Von Verdeutschungen und sprachlichem Fremdenhass

FAZ Reading Room zu Die WohlgesinntenHier äusserte ich am Rande eine Kritik an dem (wie ich finde grässlichen) Anglizismus "Reading Room", den die FAZ für ihren neu geschaffenes Bücherforum verwendet. Nun, es interessiert die FAZ natürlich nicht, wenn sich unsereiner von diesem Begriff geradezu angeekelt fühlt.

Nach Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" und Martins Walsers "Ein liebender Mann" wird nun Jutta Limbachs Buch "Hat Deutsch eine Zukunft" (mit der emphatisch überschriebenen Einführung "Mehr Deutsch wagen") vorgestellt und die Thesen der Autorin diskutiert. Fast logisch, dass sich irgendwann die Frage stellt, warum man den englischen Ausdruck "Reading Room" verwendet und kein deutsches Wort finden wollte. Löblich, dass die FAZ dies nun seit dem 02. Mai mit Lesern diskutiert – mit dem merkwürdigen Untertitel in der Fragestellung: "Darf dieses Forum 'Reading Room' heissen?"

Merkwürdig deshalb, weil es kaum um ein "dürfen" geht – eher um ein "müssen". Immerhin, es darf diskutiert werden. Wie schon vorher ist der Aufwand beträchtlich, die Software sehr gut. Die Beiträge werden moderiert – das ist bei der FAZ üblich. Bis zum 10. Mai will man Stimmen sammeln.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der "Reading Room" ist meiner Meinung nach ein gelungenes, multimediales Angebot – fast könnte man es "zeitgemäss" nennen, wenn dies nicht ein bisschen negativ klingt. Der gute, alte Fortsetzungsroman wurde auf "Web 2.0" getrimmt. Das hat ja mit der Qualität der vorgestellten Bücher zunächst einmal nichts zu tun. Ich finde es auch weitgehend überflüssig, den "Reading Room" abzulehnen, weil es letztlich nichts anderes ist als ein Vermarktungsinstrument für Neuerscheinungen. Es ist natürlich mit kommerziellem Hintergrund (d. h. es geht darum, das Buch zu verkaufen) – aber das, was geboten wird, ist mehr als ein dröger Appetithappen.

Die ersten Vorschläge zu einer deutschen Bezeichnung trudelten am Freitag ein und auch ich hatte einen Kommentar hinterlassen.

Dieser blieb nicht ohne Resonanz. Wenige Stunden später nahm – ohne den Kommentar direkt zu zitieren – einer der Experten, Hans-Martin Gauger, hierzu Stellung. Und flugs wurde ich (und auch indirekt einige andere Kommentatoren, die sich fast ausnahmslos für einen deutschen Namen aussprachen) als sprachlicher Nationalist bezeichnet, der sprachliche[n] Fremdenhass praktiziere. Gauger geht noch weiter. In professoralem Duktus wird Deutschtümelei, wie wir sie nie mehr haben wollen entdeckt. Gauger unterstellt, ich hätte geschrieben, dass das unpassendste deutsche Wort besser als das passendste englische sei. Das ist erkennbar mitnichten der Fall. Für jemanden wie Gauger, immerhin Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, muss das offenkundig sein, also ist seine Unterstellung nur bösartig.

Im weiteren Verlauf des Kommentars "übernimmt" er dann einen meiner Vorschläge (Lesesaal), weil dies die äquivalente Verdeutschung von "Reading Room" sei. Er argumentiert damit ähnlich wie Jürgen Schiewe, der auch Probleme mit "Verdeutschungen" hat. Die Frage eines Lesers, worin dieses Problem denn bestehen soll, ist derzeit noch unbeantwortet.

In der Konsequenz bedeutet ein solches Vorgehen: Man sucht einen Anglizismus, den man dann möglichst treffend ins Deutsche überträgt. Das klingt irgendwie paradox. Ausgerechnet Intellektuelle, die sich für die Pflege der deutsche Sprache einsetzen sollen, sehen die Anglizismen mit einer gewissen Nonchalance.
AKTUALISIERUNG 07.05.08 - 17:30 Uhr: Die Umbenennung erfolgt in "Lesesaal".

Und Uwe Ebbinghaus in der Begründung: "Deutschtümelei? - Iwo! Eher ein Experiment mit der Hypothese, dass das Deutsche auch Entwicklungen der neuen Medien angemessen benennen kann."

Na also.

Schlechte Verlierer

Bayern München hat gestern das UEFA-Pokal Halbfinalspiel gegen Zenit St. Petersburg mit 4:0 verloren. Ein desaströses Ergebnis – gerade, wenn man das Spiel gesehen hat und die Art und Weise, wie man vorgeführt wurde. Den "Tagesthemen" war diese Niederlage der Aufmacher wert. Die Anmoderation von Caren Miosga kann man allerdings als reichlich tendenziös bezeichnen: Bayern München habe auch noch gegen Zenit St. Petersburg verloren, ein Verein, der bis vor kurzer Zeit noch keinen wirklichen Namen gehabt habe und von höchster staatlicher Stelle viel rausgesponsert werde, und zwar vom reichen Gasproduzenten "Gazprom" (übrigens auch Sponsor von Schalke 04). Zenit sei ein Verein von Putins Gnaden und der neue Präsident Medwedew sei noch ein viel grösserer Fan (wow). Frau Miosga kann die Pejorationen kaum noch zügeln.

Ja, die bösen Russen: Sie korrumpieren doch tatsächlich den schönen Fussball mit – Geld! Als würden die Bayern-Spieler in Naturalien ausbezahlt. Kein Wort – auch im Bericht von Stephan Stuchlik nicht -, wie katastrophal die Leistung des FC Bayern war. Stattdessen wird fast jede Äusserung über Zenit mit abfälligem Unterton begleitet. Das man jetzt ein neues Stadion bekommt – auch das wendet man gegen Zenit. Einen ähnlichen Bericht über den Stadionbau des (Noch-)Zweitligisten Hoffenheim (= SAP !) habe ich noch nicht in den "Tagesthemen" gesehen. Übrigens: Warum auch?

Dick Advocaat (man frage die Fans von Borussia Mönchengladbach einmal, was dieser Trainer zu leisten vermag) möchte nichts über "Gazprom" sagen. Prompt wird dies dem Verein angelastet. Dass man – aus irgendwie begreiflichen Gründen - noch nie einen Trainer oder Spieler eines deutschen Vereins etwas Negatives über den Sponsor hat sagen hören – Stuchlik kümmert das nicht.

Kaum ein Wort darüber, dass der Verein schon vor der Sponsorenschaft durch "Gazprom" Erfolge feierte.

Ähnliche Untertöne bei anderen europäischen Spitzenmannschaften hört man nur noch, wenn es um Silvio Berlusconi geht. Gestern hätte sich doch ein Bashing des Sponsorentums angeboten – beim FC Chelsea (Michael Ballack spielt dort allerdings derzeit), der das Champions League-Endspiel erreicht hatte. Aber kein "Tagesthema"-Thema über die kolportierten 800 Millionen Euro, die der (russische!) Milliardär Abramowitsch in den Verein in den letzten Jahren investiert haben soll.

Man kann und sollte sicherlich Kritik an den politischen Zuständen in Russland üben. Das Land driftet seit Jahren politisch in ein oligarchisches System ab; eine Demokratie sieht deutlich anders aus. Aber Russland setzt ökonomisch (wie im übrigen auch China) auf den Kapitalismus. Mit dieser Entwicklung tut man sich im Westen offensichtlich schwer, da die vorherrschende Doktrin eine Kausalität zwischen Demokratie und Kapitalismus (bzw. Marktwirtschaft) behauptet. Dies zeigt sich als erkennbar falsch. Daher kommen Miosga & Co. offensichtlich auf die Idee, den Kapitalismus der Russen zu verdammen, während man den des Westens als normal nimmt. Irgendwie merkwürdig. So verhalten sich normalerweise schlechte Verlierer.

Rettungsversuch

Gedanken zu Kommentaren in Blogs am Beispiel und mit Hilfe von Stefan Niggemeier

Warum kommentiert man auf Blogs? Was sind die Beweggründe derer, sich in teilweise zähen Wortgefechten mit Leuten streiten, die sie (in der Regel) nicht kennen und vermutlich auch niemals kennenlernen werden? Mitte März stellte Stefan Niggemeier diese Frage auf seinem Blog – vielleicht um herauszufinden, wie die Leute "gestrickt" sind, aber auch, um Material für seinen Artikel in der FASZ zu erhalten.

Sehr wohl war mir aufgefallen, dass Niggemeier die Kommentare auf seinem Blog mit einer offenbar zunehmenden Ambivalenz betrachtete. Seit einiger Zeit kann man diese sogar "abschalten".


BILDblog – basierend auf einer alten Idee

Niggemeier wurde vielfach für seine journalistische Arbeit ausgezeichnet. Der BILDblog - sein Projekt. Wolfgang Kraushaar berichtet in seinem Buch "Achtundsechzig – Eine Bilanz" von der Idee einer "Analyse des Inhalts und der Verdummungspraktiken der 'Bild'-Zeitung" vom Anfang der 60er Jahre und einer unveröffentlichten Diplomarbeit von 1958/59 eines gewissen Klaus Wilczynski mit dem ausgreifenden Titel "Methoden der politischen Hetze und der Verdummung des Leserpublikums mit den Mitteln der Bildjournalistik in der imperialistischen Massenpresse, dargestellt an Beispielen der 'Bild'-Zeitung". Bekannter ist da die sogenannte "Erklärung der Vierzehn" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" vom 19. April 1969, in der bekannte Intellektuelle (wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Walter Jens, Golo Mann und Eugen Kogon) unter anderem erklärten: "Die Unterzeichneten fordern…endlich in die öffentliche Diskussion über den Springer-Konzern, seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und seine Praktiken der publizistischen Manipulation einzutreten."

Die Technik macht es heute möglich, diese Diskussion über "Praktiken der publizistischen Manipulation" auf breiter Basis und für jeden unmittelbar abrufbar zu führen. Und statt ideologischer Worthülsen (auch das kann man zur Genüge in der Blogosphäre lesen) gibt es beim "BILDblog" kritische und – hierauf legt man besonderen Wert - faire Beobachtung. Man scheut sich auch nicht, eigene Fehler einzugestehen.

Auf seinem eigenen Blog dokumentiert Niggemeier anhand aktueller Fälle exemplarisch Schwachstellen in der Berichterstattung von Medien aller Art. Immer wieder zeigt er dabei, dass einst hochgeschätzte Eigenschaften eines Journalisten – Recherchefähigkeit, Neutralität und Sorgfalt – zunehmend in den Hintergrund geraten. Stattdessen werden kritik- und vor allem nachfragelos Agenturmeldungen abgeschrieben, die Webseiten auch seriöser Medien mit zweifelhaften Symbolfotos und "Bildergalerien" vollgestopft, Fehler nicht korrigiert, gegen elementare Regeln journalistischer Ethik verstossen oder alles zusammen.

Der Blog ist aus zwei Gründen interessant: Zunächst zeigt er – oft an scheinbar unbedeutenden oder vernachlässigbaren Beispielen – die Oberflächlichkeit, mit der heute "berichtet" wird. Zum anderen eröffnet er seinen Lesern durch die Kommentarmöglichkeit (die sehr problemlos gewährt wird), Stellung zu nehmen. Durch die Bekanntheit Niggemeiers entsteht für den Kommentator der durchaus reizvolle Effekt einer verhältnismässig grossen Öffentlichkeit.

Warum lässt man kommentieren?

Für den inzwischen renommierten Journalisten entsteht durch dieses breite Echo allerdings auch ein gewisses Problem, welches er auf die treffende Überschrift bringt "Wie sag ich's meinem Randalierer?".

Auch wenn mich der Artikel in Gänze nicht überzeugt, spiegelt er doch die Problematik wider: Welchen Wert haben Diskussionen – insbesondere, wenn sie sensible Themen berühren – wenn sie von Störern, Rüpeln und Beleidigern überquellen? Die Fallhöhe bei jemandem wie Niggemeier ist ziemlich hoch. Warum setzt er sich überhaupt dieser Tortur aus? Zumal die aktuelle Rechtslage den Blogbesitzer bei Beleidigungen oder Persönlichkeitsverletzungen auch in die Haftung nimmt (Niggemeier erfährt dies im Moment in diversen Rechtsstreitigkeiten selber). Es muss also moderiert werden – was bedeutet, jeden noch so unsinnigen Kommentar lesen und auch bewerten zu müssen (und notfalls zu löschen).

Die eingangs gestellte Frage 'Warum kommentiert man auf Blogs' liesse sich also auch umformulieren: Warum lässt man überhaupt kommentieren? Diese Frage stellte sich mir bei der Lektüre des Beitrags "Wie 'Bild' Ausländerfeindlichkeit fördert" - und der Kommentare hierzu.

Wer den Kommentaren folgt, findet meine Kritik an Niggemeiers Beitrag dort, wo er von der sprach- und medienkritischen Analyse wechselt in die Bewertung und Kommentierung des Prozesses selber. Der Vorgang interessiert hier jedoch nur aus der Sicht der Dynamik von Diskursen, wie sie sich in den Kommentaren zeigen. Denn viele von Niggemeiers Beiträgen, die hunderte von Kommentaren nach sich ziehen, laden die User offensichtlich ein, sich nicht an der jeweiligen medialen "Verwerfung" zu orientieren, sondern die Thematik als solches zu behandeln.

So schweiften die Kommentatoren beispielsweise einer der meines Erachtens nach gelungensten Beiträge Niggemeiers "Wollt ihr den totalen Widerspruch?", in dem er sich mit Sprache und Rhetorik eines FAZ-Artikels auseinandersetzt, der vor einer Klimawandel-"Hysterie" eindrücklich (und polemisch) warnt und einem angesehenen Klimaforscher unlautere Motive unterstellt, ganz schnell in eine Diskussion um die Fakten des Klimawandels ab. Auch bei der Aufdeckung der Verwendung vom falschem Bildmaterial anlässlich der Unruhen in Tibet gleiteten die Kommentare schnell dahingehend ab, dass einige annahmen, Niggemeier vertrete damit die offizielle Meinung Chinas zum Konflikt (was natürlich Unfug war). Und ein besonders extremer Fall: die 1256 Kommentare zum Beitrag "Tom Cruise, Scientologist", der eigentlich nur aus dem Hinweis auf ein Video von Cruise bestand und in Windeseile eine lange (und ermüdende) Diskussion um Scientology wurde, zumal ein Teilnehmer vehement (aber nicht ungeschickt) die Verteidigung der Sekte übernahm.

In diesem Sinne "bestimmt" der Blogger die Intensität seiner Kommentare unter Umständen selber: Fokussiert er sie auf die Intention des Beitrages oder lässt er grosse Spielräume zu Abschweifungen? Greift er redigierend oder appellierend ein? Oder lässt er die Streithähne in Ruhe (und obliegt nur seiner Kontrollpflicht)?

"Manchmal weiß ich es auch nicht."

Warum – so meine Frage – tut sich jemand wie Stefan Niggemeier die Kommentare (zum Beispiel im aktuellen Beitrag) an? Seine Antwort (als Kurzversion) ist verblüffend (das Kursivgedruckte sind im folgenden Zitate von Niggemeier, die mit seiner Erlaubnis aus einer E-Mail-Korrespondenz vom 24. und 25.4.08 entnommen sind): Manchmal weiß ich es auch nicht. Später dann: Ich weiß nicht immer, warum ich mir das antue. Manchmal stimmt die Balance: die positiven Effekte überwiegen. Manchmal ist es das krasse Gegenteil. Eine richtige Antwort habe ich darauf noch nicht gefunden.

Freimütig bekennt er: Ich liebe meine Kommentatoren und ich hasse sie, und ich fürchte, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Grundsätzlich mag ich das Feedback, auch wenn es nicht positiv ausfällt. Welchen Mehrwert generiert jemand wie Niggemeier aus Kommentaren? Er benutzt ein anderes Wort - Realitätscheck, man wisse als Journalist nicht einmal das Grundlegendste: Wie die Menschen einen Text lesen. An welchen Formulierungen sie hängen bleiben, welche Witze, welche ironische Formulierungen überhaupt ankommen, welche Botschaft sie in einen Text lesen. Und man weiß nicht, was ihnen gefällt und was sie empört, welches Thema auf großes Interesse stößt, welche Beobachtungen über die Welt da draußen sie teilen und welche ihnen fremd sind.

Die Kommentare als eine Art "Steinbruch" – sowohl für die Resonanz auf den Text, als auch für den Umgang mit Kritik. Und oft sei es eine Bereicherung. Niggemeier zitiert zwei Kommentare aus dem letzten Artikel zum Thema Ausländerfeindlichkeit bei "Bild": Ein gutes Beispiel ist für mich dieser (eigentlich viel zu lange) Kommentar. Ich teile dessen Meinung nicht zu 100%, aber es ist ein guter, weiterführender Gedanke - und ein Aspekt, der bei mir im Text fehlt. Oder auch nur dieses kurze, treffende Zitat.

Zur "Bereicherung" gehören (zumindest theoretisch) auch die Leute, die echte oder vermeintliche Schwachstellen in meinem Text kritisieren, Behauptungen anzweifeln, Interpretationen ablehnen. Das ist oft nervig, sagt mir aber natürlich auch etwas über die Resonanz eines Textes. (Die Gefahr besteht dann natürlich darin, diese Resonanz nicht für 100% zu nehmen. Die meisten Leser kommentieren nicht, und ob diejenigen, die es tun, für die Gesamtheit repräsentativ ist, glaube ich nicht.)

Niggemeier sucht den Austausch mit seinen Lesern. Das ist bei Journalisten – zumal bei "prominenten" – längst nicht mehr selbstverständlich. Viele verschanzen sich mit Chefarztallüren vor dem "gemeinen Leser". Natürlich haben die vehementen Kritiker der Diskussionskultur in Foren und Blogs teilweise recht, aber Niggemeier wehrt sich gegen eine billige Pauschalisierung, diese Arroganz der "Netznörgler" [der Titel des Artikels scheint nachträglich geändert worden zu sein?] und setzt emphatisch die Möglichkeit, ja: die Notwendigkeit, des Diskurses dagegen.

"Vielleicht ist die härteste Erkenntnis für Journalisten die, für wen man da arbeitet", so lautet der erste Satz dieses Artikels, dessen filigrane Ironie man erst auf den zweiten Blick habhaft wird. Niggemeier sagt da nichts anderes als: Etliche der arrivierten Redakteure und Journalisten von heute haben sich derart von ihren "Kunden" – also: den Lesern, Hörern, Zuschauern – entfernt, dass sie eher Kommunikationsverhinderer sind als –vermittler.

Den Faden weiterspinnend könnte man sagen: Viele Journalisten, die dem Leser, Zuhörer, Zuschauer die Welt näher bringen sollen, sind schon vor Jahren in ihrer solipsistischen Welt abgetaucht und unnahbar geworden. Um sich nicht mit der "Welt da draussen" abgeben zu müssen, wird sie vorsorglich pauschal denunziert. Hassblogs tun das ihrige dazu, die vorschnellen Vorurteile zu befestigen.

Der Aufklärer

Dagegen schreibt Stefan Niggemeier an. Er ist ein Verfechter der Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechniken. "Warum gerät das Buch eigentlich nicht in Verruf durch die ungezählten Schundromane, die jedes Jahr in dieser Form publiziert werden, die vielen unlesbaren Traktate und all die Werke, die nur geschrieben werden, um den Autor selbst glücklich zu machen, und nie mehr als eine Handvoll Leser erreichen werden? Beim Internet argumentieren Kritiker genau so. Die 'Süddeutsche Zeitung' verbindet Ahnungslosigkeit, Lernresistenz und Penetranz, um sich zum Sprachrohr der Internetphobie zu machen, die genau diese Unarten beklagt."

Niggemeier ist im besten und altmodischen Sinne ein Aufklärer. Sowas nervt heute gelegentlich – auch manchmal den wohlwollenden Leser. Aber er delektiert sich nie an den Fehlern anderer, will niemanden blossstellen, sondern er will – man verzeihe mir das Jargonwort aus uralten Zeiten – ein "Bewusstsein" schaffen. Ein Bewusstsein von Tatsachen und Wahrheiten. Eine offensichtlich herkulinische Aufgabe in Zeiten eines reüssierenden Henryk M. Broder und seiner argumentationsresistenten Spiessgesellen. Niggemeier vertraut auf die Lernfähigkeit des Menschen, wo andere an niedere Instinkte appellieren. Und wenn man seine Texte zu "Politically Incorrect" oder "Callactive" (hiermit liegt er im Rechtsstreit) liest, stellt sich irgendwann die Frage, ob er ein Idealist ist. Ich bin schon froh, dass Sie fragen, ob ich "Idealist" bin und nicht "Masochist"... kommt dann zurück. Ich glaube, wenn Stefan Niggemeier wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde er heute noch eine Agenturmeldung kritisieren.
Man lese bei Interesse auch "Digitale Narzissten"

Peter Handke / Alfred Kolleritsch: Schönheit ist die erste Bürgerpflicht

Handke und Kolleritsch  Schoenheit ist die erste BuergerpflichtDie Philologisierung des Werkes von Peter Handke schreitet voran. Nach der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Nicolas Born im Jahr 2005 und - ein Jahr später – Hermann Lenz nun die Publikation der Korrespondenz zwischen Freunden, die noch am Leben sind (Alfred Kolleritsch). Diese ist zunächst einmal für den werkinteressierten und ein bisschen kundigen Leser von Bedeutung, aber obendrein für den durch E-Mail oder SMS inzwischen dem Briefschreiben entwöhnten Zeitgenossen. So ist dieser Briefwechsel zwischen Alfred Kolleritsch (geboren 1931) und dem elf Jahre jüngeren Handke zusätzlich ein Dokument einer schwindenden Kulturtechnik – einer Kulturtechnik des Wortes, der Nuance, der Albernheit, der Ernsthaftigkeit, der Schwermut (und auch des Nachschauens im Briefkasten ob der sehnsuchtsvoll erwarteten Antwort).

Viele der – man ahnt es im Verlauf des Buches – schönen, ja: reichen Briefe Kolleritschs sind nicht mehr da (der Verlust wohl Handkes zahlreichen Umzügen geschuldet), so dass die Korrespondenz von Peter Handke eine Überzahl bilden. Manchmal kann man aufgrund der Antworten ein bisschen erahnen, was wohl im Brief gestanden haben mag – später, wenn dann auch Kolleritsch-Briefe abgedruckt sind, merkt man, dass man diesen Stil dann vermisst.

Fast von Anfang sind die Voraussetzungen verdreht: Nicht der ältere protegiert den jungen Schriftsteller – nein, es ist Kolleritsch der (besonders zu Beginn) massiv um Handke fast buhlt, der (natürlich) das grosse Talent erkennt und immer Neues für seine Literaturzeitschrift "Manuskripte" nachfragt. Manchmal kann Handke diesen Wünschen gar nicht nachkommen, zumal er schnell ziemlich "prominent" wird (Dein Peter Handke, Erfolgsautor zeichnet er einmal selber halb kokettierend, halb erschrocken) und – vor allem – sehr produktiv und da "Manuskripte" immer nur bis dato unveröffentlichtes Material aufnimmt, ist die Exklusivität der Beiträge häufig nur von kurzer Dauer und manchmal konstatiert Handke, er habe einfach nichts.

Niemals steigt Handke der Erfolg zu Kopf. Im Gegenteil: Er unterstützt die Zeitschrift finanziell, sobald sich seine eigene Situation verbessert (das Buch beginnt mit einem Brief Handkes, mit dem er um einen Fahrkostenvorschuss ersucht). Er wird früh selbständiger Schriftsteller, während Kolleritsch immer seine Lehrertätigkeit ausübt und Schriftsteller und Herausgeber "nebenbei" bleibt.

Bei aller Loyalität beanstandet Handke im Einzelfall sehr wohl Beiträge im Heft. Und auch die Gedichte von Kolleritsch belegt er ab und an mit subtiler Kritik: Ich hörte darin ein wenig zu sehr Deine eigene Stimme, sah zu sehr Deine Gestalt; das hiesse, ein andrer, der Dich nicht kennte, sähe wahrscheinlich zu wenig Gestalt, d. h. Sprachgestalt.

Es gibt viel Privates in diesen Briefen, viele Terminabsprachen, einige (unerhörte) Wünsche nach Treffen, Lesungen, Geschriebenem und nach verstanden-werden- wollen. Und es gibt auch einiges Lustige wie beispielsweise dieser Brief Handkes am Tag seiner Hochzeit mit Libgart Schwarz, den er in albern-euphorischem Duktus schreibt oder als Handke eine Elektrogitarre geschenkt bekommt und bemerkt, dass jetzt nur noch etwas aus ihm werden müsse. Meist aber viele Zweifel, Überdruss, eine erdumspannende Trägheit oder eine Nachdenklichkeit. Und immer mal wieder Alkohol (auf beiden Seiten) und – dezent – die Frauen. Später die Vaterfreuden (und –leiden).

Handke und Kerbler  und machte mich auf meinen Namen zu suchenMerkwürdig diese schon früh aufkommende, ängstliche Zurückhaltung Handkes jeder Art von Vernetzung, jeder gruppenähnlichen Verbindung gegenüber, die sofort in den Verdacht gerät, Kumpanei zu sein. Sogar bei Suhrkamp verhielten sich einige offensichtlich knilchös. Und auch Kolleritsch ist für ihn eingedunstet in den Betrieb; seine Verbindungen in und zur Grazer Literaturszene (u. a. "Forum Stadtpark") fast suspekt. Was Handke allerdings später nicht darin hinderte, wenigstens teilweise durch sein Jurorentum beim Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preis selber ein Teil eines literarischen Zirkels zu sein. Und irgendwie fühlt man sich an die letzten Sätze im feinspürigen (und hörenswerten) Gespräch mit Michael Kerbler (unlängst im Wieser-Verlag als CD mit Textbuch erschienen: "…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen") erinnert: "Das Alleinsein ist keine Lösung, und das dauernde Gemeinsam, das ist, glaube ich, noch verderblicher. Das ganze Geheimnis im Leben ist der Abstand – der Abstand und der Rhythmus, was man aus dem Abstand macht."

Einher geht diese Scheu mit den oft erstaunlichen "Geständnissen" Handkes, schon seit Tagen (5) niemanden mehr getroffen zu haben ausser einer Portugiesin, die seit ein paar Wochen manchmal bei mir aufräumt. Das sei, so Handke, auch eine Art Expedition. Aber auch eine Art Bekenntnis, wenn er davon schreibt, sich aufs Wohnen zu freuen, wie ich mich noch nie auf so etwas gefreut habe. Stetig ist da nur die Unstetigkeit, die Ambivalenzen zwischen Sesshaftigkeit und Reiselust (es gibt auch einen launigen Gruss von der ewigen Flucht an den Freund, dem es aber offensichtlich gelingt, den "Flüchtigen" irgendwie zu erreichen).

Dann wieder entmutigt: Was für falsche Ideen ich vom Schreiben hatte. Und auch diese Verzagtheiten, am stärksten Ende 1996, nach den beiden Büchern "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" und "Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise", als Handke Kolleritsch bittet mit "Petar Sivec" (Mutter-Name, jugo) zu veröffentlichen, denn durch das Zeug, was letztens schaltsatzweise gegen mich in den "m" stand kann (oder will?) er nichts mehr mit meinem Namen da publizieren. Aber gleich die Geste zum Freund: Klar, dass das nichts mit uns beiden zu tun hat. Es ist eine objektive Gegebenheit, und unser beider Weihnachts- und Pfingstgeschichte wird umso erfreulicher weitergehen.

Der Respekt und die Freundschaftsgefühle auf beiden Seiten – immer gegenwärtig. (Sie haben selbst – wie Kolleritsch im Nachwort schreibt - ein gemeinsames Lied.) Trotz gelegentlich divergierender Meinungen, nicht erhaltener Antworten (beide Seiten mahnen manchmal Auskünfte oder Festlegungen an, derer sich der jeweils andere nonchalant widersetzte) oder anderer Empfindlichkeiten. So moniert Kolleritsch einmal, dass Handke während eines Spaziergangs ein Notizbuch zückt und etwas zu schreiben beginnt. Handke beschwichtigte, er soll es nicht so wichtig nehmen – um dann ein Jahr später diesen "Vorfalls" wieder aufzunehmen: Ich werde wohl nicht 'in der Arbeit' sein, wie beim letzten Mal, wo Du, Anfang Dezember, beleidigt warst von meinem Abdriften zum Notizbuch, als wir in den Wäldern gingen.

Der Verlag versichert, dass nichts gestrichen wurde und keine "Rücksichten" hinsichtlich despektierlicher Äusserungen anderen Personen gegenüber genommen wurden. Obwohl Invektiven nicht vorkommen, intime Details der beiden Briefschreiber eher selten berichtet werden (Ich lebe recht für mich im Moment, ohne Vögeln, und warte auf die Frau meines Lebens - Handke 1976) und Klatschgeschichten sind eher rar (gut so). Dass Handke seine Frau Libgart mal als faul betitelt (sie sortiert Kolleritschs Briefe, den Handke mit Fredy anredet unter "Freddy Quinn") oder Marcel Reich-Ranicki einmal als gemeindumme[s] Monster von Frankfurt, einige andere Literaturkritiker als eine Horde von Gesindel bezeichnet oder in Grass' Buch keinen Moment der Wahrheit entdeckt - das sind schon fast die deftigsten Sentenzen.

Das Buch bietet einige Miniaturen zur zeitgenössischen Literatur bzw. Literaten aber nur selten tiefe Einblicke in den "Betrieb". Gleich am Anfang eine Überraschung, denn Peymanns Inszenierung der "Publikumsbeschimpfung" (1968) findet Handke ganz schlecht. Bisweilen wirkt er auch ein bisschen hilflos, etwa wenn er Besuch von seinem damaligen Übersetzer hat: Michael Roloff ist im Moment in Paris und trägt einen wildledernen Hut mit einer langen Fasanenfeder daran. Er isst Austern schon zum Frühstück und ist freundlich und auf eine manchmal wohltuende Weise langweilig. Einfühlsames zu Karin Struck (deren Literatur ihm nicht zusagt, aber ihren Furor respektierte er). Reserviert Handkes Urteil über Gerhard Roth, den er einer zu grosser Routine bezichtigt.

Kolleritschs Kritik an John Bergers zweitem Erzählband (stilisiert…nicht vom Leben durchdrungen, sondern nach einer Ideologie gearbeitet) setzt Handke überraschend wenig entgegen und über den Thomas Bernhard von 1985 gibt es von Kolleritsch die Einschätzung, es handele sich um einen Zitatenschatz der Negation, der den letzten Ernst, die letzte Literatur + Sehnsucht danach, verdampft. Jahre vorher schon Handke (in anderem Bezug, aber durchaus treffend): Elend macht einen der Unernst.

Es gibt sehr schöne Stellen, ja ergreifendes, etwa wenn Handke von Kolleritschs Mutter, von der er so ehrfurchtsvoll spricht, ihrem Garten und den Tomaten und diesem Ort Brunnsee (Kolleritschs Geburtsort) schwärmt. Brunnsee wird für beide zum fast mythischen Sehnsuchts- und Freundschaftsort. Und Kolleritschs Bemerkungen, Einwürfe und Reflexionen zu Handkes Büchern sind, obwohl ausnahmslos positiv nie devot, sondern höchst anregend und von stupender Analysekraft - übrigens auch, was die Rezeption durch die Literaturkritik angeht. Das alleine lohnt die Lektüre.
Alle kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Jonathan Littell  Die Wohlgesinnten

I. Mockumentary

Ein Buch mit einem geradezu kathedralen Überbau: "Reading-Room" der FAZ (ein hässlicher Anglizismus - dennoch: hörenswert das Lesen von Christian Berkel), Marginalienband mit Interviews, Graphiken und textinterpretatorischem Rüstzeug, eigene Webseite (noch ausführlichere Dokumente als im Marginalienband), und fast jedes Feuilleton äussert sich. Und wenn man das Buch mit seinen fast 1.400 Seiten vor sich liegen hat und in den Händen wiegt, dann fragt man sich, ob die Erwartungen ob dieses Monumentalismus überhaupt eingelöst werden können. Oder ob da nicht ein Autor Opfer seiner eigenen Hybris wird.

"Die Wohlgesinnten" sind die fiktiven Memoiren von Dr. Maximillian Aue, Jahrgang 1913, deutsch-französischer Herkunft, promovierter Jurist und am Ende, 1945, SS-Obersturmbannführer. Aue ist Ich-Erzähler, was als "neu" in Bezug auf die "Täterperspektive" hingestellt wird. Das stimmt in dieser Absolutheit natürlich nicht und wird nicht besser, in dem man es dauernd wiederholt. Jeder zweite Krimi schiebt heutzutage den Täter und dessen Motivation in den Vordergrund – meist als Brechung zum Alltag des Kommissars. Hinsichtlich der Shoa stimmt das auch nicht. Man kann nicht so tun, als sei die "Sprache der Täter" zu erfinden. Es gibt sie längst – sowohl im Original, als auch in zahlreichen Fiktionen, die längst in die Weltliteratur und -dramatik eingeflossen sind.

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Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig - Eine Bilanz

Wolfgang Kraushaar   AchtundsechzigWolfgang Kraushaar legt mit seinem Buch "Achtundsechzig – Eine Bilanz" eine kritische Würdigung der deutschen utopistischen Studenten- und Gesellschaftssubkultur von ungefähr 1967 an vor. In einem ausführlichen Prolog dokumentiert er zunächst die Wurzeln der studentischen Proteste Mitteleuropas in der US-amerikanischen "Beat-Generation"-Bewegung ausgehend von den Literaten Burroughs, Kerouac und Ginsberg Mitte der 50er Jahre über die "Flower-Power"- und Hippie-Ära, die dort Mitte der 60er Jahre als zunächst gesellschaftliche Protest- und sexueller Befreiungsbewegung und – pauschal betrachtet - Kapitalismusverweigerung aufkam (und bereits im Herbst 1967 versandete) bis zum politisierten Anti-Vietnam-Protest und der militanten "Black Power"-Gruppierung Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre.

Diese ersten rund 40 Seiten zeigen, dass der intellektuelle und studentische Protest, der sich Ende der 60er Jahre in Deutschland (aber auch anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Italien) zeigte, nicht ohne Vorgeschichte war, wobei Kraushaar nicht explizit darauf eingeht, wieviel Inspiration importiert wurde. Der weitere Verlauf des Buches zeigt, dass es neben dem Vietnamkrieg-Protest, einer Neudefinition des Sexuellen (stark angelehnt an Wilhelm Reich, der zum Guru wurde) und dem später reichlich praktizierten Drogenkonsum kaum Parallelen gab. Das oft spielerische der amerikanischen Hippiebewegung beispielsweise war den zumeist bierernsten und fränkischen Akteuren, die von einer protestantisch geprägten Moralität speziell in Deutschland durchdrungen schienen, ziemlich fremd.

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Links, das sind wir. Aufbruch in die soziale Moderne?

Andrea Ypsilanti legte in der Zeit (Nr. 10/2008) ein Grundsatzpapier* - in der gekürzten Version der gedruckten Ausgabe ist von einem Manifest die Rede - vor, in dem sie ihre persönliche Weltsicht beschreibt. Was kann der Wähler, der politisch Interessierte davon erwarten? Zumindest zweierlei: Kompaktheit, dafür keine Argumentation in allen Details (eher einen Überblick), und klar herausgearbeitete Probleme, Lösungsvorschläge und einen Blick in die Zukunft.

Man wird aber - in den nicht allerbesten Zeiten für die SPD - auch jenseits Ypsilantis politischer Weltsicht, nach Befindlichkeiten der Partei, bzw. nach Ideen für eine Neupositionierung im politisch linken Spektrum Ausschau halten. Ypsilantis Manifest wird man als pars pro toto für die Bundes-SPD zu betrachten versuchen.

Zunächst geht Ypsilanti von der derzeitigen politischen Situation aus, und diagnostiziert durchaus bekannte Phänomene wie die nachlassende Bindewirkung der Parteien, den dramatische[n] Schwund an Wahlbeteiligung und Mitgliedschaften; sie spricht von Flucht in die Personalisierung der Politik und vom fehlenden Vertrauen in angemessene Lösungswege. Ihre Schlussfolgerung: Neue Parteien (z.B. die Grünen, oder die Linke) sind einige Zeit interessant, generell herrscht aber Politiker-, Parteien- und Institutionenverdrossenheit mit der Folge einer Zersplitterung des Parteiensystems, einhergehend mit einer stetig nachlassenden Zustimmung zu den großen Parteien vor. Mit einem Wort: Eine politische Krise. Ypsilantis Lösung: Wir müssen neue gesamtgesellschaftliche Projekte definieren und das allgemeine Interesse (wieder) finden.

Die Epochenbestimmungen der industriellen Moderne und Postmoderne werden von ihr als überkommen angesehen, dem neuen Projekt gibt Ypsilanti den Namen Soziale Moderne. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird dem Leser immer mehr bewusst, dass Ypsilantis Stil durchaus "hochtrabend" ist, und mehr an die Wortwahl eines Soziologen, als an die eines Politikers erinnert, im selben Moment aber oft nebulös und nichtssagend bleibt. Vieles ist nicht gerade taufrisch (was es natürlich nicht unbedingt sein muss): Die große wirtschaftliche Herausforderung für eine Gesellschaft der Sozialen Moderne ist die Umorientierung auf Produktionsweisen, die im Hinblick auf die kommenden Generationen die sozialen Kosten der gewordenen Vernichtung von Natur- und längst auch Wirtschaftsgütern vermeidet. Dies ist die neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Man fühlt sich an grüne Ideen erinnert (selbstverständlich haben die Grünen kein Exklusivrecht für Lösungen von Umweltfragen): Grundlegend für die Soziale Moderne ist daher ein Wechsel von nicht erneuerbaren zu erneuerbaren und schadstofffreien Ressourcen. Was dann folgt, kann man fast schon als politische Sonntagsrede bezeichnen: Das Projekt der Sozialen Moderne setzt auf das Potenzial aller Menschen, auf ihre Qualifizierung und ihre Sozial- und Demokratiefähigkeit. Dazu gehören: realisierte Lerngleichheit und eine Bildung, die Menschen befähigt, eine komplexe Welt auszuhalten, zu begreifen und trotz aller Wechselfälle der Wirtschaft ein sinnvolles und selbstbestimmtes Leben zu gestalten. Statt einer nur auf unmittelbare wirtschaftliche Verwertung fixierten Ausbildung geht es um eine zeitgemäße und umfassende humanistische und technische Bildung. Das vorrangige Bildungsziel muss es sein, Menschen die Möglichkeit zu vermitteln, aufgeklärte und selbständig denkende Subjekte zu werden, die alle ihre Fähigkeiten entwickeln können. Das verbietet die Frühauslese, und es gebietet, unabhängig von der sozialen Herkunft der Kinder vielfältigen Begabungen ihre Entfaltungschancen zu geben.

Ein plausibler Wurf gelingt Ypsilanti nicht, zu oft vermisst man Konkretes und Klarheit, zu oft hat man den Eindruck von blitzenden Formulierungen getäuscht zu werden. Der Text ist wohl symptomatisch für die SPD und die Volksparteien im Allgemeinen: Deutliche Konturen sprechen nicht alle Wähler an, versucht man "farbiger" zu werden und auch andere "Klientel" zu umwerben (wie Ypsilanti) wird man dem politischen Konkurrenten immer ähnlicher und für den Wähler ist es letztlich gleichgültig wem er seine Stimme gibt - man bleibt zu Hause. Ypsilantis "Distanzierung" von der Linken (Es unterscheidet sie [die soziale Moderne] auch von einer „Linken“, die Veränderungswillen behauptet, aber neue gestalterische Entwürfe für überflüssig hält.), und ihre pragmatische Neudefinition von "links" (Die hier skizzierte Soziale Moderne ist das politische Projekt, das auf die Tradition und die anzustrebende Zukunftsrolle der sozialdemokratischen Parteien zugeschnitten ist. Es verknüpft die alten und die neuen sozialen Fragen in undogmatischer Weise und es definiert den Begriff „links“ neu.) leisten den von ihr selbst diagnostizierten Problemen Vorschub.

Die CDU ging den Weg voraus, die SPD folgt. Den Wähler wird der "neue Pragmatismus" nicht auf Dauer "fesseln" können. Nur: Wie entkommen die Volksparteien dem Dilemma?

* * *

*Zitate aus dem Grundsatzpapier sind kursiv gesetzt.

Kommentare hier...

Irgendwie gefällt...
Irgendwie gefällt mir das Bild des "Steinbruchs"...
Köppnick - 2008-05-09 19:15
wie steht's mit "Lese...
Und "Lese Zimmer" ... so hiess es doch einmals schon??...
michael roloff (anonym) - 2008-05-09 05:58
Falsch vermutet:
"Lesesaal"
Gregor Keuschnig - 2008-05-07 17:53
Ja, diese Adresse ist...
(Ich vermute, es bleibt bei "Reading Room".)
Gregor Keuschnig - 2008-05-06 13:33
www.lesesaal.de
www.lesesaal.de
steppenhund - 2008-05-06 12:04
Sie sollten nicht aus...
Sie sollten nicht aus einzelnen Kommentaren auf "die...
Gregor Keuschnig - 2008-05-06 09:59
Mehr denken, weniger...
Sie sollten nicht aus einzelnen Kommentaren auf "die...
Wahnsinn Deutschland (anonym) - 2008-05-06 09:45
Es geht nicht darum,...
Es geht nicht darum, Wörter französischen...
Gregor Keuschnig - 2008-05-06 08:25
Was, die Bayern haben...
Was, die Bayern haben verloren? Ja, dürfen die...
steppenhund - 2008-05-05 22:42
Ich sollte wohl zuerst...
Ich sollte wohl zuerst alle Kommentare lesen, bevor...
steppenhund - 2008-05-05 22:40

...anderswo

Was das sagt?
Männer haben offensichtlich unabhängig vom...
jequetepeque - 2008-05-09 20:01
Standortpflege, die dann...
Standortpflege, die dann allerdings fast ins Gegenteil...
TABU - 2008-05-09 18:22
Erwin ist ja kein "geborener"...
Erwin ist ja kein "geborener" Rheinländer, sondern...
TABU - 2008-05-09 17:23
Wirklich hübsch...
kenne solche Häuser. Stand desöfteren bei...
walhalladada - 2008-05-09 07:47
Falsch vermutet:
"Lesesaal"
begleitschreiben - 2008-05-07 17:53

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