Versuch über die Dichtkunst im Inkareich (III)
Essay von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez
<<<< Folge II , Folge I
Fünf: Das Haus des Wissens; Aufgaben und Ausbildung der Dichter, Philosophen, Priester und Hofschreiber.
Der Dichter im engeren Sinne heisst harauec, wörtlich „Erfinder“. Er „giesst die Geschichte in Verse“ (Garcilaso). Sein Aufgabenkatalog lässt sich aber nicht sauber abgrenzen zu anderen Berufen. Der amauta, Philosoph, komponiert ebenfalls, insbesondere Komödien und Tragödien für den Hof und für Festtage. Er fasst historische Geschichten und Fabeln in Prosa, gibt sie mündlich weiter und stellt die kollektive Erinnerung sicher. Der amauta ist jedoch zugleich Wissenschaftler und als solcher zuständig für Astrologie, Landwirtschaft, Masse und Gewichte und die Architektur. Die Priesterklasse, mit Hymnen, Gebeten, Anrufungen und Ritualen befasst, unterteilt sich in mehrere hierarchische Stufen, beispielsweise achi (Wahrsager) und omos (Magier). Den quipucamayoc könnte man vielleicht als Schreiber oder Buchhalter bezeichnen. Er führt die Annalen und Wirtschaftsstatistiken, hält aber auch Gesetzestexte, Anweisungen für Rituale, jährliche Berichte aus den Provinzen und literarische Erzählungen fest.
Sie alle durchlaufen eine strenge Ausbildung im yachayhuasi, „Haus des Wissens“. Das Studium dauert mindestens vier Jahre und umfasst neben einer breiten Allgemeinbildung unter anderem runa simi (Hochsprache und Provinzdialekte), Fremdsprachen, Geschichte, Religion und die Wissenschaft vom quipu. Das Haus des Wissens steht nur dem Adel offen, manche Berufe sind erblich. Öffentliche Beamte leben in Saus und Braus, und alle Gelehrten geniessen sehr hohes Ansehen in der Gesellschaft. Meist sieht man sie mit einem Rudel Schüler im Gefolge gemessen einherschreiten.
Sechs: Fiktion ist Fakt und umgekehrt; das Wenige, was man über die Epik weiss.
Mythen, Legenden, Märchen und Fabeln sind für den runa wahre Geschichten. Die Berge sind bevölkert von Geistern und Kobolden; allerdings kennt man in den Anden keinen „Teufel“, alle Wesen (bis auf den Sohn der Sonne natürlich) sind ambivalent. Es existiert keine Trennung zwischen Fakt und Fiktion und kein Konzept der Geschichte als Kette von Ursache und Wirkung. Da die Zeit ein zyklisches Phänomen ist, werden über Jahrhunderte hinweg keine kalendarischen Aufzeichnungen geführt (wohl aber eine ausgeklügelte Astronomie betrieben), und niemand zählt seine eigenen Lebensjahre. Geschichte(n) und Wirklichkeit werden durch den Akt des Erzählens gemacht; dementsprechend üben die Priester aber auch Kontrolle über die Bauern aus, und der Adel betreibt eine gnadenlose Zensur, bläht die Geschichte auf, idealisiert und verbiegt sie. Jeder sapa inka hält sich einen persönlichen Biographen, genauso wie jedes einzelne Dorf einen eigenen Vollzeit-Historiker beschäftigt, der die offizielle Geschichte so oft wie möglich vor möglichst vielen Ohren repetieren muss. Daher sind uns nur ganz vereinzelt „unpassende“ Geschichtselemente überliefert, nämlich von politischen Gegnern der Inkas.
Aus bereits erwähnten Gründen blieben kaum epische Werke aus vorkolonialer Zeit erhalten. Allerdings sind die Übergänge zwischen Lyrik, Epik und Drama sowie Musik, Gesang und Tanz (Oberbegriff: taqui, wörtlich „Gesang“) ohnehin fliessend, ebenso wie sich Sakrales und Profanes mischen (beziehungsweise im Denken der Inkas nicht unterschieden werden); keine der Gattungen hat sich je ganz vom Religiösen emanzipiert.
Es gab für die Epen im Wesentlichen zwei narrative Rezitationsformen, jeweils von Musik und Gesang begleitet und rhythmisch vorgetragen, möglicherweise sogar in Versen:
hucaripuni umfassen Heldenepen, Mythen, Legenden, die offizielle Geschichte und Loblieder auf den aktuellen sapa inka; hahuari cuycuna erzählen danteske Geschichten von den Vorfahren, Fabeln und bukolische Idyllen. Die „E-Literatur“, wenn man so will, hiess hahua ricuy simi, „wunderbare Erzählungen“, und fürs gemeine Volk wurde „Unterhaltungsliteratur“ produziert, sausa sauca hahua ricuy cuna (man möchte ja schon zu diesem Gattungsbegriff schunkeln). Zwar war der Löwenanteil aller Dichtung dem Adel und den Beamteneliten vorbehalten, aber der Organisator eines kollektiven Arbeitseinsatzes in der Landwirtschaft, im Strassenbau oder zur Reparatur einer Wasserleitung (ayni, minga, mita; vergleichbar mit dem Gmeinwärchä auf den Sömmerungsweiden in den Schweizer Alpen) musste nicht nur für Picknick, Unterkunft und Werkzeug sorgen, sondern auch für Erzähler und Musiker zur Unterhaltung während der Arbeit.
Sieben: Das inkaische Drama; zwei überlieferte Stücke und der Dolmetscher Felipillo, ein Drama!
Auch das Theater unterschied zwei Stillagen. Tragödien erzählten von den Taten früherer Könige und Helden, von militärischen Siegen oder den Göttern, während sich die Komödien um Landwirtschaft, Haus und Familie drehten. Die Bühne war ein offener Platz unter freiem Himmel, manchmal mit einem künstlichen Wäldchen als Dekoration.
Das bekannteste erhaltene und bis heute gespielte Stück ist das Drama „Ollantay“; da es jedoch erst um 1800 aufgezeichnet wurde, ist nicht sicher, ob der Stoff vorspanisch oder kolonial ist oder ob er zur Kolonialzeit auf inkaischer Grundlage neu komponiert wurde. Eine Version muss zur Zeit der Conquista existiert haben, da in den frühen Texten vielfach auf die Ollantay-Motive angespielt wird.
Das Argument: Ollantay, General über das Ostviertel des Inkareiches, verliebt sich in Cusi Ccuyllur, die Tochter des sapa inka Pachakutiq (Regierungszeit 1438 - 1471). Wohl wissend, dass es nur danebengehen kann, hält Ollantay dennoch um die Hand der Prinzessin an. Pachakutiq führt dem hochgeschätzten General seine niedere Geburt vor Augen und putzt ihn ab. Daraufhin desertiert Ollantay mit einigen Getreuen, verschanzt sich im Osten und baut die (reale) Festung Ollantaytambo, wo er einen Putsch und die Übernahme des Reiches ausbrütet. Derweil platzt Pachakutiq vor Wut, als er feststellt, dass Cusi Ccuyllur schwanger ist, und sperrt sie im Frauenhaus ein. Dort kommt Ollantays Tochter Ima Sumaq zur Welt und wird der Mutter weggenommen. Eine Dekade später hat Ollantays Revolte noch immer nicht so recht Gestalt angenommen. Durch einen Verrat werden er und seine Gefährten überrumpelt und vor den sapa inka geschleift. Auf dem Thron sitzt inzwischen Pachakutiqs Sohn Tupaq Yupanqui. Die Abtrünnigen werden zum Tod verurteilt, in letzter Minute jedoch begnadigt und sogar mit militärischen Ehren dekoriert. Tupaq Yupanqui gibt dem General seine Schwester zur Frau, und Ollantay, Cusi Ccuyllur und Ima Sumaq sind endlich vereint.
Manche Interpretationen laufen darauf hinaus, dass hier politische Ereignisse aus der Regierungszeit Pachakutiqs (eine bis heute praktisch unantastbare Gestalt) erzählt werden, die aus der offiziellen Geschichtsschreibung gestrichen wurden. Was der Literatur in ihrer subversiven Funktion natürlich alle Ehre machen würde. Nicht nur deshalb schliesse ich mich dieser Interpretation an: als Liebesgeschichte taugt das ja nun gar nicht; Ollantay lässt die Geliebte zehn Jahre lang in Gefangenschaft schmoren! Wenn ich Cusi Ccuyllur wäre, könnte der mich mal…
Ein weiteres überliefertes Stück ist die „Tragödie vom Ende Atahualpas“. Es wurde erst 1871 niedergeschrieben, in den Chroniken finden sich aber Beschreibungen von Aufführungen in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Drama ist stark monolog- und chorkommentarlastig und behandelt das Problem des gegenseitigen Missverstehens. Die spanischen Figuren sprechen nicht, sondern bewegen nur stumm die Lippen. Der Dolmetscher Felipillo redet Kauderwelsch, worauf die Inkas kommentieren, sie könnten „die seltsame Sprache“ nicht verstehen. Der Schluss drückt den Europäern indianische Ethik auf: der spanische König (im Stück „Spanien“ genannt) belohnt Pizarro nicht für den Sieg, sondern bestraft ihn für den Königsmord, indem er ihn, seine Nachkommen und sein Haus nach inkaischem Brauch verbrennen lässt.
Der Dolmetscher Felipillo ist übrigens historisch verbürgt und vielleicht – als Personifizierung eines gigantischen Missverständnisses – gar nicht unschuldig an der unerhörten Wendung der Geschichte in Cajamarca. Felipillo stammte aus einer einfachen Familie am äussersten Rand des Reiches. Er beherrschte nur einen bruchstückhaften Dialekt des runa simi, und sein Spanisch bestand aus Schimpfwörtern, die er von Soldaten gehört hatte. Ohne überhaupt zu verstehen, worum es in dem Gespräch zwischen Atahualpa und Pizarro ging, dolmetschte Felipillo einfach drauflos und machte zum Beispiel aus dem „dreifaltigen Gott“ kurzerhand den „Gott Drei-und-Eins-sind-Vier“. (Die Anekdote wurde von Garcilaso überliefert … und mir will nicht in den Kopf, dass sich kein besserer Dolmetscher fand.)
[Fortsetzung folgt]
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Fünf: Das Haus des Wissens; Aufgaben und Ausbildung der Dichter, Philosophen, Priester und Hofschreiber.
Der Dichter im engeren Sinne heisst harauec, wörtlich „Erfinder“. Er „giesst die Geschichte in Verse“ (Garcilaso). Sein Aufgabenkatalog lässt sich aber nicht sauber abgrenzen zu anderen Berufen. Der amauta, Philosoph, komponiert ebenfalls, insbesondere Komödien und Tragödien für den Hof und für Festtage. Er fasst historische Geschichten und Fabeln in Prosa, gibt sie mündlich weiter und stellt die kollektive Erinnerung sicher. Der amauta ist jedoch zugleich Wissenschaftler und als solcher zuständig für Astrologie, Landwirtschaft, Masse und Gewichte und die Architektur. Die Priesterklasse, mit Hymnen, Gebeten, Anrufungen und Ritualen befasst, unterteilt sich in mehrere hierarchische Stufen, beispielsweise achi (Wahrsager) und omos (Magier). Den quipucamayoc könnte man vielleicht als Schreiber oder Buchhalter bezeichnen. Er führt die Annalen und Wirtschaftsstatistiken, hält aber auch Gesetzestexte, Anweisungen für Rituale, jährliche Berichte aus den Provinzen und literarische Erzählungen fest.
Sie alle durchlaufen eine strenge Ausbildung im yachayhuasi, „Haus des Wissens“. Das Studium dauert mindestens vier Jahre und umfasst neben einer breiten Allgemeinbildung unter anderem runa simi (Hochsprache und Provinzdialekte), Fremdsprachen, Geschichte, Religion und die Wissenschaft vom quipu. Das Haus des Wissens steht nur dem Adel offen, manche Berufe sind erblich. Öffentliche Beamte leben in Saus und Braus, und alle Gelehrten geniessen sehr hohes Ansehen in der Gesellschaft. Meist sieht man sie mit einem Rudel Schüler im Gefolge gemessen einherschreiten.
Sechs: Fiktion ist Fakt und umgekehrt; das Wenige, was man über die Epik weiss.
Mythen, Legenden, Märchen und Fabeln sind für den runa wahre Geschichten. Die Berge sind bevölkert von Geistern und Kobolden; allerdings kennt man in den Anden keinen „Teufel“, alle Wesen (bis auf den Sohn der Sonne natürlich) sind ambivalent. Es existiert keine Trennung zwischen Fakt und Fiktion und kein Konzept der Geschichte als Kette von Ursache und Wirkung. Da die Zeit ein zyklisches Phänomen ist, werden über Jahrhunderte hinweg keine kalendarischen Aufzeichnungen geführt (wohl aber eine ausgeklügelte Astronomie betrieben), und niemand zählt seine eigenen Lebensjahre. Geschichte(n) und Wirklichkeit werden durch den Akt des Erzählens gemacht; dementsprechend üben die Priester aber auch Kontrolle über die Bauern aus, und der Adel betreibt eine gnadenlose Zensur, bläht die Geschichte auf, idealisiert und verbiegt sie. Jeder sapa inka hält sich einen persönlichen Biographen, genauso wie jedes einzelne Dorf einen eigenen Vollzeit-Historiker beschäftigt, der die offizielle Geschichte so oft wie möglich vor möglichst vielen Ohren repetieren muss. Daher sind uns nur ganz vereinzelt „unpassende“ Geschichtselemente überliefert, nämlich von politischen Gegnern der Inkas.
Aus bereits erwähnten Gründen blieben kaum epische Werke aus vorkolonialer Zeit erhalten. Allerdings sind die Übergänge zwischen Lyrik, Epik und Drama sowie Musik, Gesang und Tanz (Oberbegriff: taqui, wörtlich „Gesang“) ohnehin fliessend, ebenso wie sich Sakrales und Profanes mischen (beziehungsweise im Denken der Inkas nicht unterschieden werden); keine der Gattungen hat sich je ganz vom Religiösen emanzipiert.
Es gab für die Epen im Wesentlichen zwei narrative Rezitationsformen, jeweils von Musik und Gesang begleitet und rhythmisch vorgetragen, möglicherweise sogar in Versen:
hucaripuni umfassen Heldenepen, Mythen, Legenden, die offizielle Geschichte und Loblieder auf den aktuellen sapa inka; hahuari cuycuna erzählen danteske Geschichten von den Vorfahren, Fabeln und bukolische Idyllen. Die „E-Literatur“, wenn man so will, hiess hahua ricuy simi, „wunderbare Erzählungen“, und fürs gemeine Volk wurde „Unterhaltungsliteratur“ produziert, sausa sauca hahua ricuy cuna (man möchte ja schon zu diesem Gattungsbegriff schunkeln). Zwar war der Löwenanteil aller Dichtung dem Adel und den Beamteneliten vorbehalten, aber der Organisator eines kollektiven Arbeitseinsatzes in der Landwirtschaft, im Strassenbau oder zur Reparatur einer Wasserleitung (ayni, minga, mita; vergleichbar mit dem Gmeinwärchä auf den Sömmerungsweiden in den Schweizer Alpen) musste nicht nur für Picknick, Unterkunft und Werkzeug sorgen, sondern auch für Erzähler und Musiker zur Unterhaltung während der Arbeit.
Sieben: Das inkaische Drama; zwei überlieferte Stücke und der Dolmetscher Felipillo, ein Drama!
Auch das Theater unterschied zwei Stillagen. Tragödien erzählten von den Taten früherer Könige und Helden, von militärischen Siegen oder den Göttern, während sich die Komödien um Landwirtschaft, Haus und Familie drehten. Die Bühne war ein offener Platz unter freiem Himmel, manchmal mit einem künstlichen Wäldchen als Dekoration.
Das bekannteste erhaltene und bis heute gespielte Stück ist das Drama „Ollantay“; da es jedoch erst um 1800 aufgezeichnet wurde, ist nicht sicher, ob der Stoff vorspanisch oder kolonial ist oder ob er zur Kolonialzeit auf inkaischer Grundlage neu komponiert wurde. Eine Version muss zur Zeit der Conquista existiert haben, da in den frühen Texten vielfach auf die Ollantay-Motive angespielt wird.
Das Argument: Ollantay, General über das Ostviertel des Inkareiches, verliebt sich in Cusi Ccuyllur, die Tochter des sapa inka Pachakutiq (Regierungszeit 1438 - 1471). Wohl wissend, dass es nur danebengehen kann, hält Ollantay dennoch um die Hand der Prinzessin an. Pachakutiq führt dem hochgeschätzten General seine niedere Geburt vor Augen und putzt ihn ab. Daraufhin desertiert Ollantay mit einigen Getreuen, verschanzt sich im Osten und baut die (reale) Festung Ollantaytambo, wo er einen Putsch und die Übernahme des Reiches ausbrütet. Derweil platzt Pachakutiq vor Wut, als er feststellt, dass Cusi Ccuyllur schwanger ist, und sperrt sie im Frauenhaus ein. Dort kommt Ollantays Tochter Ima Sumaq zur Welt und wird der Mutter weggenommen. Eine Dekade später hat Ollantays Revolte noch immer nicht so recht Gestalt angenommen. Durch einen Verrat werden er und seine Gefährten überrumpelt und vor den sapa inka geschleift. Auf dem Thron sitzt inzwischen Pachakutiqs Sohn Tupaq Yupanqui. Die Abtrünnigen werden zum Tod verurteilt, in letzter Minute jedoch begnadigt und sogar mit militärischen Ehren dekoriert. Tupaq Yupanqui gibt dem General seine Schwester zur Frau, und Ollantay, Cusi Ccuyllur und Ima Sumaq sind endlich vereint. Manche Interpretationen laufen darauf hinaus, dass hier politische Ereignisse aus der Regierungszeit Pachakutiqs (eine bis heute praktisch unantastbare Gestalt) erzählt werden, die aus der offiziellen Geschichtsschreibung gestrichen wurden. Was der Literatur in ihrer subversiven Funktion natürlich alle Ehre machen würde. Nicht nur deshalb schliesse ich mich dieser Interpretation an: als Liebesgeschichte taugt das ja nun gar nicht; Ollantay lässt die Geliebte zehn Jahre lang in Gefangenschaft schmoren! Wenn ich Cusi Ccuyllur wäre, könnte der mich mal…
Ein weiteres überliefertes Stück ist die „Tragödie vom Ende Atahualpas“. Es wurde erst 1871 niedergeschrieben, in den Chroniken finden sich aber Beschreibungen von Aufführungen in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Drama ist stark monolog- und chorkommentarlastig und behandelt das Problem des gegenseitigen Missverstehens. Die spanischen Figuren sprechen nicht, sondern bewegen nur stumm die Lippen. Der Dolmetscher Felipillo redet Kauderwelsch, worauf die Inkas kommentieren, sie könnten „die seltsame Sprache“ nicht verstehen. Der Schluss drückt den Europäern indianische Ethik auf: der spanische König (im Stück „Spanien“ genannt) belohnt Pizarro nicht für den Sieg, sondern bestraft ihn für den Königsmord, indem er ihn, seine Nachkommen und sein Haus nach inkaischem Brauch verbrennen lässt.
Der Dolmetscher Felipillo ist übrigens historisch verbürgt und vielleicht – als Personifizierung eines gigantischen Missverständnisses – gar nicht unschuldig an der unerhörten Wendung der Geschichte in Cajamarca. Felipillo stammte aus einer einfachen Familie am äussersten Rand des Reiches. Er beherrschte nur einen bruchstückhaften Dialekt des runa simi, und sein Spanisch bestand aus Schimpfwörtern, die er von Soldaten gehört hatte. Ohne überhaupt zu verstehen, worum es in dem Gespräch zwischen Atahualpa und Pizarro ging, dolmetschte Felipillo einfach drauflos und machte zum Beispiel aus dem „dreifaltigen Gott“ kurzerhand den „Gott Drei-und-Eins-sind-Vier“. (Die Anekdote wurde von Garcilaso überliefert … und mir will nicht in den Kopf, dass sich kein besserer Dolmetscher fand.)
[Fortsetzung folgt]
U R E S - 2010-02-09 20:30
Gar nicht so einfach, mit dem Lesen dieses Buches anzufangen. Denn man hat unverhofft zwei Möglichkeiten. Entweder man beginnt mit dem Teil von und über Amnon Zichroni oder man wendet das Buch, dreht es um 180 Grad und beginnt mit Jan Wechsler. (Eine andere Idee, die Kapitel sozusagen abwechselnd zu lesen, dürfte aus Gründen der Praktikabilität fast ausscheiden; hierfür hätte man mindestens zwei Lesezeichen einbinden müssen. Und außerdem bleibt das Problem, wo man beginnt.)
Zu einem nicht unwesentlichen Teil stütze ich mich in diesem Essay auf die Comentarios reales des Inka Garcilaso de la Vega. Den Vorwurf subjektiver Sympathie (nein, Bewunderung!) lasse ich mir gern gefallen, aber es wird Garcilaso allgemein attestiert, dass er um seine Verantwortung wusste und sehr sorgfältig vorging bei der Auswertung historischer Quellen. Man muss nur im Hinterkopf behalten, dass er sowohl die Inkas als auch die Spanier als Zivilisatoren glorifizierte und beide idealisiert darstellte, teils bestimmt auch in der Absicht, seine eigenen „Elternkulturen“ miteinander zu versöhnen (im Gegensatz zu seinem Kollegen und Zeitgenossen Felipe Huaman Poma de Ayala, der, aus einem niederen Geschlecht eines von den Inkas unterworfenen Volkes stammend, beide verteufelte und höchst merkwürdige Vorschläge zur Errichtung eines neuen indianischen Imperiums vorbrachte – uns dabei in seinen reichen Illustrationen aber ebenfalls unschätzbar viele Details aus dem Alltagsleben und der Geschichte der Inkas überliefert).
So wittern die Diagnostiker der "Renaissance des deutschen Provinzromans" im immer stärker um sich greifenden europäischen Regionalismus (den sie außerhalb Deutschlands plötzlich goutieren und gelegentlich sogar mit Exotismus parfümieren) eine Wiederkehr der "Gewöhnlichkeit". Unlängst bekannte Dennis Scheck beim schwungvollen Bücherwerfen, dass ihn Regionalkrimis immer ein bisschen an Musikantenstadl-Mief erinnern. Bemerkenswert nur, dass sie beispielsweise ihren amerikanischen Helden diesen sogenannten Provinzialismus nicht nur verzeihen, sondern ihn gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen scheinen (was vermutlich damit zu tun hat, dass für die in der Mehrzahl eher stubenhockenden Redakteure die USA per se als Großstadt durchgeht und wo die Anschauung fehlt, wird der Zwerg schnell zum Riesen). Aber wo spielen denn noch einmal Updikes "Rabbit"-Romane? Ist Philipp Roth tatsächlich ein Großstadtromancier? Was ist mit Franzen? Naja, lieber nicht so genau fragen, sonst müsste man die Definitionsfrage stellen und würde vielleicht auf das Resultat stoßen, dass der Erzählort per se nichts über den Erzählstil oder die Sprache eines Buches aussagt.
Zwei: tahuantinsuyu, räumliche und zeitliche Verortung; sei kein Dieb!, sei kein Faulpelz!, sei kein Lügner!, und wo bleibt der Dichter? 
Das Pseudonym von Matthias Horx in "World of Warcraft" lautet Heilpriester Planetarius. Als man das ungefähr in der Mitte des Buches erfährt, ist man nicht mehr sonderlich überrascht. Hier ist jemand, der nach langer (und suggestiver) Rede mit forschem Gestus und angelsächsisch angehauchtem Optimismus seinem Leser auf die Schulter klopft und "alles Gute" wünscht. Lässt man sich auf sein "Buch des Wandels" ein, bleibt man zuverlässig von den großen Katastrophen verschont. Fast nebenbei soll sich beim Leser das wohlige Gefühl einstellen, Zigtausende Seiten Lektüre gespart zu haben. Nachfrager, Abwäger, Skeptiker, Kritiker – sie gehören allesamt der Gruppe der Alarmisten an. Das hat man endlich schwarz auf weiß. Daneben gibt es noch die mehr oder weniger gleichgültigen Stoiker und, nachdem diese Zweiklassengesellschaft wider Erwarten doch nicht ausreicht, kommen noch die Wandelhektiker à la Sloterdijk dazu, die nur mit Imperativen agieren und reglementieren können. Ein schöner Beleg dafür, dass Horx Sloterdijks Buch nicht verstanden hat. Aber wenn es nur das wäre…
Deutschland 1976, mitten im "Kalten Krieg". Die Ölkrise ist zwar vorüber (die Sonntagsfahrverbote wurden im Dezember 1973 aufgehoben), aber der Schock sitzt tief. Wenzel Hoffmann, deutsch-amerikanischer Geologe kommt nach Deutschland, um in halb-geheimer Mission nach Öl zu bohren. Er wacht aus dem Flug aus bleierner Müdigkeit auf und stellt fest, dass seine Unterlagen verschwunden sind. Er rennt zurück zum Flieger, trifft dort aber nur einen alten Mann, der ihn kurz an seinen Vater erinnert, und die attraktive Stewardess Margarethe (Mag). Beide können ihm nicht helfen; die Unterlagen bleiben unauffindbar. Mag und Wenzel verbringen entgegen jeder Planung mehrere Tage zusammen und geben sich hemmungslosem Sex hin.
In
Am 22. Oktober 1961 wendet sich Thomas Bernhard in einem höflich-distanzierten Brief an Siegfried Unseld, der wie folgt beginnt: Sehr geehrter Herr Dr. Unseld, vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Damit wollte ich mit dem Suhrkamp-Verlag in Verbindung treten. Auf den im Faksimile im Buch abgedruckten, mit Schreibmaschine getippten Brief kann man erkennen, dass Bernhard ein Schreibfehler unterlaufen war. Es steht dort nicht "Suhrkamp", sondern "Suhrkampf". Das "f" wurde handschriftlich durchgestrichen.

