Versuch über die Dichtkunst im Inkareich (III)

Essay von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez

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Fünf: Das Haus des Wissens; Aufgaben und Ausbildung der Dichter, Philosophen, Priester und Hofschreiber.

Der Dichter im engeren Sinne heisst harauec, wörtlich „Erfinder“. Er „giesst die Geschichte in Verse“ (Garcilaso). Sein Aufgabenkatalog lässt sich aber nicht sauber abgrenzen zu anderen Berufen. Der amauta, Philosoph, komponiert ebenfalls, insbesondere Komödien und Tragödien für den Hof und für Festtage. Er fasst historische Geschichten und Fabeln in Prosa, gibt sie mündlich weiter und stellt die kollektive Erinnerung sicher. Der amauta ist jedoch zugleich Wissenschaftler und als solcher zuständig für Astrologie, Landwirtschaft, Masse und Gewichte und die Architektur. Die Priesterklasse, mit Hymnen, Gebeten, Anrufungen und Ritualen befasst, unterteilt sich in mehrere hierarchische Stufen, beispielsweise achi (Wahrsager) und omos (Magier). Den quipucamayoc könnte man vielleicht als Schreiber oder Buchhalter bezeichnen. Er führt die Annalen und Wirtschaftsstatistiken, hält aber auch Gesetzestexte, Anweisungen für Rituale, jährliche Berichte aus den Provinzen und literarische Erzählungen fest.

Sie alle durchlaufen eine strenge Ausbildung im yachayhuasi, „Haus des Wissens“. Das Studium dauert mindestens vier Jahre und umfasst neben einer breiten Allgemeinbildung unter anderem runa simi (Hochsprache und Provinzdialekte), Fremdsprachen, Geschichte, Religion und die Wissenschaft vom quipu. Das Haus des Wissens steht nur dem Adel offen, manche Berufe sind erblich. Öffentliche Beamte leben in Saus und Braus, und alle Gelehrten geniessen sehr hohes Ansehen in der Gesellschaft. Meist sieht man sie mit einem Rudel Schüler im Gefolge gemessen einherschreiten.


Sechs: Fiktion ist Fakt und umgekehrt; das Wenige, was man über die Epik weiss.

Mythen, Legenden, Märchen und Fabeln sind für den runa wahre Geschichten. Die Berge sind bevölkert von Geistern und Kobolden; allerdings kennt man in den Anden keinen „Teufel“, alle Wesen (bis auf den Sohn der Sonne natürlich) sind ambivalent. Es existiert keine Trennung zwischen Fakt und Fiktion und kein Konzept der Geschichte als Kette von Ursache und Wirkung. Da die Zeit ein zyklisches Phänomen ist, werden über Jahrhunderte hinweg keine kalendarischen Aufzeichnungen geführt (wohl aber eine ausgeklügelte Astronomie betrieben), und niemand zählt seine eigenen Lebensjahre. Geschichte(n) und Wirklichkeit werden durch den Akt des Erzählens gemacht; dementsprechend üben die Priester aber auch Kontrolle über die Bauern aus, und der Adel betreibt eine gnadenlose Zensur, bläht die Geschichte auf, idealisiert und verbiegt sie. Jeder sapa inka hält sich einen persönlichen Biographen, genauso wie jedes einzelne Dorf einen eigenen Vollzeit-Historiker beschäftigt, der die offizielle Geschichte so oft wie möglich vor möglichst vielen Ohren repetieren muss. Daher sind uns nur ganz vereinzelt „unpassende“ Geschichtselemente überliefert, nämlich von politischen Gegnern der Inkas.

Aus bereits erwähnten Gründen blieben kaum epische Werke aus vorkolonialer Zeit erhalten. Allerdings sind die Übergänge zwischen Lyrik, Epik und Drama sowie Musik, Gesang und Tanz (Oberbegriff: taqui, wörtlich „Gesang“) ohnehin fliessend, ebenso wie sich Sakrales und Profanes mischen (beziehungsweise im Denken der Inkas nicht unterschieden werden); keine der Gattungen hat sich je ganz vom Religiösen emanzipiert.

Es gab für die Epen im Wesentlichen zwei narrative Rezitationsformen, jeweils von Musik und Gesang begleitet und rhythmisch vorgetragen, möglicherweise sogar in Versen:

hucaripuni umfassen Heldenepen, Mythen, Legenden, die offizielle Geschichte und Loblieder auf den aktuellen sapa inka; hahuari cuycuna erzählen danteske Geschichten von den Vorfahren, Fabeln und bukolische Idyllen. Die „E-Literatur“, wenn man so will, hiess hahua ricuy simi, „wunderbare Erzählungen“, und fürs gemeine Volk wurde „Unterhaltungsliteratur“ produziert, sausa sauca hahua ricuy cuna (man möchte ja schon zu diesem Gattungsbegriff schunkeln). Zwar war der Löwenanteil aller Dichtung dem Adel und den Beamteneliten vorbehalten, aber der Organisator eines kollektiven Arbeitseinsatzes in der Landwirtschaft, im Strassenbau oder zur Reparatur einer Wasserleitung (ayni, minga, mita; vergleichbar mit dem Gmeinwärchä auf den Sömmerungsweiden in den Schweizer Alpen) musste nicht nur für Picknick, Unterkunft und Werkzeug sorgen, sondern auch für Erzähler und Musiker zur Unterhaltung während der Arbeit.

Sieben: Das inkaische Drama; zwei überlieferte Stücke und der Dolmetscher Felipillo, ein Drama!

Auch das Theater unterschied zwei Stillagen. Tragödien erzählten von den Taten früherer Könige und Helden, von militärischen Siegen oder den Göttern, während sich die Komödien um Landwirtschaft, Haus und Familie drehten. Die Bühne war ein offener Platz unter freiem Himmel, manchmal mit einem künstlichen Wäldchen als Dekoration.

Das bekannteste erhaltene und bis heute gespielte Stück ist das Drama „Ollantay“; da es jedoch erst um 1800 aufgezeichnet wurde, ist nicht sicher, ob der Stoff vorspanisch oder kolonial ist oder ob er zur Kolonialzeit auf inkaischer Grundlage neu komponiert wurde. Eine Version muss zur Zeit der Conquista existiert haben, da in den frühen Texten vielfach auf die Ollantay-Motive angespielt wird.

General OllantayDas Argument: Ollantay, General über das Ostviertel des Inkareiches, verliebt sich in Cusi Ccuyllur, die Tochter des sapa inka Pachakutiq (Regierungszeit 1438 - 1471). Wohl wissend, dass es nur danebengehen kann, hält Ollantay dennoch um die Hand der Prinzessin an. Pachakutiq führt dem hochgeschätzten General seine niedere Geburt vor Augen und putzt ihn ab. Daraufhin desertiert Ollantay mit einigen Getreuen, verschanzt sich im Osten und baut die (reale) Festung Ollantaytambo, wo er einen Putsch und die Übernahme des Reiches ausbrütet. Derweil platzt Pachakutiq vor Wut, als er feststellt, dass Cusi Ccuyllur schwanger ist, und sperrt sie im Frauenhaus ein. Dort kommt Ollantays Tochter Ima Sumaq zur Welt und wird der Mutter weggenommen. Eine Dekade später hat Ollantays Revolte noch immer nicht so recht Gestalt angenommen. Durch einen Verrat werden er und seine Gefährten überrumpelt und vor den sapa inka geschleift. Auf dem Thron sitzt inzwischen Pachakutiqs Sohn Tupaq Yupanqui. Die Abtrünnigen werden zum Tod verurteilt, in letzter Minute jedoch begnadigt und sogar mit militärischen Ehren dekoriert. Tupaq Yupanqui gibt dem General seine Schwester zur Frau, und Ollantay, Cusi Ccuyllur und Ima Sumaq sind endlich vereint.

Manche Interpretationen laufen darauf hinaus, dass hier politische Ereignisse aus der Regierungszeit Pachakutiqs (eine bis heute praktisch unantastbare Gestalt) erzählt werden, die aus der offiziellen Geschichtsschreibung gestrichen wurden. Was der Literatur in ihrer subversiven Funktion natürlich alle Ehre machen würde. Nicht nur deshalb schliesse ich mich dieser Interpretation an: als Liebesgeschichte taugt das ja nun gar nicht; Ollantay lässt die Geliebte zehn Jahre lang in Gefangenschaft schmoren! Wenn ich Cusi Ccuyllur wäre, könnte der mich mal…

Ein weiteres überliefertes Stück ist die „Tragödie vom Ende Atahualpas“. Es wurde erst 1871 niedergeschrieben, in den Chroniken finden sich aber Beschreibungen von Aufführungen in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Drama ist stark monolog- und chorkommentarlastig und behandelt das Problem des gegenseitigen Missverstehens. Die spanischen Figuren sprechen nicht, sondern bewegen nur stumm die Lippen. Der Dolmetscher Felipillo redet Kauderwelsch, worauf die Inkas kommentieren, sie könnten „die seltsame Sprache“ nicht verstehen. Der Schluss drückt den Europäern indianische Ethik auf: der spanische König (im Stück „Spanien“ genannt) belohnt Pizarro nicht für den Sieg, sondern bestraft ihn für den Königsmord, indem er ihn, seine Nachkommen und sein Haus nach inkaischem Brauch verbrennen lässt.

Der Dolmetscher Felipillo ist übrigens historisch verbürgt und vielleicht – als Personifizierung eines gigantischen Missverständnisses – gar nicht unschuldig an der unerhörten Wendung der Geschichte in Cajamarca. Felipillo stammte aus einer einfachen Familie am äussersten Rand des Reiches. Er beherrschte nur einen bruchstückhaften Dialekt des runa simi, und sein Spanisch bestand aus Schimpfwörtern, die er von Soldaten gehört hatte. Ohne überhaupt zu verstehen, worum es in dem Gespräch zwischen Atahualpa und Pizarro ging, dolmetschte Felipillo einfach drauflos und machte zum Beispiel aus dem „dreifaltigen Gott“ kurzerhand den „Gott Drei-und-Eins-sind-Vier“. (Die Anekdote wurde von Garcilaso überliefert … und mir will nicht in den Kopf, dass sich kein besserer Dolmetscher fand.)

[Fortsetzung folgt]

Islam is...



Was hat uns das zu sagen? Ist das Angst vor Terrorismus oder bloß ein Fehler im Techniksystem?

Die Unfähigkeit, zu googlen

Der Vorwurf des Plagiats ist der schlimmste, den man einem Schriftsteller machen kann. Daher sollte man mit solchen Beschuldigungen vorsichtig umgehen. Plagiatsgeschichten haben meist nicht nur Enthüllungscharakter. Die schlechten Enthüllungen denunzieren auch immer gleich mit. Es gibt zahlreiche Beispiele für Kampagnen, die gelegentlich durchaus die Intention hatten, Schriftsteller auch ökonomisch zu vernichten.

Die Definition von dem, was man "Plagiat" nennt, ist recht klar. Neben der rechtlichen Erklärung, gibt es auch eine ethische. Beide Interpretationen machen es so schwierig festzustellen, ob etwas Plagiat ist, ein Motiv verwandt wurde oder ob es eine Veränderung oder Weiterentwicklung eines Motives ist.

Deef Pirmasens hat in seinem Weblog "die gefühlskonserve" Helene Hegemanns Bestseller "Axolotl Roadkill" mit dem Buch "Strobo" des Bloggers "Airen" verglichen und verblüffende Parallelen festgestellt, die er ausführlich dokumentiert.

Ausdrücklich schreibt Pirmasens:
Es gibt noch mehr, in denen nicht Wort für Wort kopiert, aber das Handlungsmotiv einer Szene übernommen wurde. Helene Hegemann zeigt uns in Axolotl Roadkill zwar, dass sie nicht nur für ihr Alter, sondern ganz allgemein eine beachtenswert wortgewaltige und wundervoll böse Schreibe hat. Aber statt sich nur von anderen inspirieren zu lassen und zu zitieren, schreibt sie ab
Die von ihm aufgeführten Beispiele sind schlagend. Und wenn es noch mehr gibt, dann handelt es sich nicht um ein Zitat oder eine Nebenhandlung, die "untergemogelt" wurde. Dann handelt es sich um ein Plagiat.

Schade, denn Hegemann war ja das Hätschelkind des deutschen Feuilletons. Das Buch wurde über den grünen Klee gelobt - die Gründe liegen natürlich darin, weil den Rezensenten hier eine Welt gezeigt wird, die sie gar nicht kennen und für exotische Jugendliche hat man doch immer ein Ohr, zumal wenn sie Authentizität, die Krücke aller Lebensfremden, suggerieren. So schwärmte noch am Freitag in den ZDF-Sendung "Die Vorleser" der Barack Obama der deutschen Literaturkritik, Ijoma Mangold, in den höchsten Tönen - was bei der durchaus lebensgewandteren Co-Moderatorin Amelie Fried (sie wies auf ihre zwei pubertierenden Kinder ähnlichen Alters hin) auf ziemliche Skepsis stieß. Dennoch ließen beide keinen Zweifel daran: Hier schreibt ein Wunderkind. Nur: Heißt dieses "Wunderkind" Helene Hegemann?

Fast noch interessanter als die Frage, wo geklaut wurde, ist: Warum hat die Literaturkritik dies nicht entdeckt. Wieder Pirmasens:
Helene Hegemanns Quasi-Eingeständnis “ich bediene mich überall” kann nicht als Rechtfertigung herangezogen werden. Es stellt sich viel mehr die Frage, warum andere Rezensenten an dieser Stelle nicht begonnen haben, Lunte zu riechen. Eine Google-Suche hätte sie zu Airens Blog und darin zu seinem Roman geführt.
Die Frage ist mehr als berechtigt. Sie zeigt vor allem eines: Die Inkompetenz der zeitgenössischen (!) Literaturkritik im Umgang mit den neuen Medien. Es herrscht weitgehend die Unfähigkeit, zu googlen.

Die ersten Reaktionen des Feuilletons sind durchaus bemerkenswert. So führt Felicitas von Lovenberg in einem merkwürdig verteidigenden Artikel in der F.A.Z. das Kriterium des Alters ein, nachdem Plagiatsvorwürfe ruchbar sind und oder nicht:
"Die Fragen, die seit dem Wochenende an das Buch und die Autorin gestellt werden, sollten immer auch mit Blick auf die Jugend dieses aufstrebenden Talents diskutiert werden."
Das ist eine erstaunliche - und neue Feststellung: Es gibt also eine Art "Jugendrecht" für Plagiatvorwürfe? Muss man in Zukunft nach dem Alter des Autors fragen, um festzustellen, dass da etwas "geklaut" wurde? Und: Welches Talent meint von Lovenberg eigentlich?

In Wirklichkeit scheint sich als Abwehrhaltung des Feuilletons herauszukristallisieren: Es ist nicht so schlimm, von einem weitgehend unbekannten Medium aus dem Web geklaut zu haben - Hegemann kann zur Not noch als Transkribistin vom Internet ins Buch gefeiert werden. Man entschuldigt sich (streicht dabei natürlich weiter das Geld alleine ein) und alle kommen halbwegs ungeschoren aus der Sache heraus.

Schade nur, dass die alten Männer dem netten Mädchen jetzt nicht mehr den Buchpreis geben können. Hätte doch so nett werden können. Der Leser sagt: Dankeschön, Deef Pirmasens, dass uns das (hoffentlich!) erspart geblieben ist.

Benjamin Stein: Die Leinwand

Benjamin Stein Die LeinwandGar nicht so einfach, mit dem Lesen dieses Buches anzufangen. Denn man hat unverhofft zwei Möglichkeiten. Entweder man beginnt mit dem Teil von und über Amnon Zichroni oder man wendet das Buch, dreht es um 180 Grad und beginnt mit Jan Wechsler. (Eine andere Idee, die Kapitel sozusagen abwechselnd zu lesen, dürfte aus Gründen der Praktikabilität fast ausscheiden; hierfür hätte man mindestens zwei Lesezeichen einbinden müssen. Und außerdem bleibt das Problem, wo man beginnt.)

Beide Teile sind fast paritätisch. Man ahnt: Wie man es auch beginnt – es bleibt eine Entscheidung, die die Rezeption prägen wird. Man wird nie erfahren, wie es gewesen wäre, wenn man anders begonnen hätte. Vielleicht werden einmal die Leser von Benjamin Steins Buch "Die Leinwand" anhand ihres Anfangskapitels unterschieden zwischen Zichroni- oder Wechsler-Einsteiger. Ob sich die beiden Lager jemals miteinander verständigen können? Tatsächlich dürften sie zwei unterschiedliche Bücher gelesen haben. Und dieses scheinbar so spaßige Spielchen passt am Ende erstaunlich gut zu Atmosphäre und Intention dieses Buches.

Um es vorweg zu sagen: Ich habe mit dem Zichroni-Kapitel begonnen. Dort steht schon auf der ersten Seite: Erinnerung ist…unbeständig, stets bereit, sich zu wandeln. Man ahnt noch nicht, wie stark diese Erkenntnis im Buch bestimmend wird. Und auch dieser scheinbar harmlose Satz bekommt im Laufe der Erzählung eine große Dimension: Unser Gedächtnis ist der wahre Sitz unseres Ich. "Unser Gedächtnis" - und nicht unser Gehirn.

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Versuch über die Dichtkunst im Inkareich (II)

Essay von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez

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Drei: Grammatik und Kosmovision des runa simi, ein medizinischer Ratgeber und wie mich um ein Haar huaca gestreift hätte.

Im runa simi (genaugenommen handelt es sich um eine Gruppe von 18 nah verwandten Sprachen) offenbart sich eine Übermacht des analogen über das deduktive Denken. Das Affektive überwiegt das Rationale, weshalb die Sprache kaum abstrakte Substantive kennt, dafür aber eine riesige Fülle von oft naturbezogenen Bildern und Metaphern. Das runa simi ist eine agglutinierende Sprache mit nur wenigen Regelabweichungen in der Grammatik, verlangt aber vom Sprecher äusserste Präzision. Die übliche Syntax ist Subjekt – Objekt – Prädikat, ohne dabei jedoch starr zu sein. Fast immer liegt die Betonung auf der zweitletzten Silbe, die beim Anfügen von Suffixen mit nach hinten wandert. Satzzeichen sind insofern überflüssig, als jeder Satz durch die Kombination seiner Suffixe seine exakte Bestimmung erhält; Aussagesatz und Fragesatz beispielsweise unterscheiden sich nicht in ihrer Satzmelodie. Ebenso werden Betonungen durch Suffixe ausgedrückt.

Diminutive werden geradezu inflationär verwendet und erstrecken sich praktisch auf alle Wortarten. Sie verkleinern nicht, sondern drücken Wertschätzung, Dankbarkeit und Respekt aus (Zärtlichkeit natürlich auch). Das äusserst sich dann in der Fremdsprache Spanisch als unglaubliches Geschachtel an Diminütivchen, das einen zum Weinen bringen könnte („meine Kühlein und Schweinchenlein auf dem Äckerchen am oberchen Bergleinchenlein“, um ein wenig zu übertreiben).

Um die literarische Tradition im runa simi zu untersuchen, ist es vielleicht von Bedeutung zu erwähnen, dass es neben einer „allgemeinen Vergangenheit“ und einer „wiederholenden Vergangenheit“ zusätzlich eine „erzählende Vergangenheit“ gibt, die man beispielsweise anwendet, wenn man ein Märchen erzählt. Die erzählende Vergangenheit fächert sich wiederum in mehrere fein nuancierte Vergangenheitsformen auf: der Sprecher hatte über die vergangene Handlung keinerlei Kontrolle. Oder etwas ist vollkommen überraschend eingetreten. Oder man kennt das Erzählte nur vom Hörensagen. Dieser „Vergangenheitsreichtum“ lässt unendliche Möglichkeiten für die Epik erahnen.

Der runa-simi-Sprecher hat ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass die Sprache nicht einfach nur ein Mittel zur Kommunikation und Information ist. Sie ist Teil seiner selbst und des Universums, wie ein Körperteil, eine Tierart, eine Zeit oder eine Himmelserscheinung. Dies lässt sich wunderbar aufzeigen an Ángel Avendaños medizinischem Handbuch Medicina Popular quechua. La rebellión de los mallkis, in dessen Vorwort er gesteht, dass er für die zweite Auflage die „lyrischen Exzesse“ ausgemistet habe. Das Buch gliedert sich in sechs ungefähr gleich gewichtige Kapitel:
  1. Elemente der quechua-Grammatik (worin auch vom Selbstbewusstsein und von der Schönheit die Rede geht, vom Entkolonialisieren der Grammatik, Semantik und Lexikographie; es folgen eine Brandrede gegen die Conquistadoren und modernen Linguisten sowie ein Dank an diejenigen christlichen Missionare, die sich um Verstehen und Überlieferung bemüht haben)
  2. Beschreibende Anatomie (wobei als allererster Gegenstand der Anatomie die Lebensalter des Menschen abgehandelt werden)
  3. Krankheiten – allgemeine Nomenklatur (der Name ist oft fast schon die Krankheit selbst)
  4. Volks- und Pflanzenheilkunde
  5. Kosmovision der Anden – Heiler und Glauben
  6. Glossar des Okkulten – Dämonologie und Parapsychologie
Mutet das nicht eigenartig an, ein medizinisches Handbuch, das den ersten Teil der Sprache widmet und auch in allen anderen Kapiteln den Namen der Organe, Krankheiten, Heilpflanzen, Geistern etc. so grosse Bedeutung beimisst? Ja, doch. Solange, bis man sich irreversibel auf die Zunge gebissen, einen wichtigen Namen vergessen oder das Gehör verloren hat. Dieses Buch ist geradezu symptomatisch für die Kosmovision der Anden; und an dieser Stelle sei auch gleich erklärt, weshalb ich „Kosmovision“ eingedeutscht habe, anstatt einfach „Weltanschauung“ zu sagen, wie es doch im Diktionär steht: weil „Weltanschauung“ zu winzig klingt, eher nach einem neuen Plüschüberzug fürs Sofa.

Das runa simi kennt zahlreiche Konzepte, die für Aussenstehende wohl nach hundert Jahren Einsamkeit in den Anden noch nicht fassbar würden. Sagen wir: huaca. Vielleicht steht es ja in irgendeinem Reiseführer; huaca geht etwa durch als das, was die durchschnittliche Schweizer Mittvierzigerin „Kraftort“ nennen würde. Für den Hausgebrauch mag das ja genügen. Doch alles kann huaca sein. Ein Ort, eine Quelle, ein Zeitalter, eine Schüssel, ein Blitz, ein Stein, ein Mensch, ein Wort, eine Spinne, eine Zwillingsgeburt, ein seltsamer Vorgang, ein Monster. Huaca ist manchmal Substantiv und manchmal Verb und dann wieder Adjektiv. Aber huaca meint ganz bestimmt nicht „magisch“. Das ergäbe im runa-simi-Denken überhaupt keinen Sinn, denn das würde ja einen Dualismus wie unser „natürlich versus übernatürlich“ voraussetzen. Ich kann nicht weiterhelfen. Andrés (aymara aus Puno, Archäologe und Reiseführer) legte meine Hand (bei der Ausgrabung Sillustani) auf eine in Stein geritzte Spirale und hiess mich, weiterzuatmen und mit den Fingern genau hinzuhören. Just in dem Moment, da ich meinte, huaca an einem Zipfel zu fassen zu kriegen, lachten die neureichen Mädchen aus Lima: „Primitiver Aberglaube!“, belehrte der Franzose in der North-Face-Jacke: „Geomagnetismus!“, quengelte die Engländerin, die dummerweise keine solche Jacke hatte: „Wann gehen wir endlich zum Bus zurück?!“ – Nun werde ich niemals herausfinden, was huaca ist, dabei war ich so nah dran! (War ich…?) Ein Trost, dass ich es ohnehin nicht erklären könnte, wenn ich‘s wüsste. Und dass mich das noch lang nicht befähigen würde, ein runa-simi-Gedicht aufzunehmen. Aber ich schwöre, da war irgendwas!


Vier: Geschichte der Überlieferung und die Entwicklung der Dichtung während und nach der Kolonialzeit; mit einem Exkurs über Leben und Werk des Inka Garcilaso de la Vega.

Leider ist unser Wissen über die Literatur der Inka vor der Eroberung sehr lückenhaft und durch den hispanischen Filter verzerrt, denn erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts setzte unter dem Vizekönig Francisco de Toledo eine intensive Auseinandersetzung mit der Indiokultur ein, und das aus sehr indiofeindlicher Perspektive. Ebenfalls um 1600 befassten sich erstmals Mestizen oder hispanisierte Indios mit den spanischen Chroniken und äusserten sich vom indianischen Standpunkt aus zum traumatischen Zusammenstoss der beiden Kulturen (erwähnt sei La instrucción del Inca Don Diego de Castro von Titi Cusi Yupanqui – der sich nach der Taufe eben Diego de Castro nannte –, Nachfolger des Inka Manco II.). Die wenigen uns heute bekannten Dichtungen wurden frühestens zu Beginn des 17. Jahrhunderts übertragen. Am wenigsten weiss man über die narrativen Werke. Heldenepen und Mythen sind uns nur durch indirekte Darstellung der Chronisten und Missionare bekannt, die sich darum bemühten, den „alten Aberglauben“ auszurotten. Andererseits jedoch ging die Missionierung sehr langsam vonstatten, so dass die literarische Produktion in runa simi niemals abriss. In der Kolonialzeit bediente sich der mestizische Klerus sowohl des runa simi als auch des Spanischen, um inkaische Hymnen und Gebete konform mit der katholischen Kirche umzudichten. Auch die profane Dichtung wurde zu jener Zeit hauptsächlich von Mestizen verfasst, unter Verwendung der kastilischen Metrik und spanischer Lehnwörter. Vermutlich gab es weiterhin eine genuin indianische Dichtung, die aber sozusagen im Untergrund und vor allem in der oralen Tradition verblieb und nicht überliefert wurde.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein entstanden ständig neue Dichtungen, darunter sehr viele religiöse (christliche oder synkretistische) Theaterstücke. Die Bühne wurde instrumentalisiert, um biblische Geschichten unter die analphabetischen Laien zu bringen. In der Unabhängigkeitsepoche gewann die Auseinandersetzung mit dem indianischen Element identitätsstiftende Bedeutung; in die Zeit um 1800 fällt beispielsweise die erste Niederschrift des Dramas „Ollantay“. Traditionelle Formen wurden wiederbelebt. So versuchte etwa der peruanische Dichter Mariano Melgar, das yarawí (Liebeslied) in der spanischen Sprache zu etablieren.

Seit dem zwanzigsten Jahrhundert blüht die indigene Dichtung wieder auf. Nach wie vor wird sie aber als minderwertig diskriminiert und für weniger komplex gehalten als die von der europäischen Tradition geprägten National- oder Kontinentalliteraturen. So wird die moderne runa-simi-Dichtung einerseits von aussen marginalisiert, bleibt andererseits aber auch von innen hermetisch (und zu einem grossen Teil nach wie vor oral). Oft prophezeit ein ausschliessendes Wir historisch-soziale Kataklysmen, zieht der indianische Messias in eine rituelle Schlacht oder blutet ein bäuerlicher Märtyrer aus, was auf Aussenstehende entweder wehleidig oder anachronistisch wirkt, oder für sie aus Unkenntnis einer Tradition, die über Jahrhunderte im Untergrund operieren musste, schlicht nicht zugänglich ist. Auch die indigene Gemeinschaft selbst hat sich aufgespalten in zwei Kulturen: die weiterhin ländliche, sowie die urbane Diaspora der Landflüchtigen. Bereits José María Arguedas (1911 - 1969), einer der wichtigsten Vertreter des indigenismo, hat aber bewiesen, welches Potential die moderne runa-simi-Dichtung entfalten könnte, wenn man sie denn liesse. Um die abgedroschenste aller Phrasen auch noch unterzubringen: Globalisierung und Internet werden womöglich dazu beitragen, den indigenen Stimmen (nicht nur des runa simi) mehr Gehör zu verschaffen, hoffentlich aber ohne in einem romantisierenden, profillosen Einheitsbrei zu verköcheln wie die sogenannte world music.

Doch zurück zur Inka-Dichtung. Da alle Überlieferungen lyrischer Werke auf den Transkriptionen in den Chroniken basieren, sind die ursprünglichen Formen kaum zu rekonstruieren. Die Chronisten waren entweder eben dies, reine Geschichtsschreiber, die bar jedes dichterischen Handwerks einfach grob in krude Prosa übersetzten, ohne Rücksicht auf Form, Metrum oder Reim (womit wir nicht mit Sicherheit wissen, ob der Reim überhaupt verwendet wurde), während andere Chronisten durchaus poetisch geschult waren, die Gedichte und Lieder jedoch in europäische Formen umgossen. Es besteht eine auffällige Ähnlichkeit zwischen manchen inkaischen Gedichten und frühmittelalterlichen Liedformen der iberischen Halbinsel, beispielsweise in den Wiederholungsstrukturen, aber es lässt sich nicht sagen, ob dies Merkmale der Dichtung selbst sind oder nur ihrer Überlieferung.

Inca Garcilaso de la VegaZu einem nicht unwesentlichen Teil stütze ich mich in diesem Essay auf die Comentarios reales des Inka Garcilaso de la Vega. Den Vorwurf subjektiver Sympathie (nein, Bewunderung!) lasse ich mir gern gefallen, aber es wird Garcilaso allgemein attestiert, dass er um seine Verantwortung wusste und sehr sorgfältig vorging bei der Auswertung historischer Quellen. Man muss nur im Hinterkopf behalten, dass er sowohl die Inkas als auch die Spanier als Zivilisatoren glorifizierte und beide idealisiert darstellte, teils bestimmt auch in der Absicht, seine eigenen „Elternkulturen“ miteinander zu versöhnen (im Gegensatz zu seinem Kollegen und Zeitgenossen Felipe Huaman Poma de Ayala, der, aus einem niederen Geschlecht eines von den Inkas unterworfenen Volkes stammend, beide verteufelte und höchst merkwürdige Vorschläge zur Errichtung eines neuen indianischen Imperiums vorbrachte – uns dabei in seinen reichen Illustrationen aber ebenfalls unschätzbar viele Details aus dem Alltagsleben und der Geschichte der Inkas überliefert).

Garcilaso de la Vega wird 1539 als unehelicher Sohn eines Conquistadors und einer christianisierten Inka-Prinzessin (eine Cousine Atahualpas und Huascars) in Cuzco geboren. Seine Kindheit verbringt er im Schoss der Verwandten mütterlicherseits und nimmt so die (adlige) Inkakultur buchstäblich mit der Muttermilch auf. Er geniesst zudem eine vorzügliche Schulbildung. Mit 21 reist er auf Wunsch seines Vaters zum Studium nach Spanien und widmet sich dort dem Waffenhandwerk und der Dichtkunst. Er kämpft als Söldner, macht sich als Übersetzer neoplatonischer Werke einen Namen und publiziert schliesslich 1605 La Florida del Inca, eine Darstellung der Conquista in der Erzählweise eines historischen Romans. 1609 erscheint der erste von drei Bänden der Comentarios reales über inkaische Herkunft, Geschichte und Kultur, an denen er bereits seit über 20 Jahren gearbeitet hat. Garcilaso – er ist inzwischen Geistlicher – wird auf einen Schlag als brillanter Stilist berühmt und verkörpert geradezu den kulturellen und intellektuellen mestizaje. Erstmals bezeichnet ein spanisch schreibender, humanistisch gebildeter Autor Peru als „Vaterland“ und bekennt sich im selben Atemzug zu seiner indianischen Abkunft. Garcilaso kehrt nie wieder in sein Mutterland zurück; er stirbt 1616 77-jährig, am selben Tag wie Cervantes.

Allein die über alle Massen abschätzige Darstellung der vorinkaischen und von den Inkas unterworfenen Völker kann ich Garcilaso nicht verzeihen. Wohl lebte er in solchem Zeitklima, wohl wuchs er gleich in zwei Kulturen als Snob auf. Aber ein Mann mit seiner Intelligenz, Bildung, Erfahrung, Sensibilität, einer, der so sorgfältig arbeitete und es nicht nötig hatte, dem Zeitgeist das Wort zu reden, die Antithese des Schwarz-Weiss-Denkers, wie konnte der so danebenhauen?! (Und ich bin wohl selbstgerecht.)

[Fortsetzung folgt]

Provinzkritiker

Verspätete Bemerkungen zu einer Pseudokritik über Stephan Thomes Buch "Grenzgang"

Stephan Thome hat einen Fehler gemacht. Er hatte sich in der Kulisse seines Heimatortes Biedenkopf für die Literaturbeilage der "Zeit" (Oktober 2009) fotografieren lassen (die Bilder sind nicht online). Eine Bildunterschrift lautet: "Stephan Thome lebt zwar gerade in Taiwan, geht hier aber im heimatlichen Biedenkopf für uns in die Hocke." Jeder, der auch nur einen Funken Gefühl für Sprache hat, erkennt die verborgenen Invektiven. Zusammen mit der Rezension von Iris Radisch ergibt dies eine schwungvolle Denunziation des Romans "Grenzgang".

Rezension? Nein, das ist es nicht. Radisch hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, den Roman zu begreifen. Dabei sind diese katapultartig herausgeschleuderten Wortkaskaden eher Dokumente virulenter Sprachlosigkeit. Und als Vertuschungsmittel wird eine in der deutschen Literaturkritik bekannte und beliebte Methode verwandt: Sie "beschuldigt" dieses Buch, provinziell zu sein. Festgestellt wird dies von selbst-autorisierten Provinzwächtern (Hajo Steinert oder Dennis Scheck wären da in vorderer Linie zu nennen). Die Diagnose trifft man in "diesem Herbst" beispielsweise auch noch bei Peter Henning [Hanau] und Siegfried Lenz ["Grünau"; Nelkenfest!].

Beschuldigungen dieser Art kommen immer sehr gut, weil sie den Rezensenten gleichzeitig auch als weltmännischen (weltfraulichen?) Protagonisten ins helle Licht stellen. Lässt sich der Autor (wie hier) dann auch noch auf der Wiese posierend als eine Art Ganghofer-Wiederkehrer deuten, ist das Glück vollkommen. Man muss diese Kritikergeneration auch verstehen. Ihrer Sozialisation nach ist ihnen der Begriff der Heimat immer noch reflexartig verhasst (trotz [oder wegen?] Edgar Reitz); man hatte ihn (vor ihrer Zeit) ziemlich bereitwillig der Kitschindustrie überlassen und dabei vorsorglich braun eingefärbt, damit er nicht mehr gefahrlos wiederbelebt werden kann.

Stephan Thome  GrenzgangSo wittern die Diagnostiker der "Renaissance des deutschen Provinzromans" im immer stärker um sich greifenden europäischen Regionalismus (den sie außerhalb Deutschlands plötzlich goutieren und gelegentlich sogar mit Exotismus parfümieren) eine Wiederkehr der "Gewöhnlichkeit". Unlängst bekannte Dennis Scheck beim schwungvollen Bücherwerfen, dass ihn Regionalkrimis immer ein bisschen an Musikantenstadl-Mief erinnern. Bemerkenswert nur, dass sie beispielsweise ihren amerikanischen Helden diesen sogenannten Provinzialismus nicht nur verzeihen, sondern ihn gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen scheinen (was vermutlich damit zu tun hat, dass für die in der Mehrzahl eher stubenhockenden Redakteure die USA per se als Großstadt durchgeht und wo die Anschauung fehlt, wird der Zwerg schnell zum Riesen). Aber wo spielen denn noch einmal Updikes "Rabbit"-Romane? Ist Philipp Roth tatsächlich ein Großstadtromancier? Was ist mit Franzen? Naja, lieber nicht so genau fragen, sonst müsste man die Definitionsfrage stellen und würde vielleicht auf das Resultat stoßen, dass der Erzählort per se nichts über den Erzählstil oder die Sprache eines Buches aussagt.

Anleihen bei Eric Rohmer

Radisch stellt "Grenzgang" die "großen literarischen Meilensteine dieses Herbstes" gegenüber: Foster Wallace und Bolaño. Beide Bücher sind typische Literatur-Literatur. Diese kommen meist ohne das störende Publikum aus. Einige wenige Meinungsmacher geben die (meist affirmative) Richtung vor (die erklärten Anti-Literatur-Literatur ist seltener). Widerspruch gilt als Unverständnis; ein mokantes Lächeln hat man sich zu denken. Mit Literatur-Literatur erhöhen sich Kritiker in den Propheten-Stand. Der auf diese Weise verstummte Leser soll mit hochrotem Kopf einfach nur noch nicken - oder schweigen.

Es dürfte kaum jemanden geben, der in der vom Betrieb für notwendig befundenen Eile Foster Wallaces "Unendlicher Spaß" vollständig gelesen und verstanden hat. Ulrich Blumenbach, der deutsche Übersetzer, brauchte mehrere Jahre dazu und auf dem entsprechenden Blog des Verlages hatte die teilnehmende Kulturschickeria irgendwann lieber über ihre eigenen Erlebnisse berichtet (Hauptsache, man hat das Leseexemplar des Verlages als repräsentatives Schmuckstück im Regal stehen). Bolaños "2666" ist deutlich eingängiger und eine Fundgrube für Exegeten, die hinter den potemkinschen Romankulissen mit den plakativ gesetzten Verweisen des Autors Literatur-Memory mit ihren Freunden spielen können. Diese Romane als Kronzeugen gegen Thomes Buch in Position zu bringen ist in etwa so absurd als wolle man einen Eric Rohmer-Spielfilm mit einem Actionthriller vergleichen wollen.

Tatsächlich hat Thomes "Grenzgang" Züge eines Rohmer-Filmes. Und Thomas Assheuers Nachruf auf den kürzlich verstorbenen Filmemacher zeigt sehr schön, worin dessen Kunst bestand und zeigt (ungewollt) verblüffende Parallelen zu Thome auf: "Wir, die Insassen der Moderne, haben kein Land mehr unter den Füßen, wir sind 'eingeschifft' und treiben durch das Meer der Zeit. Niemand führt Regie und verrät den Liebenden, wer für wen bestimmt ist. Das heißt, die moderne Freiheit macht es den Menschen nicht leichter, sie macht es ihnen schwerer, denn sie lässt das Doppelgesicht der Leidenschaft 'nackt' hervortreten, ihr Dunkles, ihre Ambivalenz. Sie zwingt die Liebenden, den richtigen Gebrauch von ihrer Freiheit zu machen: Sie müssen den Augenblick des Gefühls 'ergreifen' und ihr Begehren in die Dauer der Liebe verwandeln. Sie müssen - wählen."

Und dieses Wählen fällt heutzutage (verblüffenderweise) so verdammt schwer, da man sich in seiner platonischen (Gefühls-)Höhle irgendwie eingerichtet bzw. arrangiert hat. Am Anfang bei Thome die Idylle des Gartens an einem Morgen im Mai: Von Osten her brechen Sinnenstrahlen durch die Ligusterhecke, legen sich waagrecht über aufblühende Beete und nehmen die Stämme von Birken und Kastanien in Besitz. Eine Stille aus Vogelgezwitscher und Insektengesumm füllt die schattenkühle Luft des beginnenden Tages und lässt alle anderen Geräusche verblassen: Verkehr auf der Hauptstaße und Schülergeschrei unten im Ort. Ein Netz aus weißem Tau deckt die Wiese, löst sich langsam auf, wo Sonnentupfer durch das Blattwerk fallen, und beteiligt sich am Wechselspiel von Licht und Schatten.

Aber da gibt es ein trotz allem davor: Trotz allem denkt sie: Der Garten ist ein Traum). Und gleich danach wieder der Blick auf und in die Realität. Das alles geschieht sehr subtil, manchmal – zugegeben - fast ein bisschen behäbig. Aber am Ende heißt es dann, Liebe sei ein autistisches Gefühl. Und das ist noch nicht einmal nur resignativ gemeint.

Es geht um Kerstin Werner, geschieden, 44, mit 16jährigem Sohn Daniel. Sie leben in dem kleinen Ort Bergenstadt (aka Biedenkopf) mit ihrer an Demenz erkrankten Mutter im Haus. Im Ort gibt es alle sieben Jahre ein auch überregional bekanntes Volksfest, den sogenannten Grenzgang. Hauptsächlich spielt der Roman im Mai und Juni 2006; dem Sommer der Fußball-WM. Der "Grenzgang" im August 2006 kommt nur kursorisch vor. Immer mehr zeigt sich im Verlauf des Buches, wie die Grenzgang-Zyklen den Lauf Kerstins (und anderer Figuren) strukturieren. Es gibt Rückblenden auf 1999 (der Vergleich 1999/2006 wird sehr oft gezogen; erzählt), 1992, 1985 (Kerstin lernte da ihren Mann, Daniels Vater, kennen) und sogar einmal eine Vorschau auf das Jahr 2013.

Tatsächlich ist das Erzählte vordergründig von einer geradezu provozierenden Unspektakularität. Zwar soll am Anfang der eigentlich gute Schüler Daniel Mitschüler erpresst haben, aber die Angelegenheit wird schnell aus der Welt geschafft. Sein Lehrer, Thomas Weidmann, der vor sieben Jahren zurück in den Ort kam, nachdem eine wissenschaftliche Karriere an Planstellenwirrwarr und Kollegengezänk scheiterte, "entdeckt" Kerstin bei dieser Gelegenheit wieder (nachdem es zwischen den beiden bereits bei einem früheren Grenzgang-Fest eine scheue, Effi-Briest-ähnliche Situation gab). Die Krankheit von Kerstins Mutter verschlimmert sich schnell und der Ex-Mann hat seine wesentlich jüngere Lebensgefährtin geschwängert. Kerstin fühlt sich schwunglos, überfordert, verunsichert; ein bisschen plakativ dabei der Gestus, den Thome immer wieder erwähnt: ihre so häufig verschränkten Arme.

Diese Form der Lebenskrise ist den deutschen Provinzkritikern natürlich suspekt, da zu profan und zu wenig abenteuerlich: Tatsächlich ist die Welt weder durch eine Terrortruppe bedroht noch erschüttert eine Hundertfache Mordserie die Region. Und auch der Besuch mit der (irgendwie) befreundeten Karin (Kerstin hatte auf Freundschaft gehofft und bekommt Komplizenschaft angeboten) in einen nahegelegenen Swingerclub führt nicht zu houellebecq-ähnlichen, exzessiven Ausschweifungen (wieder eine Enttäuschung!). Stattdessen entdeckt Kerstin Weidmann mit einer "Internetbekanntschaft" (das neue Pfui-Wort!) an der Bar und verlässt schockiert das Etablissement.

Es mag kosmopolitischen Bonvivants nun tatsächlich banal erscheinen, eines Sommerabends nackt im Badezimmer desjenigen zu stehen, den man begehrt und sich dort zur potentiellen Eroberung "frisch" zu machen. Eine Situation des Romans, die in einiger Breite erzählt wird und die Thomes Kunst, den Kitsch zu streifen, ihm aber nicht auf den Leim zu gehen, zeigt. Von all dem kein Wort bei Radisch. Merkwürdig. Und während man über die Internetjunkies und ihre Kunstwelt lästert wird selber hart am virtuellen Wind intellektueller Parallelwelten gesegelt.

Man kann im Einzelfall Thome vielleicht eine saloppe, gelegentlich etwas angestrengt daherkommende Sprache vorwerfen. Die Mehrzahl seiner Wortspiele trifft allerdings durchaus und zeigt von Ferne Woody Allen als Vorbild. Aber darum geht es gar nicht. Tatsächlich denunziert hier jemand eine Form der Literatur. Warum? Um sie nicht an sich heranlassen zu müssen? Weil sie mehr beißt als alle imaginierten Schreckensszenarien? Oder ist die "Gefühlsbetäubung bundesdeutscher Wohlstandsprofiteure", die sie Thomes Protagonisten vorwirft, in Wirklichkeit ihre eigene Empathieunfähigkeit?

"Grenzgang" ist ein über weite Strecken gelungenes Sittenbild einer Mittelschicht-Bundesrepublik nach 1989, in der epochale, katastrophale oder einfach nur spektakuläre Ereignisse, die Massen erschüttern oder ins kollektive Unglück setzen, weitgehend fehlen. Vergeblich sucht man beispielsweise einen Rekurs auf den 11. September 2001. Politische und intellektuelle Diskussionen finden hier nicht statt. Das mag man beklagen – insbesondere wenn man zufällig unter diesen Menschen sitzen sollte (ein Trost: für Fußball interessieren sie sich auch nicht). Dieses Desinteresse begreifen Kritiker wie Radisch als persönliche Beleidigung. Hier würden ihre Aperçus, Thesen und Einlassungen abprallen. Faust wollte noch Mensch sein auf seinem Spaziergang. Sie wollen über Bolaño parlieren. Mit Gleichgesinnten. Drunter geht es nicht. (Als ob das auf Dauer nicht auch langweilig wäre.)

Neben den von ihnen Verachteten, die durchaus mit ambivalenten Gefühlen Zuflucht in kollektive Freudenfeste suchen (und deren Erlebniswert gerade deshalb schal bleibt), strafen sie den Überbringer der Botschaft gleich mit ab. Dabei zeigt der Roman durchaus klug den fast körperlich präsenten Zwang, die allgemeinen Glückserwartungen, die einem in dieser Gesellschaft so offeriert werden, zu ergreifen und auszufüllen bzw. erfüllt zu bekommen. Und es wird erzählt, wie dieses Drängen zwischen Individualismus und Pseudo-Bierseligkeit changiert.

Die furchtbaren Siege

Die großen Dramen gibt es nicht mehr. Man kann aus deutscher Feder keine Kriegsheimkehrerprosa mehr erwarten. Vermutlich auch Thomes Pech, keinen Widerstandskämpfer oder NS-Kollaborateur in der Verwandtschaft zu haben und sich pflichtschuldigst an dessen Biografie abarbeiten zu können. Wie eine Mutter, die sich über eine durchzechte Nacht ihres längst erwachsenen Sohnes ärgert, zetert Radisch am Ende ihrer Epistel noch über des Autors Ausbildung und Wohnsitz. Hätte er doch nur einen Roman aus Taiwan oder China geschrieben. Davon hätte die Kritikerin zwar (auch) keine Ahnung gehabt, hätte sich jedoch mit der Affirmation besser schmücken können.

Kerstin, Thomas, Karin, ihr Mann (der sich später trennen wird), der Schuldirektor Granitzky und wie sie alle sonst noch heissen gehören der Generation der Baby-Boomer an, die im Wohlstand der 1960er Jahre wie selbstverständlich groß geworden sind und nun spüren, dass ihre beste Zeit bald vorüber ist. Die Glücksverheißungen werden schwieriger und ein Pragmatismus kehrt ein. Sehnsüchte existieren noch, werden jedoch schnell der Lage angepasst. Skepsis durchdringt den Alltag. Man hat zu viele Rechnungen gesehen, um an Gratisangebote noch zu glauben. Erfahrungen kann man eben nicht ablegen wie schmutzige Wäsche. Und man darf bloß nicht anfangen, die Tiefe ihrer Wunden zu vergleichen, das würde am Ende zu furchtbaren Siegen führen. Es gilt, sich mit Anstand auf das Alter vorzubereiten. Im Leben war nicht alles schlecht, aber die Chancen, die man vermeintlich hatte, stellten sich anfangs immer als grösser heraus, als sie es nachher waren. Gefragt ist die Kunst, sich selbst nicht zu früh zu desillusionieren und daran zu arbeiten, die Dinge in die Hand zu nehmen, solange sie noch im Fluss sind statt ängstlich abzuwarten, bis alles vorbei ist und dann nur noch die Trümmer beiseite zu räumen.

All dies wird ohne Larmoyanz, Innerlichkeitspose oder künstlich-erzeugtem Tiefsinn erzählt. Das ist schon richtig. Und bisweilen rutschen die Pointen auch mal in den Kalauer ab (etwa wenn Weidmann am morgen "danach" ein Weidmanns Heil in den Sinn kommt). Die fast durchgängige Ironie weicht aber glücklicherweise selten dem Zynismus (auch wenn es mal Spaghetti-Träger über Nilpferd-Schultern zu konstatieren gibt oder der Spaß das Festzelt füllte wie eine verstopfte Arterie).

Weidmanns Fazit mit um die 50 fällt nüchtern und ernüchternd aus und schlägt (unbewusst) genau in Radischs Kerbe. Diese Tiraden gegen das Spießertum, pardon Bürgertum, gegen die satte Selbstzufriedenheit auf intellektuell subterranem Niveau – ironische Tributzahlungen sind das an den, der er mal war, oder den, der er hätte werden können oder gerne geworden wäre. q.e.d.

Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem Buch "Grenzgang" von Stephan Thome.

Versuch über die Dichtkunst im Inkareich (I)

Essay von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez


EpiProlog
Apologie an entsetzte Wissenschaftspuristen
Ich habe in meiner Jugend lange genug (natur)wissenschaftlich gearbeitet. Jetzt geniesse ich die Narrenfreiheit des Alters und nehme mir heraus, mich nur noch mit Dingen zu befassen, die mich wirklich interessieren (mehr noch: die ich liebe), und dies vor allem auf eine Weise, die mir entspricht. Ich mag nicht einen einzigen weiteren Tag meines Restlebens in Ernsthaft verbringen. Einerseits habe ich den Dogmen der Wissenschaft („objektiv, reproduzierbar, wertfrei“) längst abgeschworen, denn sie sind pure Lüge und Selbsttäuschung, andererseits wäre es ohnehin vermessen, eine Arbeit auf einem Gebiet, in dem ich nicht qualifiziert bin, als „wissenschaftlich“ zu bezeichnen. Ich stehe, ganz in Montaignes Tradition, zu radikaler Subjektivität, auch wenn ich nicht den Schneid vorweisen kann, der einem raffinierten Essayisten anstehen würde. Ich verberge persönliche Vorlieben und Abneigungen nicht, ergreife Partei, beute die eigene Intuition, Erfahrung und das Hörensagen genauso aus wie die Quellentexte, falle mir munter selbst ins Wort, schweife ab, wo etwas zu spannend ist, um es zu unterschlagen, obwohl es scheinbar nicht zum Kontext gehört, und lasse auch mal Fünfe grade sein, wenn sich die Referenzen widersprechen und die Recherche vom Hundertsten ins Tausendste führt. Dabei versuche ich aber, ganz wahrhaftig und ein bisschen seriös zu bleiben – wo keine Version schöner ist als die andere, rate ich sicher nicht ins Blaue hinaus, sondern praktiziere den Übermut zur Lücke. Für all die eleganten Unschärfen übernehme ich die volle Verantwortung. Ich wage zu behaupten, dass diese Vorgehensweise durchaus im Sinne der andinen Dichter und Sänger und überhaupt kompatibel mit dem Geist des runa simi ist.

caylla llapi

puñunqui

chaupituta

samusac

 

zum liebeslied

wirst du schlafen

um mitternacht

werd ich kommen

 


Eins: quechua, da wo der Mais wächst, und runa simi, die Sprache der Menschen.

Das Wort quechua bezeichnet ursprünglich nicht die Sprache der Inka, sondern eine andine Höhenstufe, die von ungefähr 2300 bis 3500 m ü. M. reicht, sowie die dazugehörige Klimazone, die sich über landwirtschaftliche Grenzprodukte definiert. Die quechua ist durch ihr gemässigtes Klima und die ausreichenden Niederschläge die für die Landwirtschaft am Vielseitigsten nutzbare Klimazone der Anden. Erst die Spanier wandten den Begriff quechua auf die Sprache und ihre Sprecher an, und die moderne Ethnologie fasst mehrere andine Ethnien unter diesem Begriff zusammen. Die Inka selbst nannten ihre Sprache runa simi, „Sprache der Menschen“. Das allein ist zwar nicht ungewöhnlich; aber es ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass sich darin auch der Dünkel des Inka-Adels widerspiegelt. Nicht nur wurden die Sprachen der integrierten oder unterworfenen Völker als minderwertig betrachtet (die Sprachen der Vasallenvölker wurden kollektiv wawa simi genannt, „Kindersprache“); auch innerhalb der Inka-Sprache gab es in Abgrenzung zu den zahlreichen Dialekten eine Hochsprache, die den höhergestellten Familien und Beamten vorbehalten war. Man nimmt an, dass das heute in der Region Ayacucho (quechua ayacuchano) gesprochene runa simi dieser Hochsprache am nächsten kommt. Zwar wird die Bezeichnung runa simi aktuell wieder von radikalen nationalistischen Bewegungen instrumentalisiert, aber ihrer Präzision wegen übernehmen wir sie hier, wenn wir die Sprache meinen.

Da jede Schreibweise nur eine phonetische sein kann, ist es aufgrund der vielfältigen Quellen unmöglich, ohne vertiefte Kenntnisse des runa simi auch nur auf die kurze Strecke eines Essays einen einheitlichen Standard einzuhalten (quechua oder kichwa; yarawí, harahui, jaravi,… Abhilfe würde nur schaffen, den quipu lesen zu lernen!). Satzzeichen und Unterteilung der Suffixreihen in einzelne Wörter sind allgemein üblich, entsprechen aber nicht der Grammatik der Sprache und dienen daher nur der besseren Lesbarkeit.

Ebenso unsinnig ist übrigens jegliche Einteilung oder Unterteilung, so wie ich hier unter anderem die dichterischen Berufe oder die literarischen Gattungen auseinanderzudröseln versuche. Kapitel und Abschnitte um der Übersicht willen sind somit völlig willkürlich und künstlich.


Tahuantinsuyu   Quelle editionviktoria atZwei: tahuantinsuyu, räumliche und zeitliche Verortung; sei kein Dieb!, sei kein Faulpelz!, sei kein Lügner!, und wo bleibt der Dichter?

Geographischer und historischer Abriss: das tahuantinsuyu („die vier Regionen“) reichte zur Zeit seiner grössten Ausdehnung von Südkolumbien über Ecuador, Peru, und Bolivien bis Zentralchile und in den Nordwesten Argentiniens – das entspricht einer Fläche von zwei Millionen Quadratkilometern sowie einer Küstenlinie von 9000 Kilometern Länge. Nach Westen wurde das Reich durch den Pazifik begrenzt (manche behaupten, dass die Inkas auf dem Seeweg Polynesien erreicht hätten); im Osten blieb der Urwald trotz immer neuer Eroberungsversuche jene Grenze, die den wohlorganisierten Inkas schlicht zu bunt war, um sie zu überschreiten und dauerhaft zu kontrollieren. Jedes der vier Viertel, die sich am Nabel der Welt, in der Hauptstadt Cuzco, berührten – chinchay suyu im Norden, anti suyu im Osten, kunti suyu im Westen und qulla suyu im Süden – wurde von einem Gouverneur regiert.

Die Gründer des Reiches waren der mythische Manco Capac und seine Gefährtin Mama Ocllo, womöglich letzte Überlebende und Boten der Zivilisation aus dem kurz (?!) zuvor versunkenen Atlantis, nicht wahr!, das geschah ja vielerorts so oder ähnlich. Einige Chronisten datieren dieses Ereignis auf das frühe 6. Jahrhundert; das würde bedeuten, dass es das Methusalemphänomen ebenfalls in heidnischen Kulturen gegeben hätte, weil daraus für die mythischen Inkakönige Regierungszeiten von über hundert Jahren resultieren würden. Archäologen tendieren deshalb eher zum Jahr 1200 (sie lassen aber das runa-simi-Zeitempfinden aussen vor).

Das historische Imperium beginnt mit dem neunten Inka Pachakutiq und seinem Sieg über die Konföderierten Nationen der Chancas im Jahr 1438. Der elfte Inka Huayna Capac konsolidierte das Reich, das zu seiner Regierungszeit den höchsten kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Entwicklungsstand erreichte. Diese Pracht sollte jedoch nicht einmal ein Jahrhundert überdauern. Kurz vor dem Eintreffen der Spanier entbrannte ein Bürgerkrieg um die Erbfolge zwischen Huascar und Atahualpa. Letzterer siegte, stieg 1532 auf den Thron, und nur ein Jahr später ging er seines Kopfes verlustig. Die Spanier krönten weiterhin „Könige des Inkareiches“ – Marionetten des spanischen Vizekönigs. Eine Gruppe Inkas (nicht aus der königlichen Familie, daher mit leicht despektierlichem Unterton als „Incas de Vilcabamba“ bezeichnet) verschanzte sich im Osten und hielt sich bis 1572, als ihr Anführer Túpac Amaru I enthauptet wurde. Der letzte Inka von Vilcabamba, der gegen den spanischen Vizekönig die Revolution ausrief, war Túpac Amaru II (José Gabriel Condorcanqui), der 1781, vierzig Jahre vor der Unabhängigkeit Perus, hingerichtet wurde. Túpac Amaru, die Grosse Schlange, wird alle paar Jahrhunderte wiedergeboren und nicht ruhen, bis das Imperium reinstalliert ist.

Im tahuantinsuyu hatte niemand Hunger und jeder Obdach, medizinische Versorgung und Arbeit. Krieg wurde erst geführt, wenn diplomatische Verhandlungen nicht fruchteten (was natürlich dem Expansionsdrang nichts von seiner überheblichen Aggressivität nahm). Verwaltung und Logistik waren bis ins allerletzte Detail durchorganisiert, die Infrastruktur funktionierte ohne Fehl; Strassennetz, Postwesen, Wasserversorgung, Anbauplanung. Die Inkas wussten (die Römer und die Mongolen auch, moderne Imperialisten begreifen es nie), dass das Reich nur stabil bleiben kann, wenn religiöse und kulturelle Toleranz gegenüber den unterworfenen Völkern geübt wird. Zwar war die Gesellschaft streng hierarchisch organisiert und der sapa inka göttlicher Abstammung, aber man konnte durchaus auch durch Meriten in den Adel aufsteigen, ungeachtet der Herkunft. Neben all den kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften und der organisatorischen Perfektion bewundert der Agronom vor allem die sogenannte „vertikale Integration“: eine Lebensmittelerzeugung und -versorgung, die die natürlichen Ressourcen auf allen Höhenstufen, in beinah allen auf der Erde vorkommenden Ökosystemen (!) nutzt, ohne sie zu ruinieren. Der Fischer an der Küste konnte gefriergetrocknete Kartoffeln und charqui (gedörrtes Alpakafleisch) essen, der Hirte in der Puna Salzwasserfisch oder Affe aus der Selva; alles stand jederzeit überall zur Verfügung, ohne negative soziale oder ökologische Folgen. Eine Errungenschaft, der der Welthandel seither vergebens hinterherhechelt.

Nicht nur, um die heterogene Bevölkerungsstruktur auszugleichen, sondern auch, um das runa simi als Menschensprache zu etablieren, praktizierten die Inkaherrscher mitimaes: sie entwurzelten ganze Gemeinschaften aus den eroberten Gebieten und siedelten sie näher am Zentrum an, während längst akkulturierte Gemeinden in die neu annektierten Zonen ausgesiedelt wurden. (Wohl nicht immer mit Erfolg – die Chetillanos, mit denen ich zusammengearbeitet habe, wurden vor Jahrhunderten von den Inkas aus dem heutigen Ecuador zwangsumgesiedelt. Sie sind aber stur sie selbst geblieben und haben sich weder den Inkas noch den Spaniern angepasst, genau so, wie sie jetzt der Nestlé und den Schweizer NGOs die Stirn bieten. Noch nicht einmal ein Missionar scheint es je lang bei ihnen ausgehalten zu haben, und niemand sonst in ganz Peru versteht ihren hausgemachten runa-simi-Dialekt.)

Der Vergleich zwischen Römern und Inkas drängt sich bei allen Unterschieden unweigerlich auf. Die Römer kannten keine Null und die Inkas erfanden das Rad nicht; beide Kulturen kann man nur bewundern, und allein schon wegen der nun enttäuschten Neugier, wie lang sich das tahuantinsuyu gehalten und wie es sich weiterentwickelt hätte, war die Conquista ein überaus ärgerlicher Unfall der Geschichte. Aber, um persönlich zu werden, bei aller Bewunderung und Faszination hege ich eine heftige Abneigung sowohl gegen die Römer als auch gegen die Inkas. Beide waren gnadenlos effizient und beschämend phantasielos. Alles diente einem ökonomischen oder politischen Zweck; für nutzlose, bunte, schnörkelige, girlandenhafte Dinge war kein Platz. Sie bauten eckig und funktional, ihre Götter bekleideten Ämter in der Verwaltung, die Kunst wurde instrumentalisiert, und weil man selbst keine Musse hatte, auf die Inspiration zu warten, übernahm man von den Barbaren, was halt gerade so brauchbar war (vielleicht mit heimlichem Neid?). Das Motto des tahuantinsuyu lautete: ama sua, ama quella, ama llulla – sei kein Dieb!, sei kein Faulpelz!, sei kein Lügner! Ist ja alles ganz ehrenhaft; aber mal im Ernst, würde das einen Dichter motivieren, sich dort niederzulassen? Sowas kann doch nur Beamte, Militärs und Polizisten anziehen!

Ich vermute, dass auch die runa-simi-Poesie in der Dichtung der Vorgängerkulturen und der eroberten Völker wurzelt und vielleicht gar nicht in bedeutendem Mass eigenständig weiterentwickelt wurde. Wenn es möglich wäre, wenn es genügend Quellen gäbe, würde ich viel lieber über die Poesie der Nicht-Inkas schreiben. Selbst das, was uns von den Inkas überliefert ist, ist grausam wenig und unscharf. Sicher aber ist es immer noch mehr als ein schwacher Abglanz dessen, was einst gesungen wurde. Und es bleibt die Hoffnung, dass der eine oder andere Dichter am Hof (oder vielleicht im Hinterhof) des sapa inka nicht einfach nur ein Beamter war, sondern tief im Herzen eben dies: subversiv. Ein Dichter.


[Teil II]
Überlassung des Bildes mit freundlicher Genehmigung der "Edition Viktoria", Wien

Dieter Wedel: Gier / ARD

Dieter Wedel hat einen Film über die "Gier" gemacht. Über Finanzjongleure, die Anlegern sagenhafte Renditen versprechen. Wobei die meisten dieser Anleger den Unterschied zwischen Rendite und Gewinn noch nicht einmal so genau kennen, weshalb man die vereinfachende Formulierung "Faktor" verwendet. "Faktor 13" bedeutet, dass man das 13fache des "eingesetzten" Geldes zurückbekommen soll. Bei dieser Art Versprechen fragt offensichtlich niemand, wie dies geschehen soll. Die Antizipation des erwartenden Gewinns genügt zuerst einmal.

Natürlich gibt es hingegen allen Beteuerungen ein Vorbild für die Figur von Wedels Dieter Glanz. Dieses Vorbild heißt Jürgen Harksen. Aber weil Wedel eben Wedel ist, reicht ihm die bloße Darstellung des Gewesenen nicht aus. Glanz bekommt Züge des Gordon Gekko aus "Wall Street" und die Beziehung zum eigentlich unbedeutenden Immobilienmakler Schroth (man erinnert sich sofort an Bud Fox aus "Wall Street") ist in einigen Szenen fast vom Stone-Film von 1987 plagiiert. Um das besonders Deutsche herauszustellen gibt Wedel seinem Dieter Glanz einen Schäferhund zur Seite - seinen einzigen Freund, der nicht danach fragt, ob er Geld hat oder nicht.

Von dieser Güte sind viele der Anspielungen. Die Anleger, die "Dieter-Glanz-Familie", feiern auch noch in Glanz' Fluchtdomizil in Südafrika permanent Partys, währenddessen sie auf die Auszahlung des "Investments" warten, welches sich aus immer hanebüchenderen Gründen verzögert. Sie hängen an den Lippen eines Märchenerzählers und Heilands (ein Jesus-Wort entfleucht ihm dann auch) und sondern arg hölzern Sprechblasen ab, die diese Plastikwelt weder simulieren noch decouvrieren, sondern nur um eine simplifizierende Erwartungshaltung der Zuseher buhlen. Schroth ist in einer besonderen Position, da er, im Gegensatz zu den anderen, kein Multimillionär ist, sondern Geld zum "Investment" bei Familie, Freunden und Bekannten zusammengebettelt hatte, um von Glanz überhaupt berücksichtigt zu werden. Mit der Geschichte von Schroths Eltern (Heinz Hönig als Vater - auch hier steht Stone wieder Pate), die dann ihrem Sohn glauben und alles verlieren, soll zusätzlich ein bisschen Menschlichkeit erzeugt werden.

Nicht einmal als Knallchargen taugen diese Figuren. Devid Striesow spielt den Immobilienmakler Schroth als allzu naiven Tölpel. Uwe Ochsenknecht gibt einen Unternehmer mit dem vielsagenden Namen Grünlich - mit Marlon-Brando-Wattebäuschchen in den Backen und Gel in den Haaren. Jeanette Hein als Gloria Glanz wirkt wie eine somnambule Bhagwan-Göttin. Sibell Kikelli als Partygirl Nadja Hartmann, die sich auch schon einmal vor den Nachstellungen eines Millionärs hinter einem Liegestuhl versteckt, fungiert als eine Art Krankenschwester, die immer dann mit funkelnden Augen in Aktion tritt, wenn die Männer ihres Begehrens (Glanz und auch ihr Schwager Schroth) verzweifelt sind. Warum sie sich ihrem Schwager zwei Mal in reichlich ungemütlichen Situationen sexuell hingibt, bleibt eines der viel gehüteten Geheimnisse dieses Films (deren Auflösung man aber auch nicht besonders vermisst). Und selbst ein so guter Schauspieler wie Ulrich Tukur wirkt als Dieter Glanz wie ein mittelmäßiger Varietékünstler, der sich in London eine Kinderpost kauft und mit den Stempeln daraus Belege fälscht. Merkwürdigerweise hat diese Figur als großmauliger Einzelkämpfer genau das nicht, weswegen man ihm Millionen anvertrauen würde: Charisma (was eindeutig kein Makel Tukurs ist).

Wedels Film taugt nicht einmal als Übertreibungsspiel, weil selbst hierfür ein doppelter Boden notwendig wäre, der fast vollständig fehlt. So wird kaum vermittelt, warum die phasenweise desillusionierten Anleger dennoch bei Glanz bleiben (weil sie ansonsten ihre eigene Dummheit eingestehen müssten). Auch inhaltlich gibt es merkwürdige Leerstellen. So bleibt unklar, welche Rolle der dann auch noch in Südafrika auftauchende Staatsanwalt spielt (außer als Esser einer Dose Kaviar, die ihm Glanz' Anwalt aus der First Class während eines Fluges vorbeibringt). Und auch warum Glanz plötzlich nun doch ausgeliefert wird, erschließt sich aus der Handlung auch nicht.

Der ganz frühe Wedel hatte in seinen Filmen immer eine Spur von Aufklärung untergebracht. Seit einigen Jahren ist das nicht mehr der Fall. "Gier" ist ein läppischer Film, der ein großes Thema zu Gunsten oberflächlichen Klamauks liegen lässt. Dabei soll sich der Zuschauer vor allem eins: Wohlfühlen, weil er wenigstens diese Sorgen nicht hat und sein Ressentiment nähren. Einigen mag dies genügen. Aber eigentlich ist das zu billig.

Tariq Ramadan: Muhammad

Tariq Ramadan Muhammad

'O ihr, die den Glauben ablehnt, [deren Herzen verschleiert sind!] Ich verehre nicht, was ihr verehrt, noch verehrt ihr, was ich verehre! Ich bin kein Verehrer dessen was ihr verehrt, noch seid ihr Verehrer dessen, was ich verehre. Euch eure Religion, und mir meine Religion.'


Als ich das erste Mal davon hörte, dass Pier Paolo Pasolini einen Film über das Matthäusevangelium gemacht hatte, dachte ich, dass dieser Film wohl ein Riesenskandal gewesen sein muss. Schließlich war Pasolini Kommunist, Nonkonformist und vor allem: Atheist. Von seiner Homosexualität, die in vielen europäischen Ländern damals noch ganz offiziell als Verbrechen galt und noch heute von der katholischen Kirche verteufelt wird, ganz zu schweigen. Aber als ich dann zum ersten Mal den Film sah, war ich überrascht. Und verzaubert.

Der Film ist von 1964. Gedreht mit Laienschauspielern und in schwarz-weiß. Nichts wurde hier hinzugefügt; es ging tatsächlich um "Werktreue". Suggestive Bildsprache und Musik erzeugten eine Stimmung, die einem plötzlich die Chance bot, all dies für wahr zu halten. So auch das naturgemäß schwer zu glaubende Ende. Der intellektuell-korrekte Ausweg einer nur metaphorisch zu verstehenden Auferstehung war plötzlich eine allzu banale Ausrede, der den Zauber dieses Films, dieser Situation, dieser Konstellation mutwillig zerstört hätte. Und so reduzierte Pasolini Jesus von Nazareth nicht auf die Rolle eines Sozialrevolutionärs (diese Sicht gab es freilich auch), sondern zeigte dessen Spiritualität als Gewissheit. Das brachte ihm einiges Unverständnis ein, weil sich viele von Pasolini eine "radikalere" Sichtweise wünschten. Aber radikaler konnte es gar nicht sein, es war nur nicht die "erwartete" Radikalität (sprich: Gegnerschaft). Die Gretchenfrage lautete: War Pasolini wirklich ein Atheist? Die ästhetische Antwort wäre: Was spielt das für eine Rolle?

Tariq Ramadans Buch über den Propheten und Gesandten Muhammad (Propheten tragen eine Botschaft oder Lehre, aber es ist ihnen nicht aufgetragen, sie der Menschheit zu übermitteln…Gesandte empfangen, leben und vermitteln die göttliche Botschaft…Ein Gesandter ist also immer ein Prophet, aber nicht alle Propheten sind Gesandte) lässt zu keiner Sekunde einen Zweifel an der spirituellen Durchdringung des Autors aufkommen. Ramadan ist ein Gläubiger. Er braucht dies nicht explizit zu erklären. Aber ist das Buch deswegen schon "unmodern"? Ist "Objektivität" immer gebunden an Neutralität? Oder gar einer Gegnerschaft? Und was kann Ramadan rund 1400 Jahre später den bestehenden historischen Überlieferungen und Interpretationen noch hinzufügen?

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Matthias Horx: Das Buch des Wandels

Matthias Horx Das Buch des WandelsDas Pseudonym von Matthias Horx in "World of Warcraft" lautet Heilpriester Planetarius. Als man das ungefähr in der Mitte des Buches erfährt, ist man nicht mehr sonderlich überrascht. Hier ist jemand, der nach langer (und suggestiver) Rede mit forschem Gestus und angelsächsisch angehauchtem Optimismus seinem Leser auf die Schulter klopft und "alles Gute" wünscht. Lässt man sich auf sein "Buch des Wandels" ein, bleibt man zuverlässig von den großen Katastrophen verschont. Fast nebenbei soll sich beim Leser das wohlige Gefühl einstellen, Zigtausende Seiten Lektüre gespart zu haben. Nachfrager, Abwäger, Skeptiker, Kritiker – sie gehören allesamt der Gruppe der Alarmisten an. Das hat man endlich schwarz auf weiß. Daneben gibt es noch die mehr oder weniger gleichgültigen Stoiker und, nachdem diese Zweiklassengesellschaft wider Erwarten doch nicht ausreicht, kommen noch die Wandelhektiker à la Sloterdijk dazu, die nur mit Imperativen agieren und reglementieren können. Ein schöner Beleg dafür, dass Horx Sloterdijks Buch nicht verstanden hat. Aber wenn es nur das wäre…

Aber die Rettung naht. Horx' Rezept ist ein bisschen vom Bildungs- und Politiksystem wie in Finnland (Allparteienregierung!), Eigeninitiative wie aktuell im krisengeschüttelten Island, ein Sozialvertrag à la Tony Blair, eine Prise dänischer Sozialstaat und holländisches Arbeitslosensystem. Zur Erbauung folgt vorher noch ein seltsam hölzernes "kreatives Manifest" (Welche Kraft ist es, die diese Welt, die Welt nach dem Industrialismus vorantreibt? Es ist die menschliche Schöpferkraft selbst, die Macht des menschlichen Geistes) – und fertig ist diese eigenartige Utopie einer utilitaristischen Gesellschaft, die zugleich Züge eines naiven Kinderglaubens enthält. Und trotz Ankündigungen über die Transformationen der Zivilisationen und großmauligem Gerede einer Politik jenseits des dritten Weges braucht man eigentlich nichts zu tun, außer weitermachen wie bisher – und das ist das Beruhigende für all die Zahnarztfrauen, Rechtsanwälte, stellvertretenden Abteilungsleiter und Stationsärzte, die dieses Buch im Urlaub lesen werden. Die Botschaft: Nein, wir machen nichts grundsätzlich falsch. Balsam für die durch den Virus des dunklen Denkens infizierte wunde und verunsicherte Wohlstandsseele. Schluss mit unlustig. Der Sollzustand der deutschen Kultur soll nicht mehr länger das tragische Unglück sein. Auf das die Piña Colada an der Bar des Rotary-Club wieder schmeckt. Und wer nach diesen "Visionen" noch Sloterdijk lesen möchte, muss Masochist oder einer dieser destruktiven Elemente sein.

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Oscar Heym: Die Reserven

Oscar Heym  Die ReservenDeutschland 1976, mitten im "Kalten Krieg". Die Ölkrise ist zwar vorüber (die Sonntagsfahrverbote wurden im Dezember 1973 aufgehoben), aber der Schock sitzt tief. Wenzel Hoffmann, deutsch-amerikanischer Geologe kommt nach Deutschland, um in halb-geheimer Mission nach Öl zu bohren. Er wacht aus dem Flug aus bleierner Müdigkeit auf und stellt fest, dass seine Unterlagen verschwunden sind. Er rennt zurück zum Flieger, trifft dort aber nur einen alten Mann, der ihn kurz an seinen Vater erinnert, und die attraktive Stewardess Margarethe (Mag). Beide können ihm nicht helfen; die Unterlagen bleiben unauffindbar. Mag und Wenzel verbringen entgegen jeder Planung mehrere Tage zusammen und geben sich hemmungslosem Sex hin.

Wie ein kleiner Taugenichts wird dieser Wenzel eingeführt, der mit mehreren Tagen Verspätung in dem fiktiven (?) Ort Gronau im deutsch-deutschen Grenzgebiet eintrifft (das reale Gronau-Leine stimmt geografisch nicht ganz mit dem Erzählort überein; allerdings gibt es tatsächlich Erdölvorkommen in Niedersachsen die gefördert werden). Wenzel macht unmittelbar Bekanntschaft mit der Provinzpolitik dieser eher finster gezeichneten Gegend (auch sein Deutschland-Bild ist anfangs nicht ungetrübt). Die Fäden spinnt eine Frau Krieger, die, herrisch, zynisch und menschenverachtend, Gronau mit harter Hand beherrscht, den Pächtern gekündigt hat und mit dem Öl einen großen Profit erwartet. Sie kommandiert Wenzel wie einen kleinen Jungen herum und demütigt Familie und Umgebung wo sie nur kann (ihr Sohn ist behindert, die Tochter wird später drogensüchtig). Sogar Wenzels Chef, Mr. Leicester, ist ihrem unbändigen Aktionismus ausgeliefert.

Wenzels geologischer "Ehrenkodex", d. h. vor Ort zahlreiche Bodenproben zu nehmen und diese vor Probebohrungen umfassend zu analysieren, wird sehr schnell den wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Als Mag Wenzel in Gronau besuchen kommt, lernen beide den Hass von Frau Krieger kennen, die Mag unverhohlen als Prostituierte und Spionin beschimpft. Auch hier ist Wenzels Widerstand überraschend gering; für ihn, den 28-jährigen, soll diese Stelle ein Sprungbrett für die berufliche Karriere sein. Zu Wenzel stößt Pop, der dem Job des Bohrleiter[s] wahrnehmen soll, während Wenzel als Forschungsleiter fungiert. Der Bohrplatz wird als Raffinerie für eine Zuckerrübenfabrik getarnt und die Gebäude werden offiziell ein Erholungsheim für US-Soldaten.

Oscar Heym schildert den Ort und dessen Provinzialität durchaus plastisch. Der Wirt scheint nicht zu wissen, wo Amerika liegt (das war selbst für die 70er Jahre ungewöhnlich). Geschildert wird eindringlich die anfängliche Verunsicherung Wenzels, die jedoch sukzessive einer kruden Mischung aus Befehlsempfängertum, Profilierungsgehabe und Gier weicht. Früh wird er (auch durch einen Besuch Leicesters) auf das "richtige" Ergebnis seiner Untersuchungen sozusagen vergattert – unabhängig davon, ob es tatsächlich stimmt oder nicht. Aber einmal wird Wenzel zu einem Empfang von Wirtschaftsführern in Frankfurt eingeladen und man suggeriert ihm, die Bohrungen ruhen zu lassen. Als er dem folgen will (es ist nicht ganz klar, warum er diesem Drängen nachgibt), gibt es einen Aufschrei der Entrüstung; sein Job steht auf dem Spiel – aber als die Bohrungen wieder aufgenommen werden scheint alles vergessen; er wird sogar befördert (irrtümlich nahm man wohl an, er wollte seine Position dadurch verstärken).

Goldgräberstimmung

Langsam driftet die Erzählung von Wenzels Befindlichkeiten weg zur Schilderung der Verstrickungen, in die der unerfahrene Geologe gerät (er leidet zusätzlich darunter, dass Mag sich nicht mehr meldet und unauffindbar bleibt). Offiziell ist er Leicester verpflichtet, der jedoch bis auf weiteres unerreichbar bleibt. Frau Krieger übernimmt frech die Rolle des Chefs und versucht im Wechselspiel zwischen herrischen Gesten und erotischen Avancen Wenzel an sich zu binden. Pop will den Erfolg, um schnell auf eine lukrativere Stelle nach Arabien zu kommen, obwohl er bei einer Gasexplosion verletzt wird und einen steifen Arm behält. Nach zwischenzeitlichem Zögern, in dem Wenzel auf die Idee kommt, die Ölvorkommen zu nationalen Reserven zu erklären und sie nicht auszubeuten (Pop kritisiert dies natürlich mit der Logik eines Ölförderers), gibt er dem Druck nach. Zwar wird anfangs sehr wohl Öl gefunden, aber er heizt den Hype zusätzlich an und suggeriert immer größere Vorkommen. In der Stadt entwickelt sich eine Goldgräberstimmung. Zwar nagte die Unzufriedenheit an Wenzel, aber dann schwimmt er auf dieser Welle wider besseres Wissen mit und genießt den Reichtum (bzw. dessen Antizipation). Und hieß es anfangs, die Ölförderung sei ein Politikum (diese krude Mischung aus Angst und Hochmut vor den Kommunisten - ein Phänomen der damaligen Zeit – versteht Heym sehr gut zu schildern), so wird nun eine Blase produziert, die von vollkommen falschen Voraussetzungen auf völlig irreale Ziele (Selbstversorgung Deutschlands binnen zehn Jahren) fokussiert ist.

Wenzel muss, um den Boom noch eine Weile aufrecht zu erhalten, die Produktion unter einem Vorwand drosseln (was diesmal widerspruchslos klappt). Nur so wird verschleiert, dass die Fördermenge rapide zurückgeht (teilweise nur noch auf ein Fass pro Tag!). Nicht Fakten zählen, sondern der Glaube an imaginäre, eingebildete Fördermengen. Die Erwartung wird bestimmende Größe. Er bemerkt, was für ein Dilettant und Hochstapler der Architekt Nitzschke ist und wie er sich die Aufträge beschafft. Aber er selber wird zum Hochstapler des Alltags und er und Pop sprechen von sensationellen Funden, die nur noch gefördert werden müssen.

Wenzels Desillusionierung lässt nicht lange auf sich warten. Als Leicester seine Anteile an der Firma verkauft (es bleibt bis zum Schluss unklar, wer danach Mehrheitseigentümer wird) und einen anderen Job annimmt, wird ihm schlagartig klar, dass es der Ausgangspunkt einer Blase war, die nun mit Vehemenz droht zu platzen – mit allen Konsequenzen. Hinzu kommt das Gerücht, eine seltsame Krankheit gehe um (Gasaustritt?). Immerhin hat man tatsächlich neue Vorkommen entdeckt. Diese sind jedoch von minderer Qualität und werden streng genommen schon auf dem Gebiet der DDR ausgebeutet. Dort duldet man dies und nimmt die Ware zu 50% des Marktpreises ab, was zwar einen gewissen Abfluss garantiert, den wirtschaftlichen Zusammenbruch aber nur verzögert.

Zum ökonomischen Desaster kommt noch das Persönliche hinzu. Zwar begegnet Wenzel seiner Mag auf dem Frankfurter Flughafen per Zufall wieder (sie ist nun Stewardess einer osteuropäischen Fluglinie), aber die anfängliche Freude verwandelt sich schnell in tiefe Verzweiflung. Sie hatte eine Totgeburt und ihre Eltern sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie ist ein anderer Mensch geworden, fahrig, wie verfolgt, ihre Augen sind erloschen; Sex ist unmöglich geworden. Sie ist drogen- und tablettenabhängig - und tatsächlich: sie spioniert (aus Überzeugung) für die Gegenseite ("Der Westen ist die Krankheit…Er reißt uns in den Abgrund"), was Wenzel nicht unterbindet.

Er versucht Mag zu helfen, zieht mit ihr in Frau Kriegers Haus, die es immer mehr ins mondäne München zieht. Später stellt sich heraus, dass sie das Haus nach Stasi-Manier verwanzt hat. Mag kommt beim Versuch, durch einen stillgelegten Stollen in die DDR zu kommen, ums Leben. Die Förderung wird eingestellt, Pop bekommt seinen Job in Arabien, Wenzel kommt ins Gefängnis (Anklage wegen Geheimnisverrat) und ist ruiniert. Am Ende trifft er Nitzschke wieder, der als Professor reüssiert hat. Er hat Frau Krieger geheiratet, die sehr schwer krank ist, aber ihre Menschenverachtung blitzt noch immer hervor.

…und Zusammenbruch

Konnte man am Anfang durchaus auf den Gedanken kommen, dass Wenzel ein bisschen etwas vom Landvermesser K. hat, so ist dann am Ende der fast haarlose Geologe wie ein entfernter Verwandter des Mannes in der Türhüterlegende, der hier Einlass verlangt, um einen Vortrag im Auftrag Nitzschkes halten zu können und zunächst nicht vorgelassen wird. Mehrmals streut Oscar Heym Gedächtnislücken bei Wenzel ein; Filmrisse: Dokumente sind plötzlich verschwunden, eine große Müdigkeit ohne Erinnerung beim Aufwachen, Desorientierung in Raum und Zeit. Aufgelöst wird das nicht. Wurde er manipuliert oder unter Drogen gesetzt? Oder liegt eine Parallele zur Demenz des Vaters vor (der als Opfer einer Fehlspekulation schlichtweg verblödet ist)? Heym gibt dadurch der eigentlich klar konturierten Figur eine geheimnisvolle Aura wieder zurück, die durchaus Raum für Deutungen lässt.

Fragt man sich anfangs warum dem zeitgenössischen Leser eine fiktive Geschichte einer Ölförderung von 1976 (der Roman endet ungefähr 1983) interessieren soll, so gelingt es Heym schnell, dieses Interesse zu erzeugen. Anfangs durch starke Bilder, fast Lyrismen (etwa, wenn Tragflächen bei der Landung ein Geräusch wie wiehernde Pferde machen, wenn er auf einer Straße steht verschluckt von der Dunkelheit). Später verlässt der Roman diese kontemplative, wahrnehmende Ebene dann zusehends, was der Verwandlung der Figur Wenzel, des Ich-Erzählers, geschuldet ist und diese dadurch illustriert. Dennoch werden immer wieder verstörende Bilder in den Roman eingebaut (beispielsweise die Inzest-Szene der Krieger-Geschwister), die zunächst zusammenhanglos und willkürlich erscheinen. Selten, dass Wenzel in seinem Klagen larmoyant wird, obwohl er sich durchaus manchmal ausgeliefert sieht. Dennoch: Im entscheidenden Moment trifft er seine Entscheidung autonom (auch wenn er die Folgen nicht zu übersehen vermag). Als durch den Verkauf Leicesters die Angelegenheit durch diesen demonstrativ zur Blase erklärt wird, besitzt er nicht die Stärke, auszusteigen.

Man kann diesen Roman durchaus als Parabel kapitalistischer Exzesse oder vielleicht sogar des Kapitalismus selber lesen. Der Mikrokosmos Gronau dient als Anschauungsobjekt für Vorgänge dieser Art und so ganz nebenbei wird mit der Fama menschlicher Unzuständigkeit und Unverantwortlichkeit an einer solchen Blase aufgeräumt. Die Folgen werden metaphorisch verpackt: Die einzige dezidierte Kritikerin der Verhältnisse (Mag) stirbt bei dem Versuch, dem System zu entfliehen. Die anderen Protagonisten sind gebrochene Persönlichkeiten oder werden zu (psychischen und/oder physischen) Versehrten. Einige werden unheilbar krank oder siechen (in Drogenkliniken) dahin. Familienbande lösen sich auf, falls sie jemals vorhanden waren. Selbst der Opportunist, der als einziger scheinbar "angekommen" ist (Nitzschke), wirkt nicht glücklich. Unklar bleibt am Ende das Los Wenzels.

Glücklicherweise vermeidet der Autor sowohl den erhobenen Zeigefinger wie auch überinstrumentalisierende Metaphern. Die Hauptfigur wird weder einer wohlfeilen These "geopfert" noch als tollpatschiger Trottel verharmlost. Die Autonomie des Lesers und dessen Reflexion bleibt erhalten und wird nicht bevormundet; es gibt keine penetrant vorgetragene "Botschaft". Gelegentlich knirscht es ein bisschen in der Sprache und besonders gegen Ende erscheint Wenzel immer noch ein bisschen zu naiv. Aber "Die Reserven" hinterlässt eine erstaunliche Wirkung: man bekommt diesen Wenzel Hofmann, der heute 60 Jahre alt wäre, so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Und man hätte gerne noch weitergelesen.
Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch

Odessa Transfer – Nachrichten vom Schwarzen Meer (Hrsg.: Katharina Raabe und Monika Sznajderman)

Odessa TransferIn "Odessa Transfer" begibt man sich in dreizehn Etappen auf eine Reise rund um das Schwarze Meer, wobei, wie Katharina Raabe als Mitherausgeberin dieses Buches im Vorwort feststellt, viele Beiträge härter und politischer ausgefallen seien, als man dies erwartet hatte. Und der Leser schnauft mitunter über diesen tatsächlich verbissenen politischen Impetus, der einige dieser Erzählungen, Essays und Reportagen (es gibt auch ein Gedicht – und was für eines!) bestimmt und muss dabei wohl konstatieren, dass diese Region vorerst leider keine Postkartenidylle ist, in der zwanzig Jahre nach Aufhebung der bipolaren Welt per Knopfdruck paradiesische Zustände eingetreten sind.

Es beginnt mit Aka Morchiladzes wunderbarer Ortserzählung über die georgisch-türkische Grenzstadt Batumi, welche den Schatz der Ewigkeit besitzt und immer auch nach Flucht riecht und dem Autor gelingt es auf diesen noch nicht einmal zwanzig Seiten fast die ganze Geschichte vom 15. Jahrhundert über Stalin bis in die Gegenwart dieses Ortes zu evozieren und auf die Frage, was wohl das Schönste an Batumi sei, gibt es diese kleine Eloge (und für einen Moment möchte man sofort dort hin):
Gehen Sie im Hochsommer frühmorgens vom äußersten Süden aus die Küste entlang. Zu dieser zeit kehren am Rande der Stadt die Fischer in ihren Booten ans Ufer zurück, und in den Netzen zappeln und glitzern die silbernen Fische. Noch weiß man nicht, ob die Sonne durchkommt oder ob es regnen wird. Beides kann sogar gleichzeitig geschehen. Das Meer ist ruhig: Weit draußen im Norden schaukelt ein Schiff, dessen Größe und Herkunft nicht auszumachen sind. Unmerklich nähert man sich der Stadt, ohne genau zu erkennen, wo sie beginnt. Zu dieser Zeit ist ringsum alles, wie es ursprünglich war. Die Häuser, die Palmen und die langen Bänke am Strand sind wie hingetupft – als ob es sie gar nicht gäbe. Die sanfte Stimme des Meeres, das dumpfe Geschrei der Möwen – das einzige vernehmbare Geräusch.
Und direkt danach, wider die Geschichtsvergessenheit dieses Ortes: Jenseits davon existiert ein ganzes Universum der Flucht, der Rettung, der Veränderung und ein unendliches, unentdecktes Territorium – natürlich nur, wenn man sich in dieses Meer hineinwagt. Diese letzten Worte der Erzählung von Morchiladze können fast programmatisch für dieses Buch genommen werden.

Von Batumi geht es im Uhrzeigersinn (Raabe) mit Emine Sevgi Özdemar an die türkische Schwarzmeerküste (ein expressionistisch-politischer Text). Danach folgt Andrzej Stasiuks mitreißende Roadmovie-Erzählung in der er von Serbien über Bulgarien (es gibt im bulgarischen Hotelfernsehen, so stellt der Autor fest, nur Pornos oder Eurosport; bei letzterem schläft er dann ein) bis nach Istanbul fährt und dem Leser diesen Raum zum Reisen in schönen Bildern mit belebenden Abschweifungen nahebringt. Man erfährt so nebenbei, warum Stasiuk für die EU-Mitgliedschaft Serbiens plädiert (damit es an den Grenzen keine bürokratisch-aufreibenden Kontrollen mehr gibt, die den ungehinderten Verkehr und vor allem die schnelle Autofahrt aufhalten) und wie verblüfft er schließlich ist, als er auf türkischem Gebiet fahrend so rein gar nichts entdeckt, was seinem Bild vom Orient entspricht und sich eher an eine deutsche Autobahn oder den amerikanischen Maisstaat Iowa erinnert fühlt. Und vorher der Grenzbeamte an der bulgarisch-türkischen Grenze mit seinem elegant gestutzte[n] Schnurrbärtchen, der im Häuschen mit dem großen Portrait von Atatürk mit Feierlichkeit und Gesetztheit, ja sogar Würde die violette Marke des Staates in den Paß klebte und fast euphorisch wird bemerkt: Das Land gefiel mir von Anfang an.

Supermächte der Mythologie, Ovid und der Mantel der Mutter

Danach übernimmt Sibylle Lewitscharoff verspielt-assoziativ (von Ferne Thomas Pynchon anhimmelnd), wobei die ansonsten so gerne vorgetragene Bulgarien-Haßliebe der Autorin diesmal weitgehend ausbleibt. Diesen Part übernahm vorher bereits Stasiuk mit dem Vergleich Bulgariens mit Bangladesh (auch wenn es nur um die Qualität des Asphalts der bulgarischen Straßen ging). Takis Theodoroupoulos' wunderbar ironischer, aber niemals despektierlicher Aufsatz über die Supermächte der Mythologie ist dann einer der Höhepunkte dieses Buches. Wir erfahren so einiges über den bedauernswerten Mann Odysseus, der tatsächlich gar kein richtiger Seefahrer war und dessen Antipode Jason, diesem zum ruhelosen Herumirren Verurteilten. Wir lernen, dass die Griechen ihre Kolonien nicht als Eroberer führten, lesen einiges über Medea (die im Gegensatz zu Maria Callas in Pasolinis Film in Wirklichkeit blond gewesen sein soll) und der Bogen zum Schwarzen Meer wird mit dem Zug der Argonauten und die imaginäre Eroberung des Gastlichen Meeres geschlagen.

Mircea Cărtărescu zieht es von Kindheit an immer wieder in die Verbannungsstadt Ovids (Tomis bzw. Constanţa), der hier die Sprache des Unglücks erfunden hatte. 1995 war das Meer merkwürdig alt geworden und in einer Vision schmilzt das Bronze-Denkmal Ovids dahin. Ein schönes Bild wie trotz (oder wegen?) der touristischen Aufbereitung für den seinerzeit von Rom Vergessenen und von den Barbaren beweinten irgendwann wieder zum Vergessen führen kann und die Vergeblichkeit all dieses Treibens wird am Ende auf die Spitze getrieben, wenn der Hitzetod des endlosen Universums in ein paar Milliarden Jahren "droht".

Auch Attila Bartis kommt immer wieder nach Constanţa, seinem Sehnsuchtsort der Kindheit. Sein Beitrag ist eminent politisch und beschäftigt sich mit dem Ceauşescu-Regime Rumäniens (der Name des Diktators fällt nie; diese Ehre wird nicht gewährt). Als Angehöriger der ungarischen Minderheit machte der Ich-Erzähler, der mit Bartis identisch ist (eine Verfremdung wird erst gar nicht versucht), von Kind an Bekanntschaft mit Argwohn, Pression und Verfolgung und stellt resigniert fest, dass das "neue" Rumänien zu häufig auf den alten Strukturen (Personen) aufbaut. Da mag man den manchmal arg moralisierenden Gestus nachsehen und Bartis erkennt selber, dass es eigentlich seine Aufgabe wäre…über die Zukunft des Schwarzen Meeres zu schreiben, aber die Zukunft ist hier so eng mit der Vergangenheit verknüpft, dass das Vergegenwärtigen der Vergangenheit zur Zukunft zu gehören scheint. (Ist das wirklich so?)

Und so auch die Reminiszenz an die Mutter am Ende der Erzählung, ein Moment des Glücks, zu sehen auf einem Foto von ihr, aufgenommen vor genau fünfzig Jahren, jemand hat mit Tintenstift das Datum auf die Rückseite geschrieben […] Constanţa, 1958. Ich rechne nach, sie war damals einunddreißig Jahre alt. Also war sie von ihrem ersten Mann schon geschieden. Also kannte sie meinen Vater noch nicht, denn mein Vater saß zu der Zeit im Gefängnis. Wieder und wieder rechne ich nach: genau fünf Jahre zuvor war ihre Tochter gestorben. […] Eigentlich erkenne ich sie nur an ihrem Mantel. Auch zwanzig Jahre später noch war das ihr Herbstmantel. Irgendwann gegen Ende der siebziger Jahre verschwand dieser Popelinmantel von den Herbstfotos. Fast ein ganzes Leben lang hatte sie ihn besessen. Mit wehendem Haar, einen langen Schal um den Hals, steht sie am Ufer des Meeres. Ihren Mantel knöpft sie nicht zu, hält ihn nicht zusammen, läßt einfach geschehen. Öffnet sich jemandem. Schön und frei ist sie. Fremd. Weder in Vergangenheit noch in die Zukunft schaut sie, nur jemandem in die Augen. Sie ist glücklich. Weit im Hintergrund ist ein Leuchtturm. Von Vásárhely aus ist dieser Leuchtturm, zumindest in Kilometern gemessen, der fernste Punkt, an den sie in ihrem Leben je gelangt ist.

Bluejeans, Tee und Einheitskindheit

Katja Lange-Müller erzählt eine deutsch-rumänische, ein bisschen verschrobene Liebesgeschichte bevor Nicoleta Esinencu mit ihrem fulminanten Gedicht "Odessa Transfer" (der ja auch Titel des Buches ist) ansetzt. Hier erscheint dieses Schwarzmeer-Vielvölkergemisch in seiner ganzen Vielfältigkeit, Schönheit und gleichzeitig Verzweiflung. Viel mehr als manche politische Reportage entsteht hier ein historisch-kultureller Abriß der letzten dreißig, vierzig Jahre und das auf leichte, aber keineswegs seichte Art. Da ist Perestroika irgend so ein neues amerikanisches wort // das mein bruder aus odessa mitgebracht hat und Jeans werden zu Statussymbolen (wobei: echte jeans müssen abgenutzt sein). Da wird die Geschichte Bessarabiens erzählt und das jetzige Leben zwischen Moldawien, Rumänien und der Ukraine gespiegelt, welches sich außer der zum Teil abenteuerlichen Hin- und Herreiserei über Staatengrenzen hinweg (hinreißend das Schildern des Textilschmuggels im Übereinanderanziehen von Hosen, Pullovern und Jacken) kaum von der früheren Zeit unterscheidet. Und die Menschen seufzen o gott daß wir ausgerechnet im ärmsten land // von europa geboren werden mussten. Aber in constanţa ist das meer grün, Guirguileşti ist eine Stadt am Meer (!), bluejeans sind so was banales geworden und das schwarze meer hat die farbe des waffenhandels und drogenhandels // in transnistrien.

Man wandert mit Karl-Markus Gauß durch Odessa (für ihn eine Art Triest des Ostens) und entdeckt mit dem neuen Shooting Star der osteuropäischen Literaturszene, dem Ukrainer Serhij Zadan, "Postsowjetische Paradiese", in dem man einer jugendlichen Diebesbande bei der "Arbeit" zuschaut und am Ende einer der Diebe in den erotischen Bann einer deutlich älteren Generalswitwe gerät. Daneben pflanzen ein paar Moldawier wilden Hanf an und in Jalta wird in einem Betonmischer in einem seltsamen alchemistischen Unternehmen bis zu einer Tonne Normalkaffee hergestellt, wobei es von Vorteil war, dass die Alchemisten Vegetarier waren und sich nur bombenstarken Tee brauten. Hier werden sowohl die Erinnerungen an die Sowjetzeit als auch das neue, verwirrende Leben in der Gegenwart mit einem heiter-magischen Realismus erzählt, wie es ihn vielleicht im Moment nur aus Osteuropa gibt.

Getragen und ernst wird es als man mit Katja Petrowskaja das Kinderlager Orljonok besucht (dieser weltgrößte[n] Enklave für die glückliche Kindheit) und von der Autorin äußerst suggestiv die Parallele zwischen sowjetischer Umerziehungsanstalt und nationalistischem Indoktrination à la Putin nahegelegt bekommt. Damals wie heute eine Einheitskindheit mit dem Ziel einer manipulierbaren Gesellschaft und man bezweifelt gar nichts an diesem Bericht, findet es auch ganz schlimm, wenn auf einer Wanderung noch "Aufgaben" zu lösen sind, wird aber durch diesen besserwisserischen Duktus skeptischer als nötig und möchte die Autorin einmal nach Deutschland einladen um ihr zu zeigen, wie viel feiner aber in der Wirkung ähnlich hier die Jugend konditioniert wird, aber da erfährt man aus der Kurzbiographie am Ende des Buches, dass sie seit 1999 in Berlin lebt und für die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und die Deutsche Welle arbeitet.

Abchasien

Den Abschluss des Buches bildet ein überaus interessanter Essay des britischen Journalisten und Osteuropakenners Neal Ascherson, der tatsächlich für eine politische und diplomatische Anerkennung Abchasiens plädiert. Im Gegensatz zu Süd-Ossetien (wie Abchasien einer von Georgien abtrünnigen Provinz), die sich durch die einseitige Autonomie mit dem russischen Nord-Ossetien vereinigen und in Russland aufgehen will, attestiert Ascherson Abchasien die Chance durch eine politische Selbständigkeit aus dem Einflussbereich Russlands heraustreten zu können. Er hält Abchasien für einen vertrauenswürdige[n] und ökonomisch lebensfähige[n] Ministaat, der im Moment in Georgien schlechter aufgehoben sei als weiland in der UdSSR, als Abchasien offiziell als autonomes Gebiet geführt wurde. Die ökonomische Frage streift Ascherson mit der Bemerkung, Abchasien liege dort, wo die Küste des Schwarzen Meeres am Schönsten sei und setzt damit also auf den Tourismus.

Abchasiens allgemeine politische Anerkennung würde nicht nur die Loslösung von Georgien bedeuten, sondern könnte auch die Vormachtstellung Russlands eindämmen. Russlands Hilfe würde von den Abchasen (Ascherson zeigt, dass diese Zuordnung nicht ethnisch verstanden werden kann) ebenso argwöhnisch betrachtet, aber man nimmt sie mangels Alternative an, so die These. Gleichzeitig wird über die Knebelung der georgischen Regierung an USA und NATO referiert. Der Westen würde mit seiner Unterstützung der unrealistischen georgischen Gebietsansprüche sicherstellen, dass Georgien ihr ohnmächtiger Klient bleiben würde und Tbilissi noch stärker auf militärische, wirtschaftliche und diplomatische Patronage Washingtons angewiesen sei.

Ascherson sieht eine Parallele zum sehr langen Beharren der deutschen Nachkriegsregierungen auf die Grenzen von 1937. Erst mit der Regierung Brandt/Scheel wurde in den 70er Jahren die sogenannte Oder-Neiße-Grenze anerkannt und die Bundesrepublik aus der Falle herausgeführt. Nicht zu Unrecht sieht Ascherson erst in der Anerkennung dieser neuen Nachkriegsordnung (die dann freilich 1990 innerhalb des sogenannten "Zwei-plus-Vier"-Vertrag noch einmal von der dann souverän werdenden Bundesrepublik bestätigt werden musste) die formale Möglichkeit zur späteren Wiedervereinigung (die Frage war tatsächlich 1990 kaum noch Diskussionsthema in der deutschen Politik; allenfalls einige Ewiggestrige artikulierten Vorbehalte).

Wann werden wir den georgischen Willy Brandt erleben? wird durchaus pikant gefragt. Der pointierte Essay beleuchtet leider nicht die oppositionellen Gruppen in Georgien, die sich durch ihre vorherigen Regierungszeiten ebenfalls diskreditiert haben. Und er berücksichtigt nicht die Signalwirkung im Kaukasus, die eine Anerkennung eines Staates Abchasien nach sich ziehen würde. Nicht zuletzt durch ein Vorpreschen des Anerkennens von Slowenien und Kroatien durch die Bundesrepublik Deutschland und der EU wurden seinerzeit die Kriege in Ex-Jugoslawien gerade nicht unterbunden, sondern erst entfacht.

Wo ist der Geist des Anfangens?

Ach ja, und da gibt es ja noch die Bilder von Andrzej Kramarz, die klug zwischen die jeweiligen Beiträge eingefügt wurden. Eine Mischung von altsozialistischer Tristesse, merkwürdig kraftstrotzender Gegenwart und Augenblickglückseligkeit zeigt sich dem Leser dort. Und dieser ist nach der Lektüre hin- und hergerissen zwischen Faszination und Bangigkeit und das Wort von Katharina Raabe vom Anfang scheint mehr Bedrohung als Zustandsbeschreibung: Jede nur denkbare Zukunft scheint am Schwarzen Meer schon Vergangenheit zu sein. Die Möglichkeiten friedlichen Zusammenlebens extrem unterschiedlich geprägter Menschen, die Religion, Sprache und Traditionen trennt; die Möglichkeit mörderischen Hasses, der zu Flucht, Vertreibung und Auslöschung führt – alles wurde schon einmal ausprobiert.

Und man fragt sich wie bei all diesem Traditions-, Erinnerungs- und Geschichtsgeröll, der auch in fast all den Beiträgen im Buch hinauf- und heruntergewälzt wird, so etwas wie ein Neubeginn möglich sein soll. Wo ist denn dieses "regenerative Genie" der Menschen, von dem Peter Sloterdijk in seinen Poetikvorlesungen sprach? Jenes Genie, welches statt "vor die tödlichen Kapitel der Geschichte zurückzublättern" und die "heillosen Überlieferungen" zu repetieren "mit der Stiftung neuer Lebensformen aus dem Geist des Anfangens" antwortet. Dieser "Geist des Anfangens" könnte, ja müsste von den Dichtern aufgegriffen werden. Von zwar von denen, die eben nicht nur zurückblättern. In diesem Sinne gibt es ein paar Anfänge in "Odessa Transfer". Aber ob sie gehört werden? (Und wieder braucht man die Hoffnung.)

Der Lügner

Norbert Lammert scheint Standpauken zu lieben. Als sich der neue Bundestag konstituierte, beschimpfte er die öffentlich-rechtlichen Medien, diese Veranstaltung in den Spartenkanälen zu verstecken. Da hatte er nicht ganz unrecht, auch wenn diese Schelte ein bisschen Ablenkungsmanöver war - sitzen noch in den Gremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten genug Politiker.

Jetzt hat sich Norbert Lammert wieder zu Wort gemeldet. Er tadelt das Auftreten der Regierung und insbesondere das sogenannte "Wachstumsbeschleunigungsgesetz", in dem unter anderem der Umsatzsteuersatz für Hotels gesenkt wurde. Auch hier stimmen ihm sicherlich viele zu.

Aber Lammert heroisiert sich selber. In dem Radiointerview behauptet er, er habe dieser Regelung nicht zugestimmt. Stefan Niggemeier dokumentiert nun, wie die Medien nichts anderes tun, als diese Meldung ungeprüft weiterzuverbreiten.

Die ganze Sache hat nur einen Nachteil: Norbert Lammert lügt. Er hat sehr wohl dem Gesetz zugestimmt. Zwar hat er auch einem Antrag der Grünen zugestimmt, den Passus der niedrigeren Hotelbesteuerung aus dem Gesetzeswerk zu entfernen, aber dies hebt seine Zustimmung zum Gesetz ja keinesfalls auf. Die Regelungen, die in diesem Gesetz getroffen wurden, standen nicht einzeln zur Diskussion. Entweder man stimmt dem Gesetz insgesamt zu - oder man lehnt es ab. Wenn man ihm zustimmt, stimmt man auch allen Regelungen zu.

Wie einfach macht er es sich: Er stimmt einem Gesetz zu, welches er in Teilen für falsch hält - damit unterwirft er sich der sogenannten Fraktionsdisziplin. Danach stimmt er mit der Opposition und dann poltert er Tage später in den Medien los um eben das Gesetz zu kritisieren, dem er selber zugestimmt hat.

Man fragt sich, wozu es ein Parlament gibt, wenn die Debatten, die dort stattzufinden haben, nachträglich in den Medien geführt werden. Nicht nur Lammerts Lüge forciert die Parteienverdrossenheit, sondern insbesondere diese mediale Inszenierung eines erbärmlichen Pseudo-Widerstandes.

Thomas Bernhard – Siegfried Unseld: Der Briefwechsel (Hrsg.: Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer)

Bernhard Unseld Der BriefwechselAm 22. Oktober 1961 wendet sich Thomas Bernhard in einem höflich-distanzierten Brief an Siegfried Unseld, der wie folgt beginnt: Sehr geehrter Herr Dr. Unseld, vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Damit wollte ich mit dem Suhrkamp-Verlag in Verbindung treten. Auf den im Faksimile im Buch abgedruckten, mit Schreibmaschine getippten Brief kann man erkennen, dass Bernhard ein Schreibfehler unterlaufen war. Es steht dort nicht "Suhrkamp", sondern "Suhrkampf". Das "f" wurde handschriftlich durchgestrichen.

Nach mehr als 800 Seiten Korrespondenz des Briefwechsels zwischen Thomas Bernhard und seinem unzuverlässige[m] Verleger, dem Frankfurter Ungeheuer und Schauerkerl Siegfried Unseld (Diktatzeichen "dr. u."), mag der Leser nicht mehr an einen Zufall glauben; allenfalls an einen Freudschen Verschreiber. Vielleicht ist dieses "f" unbewusste Vorwegnahme dieser unbändigen Lust an der Provokation, die Bernhard in unkalkulierbaren Schüben zu fast cholerischen Eruptionen treibt, die zu Beginn noch von seiner Lektorin Anneliese Boland befeuert werden: "Ein kurzer Ohlsdorfer Donner als Antwort auf den Blitz aus dem Frankfurter Himmel empfiehlt sich". Sie signalisiert Bernhard "eigentlich kann das Match nur zu Ihren Gunsten ausgehen") und dieser entwickelt schnell ein Gespür wie weit er mit seinen Forderungen, Klagen und Beschimpfungen gehen kann, ohne den Bogen zu überspannen.

Und dann plötzlich, nach mehr als siebenundzwanzig Jahren und fünfhundert Briefen, am 24. November 1988, nach der Lektüre eines Briefes, in dem Bernhard zum wiederholten Mal sein Wort in Bezug auf eine Publikation im Residenz-Verlag gebrochen hat und mit "In der Höhe. Rettungsversuch, Unsinn" in dem Salzburger Verlag abermals ein neues Buch verlegen ließ, telegrafiert Unseld: fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist überschritten […] ich kann nicht mehr. Unseld konnte damals nicht wissen, dass Bernhard 80 Tage später tot war. Er musste gravierende Konsequenzen dieses Telegramms einkalkulieren. Bernhards Antwort, einen Tag später verfasst (der letzte Brief in ihrer Korrespondenz), ist ein Dokument prätentiöser Herablassung: Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, "nicht mehr können", dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben. (Da lacht der Leser schallend auf.)

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Kommentare hier...

@Falk D.
Ich vermute, Sie liegen mit Ihrer/n Prognose/n richtig.
Gregor Keuschnig - 2010-02-09 22:13
Passt ja genau!
Passt ja genau!
Gregor Keuschnig - 2010-02-09 22:11
Brahms, Liszt und Schumann...
Brahms, Liszt und Schumann (beide) spielten sich gegenseitig...
Falk D. (Gast) - 2010-02-09 21:57
Unbezahlbar: Google hat...
Unbezahlbar: Google hat Anzeigen für Ghostwriter...
Dreher (Gast) - 2010-02-09 21:47
interessanter
blog. interessier mich sehr fuer indianische kultur
ebbs - 2010-02-09 21:39

...anderswo

@Falk D.
Ich vermute, Sie liegen mit Ihrer/n Prognose/n richtig.
begleitschreiben - 2010-02-09 22:13
Passt ja genau!
Passt ja genau!
begleitschreiben - 2010-02-09 22:11
@tinius
Welche Anmaßung: Es gab auch nicht pubertierende...
begleitschreiben - 2010-02-09 18:15

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Grundsätzliches

Das Copyright der Texte liegt bei demjenigen, der mit dem Pseudonym hier als Gregor Keuschnig zeichnet. Verwendungen/Links mit Quellenangabe und Unterrichtung per Mail gestattet. Kommerzielle Verwertung ohne Kenntnis des Verfassers ist ausdrücklich untersagt und wird zur Anzeige gebracht. Kommentare, die ausschliesslich kommerziellen Zwecken (Suchmaschinenoptimierung und/oder Linkweiterleitungen) dienen, werden gelöscht. Disclaimer: Für Verlinkungen von diesem Blog auf andere Webseiten wird keine Verantwortung oder gar Haftung übernommen (Einzelheiten siehe unterlegten Link).

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