich jeden Tag, jede Stunde, ja, sogar jede Minute, davon, doch endlich mit dem Leben abzuschließen. Ich habe viel erreicht in meinem Leben, die Natur hat mir jetzt ein Ende gesetzt, mein Körper ist unter dem hohen Druck des Alters schon zerbrochen, warum also sollte ich nicht endlich die Vergangenheit hinter mir lassen, und zu neuen Ufern aufbrechen?
Ja, endlich ist es soweit! Ich merke, wie der Schmerz endgültig aufgehört hat, welch ein süßes Gefühl das doch ist, viel schöner als jede Form der Freude! Meine körperliche Hülle werde ich nun entgültig abwerfen können. Aber was kommt dann?

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Ich fahre in meinem Auto gemütlich über eine Straße, es ist eine schön kurvige Straße an meterhohen Klippen. Es ist schon dunkel. Links die steile Felswand, rechts der Abgrund, davor noch eine dünne Leitplanke, die schon fast vom Angucken zerbricht. Ich weiß nicht, wie tief es rechts heruntergeht, ehe man auf das Meer trifft, aber soweit ich weiß, könnten das gut und gerne 50 Meter und mehr sein. Was bin ich doch froh, dass mein Auto noch funktionierende Scheinwerfer hat! Und hier auf der unbefahrenen Nebenstraße muss man auch gar nicht abblenden. Was wohl meine Frau und meine Kinder zu Hause machen? Das Arbeitsessen in einem Hotel am Strand war zwar an sich ganz angenehm, aber zu Hause ankommen, ist immer noch das Schönste am Tag. Man hat sich den ganzen Tag nur konzentriert, von morgens bis abends, und nun muss man auch noch auf die Straße mit ihren Kurven achten, was ist es da doch schön, wenn man endlich mal seine Frau in den Arm nehmen kann, und alle Anstrengungen und Mühen eines vergangenen Tages vergisst. Im Radio läuft wie immer nur schlechte Musik, und die Nachrichten dort sind auch nicht mal das, was sie einst waren. Besser, ich schalte es aus.
Verdammt, wo kommt denn auf einmal das Auto da vorne her! Und dieses helle Licht, hat der Suchscheinwerfer am Auto und hat er die Lampen zum Gebäudeanstrahlen gekauft?! Was war das für ein Ruckeln? Und für ein Krachen? Warum habe ich auf einmal das Gefühl zu schweben? Was geschieht hier mit mir?
Fragen über Fragen, die mir da in den Kopf schießen. Es ist so, als ob man sich im Krieg befindet und ganz unbefangen seinen Kopf aus der Deckung hebt; ehe man sich versieht, hat man etliche Kugeln im Kopf, die jeweils den stechenden Schmerz wieder auf einen neuen Höhepunkt treiben. Diese Fragen zermürben mich genauso. Doch mit einem Schlag löscht die Antwort, die Erkenntnis alle Zweifel, alle Fragen, einfach alles aus: Ich stürze mit meinem Auto die Klippen herunter!
Ja, diese Einsicht löscht wirklich ALLES aus. Und mit jeder Sekunde, die sie in meinem Kopf über allen Gedanken thront, werden mir immer mehr neue Bilder ins Gehirn geschossen. Sind sie wirklich neu? Ich kenne sie doch! Es waren all die verdrängten Gedanken, all die Erinnerungen, die ich irgendwann einmal abgelegt habe und sie für nichtig erklärte. Sie sind wohl doch nicht ganz so unbedeutend, wie ich dachte. Was habe ich damals nur getan, dass ausgerechnet MIR das geschehen muss?! Habe ich so sehr gesündigt? Mein Gott, beschütze mich! Auch wenn ich dich nicht immer sah, nicht immer an dich glaubte, du liebst doch alle Menschen, dann rette mich nur einmal, nur jetzt, ich werde umkehren und dich preisen, aber BITTE schenk' mir mein Leben!
Nichts geschah. Dieser Moment, ich glaube, er war kaum länger als wenige Sekunden, aber er erschien mir wie Minuten, wie Stunden, es ist schon erstaunlich zu welchen Höchstleistungen ich doch hier imstande bin, wenn ich das doch nur immer im Beruf wäre, dann würde meine nächste Beförderung...
NEIN! Ich kann nicht mehr an das Geld denken! Was bringt mir all der Mammon, wenn meine Familie unter meiner Abwesenheit leidet? So häufig in letzter Zeit blieb ich fast den ganzen Tag lang weg. Wie konnte ich nur vergessen, was wirklich wichtig ist im Leben?
Ich höre schon das Krachen der Karosserie, das Auto schlägt jetzt auf, ich spüre schon, wie mein Leib zerquetscht wird, erst die Beine, dann mein Rumpf und meinen Kopf spüre ich schon gar nicht mehr. Es ist aus. Für immer. Aber was kommt dann?

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Hier stehe ich, in der Hand die Klinge, um den Hals den Strick. Hier stehe ich, und es sind die letzten Momente meines wertlosen Lebens, ehe ICH SELBST dieser Farce ein angemessenes Ende bereiten werde. Ich habe niemals etwas erreicht, wenn ich nach Hause gehe, so sind da weder Frau noch Kinder, mein Arbeitsplatz ist mir neulich gekündigt worden, nun muss ich Auto und Haus verkaufen. Ich habe mein ganzes Leben lang nur auf Profit und Reichtum geachtet, jede Form des Glücks kam zu kurz, es zählte nicht eine Sekunde lang die Freude, wurden mir Angebote gemacht, so habe ich immer nur dem mit der höchsten Rendite zugesagt. Jetzt habe ich den Preis dafür: Ich gebe mir das einzigste, was mein Leben all die Zeit lang nur wert war, vollkommen unbeachtet der teuren Kleider an meinem Leib, oder der Autos, die mich an die unterschiedlichsten Orte trugen, oder meiner eigenen vier luxuriösen Wände, es zählt nur das nackte Leben, und das war nicht mehr wert als der eigene TOD.
Deswegen bin ich jetzt hier. Ich stehe auf dem dicken Ast im Apfelbaum hinterm Haus. Um meinen Hals befindet sich die raue Hanffaser ganz virtuos zu einem Knoten gewickelt, wie er sonst eigentlich nur bei Hinrichtungen üblich ist. Dafür ist dieser Baum hier mein ganz persönlicher Galgen! Und in der rechten Hand halte ich ein Messer, ein Küchenmesser der feinsten Art, seine Klinge ist mindestens 20 cm lang und aus rostfreiem Edelstahl. Falls ich mich zu den einen Schritt nicht traue, so kann ich wenigstens mir noch die Kehle oder die Pulsadern aufschneiden, oder ich bohre tief in meine Brust, um meinen kranken Herz den letzten Stoß zu geben.
Wenn ich so auf mein Leben zurückblicke, dann entdecke ich doch nur Schlechtes, von vorne bis hinten nur eine einzige Qual. Warum also sollte ich noch weiterleben wollen? Belasse ich die gelebten Jahre doch einfach bei dem, was sie sind, schließe mit ihnen entgültig ab, so wie man die Akten der vergangenen Fälle ins Archiv legt, so lege ich auch mein Leben einfach beiseite.
Nun habe ich die Wahl: Galgen oder Messer? Schritt oder Schnitt? Erhängen oder Abstechen? Ich führe die Klinge an meine Kehle. Sie ist furchtbar kalt, aber in ihr spiegelt sich mein Gesicht. Was für ein leidender und gequälter Gesichtsausdruck! Ich werf das Messer weg und erhebe mein rechtes Bein für das Finale. Nun verlagere ich mein Gewicht, stürze langsam vom Ast, wobei "stürzen" das falsche Wort ist, wohl eher "rutschen", dann falle ich ein kleines Stück. Die Schlinge zieht sich zu.
Da ich nicht sehr tief gefallen bin, zerbricht es mir nicht mein Genick, es schnürt mir nur den Hals zu. Die Luft bleibt mir weg, kein Blut strömt mehr ins Gehirn. In den letzten Augenblicken bevor mein Blick schwarz wird und alle Gedanken in die Leere stürzen, führt die Agonie noch ein paar Bilder vor mein inneres Auge. Bilder, die mich mit Freude erfüllt haben, die wirklich schönen Momenten angehört haben. Wie konnte ich sie nur vergessen? Jetzt, wo es kein zurück mehr gibt, wo ich nicht einmal mehr einen Schmerzensschrei äußern kann, da überkommt mich plötzlich Reue. Ja, ich bereue es, dass ich mir selbst den Tod geben wollte. Es gibt doch immer noch Hoffnung, selbst dann, wenn es für den Augenblick nicht so aussieht. Verdammt, wie konnte ich das nur tun? Und wo ist bloß das Messer, wenn man es braucht? Seltsame Farbenspiele huschen durch mein Blickfeld, erst ganz helle leuchtende Farben, dann immer dunkler, bis schließlich alles schwarz wird. Aber was kommt dann?

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Es war ein ganz normaler Arbeitstag. Ich habe gearbeitet wie immer. Es geschah nichts besonderes - wie immer. Meine Familie erwartet mich wie immer. Da bin ich also nun, habe mich gerade mithilfe meines Angestelltendienstausweises von der Arbeit abgemeldet, und bin nun auf dem Weg zur Tiefgarage. Unglücklicherweise ist der Aufzug kaputt, deswegen muss ich meine müden Beine durch das Treppenhaus quälen. Stufe für Stufe, Treppe für Treppe steige ich hinunter. Unglaublich, wie sehr ich mich freue, meine Frau und meine Kinder wiederzusehen. So in Gedanken versunken bemerke ich nicht, wie hinter einer Tür zu irgendeinem Geräteraum ein Augenpaar hervorlinst. Die Tür ist nur einen kleinen Spalt offen, doch was ich nicht weiß, ist, dass sie sich immer weiter öffnet und ein maskierter Mann mit einer Pistole zum Vorschein kommt. Als er anfängt zu brüllen, bemerke ich ihn. Unter seiner Maske, die er wohl aus einer Wollmütze hergestellt hat, wird fast jedes Wort verschluckt. Das einzige, was ich hören kann, sind Fragmente wie "Geld her" oder "gibt mir deine Dienstkarte". Ich schaue auf seine Pistole und ohne zu zögern gebe ich ihm meine Geldbörse. Verdammt, was da so alles drin ist...
Nicht nur Geld, sondern auch mein Personalausweis, mein Führerschein, meine Fahrzeugpapiere, sogar noch die Kinokarten für mich und meine Frau. Der Mann durchwühlt mein Portmonnaie, er scheint etwas zu suchen, was er nicht finden kann. Er fragt mich, wo mein Dienstausweis ist. Was heißt er fragt, er brüllt mich an. Da fällt es mir plötzlich wieder ein: Ich habe ihn oben vor dem Abmeldeautomaten liegen lassen. War ich denn so perplex? Die nette Kollegin, die mich da noch gegrüßt hat, hat mich wohl so sehr beeindruckt, dass ich das beinahe Wichtigste vergessen habe. Was für ein Mist auch! Der Mann wird nervös, als ich ihm das erläutere. Ich biete ihm mit vorsichtiger Stimme an, noch einmal hochzugehen, und den Ausweis zu holen. Obwohl ich sogar freundlicher und zurückhaltender bin, als wie bei meinem Chef, wird der Mann nur noch mehr aggressiv. Er flucht laut und schießt auf mich, erst einmal, dann noch einmal und das dritte Mal lässt auch nicht lange auf sich warten. Die Kugeln stechen schwer in meinem Leib. Plötzlich sind da ungeheure Schmerzen, wo vorher nur Glück und Freude war, sodass ich zu Boden sinken muss. Ich sinke auf die Knie und fasse mir an den Leib. Fast schon kontrollierend fahre ich mit der linken Hand über meinen Rumpf. Ich spüre nur schwere Schmerzen und das warme Blut an meiner Hand. Ich muss würgen, beuge mich ein Stück vor und spucke Blut aus meinem Mund. Dann höre ich oben eine Frau schreien und noch mehr Schüsse. Just in diesem Augenblick wird mir erst klar, dass ich einem Raubmord zum Opfer gefallen bin. Ich frage mich, wie ich nur jetzt schon aus dem Leben scheiden kann, ich habe doch noch Frau und Kinder, und letztere sind noch längst nicht alt genug, um den Verlust ihres Vaters zu verkraften. Ich muss mit den Tränen kämpfen, meine Augen werden bei den Gedanken an meine Familie ganz feucht. Doch ich sehe, dass ich nun nicht mehr entkommen kann, ich lasse das hinter mir, was geschehen ist, ich gebe auf zu hoffen, langsam sinke ich vornüber, bis mein Kopf dann auf dem Boden aufschlägt. Ich hätte es euch noch gerne gesagt, meine Lieben, aber ich kam nicht mehr dazu: Lebt wohl! Aber was kommt dann?


Wie man an diesen vier Beispielen, die beinahe jeden Bereich der möglichen Sterbensarten abdecken, unschwer erkennen kann, ist, dass der Tod, obwohl er doch im Grunde immer gleich ist, er bestimmt das Ende des lebenden Organismus, so vielfältig wie sonst nichts auf dieser Erde sein kann.
Was ist aber nun genau der Unterschied zwischen dem natürlichen Tod als Beispiel und etwa dem Suizid? In beiden Fällen wird unser Leben beendet und wir haben noch Zeit uns davon zu verabschieden. Selbst wenn wir scheinbar augenblicklich sterben, etwa bei einer Explosion, wo unser Körper in tausende Fetzen zerrissen wird, und wir noch nicht einmal den Schmerz spüren, selbst wenn wir wie bei einem Sprengstoffattentat noch unbewusst direkt neben der Bombe stehen, so ist es doch IMMER so, dass unser Leben noch einmal revidiert wird. Wir können es hier unten auf der Erde jedoch nicht erkennen, dass so etwas ausnahmslos geschieht. Denn ich wage zu sagen, dass jeder sterbende Mensch noch die Gelegenheit erhält, innerhalb von Sekunden noch einmal sein Leben komplett wie eine Filmrolle abzuwickeln. Vielleicht ist es sogar so, dass wir das in einer Art und Weise, insbesondere der Geschwindigkeit, tun, wie wir Menschen sie gar nicht kennen. Vielleicht kann das Opfer des Bombenattentats, noch während sein Körper zerrissen wird, in wenigen Tausendstelsekunden, sich noch innerlich verabschieden.
Wir wissen nicht, wie es wirklich ist, weil der Tod wie ein eiserner Vorhang unüberwindbar und unheimlich am scheinbaren Ende einerjeden Existenz steht. Doch da wir im Tod doch ALLE gleich sind, egal ob Mensch oder Tier, müssen wir diesen Zustand der Entindividualisierung doch noch am eigenen Leibe erfahren. Wenn es nun so wäre, dass die vorangegangenen Beispiele jeweils einer anderen Person auf den unterschiedlichsten Weltteilen, in den unterschiedlichsten persönlichen Situationen, zugeordnet worden wären und sie alle zur gleichen Zeit sterben, sie vielleicht vorher noch nichtmals ihre Sprache verstanden, so ist es doch so, dass sie im Tod von all den unbedeutenden irdischen Umständen befreit sind, wenn sie sich treffen könnten, wahrscheinlich sogar einander verstehen könnten. Sie sind wie weißes Papier, das man von seiner Schrift bereinigt hat. Doch genau darin liegt die Varianz des Immergleichen, in dem "Wie", der Weg ist hier das Ziel. Die Art und Weise, auf der die Gestorbenen ihre Identität verloren haben, ist genauso individuell wie jene selbst.

Die Frage, welcher Weg nun der Richtige ist, um an das Bild der Saales mit den Vorhängen anzuknüpfen, können wir genauso wenig beantworten, wie wir dem Namenlosen einen Namen geben können. Das Leuchtkraft unseres Verstandes reicht nicht aus, um Licht ins Dunkel zu bringen. Wir können nur die Hinweise, die uns durch fremde Mächte gegeben werden, deuten. Deswegen kann ich dem Individuum nur empfehlen, dass es jeden Weg kennt, denn das gedankliche Beschreiten sämtlicher theoretisch möglicher Pfade ist die einzige Art und Weise, auf den Tod vorbereitet zu sein. Nur, wenn man jede Idee miteinander aufgewogen, jede These und jedes Argument gegeinander laufen gelassen hat, kann man sich sicher sein, sich auf der richtigen Seite zu befinden. Es liegt dann am Individuum, den eigenen Fokus zu setzen, um den für sich selbst besten Glauben zu finden.

Diese Fakten werfen ein ganz neues Licht auf den Tod. Sie lassen ihn als Phantom erscheinen, da er an jedem Ort, in jeder Situation, in jeder Gestalt, in jeder Art und Weise und zu jeder Zeit auftreten kann. Aber dieses neue Todesbild verändert eigentlich nichts an den bestehenden Tatsachen, es verdeutlicht nur um so mehr, insbesondere gegenüber der vermenschlichten und personifizierten Allegorie des Sensenmanns, die Überlegenheit und die allumfassende Macht dieses, doch eigentlich so banalen, Vorganges. Was dieses Etwas der nunmehr vielfältigsten Gewalt der Erde noch viel mehr verunheimlicht, ist die schemenhafte Mystik, die er den Menschen gegenüber zeigt. Wir wissen von ihm, wir können ihn als einen Teil des Lebens erkennen, aber uns wird auf Erden niemals seine wahre, komplette Integrität ersichtlich sein. Es wirkt beinahe so, als hätte dieses fragmentarische Sehen, Erkennen und Verstehen einen Zweck, was mich zumindest zutiefst beunruhigt.
Denn die Erkenntnis, nicht wissen zu KÖNNEN, was mir nach meinem Tod widerfahren wird, weckt in mir ein Gefühl der Versäumnis. Was habe ich nicht oder zu viel getan, damit mir das vorenthalten bleibt?

Erbärmliche Figuren

Nach der Entscheidung der Grünen an der Saar, mit CDU und FDP in Koalitionsverhandlungen zu gehen, kann man an den Reaktionen von SPD und der Linken erkennen, warum sich die Leute in Scharen von der Politik abwenden.

Eben noch umworben poltert Lafontaine gegen den Grünen-Chef Ulrich, dass der wohl mit 5,9% vergessen habe, dass dies keine 59% seien. Man fragt sich, ob er ihm dies in den Vorgesprächen auch so gesagt hat.

Man kann das natürlich beklagen. Dann muss man jedoch konsequent für das Mehrheitswahlrecht eintreten. Und vielleicht vorher auch ein bisschen Schulunterricht nehmen. Die SPD kam nämlich 1969 im Bund mit der 5,8%-Partei FDP an die Macht und leitete damit die sozial-liberale Koalition ein.

Den Gipfel der Inkompetenz zeigt jedoch der Heiko Maas von der SPD. Er bramabasiert von Anrufen des Grünen-Chefs Ulrich vor der Wahl. Er habe, so Maas, für eine Zweitstimmenkampagne "gewinselt" (die Grünen mussten lange befürchten, unter der 5%-Hürde zu bleiben). Maas vergisst, dass eine Zweitstimmenkampagne nur Sinn macht, wenn es zwei Stimmen bei einer Landtagswahl gibt.

Im Saarland gab es aber nur eine Stimme.

Unklar ist, ob auch nur ein Journalist ihm dies gesagt hat.

Roberto Bolaño: 2666

Roberto Bolano 2666Das Buch beginnt so harmlos. Drei Literaturprofessoren (Jean-Claude Pelletier aus Frankreich, Manuel Espinoza aus Spanien und Piero Morini aus Italien) und die englische Literaturdozentin Liz Norton (später heißen sie nur noch die Kritiker) entwickeln über die Jahre eine Affinität zum Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi. Anfangs ein Geheimtip, forcieren nicht zuletzt die vier die Rezeption Archimboldis in der Literaturwissenschaft; unter anderem auch durch Übersetzungen. Auf Kongressen, Colloquien und andere Zusammentreffen (die es offensichtlich reichlich gibt) lernen sie sich persönlich kennen und vertiefen nicht nur ihre fachlichen Kenntnisse. Durch Liz Norton kommt es zu allerlei Liebesverwicklungen; die Dame hat zunächst Pelletier als Geliebten, etwas später dann Espinoza, längere Zeit beide parallel und mindestens einmal auch gleichzeitig. Die körperlichen Gebresten Morinis (er ist im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen) scheinen da Barrieren zu bilden, wobei es am Ende dieses ersten Teils dann doch noch eine Überraschung gibt.

Neben diesen Interaktionen unter den vier Kritikern (Telefon-, Mail-, Gesprächsaustausch), dem gelegentlichen Beäugen, den Idiosynkrasien, den Verletzungen, den Merkwürdigkeiten, den Sexualstellungen und –frequenzen – alles in einer Mischung zwischen Protokoll und Reportage aufbereitet - geht es natürlich auch um Literatur. Das Geschriebene bleibt die einzige Referenz für die Adepten, denn Archimboldi ist so phantomhaft wie im realen Leben sonst nur Thomas Pynchon. Seine Manuskripte kommen aus Italien oder Griechenland und einzig die greise Verlegerin Anna Bubis kennt ihn persönlich (man erfährt dazu im Laufe des Buches mehr). Außer Bubis gibt es selbst im Verlag (der teilweise dem Fischer-Verlag nachempfunden ist), den die Kritiker auch besuchen, keine Spur und außer der Chefin auch niemanden, der nachweislich mit Archimboldi jemals kommuniziert hat. Man weiß nur, dass er hager und sehr groß ist und blonde Haare gehabt haben soll. Nicht ein Bild existiert; an der Stelle auf der Wand der Verlegerin, an die sie sich erinnern, einen großen, hageren Mann mit ihr gesehen zu haben, war am nächsten Tag eine weiße Stelle.

Ab und an findet sich dann doch ein Zeuge, beispielsweise derjenige, der den Schriftsteller 1959 bei einer Lesung im Friesischen kennengelernt (eher: gesehen) haben will. Und sie hängen an den Lippen dieses Mannes, dessen Bericht förmlich aufgesaugt wird (Bolaño braucht dazu nur einen Satz - der allerdings sechs Seiten umfasst und von Friesland bis nach Buenos Aires führt). Als Archimboldi Ende der 90er Jahre mehrmals als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, steigt der Unternehmungsgeist der Kritiker den greisen Dichter (der 1920 in "Preußen" geboren wurde und Hans Reiter heißt – viel mehr biografische Informationen besitzen sie nicht) zu treffen, ihn zu interviewen und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen (obwohl die Zeiten der großen Erfolglosigkeit des Dichters offensichtlich vorbei sind, denn einmal, als die Beschäftigung der Vier mit ihrem Helden kurz nachließ, wird bemerkt, dass dessen Ansehen hinter ihrem Rücken wuchs).

Von der Burleske zu "Twin Peaks"

Dabei werden nicht nur die (lächerlich erscheinenden) Hahnenkämpfe innerhalb der Germanistenzunft süffisant ausgebreitet (die Archimboldi-Anhänger teilen sich in zwei Lager, die sich anfangs unversöhnlich gegenüberstehen) sondern auch die Ambitionen der Vier, innerhalb der Kritikerkaste mit einer Sensation reüssieren zu wollen. Und als es ein vages Gerücht gibt, Archimboldi befinde sich in einer amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt machen sich drei der vier (der Italiener bleibt zu Hause) nach Santa Teresa auf, diesem (fiktiven) Ort, der – wie man hört – durch eine enorme Serie von Frauenmorden seit Jahren auch überregional Schlagzeilen macht. Dort treffen sie Professor Amalfitano, der dort mit ihnen nach Hans Reiter recherchiert (man sucht alle Hotels nach einem Deutschen ab).

Mit der Ankunft der Europäer in Mexiko kippt die Atmosphäre des Romans, der bis dahin eine eher heiter-ironische Burleske auf den europäischen Literaturbetrieb war. Auf den letzten rund 80 Seiten des ersten "Buches" (von insgesamt 200 Seiten) reift ein unterschwellig waberndes Bedrohungsszenario heran, welches im weiteren Verlauf ständig gesteigert wird, ein Gefühl der Unwirklichkeit auch beim Leser auslöst und im vierten Teil in einen großen apokalyptischen Strom kumuliert.

Die Ermittlungen in Santa Teresa bleiben erfolglos; Reiter bleibt unauffindbar, wobei immer Zweifel bleiben, ob er jemals angekommen sein soll (eine Umweg-Parallele zur Unwissenheit des Lesers des Buches, der nie in den Genuß auch nur eines Archimboldi-Satzes kommt). Eine trübe Stimmung macht sich unter den Kritikern breit; Norton fliegt zurück (und landet in Italien bei Morini). Espinoza bändelt unterdessen mit einer sehr jungen Teppichverkäuferin an während Pelletier in der Hotellobby die Romane von Archimboldi zum wiederholten Mal liest. Amalfitano ist großen Stimmungsschwankungen unterworfen, manchmal seltsam fahrig, dann wieder der perfekte Gastgeber, was zu den wildesten Spekulationen Anlaß gibt.

Über Amalfitano handelt dann der zweite Teil (mit knapp 80 Seiten das kürzeste Kapitel). Er kommt eigentlich aus Spanien und ihn hat es durch letztlich ungenannte Umstände nach Mexiko verschlagen. Seine Frau geht eines Tages aus dem Haus und lässt ihn mit der kleinen Tochter alleine. Jahre später kehrt sie kurz wieder zurück, hat in Frankreich ein weiteres Kind bekommen. Sie hat AIDS und verlässt Amalfitano nach kurzer Zeit wieder. Privat gescheitert und mit dem Gefühl des verkannten Intellektuellen wird er immer schrulliger. Seine Vorträge an der Universität werden fast unverständlich. Eines Tages hört er eine Stimme, die er mal für den Großvater, dann wieder für den Vater hält; er wird wahnsinnig, glaubt aber, den Wahnsinn beherrschen zu können, wenn er ihn als solchen annimmt. Derweil taucht seine Tochter Rosa in der Jugendszene von Santa Teresa immer weiter ein.

Der dritte Teil handelt von dem schwarzen amerikanischen Kulturreporter Quincy Williams (der merkwürdigerweise Oskar Fate genannt wird). Fates Mutter ist gestorben und durch die Ermordung des Kollegen, der sich mit dem Boxen beschäftigt, wird er von seiner Redaktion gebeten eine Sportreportage über einen Boxkampf zu machen, der in Santa Teresa stattfindet (ein Kampf zwischen einem amerikanischen und einem mexikanischen Boxer – eine verkrampfte Allegorie auf das ambivalente Verhältnis zwischen den USA und Mexiko). Durch Gespräche mit Einheimischen und lokale Berichte wird Fate auf die Mordserie aufmerksam. Der Boxkampf bringt den erwarteten Sieger (Fate trifft am Ring Rosa Amalfitano, die ihn fasziniert). Er bittet seine Redaktion, über die Mordserie berichten zu dürfen, was jedoch abgelehnt wird, da kein Interesse daran bestünde. Gegen Ende verbündet er sich halbherzig mit einer Journalistin und besucht mit ihr den Hauptverdächtigen der Morde im Gefängnis. Es ist Klaus Haas, ein großer, blonder Mann, ein Deutscher, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, seit Jahren auf die Wiederaufnahme seines Verfahrens wartet (seit seiner Inhaftierung ging die Mordserie unvermindert weiter) und Pressekonferenzen aus dem Gefängnis heraus mit dem Handy organisiert und in der Gefängnishierarchie sehr schnell zur Führungsfigur aufsteigt.

Einhundertvier Ermordete auf dreihundertzweiundvierzig Seiten

Der vierte Teil beginnt im Jahr 1993 (endet Ende 1997) und listet litaneiartig die teilweise fürchterlich entstellten Leichenfunde auf. Es sind einhundertvier tote Frauen (vom zehnjährigen Kind bis zur reifen Ehefrau) auf dreihundertzweiundvierzig Seiten. Trotz diverser Exkurse, beispielsweise über einen vermutlich sakrophobischen Kirchenschänder, der unterschiedlichen Charaktere der Gerichtsmediziner von Santa Teresa, den Frauenwitzen der Polizei, einem Snuff-Video-Ring (der dann doch nicht zu existieren scheint) und dem Besuch eines amerikanischen Profilers, der die örtliche Polizei unterstützen soll - unweigerlich beginnt der durch Lektüre und entsprechende Filme konditionierte Leser kriminalistische Überlegungen, sucht nach einem Schema, nach Gemeinsamkeiten, kurz: er betätigt sich als Amateurkommissar, folgt den Spuren, entwickelt Theorien, versucht, "Täterprofile" zu phantasieren. Dies alles bleibt jedoch fruchtlos; das Buch verweigert sich jeder Aufklärung. Zu unterschiedlich die Art und Weisen der Ermordungen (auch hier werden stets alle Einzelheiten ausgebreitet – vom Verwesungszustand bis zum Interesse der medizinischen Fakultät von Santa Teresa an dem Leichnam). Und zu verschieden die Opferprofile, obwohl es meist Arbeiterinnen aus den im Umland befindlichen Billiglohnfabriken sind.

Die Polizei ist überfordert, aber auch desinteressiert. Die Fälle werden häufig sehr schnell ad acta gelegt; Spurensicherung am Tatort ist meist ein Fremdwort und gibt es Spuren, die weiter verfolgt werden müssen, dann versagt merkwürdigerweise oft Kommunikationswege oder es gibt wider Erwarten kein Resultat. Als einige Opfer vorher in einem bestimmten Fahrzeugtyp ("Peregrino") einsteigend gesehen wurden, werden die Ermittlungen in dem Moment eingestellt, als die Polizisten sich bei einigen dicken Fischen unbeliebt gemacht hatten, deren Söhne, die Jeunesse dorée von Santa Teresa, nahezu die gesamte Peregrino-Flotte der Stadt besaßen.

So sind die Kommissare desillusioniert oder korrupt oder beides (früh wird der potentielle "Nachwuchs" auf das bestehende System vergattert). Der Polizeichef wird mit dem amerikanischen Konsul, dem Bürgermeister und mit Personen, die als Drogenbosse verdächtigt werden, bei Festen oder Zusammenkünften gesehen. Offiziell gilt die Mordserie mit der Verhaftung von Klaus Haas als abgeschlossen, obwohl sie weitergeht. Später nimmt man noch eine andere Gruppe fest – mit ähnlichem Resultat. Haas beschuldigt aus dem Gefängnis heraus in einer Pressekonferenz eine in der Stadt hoch angesehene Familie der Morde, aber niemand glaubt ihm.

Von der Unmöglichkeit, zu weinen

Nur einer ragt da heraus: Der Mittdreissiger Juan de Dios Martínez. Er sichert noch gewissenhaft Spuren. Wo andere fünf Stunden brauchen um an den Tatort zu kommen, ist er in einer Stunde da. Er sucht und befragt Zeugen und er klärt Fälle auf (allerdings nur diejenigen, die nichts mit dem/den Serienmördern zu tun haben; auf die anderen wird er irgendwann gar nicht mehr angesetzt). Martínez ist die Kerze in diesem Panoptikum der Düsternis. Er hat ein Verhältnis mit einer rund fünfzehn Jahre älteren Ärztin und Leiterin einer Irrenanstalt, die er bei den Ermittlungen zum Kirchenschänder kennen- und liebenlernt. Die wohlhabende und gebildete Frau, die sich Martínez alle vierzehn Tage in ihrer Wohnung in einem festen Ritual hingibt, will einerseits diesen Ort verlassen und sich in Europa neu etablieren – ist aber andererseits dazu nicht in der Lage.

Es sind diese Szenen der Kontemplation (hier bleiben uns auch schlüpfrige Details aus der Zusammenkunft der beiden erspart), die dann aus dem Nachrichtenton und im Strudel der immer dichter werdenden Endzeitstimmung herausragen und diesen Teil des Romans zum lesenswertesten machen. So sitzt Martínez einmal im Auto, lehnte den Kopf an den Lenker und versuchte zu weinen, was ihm nicht gelang. Ein andermal geht ihm ein Fall so nahe, dass er den Kopf in die Hände vergrub und seinen Lippen entschlüpfte ein schwaches, deutliches Jaulen, als würde er weinen oder mit den Tränen kämpfen, aber wenn er schließlich die Hände wieder sinken ließ, kam nur seine alte, von der Mattscheibe erleuchtete Visage zum Vorschein, seine alte, unfruchtbare, trockene Haut, und nicht die Spur einer Träne. Er, der die Menschheit in diesem Moment noch retten könnte, vermag nicht mehr zu weinen.

Das letzte "Buch" erzählt, nein: berichtet das Leben von Hans Reiter (alias Benno von Archimboldi (die Nähe zum italienischen Renaissance-Maler ist, so wird berichtet, durchaus gewollt). Obwohl 1920 geboren, erscheint Reiters Kindheit eher im 19. Jahrhundert angesiedelt zu sein. Die Kriegserzählungen – personal und ohne jede Empathie erzählt – zeigen einen somnambul-todesmutig taumelnden Soldaten Reiter (bei allen großen Unterschieden ist hier eine Parallele zu Ernst Jünger), der sich häufig furchtlos den gegnerischem Feuer entgegenstellt. Danach flacht dieses Kapitel zusehens ab. Die Irrungen, Wirrungen und später dann auch Vögeleien sind von aufreizender Langeweile. Reiter/Archimboldi entwickelt solipsistische Züge. Man erfährt noch, dass Klaus Haas, der Gefangene in Santa Teresa, der Sohn von Reiters Schwester ist. Als diese nicht mehr weiterweiß, bittet sie ihren zehn Jahre älteren Bruder, zu intervenieren. Und mit dem letzten Satz es Buches fliegt Reiter dann nach Mexiko.

Und doch gibt es hier mächtige Szenen wie beispielsweise der Kontrast zum vergeblichen Trauernden Martínez, der sich in Reiters Kindheit zeigt, als der sechsjährige plötzlich unter Wasser vor Glück weint. Oder der 25jährige, dem Krieg gerade entronnen, der in einem Kleiderladen bei der Vergegenwärtigung des scheinbar baldigen Todes seiner Geliebten unmittelbar das stumme Weinen beginnt und dann das Fliessen der Tränen einsetzt.

So muss wohl irgendwann zwischen 1950 und 1993 die Hoffnung für die Menschheit verloren gegangen sein. Santa Teresa ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Trostlosigkeit, die, präziser gesagt, eine Ent-Tröstung ist. Die letzten Tage der Menschheit im vermeintlichen Frieden. Santa Teresa als Hauptstadt der Vergeblichkeit. Obwohl die einzelnen Kapitel einigermaßen feste Zeitrahmen haben (1994-1998/99; ab 1998; ab 2002; 1993-1997; 1920-2001) sind sie Projektionen an eine Zukunft, die sich im Blick auf Santa Teresas Vergangenheit und Gegenwart formt und den Globus überziehen wird.

Wie beiläufig dann eine Art von Lösung, in der Reiter mitten im Russlandkrieg einen Glücksmoment erlebt, der ihn so frei wie noch nie in seinem Leben macht: Die Möglichkeit…, dass alles nur ein Trugbild sein könnte, beschäftigte ihn. Das Trugbild war eine Besatzungsmacht der Wirklichkeit, dachte er, die noch die äußersten und entlegensten Bereiche der Wirklichkeit kontrollierte. Es lebte in den Seelen der Leute und in ihren Gebärden, in ihrem Willen und im Schmerz, in der Art, wie einer seine Erinnerungen ordnete, und in der Art, wie er Prioritäten setzte. Das Trugbild blühte in den Salons der Industriellen und in der Unterwelt. Und natürlich ist der Nationalsozialismus das zu absoluter Herrschaft gelangte Trugbild. Aber auch Liebe sei im Allgemeinen auch nur ein Trugbild…die Liebe, die Partnerliebe mit Frühstück und Abendessen mit Eifersucht und Geld und Traurigkeit, ist Theater, also Trugbild.

Spinnt man diesen Gedanken weiter, so scheint dann auch das Trugbild des Humanismus an einem Ort wie Santa Teresa wie bei einer archäologischen Ausgrabung als Relikt der Vergangenheit freigelegt zu werden (oft erinnern die Leichenfunde an archäologische Objekte; auch was die Bergung angeht).

Hochambitionierte Verrätselungen

"Manischer Realismus" wird Bolaño mit diesem Buch nachgesagt. Eine ebenso zutreffende wie unvollständige Charakterisierung. Das Manische zeigt sich vor allem in den schier unerschöpflichen Schilderungen der geschundenen, missbrauchten, verstümmelten Leichen. Und Bolaño erwähnt Kafka viel zu häufig, um nicht eine Art Fortschreibung der Kafka-Halb- und Zwischenwelten angestrebt zu haben; er kopiert seinen Ton manchmal bis fast zur Paraphrase. Hinzu kommen die philosophischen Fingerübungen, die nur manchmal überzeugen und unzählige Allegorien, Anspielungen und Nebelkerzen, die mit scheinbar diebischem Vergnügen eingebaut wurden. Im Kapitel über Archimboldi scheut er sogar nicht davor zurück, einen von den eigenen Soldaten ermordeten rumänischen General als Gekreuzigten (mit grossem Gemächt, dessen Aktion Reiter Jahre zuvor beobachtete, als dieser eine Frau damit penetrierte, die später Anne Bubis wurde) zu inszenieren.

Oder man taucht in zahllose Binnenerzählungen ein und in den Binnenerzählungen erscheinen weitere Binnenerzählungen, die jedoch in den meisten Fällen ins Nichts führen und nie mehr aufgegriffen werden. Das sind dann irgendwann zu viele fruchtlose Verirrungen. Dieses so bemüht wirkende Scharadentum (von Ferne an David Lynchs Fernsehserie "Twin Peaks" erinnernd oder auch – in seiner Episodenhaftigkeit und Staffelübergabe der Handlung an den "nächsten" Protagonisten – an Jacques Rivettes cineastisches Opus Magnum "Out 1 – Noli me tangere") bleibt meist flache Imitation eines pseudo-geheimnisvollen Existentialismussurrogats oder einfach nur Spielwiese für philologische Sinnsucher, die hinter jedem Gebüsch eine Legion böser Geister vermuten.

Alles wird dieser Verrätselung untergeordnet. Es beginnt schon mit dem merkwürdigen Titel des Buches. So wird berichtet, Bolaño habe selber, kurz vor seinem Tod, 2666 als eine Art Endzeitjahr genannt. Zahlenmystiker entdecken hierin ein 2 Mal 666 - die Zahl der Apokalypse aus der Offenbarung Johannes. Wieder andere ziehen Verweise aus anderen Bolaño-Romanen heran und erklären den Titel damit. Oder wurde beim Schreiben zu schnell getippt – statt »"666"« blieb »2666"«. Man könnte auch auf die Idee kommen, Bolaño paraphrasiere Kubricks "2001" und transformiert die Odyssee im Weltraum auf die Erde.

Aber während Kafkas Welt ein Überall-Ort in einer Überall-Welt sein kann, bleibt Santa Teresa im Buch Santa Teresa im Jahr 1993 bis 2002 (auf die tatsächlichen Parallelen zum mexikanischen Grenzort Ciudad Juárez und der dortigen Frauenmordserie wird im kurzen Nachwort von Ignacio Echevarría verwiesen). Der große Fehler dieses überdimensionierten Romans ist, dass dem Leser die Möglichkeit der Distanzierung zu einfach gemacht wird. In postmoderner Gemütlichkeit kann man sich jederzeit problemlos aus dem Roman flüchten und die Protokollperspektive des Erzählers annehmen. Man liest dann bestenfalls eine Reportage; die Sprache ist stumpf. Zu sehr scheint sich Bolaño auf Effekte und Affekte zu verlassen (zudem lässt das letzte Kapitel erahnen, dass der Autor es nicht mehr fertigstellen konnte). Das Buch – und selbst dieses abscheuliche Kapitel der Verbrechen – packt den Leser nicht. Zu selten wird eine Intensität erreicht, die berührt. Fülle und Fluktuation des Personals, welches insbesondere in den direkten Santa-Teresa-Kapiteln (letztes Drittel des 1., Kapitel 2-4) ausgebreitet wird, lassen Empathie mit oder gegen die Figuren nicht oder kaum zu (Ausnahme ist die bereits erwähnte Figur des Kommissars). Was den Leser bestenfalls bei der Stange hält ist Neugier auf das Exotische oder vielleicht eine fortlaufende Entrüstung.

Wie aufdringlich die intertextuellen Rekurse eingearbeitet sind. Von Thomas Manns Todesstadt Venedig über den lateinamerikanischen magischen Realismus, den Satzschrauben eines Thomas Bernhard, Doris Lessings "Memoiren einer Überlebenden", der moralischen Verkommenheit der Protagonisten aus Hubert Selbys "Letzte Ausfahrt Brooklyn" bis zu Nuancen aus Brent Easton Ellis' psychopathischen Massenmörder "Bateman" aus "American Psycho" – um nur einige wenige anzugeben.

Somit ist dieses Buch für Literaturexegeten ein schier unerschöpflicher Steinbruch. Sie überschlagen sich daher auch folgerichtig mit Lob für dieses monströse Stück Literatur-Literatur, weil sie in mit Querverweisen ihr literarisches, cineastisches, kunsthistorisches, dramatisches und/oder historisches Wissen verwursten und mit immer neuen Assoziationsgewittern brillieren können, die am Ende so richtig wie falsch sind und kaum Erkenntnisgewinn bringen. Als wäre dieses Behaupten von Authentizität, welches in diesem Buch praktiziert wird, schon Ausweis für Qualität. Freilich, den blutleeren Schreibschulliteraturen, die die Kritik so oft und so voreilig in den Literaturhimmel hebt (teils aus Angst, sich mit wirklichen Talenten auseinanderzusetzen, teils aufgrund ästhetischer Rostspuren in ihrem Getriebe), ist dieser Roman natürlich meilenweit überlegen. Aber es bleibt ein irgendwie potemkinscher Roman: hinter den Fassaden sitzen nur die Deuter. Glauben Sie ihnen kein Wort, denn sie projizieren nur ihren eigenen Roman in dieses Buch. Tatsächlich macht die Lektüre von "2666" nicht einmal unglücklich. Sondern nur apathisch.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut

Martin von Arndt   Der Tod ist ein Postmann mit HutAn jedem ersten Mittwoch im Monat erhält Julio C. Rampf ein Einschreiben. Die Zustellung ist inzwischen längst ritualisiert: das tragbare Terminal mit dem Stift, der aussieht wie ein krumm geschlagener Zimmermannsnagel, die gewagte…und doch für zu leicht befundene Unterschrift Julios, der Zeigefinger des Postboten, der flüchtig an seine Kopfbedeckung, einen Tirolerhut fährt, der Wachholderschnaps im Stamperl, das erneute leichte Berühren des Hutes mit dem Zeigefinger und schliesslich die Drehung auf der Schwelle beim Verlassen der Wohnung. Und auch der Inhalt dieses anonymen Einschreibens ist stets gleich: ein einmal gefaltete[s] leere[s] Blatt.

Julio ist 40, Deutscher und lebt in Innsbruck mehr schlecht als recht als Gitarrenmusiker. Paintner, der Musikproduzent mit den schlechten Witzen, nahm ihn trotz oder vielleicht gerade wegen seiner roten, verschorften Hände für seine skurrilen Projekte, wie zum Beispiel Klassiker der Unterhaltungsmusik für chinesische Schnellimbisse zu bearbeiten. Nach mehr als 20 Jahren wurde Julio von seiner Frau Ines verlassen, was ihn deprimiert und verstört. Und dann auf einmal diese Einschreiben. Anfangs noch als einen harmlosen Irrtum betrachtet, der sich schnell durch den "richtigen" Versand aufklären würde, beginnt Julio die Impertinenz dieser anonymen Post zu beunruhigen aber auch zu faszinieren. Und so nebenbei verändert sie sein Leben.

Der Ich-Erzähler Julio hat bei oberflächlicher Betrachtung zunächst durchaus etwas von einer prekär-modernen Version eines Prinz Leonce oder Oblomows. Er verbringt auch schon einmal seine Tage im Bett und zelebriert seine Langeweile. Wiederkehrend und unversehens, fast anfallartig seine Mutlosigkeit. Sie überkommt ihn beim Schuheputzen, bei häuslichen Kleinreparaturen. Alles wird schwarz, alles wird schwer, unerträglich schwer, zu schwer für mich, unerträglich für mich…ich halte dieses Leben, mein Leben schlechthin, nicht mehr aus. Nach landläufiger Diktion würde man ihn als depressiv einstufen – und auch wieder nicht, denn er stemmt sich sehr wohl gegen dieses Gehenlassen und beginnt ein "Nächtebuch" zu schreiben, zaghaft, mit müden Gedanken. Er versucht, die Zeit urbar zu machen und irgendwann dreht sich die Welt nur noch um diese Zeilen.


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Die totale Konvergenz

Ich möchte mich ausdrücklich von einer klaren politischen Position distanzieren, ich kritisiere zumeist eher die rechtsextreme Seite, hier ist es einmal kurz umgekehrt.

Die Leitregel vom Kommunismus ist ja: Jeder Mensch ist gleich. Wenn ich diesen Apercu lese, so kann ich immer nur müde grinsen bestenfalls, wenn nicht sogar meine Mimik aufgrund überschäumender Aggressionen gegenüber der menschlichen Einfalt verbiegen, so, wie wenn man einen Eisenstab vor lauter Zorn zu biegen versucht. Dabei erinnern sowohl der Gesichtsausdruck des Biegenden als auch die Form des Eisen im übertragenden Sinne an meine besagte Mimik.
Denn ich kann das nicht einsehen. Es ist nicht jeder Mensch gleich, viel mehr noch, es ist KEIN Mensch gleich. Und dies ist nicht nur auf Marxismus und Lenismus bezogen, sondern auch auf alle anderen Staatsformen und Verfassungen, in denen jeder Mensch als gleich gilt.

Ich möchte mich hierbei AUSDRÜCKLICH davon distanzieren, diese Ungleichheit an irgendwelchen Äußerlichkeiten, etwa der Hautfarbe oder ähnliches, festzumachen. Es handelt sich dabei schlichtweg um das Wesen des Menschen, seine Charaktergrundzüge, seine Lebenseinstellung, seine Instinkte. Man kann im Verlauf der Argumentation da sicherlich noch auf Äußerlichkeiten schließen, aber dabei handelt es sich nur um Anpassungsformen an die natürliche Umgebung, mehr nicht.

Ich kann es außerdem nicht verstehen, wenn ein Staat diese Gleichheit als Grundprinzip bewahrt und dann seine Förderung der Individualität so anpreist. Lassen wir diesen Widerspruch aber einfach so im unübersichtlichen Gewirr der Politik stehen, man kann nicht auf jede Frage eine Antwort finden.

Was unterscheidet mich also von meinem Nächsten? Also, fangen wir mit etwas modernen an: Der DNA. Jeder Mensch hat eine ganz bestimmte, individuelle DNA, nach der man ihn identifizieren kann. Und anhand dieses Genschlüssels werden dann die Phänotypen, die Erscheinungsformen der Gene, bestimmt. Das gibt uns viele Unterschiede für das tägliche Leben, von der Haarfarbe bis hin zur Gesichtsform, alles wird damit bestimmt. Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten.
Die Persönlichkeit eines Menschen wird durch die Sozialisation bestimmt. Alles, was ein Individuum während seines Lebens erfahren hat, äußert sich in bestimmten Wesenszügen. Da ja wohl KEIN Mensch eine genau gleiche Kindheit wie jemand anderes hatte - das ist ein unbestreitbares Faktum - , wird es wohl kaum zwei Menschen auf der Erde mit einem identischen Charakter geben, das ist noch nicht einmal bei eineiigen Zwillingen so.

Und auch wenn wir unseren Naturzusammenhang betrachten, so sehen wir ja, dass es eigentlich nicht die geringste Form von Gleichheit geben kann. Wir sind Säugetiere, gehören zum Stamm der Wirbeltiere, und da auch wir - was aber keiner so recht glauben will - der natürlichen Selektion ausgesetzt sind, heißt das, dass nicht jeder unserer Art überleben wird, viele werden dabei auf das Abstellgleis des Aussterbens gestellt. Das impliziert aber natürlich auch, dass die einzelnen Menschentiere unterschiedlich aufgebaut sein müssen, es muss "Stärkere" geben, so wie es auch "Schwächere" gibt. Noch einmal möchte ich ganz deutlich erwähnen: Das bezieht sich auch keinerlei Volk oder irgendwelche speziellen Hautfarben, sondern es gilt für EIN Kollektiv, sei es eine Kultur oder die ganze Menschheit an sich.
Es gibt also Menschen, die sich schlecht an die Umweltbedingungen anpassen können, und welche die so etwas wirklich gut beherrschen. Und wie soll es dann möglich sein, dass jeder Mensch gleich ist? Wir Menschen verstehen dieses Faktum nur nicht! Wir meinen immer, wir müssten krankhaft Gleichheit schaffen, jeden Schwachen mitziehen, den Intelligenten auf eine Stufe mit einem Debilen stellen. Ich möchte hier niemanden diskriminieren, doch wir meinen immer, alle, die aus der Menge, dem kollektiven Durchschnitt, herausragen, auf unsere Größe stutzen zu müssen, aber gleichzeitig gibt es da noch welche nach UNTEN hin, über die soviele lästern, die einfach überall ausgegrenzt werden, bis es dann noch ein paar wenige Schwachköpfe gibt, die sich ihrer annehmen müssen. Und dadurch, dass sie jenen helfen, erzeugen sie doch erst diese Disparität, weil sie durch ihr Handeln dann auf die Geholfenen herabschauen, zwar freundlich, doch alleine diese (gut gemeinte) Geste grenzt den Invaliden doch aus. Man würde sie nicht durch sein Tun so unbewusst diffamieren, wenn man sie wie jeden anderen Menschen auch behandelt. Aber da es z.B. eigens Aufzüge für Rollstuhlfahrer gibt, wo dann immer noch ein Schildchen zwar implizit, aber groß und breit, die Gesundheit der anderen anpreist. Der Rollstuhlfahrer wird durch diese, doch nur scheinbar freundlich gemeinte, Geste von dem Rest der Gesellschaft ausgegliedert, erhält seine eigene kleine Kammer, mit der er, im wahrsten Sinne des Wortes, im Leben herauf und herunter fährt.
Also, entweder, ALLE werden gleich behandelt oder NIEMAND! Aber das zeigt einmal wieder ganz rudimentär, dass der Mensch nicht einsehen kann, dass es noch etwas über ihm gibt. Für solche Eigenschaften hat man irgendwann einmal einen schönen Begriff entwickelt: ARROGANZ. Aber das nur nebenbei.

Es gibt sie also nun: Den Reichen, den Armen, den Intellektuellen, den Idioten, den Irren, den Wohltäter, den Übeltäter, den Großen, den Kleinen, den Gutmütigen, den Mörder, den Gesunden, den Kranken; die Zeit des Sommers des Lebens trägt sehr viele bunte Blüten. Doch da gibt es wieder etwas, das uns alle vereint, jedweden Unterschied zunichte macht, alle Grenzen niederwirft. Es ist der TOD. Seiner Macht kann sich keiner entziehen. Vor seinem Antlitz sind wir alle gleich, nicht einmal ein kleiner Unterschied vom Zeitraum des Todes ändert das, denn er ist nichtig im Anblick der Ewigkeit.
Wenn wir sterben, dann verliert alles was wir erreicht haben, alles was wir sind, die Bedeutung, was zählt ist nur noch unser nacktes Leben, sozusagen nur noch ein "Ja", das dabei dann zum "Nein" umgekehrt wird. Nennen wir diese Tatsache der bedingungslosen Gleichheit im Tod die totale Konvergenz. In ihr laufen alle Fäden wieder zusammen und werden dann abgeschnitten.
Jetzt kann man aber meinen, das Leben hat noch einen gemeinsamen direkten Ursprung, es fängt immer mit einer Zelle an. Aber dieses Argument könnte einem jeder Biologe um die Ohren schmettern wie etwas altes Zeitungspapier. Man betrachte nur die DNA und man findet schon wieder Unterschiede. Der Punkt, aus dem wirklich auch alle unsere Fäden entsprungen sind, ist der Punkt Null, der Anfang der Zeit. Von dort aus trieben sie wild auseinander, in alle Richtungen, in unterschiedlichen Formen und Farben, bis irgendwann sie dann wieder in einem einzigen Punkt zusammenlaufen: Dem Tod.

Bei diesem Denkmodell stellt sich doch die Frage, ob es irgendwo einen Scheitelpunkt gibt, und wenn ja, ob dieser schon überschritten worden ist. Selbst wenn es ihn gäbe, er würde doch nur einen theoretischen Parameter darstellen, auf die Praxis hat das kaum Auswirkungen. Und es wirft einem auf ganz kaltherzig die eigene Vergänglichkeit vor dem Kopf. Wir alle müssen sterben, ob wir es akzeptieren oder nicht.

Ilija Trojanow / Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit

Trojanow Zeh  Angriff auf die FreiheitWenn man die ersten Seiten dieses Buches liest, kann einem tatsächlich angst und bange werden. Man glaubt in einem totalen Überwachungsstaat zu leben oder auf ihn fast zwangsläufig, ohne Rettung, zuzusteuern. Das Muster, welches die Autoren dabei verwenden, ist bekannt: Vom Einzelfall wird auf das Allgemeine geschlossen. Da vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 von Demonstranten Geruchsproben genommen und archiviert wurden, wird suggeriert, dies sei allgemeine polizeitechnische Praxis. Dass es sich beispielsweise in Hamburg um insgesamt zwei Fälle handelte, bleibt natürlich außen vor (genau wie die anschließende Diskussion um diese inakzeptable Vorgehensweise).

Da werden, so die Behauptung, die Fingerabdrücke auf meiner Kaffeetasse umgehend allen sogenannten Anti-Terror-Behörden gemeldet (falls sie nicht schon längst bekannt sind). Die Möglichkeit, dass private E-Mails abgefangen und gelesen werden können, führt zu der Feststellung, dass jede verschickte E-Mail einem unverschlossenen Brief gleicht, der weltweit von jedem Interessierten mit Internetzugang eingesehen werden kann. (Als "Begründung" heißt es lapidar, dass fast alle Browser…Sicherheitslücken haben.) In diesem Zusammenhang auf den guten, alten Brief als Geheimniswahrer zu verweisen, erscheint schon sehr komisch – als könnte nicht jeder Brief ebenfalls geöffnet werden. Wohl gemerkt: kann. Aber man liest unwillkürlich: wird.

RFID-Chips in Geldscheinen, ein Chip, der ins Halsfleisch eines neugeborenen Kindes eingepflanzt wird, Patientenkarte, Nacktscanner – überall Horrorvisionen, ob als perverses Gedankenspiel oder als zur Diskussion gestelltes Projekt interessiert kaum noch. Was möglich ist, gilt praktisch schon als Realität. Wer "Telepolis" liest, wird vieles wiedererkennen; die Autoren zitieren ausgiebig aus diesem Magazin und heben es als vorbildliches journalistisches Flagschiff heraus. Ausgerechnet "Spiegel-Online" wird noch häufiger zitiert; ca. 90% der Quellen sind online abrufbar und werden am Ende des Buches aufgeführt [was den Leser überrascht, da es im Text keine Fußnoten gibt]).

"Distanzieren Sie sich vor Panikmache und Skandallust" – Gerne.

Etliches lässt sich auch gegen die Autoren selber verwenden. Etwa wenn sie (berechtigterweise) eine Massenverängstigung durch die vermeintliche Bedrohung durch den Terrorismus konstatieren und fragen, warum sich die Medien an vorderster Front einspannen lassen. Aber: Was anderes als eine "Verängstigung" wird hier äußerst suggestiv betrieben? Und: Sind prognostizierte Schreckensszenarien für die Massenmedien so viel interessanter und glaubhafter als die realen Einschränkungen unserer Grundrechte? Leicht abweichend könnte man mit ähnlicher Berechtigung fragen: Sind prognostizierte Schreckensszenarien was die vermeintlich schleichende Entrechtung der Bürger angeht für sie so viel interessanter als notwendige Diskussionen über das sinnvolle und notwendige Umgehen mit den neuen Technologien und Möglichkeiten? Leider: Die Frage wird aber nicht gestellt, sondern mit Bedrohungsszenarien zugedeckt. Am Ende heißt es dann tatsächlich: Distanzieren Sie sich vor Panikmache und Skandallust.

Leichter ist anderen geraten als selber praktiziert. Wobei das Klappern laut sein muss, um heutzutage überhaupt gehört zu werden. Da wird dann schlichtweg unser Wertesystem abgeschafft und die Anti-Terror-Maßnahmen der EU mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten 1933 und ein Staat in Selbstverteidigung mit der Ausschaltung der SA von 1934 durch Hitler verglichen (und dieser Vergleich noch verteidigt). Die naheliegende historische Parallele zu den Notstandsgesetzen 1968 erzeugt natürlich kaum die gleiche Empörungsmusik wie der wuchtige Nazi-Vergleich. Und auch die Idealisierung beispielsweise der amerikanischen "Bill of Rights" ist ein bisschen geschichtsklitternd: Hat doch dieses zweifellos wunderbar klingende Dokument die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Indianer in den USA nicht aufhalten können.

Angst sells

Da wird mit der vermeintlichen Erfolglosigkeit der einzelnen Maßnahmen (Videoüberwachung, Rasterfahndung, E-Pass) argumentiert ohne zu fragen, wozu diese Maßnahmen überhaupt dienen sollen. Es wird suggeriert, die Polizei wolle sich quer durch die Dateien der Computer der Bürger lesen und auch die Steueridentifikationsnummer wird verteufelt (wobei den Autoren sicherlich klar ist, dass auch jetzt schon ihre Daten auf den Rechnern gespeichert sein dürften).

Angst sells wird ein Kapitel überschrieben – und auch hier zeigen drei Finger der Hand auf den Zeigenden zurück. Natürlich wurden und werden die Wahrscheinlichkeiten und Szenarien eines Terrorangriffs übertrieben dargestellt. Aber wie würde man einer Fluggesellschaft entgegentreten, die die Wartung ihrer Flugzeuge nachlässig betreibt - mit dem Argument der Unwahrscheinlich des Ausfalls bestimmter technischer Teile? Indem Trojanow/Zeh eine Nähe zwischen der Vorgehensweise der Bush-Regierung (Homeland Security Presidential Directive) und der Maßnahmen der EU und Deutschlands ziehen, betreiben sie genau das Spiel, was sie anderen vorwerfen.

So wird dann das "Echelon" noch einmal hervorgeholt – ein Abhörinstrumentarium innerhalb des Geheimdienstes NSA, das es schon Jahrzehnte gibt (leider auch auf deutschem Boden) und – hier könnte man ja auch wieder die Argumentation der Autoren verwenden – die Anschläge des 11. September auch nicht verhindern konnte. Die Orwell-Phantasien fehlen natürlich nicht (das erinnert dann tatsächlich an die Volkszählungsdiskussion in den 80er Jahren) und sogar Josef K. muss herhalten. Das Bundesverfassungsgericht ist, so wird nahegelegt, noch der einzige Hüter der Grundrechte. Allerdings liegt die Betonung auf dem "noch", denn auch hier bahnt sich offensichtlich Böses an: …solange diese [die Verfassung, d. i. das Grundgesetz] noch von den Verfassungsrichtern in Karlsruhe verteidigt wird.

Wer die Bedenken der Autoren nicht teilt, findet sich schnell in der Figur des Achim Angepaßt wieder – ein naiver Selbstbetrüger, der Datenschützer für paranoide Wichtigtuer hält und nichts von den Veränderungen in unserer Gesellschaft wissen will. Sein Portemonnaie wölbt sich vor lauter Plastik: Payback- und Kundenkarten… - alles natürlich auch Ausweis seiner latenten Dummheit. Achim wird zum vollendete[n] Untertan - die Lichtgestalt ist der Leser, der den Brei der Autoren bis zum Ende auslöffelt (der Gehorsam wird natürlich auch hier erwartet – dafür folgt das Lob auf dem Fuße: Sie, lieber Leser, sind bestimmt kein narzisstisch veranlagter, rabattgieriger Untertan wie Achim Angepaßt). Ja, tatsächlich – man wird seinen Gegnern immer ähnlicher: Die Welt ist…in Schwarz und Weiß unterteilt - dieser Befund der Terrorjäger trifft merkwürdigerweise genau so auf die Mahner und Warner zu, die auch ihrerseits warnen: Wer sich nur dann an seine Grundrechte erinnert, wenn er sich persönlich geschädigt fühlt, hat entweder nicht verstanden, worum es geht, oder zeigt sich schlicht verantwortungslos.

Erlaubt ist nur, was nicht gefällt

Wie gut, das es Otto Depenheuer gibt, der in seinem Buch "Selbstbehauptung des Rechtsstaates" das "Feindrecht" wieder einführen möchte und die Wehrhaftigkeit der Demokratie unter Umständen mit einem "Bürgeropfer" verknüpft. Leider genügen den Autoren die Rekurse Depenheuers auf Carl Schmitt, um ihn zu desavouieren. Wo dies nicht reicht, wird die Modellhaftigkeit des Katastrophendenkens angegriffen. Wobei Zeh als Juristin wissen müsste, dass diese Art der konstruierten, fiktive[n] Versuchsanordnungen durchaus bei der Diskussion moralischer Probleme praktiziert wird.

Auf eine detaillierte Auseinandersetzung lässt man nicht ein; da muss die Empörungsrhetorik reichen. Da als Quelle zur Depenheuer-Rezeption auch dieser Artikel herangezogen wird, hätte man wenigstens erwähnen können, dass eine breite Front von Staatsrechtlern mit dem Verfassungsrichter Udo di Fabio an der Spitze Depenheuers Thesen strikt und gut begründet ablehnen.

Mit ähnlicher Verve geht es Reinhard Merkel an den Kragen, der seit einigen Jahren in bestimmten Nothilfe- und Rettungssituationen die Anwendung von Folter moralphilosophisch begründet. Dabei ist es ein Dokument der Inkonsequenz des Denkens, wenn am Ende nach vehementer Ablehnung von Merkels Thesen dann plötzlich konstatiert wird: Als Privatperson darf der Polizist wie jeder andere Bürger unter extremen und demnach seltenen Umständen möglicherweise einen Angreifer foltern, um sich und andere zu retten. Als staatliches Organ darf er das nicht. (Unklar bleibt, ob der Polizist seine Uniform vorher ausziehen soll.)

Warum also dieser Alarmismus? Dabei wäre doch – auch dies ein Zitat aus dem Buch - der Versuch, Zusammenhänge von ihrer rhetorischen Überhöhung zu befreien…noch lange keine "Verharmlosung". Aber anders funktioniert wohl die Maschine nicht. Angst wird mit Angst beantwortet; Horrorvision mit Horrorvision. Rhetorische Hysterie auf beiden Seiten. Da man sich statistisch und moralisch im Recht fühlt, glaubt man, der Zweck heilige die Mittel.

Passagen, die einen seriösen Diskurs begründen könnten, bleiben unterentwickelt. Natürlich besteht die Gefahr der medialen Vorverurteilung von Terrorverdächtigen. Ob bei uns von einer "Entmenschlichung" des mutmasslichen Terroristen sprechen muss, ist allerdings fraglich. Aber als Beleg für den Mainstream in den Medien einfach das Wort "Terrorverdächtiger" (in allen Variationen) zu zählen (bei "taz" und "NZZ") und nach 2001 eine explosionsartig[e] Vermehrung dieses Begriffes festzustellen, ist ungefähr so aussagefähig, als wollte man mit der Anzahl des Wortes "Liebe" in einem Text dessen Friedfertigkeit nachweisen.

Statt Grundsatzdiskussion Verschwörungstheorie

Statt das Plädoyer für eine Grundsatzdebatte darüber, wie sich angesichts veränderter technologischer, wirtschaftlicher und politischer Bedingungen das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit ins Gleichgewicht bringen läßt, spekulieren die Autoren lieber über die tatsächlichen Beweggründe für den schleichenden Grundrechteabbau: Was wir erleben, ist kein "Krieg gegen den Terror", sondern eine Reaktion auf das neue politische Zeitalter nach 1989/90 sowie ein gigantischer, weltweiter Verteilungskampf um den Zugriff auf eine neue Ressource: Information.

Ein paar Sätze weiter wird deutlich was gemeint ist: Dem Staat (der Wirtschaft, den Institutionen, der Polizei, etc) gehen die neuen Freiheiten, die in der Globalisierung und vor allem im Internet liegen, schlichtweg zu weit. Es ist die Angst vor Kontrollverlust, die zu immer restriktiveren Mechanismen greifen lässt. Plötzlich, so die These, wird der Bürger durch die neuen Informationstechniken frei und kann sich mit "Netzwerken" neu organisieren und positionieren. Er wird, so die Annahme, rebellisch und – unkontrollierbarer. Dabei sind die Politiker letztlich auch nur noch Marionetten einer übermächtigen Meinungsmaschine. Die Gefahr des Terrorismus werde instrumentalisiert, um neue, autoritäre Strukturen einzuführen. Die verblüffende Einhelligkeit in der Medienlandschaft tut dann wohl ein Übriges. Denn auch sie betreibe – man ahnt es ja schon - das Geschäft mit der Verunsicherung. Aber immerhin gibt es einmal die Selbsteinsicht: Man könnte zum Verschwörungstheoretiker werden.

Vieles spricht dafür, dass die Diagnose, man wolle die informationellen neuen Freiheiten der Bürger, die das Internet bietet, bewusst einschränken, eine Selbstüberschätzung der eigenen Mittel darstellt. Denn zu Recht betonen Trojanow/Zeh ja, dass das Internet mitnichten ein rechtsfreier Raum sei, wie so häufig behauptet wird. Hinzu kommt, dass sich die politisch engagierte und organisierte "Netzwelt" zwar für den Nabel der Welt hält, aber letztlich nur eine Minderheit darstellt, die sich im Phänomen der "Piratenpartei" ihre Parallelwelt institutionalisiert hat. Man schreibt sich zwar die Bürgerrechte auf die Fahnen, letztlich aber verfechtet man libertär-anarchische Politikentwürfe in einem kleinen Segment, während die tatsächlichen, "real-life"-Probleme, als "Scheiß" schlichtweg verdrängt werden.

Zwar empfehlen Trojanow/Zeh die "Piratenpartei" nicht (sie erwähnen sie gar nicht und verwenden auch nicht ihren albernen Slang), aber ihre Auflistung der im Bundestag vertretenen Parteien und deren "Sündenregister" ist durchaus ernüchternd (wobei Rot-Grün zu positiv gesehen wird, denn das Luftsicherungsgesetz, welches 2006 in Karlsruhe scheiterte, wurde nicht vom ungeliebten Minister Schäuble eingebracht, sondern war ein Relikt aus der rot-grünen Regierungszeit). Allenfalls die FDP kommt in Bezug auf die Bürgerrechte noch einigermaßen gut weg.

Auf den letzten beiden Seiten ist dann plötzlich Anlaß zum Optimismus. Worin dieser besteht, bleibt nach all der rhetorischen Alarmstimmung unklar, denn kurz vorher wurde die britische Demokratie schon zu Grabe getragen, die, so die Prognose, an ihrem eigenen Sicherheitswahn zu Grunde gehen dürfte. Dann wird dem Leser eingehämmert, nicht so fahrlässig seine Daten zur Verfügung und ins Netz zu stellen (ein wichtiger Einwand fürwahr), aber auch hier bleibt es nur bei recht einfachen Appellen wie Verteidigen Sie Ihre Geheimnisse.

Als seriöse Diskussionsgrundlage taugt das Buch kaum. Wer überall Kontrollwahn erkennt, sich in seiner Angst (nicht vor dem Terrorismus, sondern vor einem autoritären Staat) einrichten möchte und bestätigt sehen will, kommt auf seine Kosten. Am Schluss gibt's dann ein bisschen Kampf-für-die-Freiheit-Rhetorik. Mehr wird aber nicht geboten.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch

Die Todesouvertüre

Wie schön ist es, vergänglich zu sein, zu wissen, dass das Leben nicht unbegrenzt viele Tage hat? Es ist sicherlich besser, als wenn wir ewiglich existierten. Was kann man schon mit unendlich viel Zeit anfangen? Aber dass Vergänglichkeit sogar schön sein kann, ist eine Erfahrung, die ein Menschen auch erleben kann. Wenn uns der Tod etwa von grausamen Leiden erlöst, oder bestimmte Krankheiten, Probleme oder andere schädigende Sachverhalte nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden.
Jaja, ich weiß, was du jetzt denken magst, lieber Leser: Der hat sie doch nicht mehr alle! Versucht uns hier nun an das Thema Tod heranzuführen, damit er wieder seine grausamen Fantasien zu Papier bringen kann! Na ja, so habe ich mich nunmal bisher immer gegeben, da darf ich mich nicht wundern, wenn mir das weiterhin so angemaßt wird. Aber statt dieses Faktum zu bestreiten, nur um der Verteidigung der eigenen Ehre willen, möchte ich dir hier nun eine kleine Geschichte erzählen:

Es war einmal ein Mann, der lebte in einer kleinen Hütte hoch oben in den Bergen. Und es war Winter, ein eisig kalter Winter mit sehr viel Schnee, und der Mann konnte froh sein, dass er zumindest ein PAAR Lebensmittel gehortet hatte, damit er in dieser extremen Wetterlage nicht allzu oft ins Tal hinuntersteigen muss, in das nächstgelegene Dorf, denn der Pass war im Winter ein anspruchsvoll zu gehender und gefährlicher Weg. Aber der Schnee war meterhoch, die Kälte unerschütterlich und der grausame Winter verweilte noch lange. Nun wurde tatsächlich die Nahrung so langsam knapp, sie reichte noch maximal für 2 Wochen, aber es war noch immer viel Schnee auf dem Pass. Sollte der Mann jetzt schon gehen und auf Vorrat kaufen oder zumindest die Begehbarkeit des Weges testen? Es war nämlich gerade schönes Wetter draußen und obwohl es gleichzeitig bitter kalt war, so schien die Sonne doch freundlich vom eisblauen Himmel herab und aller Nebel wich davon, die Sicht war atemberaubend, die Luft war trocken. Doch der Mann wartete, weil er sich von der Kälte zu sehr beeindrucken ließ. Der Wille, lieber noch in der warmen Hütte zu bleiben, war im wichtiger als nachhaltige und vorausdenkende Vorsorge. Obwohl es beinahe aussichtslos und unmöglich werden könnte, wenn es wieder wärmer und feuchter werden würde, und es wieder anfing zu schneien, fällte er diese Entscheidung. Im Schneetreiben zu gehen, ist weitaus schwieriger als in der Kälte. Aber der Mann dachte nicht daran, viel lieber verweilte er vor dem wärmenden Kaminfeuer, Brennholz hatte er zum Glück ja genug.
Die Tage zogen nun dahin und es kam tatsächlich so wie vorausgesehen: Es wurde zwar wärmer, dafür setzten jedoch schwere Schneeschauer und -stürme ein. Nun MUSSTE der Mann aber gehen, weil seine Lebensmittelreserven nun endgültig erschöpft waren. Er HÄTTE ja eher gehen können, aber er WOLLTE es nicht. Dafür musste er sich nun durch den starken Schneefall kämpfen.
Sein Weg möchte ich hier nun nicht schildern, nur so viel sei gesagt: Er kam nie im Dorf an.
Eines schönen Tages im Frühling fand man abseits aller Wege in einer Felsspalte eine Leiche, von der Kälte des Winters noch immer etwas konserviert. Wer auch immer der Tote war, er muss sich verirrt haben und ist dann erfroren. Die, die ihn fanden, zeigten erstaunlich wenig Mitgefühl, im Gegenteil, sie lachten sogar und spotteten, wie so ein Narr nur meinen könnte, er müsste im strengsten Winter die härtesten Bergtouren begehen.

Sind wir nicht alle irgendwie dieser Mann? Wir meinen immer wieder, wir müssten uns gegen das scheinbar Unausweichliche stellen. Wir glauben, wir könnten alles beliebig lange nach hinten herauszögern, weil es ja immer noch einen Morgen gibt. Doch irgendwann reißt auch diese Kette ab, dann gibt es keinen Morgen mehr. Dann sterben wir unverrichteter Dinge. Und warum? Weil wir uns nicht darum kümmern wollten! Je eher wir ein Problem behandeln, desto leichter fällt es uns, es zu lösen, und desto länger können wir an ihm herumrätseln.
Wir fürchten den Tod, klar, wer tut das nicht, doch was genau fürchten wir an ihm? Wenn ich an meinen eigenen Tod denke, so bemerke ich immer, dass es die Rat- und Planlosigkeit, die Verzweifelung, das Unverständnis, vielleicht sogar auch die Trauer der anderen ist, was mich vor Schrecken hochfahren lässt. Klar, diese Situation ist unvermeidbar, doch man kann die Angst davor bekämpfen, damit man sich mutig wie ein Gladiator seinem Gegner stellen kann, wohlwissend, dass der Regent den Daumen trotzdem nach unten senkt - tut er das wirklich immer? Nein, tut er nicht, man kann den Schatten abwenden, selbst dann, wenn es Nacht wird.
Wie das geht, werde ich euch in dieser Blogserie als Contributor auf Begleitschreiben erläutern. Viel Spaß beim Lesen!

Dalai Lama (Tenzin Gyatso) / Sofia Stril-Rever: Meine spirituelle Autobiographie

Dalai Lama Meine spirituelle AutobiographieDas freundliche Gesicht mit dem Lächeln, die etwas zu große Brille, das scheinbar immergleiche Mönchsgewand. Eine Mischung zwischen Kindchenschema, welches den Beschützergeist mobilisiert und einer uns in diesem Ausmaß nicht mehr bekannten Bescheidenheit, vielleicht sogar Askese: Der Wiedererkennungswert des Dalai Lama (Tenzin Gyatso) geht einher mit einem erstaunlichen Zuspruch, auch und insbesondere in der westlichen Kultur. Es gibt Umfragen, die ihm eine höhere Autorität zuweisen als beispielsweise dem Papst (von lokalen Politikern oder Intellektuellen erst gar nicht zu reden). Und auch die hartnäckigsten Zölibatskritiker sprechen dem Dalai Lama nicht die Kompetenz ab, über Liebe und Zuneigung zu sprechen, obwohl das Keuschheitsgelübde essentiell für einen Mönch ist, gehört es doch zu den vier grundlegenden Gelübden – neben dem Verbot zu töten, zu stehen und zu lügen. So stellt er fest, dass die Befriedigung sexueller Wünsche nur vorübergehende Erfüllung bringe (was man für die Nahrungsaufnahme auch sagen könnte) und plädiert dafür dieses Begehren ganz und gar als solches wahrzunehmen und es durch einen Bewusstseinsprozess zu transzendieren. Trotzig und durchaus humorvoll zitiert er einen indischen Gelehrten mit den Worten "Wenn es einen juckt, dann kratzt man sich. Besser, als sich zu kratzen, ist aber, wenn es einen gar nicht juckt."

Es wäre natürlich ein Fehler, den Zuspruch nur an Äußerlichkeiten festzumachen. So erscheint dieser Mann mit seiner natürlich wirkenden Fröhlichkeit und der im Kern (so scheinbar) einfachen Botschaft gepaart mit einer Nuance Exotismus, die eine vielleicht ernsthafte Beschäftigung mit seinen Thesen womöglich eher behindert, wie ein ferner Onkel, dem man ab und zu gerne zuhört und dessen (mediale) Anwesenheit ein wohliges Gefühl des Verständnisses erzeugt. Zumal er sich auf die Erstellung von Diagnosen beschränkt und keine Imperative aufstellt (was die Rezeption ziemlich bequem macht).

Für Universalisten ist der Dalai Lama ein Paradebeispiel, weil er ihr Denken mit einfachen (und nachvollziehbaren) Worten zu leben scheint. Umweltschützer identifizieren sich mit dem Gedanken, die Erde teilen, statt sie besitzen zu wollen und idyllisieren vielleicht manchmal das raue Leben der Tibeter in den 1950er Jahren als Einklang mit der Natur. Kulturkritiker picken begierig seine Aussagen heraus, die beispielsweise die Unfähigkeit des Menschen attestiert mit Vielfalt umzugehen und das, obwohl wir alle…den Pluralismus hoch[halten]. Und für Pazifisten ist er die Lichtgestalt, der sich der fortwährenden Aggression gegenüber seiner Kultur in Tibet mit dem Mantra der Gewaltlosigkeit entgegenstemmt (und Mahatma Gandhi verehrt).

Laufband und die drei wichtigsten geistigen Gifte

"Meine spirituelle Autobiographie" suggeriert nun einen genaueren Einblick in Leben und vor allem Denken des Dalai Lama. Das Buch ist unterteilt gemäss seiner These der drei Aufgaben in seinem Leben: als Mensch, als buddhistischer Mönch und in seinem Leben als Dalai Lama für die Sache Tibets, die ihm ganz speziell am Herzen liegt.

Wer nun glaubt, Seine Heiligkeit habe ein spezifisch neues Buch geschrieben, wird rasch enttäuscht. Bereits im Vorwort von Sofia Stril-Rever, die als Herausgeberin zeichnet (allerdings merkwürdigerweise nicht auf dem Cover) wird deutlich, dass es sich mehrheitlich (oder ausschließlich?) um bekannte, längst publizierte Texte handelt, d. h. um Reden, Erklärungen, kleine Aufsätze oder auch Zitate aus anderen Büchern. Leider werden nur kursorisch die Quellen genannt, so dass etliche Texte ohne Zeit- und Ortsangabe bleiben. Stattdessen kommentiert sie ausgiebig (in Kursivschrift immerhin sofort erkennbar) seine Reden und Erklärungen, re-formuliert und interpretiert sie gleichzeitig in einem insbesondere im ersten Kapitel teilweise unerträglich pietistischen Stil.

Hinzu kommt, dass Wiederholungen und Redundanzen (auch hier insbesondere im ersten Kapitel) an die Grenzen des Erträglichen gehen. In allen Variationen werden die Begriffe Mitgefühl und menschliche Zuneigung als Lebenskern herausgestellt und fast technoartig eingehämmert, dass jedes Wesen nach Glück strebt und versucht, Leiden zu vermeiden. Damit liegt der Dalai Lama in der Quintessenz zunächst einmal von der postmodernen Spaßgesellschaft gar nicht so weit entfernt, wenngleich natürlich der ökonomische Konsumismus bzw. Materialismus von ihm radikal abgelehnt wird. Und wenn dann die Feinde unsere besten Lehrmeister sind, ist die Nähe zum Neuen Testament unverkennbar.

Der Dalai Lama erzählt von seinem normalen Tagesablauf (wir erfahren, dass er sich auf einem Laufband fit hält und auf das Abendessen verzichtet), erinnert sich an die Eltern, berichtet vom Besuch der Findungskommission nach dem Tod des 13. Dalai Lama (sehr interessant die Beschreibung des Findungsverfahrens) und seiner Kindheit in Lhasa (ab 1940) mit seinen sehr, sehr strengen Lehrern. All dies wirkt manchmal entrückt, fast wie aus einem Bertolucci-Film und abermals greift die Herausgeberin fehl, wenn sie glauben machen will, die Kindheit des Dalai Lama sei die eines ganz normalen Kindes gewesen, welches von seinen Eltern verwöhnt worden wäre und spätestens hier möchte man den Mann vor seinen schwärmerischen Verehrern beschützen.

Am interessantesten ist es, wenn der Dalai Lama im zweiten Teil des Buches die Grundthesen seiner Religion, des tibetischen Buddhismus, vorstellt. Dabei weist er darauf hin, dass der Buddhismus weniger eine philosophische Sicht der Welt darstellt, sondern vielmehr ein Weg zur Verwandlung des Geistes, mit dem Ziel, sich vom Leiden und dessen Ursachen zu befreien. Dabei gilt es, die drei wichtigsten geistigen Gifte auszuschalten: Nichtwissen, Begierde und Hass.

Erzählt wird über die zwei Wahrheiten, die es im Buddhismus gibt: eine relative Wahrheit, die das Äußerliche der Phänomene betrifft, ihr Erscheinen und Verschwinden, und eine letzte Wahrheit, die das Fehlen einer den Phänomenen innewohnenden Wirklichkeit bezeichnet. Hier ergäben sich interessante Berührungspunkte (und auch Differenzen) zu westlichen Philosophen aber derartige Untersuchungen sind nicht beabsichtigt. Dafür bekommt der der Leser einen kleinen Einblick in die Reinkarnationslehre und erfährt, dass der Dalai Lama für sich auch eine Reinkarnation als Insekt vorstellen kann und ein neuer Dalai Lama, sollte Tenzin Gyatso im Exil sterben, auch aus dem Exil kommen müsste (wobei er offen lässt, ob es überhaupt einen neuen Dalai Lama geben muss und sich diese Art der "Regierung" nicht überholt habe).

Zunächst angenehm der zurückhaltende Ton, der ausdrücklich eine Ausdehnung seines Glaubens auf andere Kulturkreise nicht anstrebt, da die kulturelle Prägung, die spirituelle Tradition, in die wir hineingeboren wurden, für elementar erachtet wird. So sei es meist befriedigender…die Religion seiner Eltern zu übernehmen und sich dorthin zu vertiefen. Es ist nicht notwendig, Buddhist zu werden, wenn man im Westen aufgewachsen ist. Folgerichtig lehnt der Dalai Lama auch eine Hierarchie der spirituellem Traditionen ab und suggeriert, dass sich in der spirituellen Praxis die Weltreligionen ungeachtet ihrer unterschiedlichen philosophischen Vorstellungen mehr oder weniger treffen: Sie wollen eine Verwandlung des inneren Bewusstseinsstromes erreichen, wodurch wir bessere, demütigere Menschen werden. Da kippt dann die Zurückhaltung in harmlos-erbauliche Sonntagsrhetorik, die niemanden weh tun möchte, aber dadurch auch kein eigenes Profil zeigt – wobei dieser Einwand natürlich streng genommen wieder als allzu westliche Sichtweise betrachtet werden kann.

Dennoch hat man das Gefühl, dass ein kleines bisschen Interpretationsgymnastik jede Aussage an das jeweilige Wertesystem andockbar macht. So erkennt der Dalai Lama einerseits keinen Widerspruch zwischen Religion und Politik, sieht sich andererseits aber als Anhänger der laizistischen Demokratie und möchte sogar einmal die tibetische Lebensweise von der buddhistischen Religion getrennt sehen. Und schließlich dann das Zitat, er träume von einer Synthese zwischen Buddhismus und Marxismus (von 2008).

Textsammlung statt eigenständiger Autobiographie

Im dritten Teil des Buches, welches seine politische Rolle als im Tibetkonflikt thematisiert, berichtet er anfangs von seiner politischen Unerfahrenheit, als die Chinesen 1950 Tibet angriffen. Später dann wird von einer "Modernisierung", ja "Demokratisierung" gesprochen, die der junge Dalai Lama in den 1950er Jahren eingeleitet haben soll. Als Fehler der tibetischen Administration gilt ihm heute die jahrhundertelange, selbstgewählte politische Isolation des Landes, die sich unter anderem darin zeigte, dass wir nur wenigen Ausländern Zugang zu unserem Land gewährten (in den 1950er Jahren sollen es nur sieben gewesen sein). Somit war dieses Land (wie auch in den Aufzeichnungen von Peter Aufschnaiter nachzulesen ist) in mittelalterlich-theokratischen Strukturen stehengeblieben (womit die Aussage, man habe in Tibet bis zur chinesischen Besatzung ein glückliches Leben geführt, fast geschichtsklitternd daherkommt).

Der politische Teil des Buches ist der Schwächste. Die Herausgeberin hat über weite Strecken einige Reden des Dalai Lama zum 10. März (dem Datum des Aufstands der Tibeter gegen die Chinesen) aneinandergereiht und mit eigenen Erläuterungen versehen. Für einen wissenschaftlichen Historiker mögen die authentischen Reden der Jahre 1961, 1965, 1967, 1968, 1990 und 2008 von Interesse sein. Für den gewöhnlichen Leser sind sie eher ermüdend.

Anfangs noch auf eine vollständige Unabhängigkeit bedacht, ändern sich die Forderungen des Dalai Lama bis hin zu einer kulturellen, selbstverwalteten Autonomie im Innern: Die Gesamtheit Tibets, die unter dem Namen Choklha-Soum (das die Provinzen Ü-Tsang, Kham und Amdo umfasst) bekannt ist, müsste eine demokratische, selbstverwaltete Einheit im Bündnis mit China werden. […] Die Regierung der Volksrepublik China bliebe weiterhin für die Außenpolitik Tibets zuständig. Damit würde teilweise der im Buch so abschätzig bewertete Status des Vertrages von 1907 re-implementiert, in dem China zur Suzeränität Tibets verpflichtet wurde.

Ein neu geschriebener, aktueller Text zur politischen Entwicklung hätte eine nachhaltigere Wirkung gehabt. Zwar zeigen sich hier die Anmerkungen von Sofia Stril-Rever als hilfreich, aber worin jetzt der Unterschied zwischen dem Fünf-Punkte-Plan von 1987 ("Mittlerer Weg") und dem sogenannten "Memorandum" von 2008 liegt, bleibt vollkommen unklar. Zwar wird deutlich, dass die chinesische Führung mit ihrem "Sinisierungsprogramm" auf Zeit spielt und die Tibeter zur Minderheit im "eigenen Land" machen will, aber woran die zwischenzeitlich durchaus stattgefundenen Annäherungen (1974-80, 1984, 1990) letztlich gescheitert sind, wird ebenfalls nicht erörtert. Interessant die fast ehrerbietigen Worte des Dalai Lama zu Mao Zedong anlässlich mehrerer Treffen in den Jahren 1954/1955, wobei leider (wie so häufig in diesem Buch) nicht deutlich wird, wann dieser Text verfasst wurde.

Die neutrale Sicht auf den Konflikt gerät naturgemäss manchmal ein bisschen ins Wanken. So ist die Behauptung des Dalai Lama, Tibet sei in mehr als zweitausendjähriger Geschichte ein unabhängiger Staat gewesen, mindestens diskussionswürdig. Insbesondere, weil er an anderer Stelle schreibt, die Beziehungen zwischen China und Tibet seien durchaus konfliktbeladen gewesen und die Herausgeberin von "komplexen" Beziehungen spricht. Dennoch wird deutlich, dass die chinesische Regierung einen großen Fehler macht, diesen Mann nicht Ernst zu nehmen und mit ihm zusammen einen ernsthaften Kompromiss zu erarbeiten. Wobei Diktaturen allerdings nicht unbedingt kompromissbereite und -fähige Institutionen sind. Aber eine wie auch immer geartete Nachfolge wird eine deutlich radikalere Vorgehensweise zur Befreiung Tibets (so Sofia Stril-Revers Vision) praktizieren wollen; eine Einigung mit dem jetzigen Dalai Lama könnte diese Verschärfung bannen.

"Meine spirituelle Autobiografie" ist als Einstieg für die Beschäftigung mit dem Dalai Lama und vielleicht sogar des Buddhismus durchaus geeignet. Die editorischen Methoden der Herausgeberin sind allerdings zweifelhaft und ärgerlich. Viele Texte stehen ohne Quellen- und Zeitangabe. Auf strittige Themen, wie beispielweise das Verbot des Dalai Lamas dem Dorje-Shugden-Kults gegenüber (teilweise schwere Vorwürfe zum Vorgehen des Dalai Lama werden hier erhoben, wobei der Laie nur sehr schwer in der Lage ist, diese Nuancen wahrzunehmen) wird nicht eingegangen. Dennoch erhält man einen ersten Überblick auf das wechselhafte Leben dieses Mannes und seine Aufgehobenheit in seiner Religion, die ihn vor einer Verzweiflung, was das Schicksal Tibets angeht, zu schützen scheint.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem im Buch zugeschriebenen Texten des Dalai Lama.

Michael Jürgs: Seichtgebiete

Michael Juergs  SeichtgebieteWer hat das nicht schon einmal erlebt? Man trifft auf einer Party einen Zeitgenossen, mit dem man sofort in vielen Punkten gleicher Meinung ist. Andere kommen hinzu und nehmen in der Debatte teilweise konträre Positionen ein. Man verteidigt den Angegriffenen. Und plötzlich holt dieser zu verbalen Rundumschlägen aus, verlässt das scheinbar so fruchtlose Argumentieren, beschimpft die Mitdiskutanten rüde und wundert sich am Ende, das niemand seine Sicht der Dinge teilt, was dann zur Bestätigung der These herangezogen wird, dass alle anderen eh' zu blöde sind. Achselzuckend geht die Runde auseinander und mit den Schimpfkanonaden des Beleidigers ist der Kern der eigenen Überzeugung auch gleich ein bisschen mitdiskreditiert worden.

Der Volksmund hat dieses Dilemma im Sprichwort vom Ton, der die Musik macht, festgehalten. Und mehr denn je gelten im Diskurs bestimmte Gebote, die ihn überhaupt erst ermöglichen. Das bedeutsamste ist die gegenseitige Akzeptanz. Ohne das gegenseitige Anerkennen ist ein Diskurs undurchführbar. Die Regeln dieses respektvollen Diskutierens, die zunächst im informellen Gebrauch geformt werden und dann allgemeine Gültigkeit durch Gebrauch erhalten, sind in den letzten Jahrzehnten immer präziser und teilweise durchaus repressiver geworden. Zudem wurden inzwischen institutionell verankerte und sanktionierte Ge- bzw. Verbote ausgesprochen. Viele sehen daher in öffentlichen Diskussionen inzwischen immer mehr übertriebene Korrektheiten, die formale Elemente dem argumentativen Austausch unterordnen. Die Folge seien, so die These, häufig blutleere Beiträge, die sich mitunter in elaborierter Wortgymnastik ergehen.

Diesen Vorwurf kann man Michael Jürgs und seinem Buch "Seichtgebiete" nicht machen. Er reiht sich ein in die Rolle der sogenannten "Polemiker" (wobei die meisten nur eine ungenaue Vorstellung von der Kunst der Polemik haben), die mit polternder Krawallrhetorik und Lust an der Provokation bis hin zur Beleidigung Andersdenkender gegen die "Political Correctness" wettern und dabei stolz auf ihre "klare" Sprache sind wie sonst nur die (imaginären) Stammtischbrüder.

"Verbale Intifada"

Zunächst ist der Untertitel des Buches "Warum wir hemmungslos verblöden" ein Etikettenschwindel, weil suggeriert wird, dass es eine klar strukturierte Analyse gibt. Doch damit verschwendet Jürgs seine Zeit erst gar nicht. Er liefert keine Argumente, sondern nur Meinung. Dennoch ist ihm Applaus sicher: Sein Buch wird als mutig und notwendig gelobt; es spreche vielen aus dem Herzen. In der "SPIEGEL"-Bestsellerliste steht es weit oben; schon gibt es epigonale Produkte von anderen, die auf den erfolgreichen Zug aufspringen wollen, bevor dieser am Zielbahnhof der Nichtigkeit angekommen ist.

Der neue Trend geht vom argumentativ Erschließenden hin zum meinungsfreudigen Gemaule; auch und vor allem beim (sogenannten Kulturgut) Buch. Jürgs scheint großen Gefallen an seiner selbstauferlegten Rolle zu finden. Sein Lieblingswort ist "blöd" (in allen Substantivierungen und Deklinationen). Bis zu dreimal türmt er es auf knappstem Raum in seine Sätze zu Gebilden wie Es stimmt zwar, dass es Millionen von Blödern zu begeisternde Blöde gibt, sonst müsste ein 'Superstar'-Abend der Blödmacher wie hier nicht erfunden werden. Was bedarf es noch des Arguments oder der Differenzierung? Hinweg mit den langweiligen Adepten der Letztbegründung! Die "Operation Klugscheißer" wird schon auf Seite 18 beerdigt, da ja niemand Oberlehrer und Besserwisser mag.

In Wahrheit beerdigt Jürgs nichts, sondern drischt mit einer Mischung aus Wut, Wonne und Vehemenz auf nahezu alles ein, was ihm in die Quere kommt. Er nennt das Guerillataktik und spricht von der verbalen Intifada. Dabei scheut er keine Plattitüde, kein falsches Bild, keine unzulässige Verallgemeinerung und keine Verbalinjurie, sei sie auch noch so abwegig oder lächerlich. Schließlich geht es um die "gute Sache".

Es beginnt mit einem Samstagabend im März 2009. Auf RTL schauen 5,61 Millionen Leute "Deutschland sucht den Superstar". In der ARD zur gleichen Zeit 5,68 Millionen den "Musikantenstadl". Insgesamt werden also, so Jürgs' Schlussfolgerung, 11,29 Millionen Deutsche gemäss ihrer Bedürfnisse behandelt. Beide Sender seien daher in diesem Fall zu definieren als klassische Bedürfnisanstalten des Volkes.

Für Jürgs sind das alles "Blöde" – ob jung oder alt, spielt keine Rolle. Aber das ist nur Vorgeplänkel. Vollends zu Höchstform läuft er auf, wenn es um Mario Barth geht, diesen Scherzunhold. Er sei der Kaiser unter den Blödmachern, der den Traum der Alchimisten wahr gemacht habe, nämlich aus Scheiße Geld zu machen (dass der "Traum" leicht anders ging, ficht ihn natürlich nicht an). Und wenn er an anderer Stelle auch wenig zimperlich mit den ALG-II-Empfängern umgeht, so erkennt er in den stadionfüllenden Aufführungen (eine Karte kostet zwischen 30 und 50 Euro) lauter Menschen, die sich seit Monaten auf das Jahrestreffen der Barth-Gemeinde freuen wie Schlesier…auf Pfingsten. Sie freuen sich auf Super-Mario…der für sie die Sau rauslassen wird. So viele Menschen wie heute waren live noch nie unter freiem Himmel versammelt, um einem zuzujubeln, der sie für blöd verkauft. Die Käufer von Barths Buch kommen bei Jürgs noch schlechter weg. Für sie hat er sich den Brüller Anal-Phabeten aufgehoben (wohl in Anlehnung an dessen Scherze).

Von Sachtkenntnis sind seine Invektiven dabei nicht unbedingt getrübt. Die griffige Aussage, Sendungen wie das RTL-"Dschungelcamp" hole die Blöden für Stunden von der Straße oder die Lehrer dürften weder Strafarbeiten noch Nachsitzen aussprechen (und dies sei ein wesentlicher Grund für das verkorkste Schulsystem) sind Behauptungen, die nicht unbedingt dadurch richtig werden, dass man sie niederschreibt. Aber Jürgs fragt natürlich nicht. Er fragt nicht, warum es eigentlich eine "Zielgruppe" der 14-49 jährigen bei der Ermittlung des Zuschauerverhaltens gibt. Er gibt keine Hinweise darauf, dass es sich nicht um eine homogene Zielgruppe handelt, sondern dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Nicht nur hier ist Jürgs in Wahrheit ein verkappter Hüter des Status quo, weil man diesen aus der scheinbar moralisch überlegenen Position so gut schmähen kann (von wegen Kulturrevolution, dafür kühlt Jürgs viel zu gerne sein Mütchen am Bestehenden).

Er fragt nicht, warum Barth die Arenen füllt (was auch mit der beispiellose Werbekampagne von RTL im Vorfeld zu tun haben dürfte). Und er fragt auch nicht, warum die von ihm so totgerittene "Der-Kaiser-ist-ja-nackt"-Pointe in der seriösen Journalistik rein gar nicht stattfindet (nur einmal konzidiert er, dass viele unbedarfte Deppen zu Stars hochgeschrieben worden wären, wobei er interessanterweise das Wort ungewollt davorsetzt, als handele es sich um einen Unfall).

Natürlich regen Jürgs noch ganz andere Kandidaten auf: Boris Becker, Jörg Pilawa, Oliver Geissen, im Prinzip der gesamte MDR, Heidi Klum, Heino, Udo Walz und natürlich Dieter Bohlen (Kotzbrocken) – alles mehr oder weniger Blödmacher für die Zielgruppe ALG 2 abwärts. Charlotte Roches "Feuchtgebiete" hat er nachweislich nicht gelesen, weiß aber, dass es schlecht ist – was ihn aber nicht davon abhält, den Titel für sein Buch zu paraphrasieren (er sei da "hemmungslos" bekennt Jürgs, der sich nicht einmal vor sich selber zu schämen scheint, in einem Interview).

Nebenbei geht es auch um das deutsche Schulsystem, die respekt- und sprachlosen Schüler (So reden die von und auf der Gosse), die unfreundlichen Taxifahrer, das Parken in zweiter Reihe, Neonazis (das einfache Konzept: aufs Maul hauen, sobald sie es öffnen), die Vornamen der Kinder von Uwe Ochsenknecht, das rüpelhafte Benehmen des Prekariats (das, was man früher Unterschicht und noch früher Proletariat nannte, wie Jürgs weiß), die zu kurzen Fußgängerampelschaltungen, das Handy-Telefonieren in Zügen der Deutschen Bahn (Jürgs tritt für eine Renaissance des "Metropolitan" ein, der zwischen Köln und Hamburg verkehrte und sogenannte "Silence"-Wagen hatte [gegen Anglizismen hat Jürgs ausnahmsweise nichts] – und outet sich dabei als ziemlicher Nicht-Bahnfahrer, sonst wüsste er, dass es in ICE-Zügen nicht nur ausnahmsweise schon äquivalente Ruhewagen gibt). Ach ja, die "informationelle Müllhalde Internet" (Zitat Günther Jauch) gibt's auch noch.

Günter Struve und der süße Duft der Quotenblüte

Jürgs benennt aber auch das Gute (freilich im gleichen Slang). Er mag "Frontal 21" und plädiert für eine Verlängerung der Sendezeit für "Monitor" und "Panorama". Die 3sat-Sendung "Kulturzeit" ist für ihn eine Rettungsinsel (vielleicht daher auch seine fast pubertäre Schwärmerei in der "Süddeutschen Zeitung" vor zwei Jahren für eine der Moderatorinnen, Andrea Meier). Günther Jauch sei ein seriöser Journalist, der sofort ins Erste gehöre (schon mal "stern-tv" geschaut? und wie sieht es mit der Werbemaschine Jauch aus?) – wie auch die Sendung "Zimmer frei" von Götz Alsmann und Christine Westermann. Und dann stellt er Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt als eine Art ultimativen Antipoden vor. Zwischen dem Superstar der Blöden, Mario Barth, und dem der Klugen, Helmut Schmidt, liegen Welten lautet das Fazit. Aber ob diese Welten überhaupt miteinander vergleichbar sind?

Für Jürgs ist klar: Es gibt heute…mehr Verblödete denn je und das liegt daran, dass inzwischen viele mit 'Tutti-Frutti'-TV vulgo dem Privatfernsehen aufgewachsen sind, jenen Kanälen der Unterschicht, 1984 entwickelt von Blödmachern, die sich als Pioniere fühlten. Die berechtigte Frage, warum das öffentlich-rechtliche Sender wie ARD und ZDF diesem Trend so wenig entgegensetzen, kontert er mit einem groß angelegten Angriff gegen Günter Struve, seines Zeichens 16 Jahre Vorsitzender der ARD, der nun, was bei Jürgs "strafverschärfend" gilt, als dritter Moderator des MDR-"Riverboat" mehrmals im Monat von Los Angeles eingeflogen wird. Jürgs hält die weißhaarige graue Eminenz Struve für einen intellektuelle[n] Zyniker, der es genoss…von denen, die gebildet waren wie er, verachtet oder sogar gehasst zu werden.

Warum Jürgs diesen psychologisierenden Ton anschlägt, bleibt unklar. Immerhin merkt man, dass er Struve respektiert. Sein Furor, die ARD zum Widerstandsnest gegen die Blödmacher zu implementieren, berücksichtigt allerdings nicht den Legitimationsdruck, dem Struve ausgesetzt war. Die Debatte um die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Systeme, die im Schlagwort der "Zwangsgebühren" gipfelt (und noch längst nicht beendet ist), kommt bei Jürgs schlichtweg nicht vor. Bewusst bekennt er sich zu den Gebühren: Wo sonst auf der Welt bekäme ein Kunde für etwas mehr als siebzehn Euro im Monat so viele Möglichkeiten geboten, sich zu unterhalten oder nachhaltig seinen Horizont zu erweitern?

Er ist nur schwer vorstellbar, dass diese Diskussion an ihm vorbeigegangen sein sollte, was bedeuten würde, dass es sich um bewusste Auslassung handelt. Wenn aber Struves Spagat zwischen Quote und Anspruch (den man natürlich kritisieren kann, vielleicht sogar muss), der in einer spürbaren Trivialisierung des ARD-Programms zu Gunsten quotenträchtiger Sendungen und "Formate" gipfelte (immer wenn der betäubend süße Duft einer sich abzeichnenden Quotenblüte in die Nase stieg…stank ihm nichts mehr) als solcher gar nicht wahrgenommen, sondern nur als eine Art "mutwilliger" Akt hin zu den Seichtgebieten gesehen wird, dann verkauft Jürgs den Leser für genau so "blöd" wie die von ihm so Kritisierten.

Schwungvolles Einrennen offener Türen

Nachdem er ausführlich eine Art Wunschtraum über eine Dokusoap mit dem Leergut der Nation entwickelt, in der die entsprechende Klientel auf 3sat oder arte aufzutreten habe und irgendwie vorgeführt werden soll, bringt er dann noch Vorschläge, wie die ARD für Unterhaltung mit Niveau zu reformieren sein soll. Aber diese sind an Putzigkeit kaum zu überbieten:
Da müsste erstens das bisherige System dran glauben, und auf dessen Trümmern zweitens radikal Neues gebaut werden. Die Intendanten, Direktoren, Chefredakteure der Landesanstalten würden zwar drittens ihre Ämter und Privilegien wie Dienstwagen und Fahrer behalten dürfen. Aber die Intendanten werden viertens qua Amt delegiert in einen Aufsichtsrat, als oberstes Gremium der überregionalen Mutteranstalt ARD. Das gesamte Abendprogramm, das frei von Werbung nach 20 Uhr gesendet wird, machen fünftens zukünftig nur noch Befähigte, vergleichbar dem Vorstand eines Unternehmens in der freien Wirtschaft, der verantwortlich ist für das operative Geschäft…Die entmachteten Regionalfürsten entscheiden sechstens wie bisher, aber autark, was in ihren Angeboten dem eigentlichen Ersten siebtens zu, was verlangt wird oder was sie sich ausgedacht haben. Der achte Punkt ist dann noch eine Regionalisierung der Dritten Programme. Aber da Jürgs schon weiss, dass diese Vision nie Wirklichkeit werden wird ernennt er neuntens Nikolaus Brender zum Ersten Generaldirektor (nach BBC Vorbild), den jetzigen ARD-Chefredakteur Thomas Baumann zum Koordinator für Gesellschaft und Politik und Kultur und Thomas Schreiber vom NDR zum Unterhaltungschef.
Irgendwie hat Jürgs allerdings übersehen, dass Baumann in seiner Funktion als ARD-Chefredakteur schon längst (seit Juli 2006) Koordinator für Politik, Gesellschaft und Kultur ist. Und Thomas Schreiber ist seit Juni 2007 bereits Leiter der ARD-Unterhaltungskoordination.

Von ähnlicher Güte sind auch anderen Vorschläge. Parlamentsabgeordnete sollten gezwungen werden, ihnen zugewiesene Bücher zu lesen und über ihre Lektüre öffentlich zu berichten. Mandatsträger, die kulturell Nachholbedarf hätten, kämen in eine Volksvertreterhochschule. So erhofft Jürgs der kulturelle[n] Verwahrlosung unserer Volksvertreter Einhalt zu gebieten. Irgendwann würde sich das wieder auf "das Volk" positiv auswirken.

Die Bestsellerliste für Belletristik soll aufgeteilt werden in eine Liste für Literatur die diesen Namen verdient und eine, welche die Favoriten des Massengeschmacks notiert. Da die "Bestsellerliste Literatur" durch das Votum der knapp viertausend unabhängige[n] Buchhändler ermittelt werden soll, handelt es sich streng genommen um keine "Seller"-(Verkäufer) Liste. Jürgs' hat vermutlich keine Ahnung, dass es eine ähnliche Liste längst schon gibt: Es ist die "Bestenliste" des SWR, die zwar durch das Votum von Literaturkritikern ermittelt wird, aber eben genau keine "Verkaufsliste" im üblichen Sinn ist. Die Bestsellerliste Sachbuch will er auch noch in eine für Biografien und Sachbücher und wiederum eine für den Massengeschmack der Lebenshilfe-Literatur teilen. Der Vorteil dieser Sachbuchaufteilung wäre, dass sein Buch wenigstens nirgendwo notiert würde.

Wohlgemerkt: Es handelt sich hier nicht um aus einer Bierlaune heraus niedergeschriebene Thesen eines bildungsbürgerlich gescheiterten respektive verbitterten Couch-Potato, sondern das schreibt ein ehemaliger Chefredakteur des "Stern" und Autor von Biografien.

Es ist schwer, bei der Kritik zu diesem unsäglichen Machwerk nicht einfach in Jürgs' primitiven Jargon zu verfallen. Das Prinzip dieses Buches ist schlicht: Die "richtige" Meinung des Autors soll ihn vor jeglicher Kritik immunisieren. Ein billiger Taschenspielertrick, der die Kumpanei mit dem Leser sucht und vor inhaltlichen, formalen und vor allem sprachlichen Mängeln wohlwollend den guten Zweck über die arg bescheidenen Mittel heiligen lassen soll. So einfach gestrickt ist Jürgs' Welt, der sich in seinen dumm-dreisten rhetorischen Pirouetten, die nur selten gelingen, wälzt (die Sprachlosen schreiben wie sie sprechen - eine unfreiwillige aber treffende Selbstcharakterisierung), in Interviews als eine Art Retter des Zuschauers auftritt und dabei um Akklamation buhlt wie sonst nur Mario Barth mit seinen primitiven Witzchen die (vermeintlich) Blöden zu Beifallsstürmen hinreißt. Dass ein Verlag ein derart peinliches und nichtssagendes Elaborat überhaupt veröffentlicht, es sogar noch als "provokante Streitschrift" wagt zu deklarieren, beleidigt nicht nur alle seriösen Fernsehkritiker sondern auch das ansonsten schon genug gebeutelte Publikum.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Faktor 13

Lassen wir einmal beiseite, was an den Meldungen stimmt, dass es ein geheimes Waffengeschäft zwischen Nordkorea und dem Iran gegeben hat. Interessant ist der Aufmacher auf tagesschau.de (13.30 Uhr, 29. August 2009):

tagesschau.de 29.08.09 13.30 Uhr

Die Kartenausschnitte der jeweiligen Länder suggerieren, dass beide Staaten eine ähnliche Grösse haben. Ein Blick auf die Fakten zeigt aber etwas anderes:

Nordkorea - 122.762 km2 (flächenmässig Platz 95 in der Welt)
Iran - 1.648.195 km2 (flächenmässig Platz 17 in der Welt)

In Wirklichkeit ist der Iran flächenmässig mehr als 13 x grösser als Nordkorea.

Ein an sich harmloser Vorgang – typischer Fall von Maßstabverzerrung, mit der man Luxemburg auch so gross wie Mexiko erscheinen lassen könnte?

Aber selbst wenn die Intention gar nicht vorhanden war: Ist nicht diese Form der optischen Aufbereitung bereits manipulativ? Soll nicht damit unterschwellig ein Bedrohungspotential simuliert werden, welches vielleicht in Wirklichkeit gar nicht in diesem Ausmaß besteht? Ist dies nicht eine Fortsetzung der Aufblähung der "Achse des Bösen"?

Was soll das UNO-Zeichen zwischen den Ländern? Soll eine Vermittlung der Vereinten Nationen abgedeutet werden? Folgt man nur dem Bild, könnte man meinen, Nordkorea und Iran seien gleichgrosse Länder (die Fläche suggeriert auch immer unterschwellig Bevölkerung), die sich im Kriegszustand befänden und nun durch die Vereinten Nationen befriedet werden müssten?

Also: Wer ist eigentlich für diese Art von "Symbolfotos" (Stefan Niggemeier) bei tagesschau.de verantwortlich? Wer kommt auf solche Ideen?

Oder sind diese Einwände nur kleinkariert?

PERSONEN- UND SACHVERZEICHNIS

HIER gibt es ein Personen- und Sachverzeichnis dieses Weblogs. Es soll als zusätzliche Orientierungshilfe zu den "Ressorts" und der Suchfunktion dienen.

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Kommentare hier...

So ist es.
So ist es.
Gregor Keuschnig - 2009-11-06 20:40
Und derart treibt's auch...
Und derart treibt's auch mancher Mensch.
Gedankenpflug (Gast) - 2009-11-06 19:24
Erzählung über...
Eine weitere Serie, die hier seit kurzem zu sehen ist,...
Thorsten Wiesmann (Gast) - 2009-11-04 12:47
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Gregor Keuschnig - 2009-11-03 13:14
Bin vor einer Stunde
an der Buchhandlung vorbei und habe die "Konstruktion..."...
lou-salome - 2009-11-03 13:05

...anderswo

So ist es.
So ist es.
begleitschreiben - 2009-11-06 20:40
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
Ersuche um Ihren Lektüreeindruck.
begleitschreiben - 2009-11-03 13:14
Die Tonlage ist deutlich...
Die Tonlage ist deutlich "ernster" als bei Kästner....
begleitschreiben - 2009-11-03 11:30

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