Zur Entbanalisierung des Bachmannpreises
Das Jahr 2009 erinnerte stark an 2006, als Katrin Passig in einem extrem schwachen Jahrgang reüssierte (was in einer beleidigten Attitüde umgehend dazu führte, dass man Novizen nicht mehr zuließ, sondern auf einer Publikation bestand). 2007 gab dann ein bisschen mehr her, aber im vergangenen Jahr rauschte das Niveau abermals nach unten (zumal man wirklich gute Beiträge auch noch aus Opportunitätsgründen verriss).
2009 ist nun mit fast neuer Jury abermals ein Tiefpunkt erreicht. Man fragt sich schon, wer eine Meike Feßmann als Jurorin auserkoren hat. Natürlich: Die Formalqualifikation stimmt und Frau Feßmann sagte ja auch wie eine brave Musterschülerin ihr angelerntes und angelesenes Wissen auf. Irgendwann teilte sie dann nur noch mit, ob ihr etwas gefallen habe oder nicht. Das füllt sie auch vollständig aus.
Paul Jandl hatte einige nette Aperçus zu bieten, etwa "hermeneutisches Gewichtheben" gegen Mangolds Versuch, angelesenes Wissen auf einen Beitrag zu stülpen oder sich selbst am nächsten Tag ob seiner Einschätzung des Prosastückes von Jens Petersen zu korrigieren und von einem "Freispruch in zweiter Instanz" zu sprechen.
Das waren dann schon fast die Höhepunkte einer ansonsten blassen Jury, in der zunächst einmal jeder seine vorbereitete Rede absonderte (ausser vielleicht Alain Claude Sulzer, der locker blieb). Nachher schmiss man sich noch ein paar Zitate an den Kopf; einfache Gemüter meinten daraufhin voreilig, die Jury "rede" miteinander. Es bedurfte eines Volker Hage im 3sat-Gespräch der zugab, er höre nur drei Juroren zu, die anderen schläferten ihn ein.
Tatsächlich war ja der Predigerton von Hildegard Keller schwer zu ertragen. Ijoma Mangold wollte mit lexikalischem Wissen glänzen, was peinlich war und nichts Gutes für dessen ZDF-Sendung ahnen lässt. Frau Fleischanderl passte von ihrem Anspruch überhaupt nicht in diesen Club hinein, aber man fragte sich wieso ausgerechnet sie diese "polit-moralische Erpressung" (Mangold zu Linda Stifts Erzählung) auswählen konnte. Burkhard Spinnen spielte ein bisschen den Übervater und verteidigte am Ende dann den Wettbewerb; aber er fand auch immer nur das Wort "Text".
Man weiss als Zuseher nicht genau zu sagen, was unerträglicher war: Clarissa Stadler als Moderatorin der Diskussionsrunde, die glaubte, ihre Kindergartenmeinung einbringen zu müssen und munter drauflos plapperte und zwanghafte Überleitungen konstruierte (und bei der Preisvergabe den Modus nicht durchschaute und vollkommen überfordert war) oder Eva Wannenmacher, die mit Andreas Isenschmid das Rahmenprogramm bei 3sat moderierte. Wie gut, dass letztere zwei Tage über Urheberrecht und Google schwätzten (und natürlich nicht vom Fleck kamen) statt über den Wettbewerb oder Josef Winklers Rede.
Der Wettbewerb verkümmert immer mehr zur bloßen Peinlichkeit. Wenn Mangold am Ende einen Beitrag als "liebenswürdigen Text" beschreibt, ist dies nur beim ersten Hinhören ein Lob; weiter gedacht wendet sich diese (eigentlich falsche) Formulierung sowohl gegen den Juror als auch gegen den Gegenstand der Kritik.
Dabei war fast alles "handwerklich gut gemacht". Aber warum lobt man eigentlich Selbstverständlichkeiten? Man stelle sich einen Koch vor, dessen Küche als "handwerklich gut" bezeichnet wird. Das bedeutet vermutlich nur, er hat die Speisen nicht verkocht oder angebrannt serviert.
"Handwerklich gut gemacht": Fehlerlos, gut beschreibend, aber risikolos, betulich, brav, steril - nicht mehr. Schreibschulgerecht. Nicht erzählend, sondern "aufzählend". Wo ist die Sprache, die Epik? Zuviel verlangt im Meer der Ereignislosigkeit? Zyniker scheinen das erkannt zu haben - ihr Katalog folgt anderen Kriterien (im letzten Jahr kamen sie auf den gleichen Preisträger wie die Jury). In ihrer "automatischen Literaturkritik" spiegelt sich nichts anderes als die Sehnsucht, das Unerfassbare normativ zu beglaubigen. Da ist es dann plötzlich relevant, ob von Nagetieren oder "uncoolen Einrichtungsgegenständen" die Rede ist. Wenn es keine Krücken gibt, nimmt man auch gerne herumliegendes Gehölz.
Eine Freundin, mit der ich seit vielen Jahren den Bachmannpreis verfolge, stellt über die Autoren zutreffend fest:
Ja, tatsächlich – wenn die Entscheidung eines Hundes, ob er nach rechts oder links geht zu einem Spannungsmoment einer Erzählung wird, wenn eine Magenspiegelung ein einschneidendes Ereignis im Leben darstellt, die Schritte im Gras zur selbstreflexiven Geste aufgeblasen werden oder die morgendliche Rasur ein Tageshöhepunkt in der Krisenbewältigung darstellt - kurz: wenn die Erlebnis- oder Vorstellungswelt eines Schriftstellers derart "eng" daherkommt und nicht literarisch erweitert wird, muß etwas passieren, denn diese Literatur ist dann trotz tatsächlich handwerklichem Gelingen nur noch läppisch und wenn erwachsene Menschen diese läppische Literatur in irgendeiner Form noch verteidigen oder ihr Gutes abgewinnen wollen – dann sind auch die Urteile dieser Menschen nur noch läppisch.
Die Jury besteht inzwischen zum Teil nur noch aus drittrangigen Figuren – was sich natürlich sofort auf die Qualität der eingereichten Beiträge auswirkt. Sie wollen ebenso wenig etwas riskieren wie die Autoren (teilweise – was man entlastend anführen muss – weil sie an früheren Wettbewerben gesehen haben, was mit Beiträgen geschah, die etwas "riskierten"). Daher huldigen sie in vorauseilendem Gehorsam einem bequemen Zeitgeist. Statt Akzente zu setzen, hören sie auf die Akzentuierungen anderer.
Dieser Wettbewerb muß entbanalisiert und entritualisiert werden. Hier sieben Vorschläge für einen neuen Bachmannpreis:
2009 ist nun mit fast neuer Jury abermals ein Tiefpunkt erreicht. Man fragt sich schon, wer eine Meike Feßmann als Jurorin auserkoren hat. Natürlich: Die Formalqualifikation stimmt und Frau Feßmann sagte ja auch wie eine brave Musterschülerin ihr angelerntes und angelesenes Wissen auf. Irgendwann teilte sie dann nur noch mit, ob ihr etwas gefallen habe oder nicht. Das füllt sie auch vollständig aus.
Paul Jandl hatte einige nette Aperçus zu bieten, etwa "hermeneutisches Gewichtheben" gegen Mangolds Versuch, angelesenes Wissen auf einen Beitrag zu stülpen oder sich selbst am nächsten Tag ob seiner Einschätzung des Prosastückes von Jens Petersen zu korrigieren und von einem "Freispruch in zweiter Instanz" zu sprechen.
Das waren dann schon fast die Höhepunkte einer ansonsten blassen Jury, in der zunächst einmal jeder seine vorbereitete Rede absonderte (ausser vielleicht Alain Claude Sulzer, der locker blieb). Nachher schmiss man sich noch ein paar Zitate an den Kopf; einfache Gemüter meinten daraufhin voreilig, die Jury "rede" miteinander. Es bedurfte eines Volker Hage im 3sat-Gespräch der zugab, er höre nur drei Juroren zu, die anderen schläferten ihn ein.
Tatsächlich war ja der Predigerton von Hildegard Keller schwer zu ertragen. Ijoma Mangold wollte mit lexikalischem Wissen glänzen, was peinlich war und nichts Gutes für dessen ZDF-Sendung ahnen lässt. Frau Fleischanderl passte von ihrem Anspruch überhaupt nicht in diesen Club hinein, aber man fragte sich wieso ausgerechnet sie diese "polit-moralische Erpressung" (Mangold zu Linda Stifts Erzählung) auswählen konnte. Burkhard Spinnen spielte ein bisschen den Übervater und verteidigte am Ende dann den Wettbewerb; aber er fand auch immer nur das Wort "Text".
Man weiss als Zuseher nicht genau zu sagen, was unerträglicher war: Clarissa Stadler als Moderatorin der Diskussionsrunde, die glaubte, ihre Kindergartenmeinung einbringen zu müssen und munter drauflos plapperte und zwanghafte Überleitungen konstruierte (und bei der Preisvergabe den Modus nicht durchschaute und vollkommen überfordert war) oder Eva Wannenmacher, die mit Andreas Isenschmid das Rahmenprogramm bei 3sat moderierte. Wie gut, dass letztere zwei Tage über Urheberrecht und Google schwätzten (und natürlich nicht vom Fleck kamen) statt über den Wettbewerb oder Josef Winklers Rede.
Der Wettbewerb verkümmert immer mehr zur bloßen Peinlichkeit. Wenn Mangold am Ende einen Beitrag als "liebenswürdigen Text" beschreibt, ist dies nur beim ersten Hinhören ein Lob; weiter gedacht wendet sich diese (eigentlich falsche) Formulierung sowohl gegen den Juror als auch gegen den Gegenstand der Kritik.
Dabei war fast alles "handwerklich gut gemacht". Aber warum lobt man eigentlich Selbstverständlichkeiten? Man stelle sich einen Koch vor, dessen Küche als "handwerklich gut" bezeichnet wird. Das bedeutet vermutlich nur, er hat die Speisen nicht verkocht oder angebrannt serviert.
"Handwerklich gut gemacht": Fehlerlos, gut beschreibend, aber risikolos, betulich, brav, steril - nicht mehr. Schreibschulgerecht. Nicht erzählend, sondern "aufzählend". Wo ist die Sprache, die Epik? Zuviel verlangt im Meer der Ereignislosigkeit? Zyniker scheinen das erkannt zu haben - ihr Katalog folgt anderen Kriterien (im letzten Jahr kamen sie auf den gleichen Preisträger wie die Jury). In ihrer "automatischen Literaturkritik" spiegelt sich nichts anderes als die Sehnsucht, das Unerfassbare normativ zu beglaubigen. Da ist es dann plötzlich relevant, ob von Nagetieren oder "uncoolen Einrichtungsgegenständen" die Rede ist. Wenn es keine Krücken gibt, nimmt man auch gerne herumliegendes Gehölz.
Eine Freundin, mit der ich seit vielen Jahren den Bachmannpreis verfolge, stellt über die Autoren zutreffend fest:
Das sind fast immer Leute, denen die Bücher schon in die Wiege geschmissen wurden und schon Akademikereltern haben und es irgendwie exotisch finden, wenn sie mal eine "richtige" Arbeit machen mussten, das steht ja dann immer gleich im Lebenslauf. Das Auswalzen der Lorbeeren etc. (wenn einer nur zwei Beiträge in Zeitschriften publiziert hat, steht "Publikationen, Auswahl", wenn einer einen winzigen Preis hat, steht ebenfalls "Auswahl"). [...] Und warum ist bei denen alles so eng? Der Arzt schreibt über Medizin, der Physiker über Physik, die Weltverbesserin über Migranten, und am schlimmsten, die, die gar nichts erlebt haben, schreiben über Schriftsteller.
Ja, tatsächlich – wenn die Entscheidung eines Hundes, ob er nach rechts oder links geht zu einem Spannungsmoment einer Erzählung wird, wenn eine Magenspiegelung ein einschneidendes Ereignis im Leben darstellt, die Schritte im Gras zur selbstreflexiven Geste aufgeblasen werden oder die morgendliche Rasur ein Tageshöhepunkt in der Krisenbewältigung darstellt - kurz: wenn die Erlebnis- oder Vorstellungswelt eines Schriftstellers derart "eng" daherkommt und nicht literarisch erweitert wird, muß etwas passieren, denn diese Literatur ist dann trotz tatsächlich handwerklichem Gelingen nur noch läppisch und wenn erwachsene Menschen diese läppische Literatur in irgendeiner Form noch verteidigen oder ihr Gutes abgewinnen wollen – dann sind auch die Urteile dieser Menschen nur noch läppisch.
Die Jury besteht inzwischen zum Teil nur noch aus drittrangigen Figuren – was sich natürlich sofort auf die Qualität der eingereichten Beiträge auswirkt. Sie wollen ebenso wenig etwas riskieren wie die Autoren (teilweise – was man entlastend anführen muss – weil sie an früheren Wettbewerben gesehen haben, was mit Beiträgen geschah, die etwas "riskierten"). Daher huldigen sie in vorauseilendem Gehorsam einem bequemen Zeitgeist. Statt Akzente zu setzen, hören sie auf die Akzentuierungen anderer.
Dieser Wettbewerb muß entbanalisiert und entritualisiert werden. Hier sieben Vorschläge für einen neuen Bachmannpreis:
1. Die Patenschaft für je zwei Teilnehmer pro Juror muß entfallen. Zugelassen werden nur Beiträge, die von einer anderen (im Idealfall anonymen) Jury vorgeschlagen werden. Die maximale Anzahl von Beiträgen wird auf zehn festgesetzt. Es gibt fünf (maximal sieben) Juroren.Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden zu einer Belebung des Bewerbs führen. Ansonsten droht tatsächlich in den nächsten Jahren der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Wer das nicht glaubt, lese sich die Preisträgerliste einmal durch und vergleiche dann. Womit nichts gegen Jens Petersen, den Preisträger von 2009, gesagt sei. Er war aber (mit Gregor Sander) nur der Einäugige unter den Blinden.
Das Ränkespiel "schlägst Du meinen Teilnehmer – prügele ich Deinen Teilnehmer" (oder, noch schlimmer, das gegenseitige Loben) muss endlich aufhören. Falsche Rücksichtnahmen und taktisches Vorgehen entfallen mit der neuen Regel sofort.
2. Es dürfen nur Prosastücke eingereicht werden, die in sich abgeschlossen sind bzw. ein Hinweis darauf, dass das Stück ein Teil eines Romans ist, darf nicht ausgedrückt oder suggeriert werden.
Der dumme Einwand, es handele sich ja um ein Teil eines Romans, zählt nicht mehr. Kein Teilnehmer und Juror soll sich mehr auf das Zukünftige herausreden dürfen.
3. Am wichtigsten: Die Wettbewerbsbeiträge dürfen der zu entscheidenden Jury vorher NICHT zur Kenntnis gebracht werden. Es muß wieder das spontane Urteil gefragt sein, was durchaus im Laufe der Diskussion revidiert, abgemildert oder verschärft werden kann.
Viele Juroren zeigten sich, obwohl sie mehrere Tage Gelegenheit hatten die Beiträge zu lesen und ggf. nachzurecherchieren, schlecht vorbereitet und auch textunsicher. Die Regelung wurde zum Schutz der Jury vor einer Blamage des ersten Urteils eingeführt. Solche Rücksichten braucht man nicht mehr zu nehmen. Entweder wissen die Juroren, wovon sie sprechen oder nicht. Aufgesagte Statements sind entbehrlich. Außerdem beugt man Absprachen im Vorfeld vor.
4. Nach Abschluß aller Lesungen und Diskussionen gibt es am Samstag Nachmittag eine zusätzliche öffentliche Jury-Diskussion.
Die Juroren können hier ihr spontanes Urteil nach allen Lesungen öffentlich bekräftigen oder revidieren und dies ggf. begründen.
5. Die Videoportraits werden abgeschafft.
Die Autoren erklären, wie sie schreiben, warum sie schreiben, was sie tun, was sie nicht tun – oder veralbern das Medium. Für die Rezeption des eingereichten Textes ist das unerheblich. Viele Juroren hat dies in der Vergangenheit derart stark abgelenkt, dass sie aus dem Portrait Schlüsse gezogen haben, die unmittelbar nichts mit der Prosa zu tun hatten.
6. Ein/e Moderator/in mischt sich nicht in die Jurydiskussion ein sondern vergibt Wortmeldungen, koordiniert den Zeitplan und achtet auf die Wortmeldungen.
Moor und Stadler gehen nicht.
7. Es gibt nur noch einen Preis, der von der Jury vergeben wird – und einen undotierten Publikumspreis.
Der dritte Preis heisst nicht dritter Preis sondern "3sat-Preis". Der "Ernst-Willner-Preis" ist heuer der vierte Preis; davor war er immer der dritte, usw. Alles Etikettenschwindel. Es gibt nur einen Preis, der mit mindestens € 40.000 dotiert ist. Der Publikumspreis ist ein ideeller Preis. Um ihn vor Manipulationen zu schützen, sollte er undotiert sein. Zudem ist nicht klar, ob die Abstimmer alle Texte gelesen haben, was zwingend notwendig wäre.
Gregor Keuschnig - 2009-06-28 11:43
Die Frage, die zur Zeit nicht nur Militärs beschäftigt, wird zum Kristallisationspunkt im Buch des israelischen Militärhistorikers Martin van Creveld "Die Gesichter des Krieges": Gibt es einen Ausweg, oder sind reguläre, staatliche Armeen zukünftig zur Ohnmacht gegenüber kleinen, häufig schlecht organisierten Gruppen von Terroristen verdammt? In Bezug auf die derzeit einzig verbliebene Supermacht USA und deren aktueller Kriegsführung im Irak stellt sich die Frage pointierter: Was, wenn nicht einmal eine derart hochgerüstete Militärmacht gegen Terroristen und Guerillas reüssieren kann? 

60 Jahre Deutschland in zehn Hochglanz-Themenbänden zu je ca. 90 Seiten: Politik, Wirtschaft, Reise und Verkehr, Kunst und Literatur, Film und Fernsehen, Musik, Mode und Design, Sport, Gesellschaft, Architektur. Die Unterteilung in den jeweiligen Bänden erfolgt chronologisch nach Jahrzehnten: Nach einer kursorischen Einführung in 60 Jahre des jeweiligen Sujets gibt es eine Doppelseite mit einem für das Jahrzehnt typischen Foto, dann vier Seiten Text (mit wenigen Fotografien), davon eine Faksimile-Seite einer Ausgabe der "Welt" zu einem wichtigen Ereignis. Danach gibt es zu weiteren Themengebieten auf acht bis zehn Seiten Fotografien mit Erläuterungen – viel Bekanntes aber auch manchmal "Schnappschüsse", was man noch nicht kannte. Auf diese Weise kann man sich mit den Bänden der "Welt-Edition" für einige Tage auf eine Zeitreise der deutschen Geschichte seit 1949 begeben.
Ein amerikanischer Autor erzählt in einem Buch von seinen (illegalen) Reisen auf Eisenbahn-Güterwagen mit einem (imaginären) Ziel "Überall" und nennt dieses Buch "Riding Towards Everywhere". Wie übersetzt man das kongenial? Vielleicht mit "Reisen nach Überall"? Oder "Fahren in Richtung Überall"? Oder übersetzt man "Riding" wörtlich als "Ritt"?
Gewidmet ist dieses Buch seinem Freund Steve Jones, ein Prinz des Stahlrosses, der ihn auf vielen Touren begleitet hat; er ist der Held dieses Buches. Jones ist wesentlich erfahrener als Vollmann und, obwohl älter, sportlich viel besser für diese nicht ganz ungefährliche Art des Reisens konditioniert (der Ich-Erzähler gibt an, er habe sich beim Abspringen von einem fahrenden Zug bereits einmal die Hüfte gebrochen), während Vollmann die sozialen Kontakte besser zu knüpfen versteht, denn beide tauchen mit (fast) allen Konsequenzen in diese Welt ab und Übernachten beispielsweise im Freien.
Schattenspiele, die Antilopen zeigen; Dunkelheit, die berührt wird, Felder vergilbt wie Kontoauszüge; ein Baum, der in voller Sternenblüte stand; der violette Salbei, dessen zerkrümelte Blüte einen Duft entfacht, der beinahe betrunken macht; das Wasser in der Flasche warm wie Blut - betörende Bilder, die Vollmann gelingen. Nur selten stürzt er ab ins leicht pseudooriginelle (etwa wenn etwas kristallklar wie der Urin eines Vegetariermädchens ist [die jungen Frauen, die ihn früher begleiteten, hatten durch einen Trichter in die entsprechende Flasche gepinkelt]).
Im Papierkorb des deutschen Militärattachés Maximillian von Schwartzkoppen fand die für den französischen Geheimdienst arbeitende Putzfrau Madame Bastian ein handschriftlich verfasstes Dokument, in dem ihm eine nicht genannte Person die Übergabe einer Schießvorschrift der Feldartillerie und einige Aufzeichnungen über ein neues von den Franzosen entwickeltes 120-Millimeter-Geschütz sowie Informationen über französische Truppenpositionen und Veränderungen in den Artillerieformationen, außerdem Pläne zur Invasion und Kolonisierung Madagaskars bestätigte. Dieses Dokument war mehrfach zerrissen worden, ein Schriftstück auf dünnem Papier ohne Datum und Unterschrift. Man nannte es später einfach nur das
Die "Kritik der arabischen Vernunft" ist ein vierbändiges Werk: Der erste Teil erschien 1984 unter dem Titel "Die Genese des arabischen Denkens", 1986 erschien "Die Struktur des arabischen Denkens", 1990 "Die arabische Vernunft im Politischen" und 2001 dann "Die praktische arabische Vernunft".
Wie Baby Schimmerlos für Arme irrlichtert Tim Schweiger als Ludo Decker (nomen est omen – auch hier) in "Keinohrhasen" durch die Celebrity-Welt. Man lacht ein bisschen über sich selbst und verwechselt das mit Selbstironie; Klitschko heißt da Klitschko, Catterfeld Catterfeld und Jürgen Vogel spielt gegen Ende Jürgen Vogel (bzw. er spielt als Jürgen Vogel den Jürgen Vogel wie er den Jürgen Vogel gespielt haben möchte). Der Minister, der seine Geliebte geschwängert hat, ist allerdings nicht Seehofer. Soviel "Reality" ist dann doch nicht.
Es gibt meistens gute Gründe, warum Schriftsteller Manuskripte jahrzehntelang nicht oder sogar niemals veröffentlichen. Sie hegen beispielsweise Rücksichten, weil es um Personen geht, die sie nicht diskreditieren wollen. Oder sie halten ihren Stil plötzlich nicht mehr für adäquat oder einfach nur schlecht. Vielleicht reizt sie das Thema nicht mehr, welches ihrer Erzählung zugrunde liegen sollte. Manchmal vergessen sie auch nur, dass da noch ein Manuskript im Schreibtisch liegt.
Den Ausgangspunkt zu "Montefal" sieht Brinkmann schon in einem kleinen Feuilletonbeitrag Doderers "mit dem auftrumpfenden Titel: 'Der Abenteurer und sein Typus'". 1921 ist er nachweislich von einem Bild von Arnold Böcklin ("Der Abenteurer") beeindruckt. In "Montefal" streift der spanische Ritter Ruy de Fanez, ohne Rast, kaum dreißig Jahre alt, mit seinem Ecuyer (Knappen) Gauvain durch die Gegend. Er kommt an einen Ort, an dem für die Erlegung eines Drachens die Hand der Herzogin Lidoine angeboten wird. Anfangs ein bisschen lustlos sieht er für sich endlich eine Art Lebenssinn aufflackern: Der Sinn des Spaniers stand zwar wenig nach einem festen Ehebunde und sesshaften Leben, sei es auch als Gemahl der Herzogin Lidoine und als Herrscher über ein ausgedehntes und fruchtbares Land; indessen schien ihm hier endlich das wahrhaft große Abenteuer gefunden, welches sein stets müderes und gleichwohl ruheloses Gemüt von Ende zu Ende vergebens gesucht hatte.
s geht ums ganz Große: "Die Lebenslügen der digitalen Gesellschaft" will Astrid Herbold "bissig im Ton und scharf an der Analyse" (Klappentext) entlarven. Rasch wird noch das Attribut "schlagfertig" hinzugefügt und die einzelnen Mythen, die dekonstruiert werden sollen, aufgeführt. Wobei man irgendwann fragt, ob die Autorin nur die Mythen zerstört, die sie selber geschaffen hat. Aber gemach.
So wie der
Und so nimmt Sloterdijk Fahrt auf zur Lebensänderungs-Expedition. Dabei soll (in Paraphrase zu Wittgenstein) der Teil der ethischen Diskussion, der kein Geschwätz ist, in anthropotechnischen Ausdrücken reformuliert werden. So wird der Übende, der Akrobat, zur Galionsfigur des Sich-Ändern-Wollenden installiert und bekommt dabei fast zwangsläufig das Attribut "asketisch", denn der größte Teil allen Übungsverhaltens vollzieht sich in der Form von nicht-deklarierten Askesen. Kein Ziel kann da hoch genug sein (und das im wörtlichen Sinn). Rilkes Vollkommenheits-Epiphanie als unumkehrbares Aufbruchsmoment, als Vorbild für den heutigen Trägheitsmenschen. Sloterdijk als Trainer (das ist derjenige, der will, daß ich will oder doch eher eine Re-Inkarnation Zarathustras, denn kein Zweifel kommt auf, daß hier Nietzsche der grosse Motivator ist, sozusagen der "Über-Trainer".

