Zur Entbanalisierung des Bachmannpreises

Das Jahr 2009 erinnerte stark an 2006, als Katrin Passig in einem extrem schwachen Jahrgang reüssierte (was in einer beleidigten Attitüde umgehend dazu führte, dass man Novizen nicht mehr zuließ, sondern auf einer Publikation bestand). 2007 gab dann ein bisschen mehr her, aber im vergangenen Jahr rauschte das Niveau abermals nach unten (zumal man wirklich gute Beiträge auch noch aus Opportunitätsgründen verriss).

2009 ist nun mit fast neuer Jury abermals ein Tiefpunkt erreicht. Man fragt sich schon, wer eine Meike Feßmann als Jurorin auserkoren hat. Natürlich: Die Formalqualifikation stimmt und Frau Feßmann sagte ja auch wie eine brave Musterschülerin ihr angelerntes und angelesenes Wissen auf. Irgendwann teilte sie dann nur noch mit, ob ihr etwas gefallen habe oder nicht. Das füllt sie auch vollständig aus.

Paul Jandl hatte einige nette Aperçus zu bieten, etwa "hermeneutisches Gewichtheben" gegen Mangolds Versuch, angelesenes Wissen auf einen Beitrag zu stülpen oder sich selbst am nächsten Tag ob seiner Einschätzung des Prosastückes von Jens Petersen zu korrigieren und von einem "Freispruch in zweiter Instanz" zu sprechen.

Das waren dann schon fast die Höhepunkte einer ansonsten blassen Jury, in der zunächst einmal jeder seine vorbereitete Rede absonderte (ausser vielleicht Alain Claude Sulzer, der locker blieb). Nachher schmiss man sich noch ein paar Zitate an den Kopf; einfache Gemüter meinten daraufhin voreilig, die Jury "rede" miteinander. Es bedurfte eines Volker Hage im 3sat-Gespräch der zugab, er höre nur drei Juroren zu, die anderen schläferten ihn ein.

Tatsächlich war ja der Predigerton von Hildegard Keller schwer zu ertragen. Ijoma Mangold wollte mit lexikalischem Wissen glänzen, was peinlich war und nichts Gutes für dessen ZDF-Sendung ahnen lässt. Frau Fleischanderl passte von ihrem Anspruch überhaupt nicht in diesen Club hinein, aber man fragte sich wieso ausgerechnet sie diese "polit-moralische Erpressung" (Mangold zu Linda Stifts Erzählung) auswählen konnte. Burkhard Spinnen spielte ein bisschen den Übervater und verteidigte am Ende dann den Wettbewerb; aber er fand auch immer nur das Wort "Text".

Man weiss als Zuseher nicht genau zu sagen, was unerträglicher war: Clarissa Stadler als Moderatorin der Diskussionsrunde, die glaubte, ihre Kindergartenmeinung einbringen zu müssen und munter drauflos plapperte und zwanghafte Überleitungen konstruierte (und bei der Preisvergabe den Modus nicht durchschaute und vollkommen überfordert war) oder Eva Wannenmacher, die mit Andreas Isenschmid das Rahmenprogramm bei 3sat moderierte. Wie gut, dass letztere zwei Tage über Urheberrecht und Google schwätzten (und natürlich nicht vom Fleck kamen) statt über den Wettbewerb oder Josef Winklers Rede.

Der Wettbewerb verkümmert immer mehr zur bloßen Peinlichkeit. Wenn Mangold am Ende einen Beitrag als "liebenswürdigen Text" beschreibt, ist dies nur beim ersten Hinhören ein Lob; weiter gedacht wendet sich diese (eigentlich falsche) Formulierung sowohl gegen den Juror als auch gegen den Gegenstand der Kritik.

Dabei war fast alles "handwerklich gut gemacht". Aber warum lobt man eigentlich Selbstverständlichkeiten? Man stelle sich einen Koch vor, dessen Küche als "handwerklich gut" bezeichnet wird. Das bedeutet vermutlich nur, er hat die Speisen nicht verkocht oder angebrannt serviert.

"Handwerklich gut gemacht": Fehlerlos, gut beschreibend, aber risikolos, betulich, brav, steril - nicht mehr. Schreibschulgerecht. Nicht erzählend, sondern "aufzählend". Wo ist die Sprache, die Epik? Zuviel verlangt im Meer der Ereignislosigkeit? Zyniker scheinen das erkannt zu haben - ihr Katalog folgt anderen Kriterien (im letzten Jahr kamen sie auf den gleichen Preisträger wie die Jury). In ihrer "automatischen Literaturkritik" spiegelt sich nichts anderes als die Sehnsucht, das Unerfassbare normativ zu beglaubigen. Da ist es dann plötzlich relevant, ob von Nagetieren oder "uncoolen Einrichtungsgegenständen" die Rede ist. Wenn es keine Krücken gibt, nimmt man auch gerne herumliegendes Gehölz.

Eine Freundin, mit der ich seit vielen Jahren den Bachmannpreis verfolge, stellt über die Autoren zutreffend fest:
Das sind fast immer Leute, denen die Bücher schon in die Wiege geschmissen wurden und schon Akademikereltern haben und es irgendwie exotisch finden, wenn sie mal eine "richtige" Arbeit machen mussten, das steht ja dann immer gleich im Lebenslauf. Das Auswalzen der Lorbeeren etc. (wenn einer nur zwei Beiträge in Zeitschriften publiziert hat, steht "Publikationen, Auswahl", wenn einer einen winzigen Preis hat, steht ebenfalls "Auswahl"). [...] Und warum ist bei denen alles so eng? Der Arzt schreibt über Medizin, der Physiker über Physik, die Weltverbesserin über Migranten, und am schlimmsten, die, die gar nichts erlebt haben, schreiben über Schriftsteller.


Ja, tatsächlich – wenn die Entscheidung eines Hundes, ob er nach rechts oder links geht zu einem Spannungsmoment einer Erzählung wird, wenn eine Magenspiegelung ein einschneidendes Ereignis im Leben darstellt, die Schritte im Gras zur selbstreflexiven Geste aufgeblasen werden oder die morgendliche Rasur ein Tageshöhepunkt in der Krisenbewältigung darstellt - kurz: wenn die Erlebnis- oder Vorstellungswelt eines Schriftstellers derart "eng" daherkommt und nicht literarisch erweitert wird, muß etwas passieren, denn diese Literatur ist dann trotz tatsächlich handwerklichem Gelingen nur noch läppisch und wenn erwachsene Menschen diese läppische Literatur in irgendeiner Form noch verteidigen oder ihr Gutes abgewinnen wollen – dann sind auch die Urteile dieser Menschen nur noch läppisch.

Die Jury besteht inzwischen zum Teil nur noch aus drittrangigen Figuren – was sich natürlich sofort auf die Qualität der eingereichten Beiträge auswirkt. Sie wollen ebenso wenig etwas riskieren wie die Autoren (teilweise – was man entlastend anführen muss – weil sie an früheren Wettbewerben gesehen haben, was mit Beiträgen geschah, die etwas "riskierten"). Daher huldigen sie in vorauseilendem Gehorsam einem bequemen Zeitgeist. Statt Akzente zu setzen, hören sie auf die Akzentuierungen anderer.

Dieser Wettbewerb muß entbanalisiert und entritualisiert werden. Hier sieben Vorschläge für einen neuen Bachmannpreis:
1. Die Patenschaft für je zwei Teilnehmer pro Juror muß entfallen. Zugelassen werden nur Beiträge, die von einer anderen (im Idealfall anonymen) Jury vorgeschlagen werden. Die maximale Anzahl von Beiträgen wird auf zehn festgesetzt. Es gibt fünf (maximal sieben) Juroren.
Das Ränkespiel "schlägst Du meinen Teilnehmer – prügele ich Deinen Teilnehmer" (oder, noch schlimmer, das gegenseitige Loben) muss endlich aufhören. Falsche Rücksichtnahmen und taktisches Vorgehen entfallen mit der neuen Regel sofort.

2. Es dürfen nur Prosastücke eingereicht werden, die in sich abgeschlossen sind bzw. ein Hinweis darauf, dass das Stück ein Teil eines Romans ist, darf nicht ausgedrückt oder suggeriert werden.
Der dumme Einwand, es handele sich ja um ein Teil eines Romans, zählt nicht mehr. Kein Teilnehmer und Juror soll sich mehr auf das Zukünftige herausreden dürfen.

3. Am wichtigsten: Die Wettbewerbsbeiträge dürfen der zu entscheidenden Jury vorher NICHT zur Kenntnis gebracht werden. Es muß wieder das spontane Urteil gefragt sein, was durchaus im Laufe der Diskussion revidiert, abgemildert oder verschärft werden kann.
Viele Juroren zeigten sich, obwohl sie mehrere Tage Gelegenheit hatten die Beiträge zu lesen und ggf. nachzurecherchieren, schlecht vorbereitet und auch textunsicher. Die Regelung wurde zum Schutz der Jury vor einer Blamage des ersten Urteils eingeführt. Solche Rücksichten braucht man nicht mehr zu nehmen. Entweder wissen die Juroren, wovon sie sprechen oder nicht. Aufgesagte Statements sind entbehrlich. Außerdem beugt man Absprachen im Vorfeld vor.

4. Nach Abschluß aller Lesungen und Diskussionen gibt es am Samstag Nachmittag eine zusätzliche öffentliche Jury-Diskussion.
Die Juroren können hier ihr spontanes Urteil nach allen Lesungen öffentlich bekräftigen oder revidieren und dies ggf. begründen.

5. Die Videoportraits werden abgeschafft.
Die Autoren erklären, wie sie schreiben, warum sie schreiben, was sie tun, was sie nicht tun – oder veralbern das Medium. Für die Rezeption des eingereichten Textes ist das unerheblich. Viele Juroren hat dies in der Vergangenheit derart stark abgelenkt, dass sie aus dem Portrait Schlüsse gezogen haben, die unmittelbar nichts mit der Prosa zu tun hatten.

6. Ein/e Moderator/in mischt sich nicht in die Jurydiskussion ein sondern vergibt Wortmeldungen, koordiniert den Zeitplan und achtet auf die Wortmeldungen.
Moor und Stadler gehen nicht.

7. Es gibt nur noch einen Preis, der von der Jury vergeben wird – und einen undotierten Publikumspreis.
Der dritte Preis heisst nicht dritter Preis sondern "3sat-Preis". Der "Ernst-Willner-Preis" ist heuer der vierte Preis; davor war er immer der dritte, usw. Alles Etikettenschwindel. Es gibt nur einen Preis, der mit mindestens € 40.000 dotiert ist. Der Publikumspreis ist ein ideeller Preis. Um ihn vor Manipulationen zu schützen, sollte er undotiert sein. Zudem ist nicht klar, ob die Abstimmer alle Texte gelesen haben, was zwingend notwendig wäre.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden zu einer Belebung des Bewerbs führen. Ansonsten droht tatsächlich in den nächsten Jahren der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Wer das nicht glaubt, lese sich die Preisträgerliste einmal durch und vergleiche dann. Womit nichts gegen Jens Petersen, den Preisträger von 2009, gesagt sei. Er war aber (mit Gregor Sander) nur der Einäugige unter den Blinden.

"In der Zeit der Lindenblüte" - Josef Winklers Zorn auf Klagenfurt

Heute haben die Lesungen zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2009 begonnen und 3sat ist live aus Klagenfurt dabei. In der Pause diskutiert man über das Urheberrecht. Das hat zwar nichts mit dem Bachmannpreis zu tun, aber erregt die Gemüter.

Kein Wort über Josef Winklers gestrige Rede, die inzwischen auch die Gemüter erregen dürfte. Auf der Webseite von "Kulturzeit" findet sich allerdings hierzu bis jetzt nichts.

Dabei ist Winklers Furor beißend:
Diese Stadt Klagenfurt, die sich seit über 30 Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt Mitteleuropas mit 100 000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt, in einem Land, in dem der damalige, inzwischen eingeäscherte Landeshauptmann gemeinsam mit dem röm.-kath. Parteivorsitzenden der sogenannten christlich-sozialen Volkspartei - der vor einem Jahr einen schweren Verkehrsunfall überlebt und nach seiner Genesung im Freundeskreis demutsvoll erzählt hat, dass ihm, um seine Worte zu gebrauchen, die "Lourdes-Mitzi" beim Verkehrsunfall das Leben gerettet hat -, dieser Kärntner ÖVP-Vorsitzende und der ehemalige Kärntner Landeshauptmann, der sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht hat, haben im vergangenen Jahr beim Verkauf der Kärntner Hypo-Bank einem Villacher Steuerberater für seine zweimonatige mündliche Beratung ein Honorar in Höhe von sechs Millionen Euro in räuberischer Manier aus Landesvermögen zugeschanzt. Und höchst appetitlicherweise ist dieser Villacher Steuerberater auch noch der persönliche Steuerberater des Kärntner ÖVP-Politikers, dem himmel- und gottseidank die Lourdes-Mitzi bei einem Verkehrsunfall das Leben gerettet hat. Gegrüßt seiest du, Maria, Königin der Güte, Ölbaum der Barmherzigkeit, durch welchen uns die Arznei des Lebens zukommt!


Winkler hört gar nicht mehr auf:
Aber für eine Stadtbibliothek in der Landeshauptstadt, wie es sie in jeder Stadt Mitteleuropas gibt, hatten diese drei erwähnten Politiker in den letzten Jahren, und eigentlich seit dieser Literaturwettbewerb existiert, kein Geld. Sie haben kein Geld für eine Bibliothek für Kinder und Jugendliche. Sie haben kein Geld für Bücher. Sie haben kein Geld für die Bücher von Ingeborg Bachmann. Sie haben kein Geld für "Der gute Gott von Manhattan". Sie haben kein Geld für die "Anrufung des Großen Bären". Sie haben kein Geld für "Die gestundete Zeit". Sie haben kein Geld für "Malina", für "Das dreißigste Jahr". Seit über 30 Jahren haben sie kein Büchergeld für die Jugend dieser österreichischen Stadt! denke ich, in der Henselstraße, vor dem Haus von Ingeborg Bachmann stehend, auf den an der rosaroten Hausmauer sich hochrankenden Rosenstrauch und immer wieder nach rechts zum Schildpattkranz schielend, der schwer auf der Gartentür des Nachbarhauses hängt. "Es ist kein Geld im Haus. Keine Münze fällt mehr ins Sparschwein. Vor Kindern spricht man nur in Andeutungen. Sie können nicht erraten, dass das Land im Begriff ist, sich zu verkaufen und den Himmel dazu, an dem alle ziehen, bis er zerreißt und ein schwarzes Loch freigibt."


Die Rede ist wahrhaftig und sie ist mutig, denn Winkler ist im Universitätsbetrieb von Klagenfurt eingebunden.

In einem irrt er aber, denn die Frage wie lange werden sich die Bevölkerung des Landes K. und die Bewohner der Stadt K. von diesen schamlosen und räuberischen Politikern, den Hausherrn des Landes Kärnten und den Hausherrn der Stadt Klagenfurt, noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den Mund aufmachen, wie lange werden sie sich noch schweigend einrichten, wie lange noch werden sie demütig sein und sich lammfromm ausrauben lassen . . . stellt sich so gar nicht. Schliesslich wurden diese schamlosen und räuberischen Politiker ja mehrheitlich gewählt.

Martin van Creveld: Gesichter des Krieges

Martin van Creveld  Gesichter des KriegesDie Frage, die zur Zeit nicht nur Militärs beschäftigt, wird zum Kristallisationspunkt im Buch des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld "Die Gesichter des Krieges": Gibt es einen Ausweg, oder sind reguläre, staatliche Armeen zukünftig zur Ohnmacht gegenüber kleinen, häufig schlecht organisierten Gruppen von Terroristen verdammt? In Bezug auf die derzeit einzig verbliebene Supermacht USA und deren aktueller Kriegsführung im Irak stellt sich die Frage pointierter: Was, wenn nicht einmal eine derart hochgerüstete Militärmacht gegen Terroristen und Guerillas reüssieren kann?

Will man die Gegenwart verstehen, so studiere man die Vergangenheit sagt sich van Creveld und analysiert die Kriege des 20. Jahrhunderts und damit den "Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute" (so der Untertitel). Das Ungewohnte dabei ist, dass nicht nur, wie im Vorwort erläutert, die militärischen Operationen selbst…der zentrale Strang der Fragestellung bleiben, sondern (insbesondere was die Behandlung des Zweiten Weltkriegs angeht) die politischen und sozialen Implikationen fast immer ausgeblendet werden. Dieses speziell für den deutschen Leser ungewohnte Verfahren wurde wohl einerseits gewählt, weil ansonsten der Rahmen der Untersuchung gesprengt worden wäre, andererseits setzt van Creveld schlichtweg ein gewisses historisches Basiswissen voraus.

So wird der Leser zunächst in die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts mit seinen acht Großmächten (inklusive Italien), davon fünf in Europa (wenn man Russland nicht hinzurechnet; nur zwei Großmächte waren außerhalb des "alten" Kontinents: die USA und Japan) versetzt. Dabei wird deutlich, dass der Einfluss der Politik auf das Militär damals nur sehr eingeschränkt war. Van Creveld spricht wohl ohne Übertreibung von Parallelwelten, die in der Praxis kaum Berührungspunkte miteinander hatten. Oberkommandierende und Generalstäbe waren hinsichtlich ihrer Entscheidungen vollkommen autark; die Mittelgewährung geschah ohne Auflagen oder Kontrolle. Über die Ausstattung ihrer Armee entschieden sie weitgehend alleine. Im Verlauf der Ersten Weltkrieges (aber auch in den letzten Jahren Nazideutschlands) sollte sich diese "Arbeitsteilung" als schwerwiegender Fehler erweisen, denn erst einmal "ausgebrochen" waren die politischen Akteure nahezu vollständig an den Rand gedrängt (was sich unter anderem in Deutschland 1914 zeigte; Wilhelm II. war danach sowohl militärisch als auch politisch praktisch "machtlos").

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Renate Lüdde / Rüdiger Dingemann: 60 Jahre Deutschland ("WELT"-Edition)

Welt Edition PolitikWelt Edition Kunst und LiteraturWelt Edition Gesellschaft60 Jahre Deutschland in zehn Hochglanz-Themenbänden zu je ca. 90 Seiten: Politik, Wirtschaft, Reise und Verkehr, Kunst und Literatur, Film und Fernsehen, Musik, Mode und Design, Sport, Gesellschaft, Architektur. Die Unterteilung in den jeweiligen Bänden erfolgt chronologisch nach Jahrzehnten: Nach einer kursorischen Einführung in 60 Jahre des jeweiligen Sujets gibt es eine Doppelseite mit einem für das Jahrzehnt typischen Foto, dann vier Seiten Text (mit wenigen Fotografien), davon eine Faksimile-Seite einer Ausgabe der "Welt" zu einem wichtigen Ereignis. Danach gibt es zu weiteren Themengebieten auf acht bis zehn Seiten Fotografien mit Erläuterungen – viel Bekanntes aber auch manchmal "Schnappschüsse", was man noch nicht kannte. Auf diese Weise kann man sich mit den Bänden der "Welt-Edition" für einige Tage auf eine Zeitreise der deutschen Geschichte seit 1949 begeben.

Die Texte von Rüdiger Dingemann und Renate Lüdde sind wohltuend; es ist glücklicherweise keine Feiertags- oder Jubelprosa. Sie sind konzise aber nicht oberflächlich, durchaus pointiert und zeigen Zusammenhänge auf. Es gibt keine dröge Vermittlung lexikalischen Wissens; wer zum Beispiel die Ergebnisse aller Bundestagswahlen, Tabellen zu Politikern und ihren Ämtern oder Werksverzeichnisse berühmter Literaten sucht, wird hier nicht bedient. Ebenso wenig wird der Leser mit Sterbedaten vermeintlich berühmter Persönlichkeiten gelangweilt; es wird im politischen Band nur ein Sarg gezeigt – der Sarg eines Bundeswehrsoldaten, der in Afghanistan ums Leben gekommen ist.

Dingemann/Lüdde geht es um die Darstellung von Entwicklungen (die natürlich, wenn sie behandelt werden, mit den relevanten Daten versehen werden). So wird beispielsweise im Band 9 "Gesellschaft - Familie und Alltag" (augenzwinkernd das Cover: Benedikt XVI und Uschi Obermaier) immer wieder die jeweiligen Rollenverhältnisse zwischen Männern und Frauen in der Bundesrepublik und der DDR gegenübergestellt und über die Jahrzehnte begleitet. Im Band 4 ("Kunst und Literatur") gibt es Reflexionen über die einzelnen "documenta"-Kunstausstellungen genau so wie immer wieder die Entwicklungen auf den deutschen Theaterbühnen aufgezeigt werden oder man veranschaulicht die (gelegentlich in der Rückschau verblüffenden) Parallelen zwischen BRD und DDR hinsichtlich des Verhältnisses von Schriftstellern und Künstlern zur jeweiligen Staatsmacht – "Von Ratten und Schmeißfliegen" ist der Abschnitt der 70er Jahre nicht ohne Grund betitelt.

Man liest kritisches im Politik-Band über die Treuhand und die "Abwicklung" der DDR-Betriebe. Kohl und Gorbatschow bei den Verhandlungen sind die "Freunde in Strickwesten". Die "Hetze" der "Bild"-Zeitung hinsichtlich der Studentenbewegung wird ebenso wenig verschwiegen wie die Beweggründe, die dann für einige in den Terrorismus führte (wenn es auch weder im Politik- noch im Gesellschaftsband ein Foto von Rudi Dutschke gibt; in beiden findet man lediglich das am Boden liegende Fahrrad Dutschkes nach dem Attentat 1968). Das schäbige Verhalten von großen Teilen der CDU/CSU-Fraktion während und anlässlich der Rede des Alterspräsidenten des Bundestages Stefan Heym von 1994 wird gleichermaßen angemerkt wie die bahnbrechende Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985. Die Ostpolitik der Brandt/Scheel-Regierung wird als Erweiterung der Westbindungspolitik Adenauers eingeordnet; Brandts Kniefall vom Dezember 1970 vor dem Denkmal des jüdischen Ghettos in Warschau ist das Foto der 70er Jahre im Politikband (und der Leser freut sich, weil er sich eigentlich auch nichts anderes vorstellen konnte).

Es ist bei einem solchen Werk natürlich unvermeidlich, dass der ein oder andere Aspekt doch ein bisschen unterbelichtet erscheint. Beispielsweise die Dramatik des Einigungsprozesses und die mindestens anfangs teilweise starken Vorbehalte insbesondere in der SPD. Oder eine etwas differenziertere Betrachtung zum Brandt-Rücktritt (die Spionageaffäre um Guillaume war ja letztlich nur Anlaß, aber nicht der Grund). Die Hysterie, in der Deutschland im "Deutschen Herbst" steckte, wird im Politikband nur am Rande erwähnt (im Literaturband allerdings eindringlich im Zusammenhang mit Leben und Werk Heinrich Bölls). Oder man fragt sich, ob die Krönung der Queen tatsächlich das prägende gesellschaftliche Ereignis der 50er Jahre war. Gelegentlich scheinen die Betrachtungen der 2000er Jahre aufgrund der mangelnden zeitlichen Distanz noch ein wenig nahe an der Nachrichtenvermittlung.

Wenn in Band 9 der Alltag in West und Ost beschrieben wird, Ausdrücke wie Henkelmann, Dederonbeutel, Smogalarm oder Zauberwürfel sozusagen wiederbelebt werden - dann kann man sich vorstellen, dass man hier eher als in dicken Geschichts- und Soziologieschwarten jüngeren Generationen das jeweilige Lebensgefühl einer Epoche nahebringen kann. So mancher Jungwessi wird da Neues über das Leben in der DDR erfahren und sein vorschnelles Urteil ein bisschen relativieren müssen. Aber auch eine Verklärung der Vergangenheit dürfte nach der geballten Erinnerungsmacht ein bisschen schwerer werden (und zwar auf beiden Seiten, denn die Autoren machen keinen Hehl daraus, dass beispielsweise die 50er Jahre in der Bundesrepublik noch von autoritärem Geist durchdrungen waren und die Emanzipation der Frau in der DDR nicht uneigennützig war).

Von den Bildbänden als Appetitanreger später dann vielleicht zur ausführlichen Beschäftigung mit Aspekten der deutschen Geschichte? Das scheint mit dieser Edition möglich und wäre kein geringes Verdienst.

William T. Vollmann: Hobo Blues

William T. Vollmann Hobo BluesEin amerikanischer Autor erzählt in einem Buch von seinen (illegalen) Reisen auf Eisenbahn-Güterwagen mit einem (imaginären) Ziel "Überall" und nennt dieses Buch "Riding Towards Everywhere". Wie übersetzt man das kongenial? Vielleicht mit "Reisen nach Überall"? Oder "Fahren in Richtung Überall"? Oder übersetzt man "Riding" wörtlich als "Ritt"?

Der Verlag entschied sich für eine merkwürdig boulevardeske Version, die den Charakter des Buches eher verbirgt, nannte William T. Vollmanns Buch im Deutschen "Hobo Blues" und versah es mit dem ein bißchen aufgesetzt wirkenden Untertitel "Ein amerikanisches Nachtbild". Das ist zunächst einmal ärgerlich, insbesondere wenn man die Leistung des Übersetzers Thomas Melle im weiteren Verlauf zu schätzen beginnt (beispielsweise dann, wenn er Zitate von Hemingway, Kerouac oder Thomas Wolfe stimmig "modifiziert" wie es in den Fußnoten selbstbewußt heißt).

Man sollte bei der Lektüre den deutschen Titel einfach vergessen und sich vollends den Assoziationen und reportagehaften Beschreibungen zuwenden. Das lohnt sich nämlich.

William T. Vollmann ist in den USA kein Unbekannter; er schreibt u. a. für "Harper's Magazine" und den "New Yorker". "Riding Towards Everywhere" ist eine Hommage an die Freiheit und die Freiheit der Bürger, eine Hommage an die Vereinigten Staaten von Amerika – und das findet der Ich-Erzähler beim Reisen mit Güterzügen (dem sogenannten Trainhopping) wie sonst nirgendwo mehr. Verzweifelt schaut er auf sein Land, welches zum Zeitpunkt des Buches im achten Jahr einen Folterpräsidenten als Staatsoberhaupt hat, der sukzessive Freiheiten einschränkt und die Leute belügt. Vom Bäckerladen im Heimatdorf bis zum arroganten Verhalten der unamerikanische[n] Sicherheitsbeamten am Flughafen – überall sieht sich Vollmann inzwischen reglementiert, gegängelt, überwacht, eingeengt. Das Rebellentum gegen jede Art von Kontrollen und Restriktionen, die Weigerung, das Spiel doch wenigstens ein klein wenig mitzuspielen - dies verbindet ihn mit seinem Vater (nebenbei erzählt dieses Buch mindestens zu Beginn auch eine fast zärtliche Vater/Sohn-Annäherung), der den überbordenden Machtanspruch der kontrollierenden Personen ausmacht und dann (in typischer Übertreibung) im Plauderton bemerkt: Gib den Leuten ein bisschen Macht, und sie werden zu Nazis.

Vollmanns Ich-Erzähler dürfte der "reale" Vollmann sein – alleine: es spielt keine Rolle. Um sich vor eventuellen Klagen zu schützen schreibt er augenzwinkernd in einem kleinen Vorwort, dass die Geschichten im Buch alle dem Hörensagen entspringen und die Fotos seien in Wirklichkeit stahlgraue Kreidezeichnungen. Er sei niemals bei der Fahrt auf einem Güterzug erwischt worden und habe sich demzufolge niemals des unbefugten Betretens von Bahneigentum schuldig gemacht.

Lichter einer Lokomotive - Seite 230   c Suhrkamp VerlagGewidmet ist dieses Buch seinem Freund Steve Jones, ein Prinz des Stahlrosses, der ihn auf vielen Touren begleitet hat; er ist der Held dieses Buches. Jones ist wesentlich erfahrener als Vollmann und, obwohl älter, sportlich viel besser für diese nicht ganz ungefährliche Art des Reisens konditioniert (der Ich-Erzähler gibt an, er habe sich beim Abspringen von einem fahrenden Zug bereits einmal die Hüfte gebrochen), während Vollmann die sozialen Kontakte besser zu knüpfen versteht, denn beide tauchen mit (fast) allen Konsequenzen in diese Welt ab und Übernachten beispielsweise im Freien.

Das Austüfteln einer Route, das so oft quälende Warten auf einen Anschlusszug, dieses feldmausgleiche Leben im Gras, die gelegentlichen Verirrungen (natürlich gibt es keine Anzeige, wohin der Zug, auf den man gerade aufgesprungen ist, tatsächlich fährt) – der Leser kann durch die Karte auf den Buchdeckelinnenseiten Routen, Orte und Landschaften verfolgen und ist mittendrin im Abenteuer.

Dabei sind Vollmann und Jones natürlich längst keine "Hobos" mehr, jene Wanderarbeiter, welche diese Möglichkeit als Transportmittel nutzten um sich einen Job in einer anderen Stadt zu suchen. Sie sind eher "Luxushopper" mit Kreditkarte für alle Fälle, die sich mitunter vom (vermeintlich angepassten) Bürger in einen "Abenteurer" verwandeln. Oder, besser: sich vorübergehend ihrer Tarnung entledigen und einer fremden, nicht nur räumlich weit entfernten Welt hingeben (die Assoziation zu "Easy Rider" schimmert gelegentlich durch, wird aber dahingehend konterkariert, da die beiden "ihr" Amerika durchaus finden).

Sie haben sich freiwillig einem Ehrenkodex verpflichtet, der es ihnen verbietet, Eigentum der Eisenbahn zu beschädigen oder zu beschmutzen. So urinieren sie beispielsweise (im Gegensatz zu anderen Trainhoppern) in Flaschen und nehmen ihre Abfälle immer mit. Vollmann und Jones beklagen durchaus eine "Verrohung" der Sitten (man erzählt von gewalttätigen und gefährlichen Trainhoppern, die gefürchtet sind; aber in diesem mythenreichen Milieu weiss man nicht so genau, ob es sie tatsächlich gibt oder ob es nur Phantome sind).

Die Mehrzahl derer, die ihnen an den Gleisen und in den Zügen begegnen sind Obdachlose, die auf diese Weise durch das Land reisen und ihr kleines Glück suchen. Bei der Bevölkerung sind Güterzugfahrer nicht beliebt, werden in den Restaurants manchmal nicht bedient und wenn sie von Bahnbediensteten gestellt werden, droht ihnen eine Anzeige.

All dies schreckt nicht ab. Es gilt weg von diesem Leben des Schreibtischs, der oktroyierten Regeln, der einengenden Räume, der Plastikwelt zu kommen – hin zu einer Unabhängigkeit, die das wahre Leben ist (und gelegentlich verklärt wird). Mehr als einmal fällt dieses ich muss hier raus; oft bereits in dem Moment, wenn man nach dem Trainhopping (und verpasstem Zug nach Hause) mit dem Flugzeug wieder wohlbehalten im Heimatort gelandet ist und der Verlust der Magie schlagartig einsetzt.

Wunderbare Bilder

Vollmann gelingen wunderbare Erzählbilder, die auch dem dieser Art des Reisens skeptischen Leser in dem Moment das Gefühl geben, etwas zu verpassen:
In der Dämmerung hielt der Zug neben einer schäbigen weißen Mauer, deren Graffiti übertüncht und zu unregelmäßigen Schlieren einer neuen Schmutzigkeit geronnen waren, und jenseits der Mauer und des Unkrauts stand eine schöne junge Latina, ihre Tochter an der Hand, und blickte den Zug an. Ich winkte ihnen zu, und sie lächelten und winkten zurück. Meine Einsamkeit löste sich auf, und selbst jetzt erfüllt mich die Erinnerung an diesen Moment mit Freude. Nach einer Weile kamen ihre Männer dazu. Auch sie standen da und winkten. Kein Wort rief ich ihnen zu, aber ich werde mich immer an sie erinnern.


Oder eine Assoziation mit einem von Vollmanns literarischen Helden, Henry David Thoreau:
Die Dämmerung war ein blendend türkisfarbener Spalt (die Tür, im spitzen Winkel von der Wand aus gesehen). Thoreau rät uns "wieder wach zu werden und uns wach zu halten…durch das unaufhörliche Erwarten des Sonnenaufgangs, welches uns nicht verlassen darf im tiefsten Schlaf." Und wirklich, dieser Sonnenaufgang trug meine Unendlichkeit in sich als fast alle, die ich seit meiner Kindheit und bei verschiedenen einsamen Aufenthalten auf arktischen Inseln erlebt hatte. Es war das Blau, in dem sich die Erde einem Astronauten zeigen mag: von innen heraus leuchtend, vielversprechend, schön, aber nicht warm; und vor allem weit weg.


Blick aus der Tuer - Seite 38  c Suhrkamp VerlagSchattenspiele, die Antilopen zeigen; Dunkelheit, die berührt wird, Felder vergilbt wie Kontoauszüge; ein Baum, der in voller Sternenblüte stand; der violette Salbei, dessen zerkrümelte Blüte einen Duft entfacht, der beinahe betrunken macht; das Wasser in der Flasche warm wie Blut - betörende Bilder, die Vollmann gelingen. Nur selten stürzt er ab ins leicht pseudooriginelle (etwa wenn etwas kristallklar wie der Urin eines Vegetariermädchens ist [die jungen Frauen, die ihn früher begleiteten, hatten durch einen Trichter in die entsprechende Flasche gepinkelt]).

Diese Erzählungen werden von längeren reportagehaften Passagen unterbrochen. Portraitiert und manchmal fotografiert werden andere Trainhopper oder auch eine Barfrau oder eine schmollmundig-somnambule Kellnerin, die die beiden freundlich bedient hat. Für ein paar Dollar kauft er Ira, Cinders, Dolores, Badger und einigen anderen eine Geschichte oder zwei ab (Geschichten, die dann leider erzählerisch nicht immer überzeugen).

Stimmungsvoll Vollmanns Landschaftsfotografien, die teilweise aus dem Zug heraus gemacht wurden. Die durchgängig in schwarz-weiß gemachten Aufnahmen erinnern in ihrer Intensität, spröden Schönheit und auch dem gelegentlich beim Betrachter aufkommenden Weltschmerz an den wunderbaren Film "Die letzte Vorstellung" von Peter Bogdanovich, der seinerzeit auf so treffliche Weise das (provinzielle) Amerika der 70er Jahre zeigte (ohne es zu denunzieren). Vollmann versucht mit diesen Landschaftsaufnahmen, die manchmal heruntergekommene oder baufällige Häuser zeigen manchmal aber auch nur eine ebene Wüstenlandschaft oder eine abgestellte Lokomotive, eine Beschwörung eines guten, eines besseren Amerika, mit Menschen voller Mut, Großzügigkeit und Integrität. Einem Amerika, das immer schon mehr Sehnsucht als Realität war.

Leben, um dem Leben zu entkommen

Denn natürlich ist der Autor zu klug, um nicht auch die Gefahren der Idyllisierung zu wittern. Zwei-, dreimal fällt er sich diesbezüglich ins Wort; fast ein bisschen versteckt sein Hinweis, das "wunderbare Buch der Gleise" (Mark Twain paraphrasierend) von ihm geschrieben wäre ein Werk romantischen Solipsismus. Das auf Achse sein ist nicht nur der Versuch zu leben sondern auch dem Leben zu entkommen. Und ist die Klage des Verschwindens der Marmorlobbys und Wartehäuschen in den Bahnhöfen (mit ihren polierten Bänken erscheinen sie heute wie eine Kirche des alten Amerika) eher (verzeihliche) nostalgische Verklärung als realer Restaurationswunsch des Autors.

Eindrucksvoll wie Vollmann die sinnlichen Empfindungen mit Lektüreeindrücken verbindet. Zunächst natürlich Jack London und auch Mark Twain. Ein bisschen devot Thoreaus "Walden" gegenüber (der grosse Weltfluchtroman). Auch der virile Hemingway kommt mit seiner Erzählung "Der Kämpfer" zu Wort; zusätzlich gibt es eine kleine Theorie zu Hemingway und Reisen. Tom Wolfes ungewöhnlich konzise Kurzgeschichte "Ferne und Nähe". Und vor allem Jack Kerouac, dessen Reiseziel Cold Mountain aus "Gammler, Zen und hohe Berge" zum Topos des unerreichbaren, mythischen, letztlich unauffindbaren Sehnsuchtsortes wird; Versuch das Reiseziel Überall zu "erweitern", denn Überall ist Cold Mountain und die Feststellung: I r g e n d w o ist es nicht.

Die schönsten Momente des Buches: Wenn der Erzähler für kurze Zeit hier sagen kann, wenn für einen Moment so etwas wie Glück spürbar ist. Und meistens passiert ihm dies beim Alleinsein (auch mit Freunden geht das: wunderbar allein); etwa als er so einsam war, daß er sogar nicht einmal mehr wegwollte. Oder wenn er sich als der erste Beobachter fühlt, der jemals dieses unbekannte Land namens Wyoming bereist hat. Dann können wir uns den Ich-Erzähler William T. Vollmann als glücklichen Menschen vorstellen, so glücklich wie ein Kind, das seine Weihnachtsgeschenke auspackt. Und sein Leser versteht auf einmal warum.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Das leichte Unbehagen bei der Hinrichtung

Nicht, daß ich mit Philipp Mißfelder Mitleid hätte. Nein. Und natürlich ist Dirk Kurbjuweits Artikel "Der Schattenmann" (Spiegel v. 22.05.09; pdf-Dokument) irgendwie ein "exemplarischer Text". Aber auch wenn Kurbjuweit Mißfelder als exemplarisch für einen bestimmten Typus Politiker nimmt – geht er nicht manchmal zu weit?
Sobald Mißfelders Handy vibriert, hat er eine neue Lage, auf die er reagieren muss. Da das Handy ständig vibriert, fehlt die Zeit zur Besinnung, zum Nachdenken, Politik wird zum Minutenereignis. So etwas wie eine Linie wird unbedenkbar. Aber es ist nicht so, dass Mißfelder dies vermissen würde.


Oder zu einem Satz Mißfelders zur Kanzlerin:
Das ist ein kleiner, mieser Politikersatz, wie man ihn oft hört von Leuten, die sich nichts verderben wollen, und Mißfelder sagt ihn ohne Grinsen, ohne sein Lachen, als glaubte er das so.


Wie oft hat Kurbjuweit diesen miesen Politikersatz bei anderen schon herausgestellt? Warum dieses Ausplaudern von ansonsten oeinlich genau unter Verschluß gehaltenem Wissen?

Macht sich Kurbjuweit zum Büttel von anderen Personen, die diesen Mißfelder einfach nur loswerden wollen? Warum nehme ich dem "Spiegel"-Büroleiter Berlin dieses aufklärerische Pathos nicht ab? Warum muß er dafür ad hominem schreiben und das Gewicht Mißfelders immer en passant angeben?

Soll uns das auf die "richtige Seite" bringen:
Es gibt wohl keinen Politiker, der sich so schamlos zu seiner Inhaltsleere und seinen Machtträumen bekennt wie Philipp Mißfelder. Er ist Spezialist für Kommunikation, für nichts anderes. Inhalte sind seiner Ansicht nach für hinterbänklerische Spezialisten, für Beamte. Diese Arbeitsteilung gibt es schon länger, in Mißfelder findet sie ihre Zuspitzung.


Bedient da jemand nicht ein bisschen arg das Klischee vom "Mißfelder in uns":
Nicht alle in dieser Welt sind wie Philipp Mißfelder. Aber in allen steckt etwas von ihm. Es ist die Zuspitzung, die Verdichtung des politischen Systems.


Oder ist es nur, weil Kurbjuweit Mißfelder nicht als "tragischen" Politiker darstellt, der vom geraden Weg abgekommen ist sondern ihn uns als das große Arschloch zum Spott vorwirft?

Ich frage ja nur.

Koch-Mehrin - eine Lügnerin?

Das ist die Information zur Präsenzquote der FDP-Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin aus dem Internet-Portal "Parlorama.eu":

Présence125 séance(s) plénière(s) : 41 %
From 20/07/2004 to 07/05/2009


Mit ihrer 41%-Präsenzquote liegt Frau Koch-Mehrin auf Platz 104 von 104 deutschen EU-Parlamentariern. Sie selber behauptet in einer eidesstattlichen Versicherung, dass es rund 75% sein sollen, was die F.A.Z. zu der Vermutung treibt, dass die Dame eventuell gelogen haben könnte.

Den ganzen Fall kann man hier bei ZAPP aufbereitet sehen.

Schlimmer als die offensichtlich geringe Präsenz und Arbeitsleistung im EP von Koch-Mehrin finde ich die Methoden, diese Informationen zu unterdrücken. Ausgerechnet von einer FDP-Abgeordneten. Immerhin gab es in dieser Partei einmal bedeutende Rechtsstaatspolitker.

Bleibt zu hoffen, dass die scheinbar so strahlende Zukunft von Frau Koch-Merin (sie wurde als EU-Kommissarin genauso "gehandelt" wie als Bildungsministerin in einer schwarz-gelben Regierung im Herbst) erst einmal gestoppt ist.
PS: Um der Ausgewogenheit die Ehre zu geben hier (pdf-Dokument) die Stellungnahme von Frau Koch-Mehrin, die sich ihre Präsenz hoch- bzw. schönrechnet. Zu ihren Aktivitäten sagt sie leider nichts.
PPS (06.06.09): In einem Interview im "Tagesspiegel" nannte die CDU-Europaabgeordnete Inge Gräßle Frau Koch-Mehrin "das Milli Vanilli der Politik" und bezeichnete sie als "Kunstfigur". Harte Worte. ("Milli Vanilli" war eine Popgruppe, die Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre sehr grosse Erfolge feierte. Später stellte sich heraus, dass die Sänger gar nicht auf den Platten gesungen hatten...)

Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte

Louis Begley  Der Fall DreyfusIm Papierkorb des deutschen Militärattachés Maximillian von Schwartzkoppen fand die für den französischen Geheimdienst arbeitende Putzfrau Madame Bastian ein handschriftlich verfasstes Dokument, in dem ihm eine nicht genannte Person die Übergabe einer Schießvorschrift der Feldartillerie und einige Aufzeichnungen über ein neues von den Franzosen entwickeltes 120-Millimeter-Geschütz sowie Informationen über französische Truppenpositionen und Veränderungen in den Artillerieformationen, außerdem Pläne zur Invasion und Kolonisierung Madagaskars bestätigte. Dieses Dokument war mehrfach zerrissen worden, ein Schriftstück auf dünnem Papier ohne Datum und Unterschrift. Man nannte es später einfach nur das Bordereau.

Am 25. Oktober 1894 wurde der französische Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus (geboren 1859, Absolvent der "École Polytechniques" und der renommierten Kriegsakademie "École Supérieure de Guerre") unter dem Verdacht des Landesverrats verhaftet. Dreyfus wurde beschuldigt, der Verfasser des Bordereau zu sein; ein oberflächlicher Handschriftenvergleich reichte den Anklägern (Dreyfus war unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei seiner Verhaftung gebeten worden, ein kurzes Diktat aufzunehmen). Daß es mehrere seriöse Graphologen gab, die zwischen Dreyfus' Handschrift und der des Bordereau keine Übereinstimmung feststellten, wurde ignoriert.

Manipulationen und Lügen

Was nun geschah, entwickelte sich zur sogenannten Dreyfus-Affäre, die Frankreich (und Europa) am Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte, erregte und spaltete. Da das Beweisstück letztlich nicht sehr aussagekräftig war, wurden zusätzliche "Beweise" gefälscht, die im Strafverfahren gegen Dreyfus schlechterdings aus Gründen der Landessicherheit nicht präsentiert wurden. Entlastendes wurde nicht ermittelt. So ignorierte man, daß Dreyfus, der sehr vermögend war, gar kein Motiv hatte.

Der französische Diplomat und Prozeßbeobachter Maurice Paléologue nannte die Anklagedossiers, die über die Jahre mit immer weiteren Fälschungen Vorwürfe gegen Dreyfus belegen sollten, ein Gemisch aus "apokryphen oder manipulierten Dokumenten, unzuverlässigen Übersetzungen, verbogenen Zeugenaussagen, törichtem oder erlogenem Kitsch, willkürlich zusammengeklebten Papierschnipseln, so sibyllinisch, daß man alles hineinlesen kann, was man möchte" und "belanglosen Notizen, in denen man eine tiefgründige, kabbalistische Bedeutung entdeckt".

Trotzdem wurde Dreyfus am 22. Dezember 1894 von einem Militärgericht einstimmig schuldig gesprochen und zu militärischer Degradierung, Deportation und lebenslänglicher Haft an einem befestigten Ort verurteilt. Es wurde sogar eine eigene "Lex Dreyfus" geschaffen, die es ermöglichte, Dreyfus als Einzelhäftling auf einer Insel vor der Küste Französisch Guayanas, der Teufelsinsel, zu deportieren (normalerweise wurden Gefangene nach Neukaledonien befördert). Die Haftbedingungen waren entsetzlich. So durfte Dreyfus mit niemandem außer einem sporadisch vorbeikommenden Militärarzt und dem "Gefängnisdirektor" sprechen, war in einer dreieinhalb mal dreieinhalb Meter große[n] Steinzelle eingesperrt, die der brütenden Sonne ausgesetzt war, aber Dreyfus durfte sich nicht mit Wasser abkühlen. Schnell litt er an Tropenkrankheiten wie Malaria (dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigungen bis ans Ende des Lebens sollten die Folge sein). Die sanitären Verhältnisse waren eine Katastrophe; die Gängelungen zahlreich.

Virulenter Antisemitismus und das Versagen der Staatsgewalt

Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley hat sich in seinem neuen Buch der Dreyfus-Affäre angenommen. Detailliert und kenntnisreich berichtet er über den Fall, die Intrigen in der französischen Armee, insbesondere im Generalstab, den seltsamen Ehr- und Loyalitätsvorstellungen (denen auch Dreyfus selber anhing; ausführlich wird geschildert, wie erniedrigend für den immer noch armee-loyalen Dreyfus die Degradierung war), den persönlichen Eitelkeiten der Protagonisten, dem Opportunismus der teilweise verkommenen politischen Klasse und der "feinen" Gesellschaft, dem verbrecherischen Handeln und Vertuschen derjenigen, die unbedingt an den "Juden" als Schuldigen festhielten, über Dreyfusards (Leute, die an Dreyfus' Unschuld glaubten) und deren Denunziationen als Mitglieder eines ominösen "Syndikats" – und natürlich die antisemitischen und nationalistischen Kräfte, die, einflussreich und mächtig, an obersten Positionen sehr lange die öffentliche Meinung bestimmten, manipulierten und eine aufgeladenen Anti-Dreyfus-Stimmung erzeugten, die dann in eine immer offenere und gefährliche judenfeindliche Hetze überging, was verblüffenderweise dazu führte, daß die französischen Juden den Fall bagatellisierten oder vergessen wollten (hierin sieht Begley eine Parallele zum Verhalten der Juden insbesondere in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus).

Beispielsweise hätte man leicht ermitteln können, daß nicht Dreyfus der Verräter war, sondern ein gewisser Ferdinand Walsin-Esterházy, ein amoralischer Soziopath und unverbesserlicher Lügner und Intrigant, aber nicht ohne Witz und Verstand, der zudem noch chronisch verschuldet war. Als Dreyfus' Bruder Mathieu 1897 Esterházy als den tatsächlichen Verfasser des Bordereau angezeigt hatte, wurde dieser nach kurzem Prozess freigesprochen. Es durfte einfach nicht sein, daß Dreyfus nicht schuldig war. War es nun so, daß eine bestimmte Klientel an einer korrekten Aufklärung des Landesverrats nicht interessiert war, weil sie um ihr eigenes Wohl und Ansehen fürchtete? Begley zieht dies durchaus in Betracht und verwirft es nicht vollkommen, obwohl er den zentralen Grund für die Eskalation der Affäre im virulenten französischen Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts sieht, der weit über die traditionelle Judenfeindlichkeit der christlichen Kirchen hinausging (obschon es durchaus auch Antisemiten unter den Dreyfusards gab).

1791 wurden in Frankreich per Dekret die Bürgerrechte "für alle Menschen, die den Bürgereid leisten und sich verpflichten, alle von der Verfassung auferlegten Aufgaben zu erfüllen…" [eingeführt]. Französische Juden begrüßten die Neuerung mit Jubel und strömten in Massen zu den Großveranstaltungen der Vereidigungen. Frankreich war damit sehr fortschrittlich; die anderen europäischen Länder folgten teilweise erst Jahrzehnte später mit ähnlichen Schritten. Die Menschen der relativ kleinen Gemeinde französischer Juden (um 1900 schätzte man 86.000 Juden bei insgesamt 39 Millionen Einwohnern Frankreichs) reüssierten schnell und brachten herausragende Persönlichkeiten, insbesondere im Wirtschafts- und Finanzwesen, aber auch in Künstler- und Gelehrtenkreisen hervor. In der jahrtausendealten jüdische Bildungstradition und der rückhaltlosen und loyalen Assimilation sieht Begley die Gründe. Dreyfus' Familiengeschichte wird exemplarisch für den steilen Aufstieg in nur zwei Generationen ausgeführt. Und auch die Armee stand jetzt formal Juden offen – nicht mehr die Herkunft, sondern die Leistung zählte. Im restaurativen Denken des französischen Offizierskorps galt dies jedoch als unselige Anomalie. Juden waren, so die weit verbreitete Meinung, keine echten Franzosen.

Die Armee genoß immer noch ein hohes Ansehen, "das Sozialprestige eines Offiziers" war trotz des eher kümmerlichen Solds "ganz einzigartig" (De Gaulle). Die politische Klasse Frankreichs war durch diverse Korruptionsaffären mehr mit sich selber beschäftigt; das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker gering. So wurde dem antisemitischen Ungeist nichts entgegengesetzt bzw. die Autorität der Politik war äußerst gering. Hier entdeckt nicht nur Begley das Problem, welches in der Dreyfus-Affäre einen traurigen Höhepunkt erreichte: Dreyfus war zwar ein leistungsstarker Offizier mit besten Zeugnissen und Referenzen (lediglich seine Stimme wurde als unmilitärisch wahrgenommen) – aber er galt ob seiner jüdischen Herkunft innerhalb der Armee (auch bzw. insbesondere im Generalstab) als Außenseiter und wurde in dem Moment, als eine neutrale Sicht auf ihn und sein Handeln erforderlich gewesen wäre, wie ein Aussätziger behandelt.

Aber Begley geht über den Dreyfus-Fall hinaus. Nicht nur im Vorwort, sondern an drei anderen Stellen im Buch wechselt er übergangslos Zeit und Ort und stellt Parallelen mit dem sogenannten "Krieg gegen den Terror" der Bush/Cheney-Administration an. Diese Analogien sind sparsam gesetzt aber sehr direkt und treffen ins Mark.

Die Teufelsinsel als Archetyp für Guantánamo

Hier wie dort wird die Angelegenheit dank entsprechender Massenmedien schnell zu einer Frage der Sicherheit des Staates hochstilisiert (nebenbei wird deutlich, daß die quantitative Erweiterung der Massenmedien, wie bspw. Radio und Fernsehen, die es im Frankreich des 19. Jahrhundert noch nicht gab, nicht automatisch eine qualitative Verbesserung der Inhalte zur Folge haben muß). Das bisherige Zusammenleben der Gesellschaft wird als unmittelbar gefährdet dargestellt. Daher erfährt der (bzw. die) Schuldige(n) eine Stigmatisierung, die weit über die normale Rolle eines Angeklagten eines Strafverfahrens hinausgeht. Sicherstes Zeichen sind die für den jeweiligen Fall neu erlassenen Gesetze, die gültige und scheinbar längst sichere und für alle verbindliche Rechtsnormen für eine bestimmte Gruppe plötzlich aufhebt.

Statt eine deeskalierende und beruhigende Rolle zu übernehmen, verfällt die politische Klasse schnell in einen alarmistischen Aktionismus, der mit allen Mitteln – auch denen der bewußten Lüge und Falschinformation – betrieben wird. Es entsteht eine gefährliche Mischung zwischen "Volkes Stimme", der zum Handeln gezwungenen Staatsmacht und Massenmedien, die sich plötzlich als Sprachrohr der Mehrheitsmeinung geriert. Es zeigt sich: Unterdrückung und Ungerechtigkeit suchen sich immer wieder die gleichen Opfer: Außenseiter und Minderheiten, die Abneigung und Misstrauen wecken. In ihrem Fall ist "die Schuld immer zweifellos". Das war der Grundsatz des Offiziers in Kafkas 'Strafkolonie', und die Bush-Regierung verfuhr mit den Gefangenen, die sie im Zuge des Kriegs gegen den Terror gemacht hatte, nach einem sehr ähnlichen Prinzip.

Begley sieht durchaus Parallelen im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts und den USA im Jahr 2001 (und, fast "nebenbei", auch im Jahr 2003, als es um die Rechtfertigung zum Irakkrieg geht). Frankreich war durch die Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 (es gibt einen ausführlichen Exkurs hierüber im Buch) gedemütigt worden, mußte hohe Reparationszahlungen leisten und zwei Provinzen an Deutschland abtreten (Dreyfus' Familie stammt aus Elsaß-Lothringen; die Kombination 'Elsässer und Jude' im Fall von Dreyfus erwähnt Begley nur am Rande). Auch die USA wurde durch den ersten Angriff auf amerikanischem Boden seit Pearl Harbor gedemütigt. In beiden Fällen handele es sich um ein einschneidendes nationales Trauma. Die Bush/Cheney-Administration nutzte die Terroranschläge als Legitimation dafür, in den USA alarmierende Risse in die Herrschaft des Gesetzes zu sprengen, während restaurativen Kräften im Frankreich des 19. Jahrhunderts die Dreyfus-Affäre als willkommene Gelegenheit diente, gesellschaftliche Veränderungen aufzuhalten.

Parallelen zum Antisemitismus des 19. Jahrhunderts

Vor diesem Hintergrund sind die hysterischen Affekte zu erklären, die in der Bevölkerung die mindestens stillschweigende Zustimmung zur Aushebelung elementarer Rechtsprinzipien bewirkte. Die Teufelsinsel von Dreyfus wird zum Archetyp von Guantánamo. Aber Begley geht noch weiter: Der [amerikanischen] Öffentlichkeit fiel es offenbar leicht, zu glauben, wer in Guantánamo sei, werde schon mit gutem Grund dort sein. Genauso, wie viele Menschen in Frankreich ohne Mühe glauben konnten, Dreyfus sei Verräter, weil er Jude war, hatten viele Amerikaner keine Mühe, die Häftlinge und Guantánamo und in den CIA-Gefängnissen schon deshalb für Terroristen zu halten, weil sie Muslime sind.

Begley suggeriert, daß der von der Bush/Cheney-Administration inszenierte Anti-Terrorismus-Kampf Züge des französischen Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts trägt (am Ende zeigt Begley in einer bemerkenswerten kleinen Studie von Marcel Prousts "Recherche", wie der Antisemitismus in der "besseren Gesellschaft" Frankreichs eingezogen war und welche Blüten er trieb). Präzisiert man den Begriff des Antisemitismus als Judenfeindlichkeit, so könnte man in Anbetracht der Ereignisse nach dem 11. September von einer virulenten Muslimfeindlichkeit mindestens in den USA sprechen.

Es wird skizziert, daß die Parallelen in der Entrechtung der Gefangenen in den USA (er beschränkt sich auf die USA und geht nicht auf andere Staaten ein) mit der Entrechtung eines Alfred Dreyfus vergleichbar sind. So wurde Dreyfus wie auch die Angeklagten von Guantánamo vor ein Gericht gestellt, das in der Hand seiner Ankläger war. Hier wie dort wurde auf der Grundlage von geheimem Beweismaterial verurteilt, das weder der bzw. die Angeklagten noch die Verteidiger kannten. Beide Vorgehensweisen sind eines Rechtsstaats unwürdig. Gleichzeitig stellt Begley aber auch klar: Verglichen mit den Verbrechen und Rechtsverletzungen der amerikanischen Kriegsführung wirken die Rechtsbrüche deren sich der französische Generalstab durch seine erbarmungslose Strafverfolgung von Dreyfus schuldig machte minimal.

Zwar wurde Dreyfus auch in Isolationshaft gehalten und ihm essentielle Rechte verwehrt. Aber die Misshandlung in Guantanámo hat eine andere, schrecklichere Dimension. So werden sie beispielsweise durch wiederholte Traumata in den Zustand "erlernter Hilflosigkeit" versetzt, so daß ihre Willenskraft und das Zutrauen, Kontrolle über die eigene Welt zu haben verloren geht und sie nun vollständig abhängig von ihren Aufsehern wurden. Begley scheut hier einen drastischen Vergleich nicht: Mit dieser Pervertierung von Medizin und Psychologie zum Nutzen der Folter sind die Vereinigten Staaten in die Fußstapfen Nazideutschlands und Sowjetrußlands getreten.

Vom Heldentum, doch zu bleiben

Diese Urteile prasseln nach rund einem Viertel des Buches auf den Leser nieder. Bis auf zwei Ausnahmen (Seiten 132-134 und am Schluß) widmet er sich dann der akribischen Schilderung der Dreyfus-Affäre samt seinen juristischen Verästelungen (Begley als Rechtsanwalt ist für hierfür hervorragend prädestiniert). Aber irgendwie sucht der Leser immer auch ein bisschen nach Parallelen zu den aktuellen Umständen – und wird tatsächlich bisweilen "fündig". Das lenkt nicht von der Beschäftigung mit dem Fall Dreyfus ab, sondern erweitert den Blick auf eine fruchtbare Weise. Begley erläutert nicht nur äußerst anschaulich, kenntnisreich, mit klarer Sprache, detailliert aber nie ermüdend die zahlreichen Verwicklungen, sondern versteht es auch, die sozio-psychologischen und medialen Zusammenhänge aufzuzeigen. Das Buch ist ausgezeichnet übersetzt; es gibt als Anhang eine zusammenfassende Chronologie der Ereignisse (Begley erzählt zwar ebenfalls chronologisch, es gibt aber immer wieder historische oder biografische Einschübe) und ein kleines Verzeichnis der Akteure (alles bezogen auf die Dreyfus-Affäre).

Obwohl sich alle Beweise als entweder gefälscht oder einfach nichtig herausstellten, wurde Dreyfus im Revisionsverfahren 1899 schuldig unter mildernden Umständen zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt und kam erst nach einem komplizierten Prozedere durch die Begnadigung durch den Staatspräsidenten frei. Die formale Unschuld und vollständige Rehabilitation fand erst 1906 statt (er starb 1935). Dreyfus ging als Major zurück in die Armee. Begley treibt die Frage um, warum er trotz der Ereignisse, der Verachtung und Abneigung, die ihm über all die Jahre aus der Armee entgegengeschleudert wurde den Rest seines aktiven Lebens in der Gesellschaft von ihresgleichen zubringen wollte und zitiert als des Rätsels Lösung eine Bemerkung aus einem Kafka-Brief, als dieser einen randalierenden antijüdischen Mob 1920 in Prag beobachtet ein "Heldentum" ausmacht, welches darin besteht "doch zu bleiben". Dreyfus klammerte sich an den Platz, den er als seinen angesehen habe, so Begley; die gute Nachricht, das Versprechen war einfach zu verlockend.

Louis Begley gelingt es, den Leser in den Sog dieser Geschehnisse zu ziehen und die Protagonisten, Schurken wie Lichtgestalten, lebendig werden zu lassen. Die Metamorphose des Nachrichtenbürochefs George Picquart etwa, der selber Opfer von Hasstiraden wird, die teilweise noch von denen gegen Dreyfus übertroffen werden. Und natürlich Zolas Eintreten für Dreyfus, gipfelnd in seinem offenen Brief an den französischen Ministerpräsidenten von 1898 ,"J'accuse", einem Meisterwerk politischer Literatur oder Jean Jaurès' Artikelserie, ebenfalls als offener Brief, gerichtet an den damaligen französischen Kriegsminister Cavaignac, in dem er Punkt für Punkt die Anklagepunkte gegen Dreyfus zerpflückte. Und aller Unkenrufe zum Trotz und aller Infiltration durch nationalistische, rassistisch und antisemitische Zeitungen und Publikationen: die (links-)liberale Presse hat wesentlich zur Aufklärung des Falls Dreyfus und zur Rehabilitation des Offiziers beigetragen.

Diese Leute haben, so Begley emphatisch, die Ehre der Nation gerettet. Auch hier der Vergleich mit den Journalisten, Anwälten und Mitgliedern der Bundesgerichte, die sich gegen die Bush-Regierung stellten und sich für die Rechte beispielsweise der in Guantánamo Inhaftierten einsetzten.

Das Vorwort Begleys zu diesem Buch trägt als Datum den 21. Januar 2009 – dem tag der Inauguration von Barack Obama und die Hoffnungen des Autors in diesen neuen Präsidenten sind immens. Inzwischen scheint es, daß Begleys dunkle Prognose, daß die Verbrechen der Bush-Regierung eines nicht allzu fernen Tages unter dem Narbengewebe aus Schweigen und Gleichgültigkeit verschwinden könnten ausgerechnet durch Barack Obama eingelöst zu werden. Die großen Dramen und Romane über die Zeit der Bush-Regierung, die das Land vorübergehend einer Art Gehirnwäsche unterzogen zu haben schien, müssen noch geschrieben werden; vielleicht von einer anderen Generation, weil die Auswirkungen dieser Politik immer noch in den Alltag hineinragen. Spätestens hier hören die Parallelen der Dreyfus-Affäre und dem "Kampf gegen den Terror" auf: Es ist alles ein bisschen globaler und ein bisschen ekliger geworden.

Aber der Mensch, das zeigt dieses kluge Buch von Louis Begley, der Mensch ist irgendwie immer noch der gleiche geblieben.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch

Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft - Einführung

Mohammed Abed Al Jabri  Kritik der arabischen Vernunft  EinfuehrungDie "Kritik der arabischen Vernunft" ist ein vierbändiges Werk: Der erste Teil erschien 1984 unter dem Titel "Die Genese des arabischen Denkens", 1986 erschien "Die Struktur des arabischen Denkens", 1990 "Die arabische Vernunft im Politischen" und 2001 dann "Die praktische arabische Vernunft".

Mohammed Abed Al-Jabri* wurde 1935 in einer Berberfamilie im südlichen Marokko geboren. Er absolvierte eine Schneiderlehre, wurde Volksschullehrer und begann 1958 ein Philosophiestudium in Damaskus. 1970 promovierte er über den Historiker und »Vorläufer der modernen Soziologie«** Ibn Khaldun. Er unterrichtete islamische Ideengeschichte in Rabat. Anfang der 80er Jahre begann Al-Jabri Bücher zu publizieren und wurde damit unter arabischen Intellektuellen bekannt. Bis auf Band drei der Kritik, der 2007 unter dem Titel "Die politische Vernunft im Islam: Gestern und heute" in französischer Sprache publiziert wurde, sei Al-Jabris Hauptwerk bisher in keiner anderen Sprache veröffentlicht worden (so der Verlag), was durchaus Absicht des Autors war, der den innerarabischen Dialog befördern wollte statt in anderen Kulturkreisen zu reüssieren.

Die "editorische Notiz" des Verlags verwirrt den Leser mehr als das sie aufklärt. Der Verlag schreibt, daß die »synoptischen Texte, die in das vorliegende Buch eingegangen sind« nicht Teil der "Kritik" seien, sondern aus zwei anderen Texten Al-Jabris stammten. Ausgewählt wurden diese Texte von Ahmed Mahfoud und Marc Geoffroy, wobei Mahfoud, der als »Freund und Agent« Al-Jabris vorgestellt wird, die Übersetzung aller vier Bände der "Kritik" vom Arabischen ins Französische vorgenommen hat.

Textarrangement und Übersetzung

Wird so anfangs noch suggeriert, daß der vorliegende Band wenigstens teilweise Bestandteile der "Kritik"-Bände enthält, so erfährt man in der "Einleitung" von Mahfoud und Geoffroy, die auch die Fußnoten verfasst haben (was man leicht überlesen kann, sich aber im Laufe der Lektüre erschließt, da Al-Jabri mehrfach in der dritten Person genannt wird), daß es sich um eine Zusammenstellung zweier anderer Werke von Al-Jabri handelt: "Wir und die Tradition. Zeitgemäße Lesarten unseres philosophischen Erbes" von 1980 und "Tradition und Moderne" von 1991 (wobei unklar bleibt, wie kursorisch diese Zusammenfassungen sind und wann welcher Text zitiert wird).

Diese Zusammenstellung aus zwei Büchern hat Schwächen. Einige Kapitel sind sehr gut gegliedert – andere wirken eher improvisiert. So ist beispielsweise der Kern des Buches, die Ausführungen über den averroistischen Rationalismus, als monolithischer Block von 35 Seiten abgedruckt; auf eine Textgliederung, wie in anderen Kapiteln des Buches wurde leider verzichtet, was die Verständlichkeit mindestens erschwert.

Verzeihlich ist, daß in der "Einleitung" der "Einführung" durch Mahfoud und Geoffrey etliche Punkte aus dem Vorwort von Reginald Grünenberg und Sonja Hegasy wiederholt werden. Auch daß Mahfoud und Geoffrey die Interpretation Al-Jabris stellenweise sehr weit treiben und Zitate einbringen, die im nachfolgenden Buch nicht verzeichnet sind, mag vertretbar sein.

Problematisch erweist sich die Übersetzungsstrategie: Mahfoud/Geoffrey übersetzten vom Arabischen ins Französische. Dann wurde von Vincent von Wroblewsky und Sarah Dornhof vom Französischen ins Deutsche übersetzt. An vielen Punkten ist diese Problematik bemerkbar (Al-Jabri betreibt ja unter anderem Sprachkritik am Arabischen). Die Sätze taumeln zu oft vom Umständlichen ins Unverständliche (seltener gibt es auch Widersprüchliches), was durch ein sorgfältiges Lektorat mindestens teilweise vermeidbar gewesen wäre. Zudem scheint sich an einigen Stellen der Text-Eklektizismus zu rächen – manches wirkt redundant. (Dazu gibt es orthografische Fehler und falsche Zuordnungen in den Fußnoten).

Da mit diesem Buch auch Leser angesprochen werden sollen, die mit den historischen Gegebenheiten und philosophischen Strömungen nicht umfassend vertraut sind, wäre ein Glossar und Personenverzeichnis zwingend notwendig gewesen. Die Fußnoten (die ja, wie erwähnt, nicht von Al-Jabri stammen) sind zwar vorteilhaft auf der jeweiligen Seite abgedruckt, aber extrem geschwätzig und für das Verständnis im jeweiligen Kontext oftmals störend (es gibt häufig ganze Lebensläufe von Gelehrten und Kurzzusammenfassungen von religiösen und/oder politischen Strömungen). Da Al-Jabri ein sehr komplexes Panorama der Philosophie und Geschichte von Al-Andalus entwirft und die Entwicklungen dieser Zeit für seine Argumentation zentral ist, wäre eine Chronologie der wichtigsten politischen und philosophischen Ereignisse am Ende des Buches vorteilhaft gewesen.

Dieses Buch existiert in dieser Form im arabischen Sprachraum nicht und eigentlich ist der Titel (streng genommen) eine Irreführung. Man sollte es dennoch freundlich als eine Art Prolegomenon auffassen. Immerhin wird hier endlich die Stimme eines bedeutenden zeitgenössischen arabischen Philosophen in deutscher Sprache publik. Der erste Band der "Kritik der arabischen Vernunft" soll im Perlen-Verlag im September 2009 erscheinen, die anderen drei Bände im Jahr 2010. Fast 1.400 Seiten soll die Gesamtausgabe haben.

Das vorliegende Buch liefert nicht nur einen Überblick über die Geschichte der »arabische Vernunft«, die Al-Jabri als »das Ensemble von Prinzipien und Regeln, nach denen sich das Wissen in der arabischen Kultur vollzieht« definiert, sondern zeigt auch Einblicke in die Überwindung der von ihm konstatierten Lähmung der arabischen Kultur. Trotz der ausführlich genannten Nachteile, die vielleicht in dieser Form nicht in den "Kritik"-Bänden virulent werden, lohnt die Lektüre der "Einführung" auch für den politisch interessierten Zeitgenossen, der sich mit den weltpolitischen Implikationen auseinandersetzt und den rasch urteilenden Apologeten eines mehr oder weniger zwangsläufigen "Clash of Civilizations" aus guten Gründen nicht folgen möchte.

Falsche Auffassungen von Tradition

Auf die detailreichen Einlassungen Al-Jabris der unterschiedlichen philosophischen Denkrichtungen und Denkschulen im Islam vom 8. bis ins 13. Jahrhundert hinein soll hier nicht weiter eingegangen werden. Für den Interessenten bieten sich hier reiche Einblicke, die sicherlich in den "Kritik"-Bänden noch vertieft werden dürften.

Al-Jabri treibt die Frage nach den Gründen für den »Niedergang der islamischen Kultur« um. Warum hat sich das arabische Denken in eine »Kultur der 'schlechten Universalismen' verwandelt«? Wie konnte es zu diesem jahrhundertelangen, nur sporadisch unterbrochenen Denken der Finsternis überhaupt kommen?

Der Schlüssel liegt für Al-Jabri zunächst einmal im »subjektive[n] Erlebnis des Lesens [der] heiligen Texte«. Er zeigt, »wie Defizite in der arabischen Kultur damit zusammenhängen, daß die 'Trennung von gelesenem Objekt und lesendem Subjekt nicht vollzogen wird'.« Dies ist, so Al-Jabri, eine Folge einer falschen Auffassung von Tradition, welche den zeitgenössischen arabischen Leser einschränke, ja ihn der Unabhängigkeit und Freiheit beraube. Vermittelt über…eingeimpfte Elemente erfasst er die Dinge, auf ihnen gründet er seine Meinungen und Betrachtungen. […] Vertieft sich der arabische Leser in die traditionellen Texte, so ist seine Lektüre erinnernd, keineswegs aber erforschend und nachdenkend. Hinzu kommt, daß die arabische Sprache seit mehr als vierzehn Jahrhunderte[n] unverändert blieb und damit zutiefst in der Tradition und in der Authentizität verwurzelt sei. Hieraus ergebe sich ihr sakraler Charakter. Die arabische Sprache absorbiere den Leser; wer einen Text in dieser Sprache liest, liest eher die Sprache als den Text. Anderereits lebe der zeitgenössische arabische Leser unter dem Zwang, unbedingt auf der Höhe seiner Zeit zu sein.

Erforderlich sei (in einem ersten Schritt), das Subjekt von seiner Tradition zu lösen. Al-Jabri plädiert dafür, den Sinn eines Textes nicht [zu] interpretieren, bevor man nicht seine Materie erfasst habe - Materie verstanden als ein Netz von Relationen zwischen den Sinneinheiten und nicht als ein Ensemble isolierter Sinneinheiten. Man müsse sich von einem Verständnis befreien, das auf traditionsgeleiteten Vorurteilen oder auf…aktuellen Wünschen basiere. Die einzige Aufgabe bestehe darin, die Bedeutung eines Textes aus dem Text selbst zu entnehmen, ihn gegebenenfalls einer minuziösen Sezierung [zu] unterziehen, die den Text tatsächlich zu einem Objekt für ein lesendes Subjekt macht, zu einem Stoff der Lektüre.

Weder islamischer Fundamentalismus noch in den Schoß der westlichen Moderne

Keine Frage: Der Text, von dem hier (zunächst einmal) die Rede ist, ist der Koran, der von den Interpretations"texten" der "Gelehrten" der letzten Jahrhunderte zu befreien ist und aus sich heraus gelesen werden soll. Die Intention des Gesamten soll entscheidend werden, nicht die Ausdeutung des einzelnen Wortes. Die Lektüre, wie sie Al-Jabri »selbst als Kind in der Koranschule erfahren hat«, ist zu verwerfen, da sie die Subjekt-Objekt-Perspektive umkehrt, den Text anthropomorphisiert und zu blindem und seelenlosem Repetieren führt. Ohne das es Al-Jabri erwähnt, greift diese These auch unmittelbar in unseren Kulturkreis ein: Ist nicht gleichfalls der Dogmatismus insbesondere der katholischen Kirche eine unzulässige "Subjektivierung" der christlichen Botschaft (insbesondere des Neuen Testaments)?

Die Forderung an eine "neue Lesart" der heiligen Texte geht dabei ausdrücklich nicht in Richtung der vom Westen häufig gewünschten Implementierung einer absoluten islamischen Instanz (ähnlich etwa dem Papsttum), die eine allgemeinverbindliche Deutung postuliert. Al-Jabris Gedanke ist, weil er sich konkret an das einzelne Individuum richtet, sehr viel "moderner", wenn auch fragil. Denn wenn seine Diagnose stimmt (und vieles spricht dafür), dürfte die Loslösung von den "heillosen Überlieferungen" (Peter Sloterdijk) sehr schwierig sein, da die Veränderungen auch von den Intellektuellen und Politikern getragen werden müssten, die vom jetzigen System geprägt wurden, und vielleicht sogar profitieren. Zudem droht eine Mobilisierung der Massen durch die restaurativen Kräfte, die jegliche Veränderung als Gefährdung ihrer Legitimation ansehen und ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo haben. Kants Diktum wird tatsächlich paraphrasiert: Der zeitgenössische arabische Leser bedarf des Ausgangs aus seiner »historischen« Unmündigkeit (Grünenberg/Hegasy treffend im Vorwort).

Hierfür entwickelt Al-Jabri die Idee vom Neudenken der Traditionen. Statt die Produktion von neuen Diskursen zu befeuern, erschöpft sich die arabische Kultur seit dem 13. Jahrhundert mehr oder weniger in der Reproduktion des Alten. Seither habe sich in der arabisch-islamischen Kultur das herausgebildet, was wir ein "Verständnis der Tradition, das in der Tradition eingeschlossen ist" genannt haben und das noch heute dominiert. Unter diesen Umstände bestünde die Moderne eher darin, dieses Verständnis der Tradition, das in der Tradition eingeschlossen ist, zu überwinden, um ein modernes Verständnis und eine aktuelle Sichtweise der Traditionen zu entwickeln.

Der Clou in Al-Jabris Denken ist, daß Moderne bei ihm nicht bedeutet, die Tradition abzulehnen noch mit der Vergangenheit zu brechen, sondern vielmehr die Art, in der wir uns zur Tradition verhalten, auf ein Niveau anzuheben, das wir "Zeitgenossenschaft" nennen und das darin bestehen muss den Lauf des Fortschritts, der sich auf globaler Ebene vollzieht einzuholen. Es geht nicht um ein plattes "übernehmen oder fallen lassen", sondern um Verstehen und Aneignen - oder, das ist auch eine Option, ein Verwerfen. Letzteres sollte jedoch nicht aufgrund opportunistischer Erwägungen erfolgen, sondern im jeweiligen Kontext.

Averroes und die Notwendigkeit der "andalusischen Wiedergeburt"

Der Begriff der Zeitgenossenschaft ist klug gewählt. Dennoch zeigt sich auch hier die Fragilität des Projekts. Al-Jabri ist kein Revolutionär, der mit den "alten Zöpfen" brechen will, sondern versucht, die guten von den schlechten Traditionen zu differenzieren. Eine einfache "Anpassung" an die europäische Moderne kommt nicht infrage. Da die europäische Moderne im Kontext einer besonderen kulturellen Geschichte Europas steht, kann sie der arabischen Kultur und ihrer Geschichte gegenüber keinen Diskurs etablieren. Die Fremdheit zwischen beiden Kulturräumen ist zu gross. Aus diesem Grund müssen wir unseren eigenen Weg zur Moderne zwangsläufig auf Elemente des kritischen Geistes stützen, die ihren Ausdruck in der arabischen Kultur selbst finden, um im Inneren dieser Kultur eine Dynamik der Veränderung in Gang zu setzen.

Aber wie das Verständnis von der Tradition von ideologischen und affektiven Last[en] befreien? Al-Jabris Dreh- und Angelpunkt der "Reformation" hin zu einem (neuen) arabischen Rationalismus ist Abu al-Walid Muhammad Ibn Ahmad Ibn Muhammad Ibn Rushd, latinisiert Averroes (1126-1198); er ist für ihn der zentrale Aufklärer und Ausdruck der Blütezeit eines arabisch-islamische[n] Denken[s] in der Zeit der Almohaden im Maghreb und in Al-Andalus, eines "europäisch"-arabischen Denkens fern vom ost-orientalischen Gelehrtentum, welches eine krude Mischung zwischen vor-islamischem Heidentum und dogmatischer Koraninterpretation zum Zwecke ihrer eigenen Machtpositionen betrieben.

Averroes gilt zuerst als ausführlicher und detailgenauer Kommentator von Aristoteles. Indem Averroes das aristotelische Denken aber nicht nur kommentiert, sondern auch analytisch in die arabische Philosophie eingebracht und weitergeführt habe, setzte er wesentliche Impulse, die weit über die Grenzen auch das Denken und die Philosophie des Abendlandes beeinflusst habe. Nach Averroes haben wir Araber am Rande der Geschichte gelebt (in Trägheit und Niedergang) (kursorisch werden mit Abu Ishaq Ibn Musa al-Shatibi [† 1388] und ´Abd al-Rahman Muhammad Ibn Khaldun [1332-1406] zwei Ausnahmen vorgestellt). Die Europäer, so Al-Jabri, lebten ihrerseits die Geschichte, aus der wir herausgetreten waren, weil sie es verstanden, sich Averroes anzueignen und bis zum heutigen Tag das averroistische Moment zu leben.

Salopp formuliert: Wenn Tradition, dann bitte die von Averroes. Al-Jabri geht soweit, daß er von der Erfordernis einer andalusischen Wiedergeburt spricht (wobei es sich natürlich nicht um die erneute Okkupation Spaniens handelt, sondern dies als philosophischer Akt zu verstehen ist).

Trennung zwischen Religion und Philosophie

Averroes sprach sich für ein religiöses Verständnis von der Religion aus, das nicht über die Fakten der Religion selbst hinausging, und ein philosophisches Verständnis der Philosophie, das ausschließlich auf den Prinzipien und Intentionen der Philosophie gegründet war. Diese Methode sollte es nach Averroes möglich machen, sowohl die Philosophie als auch die Religion zu erneuern. Übernehmen wir auch von ihm diese Methode, um eine Art und Weise zu definieren, in der wir zugleich unser Verhältnis zur Tradition und unser Verhältnis zum heutigen globalen Denken, das für uns das darstellt, was für Averroes die griechische Philosophie darstellte, auf uns nehmen zu können. Werden wir unserem Verhältnis zur Tradition gerecht, indem wir sie in ihrem eigenen Kontext verstehen, und werden wir in gleicher Weise dem globalen heutigen Denken gerecht. Ziel soll es laut Al-Jabri sein, unsere Authentizität in der Moderne und unserer Moderne in der Authentizität zu begründen.

"Innerarabisch" nahm Averroes unter anderem eine scharfe Gegenposition zu Avicenna ein (Abu Ali al Hussein Ibn Sina; 980-1037), der, so Al-Jabri, einer spiritualistischen und gnostischen Strömung (hier steht Gnostizismus für einen Glauben an die Existenz einer anderen Erkenntnisquelle als der Vernunft) die Weihe gegeben habe, deren Wirkung entscheidend wurde für die Regressionsbewegung und durch die das arabische Denken sich von einem offenen Rationalismus […] zu einem verderblichen, das Denken der Finsternis fördernden Irrationalismus zurückentwickelte. (Al-Jabri erwähnt nicht, daß Averroes' Denken von den meisten arabischen Gelehrten nicht nur nicht akzeptiert, sondern verfolgt und der Autor sogar verbannt wurde.)

Die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen Vernunft und Überlieferung lehnt Al-Jabris (mit Averroes) ab. Anschaulich zeigt er, wie diese "Versöhnung" von den Theologen ausgestaltet wurde (bzw. wird): Eben in dem bereits angesprochenen spiritualistischen und gnostischen Sinn. Heftig sträubt sich Al-Jabri Averroes zitierend gegen ein "Sammelsurium von…erfundenen Behauptungen und neuen Interpretationen" was die offenbarte Schrift (den Koran) betrifft. Die "Eingemeindung" der Religion in die Philosophie wird strikt abgelehnt, weil die Philosophie damit unterhöhlt wird. Religion sei nicht durch Wissenschaft erklärbar (und auch nicht erklärbar sein soll) und die Wissenschaft benötige auch keine von außen kommende Beschränkung (vulgo: Religion).

Al-Jabri plädiert für die Re-Vitalisierung des averroistischen Geistes, auf dem aufzubauen wäre. Mit Averroes zeichne sich eine radikal neue Auffassung vom Verhältnis Religion/Philosophie ab: Man muss auf diesen beiden Gebieten die Rationalität innerhalb des jeweiligen Gebiets feststellen. Die Rationalität in der Philosophie gründet auf der Beobachtung der Ordnung und der Artikulation der Welt, und somit auf dem Gebiet der Kausalität, während die Rationalität der Religion sich auf der Berücksichtigung der "Intention des Gesetzgebers" gründet, dessen letzter Zweck darin besteht, die Tugend zu befördern.

Deutlicher wird er nicht. Wer allerdings die Begriffe "Philosophie" und "Wissenschaft" durch "Politik" ersetzt, wird die Dynamik dieses Denkens erkennen. Zwar hält Al-Jabri an arabische Traditionen fest, distanziert sich von "liberalen" und marxistischen Oktroyierungen (natürlich auch von fundamentalistischen) und betont, daß eine "Übernahme" oder bloße Imitation des europäischen Liberalismus eine Art Traditionenvergessenheit bedeute, die eine Entfremdung vom arabischen Erbe darstellen würde.

Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit

Wie aber eine Neuorientierung eines Denkens ohne einen mindestens indirekten Rekurs auf die Prinzipien der europäischen Aufklärung? Al-Jabri wendet eine "Flucht nach vorne"-Taktik an, in dem er zwischen kognitiven und ideologischen Inhalten unterscheidet. Die kognitiven Gehalte in der Philosophie verwirft Al Jabri: Der kognitive Inhalt der Gesamtheit [der aristotelischen] Philosophie stürzte mit der Ausbreitung der modernen Wissenschaften zusammen. Descartes gründete seine Philosophie auf die Physik von Galilei. […] Doch der kognitive Gehalt des Cartesianismus hörte mit der Durchsetzung der Newtonschen Physik auf, operativ zu sein. Auf diese gründete Kant seine eigene Philosophie, die ihrerseits überholt war, als die Newtonsche Physik von der Quantentheorie und der Relativitätstheorie überholt wurde usw. Die Geschichte der Wissenschaft ist…die Geschichte der Irrtümer der Wissenschaft. Deshalb stirbt der kognitive Gehalt jeder Philosophie ein für alle mal: er geht in die Geschichte als Summe von "Irrtümern" ein. Er stirbt und stürzt in sich zusammen ohne Hoffnung, wieder aufzuerstehen, weil der Irrtum keine Geschichte hat.

Dagegen setzt er den ideologischen Gehalt der Philosophie, der für ihn die Zeit des "Künftig-Mögliche[n]" darstellt, jedoch in der Form eines Traumes. Das, was im abendländischen Sprachgebrauch als "Vision" übersetzt würde, wird hier energische Rede für den Traum: Der Traum ignoriert von Natur aus die räumlich-zeitlichen Parameter, im Gegensatz zur Wissenschaft, deren Zeit das "Jetzt-Gegenwärtige" ist, das sie in ihrer Gegenwart lebt. Das ist natürlich kein antiwissenschaftlicher Gestus. Al-Jabri wehrt sich nur gegen die Infiltration der Philosophie einerseits durch die Religion und andererseits durch eine Verwissenschaftlichung, die, so führt er aus, systemimmanent nur eine begrenzte "Lebensdauer" hat. Eine Argumentation, die zum Beispiel in Anbetracht des neurobiologischen Diskurses in der zeitgenössischen (westlichen) Philosophie eine interessante Dimension eröffnet.

Der Begriff des Ideologischen ist hier per se nicht negativ konnotiert, allerdings heißt es: Eine Ideologie, die ihre "Zukunft" in der Vergangenheit lebt, ist folglich eine Ideologie, die fortfährt, einen jener Momente zu leben, der durch den Prozess des Werdens des Denkens, dem sie verbunden ist, bereits beseitigt wurde. Dagegen steht eine Ideologie die…ihre Zukunft nach dem Künftigen ausrichtet, […] eine Ideologie, die ein – oder mehrere – vom Prozess des Werdens noch nicht beseitigte Moment lebt.

Indem Al-Jabri die Philosophie als dynamisch-visionär und eigenständig postuliert und einen averroistischen Geist ausruft, greift er auch den Status quo des Universalismus westlichen Denkens an. Der averroistische Geist als soll unserem Denken, unserem Blick und unseren Bestrebungen so gegenwärtig sein wie der kartesische Geist dem französischen Denken, oder der von Locke und Hume eingeführte empiristische Geist dem englischen Denken gegenwärtig ist. [...] Errichten wir also unsere Besonderheit auf dem, was uns eigen ist, uns zukommt, uns nicht fremd ist. Der averroistische Geist kann unserer Epoche angepasst werden, weil er mit ihr in mehr als einer Hinsicht einhergeht; dem Rationalismus, dem Realismus, der axiomatischen Methode und dem kritischen Herangehen. Den averroistischen Geist annehmen heißt brechen mit dem "orientalischen" avicennischen Geist, der…das Denken der Finsternis fördert.

Das Traum des Künftig-Mögliche[n] ist es, ein Reich der Vernunft und der Gerechtigkeit zu errichten, um ein freies, arabisches, demokratisches und sozialistisches Gemeinwesen aufzubauen.
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Auf dem Cover des Buches zeigt ein Vexierbild sowohl eine Darstellung von Averroes als auch von Immanuel Kant; beide miteinander verflochten. Die »Anmaßung«, sich »mit dem Titel 'Kritik'« in der Nachfolge Kants zu »schmücken« sei, so sagt das Vorwort, »selten…so berechtigt wie bei dieser profunde[n] und hochgradig originelle[n] Fundamentalanalyse arabischer Wissensproduktion«. Dies zu beurteilen müssen andere vornehmen und ist sicherlich erst nach Vorlage des gesamten Korpus möglich. Sicher ist, daß es sich auch um ein politisch wichtiges Buch handelt, welches alleine schon aus Gründen der Verständlichkeit auch für den nicht-philosophisch vorgebildeten (und vielleicht weniger interessierten) Leser im Rahmen des Möglichen zugänglich sein sollte.
* Die Scheibweise der arabischen Namen erfolgt gemäß dem vorliegenden Buch.

** Zitate aus Vorwort und Einführung des Buches, d. h. Texte, die nicht von Al-Jabri direkt stammen, werden in "französischen" Anführungszeichen gesetzt: » und «. Zitate von Al-Jabri sind kursiv geschrieben. Dabei wurden Zeichensetzung und Orthografie aus dem vorliegenden Buch übernommen. Gelesen wurde ein "Vorabdruck" eines Rezensionsexemplars des Verlags, welches mit dem Vermerk "Geringfügige Änderungen und Korrekturen vorbehalten" versehen ist.

Leseprobe im Perlentaucher

Til Schweiger: Keinohrhasen

Til Schweiger  KeinohrhasenWie Baby Schimmerlos für Arme irrlichtert Tim Schweiger als Ludo Decker (nomen est omen – auch hier) in "Keinohrhasen" durch die Celebrity-Welt. Man lacht ein bisschen über sich selbst und verwechselt das mit Selbstironie; Klitschko heißt da Klitschko, Catterfeld Catterfeld und Jürgen Vogel spielt gegen Ende Jürgen Vogel (bzw. er spielt als Jürgen Vogel den Jürgen Vogel wie er den Jürgen Vogel gespielt haben möchte). Der Minister, der seine Geliebte geschwängert hat, ist allerdings nicht Seehofer. Soviel "Reality" ist dann doch nicht.

Schweiger spielt den Klatschreporter als skrupellosen Insider (mit mafiösen Attitüden) und machohaften Frauenhelden mit seiner eigenen Philosophie des one-night-stands nebst entsprechendem Verbrauch. So verknüpft man das Nützliche mit dem Angenehmen - und gibt dem Zuschauer nebenbei das Gefühl, es immer schon gewusst zu haben. Es wird gevögelt, gestöhnt, geschrien und die Wörter "blasen", "bumsen" und "ficken" werden in allen Konjugationen dekliniert. (Der Film ist "FSK ab 12", was einiges über das Zutrauen an das Sprachvermögen der heutigen Jugend aussagt.) Es beschleicht einem im weiteren Verlauf des Films der Eindruck, dass nicht zuletzt die deftige Sprache die eher mediokren schauspielerischen Leistungen einiger Akteure verschleiern soll.

Schweiger will die Yellow-Press-Welt der schönen Bildergeschichten und Lügenberichte karikieren aber er macht den Fehler, dass er diese Welt auch noch ins Lächerliche zieht (vermutlich aus Selbstschutz). Szenen werden mit überbordendem Text und/oder anderen Reizen aufgepeppt, um den Zuschauer mit dem Holzhammer auf den vermeintlich richtigen Weg zu bringen. In Deutschland nennt man solche Filme der Einfachheit halber Komödien, weil man den Begriff der "Klamotte" nicht mehr kennt. Sie "laufen" im Kino, haben aber ganz bestimmt nichts Cineastisches.

Die Figuren entwickeln sich nicht, lediglich die Situationen sind am Ende andere. Die Rollenklischees sind zementiert wie das Arminius-Denkmal im Teutoburger Wald. Die Frau wartet auf Erlösung durch ihren Märchenprinzen und erscheint dann als Liebende in vollkommener Schönheit und der Macho überzeugt durch Bettgymnastik und anschließender Läuterung.

Das alles ist auch noch mässig gespielt: Als sich Ludo während seiner Sozialstunden in einem Kinderhort in die widerspenstige Anna (Nora Tschirner) verliebt (sie hatte sich schon längst vorher in ihn verknallt), als "Journalist" gefeuert wird und Kindergärtner werden will, spielt Til Schweiger diese Figur mit dem gleichen Ausdruck wie am Anfang den rattigen Paparazzo. Sein schauspielerisches Repertoire ist auf wenige, eher sparsame Gesten beschränkt (vielleicht hebt er sich aber noch einige für weitere Filme auf). Und da er rhetorisch eher ein Aufsager als ein Schauspieler ist, braucht der Film um nicht in eine vollkommen banale Groschenromanschnulze abzudriften schwülstige Musik und ganz viele Cameo-Auftritte von bekannten Schauspielern; die natürlich meistens auch schwach bleiben (eine Ausnahme: Wolfgang Stumph als hartherziger, prinzipienreiterischer Taxifahrer – mit einer grandiosen Schlußszene). Eine Komödie zu inszenieren ist eben eine Kunst und keine Abfilmen von Witzchen à la "Sketchup".

Die Zeiten, in denen deutsche Regisseure wunderbare, pointenreiche, vielleicht schräge, heiter-leichte (aber nicht banale) – kurzum: herrliche Komödien inszenieren konnten, scheinen vorbei. Hierzu bedarf es natürlich mehr als der bloßen Zurschaustellung der Pseudo-Coolness einer gefrusteten Wohlstandsgeneration. Schweiger ahnt das wohl und plündert hemmungslos bei Helmut Dietl ("Kir Royal" und "Rossini") wie auch bei diversen US-amerikanischen Filmen von "Pillow Talk" bis "Harry und Sally". Das wäre noch nicht einmal das Schlimmste. Aber während es bei "Rossini" noch um die "mörderische Frage, wer mit wem schlief" ging, zählt bei "Keinohrhasen" nur noch der Enthaarungsstatus der Frau und ob diese Unterwäsche trägt oder nicht.

Von Komik ist das meistens soweit entfernt wie Berlin von Australien. Dass es dennoch veritable Preise für diesen Film gab kann entweder an den Kritikern liegen, die ihre Kriterien allzu bereitwillig der Zeitgeistästhetik geopfert haben und alles abnicken was mit entsprechender Promiquote daherkommt oder es steht tatsächlich so schlecht um das, was man gemeinhin den "deutschen Humor" nennt.

Heimito von Doderer: Seraphica - Montefal

Heimito von Doderer Seraphica - MontefalEs gibt meistens gute Gründe, warum Schriftsteller Manuskripte jahrzehntelang nicht oder sogar niemals veröffentlichen. Sie hegen beispielsweise Rücksichten, weil es um Personen geht, die sie nicht diskreditieren wollen. Oder sie halten ihren Stil plötzlich nicht mehr für adäquat oder einfach nur schlecht. Vielleicht reizt sie das Thema nicht mehr, welches ihrer Erzählung zugrunde liegen sollte. Manchmal vergessen sie auch nur, dass da noch ein Manuskript im Schreibtisch liegt.

Vieles spricht dafür, dass all dies für die beiden jetzt aus dem Nachlass von Heimito von Doderer veröffentlichten, in den 20er Jahren geschriebenen Erzählungen "Seraphica – Montefal" nicht gilt. Im außerordentlich klugen und kenntnisreichen Nachwort von Martin Brinkmann wird ein weiteres Motiv deutlich, welches wenigstens die Nichtveröffentlichung von "Seraphica (Franziscus von Assisi)" erklärt: In einer Zeit "unsicherer Zukunftsaussichten, schuldbeladener Sexualität und emotionaler Turbulenzen" bot sich ausgerechnet der heilige Franz von Assisi als "Identifikationsfigur" an. Durch die übermäßige Reinheit des Heiligen ("Willst Du vollkommen sein, so geh' und verkaufe, was Du hast, und gib es den Armen, so wirst Du einen Schatz im Himmel haben und komm und folge mir nach"), der sogar dem Feuer nicht wehetun will, obwohl es ihm die Kutte droht zu verbrennen wird das eigene, als verdorben empfundene Leben gespiegelt.

Brinkmanns durch die Tagebücher gestützte Erklärungen zeigen, dass sich Doderer hiermit seinen eigenen Lebenswandel sozusagen austreiben wollte (vermutlich vergeblich). Ob hier der Keim für die Jahrzehnte später vorgenommene Konversion zum Katholizismus zu sehen ist, bleibt offen. Bei nicht veröffentlichten Erzählungen scheint es notwendiger und legitimer zu sein, nach den privaten Hintergründen des Geschriebenen zu forschen.

"Seraphica" ist im Stil einer Legende geschrieben und umfasst Leben und Taten des Heiligen Franz von Assisi. Brinkmann betont die musikalisch-"prosarhythmische Durchbildung" der Erzählung. Doderer hat regelrecht recherchiert und die Original-Legenden über Franz von Assisi verwendet und bearbeitet. Die Schilderungen der guten Taten wirken auf den heutigen Leser in ihrer übermässigen Reinheit fast protestantisch-fundamentalistisch. Nur gelegentlich kommen philosophische Einsprengsel zum Vorschein, etwa wenn es faustisch heisst, dass diejenigen, welche von Wissensneugier geleitet sind…am Tage der Bedrängnis ihre Hände leer finden werden. Die virtuose Sprache Doderers lassen diese Art der fast übertrieben pointierten Erbauungsliteratur nicht in plumpen Predigerkitsch abgleiten; man sollte sich die Feinheit dieser Prosa unabhängig vom Sujet durch ein zweites Lesen erschliessen. Die einleitenden Ortsbeschreibungen, nein: Ortserzählungen zu Beginn sind ohnehin großartig und einfach wunderbar (in der Leseprobe sind sie glücklicherweise zugänglich).

Dennoch überstrahlt die persönliche Motivation des Autors Anfang/Mitte der 20er Jahre diese Erzählung fast über Gebühr. Literarisch zögert Brinkmann nicht, sie als "untypischstes aller Werke" von Heimito von Doderer einzuordnen und bemüht sich nach Kräften, Bedeutung zu erzeugen, in dem er zum Beispiel auf die Begriffe der Erkaltung und Erstarrung hinweist und diese im Kontext interpretiert.

Die zweite, kürzere bisher unveröffentlichte Erzählung "Montefal – eine avanture" (verfasst im Sommer 1922) bietet eine weitere Interpretation, warum sie vom Autor nicht publiziert wurde: Sie halt als eine Art "Vorfassung" des "Ritter-Romans" "Das letzte Abenteuer", der 1936 niedergeschrieben wurde und 1953 erschien. Brinkmann zückt auch hier die autobiografische Karte (die bei Doderer naturgemäss auch später in den großen Roman immer wieder eine Rolle spielen wird) und erkennt eine resignative Lebenshaltung der Hauptfigur, des Ritters Ruy de Fanez, die er transformiert auf Doderers Zustand.

Der Abenteurer - Arnold BoecklinDen Ausgangspunkt zu "Montefal" sieht Brinkmann schon in einem kleinen Feuilletonbeitrag Doderers "mit dem auftrumpfenden Titel: 'Der Abenteurer und sein Typus'". 1921 ist er nachweislich von einem Bild von Arnold Böcklin ("Der Abenteurer") beeindruckt. In "Montefal" streift der spanische Ritter Ruy de Fanez, ohne Rast, kaum dreißig Jahre alt, mit seinem Ecuyer (Knappen) Gauvain durch die Gegend. Er kommt an einen Ort, an dem für die Erlegung eines Drachens die Hand der Herzogin Lidoine angeboten wird. Anfangs ein bisschen lustlos sieht er für sich endlich eine Art Lebenssinn aufflackern: Der Sinn des Spaniers stand zwar wenig nach einem festen Ehebunde und sesshaften Leben, sei es auch als Gemahl der Herzogin Lidoine und als Herrscher über ein ausgedehntes und fruchtbares Land; indessen schien ihm hier endlich das wahrhaft große Abenteuer gefunden, welches sein stets müderes und gleichwohl ruheloses Gemüt von Ende zu Ende vergebens gesucht hatte.

Ruy begegnet dem Drachen, tötet ihn aber nicht, sondern schlägt ihm nur ein Horn ab. Am Hofe wird er gefeiert und als zukünftiger Gemahl der Herzogin angesehen, obwohl der Drachen nicht getötet wurde. Mit sparsamen Mitteln aber schon gross aufblitzender Erzählkunst erzählt Doderer auf wenigen Seiten diese sich merkwürdig distanziert entwickelnde Beziehung zwischen Ruy und Lidoine. Die Angst vor Sesshaftigkeit von Ruy siegt letztlich über die Zuneigung zu Lidoine. Und als schließlich ein Neuankömmling (ein Deutscher!) am Hof auftaucht der tatsächlich den Drachen getötet haben will, und sich schnell als neuer Herr aufspielt, ritt [Ruy] eines Tages allein von dannen; selbst die Sprache in den Augen der Herzogin, als er den Abschied nahm, verstand er nun nicht mehr: ihr Mund aber blieb von Schmerz und Stolz versiegelt aber auch jetzt wird er nicht froh, denn [w]ie es denn geht, wenn Einer nach langem Schwanken das eine oder andere Teil freiwillig oder genötigt erwählt hat: sogleicht erscheinen ihm nur die Nachteile des erwählten Weges, den Vorteil aber sieht er ganz auf der anderen Seite...

Ruy muß ohne seinen Knappen auskommen, der in einem höfischen Turnier tödlich verletzt wurde. Er streift durch den Wald, begegnet erneut dem Drachen, der wider Erwarten noch immer lebt und tötet ihn mit Todesschweiß aus den Gliedern hervortretend endgültig. Am Ende erschrickt er über sein schlohweiße[s] Haar, lag noch etliche Tage in der Schenke auf einem Ruhebette und dachte an vieles bevor er in einen Haufen wilder Gesellen zu Pferde mit gezückten Schwertern hineinreitet.

Sehr anschaulich erläutert Martin Brinkmann den Unterschied zwischen der frühen Erzählung und dem "Letzten Abenteuer", in dem sich beispielsweise die "Sympathiewerte…zu Ungunsten der Herzogin Lidoine verschieben" und, so Brinkmanns Übernahme der Deutung von Martin Mosebach, der Drachen "eher der Freund als der Feind des Ritters" zeige, weil er als "Prototyp des Antizivilisatorischen" gedeutet wird.

Ein kleines, aber feines Büchlein; nicht nur für "Heimitisten".
Die kursiv gedruckten Passage sind Zitate aus den beiden Erzählungen von Heimito von Doderer; die Bemerkungen von Martin Brinkmann im Nachwort sind in Anführungszeichen gesetzt

"Wirbelsturm in der Teetasse" oder: Was die F.A.Z. nicht mehr online stellt

Der Germanist Alan Keele stellte neulich fest: Walter Kempowski hatte aus persönlichen Gründen in den Jahren 1947/48 Kontakt mit dem amerkanischen Geheimdienst CIC. (s. auch "Enthüllungsgeil") Keele betonte, dass dies keine sensationelle Enthüllung sei, sondern nichts mehr als eine Fußnote, wenn auch eine interessante. Der F.A.Z.-Redakteur Edo Reents machte daraus eine Sensation mit dem effekthascherischen Titel "Walter Kempowski war doch ein Spion".

Zunächst hatte die F.A.Z. das Interview mit Keele, welches Reents' "Sensation" schon relativierte, ins Bezahl-Archiv verbracht. Reents legte einige Tage später in einem Artikel nach und suggerierte immer noch eine "spektakuläre" Enthüllung.

Der Germanist Dirk Hempel verfasste daraufhin einen geharnischten Widerspruch, der ebenfalls in der F.A.Z. und faz.net publiziert wurde. Keele fühlte sich in diesem Artikel nicht nur missverstanden sondern offensichtlich auch verunglimpft und verfasste nun seinerseits eine Widerrede, in der er die Lage mit Belegen zurechtrückte.

Diese Gegenrede, die auch einige Details von Kempowskis Tätigkeit beleuchtet, wurde von der F.A.Z. nicht mehr als eigenständiger Artikel veröffentlicht, sondern als (gekürzter) Leserbrief. Damit steht er (ausser den Abonnenten der F.A.Z.) im Netz nicht kostenlos zur Verfügung. (O-Ton Keele: "I just paid two euros and read it. it's shorter but ok.")

Dies soll alleine schon aus Gründen der sauberen Dokumentation nachgeholt werden. Hier also nun Alan Keeles Stellungnahme (von ihm autorisiert).


Wirbelsturm in der Teetasse

von Alan Keele, Provo (UTAH), USA

Ich bin ehrlich gesagt, sehr überrascht, dass Professor Dirk Hempel mich in der F.A.Z. so heftig angreift, ohne meinen Vortrag in Rostock gehört zu haben (wo keine der anwesenden Germanisten daran den geringsten Anstoß zu nehmen schienen) und anscheinend ohne das Geringste von der Fülle der CIC-Akten zu wissen, um die es sich in der Sache Walter Kempowski handelt. Jeder hat natürlich das Recht auf seine eigene Meinung, aber kein Recht, seine eigenen Tatsachen frei zu erfinden. Herr Hempel hat in seiner Tirade gegen mich so viele empirisch widerlegbare faktische Fehler begangen, dass eine komplette Aufzählung dieser Fehler mir fast wie eine Art Beihilfe zu Rufmord vorkäme. Hätte mich doch Herr Kollege Hempel mindestens vorher kontaktiert und sich und mir das alles erspart! Aber wir wollen den eigentlichen Tatsachen in der Reihenfolge nachgehen, wie sie in Professor Hempels Artikel meist in der Form von Unwahrheiten vorkommen.

Die köstlichste Ironie fällt gleich am Anfang. Der von mir in Gang gesetzte Mechanismus "erinnere [wen wohl?] an die Plagiatsaffäre aus dem Jahr 1990, als der 'Stern' Kempowski als Abschreiber denunzierte". Obwohl von den großen Zeitungen des Landes entkräftet [stiller Vorwurf an die FAZ von heute?]: "Hängen blieb doch etwas". Ohne zu begründen, wie mein Vortrag mit dem Plagiatsvorwurf im Geringsten zu vergleichen sei, hat hier Professor Hempel genau die Schlammschlachttaktik angewandt, die er verwerfen will: Die Frage nach der Spionagetätigkeit von Walter Kempowski soll gleich am Anfang seines Artikels mit dem damaligen Plagiatsvorwurf verglichen werden, damit etwas doch hängen bleibt, und zwar bei mir.

Tut mir leid, Herr Hempel, der Vergleich hinkt nicht nur, er geht gar nicht. Erstens war mein Vortrag überhaupt kein Vorwurf an Walter Kempowski, der bis zuletzt mein guter Freund war. Zweitens steht in den Akten des CIC tatsächlich Informationen, die nicht geschummelt ist, sondern die ein wenig mehr Licht auf das künstlerische Schaffen von diesem großen Schriftsteller werfen. Es ist nicht aus der Luft gegriffen und ist auch gar nichts Negatives für Kempowski darin, im Gegenteil. Außerdem kannte Walter Kempowski seit mehreren Jahrzehnten den Inhalt der CIC-Akten - ich hatte ihm damals einen Ausschnitt daraus geschickt - und war es allem Anschein nach wohl zufrieden; er hat sie nie als etwas Alarmierendes empfunden. Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum ausgerechnet Professor Hempel nun so alarmiert um den Ruf Walter Kempowskis ist. Das ihn das Wort Spion so kränkt!

Aber jetzt wenden wir uns diesen Akten zu, von welchen es bei Hempel heißt, sie würden von mir nun als "Sensation präsentiert". Genau das Gegenteil ist wahr. Ich habe immer behauptet, dies sei alles höchstens einer Fußnote wert, allerdings einer sehr interessanten. Hempel mahnt obendrein genaues Lesen und eine richtige Wiedergabe ihres Inhalts an, als hätte ich sie nicht genau gelesen und dabei irgendwie geschummelt. Dann behauptet er sogar, es handele sich gar nicht um Akten im eigentlichen Sinne, sondern um "ein schmales Memorandum, das zwei Schreibmaschinenseiten umfasst". Ich sitze jetzt an meinem Schreibtisch und messe mit meinem DAAD-Lineal den Stoss nach, den ich mir damals aus Maryland habe zukommen lassen (und die seit letzter Woche auch in den Archiven in Rostock und Berlin residieren). Es sind 2,5 cm. Meine Sekretärin hat freundlicherweise mal schnell nachgezählt -- es sind genau 195 Seiten. Es gibt darunter natürlich Ballast, aber zwei Seiten? Ein Memorandum? Es gibt eine ganze Menge Memoranda, jedes interessanter als das andere, woraus klar hervorgeht, dass Walter Kempowski über den Zeitraum von DREI Monaten, Dezember, Januar und Februar ['47-'48] zum CIC ging. (Wie kommen Sie wohl auf ZWEI Monate, Herr Hempel?) In den Romanen heißt es, Kempowski wäre nur einmal, im Dezember, dort gewesen.

Da erteilt mir der Kollege aus Hamburg einen Nachhilfeunterricht, wohl weil wir Amerikaner, auch wenn sie Germanisten sind, anscheinend sehr, sehr dumm sind? "Muss man ihn [Keele]" fragt Professor Hempel herablassend, "wirklich an den Unterschied zwischen Autor, Erzählerinstanz und literarischer Figur erinnern?" Er holt dann das Kempowskiwort, das der Deutschen Chronik vorausgeht, "Alles frei erfunden!" an den Haaren herbei. (Kann man das Vorwort wirklich so ohne alle Ironie lesen, Herr Hempel?) Ich bin doch selber eine Romanfigur von Walter Kempowski (nämlich Prof. Flower in "Letzte Grüsse"), habe also ein kleines bisschen Gefühl für den Unterschied zwischen Romanfigur und historischer Person. Außerdem handelt es sich bei der Deutschen Chronik um die Gattung "Faction" (Fakt + Fiktion) denn eben das hat mich nämlich Anfangs gereizt, feststellen zu wollen, wo die Grenzen so zwischen Dichtung und Wahrheit hier liegen und dafür Akten heranzuziehen, von denen Kempowski selber beim Schreiben der Romane nicht wusste, dass sie existierten. Es ist z. B. interessant festzustellen, dass Walter Kempowski nicht wie in den Romanen behauptet schon Frachtbriefe im Koffer hatte, sondern nach mehreren Besuchen bei dem CIC über einen Zeitraum von drei Monaten dann bereit war wieder nach Rostock zu reisen, um sich welche zu besorgen.

Hier wird's eigentlich interessant, denn die Hauptfrage ist am Ende die, ob Kempowski tatsächlich für das CIC auf Spionagemission aus war. Herr Hempel scheint sich auf ein einziges angeblich zweiseitenlanges Memorandum zu beziehen (und das er wohl von Kempowski selbst hatte, denn ich hatte Walter ja damals ein paar zugeschickt), in dem es in der Tat heißt, Kempowski fahre nicht im Auftrage des CIC wieder nach Rostock. Aber wer mich auf dem Symposium in Rostock aus diesem Memorandum zitieren hörte, wird wie ich der Meinung sein - ich habe mich da in der eigenen Rede unterbrochen und die Zuschauer gleich gefragt, was sie dazu meinen; alle schienen mir zuzustimmen - dass es sich in diesem einen Memorandum um ein erlogenes Dementi handelt, das erst nach der Verhaftung der Kempowskis in Rostock geschrieben wurde, meines Erachtens in der ehrwürdigen amerikanischen Militärtradition von "cover your ass", denn (mit Shakespeare zu reden) "me thinks he doth protest too much", nämlich der Autor des Memorandums, ein gewisser Fritz Weinschenk, der dieses Memorandum genau so schreibt, als stünden Leute von seinem Legal Department an seinem Ellbogen. Der Sinn liegt in der Versteigerung aller Dementis.

Da muss man sich einfach selber davon überzeugen, dass dieses Memorandum im Nachhinein geschrieben wurde, um das CIC vor seiner Verantwortung der verhafteten Kempowskis gegenüber zu beschützen. (Außerdem sprechen die anderen Indizien alle dagegen, dass Kempowskis Arbeit für das CIC laut Hempel "wertlos" war: der Job im "Schlaraffenland" PX-Commissary, Unterkunft im Hotel Prinz Nickolaus in Wiesbaden, der Besuch des CIC-Mannes in Rostock - siehe unten - , Kempowskis mir gegenüber erwähnten Sorge, diese Akten könnten seinem Bruder schaden, die heftige Warnung Seitens seines Freundes (und vermutlich Doppelagenten Fritz Lejeune/Hans Siegfried) ja nicht nach Rostock zu fahren, und dass dieser selber im letzten Augenblick auf die Fahrt verzichtete - das konspirative Treffen mit Lerche/Merk auf dem Hopfenmarkt - "Hast DU schon was?" usw.) Aber hier anbei die betreffende Stelle aus dem letzten Weinschenk-Memorandum:

"Kempowski offered to obtain general information in Rostock, which he intended to re-visit. He was told that any effort he made to collect information in the Soviet zone would be done on his own initiative and that he would not be considered as on assignment from this office nor connected with this organization in any way. Subject departed with this understanding and left Wiesbaden about 25 February, 1948".

Hempel behauptet weiter, aus den Akten gehe nicht hervor, ob Kempowski schon bei seinem ersten Besuch dem CIC Frachtpapiere übergab. Doch, doch, Herr Hempel, es geht ganz klar daraus hervor, dass er keine Frachtbriefe hatte (anders als in den Romanen behauptet wurde). Das hat Kempowski mir nachher sogar in einem Brief konstatiert: "Ich hatte keine Frachtbriefe; ich wollte sie verschaffen." Dazu schreibt Hempel sehr blauäugig: wenn es keine Frachtbriefe gegeben hätte, "Kempowski hätte also buchstäblich gar nichts getan, dem Geheimdienst wirklich nichts geliefert ... Und als Ergebnis bliebe nicht mehr Spionage, sondern im Gegenteil noch weniger." Hier muss man etwas raffinierter darüber nachdenken, als Hempel das tut: Wenn Walter so mir nichts dir nichts einige Frachtbriefe gegen einen Job ausgetauscht hätte, wie es in den Romanen steht, dann passt das Wort Spion vielleicht doch nicht zu ihm. Wenn er aber nochmals nach Rostock fährt und sich sofort konspirativ mit dem Merk/Lerche auf dem Hopfenmarkt trifft und seinen Codenamen (Pro-Re III) erhält ("Hast DU schon was?"), dann sieht das anders aus.

Und was sagt Herr Hempel von dem Besuch in Rostock nach der Verhaftung von Robert und Walter (bei der noch nicht inhaftierten Mutter) von dem CIC-Mann Katzberger/Okey im Trenchcoat (Kempowski schrieb mir auch in einem Brief, dass dieser Mann tatsächlich in der Kempowskiwohnung erschien und Okey bzw. Oky hiess) der nach Walter schauen wollte, weil er in Rostock Frachtbriefe verschaffen wollte und man da in Wiesbaden nichts mehr von ihm höre? Oder was es bedeutet, wenn Walter schreibt: "Im Morgengrauen holten sie mich aus dem Bett. Zwei trugen Lederjacken. Da hast du was zu melden, wenn du wieder rüberkommst, dachte ich." (Wem wohl melden, wenn nicht dem CIC?) (Ich rede hier ja erst gar nicht von den Verdachtsgründen der Russen, z.B. von dem Dolmetscher, welcher bei der Verhaftung den von Walter gerade angefangenen Brief in der Schreibmaschine sah -- "'Lieber Fritz!' stand da darauf" und sofort sagte: "Aha! Fritz Lejeune in Wiesbaden. Der wusste ganz genau Bescheid.")

Hempel fragt, warum Kempowski im Romanwerk überhaupt Änderungen von der eigentlichen Wahrheit vornehmen würde und wirft eine sehr frivole Antwort in die Luft: "Wollte er seinen Romanhelden etwas heroischer erscheinen lassen und so einen Grund für die darauf folgende Haft im Zuchthaus Bautzen liefern?" Die Frage -- warum schreibt er das anders? -- ist für mich auch äußert interessant und einer raffinierteren Antwort würdig. Ich habe zwei Antworten darauf: zum einen wollte Walter beim Romanschreiben seinen Bruder Robert vor weiteren Unannehmlichkeiten beschützen, denn Robert hatte damals nach seiner Entlassung auf die Frage, ob er je zu einem westlichen Geheimdienst Kontakt hatte "Nein" geschrieben und bekam aus Bonn jede Menge Reparationsgeld. Walter hatte dagegen genau acht Monate früher auf demselben Formular auf Seite 23 unten links naiv "Ja" geantwortet, was ihn viel Geld kostete. Aus eben diesem Grund hatte mich Walter schon 1981 gebeten, auf eine Veröffentlichung dieser CIC Sachen in Deutschland bis nach seinem Tod zu verzichten. (Aber ich bitte dabei zu bedenken, was Walter mit seiner Bitte an mich auch vielleicht ungewollt und unausgesprochen zum Ausdruck brachte: Wenn da tatsächlich kein Kontakt gewesen war, besonders Seitens des Bruders, mit dem CIC, wozu seine Sorge, der Bruder käme vielleicht in Schwierigkeiten? Wenn das "Nein" keine Notlüge war, wozu die große Sorgfalt?)

Meine zweite Antwort auf die Frage "Warum?" ist literarischer Natur und ginge hier wohl viel zu weit. Ich glaube aber, kurz ausgedrückt, die Kempowskis sollen in der Chronik eine Art Jedefamilie, Walter eine Art Jedermann werden. Was ihnen in den Romanen passiert ist, hätte damals praktisch jeder deutschen Familie passieren können, das zeigen die Romane. Aber nicht jeder ging dann mehrmals zum CIC und kehrte wieder aus Wiesbaden nach Rostock zurück und wollte Frachtbriefe beschaffen. Das ist schon Spionage, mindestens Vorbereitung zur Spionage, tut mir leid, ich kenne kein besseres Wort dafür, aber es ist ja auch beileibe kein Vorwurf an Walter Kempowski, geschweige denn eine Verdammung.

Klar feststellen möchte ich zuletzt: ich glaube nicht, dass Kempowski seine Haftzeit verdient hätte, um Gotteswillen, Herr Hempel, wie kommen Sie darauf, mir solchen Blödsinn unterbinden zu wollen: "Mit Recht zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt?" Hempels Geistesausscheidungen nach hätte ich nichts weniger als "die brutale Willkürjustiz eines totalitären Besatzerregimes nachträglich legitimiert." Wie kommen Sie auf sowas? Die CIC-Akten legen lediglich dar, dass Walter mit dem CIC zu tun hatte, was auch in den Romanen steht, allerdings in leicht geänderter Form. Ich kenne leider kein anderes Wort dafür als Spionage. Hätte ich Opportunist mit Spionageauftrag schreiben sollen? Wo soll die Semantik aufhören? Er war, wie ich in dem Interview ausdrücklich sagte, kein James Bond, hatte keinen Aston Martin, nicht einmal einen Trenchcoat. Hempel schreibt, Kempowski habe nie auf der Gehaltsliste des CIC gestanden. Kann sein. (Woher will das aber Hempel so genau wissen?) Also war er kein bezahlter Spion? Was macht man aber in dieser Hinsicht aus dem Commissary-Job? War das, besonders damals in der Saueregurkenzeit, keine Bezahlung?

Zum Schluss muss ich mich fragen, wie mein lieber Freund Walter Kempowski selber zu alledem äußern würde, wenn er noch lebte. (Frau Hildegard Kempowski hatte neulich jedenfalls nichts Alarmierendes geäußert, als wir zweimal zusammen in Rostock den schönen Spargelgerichten zusetzten und sogar nach dem letzten Essen mit mir und zwei Kollegen Carla Damiano und Daniel Gilfillan nach Warnemünde zum Spazieren mit dem lieben Hund Lilly gefahren sind.) Ich glaube, Walter würde zuerst einmal verschmitzt lächeln, denn so ein Wirbelsturm kann ja seinem Ruf wie auch wohl dem Umsatz seiner Bücher kaum schaden. Außerdem wäre er heilfroh, wie ich ihn kannte, dass sich ENDLICH die Germanisten mit ihm befassen, auch wenn es sich diesmal um einen Wirbelsturm in der Teetasse handelt. Wie isses nun bloß möglich!

Ähnliches hat Alan Keele übrigens – auch als Leserbrief – an den "Spiegel" geschrieben.

Astrid Herbold: Das große Rauschen

EAstrid Herbold  Das grosse Rauschens geht ums ganz Große: "Die Lebenslügen der digitalen Gesellschaft" will Astrid Herbold "bissig im Ton und scharf an der Analyse" (Klappentext) entlarven. Rasch wird noch das Attribut "schlagfertig" hinzugefügt und die einzelnen Mythen, die dekonstruiert werden sollen, aufgeführt. Wobei man irgendwann fragt, ob die Autorin nur die Mythen zerstört, die sie selber geschaffen hat. Aber gemach.

Nun sind (oder waren?) die Verheissungen des "globalen Dorfs", des mobilen Zeitgenossen und der so einfachen Handhabbarkeit des virtuellen Wissens ja durchaus enorm. Technikaffine Entwickler versprechen uns à la longue immer noch das schöne, gute, einfache – das bessere Leben. Aber so manches Versprechen hat sich schon als veritable Luftblase entpuppt. Man glaubt ja längst nicht mehr an das einzig weißmachende Waschmittel. So können, ja müssen, die Entwicklungen der veränderten Kommunikationsgewohnheiten beispielsweise in Unternehmen durchaus befragt werden. Und ob es dauerhaft erstrebenswert ist an fast jedem öffentlichen Ort die intimen Gespräche anderer unfreiwillig mit zu hören, ist eine durchaus diskutable Frage.

Aber mit solchen Kleinigkeiten beschäftigt sich die Autorin von "Das große Rauschen" erst gar nicht. Das Buch ist ein Rundumschlag wider das, was nur entfernt mit "neuen Medien" in Verbindung gebracht werden kann. Dabei ist nicht das chirurgische Skalpell das Arbeitsgerät von Astrid Herbold sondern der Holzhammer.

Von Wikipedia nach youporn

Da werden die digitalen Bildspeicher der Urlaubs- und Gelegenheitsfotografien mit der gleichen Verve karikiert wie familiäre Handykommunikation. Die Reaktivierung des mittelalterlichen Prangers durch mobbende Netzgemeinschaft[en] in ominösen Onlineforen oder diffusen Netzwerken wird heraufbeschworen und der kulturelle Sozialismus einer gratisaffinen Community, die auf Urheberrechte scheißt ist natürlich auch verwerflich. Auch die Schwarmintelligenz bekommt ihr Fett weg. Nachdem diese zunächst von Wikipedia nach "youporn" abgewandert sein soll, erfährt man siebzig Seiten später, dass die Entwickler der ultimativen, zwar unlesbaren, weil mit unzähligen Querverweisen gespickten, aber perfekten Hypertexte auf die selbsternannten 'Experten' gar keine Lust mehr haben und ihre große Book-Sharing-Vision ganz gerne ohne Wikipedianer et. al. verrichten möchten.

Lesen war gestern, so die Autorin, die dabei nonchalant die seit Jahren steigenden Verkaufszahlen von Büchern ignoriert (okay, sie konstatiert - natürlich sexualpsychologisch unterfüttert -, dass der deutsche Bildungsbürger das Buch eigentlich nur als Trophäe braucht) und den Kulturkampf Downloads gegen Lesen ausruft. Dass diese Downloads dann auf den Rechnern ein eher stiefmütterliches Dasein fristen und nur selten ausgedruckt oder gar gelesen werden, mag ja stimmen aber lastet man dem Buch auch an, dass es ungelesen in der Ecke liegt?

Wie der Klassiker zu seiner mehr oder weniger kongenialen Verfilmung verhalte sich das Download zum Wikipedia-Zwanzigzeiler, so eines der noch gelungenen Bilder in diesem Buch. Aber hat eine Literaturverfilmung jemals nachweisbar den Verkauf der literarischen Vorlage behindert? Natürlich gibt es eine Häppchenkultur des Partyschwätzers, der mal eben die knappe Inhaltsangabe des Tausend Seiten Romans nachgelesen hat – aber die gab es auch durch Enzyklopädien oder Rezensionen in Zeitungen vorher auch schon. Das Abiturienten und Sachbuchautoren statt sich mit zeitaufwendiger linearer Lektüre zu plagen lieber Hypothesen mit Textbausteinen aus der Volltextsuche verwenden steht für Herbold natürlich auch außer Diskussion. Aber das am Ende noch ein Leser sitzt, der die zusammengebastelten Volltextfetzen mühelos als das erkennt was es ist, kommt ihr merkwürdigerweise nicht in den Sinn. Im weiteren Verlauf des Buches erkennt man: Das ist Programm bei dieser Autorin.

Da wird selbstredend auch über den Internetjournalismus geschimpft - ohne die Konditionen, die in den jeweiligen Redaktionen für die oberflächlichen Berichterstattungen verantwortlich sind, auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Hinzu kommt, dass die von ihr angeprangerten Drei-Wort-Kurzgeschichten beim näheren Ansehen nicht unbedingt "exklusiv" für die Internetkultur stehen. Hier wird besonders deutlich, dass die Autorin vor allem zeitgeistige Ressentiments spazieren führt (das Fahrwasser der modernen InternetexorzistInnen wie beispielsweise Susanne Gaschke bietet angenehmes Surfen) und ihre induktiven Schlüsse unter hartnäckiger Verweigerung von sich ihren Thesen entgegenstehenden Fakten zieht.

Einmal googlen = 11 Watt

Hierzu ist ihr nahezu jedes rhetorische Mittel recht. Was der Verlag als "fulminante Abrechnung" darstellt ist eine alberne Mischung zwischen Elke Heidenreich und dem Jargon einer unablässig zeternden Pubertierenden (was zu zwanghaft originellen Formulierungen führt wie Where have all the Hemmschwellen gone? oder We hate fokussieren und dann tatsächlich auch das inzwischen in diesen Kreisen wohl unvermeindliche nicht wirklich).

Mit Grandezza greift Herbold die Selbstdeklarierung der Branche als "grün" an und bemerkt gar nicht, wie viele offene Türen sie einrennt. Ihre Methode: Alle irgendwann ausgesprochenen Heilsversprechen von möglichkeitstaumelnden (gelegentlich ins esoterisch abdriftenden) Internetidealisten mit den Werbeversprechen der Industrie zusammengemischt anbieten und dann die Realität damit vergleichen. Als Schulaufsatz zur Feststellung der Tricks der Werbeindustrie mag dies noch angehen – als Anspruch die Lebenslügen (von wem auch immer) zu desavouieren, wirkt dies armselig. Jeder Hofnarr hatte mehr Kenntnis vom Gegenstand seines Spotts.

Einmal den eigenen Namen zu googlen verbraucht so viel Energie wie eine 11-Watt-Energiesparlampe in einer Stunde. Die Suchmaschine käme damit – so Herbold - aufs Jahr hochgerechnet…angeblich auf einen ähnlichen Energieverbrauch wie eine Viertelmillion Privathaushalte zusammen. Leider schreibt sie nicht, wie viele Bäume und welche Mengen von Chemikalien für die vorliegende Schmähschrift herhalten mussten. Zu Senkung des exzessiven Energieverbrauchs von Computern kommt sie auf die Idee, die jeweiligen Festplatten der PCs zu externalisieren, was sie dann aber wieder verwirft, weil man eher ungern seine Daten aushäusig lagert. Aber gut, dass man mal drüber geschrieben hat.

Sogar der Körperkult des edlen Bioautomaten Mensch wird als Folge des unzulässigen Vergleichs zum edlen Technikautomaten der privaten Digitalisierung angelastet und das Sportschauen als bestenfalls digitale Gliedmassenanimierung ausgemacht. Das erinnert stark an lustige 80er Jahre-Filmchen, die den Fernsehsportler als ultimative Bedrohung für die Volksgesundheit ausmachte. Offensichtlich hat es Herbold versäumt durch Wälder, Stadtparks oder Uferpromenaden zu spazieren und auch das Studium der stetig steigenden Meldelisten diverser Stadtläufe unterblieb wohl.

Gelegentlich wird die Autorin sogar hämisch und verfällt in den gleichen Zynismus, den sie an anderer Stelle den fröhlich-skeptischen Nachrichtenfreaks vorwirft. Dass der potentielle Kranke den egalitären Wissensweiten des Netzes mehr traut als seinem Arzt ist einerseits weder ausgemacht (man gehe an einem Montag morgen nur einmal in eine beliebige Arztpraxis) noch befragt Herbold die Gründe für den seit Jahren schleichenden Ansehensverlust von Ärzten. Auf jede Frage mindestens drei Antworten lautet ihr vernichtendes Urteil – übersehend, dass auch die Konsultation verschiedener Ärzte gelegentlich zu unterschiedlichen Diagnosen führt und es – tja, so hart ist das Leben – auch selten eine "einheitliche" Fachliteratur gibt. Logisch, dass nebenbei den Betroffenheitsforen mit ihren vernetzten Laienkollektiv[en] und deren floskelhaften Aufmunterungen auch noch ein Tritt mitgegeben wird.

"Systematische Entkabelung"

Natürlich ersetzen "Selbsthilfeforen" keine Therapie. Aber wer hat das behauptet? Und selbstverständlich gibt es Weblogs, in denen enorm viel Unsinn oder auch einfach nur Banales steht. Aber wer nimmt die Zeitung oder das Medium Buch in Haftung für ihre unzähligen schlechten Produkte? Warum wird ein Blogger als geldgeil denunziert, weil er Werbebanner in seinem Blog einbindet und/oder sich früher oder später für eine Rezension bezahlen lässt, ein Journalist aber nicht? Andererseits beklagt sie, dass die wirklich "erfolgreichen" Blogs (wie misst man diesen Erfolg?) von Journalisten geschrieben werden, die dies sozusagen in ihrer Freizeit machen müssen, weil mit dem Medium "Blog" kein Geld zu verdienen sei.

Es mag ja possierlich sein, die Unbillen der Handystörenfriede genüsslich zu beschreiben (man lacht gelegentlich unter Niveau durchaus mit). Aber wo steht geschrieben, dass ich diesem tatsächlich oft genug virulenten Mahlstrom des Schwachsinnigen schutzlos ausgeliefert bin? Gibt es keinen Ausschaltknopf beim Mobiltelefon? Nie sind Kanäle wirklich gekappt behauptet Herbold trotzig und erinnert sich im Stile eines Veteranen an einen USA-Aufenthalt als Teenager, als das Anrufen noch was Besonderes war.

Es gibt für sie auch keinen (virtuellen) Papierkorb für unnütze Dateien. Und ein Unternehmen kann keine Richtlinien für die gezielte und einheitliche Verwendung des Intranetsystems formulieren (ähnlich wie Verfahrensanweisungen für andere Bereiche)? Wo steht geschrieben, dass das Google-Ranking in irgendeiner Form etwas über die Qualität des jeweiligen Fundstücks aussagt? Warum nicht die Oberflächlichkeit einiger Medienerzeugnisse als Chance betrachten gegen den Strom des Trivialen so etwas wie Niveau als Gegenangebot zu offerieren? Unflätige Kommentaren in Onlineforen – können die nicht gelöscht werden?

Wie der Computer kennt sie nur 0 oder 1. Für Zwischentöne ist keine Zeit – da ist sie schon ganz auf der Welle derer, die sie so scharf kritisiert. Es geht ihr letztlich um die systematische Entkabelung. Der analoge Müßiggang als eine Zeitreise in die 50er Jahre? Herbolds Ideal ist der lahme Lineardenker. Das ist jemand, den es allerdings seit dem Mittelalter schon nicht mehr gibt.

Paternalistischer Stil

Herbold zeichnet nicht nur ein Zerrbild, sondern vergreift sich an ihrem Untersuchungsgegenstand, weil sie eine Branche kollektiv in Haftung für ihre eigenen enttäuschten Erwartungen nimmt. Dass sie die archetypischen Schlagwörter der Internetkritiker wie "Killerspiele" und "Kinderpornografie" nur ganz am Rande erwähnt und eine genauere Untersuchung nicht vornimmt dürfte damit zusammenhängen, dass dieses Buch explizit für die Klientel der eher notgedrungen im Mainstream hineintaumelnden Mittdreißiger geschrieben wurde, die sich zunächst einmal nicht als internetaffin bezeichnen würden und durch das Buch mit einer Art Schocktherapie zur Besinnung kommen sollen. Die Autorin agiert und agitiert paternalistisch, in dem sie dem potentiellen Anwender Alternativen abspricht, die verteufelten Gegenstände anthropomorphisiert, als permanente Bedrohung schildert und mit einem für den User gefährlichen Eigenleben versieht. Da beenden dann keine Menschen mehr ihre Liebschaften, sondern verdutzte Datensätze empfangen (oder schicken) eine SMS oder vom Internet vorwärtsgepeitschte Newszyklen okkupieren unsere Aufmerksamkeit.

Da Herbolds Menschenbild das des willenlosen und einer bösartigen Maschinenwelt ausgelieferten Kommunikationsjunkies ist, muß dieser vor der Welt der Unterordner, Mobiltelefone, E-Mail-Programme und Blogs geschützt und gegebenenfalls einer Art Entziehungskur unterzogen werden. Herbold vernachlässigt das, was sie in ihrem gelungensten Kapitel über die Gefahren der allzu frühzeitigen Computerisierung der Kinderzimmer und Schulen emphatisch einfordert: Den menschlichen Intellekt, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Unterscheidens und Entscheidens.

Statt Chancen und Risiken aufzuführen und einen sinnvollen und fruchtbaren Umgang mit Suchmaschinen, Speicherprogrammen und Blackberrys (die temporären Orden der Manager) herauszuarbeiten, statt das Goldene Kalb des digitalen Arbeitsmarkts (so sieht Herbold "Kommunikation" in Unternehmen inzwischen degeneriert) zu domestizieren, ergötzt sie sich in ihren Zukunftsaussichten in lächerlichen Geisterbeschwörungen über eine Gesellschaft, deren Mitglieder RFID-Chips implantiert werden, um ständig über die aktuellen Gesundheitswerte auf dem laufenden sein zu können, das komplett durchprogrammierte Bett im Altenheim oder Dinge, die plötzlich Ohren bekommen.

Man spürt gelegentlich die Neil-Postman-Attitüde, die natürlich nur Abklatsch ist. Konsequente Verweigerungshaltungen sind selten fruchtbar. Boykotte scheitern fast immer an den zu guten Vorsätzen. Es müßte längst Konsens sein, dass Veränderungen nicht ausserhalb von Systemen geschehen sollen, sondern in ihnen. Das Entnetzen vom Internet (natürlich inklusive Verweigerung des Mobiltelefons) bleibt schwach, wenn es sich nur um Re-Aktionen, also um reine Affekte handelt, die dann noch mit großem Brimborium als "Ausstieg" heroisiert werden. So ersetzt man den Eskapismus, den man attackiert, durch eine andere Weltflucht. Die wahren Aufklärer sind selten Radikal-Verweigerer und dürfen nicht mit Revolutionären verwechselt werden. Letztere ändern Zustände nur, um sich selbst in ihnen erhöht wiederzufinden.

Trotz gelegentlich bildungsbürgerlicher Paraphrasen (das Salbeiblatt in der Nudelsoße erinnert mich…an einen Urlaub im Schwarzwald oder Ich tippe also bin ich noch) ist der Titel (wohl eher unfreiwillig) die Kurzbeschreibung für dieses Buch: Es ist nur ein großes Rauschen. Nein, nicht mal ein großes.
Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern

Peter Sloterdijk  Du musst dein Leben aendernSo wie der Torso Apollos im Louvre von Paris im Jahr 1908 zum Dichter Rainer Maria Rilke mit seiner durchlichtende[n] Äußerung des Seins in einem anthropomorphen Akt zu sprechen beginnt und ihn aufruft "Du mußt dein Leben ändern", so möchte auch Peter Sloterdijk den Leser mitreissen und affizieren. Begeistert ob dieser (säkularistischen) Inspiration weist er in seiner höchst originellen Lesart des Rilke-Gedichts en passant auf die beiden wichtigsten Worte dieses absoluten Imperativs hin: Zum einen das "Müssen" – zum anderen das Possessivpronomen: hier sind weder Ausflüchte noch Delegationen erlaubt und die Konsequenzen könnten einschneidend sein.

Torso ApollosUnd so nimmt Sloterdijk Fahrt auf zur Lebensänderungs-Expedition. Dabei soll (in Paraphrase zu Wittgenstein) der Teil der ethischen Diskussion, der kein Geschwätz ist, in anthropotechnischen Ausdrücken reformuliert werden. So wird der Übende, der Akrobat, zur Galionsfigur des Sich-Ändern-Wollenden installiert und bekommt dabei fast zwangsläufig das Attribut "asketisch", denn der größte Teil allen Übungsverhaltens vollzieht sich in der Form von nicht-deklarierten Askesen. Kein Ziel kann da hoch genug sein (und das im wörtlichen Sinn). Rilkes Vollkommenheits-Epiphanie als unumkehrbares Aufbruchsmoment, als Vorbild für den heutigen Trägheitsmenschen. Sloterdijk als Trainer (das ist derjenige, der will, daß ich will oder doch eher eine Re-Inkarnation Zarathustras, denn kein Zweifel kommt auf, daß hier Nietzsche der grosse Motivator ist, sozusagen der "Über-Trainer".

Weltverbesserung und Krüppelexistentialismus

Zusammen mit seinem anderen Co-Trainer Heidegger, dem Re-Vitalisator des Daseins, versucht Sloterdijk den Leser aus (s)einer modernen Bequemlichkeits-Lethargie aufzurütteln – ohne dabei mit esoterischen Lebenshilfepropheten oder billigen Parolendreschern verwechselt zu werden. Hart geht er mit den Kulturkritikern ins Gericht, die den Menschen im Fatum seiner Existenz verhaftet sehen. So greift er Bourdieus Habitus-Begriff stark an, den er als Ausrede für ein autosuggeriertes Klassenbewusstsein begreift. Dieser leidenschaftliche Versuch den Ausgang des Menschen aus seiner oktroyierten und dann (willig?) selbsteingebildeten (soziologischen) Schicht herbeizuschreiben, um die Klassengesellschaft in eine Disziplinengesellschaft zu überführen, lohnt die Lektüre.

Das Sloterdijksche Ziel ist, auch wenn er das in dieser Form bestreiten würde, auf Weltverbesserung ausgerichtet. Und hier kann tatsächlich jeder mitmachen, wie er in einem bemerkenswerten Kapitel über Carl Hermann Unthan ausführt, einem armlosen Geigenspieler, der Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Kunst durch erst durch Varités zog, bevor er als anerkannter Solist in Konzertsälen spielte. Sloterdijk versucht die Übungsintensitäten dieses Mannes nachzuempfinden, entdeckt dabei einen vitalistisch gefärbte[n] Krüppelexistentialismus (mit Melancholie-Verbot; ergänzt wird dieses Kapitel mit Bemerkungen zu Hans Würtz und seinem Buch "Zerbrecht die Krücken") und transformiert ihn ins Allgemeine.

Aber der Weg, der zum Aufstieg werden soll, ist an Voraussetzungen geknüpft. Erst durch eine Evakuierung des Innenraums durch Ausräumung des Nicht-Eigenen, der Absetzung von der Mitwelt und den dann folgenden Rückzug in sich (Sezession von der Gewöhnlichkeit bzw. Rezession genannt) wird die Grundlage zum übenden Wesen gelegt, welches das Dasein des Menschen von morgen begründen soll, und zwar einschließlich der Willensgymnastik und der Mutproben für die eigenen Kräfte – hier ist Sloterdijk ganz Nietzsche-Adept, wobei er sehr früh die biologistischen Implikationen, die Nietzsche-Verächter zügig heranziehen, um nicht tiefer in die Materie eindringen zu müssen, verwirft (bzw. in den Kontext der Zeit stellt): der "Übermensch" sei impliziert kein biologisches, sondern ein artistisches, um nicht zu sagen: akrobatisches Programm.

Lösung aus den religiösen Affekten

Diese Formen von Exerzitien wecken natürlich zahlreiche Assoziationen zu religiösen und spirituellen Handlungen und Versenkungen. Diese werden en détail, achtungsvoll und sogar als durchaus vorbildhaft für den heutigen Übenden beschrieben. Dennoch rechnet Sloterdijk mit Verve mit den religiösen Affekten speziell der Neuzeit ab – respektvoll mit dem somatischen Religionsstifter Pierre de Coubertin, der mit seinem Olympismus allzu naiv die Welt über die Wiedereinführung des Griechentums retten wollte, beißend-ironisch mit dem Religionsparodist[en] und Business-Trainer, in der Tradition moderner Scharlatane stehenden Ron Hubbard, dessen psychotechnische Übungstruppe immerhin indirekt aufklärerisch aufzeigt, wie einfach letztlich das Stiften einer Religion sein kann (die Gefahren dieser "Psychology-Fiction" für den Einzelnen werden dabei durchaus erkannt). Aber auch Religionen, wo das Interesse an Letztversicherung die affektive und ästhetische Besetzung der vorletzten Dinge sabotiert, wie beispielsweise das Christentum werden kritisch betrachtet (naturgemäß weniger die fernöstlichen Erzählungen).

Religionen sind nichts anderes als Komplexe von inneren und äußeren Handlungen, symbolische Übungssysteme und Protokolle zur Regelung des Verkehrs mit höheren Stressoren und "transzendenten" Mächten – mit einem Wort Anthropotechniken im impliziten Modus. Glauben geht mit einer Suspension der Empirie daher. Nur der ist in der Lage zu glauben, der imstande ist, sich gegen die Autorität des Augenscheins zu entscheiden. Dem gut organisierten Eremiten der Moderne (bzw. der Neo-Antike, der Ära "nach der Moderne") kommt die Inkludierung oder gar das Abdriften in die von Sloterdijk in Anführungszeichen gesetzte Religion nicht in den Sinn; er begreift dies als obsolete Regression, die höchstens noch als autarkes System ihr Refugium hat (ein Religionsstürmer ist Sloterdijk dabei nicht; er kritisiert die Oberflächlichkeit des Neuen Atheismus à la Hitchens und Dawkins ausdrücklich).

Das Ziel des asketischen Übens muß demnach ein anderes sein als Gottgefälligkeit oder Gottesnähe zu erreichen. Wobei Sloterdijk durchaus hart mit der (von ihm sogenannten) Pseudo-Säkularisierung der Moderne verfährt und sogar von einem Mißverständnis spricht. Er sieht das Hauptereignis dieser Epoche nicht in der Ära der Säkularisierung (die meisten hätten sich, so wird suggeriert, in einen offen lassenden Agnostizismus oder Religions-Eklektizismus begeben), sondern in der Entradikalisierung der ethischen Unterscheidung – oder…: Devertikalisierung der Existenz.

"Vertikalspannungen"

Diese scheinbar rein deskriptive Bemerkung bekommt durchaus Brisanz, wenn man als essentiellen Makel der Moderne das Streben nach einer Art Rigorismus der Egalität begreift. Sloterdijk schickt seinen Übenden in Opposition, in dem dieser sich den Vertikalspannungen, die sich aus seiner Akrobatik ergeben, nicht nur stellt, sondern sie aushält und sich auf ihnen sozusagen zum "Leader" gegen die träge gewordene Rest-Welt empor manövriert. Leicht erliegt der unaufmerksame Leser dem Irrtum, Sloterdijk huldige damit einem neuen Hierarchie- oder Elite-Prinzip. Vertikalität wird stattdessen definiert als eine ethisch kompetentere und empirisch adäquatere Alternative zu der grobschlächtigen Herleitung aller Hierarchie-Effekte und Stufenphänomene aus der Matrix von Herrschaft und Unterwerfung. Das klingt sehr schön, wird aber im weiteren Verlauf des Buches außer vagen Anregungen zu einer neuen Disziplinistik (einem Vorboten der Askese?) nicht konkretisiert; zumal Sloterdijk von den herrschaftsfreien Diskursen gleich weit entfernt zu sein scheint wie von starren Hierarchien, wie seine Ausfälle der Frankfurter Philosophenschar gegenüber dokumentieren.

Was aber, wenn das "Basislager-Problem" auftritt? Was, wenn die anfangs willigen Expeditionsteilnehmer mit ihrem Basislager, welches Ausgangspunkt zum steinigen Gipfelaufstieg sein soll, als Aufenthaltsort vollkommen zufrieden sind und sich in ihrem "Habitus" eingerichtet und damit abgefunden haben? Wenn die finalen Spießer […] wollen, was sie haben, nur komfortabler? Was, wenn das Wollen des Nicht-Wollens unter dem Vorwand der Demut virulent zu werden droht? Mit Grandezza beseitigt Sloterdijk für lange Zeit die Zweifel:
Mochten die Stoiker der Antike ihr Leben dem Versuch gewidmet haben, durch stetiges Üben in sich die Statue aufzustellen, die in unsichtbarem Marmor ihr bestes Stück herausarbeitete – die Modernen finden sich als fertige Trägheitsplastik vor und stellen sich im Identitäten-Park auf, gleich, ob sie den ethnischen Flügel wählen oder das individualistische Freigelände bevorzugen.

[…] Entscheidend ist, daß der Gedanke an neue Höhen verpönt sein muß – würden solche erklommen, könnte eine Wertminderung bei den eingelagerten Beständen eintreten. Wenn und weil im Basislager das bisher Erreichte als solches unter Kulturschutz gestellt wird, bedeutet jedes Expeditionsprojekt in der Vertikalen einen Frevel, eine Verhöhnung aller gerahmten Werte. Im Identitäten-Regime werden sämtliche Energien devertikalisiert und der Registratur übergeben. Von dort aus geht es direkt in die permanente Sammlung, in der es weder "progressive Hängung" noch evolutionäre Stufung gibt. Im Horizont des Basislagers ist jede Identität jede andere wert. Identität liefert folglich den Super-Habitus für alle, die so sein wollen, wie sie aufgrund ihrer lokalen Prägungen wurden, und meinen, das sei gut so. Auf diese Weise stellen die Identischen sicher, außer Hörweite zu sein, sollte unvorhergesehen wieder irgendwo der Imperativ "Du mußt dein Leben ändern!" zu hören sein.
Die Wiederentdeckung der Vollnarkose

Wer ginge da nicht erst einmal geduckten Hauptes mit seinem Rucksack weiter? Und so setzt sich der Leser dem gelegentlich donnernden Aphorismusgewitter geduldig aus, hört die Kritik an Wittgensteins Lehrerrolle (er nennt ihn einen Narodnik, der sich im Jahrhundert geirrt hatte), liest ein Lob über Foucault, der den Weg zu einer allgemeinen Disziplinistik begründete, bekommt verblüffende Lesarten zu Kafkas "Hungerkünstler" und "Bericht für eine Akademie", streift den metaphysisch Hungernden Emile M. Cioran, diesen Meister des Es-zu-nichts-Bringens, für den Nietzsches Übermensch nur ein aufgeblasener Hausmeister darstellte, erfährt nahezu alles über Trainer (inklusive ausgezeichneter, zehnteiliger Typologie – paritätisch ausgewogen: fünf spirituelle und fünf akrobatische Trainertypen), liest über den Unterschied zwischen Trainer und Pädagoge, erhält eine Ahnung, warum das Schulwesen so ist, wie es ist, bekommt den spiritualisierten Sezessionsmus nebst Extremismus des frühen Christentums erläutert, lernt den Unterschied zwischen Sezessionisten und Sesshaften kennen, erregt sich mit dem Autor über die ideologische Blindheit Sartres, vernimmt harte Worte über die fortschreitende Pervertierung des Sports durch das Doping (das ideale Übungssystem wird dadurch dauerhaft beschädigt), hört etwas vom naiv-großen Denker der Weltverbesserung Hermann Bloch und bekommt einen Einblick in die Denkstrukturen beispielsweise der russischen Revolutionäre, Benedikt von Nursia, dem Heiligen Franziskus (das Christentum…suchte den Superstar), erfährt fast nebenbei, daß Hegels Philosophie Verarbeitung von frustriertem Idealismus sein dürfte und ist verblüfft von der Feststellung, daß die Wiedereinführung der Vollnarkose am 16. Oktober 1846 ("ether day") die anthropotechnische Situation der Moderne radikaler verändert habe als jedes einzelne politische Ereignis oder jede sonstige technische Innovation seither.

Nietzsche, Heidegger – und Sennett

Das sind nur einige der teilweise weit entlegenen Täler, in die der Expeditionsteilnehmer mit immer schwererem Gepäck in ständigem Auf und Ab geführt wird - mal in Serpentinen und dann auch wieder steil hinauf in die Höhe. Sloterdijks Ausführungen scheinen parallel auch eine gut getarnte Topografie des Umwegs zu sein.

Neben Nietzsche ist dieses Buch mehr als nur im entsprechenden Kapitel (Meisterspiele) von Richard Sennetts "Handwerk" inspiriert, wenn nicht beeinflußt. Nicht nur die Parallelen zum Eremiten Sloterdijks mit den "ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen[den]" Handwerkern des "engagierten Tuns" sind offensichtlich. Insbesondere wenn Sennett die negative Konnotation des Begriffs der Routine in die positive Formulierung des "Übens" überführt und als "Entwicklungsvorgang" darstellt, sind die Übereinstimmungen frappierend. Später führt Sloterdijk listigerweise noch den Begriff der Wiederholung ein (Was ist ein Kulturträger, wenn nicht der Hüter der Wiederholung?). Während Sennett allerdings seine Übungslehre als kulturanthropologische Betrachtung anlegt und mit durchaus egalitärer Tendenz soziologisch ausstattet, kommt Sloterdijk philosophisch als ein Übermensch-Trainer des 21. Jahrhunderts daher, der das "Handwerkliche" in das "Akrobatische" verwandelt.

Die Moderne, so gibt Sloterdijk dem potentiellen Sezessionisten auf den Weg, bindet uns an ein Gemeinwesen, das keine Auswanderung mehr kennt. Seit wir in ihm leben, besitzen wir alle den gleichen Paß, ausgestellt durch die Vereinigten Staaten der Gewöhnlichkeit. Sämtliche Menschenrechte sind garantiert, ausgenommen das Recht auf Ausreise aus der Faktizität. Deshalb werden die meditativen Enklaven mit der Zeit unsichtbar, die Wohngemeinschaften der Weltfremdheit lösen sich auf. Die heilsamen Wüsten veröden, die Klöster entleeren sich, Urlauber treten an die Stelle von Mönchen, Ferien ersetzen die Weltflucht. Die Halbwelten der Entspannung geben dem Himmel wie dem Nirvana empirisch Sinn.

Es gibt Imperative – aber gibt es eine Ethik?

Da erscheint das neue Gesetz des absoluten Imperativs notwendig: "Hiermit trete ich aus der gewöhnlichen Wirklichkeit aus". Sloterdijks Akrobat ist der Passionsspieler des In-der-Welt-Seins, wobei die Welt des Akrobaten eine andere ist als die des Nicht-Akrobaten (da ist Sloterdijk dann wieder ganz bei Wittgenstein).

Zwischendurch erweckt der Autor den Eindruck, mit dem ganzen eigenen Dasein des Sezessionisten einen Unterschied zu machen, den zuvor niemand vollzog sei der Weg ins ethische Denken. Immer wieder variiert Sloterdijk "seinen" Imperativ, deklamiert einen perfektionistischen Imperativ ("Verhalte dich jederzeit so, daß die Nacherzählung deines Werdegangs als Schema einer verallgemeinerbaren Vollendungsgeschichte dienen könnte"), und passt ihn schließlich der Stoßrichtung der Moderne an, vom Du sollst dich jederzeit so verhalten, daß du in deiner Person die bessere Welt in der schlechten vorwegnimmst bis hin zum Du mußt die Welt verändern, damit du, wenn sie im richtigen Sinn umgestaltet ist, dich guten Gewissens an sie anpassen kannst.

Auch wenn er gegen Ende wuchtig postuliert, daß der Fortschritts- und Entwicklungsgedanke in der Moderne als schlimmster Feind der radikalen Metanoia alten Stils erwiesen habe (Metanoia übersetzt Sloterdijk selber mit Gesinnungswandel; zu seinem Begriff der politischen Metanoia gibt es interessante Ansichten in seinem Nachkriegszeiten-Buch) – er betreibt unter der Hand doch das Geschäft des Fortschritts und macht aus dem Übenden, der sich mit Leidenschaft, Sennetts Handwerksgeschick und einer gewissen Impertinenz, die als Variationen von Askese aufgehübscht werden, den neuen Leistungsträger der Moderne; derjenige, der die scheinbare Aussichtslosigkeit der Dichotomien wie der vermeintlichen Sachzwänge negiert.

Nicht überzeugend ist die Darstellung der Re-Emigration des Eremiten, der nicht dauerhaft in seiner weltflüchtigen Klausur verharren kann. Grundsätzlich ist ein solcher Abstieg sicherlich irgendwann geboten, aber die Begründung überrascht schon, soll doch aus dem eigenen Dasein ein Gegenstand der Bewunderung zu formen sein, der sich natürlich eines Tages auf die Bühne bringen und aus der inneren Performance eine äußere zu machen habe. Als sei ein zu erwarteter Applaus Movens der Sezession gewesen. Und was geschieht, wenn die Resultate der Klausur ein Ergebnis brächten, welches ad hoc keine Bewunderung fände, denn schließlich ist doch die allesinfiltrierende Massenkuktur aufgrund ihrer siegreichen Mischung aus Simplifikation, Respektlosigkeit und Unduldsamkeit jeder normativen Vorstellung von Höhe abgeneigt, erst recht von Höhen, an denen sie sich messen sollte?

Leuchtende Momente

Selten wird Sloterdijk konkret, was Übungs-Resultate angeht. Interessant wird es dann, wenn er bemerkt, wie der Asket sich vom Zwang, einen Feind zu haben [emanzipiert], in dem er einen universalen Feind in seinem Innern wählt, von dem in der Außenwelt nur zweitklassige Projektionen auftreten können. [...] Die moralische Askese nimmt dem Feind die Macht aus der Hand, uns zum Zurückschlagen zu nötigen. Wer die Ebene des Regierens auf Feindschaft übersteigt, löst den 'circulus vitiosus' von Gewalt und Gegengewalt auf, natürlich oft um den Preis, der Leidtragende zu bleiben.

Oder wenn es um eine eventuell neu zu schaffende Ökonomie geht: Die effektive Weltverbesserung würde die möglichst generelle Vereigentümerung verlangen. Statt dessen begeisterten sich die politischen Metanoetiker für die allgemeine Enteignung – hierin den christlichen Ordensgründern verwandt, die alles gemeinsam und nichts für sich besitzen wollten. Ihnen blieb die wichtigste Einsicht in die Dynamik der ökonomischen Modernisierung unzugänglich: Das durch die Beleihung von Eigentum geschaffene Geld ist das universale Weltverbesserungsmittel. Erst recht will ihnen nicht einleuchten, daß bis auf weiteres nur der moderne Steuerstaat, der anonyme Hyper-Milliardär, als allgemeiner Weltverbesserer fungieren kann, gewiß in Allianz mit den lokalen Melioristen – nicht allein aufgrund seiner traditionellen Schulmacht, sondern vor allem dank seiner im Lauf des 20. Jahrhunderts bis ins Unglaubliche angewachsenen Umverteilungsmacht. Der aktuelle Steuerstaat seinerseits hat nur Bestand, solange er sich auf Eigentumswirtschaft stützt, deren Akteure es widerspruchslos akzeptieren, wenn ihnen durch die sehr sichtbare Hand des Fiskus Jahr für Jahr die Hälfte des Gesamtprodukts zugunsten von Gemeinschaftsaufgaben abgenommen wird. Sloterdijk spricht – ohne ideologischen Hintergedanken - in Anbetracht einer Staatsquote von 50% von einem Semi-Sozialismus. Letztlich fehle dem System nur die Etablierung einer weltweit homogenisierten Steuersphäre und die längst überfällige Vereigentümerung der armen Welt.

Es sind diese leuchtenden Stellen, die das Buch so wertvoll machen (unabhängig davon, ob man den Thesen zustimmt oder nicht). Hier bezieht Sloterdijk Position und kurz schimmern die Möglichkeiten, die Dimensionen dieser anthropotechnischen Konstruktion durch, was angesichts des üppigen Volumens des Buches (bedauerlicherweise) erstaunlich selten der Fall ist.

Allzu gerne ergeht er sich in süffisanten Beschreibungen und weite Teile sind letztlich multi-historische Exkursionen durch dreitausend Jahre Philosophie- und Kulturgeschichte (wobei der "Kultur"-Begriff beizeiten als Hyperpopanz verkündet wird). Alles wunderbar formulierte, luzide Bemerkungen, Sentenzen und Ergänzungen. Aber man merkt früh: Stringenz ist Sloterdijks Stärke nicht; sein aphoristisch-narrativer Stil hat Schwächen, wenn er die Metaphorierung seiner Akrobaten- und Askesenlehre immer weiter forciert und dabei gekonnte aber dann doch manchmal manischem Originalitätszwang unterliegende Pirouetten dreht. (Man ist dann schon amüsiert, wenn er schreibt, daß Philosophen auf der Höhe der Zeit den Mut zur Simplizität haben müssen – und dabei Richard Rorty und Hans Jonas anpreist, denen er eine jargonfreie Sprache als Tugend anrechnet.)

Die Angst des Philosophen vor der Höhe

Wer da nicht auf der Höhe des aktuellen (philosophischen) Diskurses ist, wird recht bald gezwungen auf seiner Reise auch einmal die schöne Pflanze am Wegesrand oder den Jahrtausende alten Tempel auf der Anhöhe nicht zu bestaunen, sondern die Expedition mechanisch (zwangsläufig kopfnickend) weiterzugehen; ein erstes Zugeständnis mangelnder Fitness (des Lesers? des Autors?). Aber noch ist man gewillt, dem Trainer zu folgen. Etwa, wenn von der Konversion als Subversion, über den makroegoistischen Staat, der nicht ohne blühende Mikroorganismen gedeihen kann oder äußerst anregend über die russischen Revolutionäre, deren Revolutionsrhetorik und den Vertikalisten des beginnenden 20. Jahrhunderts die Rede ist (hier wird besonders deutlich, daß der teilweise deskriptive Stil Sloterdijks Schwächen hat, da er wenigstens vorübergehend eine gewisse Übereinstimmung mit dem Beschriebenen suggeriert).

Irgendwann beginnt Sloterdijk wohl Angst vor der Höhe zu bekommen. Alte Formen seien auf ihre Wiederverwendbarkeit zu prüfen, neue Formen zu erfinden heißt es einmal. Und weiter: Ein anderer Zyklus von Sezessionen mag beginnen, um Menschen erneut herauszuführen – wenn schon nicht aus der Welt, so doch aus der Stumpfheit, der Niedergeschlagenheit, der Verranntheit, vor allem aber aus der Banalität, von der Isaac Babel sagte, sie sei die Konterrevolution. Ist dieser andere Zyklus von Sezession nach all dem vorher so emphatisch Vorgetragenen nicht nur mehr eine "Light"-Version, die lediglich noch die gröbsten Spuren der Banalität tilgen will?

Wie war das denn genau? Am Anfang nahm man die zart angedeutete Mahnung noch als Ansporn des Trainers, aber jetzt steht dort noch einmal und deutlicher, daß jeder Einzelne, auch der erfolgreichste, der schöpferischste, der großzügigste, wenn er sich ernsthaft prüft, zugeben müßte, er sei weniger geworden, als er seinem Seinkönnen nach hätte werden sollen, die wenigen Momente ausgenommen, in denen er sagen durfte, er habe der Pflicht, ein gutes Tier zu sein, gehorcht. Was bleibt ist das durchschnittliche Übertier, von Ambitionen gekitzelt, von exzessiven Symbolen heimgesucht, welches hinter dem zurückbleibt was von ihm gefordert wird, selbst im Trikot des Siegers, selbst im Gewand des Kardinals, da hilft kein Gott und Übermensch.

Aber was ist das für ein Trainer, der seinem Artisten auf diese Weise nur eine Perspektive auf die Zweitklassigkeit in Aussicht stellt? Warum dann nicht gleich im Identitäten-Park den Klappstuhl aufstellen und die Sonnenbrille aufsetzen? Ausgerechnet Sloterdijk, der so klug jede Aktion in den entsprechenden Kontext verorten und bewerten kann zieht sich plötzlich auf die (nicht nur christlich verordnete) Unvollkommenheit des Menschen zurück? Oder will er mit durchaus guten Absichten einer neuen menschlichen Hybris vorbeugen?

Der Leser ist verwirrt und auch ärgerlich. Begriffe wie Heterotopie; revolutionäre Orthopädie; enhancement-Fieber; das Subjekt in der auto-operativen Krümmung; die Metaphysik des Eisernen Zeitalters nebst Verteidigung des Zweiten Silbernen Zeitalters - es ist schier unmöglich im Rahmen einer solchen Besprechung die ständig neu auftauchenden Wort- und Begriffsschöpfungen wiederzugeben. All diese Kapitel haben teilweise hohen Unterhaltungswert - sofern sie nicht später im Jargon-Dickicht unpassierbar werden. Und so vernimmt man dann einiges, wie zum Beispiel die Immunologie-Lehre, nur noch im Nebel.

Alleine im Gebirge

Das Denken beginnt, wenn das Affentheater der Assoziationen aufhört - was ursprünglich als Ordnungsruf gegenüber den forschen Neurologen galt, die ihre deterministischen Theorien verabsolutieren möchten, wendet sich irgendwann dezidiert gegen den Trainer. (Über die Notwendigkeit, ja Pflicht, diesen bedarfsweise zu wechseln, ist im Buch ja auch die Rede.)

Sloterdijks Stärke – die Sprache – wird auf einmal seine Schwäche. Was im kurzen politischen Essay willkommene geistige Erfrischung und Inspiration ist, ermattet im philosophischen Konvolut. Die Ermüdung hätte durch Konsistenz gemildert bzw. aufgehalten werden können. Aber am Ende wurde der geneigte Novize verlassen, im Rucksack – so stellt er fest – eine Menge Material, daß er nun mühsam zu sortieren hat (es gibt kein Personen- bzw. Stichwortverzeichnis am Ende; ein sträfliches Unterlassen). Man hatte zwar nicht unbedingt ein funktionierendes GPS-Gerät erwartet, aber mindestens einen Kompass und Karte. Wäre nicht der Heideggersche Feldweg leichter und trotzdem ergiebiger gewesen als diese abgebrochene Gipfelexpedition? Oder ist dies schon Teil des Programms des übenden Wesens (im Heidegger-Duktus steht einmal Die Weltverbesserung ist das Gute, das Zeit braucht); Paraphrase des Prüfungsgedankens?

Und wie ist das nun mit der Enklaven-Existenz des Eremiten? Da die Religionen programmatisch ins Private verschoben wurden, den Preis, den Nietzsche, der mit Wahnsinn Geimpfte, als Zeuge für die Vertikale ohne Gott zahlte, ein sehr hoher war (falls diese Einschätzung nicht ein veritables Mißverständnis sein sollte) und der bestirnte Himmel über den Übenden längst entzaubert und inzwischen mit nordkoreanischen Satellitenattrappen kontaminiert ist, stolpert die Sloterdijksche Meta-Akrobatistik nur noch hin zu einer diffus-halbherzigen Perfektionierungsstrategie. Jetzt erst weiß man die Bemerkung vom Trainer als Führer in die Unwahrscheinlichkeit richtig einzuordnen.

Klingt das nicht verdächtig nach einer Melange aus evangelischem Pfarrhaus und fernöstlichen Übungssystemen, jeweils um die ihre spirituellen Grundfeste befreit, einer säkularen Umformung unterzogen und schließlich der Moderne anverwandelt? Die Krux dieses Verfahrens: Die Sinnstiftung bleibt dauerhaft tautologisch, da alle vorhandenen Ideale entweder nicht mehr infrage kommen, längst als falsche Weltverbesserungsoptionen entlarvt wurden, oder anderweitig besetzt sind. Der Übende vereinsamt – nicht zuletzt ideell. Man bekommt eine Ahnung, wie man üben soll, aber eben nicht was und – vor allem - warum. Dem Leser bleibt fast nichts anderes übrig, auf diese Frage aller Fragen mit einem patzigen "darum" zu antworten. Oder die Handwerker zur Renovierung des Basislagers zu bestellen. Wortakrobatik hin oder her.
Die kursiven Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch
Leseprobe aus dem besprochenen Buch
Sehr kluge und interessante Besprechung von Goedart Palm

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Kommentare hier...

Da ich weder die Lesungen...
die Juroren gesagt, kennne, ausser der grossartig geschriebenen...
mikerol69 - 2009-07-03 20:43
Es gibt jedenfalls einige...
Winkler's Rede. Und zwar man faengt an zu zanken darueber ob...
mikerol69 - 2009-07-03 18:57
@Zehner
Das iranische Atomprogramm hat primär mit dem...
Gregor Keuschnig - 2009-07-02 12:03
Lanze für einige...
Naja, da muss ich ein bisschen widersprechen. Die tatsächlich...
Gregor Keuschnig - 2009-06-29 11:52
Manchmal fühle ich...
Unter anderem dann, wenn ich mit einem so bedeutendem...
MMarheinecke - 2009-06-29 10:06

...anderswo

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Mir gefällt Fussbodenschmücken mit (eingelegten)...
jequetepeque - 2009-07-03 23:01
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Wachstum ist der Fetisch der Ökonomie; die Schwester...
TABU - 2009-07-03 14:06
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TABU - 2009-07-03 13:34

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